{"id":1953,"date":"2021-06-13T20:30:00","date_gmt":"2021-06-13T18:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1953"},"modified":"2021-06-13T20:42:42","modified_gmt":"2021-06-13T18:42:42","slug":"ohne-perspektive-am-vorlaeufigen-ende-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1953","title":{"rendered":"Ohne Perspektive am (vorl\u00e4ufigen) Ende der Pandemie"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Stra\u00dfen in Richtung Park, um dort einfach still gr\u00fcbelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel \u00fcber das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gespr\u00e4che drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschr\u00e4nkungen. Doch so manche:r sp\u00fcrt vor allem Perspektivlosigkeit und Ersch\u00f6pfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Gro\u00dfe Unsicherheiten \u00e4u\u00dfern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschr\u00e4nkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails f\u00fchle auch ich mich in einem Ma\u00dfe ersch\u00f6pft, wie ich das bisher nicht kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<img decoding=\"async\" style=\"width:620px; height:206px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/coronaperspektivlos620x206.png\" alt=\"Der Corona-Virus rennt und \u00fcberholt uns alle\">\n<\/p>\n\n\n\n<p>In mir gibt es zwei grunds\u00e4tzliche Bed\u00fcrfnisse: das eine will N\u00e4he, Kooperation, Vertrauen, Austausch, pers\u00f6nliche Begegnung. Das andere Bed\u00fcrfnis strebt nach Unabh\u00e4ngigkeit, Selbst\u00e4ndigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenst\u00e4ndiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein gro\u00dfes Freudenfest: keine bl\u00f6den Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Stra\u00dfe oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur m\u00fchsam offen blieben). Stattdessen: \u201ehome sweet home\u201c am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach N\u00e4he dr\u00fcckt sich auch darin aus, alle Signale des Gegen\u00fcbers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie\/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverz\u00f6gert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. W\u00e4hrend der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der N\u00e4heanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik au\u00dferhalb des Bildschirms, \u00fcberhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegen\u00fcber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Haupttr\u00e4ger der Beziehungsbotschaften sind, erm\u00fcdet ungemein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir h\u00f6ren von der \u03b4-Mutation und bef\u00fcrchten eine \u03b5-Variante im Herbst. Die Caf\u00e9s sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue \u201eDrau\u00dfen nur K\u00e4nnchen\u201c). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r wei\u00df, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben daf\u00fcr schlichtweg keine Kraft mehr, schlie\u00dflich gab es 1\u00bd Jahre P\u00e4dagogik f\u00fcr Kinder, Pflege f\u00fcr Angeh\u00f6rige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt sich selbst Druck\u00b3 zu machen w\u00e4re es sch\u00f6n, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der L\u00fcneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der L\u00fcneburger Heide war, wei\u00df, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aus: Margit Schreiner \u201eSind Sie eigentlich fit genug?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Stra\u00dfen in Richtung Park, um dort einfach still gr\u00fcbelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel \u00fcber das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen? 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