{"id":1946,"date":"2021-05-30T12:45:00","date_gmt":"2021-05-30T10:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1946"},"modified":"2021-05-30T12:45:48","modified_gmt":"2021-05-30T10:45:48","slug":"das-zwei-euro-stueck-zum-kleinen-glueck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1946","title":{"rendered":"Das Zwei-Euro-St\u00fcck zum kleinen Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. W\u00e4re da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Ersch\u00fctterung lustig mit Kopf wackelte, er w\u00e4re schon l\u00e4ngst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><img decoding=\"async\" style=\"width:320px; height:286px; float:right; margin-left:25px; margin-bottom:10px; margin-top:4px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/laptophoptimist320x286.png\" alt=\"Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem Deckel\">In den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bittesch\u00f6n auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von H\u00e4nden diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den \u00dcberblick zu behalten \u00fcber die eigenen Ausgaben. \u201eWas weg ist, ist weg\u201c gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol daf\u00fcr aus der Hand geben \u2013 eine M\u00fcnze, einen Schein \u2013 sondern bestenfalls das Vorhalten eines St\u00fccks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen f\u00fcr (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann \u2013 menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit get\u00e4tigt und war jeden Monat aufs Neue \u00fcberrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gew\u00f6hnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr \u00fcber meine Finanzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst sp\u00e4t erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gef\u00fcllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit f\u00fcr die sch\u00f6nen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie g\u00f6nnen w\u00fcrde: ich sammele 2-Euro St\u00fccke, die ich als R\u00fcckgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv \u201eLenzerheide (1500 M. \u00fc. M. Graub\u00fcnden Schweiz)\u201c mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist gro\u00df genug, um tats\u00e4chlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsgl\u00fccksmomente damit leisten k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Eine Lederumh\u00e4ngetasche, mit der ich jahrelang tagt\u00e4glich unterwegs war.<\/li><li>Zwei chinesische L\u00f6wen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begr\u00fc\u00dfung sitzen und perfekte Trockner f\u00fcr nasse Wollm\u00fctzen sind.<\/li><li>Einen Noise-cancelling Kopfh\u00f6rer f\u00fcr mehr Ruhe im Gro\u00dfraumb\u00fcro.<\/li><li>Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erw\u00e4hnte fr\u00f6hliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.<\/li><li>Handwerkskunst gefl\u00fcchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.<\/li><li>Ein Helmkoffer f\u00fcr die Vespa mit integriertem R\u00fcckenkissen f\u00fcr mehr Soziusbequemlichkeit.<\/li><\/ul>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts davon h\u00e4tte ich mir normalerweise als Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gegen\u00fcber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich \u00fcber lange Monate die M\u00fcnzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, daf\u00fcr stelle ich M\u00fcnzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Gl\u00fcck machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-St\u00fccke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie f\u00fcr ein neues besonderes Alltagsgl\u00fcck eingetauscht werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch v\u00f6llern. Wir leben nur noch gesund, vern\u00fcnftig und ethisch bewusst, aber \u00fcbertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva Menasse (*1970, \u00f6sterr. Schriftstellerin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. W\u00e4re da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Ersch\u00fctterung lustig mit Kopf wackelte, er w\u00e4re schon l\u00e4ngst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus? 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