{"id":1958,"date":"2021-06-27T17:15:00","date_gmt":"2021-06-27T15:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1958"},"modified":"2021-06-27T17:45:25","modified_gmt":"2021-06-27T15:45:25","slug":"zu-lebzeiten-das-eigene-leben-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=1958","title":{"rendered":"Zu Lebzeiten das eigene Leben leben"},"content":{"rendered":"\n<p>Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur f\u00fcr seinen Vater \u00fcbernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen geh\u00fcllt. War das nur die Midlife-Crisis oder steckte etwas Ernstes hinter dem Gef\u00fchl, das Leben ginge in die falsche Richtung?<\/p>\n\n\n\n<p>In Korea gibt es eine Redewendung, die sinngem\u00e4\u00df lautet: \u201eWenn Du stehen bleibst, rennen die Anderen.\u201c Die koreanische Gesellschaft ist auf Erfolg ausgerichtet und so wird bereits in fr\u00fchen Jahren Kindern lernen, k\u00e4mpfen, weitermachen vermittelt. Statt \u201eHinfallen \u2013 Aufstehen \u2013 Krone richten \u2013 Weiterlaufen\u201c bedeutet das \u201eHinfallen \u2013 Aufstehen \u2013 Weiterrennen\u201c. Von dieser Denkweise sind wir hier nicht weit entfernt. \u201eJede\/r ist ihres\/seines Gl\u00fcckes Schmied\u201c, \u201eDu kannst alles erreichen, wenn Du es nur willst\u201c oder \u201eDu sollst es einmal besser haben als ich\u201c sind S\u00e4tze, die die meisten von uns seit Kindertagen geh\u00f6rt haben. Und so machten wir uns alle auf den Weg, unser Gl\u00fcck da drau\u00dfen in der Welt zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir versuchten, die Schule gut abzuschlie\u00dfen, einen Beruf zu finden oder zu studieren, damit wir wie in der Sparkassenwerbung mit \u201eMein Haus! Mein Auto! Mein Boot!\u201c beim Klassen- oder Familientreffen unseren Erfolg zur Schau stellen konnten: \u201eSeht her, aus mir ist was geworden!\u201c Als Anekdote wird dann gerne eingeflochten, dass ich als Kind doch gerne Ballettt\u00e4nzer, Feuerwehrfrau oder \u00d6kobauer geworden w\u00e4re. Dieser Kindeswunsch wird dabei l\u00e4cherlich gemacht und so haben sich manche Menschen irgendwann, irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren. Manche erkennen auch, dass sie sich vielleicht nie gefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<img decoding=\"async\" style=\"width:620px; height:265px;\" src=\"https:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/lebennachdemherzen620x265.png\" alt=\"Das Leben nach dem eigenen Herzen leben\">\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verfolgten Pl\u00e4ne, jagten Zielen hinterher und erf\u00fcllten an sie gestellte Anspr\u00fcche. Was davon wirklich ihrem eigenen Streben und W\u00fcnschen entsprach, ist fraglich. Und diese Frage kann dann un\u00fcberh\u00f6rbar laut werden, wenn die Zeit daf\u00fcr reif ist: die Kinder sind aus dem Gr\u00f6bsten heraus oder haben das Haus schon verlassen; die beruflichen Meriten (erworbene Verdienste) sind vollst\u00e4ndig und die Karrierekurve flacht merklich ab; die Partnerschaft hat \u00fcber die Jahre ihre Farbe und ihren Glanz verloren. Leise nagend kommt dann die Kindheitserinnerung an das Ballett, das Abenteuer der Feuerbek\u00e4mpfung, der Einheit von Mensch und Natur auf dem Bauernhof zur\u00fcck in das Bewusstsein: immer dann, wenn es still wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das nicht zu h\u00f6ren, ist es einfach, sich mit L\u00e4rm und Konsum abzulenken, bis wir wie ein Gorgoro durch die Gegend wandeln. Was ein Gorgoro ist? Das ist eine Figur aus einem alten Donald Duck Comic, ein wandelnder Toter, der von einem Zauberer mit einem Auftrag in die Welt geschickt wird und solange l\u00e4uft, bis diese Aufgabe erledigt ist. Andere Menschen werden verstimmt, schwerm\u00fctig (so hie\u00df das fr\u00fcher), depressiv (so hei\u00dft das heute) und zweifeln am Sinn des Lebens, der ihnen abhanden gekommen ist. Manche sind sowohl\u2013als auch: von Ablenkung bet\u00e4ubt laufen sie wie ein zugedr\u00f6hntes Nilpferd durch eine W\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich kann ich der Frage nach meinem Lebensgl\u00fcck nicht ausweichen, denn sie wird mir ganz am Ende noch einmal gestellt werden. Im Sterben wird R\u00fcckblick gehalten und gefragt: was bereue ich, getan zu haben? Was bereue ich, nicht getan zu haben? Habe ich <em>mein<\/em> Leben gelebt oder lebte ich das Leben der Anderen? War ich lebendig gewesen oder innerlich schon lange tot, eine wandelnde Leiche sozusagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer am Ende des Lebens mit sich im reinen sein will (und weil das Lebensende unvorhersehbar schnell kommen kann), sollte bei Lebzeiten ihr\/sein Leben leben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Dass ich neben einer Leiche sitze, ohne etwas zu merken, kann ich mir nicht vorstellen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Detective Constable Ben Jones aus \u201eInspector Barnaby\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur f\u00fcr seinen Vater \u00fcbernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen geh\u00fcllt. 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