Der Donald Trump in uns

Der Streit zwischen den Eheleuten eskalierte: „Du verhältst Dich wie Donald Trump!“, blaffte sie ihn an. „Für Dich gibt es immer nur schwarz oder weiß!“ Und schwupps! war sie selbst in die Populismus-Falle getappt. Musste das sein?

Kaum ein Abend mit Freunden vergeht, ohne dass „Herr T. aus W.“, der US-amerikanische Präsident also, Teil des Tischgesprächs wird. In der Regel echauffiert man sich über seinen populistischen Stil  und behauptet unisono: „Typisch amerikanisch! Könnte mir nie passieren!“ und ist dabei selbst im Trumpschen Duktus gelandet.

Im Streit gehen die Zwischentöne verlorenAuch bei Streits zwischen Partnern geht es populistisch zur Sache. „Nie beachtest Du mich! Du merkst noch nicht mal, wenn ich beim Friseur war!“. Oder: „Immer nörgelst Du an mir herum! Kann ich nicht einmal meine Ruhe haben?!“ Dazu noch etwas Derbheit wie „Meine besten Jahre habe ich mir Dir dickem Wildschwein verschwendet! Jetzt bin ich dran!“ Fertig ist der Populismus. Seine Kenzeichen: Dramatisierung und Vereinfachung.

Wenn die Emotionen hochkochen, haben wir einen Tunnelblick, der ein klares Freund-Feind-Schema mit sich bringt. Wer sich im Krieg mit dem Scheidungspartner, dem verhassten Kollegen oder „dem System“ wähnt, verteidigt sich aggressiv. Zwischentöne, Grauschattierungen, differenzieren – all‘ das ist – voilà: weibischer Kinderkram.

Doch erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber mich und meine Meinung ernst nimmt; darüber nachdenkt, ob ich vielleicht nicht auch Recht haben könnte, bin ich bereit, eine Brücke zur Verständigung in Erwägung zu ziehen. Differenzieren ist der Anfang vom Ende des Populismus. Aus „immer“ wird erst „häufig“ und später „in Situation x und Situation y war es so …“. Aus „nie“ wird irgendwann „genau dann hast Du nicht … und es hätte mir so gut getan.“

Vielleicht hilft es, sich eine Donald Duck Figur zu kaufen und sie beim nächsten Streit in Sichtweite zu platzieren. Damit sie einen daran erinnert, dass man selbst so aufgeregt polemisieren kann wie ihr Namensvetter im Weißen Haus.

Das meiste, was Menschen zu besprechen haben, gewinnt durch Abwarten, Nachdenken und wohl überlegtes Formulieren.

Stefan Schwarz (*1965, Verfasser von Kolumnen, Romanen und Theaterstücken)

 

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Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

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Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“

 

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Mit 60 auf Wolke sieben schweben

Sie brachte alle Äußerlichkeiten mit, um Männern auf der Straße den Kopf zu verdrehen: Der rot geschminkte Mund kontrastierte perfekt zu ihren Haaren, dezent-erlesener Schmuck an Hals und Händen – so radelte sie schlank und durchtrainiert durchs Viertel. Doch keiner schaute, keiner pfiff ihr hinterher, sehr zu ihrem Bedauern. So ist das halt, wenn man 60 ist, oder?

Blind für die SchönheitDer Vorteil der Jugend ist – naja: jugendlich zu sein. Da ist es keine besondere Leistung, strahlend schön zu sein, das pralle Leben steckt in einem scheinbar ewig begehrenswerten Körper und mit unverbrauchter Neugier und Naivität steht einem die ganze Welt offen. Mit fünfzig oder sechzig Jahren wird weder einer Frau noch einem Mann noch viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wer da auf der Suche nach einer Beziehung ist, der „habe sicherlich einen Schatten, weil geschieden / verwitwet / schon immer Single“ – so ein oft gehörtes Vorurteil.

Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass es schwierig ist, sich mit seinen eigenen Lebensgewohnheiten auf einen anderen Menschen neu einzustellen. Dass liebgewordene Routinen bei einem lebenserfahrenen Gegenüber nicht mehr als „niedliche Marotten“ angesehen werden sondern als inakzeptable Verhaltensweisen. So schränken sich die Auswahlmöglichkeiten für potentiale Partner wie von ganz alleine immer weiter ein, je älter man/frau wird. Bis am Ende das unabänderliche Leben alleine steht.

Doch gerade Menschen, die schon viel erlebt haben, können einen unbezahlbaren Schatz in eine Beziehung mitbringen: sie wissen, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Und welche Kompromisse, gemeinsame Lösungen oder Auswege es geben kann für noch so verfahrene Situationen. Sie haben es nicht mehr nötig, schalen Geschichten zuzuhören, billigen Wein zu trinken oder schlechten Sex zu ertragen nur um jemandem anderen zu gefallen. Diese innere Freiheit kann verlockend sein, leider macht sie vielen Menschen Angst.

Das direkte Umfeld allein lebender älterer Menschen ist in den meisten Fällen auch nicht ermutigend: Liebe und Partnerschaft sei etwas für die Jugend, Sex im Alter ekelhaft. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, ist dieses Verhalten nicht nur erschreckend sondern anmaßend.

„wennze tot bis / isset vorbei / und vorm sterben / musse leben / und dann musse / au ma fragen / oppe happy bis“

Gerburg Jahnke und Stephanie Überall alias „Die Missfits“

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Lebe wohl Hubschrauber-Mutter!

Am Ende reichte es ihr tatsächlich. Das jahrelange Gängeln und Überwachen ihrer Mutter fand ein Ende. Und weil sie schon dabei war, machte sie auch mit der Überkontrolle ihres Ehemannes Schluss. Gut, dass sie noch ein paar Jahre bis zur Rente hatte, die konnte sie jetzt genießen. Doch schade, dass sie es erst mit 55 schaffte, sich zu befreien. Warum eigentlich?

Die Tochter und ihre Mutter waren in einem Teufelskreis gefangen. Angefangen hatte es mit der ganz natürlichen Sorge der Mutter um ihr Kind: ihr sollte es gut gehen, das Böse sollte von ihr ferngehalten werden, damit sie sicher durch das Leben kommt. Dieser Schutzinstinkt übersteigerte sich und verlor das rechte Augenmaß. Denn er wurde nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit gekoppelt. Statt der Tochter Wurzeln und Flügel zu geben, schlangen sich die Wurzeln wie Gitterstäbe um deren Lebensraum. So litten beide unter der Gluckenglocke. Die Mutter drohte bei jeder Freiheitsbestrebung der Tochter krank zu werden und bekam zunehmend weniger ihr eigenes Leben auf die Reihe, die Tochter lernte selbständiges Leben nur unzureichend.

Irgendwann gelingt es, die Ketten zu sprengenIhr erster Ausbruchsversuch war die Ehe mit einem fürsorglichen, verständnisvollen Mann. Dessen Fürsorge war aber nur die Maske seines Herrschaftsanspruches, eifersüchtig wachte er über ihre Aktivitäten. Zog sie einen Rock an, wenn sie mit der besten Freundin ausging, vermutete er einen heimlichen Liebhaber. Das gemeinsame Haus war durch die Kreditfinanzierung Druckmittel genug, um sie bei der Stange zu halten. Schließlich war sie vollständig abhängig von ihrem Mann und ihrer Mutter. Denn die redete ihr ein: so einen netten Mann könne sich jede Frau doch nur wünschen.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, schöpfte sie erste Hoffnung. Doch noch immer war sie gefangen in den jahrzehntelang trainierten Mustern. Dann aber starb ihr Vater, der Zeit seines Lebens hilflos dem Treiben zugesehen hatte. Diese Erschütterung, den letzten Halt zu verlieren, brachte das ganze System zum Wanken. Bevor der Tod der einzige Ausweg aus dem Gefängnis war, das ihr Leben darstellte, wollte sie es wenigstens probiert haben, selbst zu leben. Auch wenn es hart war, zu gehen, so war es noch härter, zu bleiben. Sie packte also ihre Sachen und machte sich davon. Ihr Ziel war München, oder Melbourne oder noch besser: Monrovia. Dorthin, in das von ehemaligen Sklaven gegründete Land mit dem Namen „Freiheit“, würde ihr keiner folgen.

Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende

Werbespruch aus den 1980er Jahren vom ‚Hifi-Haus‘ in Frankfurt

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Was hat die Goldwaage in Beziehungen zu suchen?

Sein Blick irritierte sie immer noch, wie schon am Anfang ihrer Beziehung. In all‘ den Jahren ließ er sie daran zweifeln, dass er sie ernst nahm, dass sie „auf Augenhöhe“ waren. Obwohl er ihr oft genug erklärt hatte, das sei sein „Ich verarbeite gerade das, was Du gesagt hast“-Blick, packte sie ihn auf die Goldwaage und beschloss: Das lasse ich mir nicht länger bieten! Doch hat eine Goldwaage in einer Beziehung überhaupt etwas zu suchen?

Die Goldwaage misst zu genauDie Goldwaage kommt in Beziehungen meistens in zwei Phasen zum Dauereinsatz. Ganz am Anfang, wenn das Beziehungsgeflecht noch so zart und zerbrechlich ist wie ein Spinnennetz. Augenflackern, Schwankungen in der Stimme, ein Zögern bei der Antwort – das kann wie ein Eisregen auf der Haut brennen. Alles ist noch so empfindlich, dass ein falsches Wort schon das Ende vom Anfang bedeuten kann.

Die Goldwaage kommt auch am Anfang vom Ende wieder zum Dauereinsatz. Jahrelange Enttäuschungen, Entbehrungen und Entliebung warten nur darauf, dass er oder sie das heißersehnte Wort, die verhasste Geste oder die zu oft miterlebte Handlung zum Besten gibt, um die im Hintergrund sorgsam sortierten Reihen von Kriegern loszuschicken, die zuverlässig noch aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht haben. Statt wie beim Anbahnen der Beziehung vorsichtig mit den Fingerspitzen zu agieren können nun die Fußabdrücke nicht groß genug sein, mit denen man der Beziehung seinen Stempel aufdrücken will.

Wird alles auf die Goldwaage gelegt, geht der Blick für das große Ganze verloren. Keine Beziehung, ob im Privatleben, ob auf der Arbeit, kann ohne Großzügigkeit und Freiheit gedeihen. Die Goldwaage hat da nur einen Zweck: je weniger sie zum Einsatz kommt, um so besser ist es um die Beziehung bestellt.

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.

Johannes Rau (1931 – 2006, SPD-Politiker, Bundespräsident)

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Männer sind halt so. Oder?

Mit einem zynischen „Hasta la vista, Baby“ befördert der Held den Bösewicht ins Jenseits – sehr zum Vergnügen ihres Ehemannes, der mit dem Sohn gerne „solche primitiven“ Action-Streifen anschaut, wie sie es ihrer Mutter klagend erzählt. Diese antwortet dann immer: „Männer sind halt so!“ Dabei ist ihr Mann sonst ein fürsorglicher Vater und zärtlicher Gefährte. Wie passt das zusammen?

Es scheint zwei Klischees über Männer zu geben. Zum einen gibt es die, die sich vor lauter eingebildeter Manneskraft nur breitbeinig, eine ganze Bank belegend, in die U-Bahn setzen können. Auf der anderen Seite scheint es welche zu geben, die keinen „Arsch in der Hose“ haben und sich von Ehefrau, Mutter und Tante herumkommandieren lassen. Im Kino werden diese Typen vom gnadenlosen Rambo und vergeistigten Neurotikern in Woddy Allen-Manier verkörpert. Doch zwischen einem Despoten und einem Sklaven gibt es noch mehr Männerschicksale und wenn „Frauenversteher“ nicht als Schmähung verwendet wird, haben diese männliche und weibliche Anteile in sich gut vereinigt.

TangotanzendeAm besten lassen sich solche Männer beschreiben, wenn man einen südamerikanischen Tango-Tänzer zum Vorbild nimmt. Tango ist eine fein austarierte Choreographie zwischen Männern und Frauen, Begehren und Begehrt-werden, zwischen Fordern und Gewähren. Manche Figur ist für mitteleuropäisch emanzipierte Menschen eine Zumutung: beispielsweise wenn der Mann sein Knie zwischen die gespreizten Beine der Frau schiebt. Dabei gibt es genau den Punkt, an dem die Figur das Maximum an Nähe und Erotik ausdrückt, ohne aufdringlich oder vulgär zu wirken. Gute Tangotänzer wissen um dieses Gleichgewicht und werden auch als Macho bezeichnet – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Macho.

Ein Macho in Südamerika ist ganz klar ein Mann mit Attributen wie Dynamik, Angriffslust und Härte. Gleichzeitig hat er abwartende, anschmiegsame und ekstatische Anteile in sich, die typisch weibliche Attribute sind. Fehlen diese, spricht man in Südamerika von Machismo. In Deutschland ist genau das die Beschreibung für einen Macho. Es gibt also eine Werteverschiebung zwischen einem südamerikanischen und einem deutschen Macho. Der deutsche hat sein weiches Ich in einem eisernen Gefängnis eingesperrt. Interessanterweise werden solche Männer oft befangen in der Gegenwart einer starken Frau. Wenn sie nicht schüchtern den Rückzug antreten, überspielen sie das gerne mit besonders männlich-klischeehaftem Gehabe.

Ich widerspreche, wenn Evelyn Hamann in einem Loriot-Sketch sagt: „Gott, was sind Männer primitiv!“ Nein, sind sie nicht, manche benötigen mehr eben mehr „Rambo-Qualitäten“, andere hingegen mehr von Woody Allen. Ich frage mich, ob Tangokurse nicht dazu beitragen könnten, dass Männer echte Kerle werden: Männer, die Frauen um derentwillen und nicht um sich selbst Willen begehren. Davon haben beide etwas: die Männer und die Frauen.

„Männer, bei denen die Lust von Herzen kommt, sind mir suspekt. Ich denke doch, die sollte etwas tiefer sitzen.“
Shirley MacLaine, US-amerikanische Schauspielerin

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Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

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Ich habe größten Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern

Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient.

Der Muttertag hat für die Blumenhändler eine Sonderstellung, Werbung für Herztonikum aus der Apotheke, Schokoladenherzen oder sogar auch mal für eine Sondergröße eines Waschmittels zu diesem Anlass kenne ich aus meiner Kindheit. Und natürlich die ungeschriebene Regel, die Mutter an jenem Tag zu besuchen. Auf dieses ganze „Brimborium“ legte meine Mutter seit jeher keinen Wert. „Wenn mir das ganze Jahr nicht gedankt wird, kann ich an dem Tag auch drauf verzichten“ sagte sie meiner Schwester und mir. Sie hatte Recht: der Dank gehört in den Alltag. Ein Alltag, den mein Vater und sie sich mühsam erschaffen haben.

Meine Eltern sind einen weiten Weg gegangenMeine Eltern wurden in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren, rund 600 Kilometer voneinander entfernt. Sie in der heutigen Tschechischen Republik, damals noch „Sudetenland“ genannt, mein Vater in einer Kleinstadt im Taunus. Mit drei Jahren musste meine Mutter mit ihrer Mutter, Großmutter und ihrem Bruder eine neue Heimat finden. Sie landete in der Stadt meines Vaters, ein streng katholischer Ort, dessen Bewohner die Flüchtlinge geringschätzig aufnahmen. Ein Ort, in dem in den 60er Jahren das Tragen einer Jeansjacke meinen Vater schon zum Rocker machte und der Gottesdienst mit lateinischem Ritus zelebriert wurde. Mein Vater wurde schon früh in die Verantwortung genommen und erzog seine deutlich jüngeren Geschwister. Als er meine Mutter zu Hause vorstellte, tat er es mit den Worten „Das ist das Mädchen, das ich heiraten werde.“ Ein Halbstarker und ein Flüchtlingskind, beide mit zwanzig noch nicht volljährig – das war ungehörig und gehörte verboten. Doch ihre Mischung aus Liebe und Durchsetzungsvermögen durchbrach den Widerstand.

1968 landeten sie dann mit zwei Kleinkindern im Frankfurter Nordend, einem Zentrum alternativer Lebens- und Erziehungsformen. Sie lasen die neuesten Erziehungsratgeber und versuchten erfolgreich, konservativ-katholische Wurzeln mit progressiv-linkem Umfeld zu versöhnen. Das Geld war knapp und die günstige Miete spiegelte sich im schlechten Zustand des Hauses wieder, in dem sie eine Wohnung fanden. Die haben sie dann im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen zu einem Zuhause gestaltet. Später, als es etwas mehr Geld gab, machten sie Ausflüge und kleine Urlaube mit uns, nahmen uns mit nach Paris, Brüssel, Moskau und gönnten auch sich die eine oder andere kleine Verrücktheit.

Was sie sich in all den Jahren bis heute bewahrt haben, ist ihre Toleranz, die nicht „Frei von Regeln“ bedeutet. Ihre Neugierde, die kein „Trendhopping“ ist. Und ihr Großmut besonders in Situationen, wo jemand wirklich Hilfe benötigt. Wenn ich mir betrachte, wo sie herkamen und wo sie heute mit Anfang 70 stehen, dann kann ich nur den größten Respekt für ihre Lebensleistung haben. Unabhängig davon, ob „Muttertag“ im Kalender steht.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.“
Anton Kner (1911 – 2003, Deutscher Pfarrer und Schriftsteller)

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Wie man keine Freunde gewinnt

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen und nun sieht man sie wieder in den Bars oder Straßencafés eifrig nach der Bewunderung und der Aufmerksamkeit des Gegenübers fischen: Menschen auf der Balz. Manchmal wirkt das wie ein Eroberungsfeldzug, bei dem eine(r) überrollt wird mit selbstzentriertem Gerede. Dabei geht es doch um Gefühle, um einen gemeinsamen Tanz, nicht um die Eroberung von Ländereien – oder habe ich da etwas missverstanden?

Zeigt kein ehrliches Interesse am GegenüberEs war ein sehr gemütlicher Abend in einer Bar, die mit Möbeln der 50er Jahre und ungewöhnlichen Cocktails eine behagliche Wohnzimmeratmosphäre schuf. Drei Paare waren anwesend, gedämpfte Gespräche, Loungemusik. Doch dann öffnete sich die Tür, ER trat auf die Bühne, um IHR zu imponieren. Kaum dass sie saßen, überfiel er sie und produzierte seine Vorzüge. Sie pflichtete ihm bei und versuchte seine Aufmerksamkeit auf ihre Einzigartigkeit zu lenken. Der Kampf um die Lufthoheit über dem Kennenlernen war voll entbrannt. Die Gespräche der anderen Paare und die Musik wurden in den Hintergrund gedrängt.

1936 hat Dale Carnegie in seinem Buch „Wie man Freunde gewinnt“ die Geschichte eines erfolgreichen Abends erzählt. Sein Gegenüber habe sich beim Abschied sehr für das außerordentliche gute Gespräch bedankt, dabei hatte Carnegie nichts von sich erzählt. Er hat lediglich aufrichtiges Interesse für den anderen gezeigt. Das Buch zählt mittlerweile zu den Klassikern der Kommunikationsliteratur. Auch wenn es ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sind seine „goldenen Regeln“ wie „Geben Sie anderen ehrliche und aufrichtige Anerkennung“, „Interessieren Sie sich aufrichtig für andere“ oder „Erwecken Sie in anderen lebhafte Wünsche“ immer noch aktuell.

Hätte der junge Mann in der Bar nur diese Regeln befolgt! Glauben Sie, dass er bei der Frau im Sessel gegenüber den lebhaften Wunsch geweckt hat, ihn wieder zu treffen? Dabei war doch gerade das sein Ziel, das er mit seinem Verhalten allerdings kräftig sabotierte.

Vorschau

Die junge Kollegin hat keine Chance: links ist das Fenster, vor ihr der Schreibtisch, hinter ihr die Wand und rechts – da sitzt ihr Chef. Fast schon auf ihrem Schoß. An Flucht ist nicht zu denken, auch nicht, als er noch rülpst. Das ist der Alltag bei dieser Mitarbeiterin: sie lässt diese massive Verletzung ihrer Grenzen zu. Kann eine Mischung aus Gehorsam und passivem Widerstand ihre Situation verbessern? Lesen Sie die Antworten am 7. April hier auf meinem Blog.

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