{"id":1830,"date":"2020-09-06T11:45:00","date_gmt":"2020-09-06T09:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1830"},"modified":"2020-09-06T19:57:45","modified_gmt":"2020-09-06T17:57:45","slug":"duzen-siezen-diezen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1830","title":{"rendered":"Duzen \u2013 Siezen \u2013 Diezen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sa\u00df unerwartet bei einer Pr\u00e4sentation direkt neben der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung: man sei ja schlie\u00dflich ein Team. Als sich das Management anschlie\u00dfend \u00fcber das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort h\u00f6rte, ergab f\u00fcr ihn einfach keinen Sinn. Und er fragte sich: \u201eWelche Sprache benutzen die denn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Macht und Hierarchie im Arbeitsalltag wirken im 21. Jahrhundert so veraltet wie Fax und Schreibmaschine. Verst\u00e4rkt wird das noch durch Corona-bedingte Videogespr\u00e4che, die Vorgesetzte unfreiwillig in ihrer privaten Umgebung f\u00fchren m\u00fcssen. Da rennt beim Bankvorstand im Hintergrund das Kind durch den Flur, die Verkaufsleiterin scheint afrikanische Schrumpfkopfmasken zu m\u00f6gen und ein rosa Betthimmel heiligenscheint \u00fcber der Glatze des Projektleiters.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu passend greift seit geraumer Zeit eine Duz-Welle um sich. Was in der Werbung von hippen Start-ups (oder auf Deutsch: Firmen, die mit ihrem Neugesch\u00e4ft gerade in aller Munde sind) ausging, ist mittlerweile im Bankgesch\u00e4ft, beim Autokauf und im Textilhandel weit verbreitet. Suggeriert wird hier: wir verstehen die Bed\u00fcrfnisse unsere Kunden und sind wie ein Freund an deren Seite \u2013 auf Augenh\u00f6he, \u201eDu + Wir = ein Team\u201c. Team scheint \u00fcberhaupt ein wichtiger Begriff zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u201eSie\u201c gilt als Zeichen des Respekts und der Ordnung zwischen m\u00e4chtigen Oberen und dienenden Untergebenen. Es gibt nur noch wenige Bereiche, in denen das Sie unersch\u00fctterlich scheint. In der \u00f6ffentlichen Verwaltung beispielsweise. Im sozialen Bereich ist es dagegen selbstverst\u00e4ndlich, dass sich geduzt wird. Hier arbeiten Menschen mit Menschen f\u00fcr Menschen und das \u201eSie\u201c w\u00e4re eine Barriere, die die p\u00e4dagogische oder pflegerische Arbeit nur erschwert. Dann gibt es noch hybride Mischformen. Ein \u201eDiezen\u201c wie im Supermarkt (\u201eDu Frau M\u00fcller, kannst Du mir mal \u2026\u201c) oder aus dem Angels\u00e4chsischen kommend (\u201eIrene, k\u00f6nnten Sie bitte mal \u2026\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u201eDu\u201c ist f\u00fcr deutsche Gewohnheiten urspr\u00fcnglich dem privaten Umfeld vorbehalten gewesen. Wurden in der Nachkriegszeit Eltern teilweise noch gesiezt, hat sich das \u201eDu\u201c als besondere Auszeichnung durchgesetzt: seht her, wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns duzen. Auch best buddies (beste Kumpel) zeigten mit dem Du: Wir sind drin und Ihr seid drau\u00dfen. Im professionellen Kontext kreiert das \u201eDu\u201c die Illusion einer freundschaftlichen Verbundenheit, doch es ist lediglich ein \u201eArbeits-Du\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><img decoding=\"async\" style=\" width:320px; height:354x; float:right; margin-left:25px; margin-bottom:10px; margin-top:4px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/sprachedermacht320x354.png \" alt=\"Ein K\u00f6nig spricht von mit einem Untertan\">Denn wird in einer Organisation das vorgeblich Hierarchie-nivellierende \u201eDu\u201c verwendet, braucht es andere Formen, um das weiterhin real existierende Machtgef\u00e4lle zu demonstrieren, Team hin oder her. Innerhalb einer Firmensprache (Siemens-Sprech, Commerzbank-Sprech, etc.) gibt es auch noch das \u201eManagement-Sprech\u201c. Da fallen ganz beil\u00e4ufig die neuesten Buzzwords (Begriffe, die aktuell in keiner Pr\u00e4sentation fehlen d\u00fcrfen, wenn man dazu geh\u00f6ren will), die nur die Eingeweihten kennen. Es werden Andeutungen gemacht, die auf gemeinsame Vorabsprachen verweisen. Und das Ganze in einer Mischung aus exkludierender Gruppensprache und individueller Selbstdarstellung: Sprache ist eine Machtdemonstration nach Au\u00dfen und nach Innen. Sie dient der Abgrenzung und der Positionierung der Gruppe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer diese Sprache zum ersten Mal h\u00f6rt, denkt wom\u00f6glich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch verstehe nur Bahnhof!\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Redensart, die am Ende des 1. Weltkriegs entstand. Soldaten wollten nur weg von der Front nach Hause, damals halt mit der Bahn. Bahnhof bedeutete also Heimaturlaub. Sagt jemand \u201eIch verstehe nur Bahnhof\u201c ist gemeint: \u201eIch will hier weg und nach Hause\u201c.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sa\u00df unerwartet bei einer Pr\u00e4sentation direkt neben der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung: man sei ja schlie\u00dflich ein Team. Als sich das Management anschlie\u00dfend \u00fcber das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort h\u00f6rte, ergab f\u00fcr ihn einfach keinen Sinn. 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