{"id":612,"date":"2013-05-24T16:15:23","date_gmt":"2013-05-24T14:15:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=612"},"modified":"2013-05-24T16:26:28","modified_gmt":"2013-05-24T14:26:28","slug":"ich-habe-grosten-respekt-vor-der-lebensleistung-meiner-eltern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.kaihartmann.de\/?p=612","title":{"rendered":"Ich habe gr\u00f6\u00dften Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern"},"content":{"rendered":"<p>Neulich h\u00f6rte ich folgenden Dialog im Supermarkt: \u201eWas schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?\u201c \u2013 \u201eNaja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.\u201c Mit einem Augenzwinkern k\u00f6nnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr m\u00f6chte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung f\u00fcr ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient.<\/p>\n<p>Der Muttertag hat f\u00fcr die Blumenh\u00e4ndler eine Sonderstellung, Werbung f\u00fcr Herztonikum aus der Apotheke, Schokoladenherzen oder sogar auch mal f\u00fcr eine Sondergr\u00f6\u00dfe eines Waschmittels zu diesem Anlass kenne ich aus meiner Kindheit. Und nat\u00fcrlich die ungeschriebene Regel, die Mutter an jenem Tag zu besuchen. Auf dieses ganze \u201eBrimborium\u201c legte meine Mutter seit jeher keinen Wert. \u201eWenn mir das ganze Jahr nicht gedankt wird, kann ich an dem Tag auch drauf verzichten\u201c sagte sie meiner Schwester und mir. Sie hatte Recht: der <strong>Dank geh\u00f6rt in den Alltag<\/strong>. Ein Alltag, den mein Vater und sie sich m\u00fchsam erschaffen haben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" style=\"float: right; width: 160px; height: 90px; margin-left: 25px; margin-bottom: 10px; margin-top: 4px;\" src=\"http:\/\/www.kaihartmann.de\/images\/coaching\/blog\/lebensleistung160x90.gif\" alt=\"Meine Eltern sind einen weiten Weg gegangen\" \/>Meine Eltern wurden in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren, rund 600 Kilometer voneinander entfernt. Sie in der heutigen Tschechischen Republik, damals noch \u201eSudetenland\u201c genannt, mein Vater in einer Kleinstadt im Taunus. Mit drei Jahren musste meine Mutter mit ihrer Mutter, Gro\u00dfmutter und ihrem Bruder eine neue Heimat finden. Sie landete in der Stadt meines Vaters, ein streng katholischer Ort, dessen Bewohner die Fl\u00fcchtlinge geringsch\u00e4tzig aufnahmen. Ein Ort, in dem in den 60er Jahren das Tragen einer Jeansjacke meinen Vater schon zum Rocker machte und der Gottesdienst mit lateinischem Ritus zelebriert wurde. Mein Vater wurde schon fr\u00fch in die Verantwortung genommen und erzog seine deutlich j\u00fcngeren Geschwister. Als er meine Mutter zu Hause vorstellte, tat er es mit den Worten \u201eDas ist das M\u00e4dchen, das ich heiraten werde.\u201c Ein Halbstarker und ein Fl\u00fcchtlingskind, beide mit zwanzig noch nicht vollj\u00e4hrig \u2013 das war ungeh\u00f6rig und geh\u00f6rte verboten. <strong>Doch ihre Mischung aus Liebe und Durchsetzungsverm\u00f6gen durchbrach den Widerstand.<\/strong><\/p>\n<p>1968 landeten sie dann mit zwei Kleinkindern im Frankfurter Nordend, einem Zentrum alternativer Lebens- und Erziehungsformen. Sie lasen die neuesten Erziehungsratgeber und versuchten erfolgreich, konservativ-katholische Wurzeln mit progressiv-linkem Umfeld zu vers\u00f6hnen. Das Geld war knapp und die g\u00fcnstige Miete spiegelte sich im schlechten Zustand des Hauses wieder, in dem sie eine Wohnung fanden. Die haben sie dann im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen zu einem Zuhause gestaltet. Sp\u00e4ter, als es etwas mehr Geld gab, machten sie Ausfl\u00fcge und kleine Urlaube mit uns, nahmen uns mit nach Paris, Br\u00fcssel, Moskau und g\u00f6nnten auch sich die eine oder andere kleine Verr\u00fccktheit.<\/p>\n<p>Was sie sich in all den Jahren bis heute bewahrt haben, ist ihre Toleranz, die nicht \u201eFrei von Regeln\u201c bedeutet. Ihre Neugierde, die kein \u201eTrendhopping\u201c ist. Und ihr Gro\u00dfmut besonders in Situationen, wo jemand wirklich Hilfe ben\u00f6tigt. Wenn ich mir betrachte, wo sie herkamen und wo sie heute mit Anfang 70 stehen, dann kann ich nur den gr\u00f6\u00dften Respekt f\u00fcr ihre Lebensleistung haben. Unabh\u00e4ngig davon, ob \u201eMuttertag\u201c im Kalender steht.<\/p>\n<p><strong>\u201eUnser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.\u201c<\/strong><br \/>\nAnton Kner (1911 \u2013 2003, Deutscher Pfarrer und Schriftsteller)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich h\u00f6rte ich folgenden Dialog im Supermarkt: \u201eWas schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?\u201c \u2013 \u201eNaja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.\u201c Mit einem Augenzwinkern k\u00f6nnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr m\u00f6chte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung f\u00fcr ihre Lebensleistung schenken. 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