{"id":1484,"date":"2018-04-09T08:00:13","date_gmt":"2018-04-09T06:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1484"},"modified":"2018-04-09T11:24:17","modified_gmt":"2018-04-09T09:24:17","slug":"vergeben-aber-nicht-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1484","title":{"rendered":"Vergeben, aber nicht vergessen"},"content":{"rendered":"<p>Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen h\u00e4tte, so wie er es gerne w\u00fcrde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schlie\u00dfen?<\/p>\n<p>Zum Streiten geh\u00f6ren zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso geh\u00f6ren zum Vers\u00f6hnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugef\u00fcgt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erz\u00e4hlen, was war, wie es empfunden oder welche Kr\u00e4nkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegen\u00fcber ger\u00e4t in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" style=\"float: right; width: 260px; height139px; margin-left: 25px; margin-bottom: 10px; margin-top: 4px;\" src=\"http:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/versoehnung260x179.gif\" alt=\"Vers\u00f6hnung nach dem Kampf\" \/>Im besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Vers\u00f6hnung; ohne Vergebung keine Vers\u00f6hnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir auss\u00f6hne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie\/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die gr\u00f6\u00dfte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegen\u00fcber es tut.<\/p>\n<p>An der Vers\u00f6hnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegen\u00fcber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen L\u00e4ndern oder gestorben, kann es keine Vers\u00f6hnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der\/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollst\u00e4ndige Auss\u00f6hnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegen\u00fcber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein St\u00fcck unabh\u00e4ngig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Vers\u00f6hnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.<\/p>\n<blockquote><p>Vergeben hei\u00dft, nicht l\u00e4nger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen h\u00e4tte, so wie er es gerne w\u00fcrde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schlie\u00dfen? 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