{"id":1890,"date":"2021-01-24T19:15:00","date_gmt":"2021-01-24T18:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1890"},"modified":"2021-01-24T19:27:54","modified_gmt":"2021-01-24T18:27:54","slug":"vom-versagen-im-entscheidenden-augenblick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1890","title":{"rendered":"Vom Versagen im entscheidenden Augenblick"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, w\u00e4hrend der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterst\u00fctzung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Tagen wurde viel dar\u00fcber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl f\u00fcr ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine\/r f\u00fchlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige haben das als \u201eChuzpe\u201c bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als \u201eHybris\u201c: als \u00dcbermut oder Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis \u00fcber die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schw\u00e4chen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es nat\u00fcrlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><img decoding=\"async\" style=\" width:320px; height:237x; float:right; margin-left:25px; margin-bottom:10px; margin-top:4px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/stolperndesego320x253.png\" alt=\"Ein Mensch stolpert \u00fcber ein gestelltes Bein\">Dieses nach au\u00dfen \u00fcbersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen dar\u00fcber \u00fcberlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten \u201edie Nerven flattern\u201c und der souver\u00e4ne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erl\u00e4utern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor gro\u00dfem Publikum. Sie hatte souver\u00e4n alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souver\u00e4nit\u00e4t zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: \u201eSie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?\u201c Damit hatte sie die Zuh\u00f6renden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte <a href=\"https:\/\/www.schulz-von-thun.de\/das-institut\/unsere-philosophie\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Souver\u00e4nit\u00e4t zweiter Ordnung&nbsp;\u2197<\/a>, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souver\u00e4n sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekr\u00e4nkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr St\u00e4rke vorzugeben, als vorhanden ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wer kennt sie nicht \u2013 die Leute, die sich immer vordr\u00e4ngen und doch nie vorn sind.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, w\u00e4hrend der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterst\u00fctzung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst? 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