{"id":1873,"date":"2020-12-27T17:45:00","date_gmt":"2020-12-27T16:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1873"},"modified":"2020-12-27T18:32:49","modified_gmt":"2020-12-27T17:32:49","slug":"jahreswechsel-auf-den-wir-inseln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1873","title":{"rendered":"Jahreswechsel auf den Wir-Inseln"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich das Wort des Jahres k\u00fcren d\u00fcrfte, w\u00e4re es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf \u201eWir\u201c, denn es hat ganz vielf\u00e4ltige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. Auf den ersten Blick ist es ein sehr verbindendes Wort, \u201ewir\u201c umarmt geradezu die sprechende Person mit den Zuh\u00f6renden. Es dr\u00fcckt Solidarit\u00e4t aus, Gemeinsinn, F\u00fcreinander einstehen und da-sein. Zusammen (sind wir stark), Gemeinsam (schaffen wir das), Gemeinschaft (Schicksalsgemeinschaft) sind Synonyme und der Sinn ist, sich zusammenzuschwei\u00dfen gegen einen gemeinsamen Gegner, manchmal auch Feind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <img decoding=\"async\" style=\"width: 620px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/jahreswechsel-2020-2021_620.png\" alt=\"Menschen tanzen gemeinsam einen Reigen\"> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Womit ich beim ausschlie\u00dfenden Aspekt von \u201eWir\u201c bin. \u201eWir und die anderen\u201c, \u201eWir gegen die\u201c, \u201eWir hier die Vern\u00fcnftigen, dort die Unvern\u00fcnftigen\u201c. Jedes \u201eWir\u201c bringt scheinbar automatisch auch einen Gegensatz, ein Gegen\u00fcber, eben einen Gegner mit ins Spiel. Es gibt also mehrere Gruppen von \u201eWir\u201c, die sich selbstverst\u00e4ndlich jeweils als besser darstellen als die anderen es je sein k\u00f6nnen. \u201eWir sind solidarisch und tragen Maske\u201c und gleichzeitig \u201eWir sind solidarisch und wehren uns gegen Fremdbestimmung\u201c \u2013 beide Seiten k\u00f6nnen aus ihrer Sicht zu Recht das Wort \u201eWir\u201c im Munde f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beliebt waren 2020 S\u00e4tze, die mit \u201eWir\u201c beginnen. Dabei ist oft nicht klargeworden, wer mit \u201eWir\u201c eigentlich gemeint ist. Ein Beispiel: ein Mensch kommt zum Arzt\/ zur \u00c4rztin und wird begr\u00fc\u00dft mit den Worten \u201eNa, was haben wir denn?\u201c Korrekte Antwort w\u00e4re \u201eIch wei\u00df nicht, was Sie haben, aber ich habe R\u00fcckenschmerzen.\u201c Denn das vom Arzt\/ der \u00c4rztin gebrauchte \u201eWir\u201c ist in meiner Wortwelt ein \u201eDu-Wir\u201c. Gemeint waren nicht beide, sondern die angesprochene Person, die\/der Patient\/in.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind genervt von den Doppelnennungen? Das generische Maskulinum (also die Verwendung von rein m\u00e4nnlichen Bezeichnungen) meint angeblich Personen aller Geschlechter und schlie\u00dfe daher auch immer Frauen mit ein, ist also ein gedachtes \u201eWir\u201c. Dass dies nicht ganz so stimmt, wurde deutlich, als 2020 in einem Gesetzentwurf ausschlie\u00dflich die weibliche Anredeform benutzt und diesem generischen Femininum ein Ausschluss der M\u00e4nner vorgehalten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch zur\u00fcck zum Arztbesuch. Nun folgt die Untersuchung, eingeleitet mit den Worten \u201eNa, dann schauen wir mal.\u201c Wer nun aber wirklich schaut, ist die \u00c4rztin, das \u201ewir\u201c ist daher ein \u201eIch-Wir\u201c. Anschlie\u00dfend gibt es ein Rezept f\u00fcr Krankengymnastik und dann folgt der Abschied mit \u201eWir sehen uns danach wieder und besprechen, wie der Erfolg war.\u201c Ah, endlich ein echtes \u201eWir\u201c, ein \u201eWir-Wir\u201c das nur in der gemeinsamen Auslegung Sinn macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das finden Sie alles etwas \u00fcbertrieben? Betrachten Sie doch einmal Alltagsdiskussionen bei h\u00e4uslichen Gemeinschaften. \u201eWir m\u00fcssten mal wieder einkaufen \/ aufr\u00e4umen \/ putzen \/ kochen\u201c und beobachten Sie, wer anschlie\u00dfend aktiv wird. In der Regel die Person mit dem h\u00f6chsten Leidensdruck und selten ist es ein Gemeinschaftswerk. Dreckige WG-K\u00fcchen, leere Vorratsschr\u00e4nke und nicht vorzeigbare Waschr\u00e4ume sind gar nicht mal so selten. Selbstorganisierte Teams scheitern oft daran, bei einem \u201eWir\u201c die Zust\u00e4ndigkeiten klar zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Versch\u00e4rfend kommt hinzu, dass bei \u201eWir m\u00fcssten\u201c ein Konjunktiv enthalten ist und bei \u201eWir m\u00fcssen\u201c der Zwang mit ins Spiel kommt. M\u00fcssen will niemand. Die Motivation, die mit diesem Wort ausgel\u00f6st wird, tendiert gegen Null. Kein Mensch wird gerne gezwungen und Konjunktive reden von (Ausweich-)M\u00f6glichkeiten. Unz\u00e4hlige S\u00e4tze zur Ermahnung fingen in diesem Jahr mit \u201eWir m\u00fcssen\u201c oder \u201eWir m\u00fcssten\u201c an und dann folgten Ratschl\u00e4ge, Anweisungen, Bitten. Die Wirkung dieser Reden war \u2026 oftmals bescheiden. Kein Wunder, denn diese Formulierung macht es sehr einfach, sie nicht auf sich selbst zu beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Interpretation der Beschwerde \u201eAber dar\u00fcber hatten wir doch gesprochen\u201c bzw. \u201eAber das hatten wir doch vereinbart\u201c \u00fcberlasse ich Ihnen: wer hat da was besprochen, wer hat da was vereinbart \u2013 oder eben auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein anderer Gegensatz zu \u201eWir\u201c ist \u201eIch\u201c. Auch das gab es im Jahr 2020 in neuen Formen. FreundInnen schlossen sich zu virtuellen Hausgemeinschaften zusammen, um im sogenannten Lockdown nicht alleine zu bleiben. Manche zogen sich in ein Schneckenhaus zur\u00fcck (nicht immer freiwillig), propagierten eine neue H\u00e4uslichkeit oder erfanden den Neo-Biedermeier. Leider gab es auch die sozial unvertr\u00e4gliche Ich-Variante und so hoffe ich, dass das folgende Zitat im Jahr 2021 wenig Nachahmer findet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es kann enorm befreiend sein, sich von den Fesseln der Vernunft zu l\u00f6sen und seine ganz eigenen physikalischen Regeln festzulegen. Gut ist, was Spa\u00df macht und dem Einzelnen nutzt \u2013 jetzt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicola Ab\u00e9 (Redakteurin des Nachrichtenmagazins \u201eSpiegel\u201c in einem Text)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich das Wort des Jahres k\u00fcren d\u00fcrfte, w\u00e4re es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf \u201eWir\u201c, denn es hat ganz vielf\u00e4ltige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. 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