Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Zeitlos am Ausgang der Pandemie

Am besten beschrieben ihr aktuelles Zeitgefühl die zerfließenden Uhren auf Salvador Dalis Gemälde, denn nichts bekam sie mehr so richtig zu fassen: Wochentage, Monate, welches Jahr haben wir? Die Pandemie hatte ihre innere Uhr weichgekocht. Wann würde diese Zeitlosigkeit enden?

In den letzten 14 Monaten wurden durch die Pandemie unsere alltäglichen Rahmenbedingungen verändert. Teilweise von heute auf morgen, ohne Zeit, sich auf den Übergang einzustellen, war Schule nicht mehr Schule, Arbeit nicht mehr pendeln, Freunde nicht mehr zu treffen. Kunst, Musik, Sport – kein Kurs war mehr möglich. All das führte bei manchen Menschen zu einem gestörten Zeitempfinden, denn Routinen fielen als haltgebende Orientierung weg.

Wochenrituale entfielen wie der sonntägliche Tanzkurs, freitags kegeln, dienstags Yoga, Chor am Donnerstag. Diese wiederkehrenden Ankerpunkte gaben eine Struktur, die oft durch den Wechsel aus Werktagen mit einem Weg zu außerhäusigen Arbeit und den freien Tagen mit Einkaufen und Freizeit verstärkt wurden. Nun aber waberten für viele Menschen die Tage nahezu unterschiedslos ineinander. Für viele, wenn auch nicht alle, blieb wenigstens das monatliche Ritual einer Gehaltsüberweisung erhalten.

Auch die gewohnten Abläufe innerhalb eines Tages wurden neu geformt. Für Eltern gab es dank „Homeschooling“ einen Crashkurs in Pädagogik, Vermittlung von Lehrstoff und IT-Support mit gleichzeitigem Turbolernen in Sachen Multitasking, Reorganisation und Voraussehen von neuen Corona-Verordnungen. Kurzarbeit oder erzwungenes komplettes Nicht-Tun in „100%iger Kurzarbeit“ brachten viele aus dem Konzept. Das Mitnehmen von Masken wurde zur Gewohnheit, Einkaufsplanung auf die größeren Bedarfe zu Hause zur Herausforderung und erholsamer Schlaf eine innig ersehnte Rarität.

In der Corona-Pandemie ist die Zeit nicht zu fassenHinzu kommt der unglückselige Corona-Maßnahmen-Dreisprung aus „Hoffen – Bangen – Enttäuschung“, wenn sich die angekündigte, die ersehnte Wiedereinsetzung von Grundrechten ein um das andere Mal verschoben wurde. Wer kann schon noch mitzählen, wie oft sie oder er „noch ein letztes Mal“ durchgehalten hat? Und noch einmal. Und noch mal. Auch das lässt Zeit haltlos erscheinen.

Wenigstens blieben die Jahreszeiten erhalten. Wir sahen das Ende des Winters, Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter und nun ein beginnendes Frühjahr in der Natur. Was fehlte, waren die Feste, die damit verbunden sind. Seien es religiöse, kulturelle oder schlicht materielle: Osternächte, Frühlingsmärkte, Sommerfestivals, Weinfeste, Weihnachtsmärkte. Was früher ein „Must do“ war mutierte zum „Can’t do“.

Die Folge: manchen kam es vor, als flösse die Zeit durch sie hindurch. Welcher Wochentag ist heute nochmal? Wir haben schon Monatsende? In zwei Monaten ist schon Silvester? Oft hörte ich diese Fragen in Gesprächen und stellte sie mir zunehmend selbst. Mir schien, dass sich mein innerer Kalender vom äußeren, realen Kalender abgekoppelt hatte und eine Synchronisierung mühsam war.

Nun jedoch scheinen äußere Fixpunkte im Leben wieder erreichbar zu sein und sehr wahrscheinlich werden es manche alten Gewohnheiten nicht mehr in das „neue Jetzt“ schaffen, dafür haben sich neue Verhaltensweisen entwickelt, auf die so manche:r nicht mehr verzichten möchte. Alte Lieben, neue Entdeckungen, gibt es auch bei Gewohnheiten. So können wir die verlorengegangene Zeit wieder zu fassen bekommen.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Stimmt es,
dass es sein muss?
Ist für heute wirklich Schluss?

Heut ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage!

Schlusslied aus der Fernsehserie „Der rosarote Panther“

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Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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Gegen das Unvermeidliche ist Aufbegehren zwecklos

Der Chef fand seine Idee spaßig: eine große virtuelle Feier zum 50. Tag im Corona-Homeoffice und alle tragen etwas dazu bei. Doch dem Kollegen war nicht zum Jubeln, sondern er wechselte seit Wochen zwischen Depression und Aggression. Wie sollte er diese Arbeitswelt bloß überleben?

In fast jedem Ratgeber für ein erfolgreiches und somit glückliches Leben findet sich dieser Selbstverwirklichungs-Dreisatz von Walt Disney:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Or leave it (Oder verlasse es)

Er vermittelt den Eindruck, wir alle hätten es selbst in der Hand, das Leben im eigenen Sinne zu gestalten. Doch die Wahrheit ist: wir können nicht immer unser Glückes Schmied sein. Manchmal müssen wir uns arrangieren. Denn es gibt Situationen, denen wir schlichtweg ausgesetzt sind. Kriegen und Pandemien zum Beispiel. Oder dem Wetter.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“ Da haben wir in diesem Werbespruch wieder den versteckten Vorwurf: Wenn Du unglücklich bist, liegt es nur an den falschen Produkten oder falschen Gedanken. Zusammengefasst: Du bist selbst dran schuld. Du wolltest ein rauschendes Picknick-Fest feiern und es gießt in Strömen? Hey, alles nur eine Sache der Einstellung!

Die Coronazeit ist ein MarathonEs ist Pandemie, Du vermisst die Umarmungen Deiner Freunde, Deine Großeltern siehst Du nur noch in der Videokonferenz? Aber hey, dafür kannst Du doch jetzt endlich Mandarin lernen! Ach, Homeoffice und Homeschooling laufen nicht so locker, wie die Klatsch- und Tratsch-Kolumnen im Netz behaupten? Hey, mach Dich halt einfach mal locker. Liebe es einfach! Oder ändere es! Oder verlasse es!

Ach nee, das geht ja nicht. Wie soll ich denn bitte schön die aktuelle Situation verlassen? Ich kann sie auch nicht ändern. Und verdammt noch mal:
Ich. Kann. Die. Situation. Nicht. Lieben.
Und. Ich. Will. Das. Auch. Nicht!

Zum Teufel mit den Ratgebern, denn eigentlich besteht die Auflistung aus vier Optionen:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Leave it (Verlasse es)
Endure it (Halte es aus)

Nach mehr als zwei Monaten Einschränkungen liegen bei Vielen die Nerven blank, alles soll wieder so sein wie vorher. Im trügerischen Selbstoptimierungs-Dreisatz gilt es daher, die Situation zu verändern. Die Situation rund um Corona ist komplex. Zugegebenermaßen so komplex, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Menschen, die es nicht aushalten, einer unabänderlichen Lage ausgesetzt zu sein, sind anfällig für einfache Erklärungen. Schuldige sind dann schnell benannt. Und sind die erstmal aus dem Weg geräumt, wird alles wieder gut. Die Situation wird (scheinbar) erfolgreich geändert.

Doch schnell geht bei Covid-19 gar nichts. Viele sprechen von einem Marathon. Der geht bekanntlich über 42,195 Kilometer. Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer. Also sind wir aktuell bei Kilometer 15. Mitte November sehen wir weiter, dann ist die Marathondistanz erreicht. Bis dahin gilt für mich:

Hütet Euch vor den falschen Propheten, sie kommen zu Euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.

Matthäus 7, 15 (Bergpredigt)

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Die Bedürfniswaage (nicht nur) in Coronazeiten

Er konnte die fröhlichen #StayAtHome #ZuhauseBleiben Heimquarantäne-Videos nicht mehr sehen. Er hasste es mittlerweile, ständig von der Familie umgeben zu arbeiten. Er sehnte sich nach der Abgeschiedenheit seines Arbeitsweges, der nüchternen Büroatmosphäre und selbst nach manch unsympathischem Kollegen. Wie sollte er das alles bloß weiter aushalten?

Die Trennung vom gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Leben bringt für Solo-Selbständige und Angestellte ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Während Angestellte (bisher noch) grundsätzlich eine Arbeitsstelle und damit ein Einkommen haben, ist bei Selbständigen die Existenznot viel größer. Gleichzeitig sind sie es eher gewohnt, alleine zu arbeiten, während Angestellte oft in einem Gruppenverbund tätig sind. Beide Gruppen müssen auf nicht absehbare Zeit mehr von dem aushalten, was unangenehm für sie ist.

Der schweizerische Paartherapeut Christoph Thomann geht davon aus, dass jeder Mensch vier elementare Grundbedürfnisse hat. Er beschreibt sie als die gegensätzlichen Paare aus Nähe – Distanz sowie Dauer/Struktur – Wechsel. Jeder Mensch braucht von allen vier Bedürfnissen etwas, aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein Mensch hat daher eine Grundprägung, sozusagen eine Bedürfnisheimat.

Die eigenen Bedürfnisse in Balance bringenDie neue Situation erfordert, dass ich mich vielleicht mehr mit Nähe auseinandersetzen muss, als mir lieb ist. Oder dass ich mehr Neues ausprobieren muss, als ich gewöhnlich wage. Das kann am Anfang ganz reizvoll sein, so wie ein Experiment, Urlaub oder Abenteuer. Doch die eigene Grundprägung kann ein Mensch nicht einfach mal so ändern oder ablegen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem es mir zu viel wird: Zu viel Nähe zur Familie zu Hause; zu viel Distanz von Freunden; zu viel Unsicherheit über die Zukunft; zu oft Spaghetti mit Tomatensoße.

Es kann helfen, wenn ich schaue, welche meiner Bedürfnisse gerade unterversorgt sind: zu wenig „Ich, mein Leben“, weil es zu viel Gemeinsamkeit und Familie gibt? Zu wenig Kontakt zu Kolleg*innen, weil ich zu weit weg im Homeoffice bin? Zu viel Langweile, weil ich zu wenig Inspiration erlebe? Zu viel Unsicherheit, weil ich zu wenig stützende Strukturen erfahre?

Wenn ich erkenne, was mir gerade zu viel wird, kann ich das gegenteilige Bedürfnis nähren und so für Ausgleich sorgen. Ich kann mehr Gewicht auf die Waagschale legen, die gerade zu leicht ist. Zum Beispiel durch eine Auszeit mit Kopfhörer im Schlafzimmer, ganz für mich alleine. Oder mit einem Videochat mit Kollegen bei einer virtuell geteilten Tasse Kaffee.

Es hilft mir, inne zu halten, zu beobachten und anzuschauen, was gerade wirklich mein Bedürfnis ist. Und dann mutig zu handeln, um auch für mich selbst zu sorgen. Für Egoisten gilt: mutig zu handeln und auch für andere zu sorgen.

Charlie Brown: „Someday we will all die, Snoopy!“
Snoopy: „True. But on all the other days we will not.“

Aus einem Peanuts-Comic von Charles M. Schulz

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Panikattacke im Stammhirn

Das neue Jahr begann noch erschreckender als das letzte endete. Überall Bedrohungen! Während er in seiner Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saß und ein gutes Glas Rotwein trank, fühlte er sich umzingelt von Kriegsdrohungen, Umweltkatastrophen und Wirtschaftsgefahren. Wie sollte er nur überleben?

Der evolutionär älteste Teil unseres Denkorgans ist das Stammhirn. Direkt von den Nervenzellen aus allen Sinnesorganen gefüttert, leitet es alle Informationen an das limbische System weiter. Ein Rascheln! Lauert da eine Gefahr im Unterholz? Ein Schatten am Wegesrand! Naht da ein Feind? Es horcht auch ständig in unser Innerstes hinein. Ein Zwicken in der Leiste! Verhindert das die Flucht? Alle diese Informationen werden unbewusst wahrgenommen und innerhalb einer Viertelsekunde in „Gefahr oder Nicht-Gefahr“, „Böse oder Gut“, „Kampf oder Flucht“ eingeteilt. Denn das limbische System merkt sich seit der Geburt auch die Umstände (Situation + Reaktion = Ergebnis) und wird lebenslang dazu trainiert, Gefahren abzuschätzen und so Handlungsempfehlungen zu geben. Blitzschnell.

Jede Art von Nachrichten wird über dieses System aufgenommen, unabhängig von der Medienquelle (Podcast, Smartphone, Gerüchteküche). So wird unser Alarmsystem dank bester weltweiter Nachrichtenversorgung stets mit allen Impulsen versorgt, die für eine gediegene Panikstimmung notwendig sind. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem allgemeinen Bedrohungsempfinden und der tatsächlichen individuellen Gefahrenlage.

Regelmäßig bringen Umfragen an das Tageslicht, dass die persönliche Situation besser eingeschätzt wird als die des Durchschnitts der Gesellschaft. Menschen, die in Deutschland leben, haben im Allgemeinen Zugang zu einer bezahlbaren und obendrein einer der besten Gesundheitsversorgungen der Welt. Sie leben seit mehr als siebzig Jahren in Frieden und sind von Wetterkatastrophen wie Buschbränden von der Größe der östlichen Bundesländer oder Heuschreckenschwärme von der Größe des Saarlandes verschont geblieben. „Bisher!“, ruft hier das Alarmsystem, „Australien ist näher als Du denkst!“

Emotion plus Ratio ergibt gute Ideen

Nutzen wir also das Gehirn, wofür es geschaffen wurde: zum Denken. Denn neben dem Stammhirn gibt es zum Glück die Großhirnrinde (zuständig für logisches und abstraktes Denken) und dort speziell den präfrontalen Kortex. Der ist sowohl mit dem Stammhirn, dem limbischen System als auch der Großhirnrinde verbunden. In dieser Hirnregion sitzen Zeitgefühl und Selbstgefühl, dort werden moralische Urteile gefällt – sowohl über andere als auch über mich selbst. Hier entstehen die sozialen Bindungen zu anderen Menschen. Wenn Sie wissen wollen, wo dieser geniale Allrounder genau ist: er liegt, wo manche Menschen „ein Brett vor dem Kopf haben“ oder spirituelle Menschen das „Dritte Auge“ lokalisieren.

Die Genialität hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: sie ist komplex und deshalb langsam, die Verarbeitung im Großhirn dauert ungefähr vier Mal so lange wie im limbischen System. Dann kommt nochmal die Bewertung auf Basis unserer Werte im präfrontalen Kortex hinzu. Die braucht auch Zeit. Wenn also mal wieder Panik im Stammhirn ist, hilft es durchaus, tief durchzuatmen und dem restlichen Gehirn Zeit zu geben, darauf zu reagieren. Denn neben der Emotion braucht es den Verstand, um angemessene Reaktionen zu finden.

Gelassene Panik als Grundzustand

Max Frisch (1911 – 1991, Schweizer Schriftsteller)

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Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

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Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

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Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

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