Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

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Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

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Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

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Von der Krux, Eltern im Alter zu beraten

Nach der letzten Operation verließ der Vater nicht mehr das Haus und die Mutter opferte sich freiwillig in der Pflege ihres Mannes auf. Wofür ist man schließlich über 50 Jahre miteinander verheiratet! Der Sohn redete sich den Mund fusselig, dass jetzt ein Pflegedienst kommen müsse. Erst als die Apothekerin zur Unterstützung riet, wurden die Eltern aktiv. Der Sohn war verletzt – warum hatten seine Eltern nicht auf ihn gehört?

Mit zunehmendem Alter scheint die Opferrolle eine größere Attraktivität zu gewinnen. Der Mensch hat jahrzehntelang viel geleistet und wird nun nicht mehr so behandelt, wie er sich das wünscht und erwartet. Er fühlt sich als Opfer gleich von zwei Tätern. Zum Einen von den Krankheiten und Gebrechen, die wie eine Heimsuchung über einen herfallen und zum Anderen von den Ärzten, die weder richtig behandeln können noch wirklich Verständnis haben für seine Situation.

Die Herzensverbindung zum Kind behindert das ZuhörenZwischen diese Fronten gerät der Sohn und ist gefangen in der Doppelrolle als Berater und Kind. Denn auch wenn Eltern altern bleibt das Kind Kind. Obwohl der Sohn schon lange arbeitet, seine eigene Familie gegründet hat und gut und gerne 90 Kilogramm auf die Waage bringt, sehen die Eltern in ihm immer auch den kleinen blonden sommersprossigen Kerl, der mit der buntgestreiften Badehose jeden Sommer in Nachbars Planschbecken badete. Wie ernst kann man etwas nehmen, was so ein Dreikäsehoch erzählt? Und dieser kleine Junge ist auch im Sohn immer noch lebendig: wie kann ich meinen Eltern auf Augenhöhe begegnen, wo in mir diese wohlige Erinnerung an die Sommer meiner Kindheit lebendig ist?

Das führt zu einem Drama-Dreieck Eltern-Ärzte-Kind mit klar verteilten Rollen: die Eltern sind Opfer, die Ärzte sind Täter und keiner versteht den anderen. Das Kind will helfend vermitteln und der Retter der Eltern sein. Doch die persönliche Verstrickung mit den Menschen, die ein Leben lang für einen da waren, verhindert, dass das Kinder Gehör findet. Antworten wie „Ach mein Kind, ich mach das doch gerne“ oder „Das bringt doch nix!“ ersticken jeden Lösungsansatz von Anfang an. Würde der Sohn Gehör finden, müssten die Eltern sich eingestehen, dass die Rollen sich vertauscht haben und sie heute diejenigen sind, die beschützt werden müssen.

Die Apothekerin ist nicht Teil des Drama-Dreiecks und der Familiengeschichte. Ohne tiefe Herzensbindung basiert ihr Kontakt viel stärker auf dem Verstand und dem Austausch von Sachinformationen. Statt die Aussagen des Sohns als die des eigenen Kindes zu hören, können die Eltern die Empfehlung der Apothekerin als das hören, was sie ist: als einen notwendigen Schritt, der jetzt ansteht.

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.

Sir Peter Alexander Baron von Ustinov (1921 – 2004, britischer Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur)

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Bloß keinen Zwang zur Selbstverwirklichung im Sabbat-Jahr

Keine Gehaltserhöhung hätte ihm dieses Glück ermöglicht: aufstehen, wenn er wach wird. Tun, was ihm gefällt. Sein lassen, was ihm missfällt. Und nebenbei, ganz von alleine, wurde ihm seine neue berufliche Perspektive klar. Das Sabbat-Jahr war die beste Entscheidung, die er für sich hatte treffen können. Dabei ging er in dieser Zeit noch nicht einmal auf eine Weltreise.

Lob der HängematteFür viele Menschen, denen besonders viel an ihrer Karriere liegt, ist eine Auszeit ein Eingeständnis von Schwäche: „So was brauche ich doch nicht!“ ist ihr lakonischer Kommentar dazu. Dabei hat selbst der Größte aller Arbeiter eine Auszeit genommen: „Vollendet waren der Himmel und die Erde, und all ihre Schar. Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.“ (Genesis / 1. Buch Moses, 2, 1-2) Wenn sogar ein Gott ausruhen kann, dann doch erst Recht ein Mensch.

Nehmen Menschen eine Auszeit, einige Monate oder ein ganzes Sabbat-Jahr, können sich einige nicht von äußeren Erwartungen befreien. Teilweise sind die Monate eng gepackt mit Reiseplänen, vorwiegend in asiatische Länder, in denen man „endlich mal zur Ruhe kommen kann“ um zu überlegen, wie es weitergehen soll. Teilweise sind sie als Ländersammler unterwegs und wollen sich und anderen beweisen, dass sie selbst in der Auszeit zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind.

Wenige machen gar keine Pläne, sondern leben in den Tag. Und stellen fest: gerade am Anfang brauchen sie vor allem Ruhe, wenig Ablenkung und viel Zeit für sich. Sie machen eine Bestandsaufnahme: Wie ist es eigentlich um meine Freunde bestellt – gibt es noch welche? Und was verbindet einander? Wie ist das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern? Was braucht mein Körper, welche Ernährung, welche Bewegung? Sie betrachten, was belastend war, verarbeiten die Erkenntnisse und lassen los, was nicht mehr zum Leben dazu gehören soll.

Das setzt Energie frei, um Zukunftspläne zu schmieden und in die Tat umzusetzen. Die Entscheidungen werden oft ganz unbewusst getroffen. Ja-Nein-Entscheidungsbäume, Projektpläne oder Managementmethoden sind in der Regel untauglich, um das Leben neu auszurichten. Denn sie betrachten lediglich die Verstandesebene, nicht jedoch die Gefühle und Bedürfnisse. Bleiben diese unbeachtet, ist die Gefahr sehr groß, dass es nach der Auszeit gerade so weitergeht, wie es zuvor gelaufen ist.

„Wer sich von Ablenkung fern halten kann, für den erstreckt sich ein Tag über tausend Jahre. Für den, der ein weites Herz hat, ist eine Hütte so groß wie das Universum.“
Hong Zicheng (1593 – 1665, chinesischer Philosoph)

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Der Perfektionist liebt die Balance

Manche Menschen arbeiten sich ein Leben lang an ihrem inneren Perfektionisten ab. Für sie gilt es immer, 100 Prozent Leistung zu bringen, auch wenn dafür 150 Prozent Einsatz notwendig sind. Doch wie wäre es, wenn der Perfektionist umgeschult werden würde auf das Ziel „100-prozentige Lebensbalance“? Das Handwerkszeug dazu hat der Italiener Vilfredo Pareto Anfang letzten Jahrhunderts geliefert.

Menschen, in denen es einen großen Drang zur Perfektion gibt, arbeiten höchst präzise: auf den Millimeter genau hängen sie Bilder auf, auf den Pixel genau richten sie am Computer Präsentationen aus und die Wohnung ist erst dann sauber, wenn es keinen einzigen Fleck mehr an den Fenstern, Wänden oder auf dem Boden gibt.

Der Perfektionist liebt die BalanceBedauerlicherweise muss diese Perfektion mit einem überhohen Maß an Einsatz bezahlt werden. Der so genannte Grenznutzen ist in der Regel bei 80 Prozent Zielerreichung gegeben. Diese 80 Prozent Ergebnis werden mit 20 Prozent des Einsatzes von Zeit oder Energie erzielt. Um 100 Prozent Ergebnis zu erreichen – also so wie das in der Regel ein Perfektionist will – müssen die restlichen 80 Prozent an Ressourcen eingesetzt werden. Das allerdings ist unökonomisch, sprich: der von einem Perfektionisten getriebene Mensch vergeudet einen Großteil seiner Energie für einen kleinen Teil vom Ziel.

Könnte er jedoch mit einem kleinen Teil seiner Energie den Großteil seines Ziels erreichen – was hätte sie/er dann noch alles für Möglichkeiten!

Mit einem inneren Perfektionisten lässt sich reden. Wie wäre es, ihr/ihm folgenden Auftrag zu geben: „Suche mir die perfekte Balance zwischen Einsatz und Ergebnis, also zwischen Input und Output.“ Damit hätte Mann, hätte Frau den Experten schlechthin für die Lebensbalance an der Seite. Denn wenn mit 20 Prozent der Energie 80 Prozent des Zieles erreicht sind, dann könnte der Perfektionist melden: „Hier ist die ideale Stelle, um aufzuhören. Alles Weitere wäre unperfekt!“

Wer seinen Perfektionisten so auf die 80/20-Regel umschult, den stört plötzlich auch nicht mehr die Staubfluse unter dem Vorhang, dass die Präsentation auf einer Folie eine andere Schriftgröße hat oder die Bilder an der Wand die Unregelmäßigkeiten des Altbaus widerspiegeln.

„Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.“
William James (1842 – 1910), amerikanischer Philosoph

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Wenn Ihr innerer Perfektionist noch mehr Informationen benötigt, bevor er sich auf das neue Ziel einlässt, können Sie ihm mit dieser Kolumne das Ganze auch noch mal anhand von Beispielen mit präzisen Zahlen mit 31 Nachkommastellen illustrieren.

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Lobt den Chef – es tut ja sonst niemand

„Vielen Dank, dass Sie sich für mich eingesetzt und mich unterstützt haben. Das fand ich sehr gut von Ihnen“, sagte die Mitarbeiterin ihrem Vorgesetzten. Der Chef schaute irritiert und tat das Lob mit einem gemurmelten „da nicht für“ ab. Dabei sind die Haltung des Chefs und noch weniger das Lob der Mitarbeiterin selbstverständlich. Aber warum sollten Mitarbeiter die Chefin / den Chef loben? Ist das Lob nicht schon im höheren Chefgehalt enthalten?

Chefs sind manchmal zwischen Hammer und AmbossNein – und das mittlere Management ist in manchen Firmen überdies die „Melkkuh der Nation“:
zwischen Hammer (dem Top-Management) und Amboss (den Mitarbeitern) bekommen sie von allen Seiten Druck. Zielvorgaben hier, Mitarbeiterforderungen dort. Von wem soll da mal eine positive Rückmeldung kommen? Dabei braucht jeder Mensch ab und zu eine Anerkennung, auch Chefs.

Den Vorgesetzten zu loben ist jedoch eine heikle Sache: Wie schnell gerät man in den Verdacht, heuchlerisch zu sein! Doch ein Heuchler meint das, was er sagt, nicht ernst. Und das spürt das Gegenüber. Ist das Lob jedoch ehrlich und der Situation angemessen, dann ist diese Rückmeldung im doppelten Sinne stimmig. Anstatt eines schalen Beigeschmacks hinterlässt sie ein gutes Gefühl auf beiden Seiten.

Einen Anlass dafür sollte es für ein Lob aber schon geben. Völlig daneben wäre es, wenn es weder zur Situation passt noch ehrlich gemeint ist („Gaanz toll Chef, wie Sie heute morgen eingeparkt haben!“). Und Schweigen wäre besser, wenn das Gesagte der inneren Überzeugung entspricht, aber unpassend für das Arbeitsumfeld ist („Mensch Chefin, in dem Kostümchen haben Sie ’nen richtig knackigen Hintern!“).

Ob die Führungskraft mit einem stimmigen Lob umgehen kann, steht wiederum auf einem anderen Blatt: Denn es scheint eine schwere Krankheit zu geben, die weit verbreitet ist: die Lob-Wahrnehmungs-Störung. Die daran Erkrankten nehmen Lob in einem doppelten Sinne nicht wahr. [Mehr dazu]

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht.“
Muhammad Ali (* 1942, US-amerikanischer Boxer)

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Was tun, wenn Business- Smalltalk droht?

Das Schild lud zum Grillnachmittag ein. Bei Steaks, Wein und Bier könne man ganz ungezwungen mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen in Kontakt kommen. Ungezwungen? Da lachte mein innerer Eigenbrötler höhnisch auf. Für ihn sind solche Veranstaltungen der reine Zwang und er hielt mich deshalb vor dem Computer fest, um noch diesen einen Projektreport zu erstellen. Doch auf Dauer konnte ich mich diesen Veranstaltungen nicht entziehen. Was also tun?

Wenn der Chef zum Geburtstagsfrühstück einlädt, beim Kick-Off für das neue Projekt oder auf der Weihnachtsfeier muss ich in pseudo-privater Atmosphäre mit Menschen wertvolle Arbeitszeit verbringen, mit denen mich oft nur die Arbeit verbindet. Ohne die hätten wir nichts miteinander zu tun, was sich daran zeigt, dass das viel beschworene „Wir bleiben in Kontakt!“ bei einem Stellenwechsel regelmäßig im Sand verläuft.

 Socialising ist GeschmackssacheEigenbrötlerisch zu sein ist nicht mein grundlegendster Charakterzug, doch bei solchen geschäftlich-privaten Anlässen übernimmt „Der Mann in den Bergen“ in mir das Ruder. Statt „Socialising“ zu betreiben will er in seine Hütte in den Rocky Mountains. Dort, tief im Wald, gilt es schließlich auch noch dringend den Holzvorrat für den Winter zu hacken.

Kleiner Exkurs: Ein Unternehmen in Boston hat die sozialen Netzwerke von Unternehmen untersucht: wer spricht wann mit wem in welcher Stimmung und so eine Art Röntgenbild menschlicher Interaktionen erstellt. Es hat auch gemessen, welche Produktivitätsveränderung es dadurch gibt. Das Ergebnis: Mehr „Quatschen“ ist wichtiger als mehr Arbeit um die Effizienz zu steigern.

Um weiterhin gesellschaftlich kompatibel zu sein habe ich daher eine Stellenanzeige aufgegeben: „Suche Partygänger, der sich gerne ins Getümmel stürzt, Spaß an leichten Gesprächen hat und der ab und zu ehrliche aber harmlose Komplimente verteilen kann. Festanstellung. Einsatz auf Abruf. Sollte geübt sein, partyfeindliche Widerstände zu überwinden.“

Ja, so einen Partygänger habe ich in mir gefunden. Und der geht gerne zu einem Get-Together, zu Betriebsfesten oder Kick-Offs und nimmt mich einfach mit. Leider kann ich ihn ab und zu nicht erreichen. Ich vermute, „Der Mann in den Bergen“ hat ihm dann von tollen Erlebnissen auf einer fernen Hütte vorgeschwärmt. Und neugierig, wie der Partygänger von Natur aus ist, hat er sich auf den Weg in die Rockys gemacht. Der Bergmann freut sich über diesen Coup und so sitze ich mit ihm am Rechner, während die Gesprächsfetzen des Abteilungskaffees wie ein murmelnder Bach in unseren Ohren klingt.

„Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen.“
Alexandre Dumas (1802-1870), Französischer Schriftsteller

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Des Bettlers Patenkind

„Entschuldigung, ich hab’ mal ‘ne Frage“ – von der Seite werde ich um einen Euro angequatscht. Das kann ich überhaupt nicht abhaben, wenn ich in Eile bin. Doch was der Bettler mir dann erzählte, ließ mich mit neuen Augen den Menschen in ihm sehen.

Ein Mensch quatscht mich von der Seite anDie unterirdische S-Bahnstation ist ein Ort, an dem ich mich am liebsten in mich zurückziehe. Umso mehr rollte ich die Augen, als ich von dem Typen angebettelt wurde. „Was soll’s“, dachte ich und kramte einen Euro raus. „Die hätte ich auch gerne“ hörte ich es neben mir mit einem halben Ohr. „Die hätte doch jeder gerne!“ Irritiert blickte ich mich um. Jetzt erst sah ich, worum es ging. Im Hintergrund lief eine Lottowerbung auf dem Bahnsteigbildschirm. Jackpot: 36 Millionen Euro.

„Das ist schon eine ganze Menge Geld“ antwortete ich kurz angebunden.

„Aber das Geld kann man ja leider nicht mit ins Grab nehmen“ kam es zurück.

Ich: „Doch davor kann man sich damit ein schönes Leben machen.“

„Ja, anlegen und von den Zinsen leben. Und ich wüsste schon, wem ich das Geld geben würde.“

Ich wurde aufmerksam.

„Meinem Patenkind, der ist drei. Da würde ich sofort fünf Millionen auf ein Sparbuch tun“, sagte der Mann lächelnd. „Und dann könnte er mit 18 schön von den Zinsen leben.“

In dem Moment fuhr meine S-Bahn ein und ich musste weg, ohne ihm noch einen Dank mit auf den Weg geben zu können. Denn ich habe die Großzügigkeit, Würde und Lebensfreude nicht in dem Mann gesehen, der mich schräg von der Seite auf einen Euro anhaute.

„ Nehmen Sie die Tatsache wahr, dass Sie voreingenommen sind?“
Jiddu Krishnamurti (1895–1986), indischer Autor und spiritueller Lehrer

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