Aus dem Bannkreis der Glaubenssätze ausbrechen

„Da musst du durch!“ Wie ein Gefängnis wirkte dieser Satz ihrer Mutter. Seit der Kindheit biss sie immer die Zähne zusammen, doch zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich die Befreiung von diesem Glaubenssatz. Mit Hilfe eines kleinen literarischen Tricks.

Ausbruch aus dem Glaubenssatz-GefängnisEs gibt Sätze, die brennen sich tief in das eigene Werte- und Koordinatensystem ein. Mantra-artig wiederholen sie sich im Kopf, als ob sie ein Eigenleben führten. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ zum Beispiel. Oder: „Ein einmal gegebenes Versprechen bricht man nicht!“ Auch „Da musst Du durch!“ gehört zu den Klassikern elterlicher Dogmen ↗, die die Welt erklären. Daher das Ausrufezeichen am Satzende.

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, Kinder an die Erwartungen der Umwelt anzupassen und zu zeigen: „Du bist nichts Besonderes!“ „Du musst Dich einordnen!“ „Das gehört sich nicht!“ Sie beschneiden Kinder in ihrer Individualität.

In einer konkreten Situation gesagt, können diese Sätze über die Jahre eine eigene Dynamik entwickeln. Sie lösen sich von den persönlichen Motiven des Vaters oder der Mutter, als sie diesen Satz sagten. Aus der starren Anschauung der Eltern wird der eigene Glaubenssatz. So beißt das Kind selbst als gestandene Frau immer wieder die Zähne zusammen. Auch dann, wenn loslassen, weggehen oder Angriff geeignetere Strategien wären.

Doch die erwähnte Frau hat das Machtfeld ihres Dogmas durchbrochen, indem sie den Leitsatz ergänzte. Er lautet nun „Das ist wie eine Tür, da musst Du durch“:

  • Türen öffnen sich zu neuen Ufern.
  • Türen können etwas einsperren. Oder aussperren.
  • Türen lassen sich zuschließen oder aufschließen.
  • Man kann durch eine Tür gehen und nicht wiederkommen.
  • Oder an der Türe jemanden hineinbitten.

Das Bild der Tür gab der Frau ungeahnte Möglichkeiten. Statt nur eine Richtung vorzugeben, offerierte der Satz nun viele Optionen – je nach Interpretation der Tür-Symbolik. Diese Wahlmöglichkeiten bedeuten Freiheit, sich entscheiden zu können.

Irgendwann kann man die eigene Meinung nicht mehr aushalten.

Fritz van Eycken (* 1968, Herausgeber u.a. von Werken Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns oder Karl Mays)

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Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

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Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

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(K)ein Leben ohne Konflikte

Die Abteilung war zu einer Teamentwicklung ins Tagungshotel eingebucht. Als sich die Kollegen am zweiten Tag als „Konflikt-Schafe“ oder „Konflikt-Stiere“ bezeichnen sollten, wünschte sich ein Mitarbeiter heimlich eine dritte Option: das große Loch, in das er jetzt verschwinden könnte. Denn das wäre ihm am liebsten gewesen. Kam man so nicht am besten durchs Leben?

Konflikte machen manchen Menschen richtig Angst. Die schiere Aussicht, sich in einer Situation zu befinden, wo man sich behaupten und positionieren oder Widerstände überwinden muss, lösen Stress aus –dem Körper wird höchste Gefahr signalisiert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung haben sich im Falle einer lebensbedrohlichen Situation die grundlegenden Reaktionen „Kämpfen (fight)“ und „Flüchten (flight)“ herausgebildet.

Blitzschnell wird eingeschätzt, ob ich den Gegner in einem Kampf besiegen könnte – die Reaktion eine Stiers, der die Hörner senkt und seinen Gegner anvisiert. Sehen meine Siegchancen schlecht aus, bleibt mir die Flucht aus der Situation – die Schafsreaktion. Ziel beider Varianten: mit dem Leben aus dem Konflikt, der Gefahr, herauszukommen. Der Fachbegriff dafür: „fight-flight response“.

Aus einem Konflikt verschwindenDoch was ist, wenn ich weder siegreich kämpfen noch wirklich flüchten kann – ich also der Situation ausgeliefert bin? Der britische Psychologe Jeffrey Alan Grey hat die oben beschriebene fight-flight response um die Dimension des „freeze“ erweitert ↗: das Erstarren bzw. Totstellen. Wie das Kaninchen vor der Schlange, das dadurch hofft, uninteressant als Futter zu sein. Denn Schlangen wollen ihr Essen gerne lebendig.

Der Mitarbeiter im Teamentwicklungsseminar wünschte sich noch mehr als übersehen zu werden: nicht da sein und alles würde von alleine gut werden. Wenn er wieder aus seinem Loch herauskäme, hätte sich der Konflikt wie von ganz alleine in Luft aufgelöst. Denn er wollte am liebsten frei von Konflikten leben. Der schweizerische Paar-Therapeut und Vater der Klärungshilfe Christoph Thomann ↗ macht dieser Illusion ein Ende: Wir leben alle in Konflikten, das lässt sich nicht verhindern. Es gibt keine vierte Option, um auf Konflikte zu reagieren: Durch Augen-zumachen verschwinden sie nicht.

Ich verstehe überhaupt nicht, was Waffen in Nicht-Spannungsgebieten verloren haben.

Franz Josef Strauß (1915 – 1988, Bundesminister für Verteidigung 1956 – 1962)

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Mieses Spiel im Büro

Der Kollege wurde zum neuen Bereichsleiter befördert. Als die Teilzeitmitarbeiterin ihn um eine Stundenerhöhung ersuchte, redete er sich in Rage. Wer nur stundenweise arbeite, könne er als Chef nicht gebrauchen. Kurzerhand warf er sie aus der Firma. Vollkommen überrascht von der Entwicklung schlich die Mitarbeiterin aus dem Büro. Womit hatte sie das verdient, fragte sie sich.

Den Chef raushängen lassenMit einem sicheren Gespür für die Schwächen der ehemaligen KollegInnen hatte der Boss eine „Duftmarke gesetzt“. Keiner sollte glauben, nur weil er einer von „ihnen“ gewesen war, könnten sie sich besondere Freiheiten herausnehmen. Der Kolumnist Sascha Lobo ↗ hat das als „verbossen“ bezeichnet. Meist schon mit der Aussicht auf die Beförderung fängt der Chef in Spe an, die Kollegen mies zu behandeln. Ist er dann endlich der Vorgesetzte, wird das demokratische „Du“ durch das hierarchische „Sie“ ersetzt. Vollkommen überrumpelt von der Wandlung laufen die Ex-KollegInnen in das offene Messer. Weidlich wird das vom Neu-Chef ausgenutzt, um so seine Position zu festigen.

Miese Tricks lassen sich zwar nicht vermeiden, aber deren Schlagkraft lässt sich abmildern. Weil der Chef emotionale Angriffe fährt, wäre es ratsam, nicht ebenfalls emotional zu werden. Das wäre lediglich eine hochwillkommene Angriffsfläche.  Was einen Choleriker dagegen hilflos rasend macht, ist kühle Ratio, Fakten, scharfer Verstand. Die Teilzeitmitarbeiterin sollte nüchtern darlegen können, dass es genügend Arbeit für eine Stundenerhöhung gibt und ihre Arbeit unverzichtbar für das Team ist. Ein wenig arbeitsrechtliches Rüstzeug ist ebenso hilfreich – eine Kündigung aus einer Laune heraus steht juristisch auf wackeligen Füßen, Teilzeitmitarbeiter haben gesetzlich verbriefte Rechte. Doch vor allem sollte allen Neu-Untergebenen klar sein: Es geht dem Chef nur um sein eigenes Profil, nicht um den Menschen gegenüber. Der ist nur Mittel zum Zweck, einfach eine Figur auf dem Spielbrett seiner Karriereambitionen.

Wenn mir klar wird, dass es weniger mit mir als mit meinem Gegenüber zu tun hat, wie ich gerade behandelt werde, kann ich den Angriff leichter verdauen und auf kühle Abwehr setzen.

Ich leide übrigens auch an einer unheilbaren Krankheit, ich möchte dazu stehen und wäre froh, wenn Sie das drucken: EOA – Early Onset Asshole (früh einsetzendes Arschlochsein).

Der US-amerikanische Autor und Musiker Kinky Friedman im Tages-Anzeiger ↗, Zürich

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Denkmäler für Karrieristen

Diese Auszeichnung war sein ganzer Stolz. In einem silbernen Rahmen (5,99 Euro bei Real) steckte die Urkunde „Verkäufer des Monats April“ (ausgedruckt auf gewöhnlichem Büropapier). Einmal in seinem Leben wollte er diesen Ehrentitel erhalten und nun galt sein Name endlich etwas. Doch tat er das?

Ein Denkmal für den vergessenen GeehrtenSind Ihnen schon einmal die Denkmäler auf Dorfplätzen aufgefallen? Da steht eine Büste des „höchst ehrenwerten …“ oder es wird in „in ehrendem Gedenken an …“ – ja, wen eigentlich – erinnert? Die meisten dieser Menschen sind völlig unbekannt. Selbst der Brockhaus kann von ihnen, wenn überhaupt, nur zwei Zeilen berichten. Und trotzdem war es jemandem Wert, ein Denkmal für sie zu errichten. Im Zweifel waren es die Geehrten selbst.

Die modernen Denkmäler sind Urkunden und Auszeichnungen. Für nicht wenige ist das Ziel, einmal in ihrem Leben „Verkäufer des Jahres“ zu sein, ausgezeichnet auf dem Jahrestreffen aller Vertriebler. Eine Nummer kleiner wäre es dann die Ehrenurkunde oder –nadel, die im kleinen Kreise überreicht wird.

In eine ganz eigene Kategorie jedoch fallen die Menschen, die keine Titel brauchen, sondern das Geraune auf dem Flur, wenn sie an einer Gruppe von Kollegen vorbeigehen. „Ihr Umsatzindex liegt seit Jahren bei 120%“ oder „Er hat den russischen Markt geknackt“ sind die Worte, die ihnen direkt in ihr Energiezentrum schießen. Für den Ruf, der ihnen vorauseilt, haben sie sich krumm gemacht, Stunden geschrubbt, Konkurrenten aus dem Weg geräumt, Freunde verloren und die Familie zerstört.

Nicht jeder im Kollegenkreis teilt diese Werte und viele haben sich eine schlaue Taktik zurecht gelegt, damit umzugehen. Denn erstens werden in zwei Jahren diese Menschen vergessen sein. Und zweitens lässt sich so ein unter Volldampf fahrender Zug nicht aufhalten. Da geht man besser einfach einen Schritt zur Seite und sagt sich in Gedanken die Lebensweisheit einer Chefsekretärin auf:

„Die Friedhöfe sind voll von denen,
die sich für unersetzlich hielten.“

Uschi Stilger, Geschäftsführungsassistentin

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Die Weihnachts-Logistik

Es war die jährlich wiederkehrende Meisterprüfung für ihr Organisationstalent: an Weihnachten wollten alle Verwandten besucht werden – nicht nur ihre eigenen, sondern auch die des Ehemannes. Sie alle wohnten verteilt in der Republik, teilweise geschieden und neu verheiratet. Als ihr Partner fragte, wann sie beide denn mal für sich Zeit hätten, wusste sie nicht, ob sie lachen, weinen oder schreien sollte. Vielleicht einfach vor allem und jedem fliehen?

Menschen, die schon in den 90er Jahren Windows-Computer benutzten, kennen den berühmt-berüchtigen „Blue screen of Death“: Wie aus heiterem Himmel wurde eine kryptische Meldung im Stile von

0x0000001E, KMODE_EXCEPTION_NOT_HANDLED

auf leuchtend blauem Bildschirm angezeigt, der Computer fror ein und der notwendige Kaltstart vernichtete alle nicht gesicherten Daten. Dem PC war es einfach zu viel geworden oder eine unerwartete Anforderung ließ ihn abstürzen.

Weihnachten mal ganz für sich feiernMit einem solchen Bluescreen würde vielleicht mancher auch gerne reagieren, wenn die alljährliche Weihnachtsplanung ansteht. Jetzt, in den theoretisch ruhigen und besinnlichen Adventswochen, muss die Meisterleistung vollbracht werden:

  • Alle fühlen sich ausreichend besucht.
  • Nur die Menschen sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort, die auch miteinander „können“.
  • Die hierarchische Reihenfolge ist korrekt: der 24.12. adelt die Besuchten vor allen anderen.
  • Die Fahrstrecke ist auf Zeit, Länge und Staugefahr hin optimiert.

Was in der Mathematik als „Problem des Handlungsreisenden“ bekannt ist, lässt den eigenen Wunsch unter die Räder kommen, wie ich denn ganz persönlich meine Weihnachtstage verbringen will. Um die eigene Zeit zu retten, wird von vielen die Flucht angetreten. Auf die Hütte in den Alpen, auf eine abgelegene Nordseeinsel, in die Sonne des Südens. Und doch ist es dort für so manchen nicht wirklich Weihnachten. Weihnachten, das seien doch eigentlich die eigenen vier Wände.

Ich stand auch vor dieser Aufgabe und habe mich gemeinsam mit meiner Frau entschieden, dass wir uns unser Weihnachten selbst gestalten. Und das taten wir auch. Was anfangs als Zurückweisung angesehen wurde, konnte unser Umfeld im Laufe der Jahre erkennen als das, was es ist: unsere persönliche Tradition, die keinen anderen verletzen soll, sondern einfach uns gewidmet ist. Und weil wir dann entspannt in der Zeit zwischen den Jahren unsere „honneurs“ machten, also unsere Verwandten besuchten, haben wir gleichzeitig ein Vorbild gegeben: Weihnachten – das kann tatsächlich besinnlich sein.

Take it easy – but take it.

John Cage (1912 – 1992, US-amerikanischer Komponist)

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Bitte nehmen Sie diese Aussage persönlich

Der Mitarbeiter bat seine Kollegin extra in ein ruhiges Nebenzimmer, um ihr seine Meinung zu sagen. Wie er ihre Arbeitsqualität bewertet und wie sie sich seiner Meinung nach im Team verhält. Der Kollegin schwoll der Hals zu und nur mühsam schluckte sie den Ärger herunter, als er sagte „Nehmen Sie das jetzt bitte nicht persönlich!“ Wie soll man denn solche Aussagen nehmen, außer persönlich?

Eine Kettenreaktion auslösenDer Hinweis „Nehmen Sie diese Aussage nicht persönlich“ ist ein Totschlagargument, mit dem der Kritiker eine Diskussion über seine Behauptungen unterbinden will. Und gleichzeitig ist er sein Freibrief, um sich vor der Verantwortung für unerwünschte Gefühlen zu entziehen. Gefühle, die seine Worte beim Anderen auslösen. Deshalb möge man doch bitte nur den Sachinhalt betrachten. Als ob man wirklich sortenreine Sachbotschaften austauschen könne.

Ich empfehle, die Worte wirklich persönlich zu nehmen. Damit meine ich: wahrzunehmen, was sie persönlich mit mir machen. Denn ich kann meine Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Ohnmacht nicht verleugnen. Sie sind real in mir und haben etwas mit mir zu tun. Gleichzeitig kann ich eine Unterscheidung vornehmen: zwischen dem Auslöser der Gefühle – meinem Gegenüber – und der Ursache. Die muss nicht notwendigerweise in dem eben Gesagten liegen und tut es oft auch nicht. Sondern das Gegenüber hat Feuer an eine Lunte gelegt, die eine Bombe in mir explodieren lässt.

Doch das Gegenüber weiß in der Regel nicht, dass gerade eine Initialzündung erfolgt ist. Es reicht ja manchmal ein Wort, ein Unterton, eine Geste, der Winkel in dem der Mund die Worte ausspricht. Das setzt eine Erinnerung frei, eine Reihe von Verletzungen wird sichtbar. Oder ich erinnere mich an eine ähnliche Situation, aus der ich als unterlegener Verlierer hervorging. Das sind die Ursachen meiner Gefühle.

Gerade, wenn ich eine Aussage nicht persönlich nehmen soll, tue ich das. Denn so kann ich am meisten darüber lernen, welche Gefühle in mir durch was ausgelöst werden. Und kann dann, mit ein wenig Training, das alte „Automatikprogramm“ zur Seite schieben. Kann ganz im Hier und Jetzt sehen: was gehört in diese Situation. Und was ist ein Nachhall aus vergangenen Zeiten. Damit gewinne ich die Souveränität, den Aussagen zu widersprechen – oder zuzustimmen. Gerade so, wie es der Situation angemessen ist.

Als Initiator bezeichnet man einen Stoff, der bereits in geringer Konzentration eine chemische Reaktion einleitet.

Brockhaus Enzyklopädie, 20. Auflage

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Lebe wohl Hubschrauber-Mutter!

Am Ende reichte es ihr tatsächlich. Das jahrelange Gängeln und Überwachen ihrer Mutter fand ein Ende. Und weil sie schon dabei war, machte sie auch mit der Überkontrolle ihres Ehemannes Schluss. Gut, dass sie noch ein paar Jahre bis zur Rente hatte, die konnte sie jetzt genießen. Doch schade, dass sie es erst mit 55 schaffte, sich zu befreien. Warum eigentlich?

Die Tochter und ihre Mutter waren in einem Teufelskreis gefangen. Angefangen hatte es mit der ganz natürlichen Sorge der Mutter um ihr Kind: ihr sollte es gut gehen, das Böse sollte von ihr ferngehalten werden, damit sie sicher durch das Leben kommt. Dieser Schutzinstinkt übersteigerte sich und verlor das rechte Augenmaß. Denn er wurde nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit gekoppelt. Statt der Tochter Wurzeln und Flügel zu geben, schlangen sich die Wurzeln wie Gitterstäbe um deren Lebensraum. So litten beide unter der Gluckenglocke. Die Mutter drohte bei jeder Freiheitsbestrebung der Tochter krank zu werden und bekam zunehmend weniger ihr eigenes Leben auf die Reihe, die Tochter lernte selbständiges Leben nur unzureichend.

Irgendwann gelingt es, die Ketten zu sprengenIhr erster Ausbruchsversuch war die Ehe mit einem fürsorglichen, verständnisvollen Mann. Dessen Fürsorge war aber nur die Maske seines Herrschaftsanspruches, eifersüchtig wachte er über ihre Aktivitäten. Zog sie einen Rock an, wenn sie mit der besten Freundin ausging, vermutete er einen heimlichen Liebhaber. Das gemeinsame Haus war durch die Kreditfinanzierung Druckmittel genug, um sie bei der Stange zu halten. Schließlich war sie vollständig abhängig von ihrem Mann und ihrer Mutter. Denn die redete ihr ein: so einen netten Mann könne sich jede Frau doch nur wünschen.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, schöpfte sie erste Hoffnung. Doch noch immer war sie gefangen in den jahrzehntelang trainierten Mustern. Dann aber starb ihr Vater, der Zeit seines Lebens hilflos dem Treiben zugesehen hatte. Diese Erschütterung, den letzten Halt zu verlieren, brachte das ganze System zum Wanken. Bevor der Tod der einzige Ausweg aus dem Gefängnis war, das ihr Leben darstellte, wollte sie es wenigstens probiert haben, selbst zu leben. Auch wenn es hart war, zu gehen, so war es noch härter, zu bleiben. Sie packte also ihre Sachen und machte sich davon. Ihr Ziel war München, oder Melbourne oder noch besser: Monrovia. Dorthin, in das von ehemaligen Sklaven gegründete Land mit dem Namen „Freiheit“, würde ihr keiner folgen.

Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende

Werbespruch aus den 1980er Jahren vom ‚Hifi-Haus‘ in Frankfurt

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Wie man den Chef nach der Pfeife tanzen lassen kann

Das Team war klein und so war es selbstverständlich, dass jeder mal in der Kaffeeküche aufräumte. Doch eine Mitarbeiterin schaffte es, dass immer ein anderer für sie einsprang. Als auch ihre Privattelefonate überhand nahmen und sie anfing, Allianzen gegen andere zu schmieden, musste der Chef eingreifen. Aber an der Frau biss er sich die Zähne aus, denn sie hatte eine unschlagbare Art, ihn nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.

Manche Chefs tanzen nach der Pfeife ihrer MitarbeiterDie Mitarbeiterin war beharrlich, gewieft und ein Leben lang trainiert, ihren Vorteil zu finden. Wo sich schon die Mutter die Zähne ausgebissen hatte, würde es doch locker für den Chef reichen. Sie wusste ganz genau, was die betrieblichen Vereinbarungen zu Privatgesprächen hergaben. Diesen Spielraum nutzte sie bis zum äußersten Rand aus. Genauso verfuhr sie mit der Kaffeeküche. Sie saß in Ruhe aus, dass die Schmerzgrenze der Kollegen in Sachen Ordnung und Sauberkeit niedriger war als ihre. Das war zwar unsozial, aber legal. Schließlich spürte sie genau, dass es dem Chef zuwider war, jeden Vorgang verbindlich zu regeln, setzte er doch auf das soziale Miteinander.

Ohne klare Regeln konnte sie sich immer rausreden: Sie hätte nicht gewusst, was ihre Aufgaben seien. Kamen dann mal klare Anweisungen, unterstellte sie gleich einen Kontrollzwang. Und als er mal hart durchgreifen wollte, stellte sie sich einfach stur. Er war in einer Zwickmühle: denn fachlich war der Frau nichts vorzuwerfen. Das wusste sie und nutzte es weidlich zu ihrem Vorteil aus.

Sympathisch mag die Frau auf den ersten Blick nicht sein, aber da sie die vertraglich vereinbarte Leistung brachte, musste der Chef das Verhalten ansprechen, um eine Rebellion im Team zu verhindern. Mit einer Mischung aus ehrlicher Wertschätzung ihrer Qualitäten und klaren Regeln lässt sich höchstwahrscheinlich eher ein Tür zu Veränderungen öffnen als per „Order Mufti“. Diese Mischung zeigt gleichzeitig Respekt und klare Grenzen. Diese wird die Mitarbeiterin wahrnehmen und sich so weit wie nötig fügen. Auch wenn das für den Chef Selbstverständlichkeiten sind – für sie ist es eine Leistung, die er in einem zweiten Schritt idealerweise anerkennt. Das verstärkt die positiven Ansätze im Verhalten.

Wenn alle guten Worte nicht mehr helfen, bleibt nur noch die Trennung. Denn der Chef ist der Chef, nicht die Mitarbeiterin.

Wer aus der Position der zugeschriebenen Schwäche argumentiert, wird immer nur quengeln.

Sibylle Berg, schweizerische Autorin, Dramatikerin und Bloggerin

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