{"id":1205,"date":"2016-10-30T18:54:51","date_gmt":"2016-10-30T17:54:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1205"},"modified":"2016-10-30T20:24:56","modified_gmt":"2016-10-30T19:24:56","slug":"mingle-dinner-des-grauens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1205","title":{"rendered":"Mingle-Dinner des Grauens"},"content":{"rendered":"<p>Heute steht die j\u00e4hrliche F\u00fchrungskr\u00e4fte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das hei\u00dft: Fingerh\u00e4ppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm \u00fcberhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-pers\u00f6nlich?<\/p>\n<p>Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosph\u00e4re sollen sich alle im Job n\u00e4her kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" style=\"float: right; width: 260px; height: 120px; margin-left: 25px; margin-bottom: 10px; margin-top: 4px;\" src=\"http:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/peinlichkeiten260x120.gif\" alt=\"Peinlichkeiten bleiben nicht geheim\" \/>Denn je sp\u00e4ter der Abend und h\u00f6her der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten (\u201eHall\u00f6chen Pop\u00f6chen!\u201c) und es geht zunehmend schwatzhaft zu (\u201eSchon geh\u00f6rt, dass \u2026?\u201c). Am n\u00e4chsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht pl\u00f6tzlich geduzt?<\/p>\n<p>In Japan gibt es daf\u00fcr eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar flie\u00dft der Alkohol in Str\u00f6men, Mann l\u00e4sst die Geishas tanzen und die Sau raus \u2013 und am n\u00e4chsten Tag spricht keiner dar\u00fcber. So, als w\u00e4re nichts geschehen. Diese stille \u00dcbereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.<\/p>\n<p>Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollst\u00e4ndig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit f\u00fchrt schnell zu Missverst\u00e4ndnissen \u00fcber die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abh\u00e4ngigkeiten bestehen weiterhin.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich f\u00fcr die japanische Art entscheiden und tue am n\u00e4chsten Tag so, als ob nichts gewesen w\u00e4re. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.<\/p>\n<p>Oder ich entscheide mich f\u00fcr die drei \u201eW\u201c: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfl\u00e4che, Sektbar oder Beichtstunden er\u00f6ffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdsch\u00e4men anschauen kann.<\/p>\n<blockquote><p>Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute steht die j\u00e4hrliche F\u00fchrungskr\u00e4fte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das hei\u00dft: Fingerh\u00e4ppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm \u00fcberhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-pers\u00f6nlich? Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. 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