Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Duzen – Siezen – Diezen

Er saß unerwartet bei einer Präsentation direkt neben der Geschäftsführung: man sei ja schließlich ein Team. Als sich das Management anschließend über das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort hörte, ergab für ihn einfach keinen Sinn. Und er fragte sich: „Welche Sprache benutzen die denn?“

Macht und Hierarchie im Arbeitsalltag wirken im 21. Jahrhundert so veraltet wie Fax und Schreibmaschine. Verstärkt wird das noch durch Corona-bedingte Videogespräche, die Vorgesetzte unfreiwillig in ihrer privaten Umgebung führen müssen. Da rennt beim Bankvorstand im Hintergrund das Kind durch den Flur, die Verkaufsleiterin scheint afrikanische Schrumpfkopfmasken zu mögen und ein rosa Betthimmel heiligenscheint über der Glatze des Projektleiters.

Dazu passend greift seit geraumer Zeit eine Duz-Welle um sich. Was in der Werbung von hippen Start-ups (oder auf Deutsch: Firmen, die mit ihrem Neugeschäft gerade in aller Munde sind) ausging, ist mittlerweile im Bankgeschäft, beim Autokauf und im Textilhandel weit verbreitet. Suggeriert wird hier: wir verstehen die Bedürfnisse unsere Kunden und sind wie ein Freund an deren Seite – auf Augenhöhe, „Du + Wir = ein Team“. Team scheint überhaupt ein wichtiger Begriff zu sein.

Das „Sie“ gilt als Zeichen des Respekts und der Ordnung zwischen mächtigen Oberen und dienenden Untergebenen. Es gibt nur noch wenige Bereiche, in denen das Sie unerschütterlich scheint. In der öffentlichen Verwaltung beispielsweise. Im sozialen Bereich ist es dagegen selbstverständlich, dass sich geduzt wird. Hier arbeiten Menschen mit Menschen für Menschen und das „Sie“ wäre eine Barriere, die die pädagogische oder pflegerische Arbeit nur erschwert. Dann gibt es noch hybride Mischformen. Ein „Diezen“ wie im Supermarkt („Du Frau Müller, kannst Du mir mal …“) oder aus dem Angelsächsischen kommend („Irene, könnten Sie bitte mal …“)

Das „Du“ ist für deutsche Gewohnheiten ursprünglich dem privaten Umfeld vorbehalten gewesen. Wurden in der Nachkriegszeit Eltern teilweise noch gesiezt, hat sich das „Du“ als besondere Auszeichnung durchgesetzt: seht her, wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns duzen. Auch best buddies (beste Kumpel) zeigten mit dem Du: Wir sind drin und Ihr seid draußen. Im professionellen Kontext kreiert das „Du“ die Illusion einer freundschaftlichen Verbundenheit, doch es ist lediglich ein „Arbeits-Du“.

Ein König spricht von mit einem UntertanDenn wird in einer Organisation das vorgeblich Hierarchie-nivellierende „Du“ verwendet, braucht es andere Formen, um das weiterhin real existierende Machtgefälle zu demonstrieren, Team hin oder her. Innerhalb einer Firmensprache (Siemens-Sprech, Commerzbank-Sprech, etc.) gibt es auch noch das „Management-Sprech“. Da fallen ganz beiläufig die neuesten Buzzwords (Begriffe, die aktuell in keiner Präsentation fehlen dürfen, wenn man dazu gehören will), die nur die Eingeweihten kennen. Es werden Andeutungen gemacht, die auf gemeinsame Vorabsprachen verweisen. Und das Ganze in einer Mischung aus exkludierender Gruppensprache und individueller Selbstdarstellung: Sprache ist eine Machtdemonstration nach Außen und nach Innen. Sie dient der Abgrenzung und der Positionierung der Gruppe.

Wer diese Sprache zum ersten Mal hört, denkt womöglich:

„Ich verstehe nur Bahnhof!“

(Redensart, die am Ende des 1. Weltkriegs entstand. Soldaten wollten nur weg von der Front nach Hause, damals halt mit der Bahn. Bahnhof bedeutete also Heimaturlaub. Sagt jemand „Ich verstehe nur Bahnhof“ ist gemeint: „Ich will hier weg und nach Hause“.)

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Vorteil für mich, Pech für dich

Als er voll Stolz erzählte, wie er den begehrten Projektleiterposten bekommen hatte, wurde seine Schwester wütend: „Den Job hast Du nur bekommen, weil Du einfach gewisse Privilegien hast!“ Und er fragte sich: „Meine Beförderung habe ich mir doch selbst erarbeitet, oder etwa nicht?“

Bei Beförderungen in Firmen gewinnt oft nicht die bestgeeignetste Person, sondern es wirkt ein ganz besonderes Gemisch aus Privilegien und Leistung. Trotz des verbreitesten Klischees, dass sich eine Frau „hochgeschlafen hat“, sind es oft Männer, die das Rennen machen, auch wenn sie nicht die fachlich-persönlich geeignetste Person sind. Offiziell wird niemand benachteiligt, aber alle wissen, dass einer bevorzugt wurde. Dabei gibt es im Artikel 3 des Grundgesetzes eine oft vergessene Doppelformulierung, was die Gleichheit von Rechten und Chancen angeht: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Weder eine Benachteiligung noch eine Bevorzugung ist erlaubt.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemachtIn der gelebten Realität gibt es allerdings Privilegien, die manche Menschen haben, oft ohne sie zu erkennen. Und die Menschen, die sie nicht besitzen, haben entsprechend schlechtere Chancen. Denn die Kehrseite der Benachteiligung ist die Bevorzugung: was der einen zum Nachteil ist, ist dem anderen der Vorteil. Hier ein paar Fragen, die auf Privilegien hinweisen:

  • Wird bei der Stellenbesetzung überlegt, ob die sich bewerbende Person bald Nachwuchs in der Familie haben wird? Antwort: Ja, tendenziell mehr bei weiblichen als bei männlichen Bewerbern.
  • Hat eine Person eine Führungskraft, die sie protegiert? Tendenziell haben Männer stärkere Seilschaften und Netzwerke als Frauen.
  • Wird nach den Leistungen oder den Leistungsversprechen der sich bewerbenden Person geschaut? Frauen fällt es öfters als Männern schwer, ihre Leistungen deutlich anzupreisen.

Auch im Alltag lassen sich Benachteiligungen erkennen, in dem ich Selbstverständlichkeiten hinterfrage. Mir als weißhäutigem Mann um die 50 Jahre steht es nicht zu, über Diskriminierung reden, da ich jede Straße benutzen kann, unabhängig von der Uhrzeit, auch alleine, ohne aus Angst vor Übergriffen meine Wege zu ändern. Oder ich bei Fahrkartenkontrollen keine Schweißausbrüche bekomme, weil man mir nicht vornherein einen Betrugsversuch unterstellt.

Es gibt Situationen, in denen jemand anerkennen muss, dass der Misserfolg nicht darauf beruht, dass sie/er schlecht war, sondern weil jemand anders auch mit Hilfe von Privilegien zum Zuge kam. Diese Benachteiligung ist kein individueller Fehler, sondern ein strukturelles Problem. Ich plädiere sehr dafür, nicht in die Falle zu tappen und das strukturelle Problem zu einem Persönlichen zu machen. Denn es geht nicht um eigenes Versagen, sondern um Macht und Ohnmacht, weil manchen Menschen das Gewinnen leichter gemacht wird.

Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute.

F. Scott Fitzgerald (1896 – 1940, US-amerikanischer Schriftsteller)

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Gerechtigkeit mit einer Prise Rache

Die Stewardess fragte den Fluggast höflich, ob er seinen Platz tauschen würde, damit ein Kind bei seiner Mutter sitze könne. Als er auf seinem Sitz bestand und sich völlig unkooperativ zeigte, bot die Flugbegleiterin dem danebensitzenden Gast ein Upgrade in die Business-Class an, um den benötigten Sitzplatz zu schaffen. Denn ein bisschen Rache ist doch erlaubt, oder?

Es gibt Situationen, in denen von allen Beteiligten ein gewisses Maß an Kooperationswillen gebraucht wird, um sie friedlich zu lösen. Kooperation heißt, mir ist an dem anderen Menschen gelegen, die Beziehung zu ihr/ihm ist mir wichtig. Dafür bin ich bereit, auch mal von meinen Interessen ein Stück abzurücken. So werden Kompromisse ausgehandelt: jeder gibt es etwas ab, in der Summe können alle mit der gefundenen Lösung leben.

Wenn nun eine Person kein Interesse an der Beziehung zu den beteiligten Personen hat und sich ganz und gar auf die Durchsetzung seiner eigenen Interessen konzentriert, sitzt sie am längeren Hebel. Denn Menschen, die ein harmonisches Miteinander anstreben, werden im Zweifel auf ihre Interessen verzichten – um des lieben Friedens willen – und nachgeben. Somit gewinnt eine Seite alles, die andere verliert.

Gerechtigkeit siegt manchmal anders als erwartetWer nur auf seine Interessen schaut, sollte sich bewusst sein, wer im Zweifel wirklich am längeren Hebel sitzt. Im Flugzeug ist das nicht der Fluggast, sondern das Personal und schlussendlich der Pilot. Die Flugbegleiterin erkannte sehr gut, dass es dem Fluggast nicht um eine gute Lösung für alle ging, sondern um seinen eigenen Vorteil. Vielleicht spekulierte er sogar darauf, selbst in die höherwertige Sitzklasse umziehen zu können, wenn er nur hoch genug pokerte. Doch das Blatt der Stewardess war eindeutig besser. Sie gewährte einem anderen die Privilegien, brachte Mutter und Kind zusammen und hatte sogar eine Lehre für den uneinsichtigen Gast parat. Denn schlussendlich spielte sie dessen Spiel mit: ihr war die Beziehung zu diesem Fluggast persönlich egal, sie verhielt sich professionell, korrekt und höflich, siegte so im Machtpoker und sorgte obendrein für eine Genugtuung.

Denn dass die umliegenden Passagiere alle breit grinsten, als sie das Geschehen mitbekamen, zeigt: auch wenn wir alle gerne edel, hilfreich und gut wären, so ein bisschen Rache braucht es wohl hin und wieder im Leben.

Rache ist eine Mahlzeit, die Leute von Geschmack kalt genießen.

Italienisches Sprichwort

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Nettsein hilft nicht weiter

Angefangen hat alles mit harmlosen Komplimenten, doch nach einigen Einkäufen fühlte sich die Hosenverkäuferin in der Gegenwart dieses Kunden immer unwohler. Er rückte ihr bei jedem Besuch mehr auf die Pelle. „Hab‘ Dich nicht so, er ist schließlich Kunde“, sagte ihr Chef. Doch wie konnte sie sich wehren?

Immer wieder kommen Frauen (und manchmal auch Männer) in die Überrumpelungs-Situation, dass ihnen ein Mensch zu nahe kommt, sie sich bedrängt fühlen und sie ihre Grenzen nicht verteidigen können. Was nur nett gemeint warMachtstrukturen begünstigen dies: auf der einen Seite der Gast / Kunde / Patient / Chef, auf der anderen Seite die Bedienung / Verkäuferin / Pflegekraft / Mitarbeiterin. Da soll professionelle Freundlichkeit gewahrt werden, um den potentiellen Geldbringer für das Geschäft nicht zu verprellen.

Was nur nett gemeint warDiese Freundlichkeit wird vom Gegenüber falsch interpretiert und auf sich persönlich bezogen. Statt „Ich werde hier freundlich bedient“ findet die Übersetzung „Sie hat Interesse an mir / Sie will was von mir“ statt. Dabei sind Komplimente nur die Vorspeise. In dem Menü folgen noch ein paar Gänge:

Das Machtgefälle zwischen der angreifenden und der angegriffenen Person wird durch die Ignoranz des Umfeldes verstärkt. Kollegen, Vorgesetzte, andere Kunden schauen weg, mischen sich nicht ein und so steht ein Mensch inmitten von anderen plötzlich alleine da und muss sich der Willkür erwehren mit all der anerzogenen Freundlichkeit, die als Abwehr einfach nicht taugt.

Alleine sind alle Menschen machtlos

Eine Lehre aus der Tanzstunde kann hilfreich sein: die Tänzer haben jeweils ihren eigenen Tanzbereich. Mein Tanzbereich vs. Dein TanzbereichWeil bei den Tanzfiguren klare Regeln die Schrittfolge vorgeben, können sich die beiden Tänzer sicher sein, dass die jeweilige Autonomie gewahrt wird und trotzdem etwas Gemeinsames gelingt. Respektiert mein Gegenüber nicht meine Grenzen, ist es ein schlechter Tanzpartner und statt harmonischer Figuren wird ein Gestolper auf das Parkett gelegt.

Übertragen auf Restaurants / Geschäfte / Krankenhäuser oder Unternehmen heißt das: Essen / Einkäufe / Behandlungen / Projekte gelingen nur, wenn die jeweiligen (Tanz-)Bereiche respektiert werden. Passiert dies nicht und eine Person ist übergriffig, ist klare Abwehr angesagt. Krallen ausfahren statt Nett-sein:

Nicht nur die Katze kann Zähne zeigen

  1. Wechsel vom „Du“ zum „Sie“ schafft Distanz
  2. Körpersprache: einen Schritt zurück treten oder einen Gegenstand zwischen sich und das Gegenüber bringen
  3. Klarer Blick signalisiert dem Gegenüber: „Ich nehme wahr, was hier geplant ist“
  4. Aussprechen von Grenzen um Klarheit über Erlaubtes und Nicht-Erlaubtes zu schaffen
  5. Sanktionen bei Grenzüberschreitung nicht nur androhen, sondern durchführen.

Klare Aussage, deutliche AbwehrIm Bekleidungsfachgeschäft könnte es zum Beispiel so aussehen: „Sie können gerne diese Hose in der Umkleidekabine anprobieren. Wenn Sie ihre Hände nicht bei sich lassen können, müssen Sie die Hose bei einer Änderungsschneiderei abstecken lassen.“

Neulich an der Tankstelle: „Testosteron. Bleifrei. Volltanken.“

Robert Mankoff (* 1.5.1944, US-amerikanischer Cartoonist und Autor)

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Schluss mit dem Zickenkrieg

Am ersten Tag wurde die neue Abteilungsleiterin gefragt: „Wussten Sie, dass bereits Wetten abgeschlossen werden, wer im Zickenkrieg gewinnen wird?“ Ihre beiden Kolleginnen lagen seit langem im Clinch und sie als Neue würde die Situation bestimmt noch verschärfen. Doch sie dachte gar nicht daran: denn was wäre, wenn es keinen Zickenkrieg gäbe?

Wetten werden bereits abgeschlossen

Einen solchen Einstieg in eine neue Firma wünscht man sicherlich niemanden, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Festgefahrene Situationen mit rituellen Abfolgen aus Agitation – Provokation – Aktion – Reaktion lauern überall. In diesen eingespielten formellen Systemen folgt aus „A“ immer nur „B“. Danach kann man die Uhr stellen, denn ein Zahnrad greift wie geschmiert in das andere.

Das alte System existiert nicht mehr

Wer neu in ein solches System kommt, bringt jedoch das ganze bisherige Gefüge aus dem Gleichgewicht. Das neue Zahnrad dreht sich anders, klemmt hier und ist geschmeidig dort – ganz anders als das Alte. Provokationen laufen plötzlich ins Leere, neue Aktionen erfordern neue Reaktionen und die Agitation wird vielleicht sogar vollständig eingestellt. Aus „A“ folgt nun nicht mehr „B“ sondern das Ergebnis muss neu ausgehandelt werden zwischen den Beteiligten.

Neues muss schnell eingeführt werden

Um das System neu einzustellen gibt es nur ein kurzes Zeitfenster. Die erste Begegnung kann schon entscheidend sein: Auf welche Seite des Tisches setze ich mich (und gehöre damit, ohne es zu wissen, plötzlich einer bestimmen Fraktion an), unterbreche ich schnell genug die fiesen Spiele oder kann ich glaubhaft versichern, dass mich die alten Geschichten nicht interessieren?

Informelle Treffen ohne Agenda bei Kaffee, Tee oder Apfelsaft können Wunder bewirken: Neue Verbündete haben sich gefunden „Lassen Sie uns doch einfach mal kennenlernen!“Da wird die gegnerische Abteilungsleiterin plötzlich als Mensch wahr genommen, vielleicht kommen ungeahnte Gemeinsamkeiten ans Tageslicht, die eine tragfähige Basis über das Berufliche hinaus begründen.

Schließen sich diese Frauen in leitender Position zusammen, können die untergebenen Männer einpacken. Statt sich im Windschatten des Zickenkriegs einzurichten und ihr Ding zu tun, bleibt ihnen nun nichts anderes übrig, als mit dem neuen Wind zurecht zu kommen.

Meistens streitet man nur so erbittert, weil man nicht begreifen kann, was der Gegner eigentlich beweisen will.

Leo Tolstoi „Anna Karenina“

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So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

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Mein Mentor. Mein Chef. Mein Freund?

Als er vor versammelter Mannschaft von seinem Chef zusammengefaltet wurde, fiel er aus allen Wolken. Dabei hatten sie erst gestern Abend einen feucht-fröhlichen Bierzeltbesuch verbracht und sich als Zechbrüder das Taxi nach Hause geteilt. So wie damals, in den alten Zeiten mit seinen besten Kumpels. Und nun das! Was hatte er bloß getan?

Nach dem Feiern lässt der Chef den Chef raushängenDer Herbst ist da und mit ihm das Oktoberfest. Es hat sich von München aus in jeden Winkel der Republik ausgebreitet und lädt hier wie dort zu Firmenpartys ein. Auch die Weinfeste locken auf einen oder mehrere Absacker. Nur wenige Wochen später folgen die Weihnachtsfeiern und dann im Januar die Kick-Offs für das neue Geschäftsjahr. Viele Gelegenheiten also, sich auch hierarchieübergreifend zu befreunden. So wie man besser Wein und Bier nicht mischt, sollte auch bei der Vermischung von Rollen Vorsicht geboten sein.

In der Firma (oder der Behörde) gibt es verschiedene Rollen. Kollegen auf der gleichen hierarchischen Ebene teilen sich die gleiche Rolle und untereinander gibt es wenige Abhängigkeiten. Doch bereits mit dem Mentorship, also der väterlichen/mütterlichen Rolle der Begleitung neuer Kollegen kommt es zu einer leichten Schieflage. Hier: die erfahrene Person, oft im Organigramm höher aufgehängt; dort: der Newbie (Frischling), noch nicht eingeführt in die Sitten und Gebräuche jenseits der offiziellen Wege. Noch weniger auf gemeinsamer Augenhöhe sind Vorgesetzte und ihre Untergebenen (auch wenn sie heute gemeinsam ein „Team“ bilden) denn letztendlich hat einer mehr zu sagen als andere. Beim feucht-fröhlichen Bier- oder Weinfestfeiern verschwimmen diese Rollen wie die Konsonanten mit zunehmendem Alkoholpegel und man redet mal so richtig „von Mann zu Mann“ oder „unter uns Betschwestern“, ganz privat also.

Private Kontakte sind dagegen grundsätzlich auf Augenhöhe. Das beißt sich dann mit der Rolle als Mentor oder Chef. Es mag sogenannte Frollegen geben, also befreundete Kollegen, aber von Frentoren oder Frogesetzten habe ich noch nie gehört. Es ist schwierig, die private von der hierarchischen Ebene zu trennen: Abends noch fröhlich gefeiert und am nächsten Tag gibt eine Person der anderen Anweisungen? Da kommt es leicht zu unklarem Rollenverhalten, man setzt sich den Gerüchten einer Vorteilsnahme oder –gewährung aus („Schau Dir diese Schleimerin an!“, „Das ist sein Liebling, da kannste nix machen“). Um das zu vermeiden, greifen manche daher zur Methode „Harter Hund“ und zeigen übertrieben deutlich, dass noch so viele Promille am Vorabend die Rangordnung nicht außer Kraft setzen.

Wer sich dem entziehen will, muss jetzt nicht die kühle Blonde aus dem Norden oder den Feldwebel mimen. Mann/frau kann auch offen und freundlich klare Grenzen ziehen. Der Boden der Begegnung ist ausschließlich das Firmenumfeld und nicht das Wirtshaus. Wer allerdings in einem Beratungs- oder Tech-Unternehmen arbeitet, das seine Leute mit dem Dreisatz aus „Arbeit = Leidenschaft = Freundschaft“ in einen Mikrokosmos aus Firmenwohnung, Firmensport und Firmenveranstaltungen einspinnt, hat das sehr schwer. Doch mag die langfristige Perspektive helfen, den eigenen Weg zu finden. Denn verlässt man die Firma (das Netz), hat man unter Umständen „draußen“ keine Freunde mehr.

So versucht der kluge Führer nicht, sich mit allen Verfügbaren zu verbünden, und er fordert nicht offen die Macht anderer Staaten heraus. Er verfolgt aber seine eigenen geheimen Pläne und achtet sorgfältig darauf, dass seine Gegner ihn stets fürchten.

Sūnzǐ (544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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Ein Oscar für den Schaumschläger

Wegen seiner Leistungen sei der Kollege verdient zum Abteilungsleiter befördert worden hieß es in der Personalmitteilung. Die Kollegen murrten: wohl vor allem wegen seiner Leistungen als Schaumschläger, denn wirklich schaffen tue der nichts. Und sie fragten sich: Wie kommt dieser Windhund damit immer noch durch?

Ein Oscar für die beste ShowIn einem komplexen System wie einem Büro gibt es verschiedene Rollen und Typen. Neben den offensichtlichen Rollen, die sich aus der Hierarchie ergeben, wirken die Verhaltensweisen der einzelnen Menschen. Sie wurden nicht nur von George Orwell in seiner Fabel „Farm der Tiere“ ↗ treffend durch Tiere symbolisiert, auch beim Flur-Funk wird vom Esel gesprochen, der stoisch alles wegschafft, oder von dem fleißigen Bienchen geschwärmt, das unerlässlich das Getriebe am Laufen hält. Nein, da gibt es auch wüste Worte für jene, die sich auf der Arbeit der anderen ausruhen.

Die können in buntesten Bildern von ihren Plänen erzählen, allesamt innovativ, zukunftsweisend und selbstverständlich lösen sie alle aktuellen Probleme. Wunderbar verknüpfte Stränge zeigen eine heile Welt, die da am Horizont zu warten scheint. So hell wird diese Zukunft beschrieben, dass sich Entscheider davon blenden lassen. Für die Umsetzung sind dann die Esel und Bienen zuständig und wenn es scheitert, dann sind die halt auch daran schuld.

Solche Menschen vermitteln Visionen und Lösungen ohne die Entscheider mit den Niederungen der Umsetzungs-Schwierigkeiten zu belästigen. Sie haben Phantasie, sind kreativ und auch sehr überzeugend. Unbestreitbar haben sie ein Talent für einen glanzvollen Auftritt, bei dem sie ihre Pläne erfolgreich anpreisen. Dafür mangelt es ihnen an den unerlässlichen Qualitäten, die es zur tatkräftigen Umsetzung braucht: Pragmatismus und Analytik. Bei den Eseln und Bienen ist es genau umgekehrt. Ihnen fehlt es an der notwendigen Selbstdarstellung.

Walt Disney, Zeit seines Lebens mit dem Problem konfrontiert, innovative Ideen zur Umsetzungsreife zu bringen, war Namensgeber für eine weitverbreitete Kreativitätsmethode ↗: es braucht in einem Team einen Träumer, der visionär und frei von Grenzen Ideen entwickelt. Dann einen Praktiker, der versucht, eine konkrete Umsetzung dieser Ideen zu ermöglichen. Schließlich den Analytiker: er prüft, ob das Ziel tatsächlich erreicht wurde, wo die Widersprüche liegen oder Stolpersteine vorhanden sind.

Jemanden mit Phantasie, aber mangelndem Realismus und Fähigkeit zur Umsetzung zu befördern, produziert Unzufriedenheit auf allen Seiten: die Mitarbeiter murren, weil sie die eigentliche Arbeit tun, für die ein Anderer die Lorbeeren bekommt. Für den Beförderten, der sich plötzlich mit den Niederungen der Projekt-, Personal- und Budgetsteuerung befassen muss und das weder kann noch will. Und schließlich das Unternehmen, das eine hoch dotierte Stelle fehlbesetzt hat. In der Realität wird das dann oft durch Wegloben desjenigen auf die nächste Karrierestufe gelöst.

Die Arbeit wird von den Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Aus: Laurence J. Peter, „Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen“ ↗

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Wenn der Chef mit seinen Leuten Tango tanzt

Die Zeiten des Wischi–Waschi–Chefs waren vorbei. Jetzt verstanden ihn seine Mitarbeiter, er gab klare Anweisungen und reagierte aufmerksam auf ihre Probleme. Gefragt nach dem Grund für diesen Wandel sagte er: „Ich tanze seit einem halben Jahr Tango mit meiner Frau!“ Und das soll diese Veränderung ergeben haben?

Auch wenn es Menschen gibt, die das Wort Führungskraft ablehnen (weil kein Mitarbeiter geführt werden wollte), ist es doch in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen klar, dass die Menschen unterschiedliche Aufgaben haben. Manche eher im operativen, ausführenden Bereich. Andere dagegen in der visionären strategischen Planung. Und es braucht diejenigen, die beide Pole miteinander verbinden: die klassische Sandwich-Führungskraft. Unten die operative Basis, oben die visionäre Führung, sie im Doppeldruck dazwischen.

Was ist einfacher, als diesem Druck wie eine Bandscheibe durch ein gelartiges Verhalten auszuweichen? Arbeitsaufgaben werden zum Beispiel mit einem „Wir sollten …“ übergeben. Dabei ist nicht klar: ist das ein „Sie–Wir“ (Untergebene/r führt aus), „Ich–Wir“ (Chef übernimmt selbst) oder „Wir–Wir“ (Chef und Mitarbeiter gemeinsam). „Was genau will jetzt der Chef von mir?“ lautet die meistgestellte Frage bei solchen Führungskräften.

Gemeinsam mit klarem ZielBeim Tango kam der Chef mit dieser Art nicht weit. Er stolperte mit seiner Frau über das Parkett, rempelte andere Paare an und von Eleganz keine Spur. Sie drohte ihn stehen zu lassen, denn im Tango sind, noch mehr als bei anderen Tänzen, die Rollen klar verteilt. Die führende Person (bei Hetero-Paaren der Mann) gibt klare Signale, die tanzende Person setzt die Signale in Schritte um. Im besten Fall kann das die geführte Person mit geschlossenen Augen, weil die Führung so klar ist.

Also lernte der Chef beim FührungsTango ↗, was es hieß, ein klares Ziel zu haben (Bewegung im Raum), wie er dahin kommt (die Figuren auf diesem Weg), wie er das vermitteln muss (präzise, kraftvoll, einfühlsam) und welche Freude es geben kann, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Er lernte im Kurs auch, dass seine Signale von jeder seiner Tanzpartnerinnen anders interpretiert wurden und er sich also auf jede Person individuell einstellen muss.

Im Büro dann tanzte er innerlich einfach weiter und endlich war die lang geforderte Leadership-Qualität da. Dass seine Chefs ihn nun auch neu wahrnahmen, tat seiner Karriere übrigens keinen Abbruch.

Es gehört mehr zum Tanz als rote Schuh‘.

Sprichwort

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