Was hat die Goldwaage in Beziehungen zu suchen?

Sein Blick irritierte sie immer noch, wie schon am Anfang ihrer Beziehung. In all’ den Jahren ließ er sie daran zweifeln, dass er sie ernst nahm, dass sie „auf Augenhöhe“ waren. Obwohl er ihr oft genug erklärt hatte, das sei sein „Ich verarbeite gerade das, was Du gesagt hast“-Blick, packte sie ihn auf die Goldwaage und beschloss: Das lasse ich mir nicht länger bieten! Doch hat eine Goldwaage in einer Beziehung überhaupt etwas zu suchen?

Die Goldwaage misst zu genauDie Goldwaage kommt in Beziehungen meistens in zwei Phasen zum Dauereinsatz. Ganz am Anfang, wenn das Beziehungsgeflecht noch so zart und zerbrechlich ist wie ein Spinnennetz. Augenflackern, Schwankungen in der Stimme, ein Zögern bei der Antwort – das kann wie ein Eisregen auf der Haut brennen. Alles ist noch so empfindlich, dass ein falsches Wort schon das Ende vom Anfang bedeuten kann.

Die Goldwaage kommt auch am Anfang vom Ende wieder zum Dauereinsatz. Jahrelange Enttäuschungen, Entbehrungen und Entliebung warten nur darauf, dass er oder sie das heißersehnte Wort, die verhasste Geste oder die zu oft miterlebte Handlung zum Besten gibt, um die im Hintergrund sorgsam sortierten Reihen von Kriegern loszuschicken, die zuverlässig noch aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht haben. Statt wie beim Anbahnen der Beziehung vorsichtig mit den Fingerspitzen zu agieren können nun die Fußabdrücke nicht groß genug sein, mit denen man der Beziehung seinen Stempel aufdrücken will.

Wird alles auf die Goldwaage gelegt, geht der Blick für das große Ganze verloren. Keine Beziehung, ob im Privatleben, ob auf der Arbeit, kann ohne Großzügigkeit und Freiheit gedeihen. Die Goldwaage hat da nur einen Zweck: je weniger sie zum Einsatz kommt, um so besser ist es um die Beziehung bestellt.

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.

Johannes Rau (1931 – 2006, SPD-Politiker, Bundespräsident)

Share

Männer sind halt so. Oder?

Mit einem zynischen „Hasta la vista, Baby“ befördert der Held den Bösewicht ins Jenseits – sehr zum Vergnügen ihres Ehemannes, der mit dem Sohn gerne „solche primitiven“ Action-Streifen anschaut, wie sie es ihrer Mutter klagend erzählt. Diese antwortet dann immer: „Männer sind halt so!“ Dabei ist ihr Mann sonst ein fürsorglicher Vater und zärtlicher Gefährte. Wie passt das zusammen?

Es scheint zwei Klischees über Männer zu geben. Zum einen gibt es die, die sich vor lauter eingebildeter Manneskraft nur breitbeinig, eine ganze Bank belegend, in die U-Bahn setzen können. Auf der anderen Seite scheint es welche zu geben, die keinen „Arsch in der Hose“ haben und sich von Ehefrau, Mutter und Tante herumkommandieren lassen. Im Kino werden diese Typen vom gnadenlosen Rambo und vergeistigten Neurotikern in Woddy Allen-Manier verkörpert. Doch zwischen einem Despoten und einem Sklaven gibt es noch mehr Männerschicksale und wenn „Frauenversteher“ nicht als Schmähung verwendet wird, haben diese männliche und weibliche Anteile in sich gut vereinigt.

TangotanzendeAm besten lassen sich solche Männer beschreiben, wenn man einen südamerikanischen Tango-Tänzer zum Vorbild nimmt. Tango ist eine fein austarierte Choreographie zwischen Männern und Frauen, Begehren und Begehrt-werden, zwischen Fordern und Gewähren. Manche Figur ist für mitteleuropäisch emanzipierte Menschen eine Zumutung: beispielsweise wenn der Mann sein Knie zwischen die gespreizten Beine der Frau schiebt. Dabei gibt es genau den Punkt, an dem die Figur das Maximum an Nähe und Erotik ausdrückt, ohne aufdringlich oder vulgär zu wirken. Gute Tangotänzer wissen um dieses Gleichgewicht und werden auch als Macho bezeichnet – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Macho.

Ein Macho in Südamerika ist ganz klar ein Mann mit Attributen wie Dynamik, Angriffslust und Härte. Gleichzeitig hat er abwartende, anschmiegsame und ekstatische Anteile in sich, die typisch weibliche Attribute sind. Fehlen diese, spricht man in Südamerika von Machismo. In Deutschland ist genau das die Beschreibung für einen Macho. Es gibt also eine Werteverschiebung zwischen einem südamerikanischen und einem deutschen Macho. Der deutsche hat sein weiches Ich in einem eisernen Gefängnis eingesperrt. Interessanterweise werden solche Männer oft befangen in der Gegenwart einer starken Frau. Wenn sie nicht schüchtern den Rückzug antreten, überspielen sie das gerne mit besonders männlich-klischeehaftem Gehabe.

Ich widerspreche, wenn Evelyn Hamann in einem Loriot-Sketch sagt: „Gott, was sind Männer primitiv!“ Nein, sind sie nicht, manche benötigen mehr eben mehr „Rambo-Qualitäten“, andere hingegen mehr von Woody Allen. Ich frage mich, ob Tangokurse nicht dazu beitragen könnten, dass Männer echte Kerle werden: Männer, die Frauen um derentwillen und nicht um sich selbst Willen begehren. Davon haben beide etwas: die Männer und die Frauen.

„Männer, bei denen die Lust von Herzen kommt, sind mir suspekt. Ich denke doch, die sollte etwas tiefer sitzen.“
Shirley MacLaine, US-amerikanische Schauspielerin

Share

Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

Share

Ich habe größten Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern

Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient.

Der Muttertag hat für die Blumenhändler eine Sonderstellung, Werbung für Herztonikum aus der Apotheke, Schokoladenherzen oder sogar auch mal für eine Sondergröße eines Waschmittels zu diesem Anlass kenne ich aus meiner Kindheit. Und natürlich die ungeschriebene Regel, die Mutter an jenem Tag zu besuchen. Auf dieses ganze „Brimborium“ legte meine Mutter seit jeher keinen Wert. „Wenn mir das ganze Jahr nicht gedankt wird, kann ich an dem Tag auch drauf verzichten“ sagte sie meiner Schwester und mir. Sie hatte Recht: der Dank gehört in den Alltag. Ein Alltag, den mein Vater und sie sich mühsam erschaffen haben.

Meine Eltern sind einen weiten Weg gegangenMeine Eltern wurden in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren, rund 600 Kilometer voneinander entfernt. Sie in der heutigen Tschechischen Republik, damals noch „Sudetenland“ genannt, mein Vater in einer Kleinstadt im Taunus. Mit drei Jahren musste meine Mutter mit ihrer Mutter, Großmutter und ihrem Bruder eine neue Heimat finden. Sie landete in der Stadt meines Vaters, ein streng katholischer Ort, dessen Bewohner die Flüchtlinge geringschätzig aufnahmen. Ein Ort, in dem in den 60er Jahren das Tragen einer Jeansjacke meinen Vater schon zum Rocker machte und der Gottesdienst mit lateinischem Ritus zelebriert wurde. Mein Vater wurde schon früh in die Verantwortung genommen und erzog seine deutlich jüngeren Geschwister. Als er meine Mutter zu Hause vorstellte, tat er es mit den Worten „Das ist das Mädchen, das ich heiraten werde.“ Ein Halbstarker und ein Flüchtlingskind, beide mit zwanzig noch nicht volljährig – das war ungehörig und gehörte verboten. Doch ihre Mischung aus Liebe und Durchsetzungsvermögen durchbrach den Widerstand.

1968 landeten sie dann mit zwei Kleinkindern im Frankfurter Nordend, einem Zentrum alternativer Lebens- und Erziehungsformen. Sie lasen die neuesten Erziehungsratgeber und versuchten erfolgreich, konservativ-katholische Wurzeln mit progressiv-linkem Umfeld zu versöhnen. Das Geld war knapp und die günstige Miete spiegelte sich im schlechten Zustand des Hauses wieder, in dem sie eine Wohnung fanden. Die haben sie dann im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen zu einem Zuhause gestaltet. Später, als es etwas mehr Geld gab, machten sie Ausflüge und kleine Urlaube mit uns, nahmen uns mit nach Paris, Brüssel, Moskau und gönnten auch sich die eine oder andere kleine Verrücktheit.

Was sie sich in all den Jahren bis heute bewahrt haben, ist ihre Toleranz, die nicht „Frei von Regeln“ bedeutet. Ihre Neugierde, die kein „Trendhopping“ ist. Und ihr Großmut besonders in Situationen, wo jemand wirklich Hilfe benötigt. Wenn ich mir betrachte, wo sie herkamen und wo sie heute mit Anfang 70 stehen, dann kann ich nur den größten Respekt für ihre Lebensleistung haben. Unabhängig davon, ob „Muttertag“ im Kalender steht.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.“
Anton Kner (1911 – 2003, Deutscher Pfarrer und Schriftsteller)

Share

Wie man keine Freunde gewinnt

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen und nun sieht man sie wieder in den Bars oder Straßencafés eifrig nach der Bewunderung und der Aufmerksamkeit des Gegenübers fischen: Menschen auf der Balz. Manchmal wirkt das wie ein Eroberungsfeldzug, bei dem eine(r) überrollt wird mit selbstzentriertem Gerede. Dabei geht es doch um Gefühle, um einen gemeinsamen Tanz, nicht um die Eroberung von Ländereien – oder habe ich da etwas missverstanden?

Zeigt kein ehrliches Interesse am GegenüberEs war ein sehr gemütlicher Abend in einer Bar, die mit Möbeln der 50er Jahre und ungewöhnlichen Cocktails eine behagliche Wohnzimmeratmosphäre schuf. Drei Paare waren anwesend, gedämpfte Gespräche, Loungemusik. Doch dann öffnete sich die Tür, ER trat auf die Bühne, um IHR zu imponieren. Kaum dass sie saßen, überfiel er sie und produzierte seine Vorzüge. Sie pflichtete ihm bei und versuchte seine Aufmerksamkeit auf ihre Einzigartigkeit zu lenken. Der Kampf um die Lufthoheit über dem Kennenlernen war voll entbrannt. Die Gespräche der anderen Paare und die Musik wurden in den Hintergrund gedrängt.

1936 hat Dale Carnegie in seinem Buch „Wie man Freunde gewinnt“ die Geschichte eines erfolgreichen Abends erzählt. Sein Gegenüber habe sich beim Abschied sehr für das außerordentliche gute Gespräch bedankt, dabei hatte Carnegie nichts von sich erzählt. Er hat lediglich aufrichtiges Interesse für den anderen gezeigt. Das Buch zählt mittlerweile zu den Klassikern der Kommunikationsliteratur. Auch wenn es ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sind seine „goldenen Regeln“ wie „Geben Sie anderen ehrliche und aufrichtige Anerkennung“, „Interessieren Sie sich aufrichtig für andere“ oder „Erwecken Sie in anderen lebhafte Wünsche“ immer noch aktuell.

Hätte der junge Mann in der Bar nur diese Regeln befolgt! Glauben Sie, dass er bei der Frau im Sessel gegenüber den lebhaften Wunsch geweckt hat, ihn wieder zu treffen? Dabei war doch gerade das sein Ziel, das er mit seinem Verhalten allerdings kräftig sabotierte.

Vorschau

Die junge Kollegin hat keine Chance: links ist das Fenster, vor ihr der Schreibtisch, hinter ihr die Wand und rechts – da sitzt ihr Chef. Fast schon auf ihrem Schoß. An Flucht ist nicht zu denken, auch nicht, als er noch rülpst. Das ist der Alltag bei dieser Mitarbeiterin: sie lässt diese massive Verletzung ihrer Grenzen zu. Kann eine Mischung aus Gehorsam und passivem Widerstand ihre Situation verbessern? Lesen Sie die Antworten am 7. April hier auf meinem Blog.

Share

Der Glückskeks lügt!

Eine schöne Tradition in chinesischen Restaurants ist es, dem Gast mit einem Glückskeks eine Lebensweisheit als guten Wunsch mit auf den Weg zu geben. Wie war ich erstaunt, als ich in meinem Keks die „Weisheit“ fand: „Liebe macht blind“. So ein Unsinn, dachte ich. Im Gegenteil: Liebe öffnet die Augen! Und warum in aller Welt enthält ein Glückskeks einen so frustrierenden Spruch? War dessen Bäcker vielleicht unglücklich verliebt?

Natürlich kenne ich den Spruch, dass Liebe blind macht. Doch meiner Meinung nach werden hier zwei Dinge miteinander vermischt, nämlich: Liebe und Verliebtheit. Verliebtheit ist die Phase mit der rosaroten Brille, auf Wolke sieben schwebend, die begehrte Person in den Himmel lobend. Der Hormonhaushalt spielt komplett verrückt und so manches, was „vorher“ undenkbar war, ja schlichtweg abgelehnt wurde, ist „jetzt“ cool und die anderen sind so spießig, weil sie mich an meine „alten“ Überzeugungen erinnern. Ja, in der Verliebtheit könnten manche Menschen gut und gerne eine gelbe Armbinde mit drei Punkten tragen, die sie als „verblendet“ ausweisen.

Liebe schaut genau hinWenn die Beziehung tragfähig ist, bestehen gute Chancen, sie aus der Phase der Verliebtheit in die Phase der Liebe weiterzuführen. Liebe existiert nicht unter Ausblendung der offensichtlichen Makel und Macken des anderen, sondern sie werden aktiv einbezogen. Der genaue Blick der Liebe auf Stärken und Schwächen des Anderen, wie durch ein Vergrößerungsglas, kann auch manchmal schmerzhaft sein. Für mich, den Betrachter und für mein Gegenüber, das sich nicht mehr hinter einer Maske verstecken kann. Schließlich kann eine Liebeserklärung pendeln zwischen „Und trotzdem liebe ich Dich!“ und „Genau deshalb liebe ich Dich!“

Denn alles, was man mit Liebe betrachtet, ist schön.

Vorschau

Die zweite große Gute-Tat-Saison des Jahres hat gestartet. Seit Aschermittwoch wird wieder gefastet: kein Alkohol (zumindest keine harten Sachen), keine Süßigkeiten (wenigstens keine Schokolade ab 10 Uhr morgens), kein Fleisch (Wurst ist ok) – dem (Selbst-) Betrug sind Tür und Tor geöffnet. Ich kenne das von mir selbst, doch jetzt faste ich „Lästern“. Eine Halbzeitbilanz lesen Sie am 3. März, hier auf meinem Blog.

Share

Eine Welt ohne „Warum muss mir das passieren?“

Auf der Zugfahrt zu meinem Patenkind kam ich mit einer Soziologin ins Gespräch, die Langzeitstudien mit Kindern macht, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm sind. Das Wort „behindert“ will mir nicht über die Lippen, denn so wie diese Kinder mit ihren körperlichen Einschränkungen umgehen, hinterließ bei mir die Frage, ob ich der tatsächlich „Behinderte“ bin – nämlich in der Wahrnehmung meines Umfeldes. Sie öffnete mir die Augen für eine Welt, in der es kein „Warum muss mir das passieren?“ gibt, sondern das Gegebene tatsächlich als „mir gegeben“ angesehen wird.

Fragt nicht, warum es so istStellen Sie sich vor, dass sich bisher das Berufs- und Privatleben entsprechend Ihren Planungen entwickelt hat. Komplettiert wird das Glück noch durch die Geburt eines Kindes. Die PEKiP-Gruppe ist schon gefunden, der Krabbelstubenplatz reserviert und die Rückkehr aus dem Erziehungsurlaub auf ein Jahr nach der Geburt festgelegt. Und dann kommt der Kinderarzt und spricht von einer „Anomalität“, einem „Problem“. Das Kind habe sehr zerbrechliche Knochen und werde wohl Zeitlebens auf einen speziell gefederten Rollstuhl angewiesen sein. Lautlos bricht die Katastrophe über Sie herein – aus Ihrer Perspektive. „Warum nur musste (mir) das passieren?“ wird da leicht zu einem Mantra, hält die Wahrnehmung auf die Vergangenheit fixiert und macht blind für das „Hier und Jetzt“.

Das Kind mit den zerbrechlichen Knochen kennt nichts anderes als das, was es spürt und gespiegelt bekommt. Aus seiner Perspektive ist die Welt genauso spannend wie für jedes andere Kind: Alles will entdeckt werden, die Grenzen werden ausgetestet und das Kind will sich ausprobieren. Dass es dabei zu Knochenbrüchen kommt, gehört dazu. Die Schmerzen sind Bestandteil des Lebens. „Aber warum hast Du das denn getan? Du wusstest doch, dass Du Dir wehtun wirst!“ fragt die Mutter. Die Antwort ist ebenso logisch wie entwaffnend; „Ich wollte es ausprobieren!“ Das Kind übernimmt Verantwortung für sein Leben und das gilt es zu respektieren. Wer will schon die Entwicklung seines Kindes unterbinden?

Unbestreitbar ist das Leben mit einem besonders herausgeforderten und herausfordernden Kind völlig anders als geplant. Und genau darin liegt die Chance. Was dieses Kind erreicht ist bewundernswert – betrachten Sie mal die Erfolge aus seiner Perspektive! Es sind Geschenke, die die Eltern annehmen könn(t)en. Das Kind fragt nicht, warum es so ist, wie es ist. Weise Lehrer und religiöse Philosophen sagen nichts anderes: Sei mit dem, was ist.

Vorschau

88 Prozent von 67 Testerinnen bestätigen messbare Ergebnisse mit dem Faltenlineal und empfehlen das Wunschvolumen, das sogar besser als eine Laser-Session ist. Ich habe gerade mal bis Seite 15 einer Frauenzeitschrift geblättert und bin schon vier Werbeanzeigen für Schönheitsprodukte begegnet. Wer jung ist, ist schön – so die gängige Formel. Um die dreckige Arbeit des Verblühens kümmert sich des Teufels Foltermeisterin: die Zeit. Auch wenn mich die Kosmetikindustrie hassen wird, verrate ich Ihnen am 9. Dezember meine vier Geheimnisse für Schönheit im Alter. Garantiert Cremefrei. Hier auf meinem Blog.

Share

Schicht für Schicht verschleiere ich meine Meinung

Neulich im Museum hörte ich vor einem Kunstwerk: „Eigentlich gar nicht mal so übel, das Ding hier. Das muss man jetzt mal zugeben.“ Aber hallo, da war ja ein echter Sprachkünstler am Werk! Er schmiss eine Burka aus Füllworten und Abschwächungen über den Kern der Aussage, bis der nicht mehr zu erkennen war. Einmal darauf aufmerksam geworden fielen mir zu meinem Entsetzen unzählige Verschleierungsworte auch in meinem täglichen Sprachgebrauch auf.

unzählige Verschleierungssätze in meinem täglichen SprachgebrauchIch ertappte mich dabei, dass sich wieder das Wort „müssen“ bei mir breitgemacht hatte. Dabei hatte ich es vor Jahren erfolgreich zurückgedrängt, als eine IKEA Werbekampagne im fiktiven Ort „Müssen“ spielte. Dort herrschten gesellschaftliche Zwänge und das echte Leben hatte keine Chance. Vor den Einrichtungshäusern gab es Schilder, wie sie am Ortsausgang stehen. Hier endete „Müssen“, der nächste Ort ist „Können“. Ich begann damals, „müssen“ zu ersetzen durch „mögen“, „wollen“, „können“, „vorhaben“, „wünschen“ – je nachdem, was ich wirklich zum Ausdruck bringen wollte. Denn der Klang der Worte verändert etwas im Kopf und im Herzen. „Ich muss dringend mal aufräumen“ klingt gezwungen und fremdgesteuert. Mit „Ich möchte jetzt endlich aufräumen“ habe ich das Heft des Handels noch in der Hand. Wie oft sage ich am Tag „Ich muss“?

Durch das Erlebnis im Museum richtete nun mein Augenmerk auf andere beliebte Schleierworte:

  • „Ich würde sagen …“ – sage ich es nun oder sage ich es nicht?
  • Eigentlich wollte ich …“ – und uneigentlich, was will ich?
  • Irgendwann sollten wir das mal angehen …“ – ich liebe diesen komplexen Klassiker! „Irgendwann“ verschiebt das Vorhaben in eine unbestimmte Zukunft und macht es vornherein unwichtig. Und was bedeutet hier „wir“? Ist das ein „Du-wir“ (Du machst es), ein „Ich-wir“ (Ich mache es) oder ein „Wir-wir“ (Wir machen es und ich übernehme die Führung)?

„Diese Liste ist nicht übel für den Anfang“ und meine damit „Diese Liste finde ich für den Anfang gut“. Das Wort „nicht“ wird vom Gehirn im Übrigen schlecht verarbeitet. Probieren Sie es aus und versuchen jetzt eine Minute lang nicht an einen blauen Elefanten zu denken.

 

 

Und? Wie sah er aus, Ihr Elefant? War er blau?

Das Wort „nicht“ wird vom Gehirn schlichtweg „überhört“. Daher empfehlen erfahrene Erzieher, den Kindern statt Verboten positiv besetzte Alternativen zu geben. Statt: „Die Füße gehören nicht auf den Tisch“ zu sagen: „Die Füße bleiben auf dem Boden“. Verbote werden nicht funktionieren, wenn die Eltern ihre Vorstellung nicht positiv formulieren. Ist Ihnen dieser Satz zu kompliziert, streichen Sie die beiden „nicht“ einfach durch.

Sollten Sie es ausprobieren und Camouflage-Sätze vermeiden, seien Sie gewarnt: Manche Menschen haben solange Versteck mit ihren Aussagen gespielt, dass sie es verlernt haben, eine klare Meinung zu sagen oder zu hören. Schade eigentlich.

Vorschau

Es wird Zeit, dass ich Ihnen ein großes Vorbild vorstelle. Sie wohnt unter uns, wird bald 89, ist geistig immer noch topfit und in der Regel sehr vergnügt. Einer ihrer Grundsätze ist nämlich „Es ist nichts so schlecht, dass es nicht für etwas gut wäre.“ Sie gewinnt den Umständen möglichst immer noch was Positives ab und mit 88 sind die Umstände oft eine große Herausforderung. Damit ist sie eine Meisterin im „Re-framing“, einer Methode aus dem systemischen Coaching. Und das, obwohl ihr der Begriff sicher unbekannt ist. Lernen Sie sie kennen, am 30. September, hier auf meinem Blog.

Share

Herzalarm auf Lanzarote

Die Sonne steht an einem wolkenlosen Himmel, das Meer schimmert türkis und die erloschenen Vulkane erheben sich machtvoll am Horizont. Doch statt urlaubsgemäßer Hochstimmung herrscht bei mir Niedergeschlagenheit und ich würde mich am liebsten in eine Ecke verkriechen und heulen. „Schuld“ daran sind zwei Katzen und ein Hund, denen ich am Mittag begegnet bin.

Ich war gerade mit meiner Frau zwei Wochen auf Lanzarote und es ergab sich, dass wir Flugpaten für eine Katze waren, die in Deutschland ein neues Zuhause bekommt. Um letzte Details zu klären wollte ich in das Tierheim, in dem sie untergebracht war. Meine Frau warnte mich, das sei keine gute Idee. Und sie behielt Recht. Im Tierheim warteten über 220 Hunde und 150 Katzen auf einen liebevollen Menschen, der gerade sie auserwählt, das Leben mit ihnen zu teilen. Ich habe es nicht so mit Hunden, doch der Blick von einem traf mich in’s Mark, als er mich anschaute und voll hoffender Freude eine Pfote hob. Mannigfaches Hilfsbedürfnis und eigene HilflosigkeitIn den Katzenräumen hat ein roter Kater bescheiden und würdevoll Kontakt mit uns aufgenommen, während eine bildhübsche Graue sich offensiv zum Kuscheln an mich ranmachte. 220 Hunde, 150 Katzen – das sind abstrakte Zahlen, die durch diese drei Tiere ganz real wurden und alle Helferimpulse in mir aktivierten. Nun haben wir schon zwei Kater und „Null“ Hundeerfahrung, aber könnten wir nicht doch vielleicht … wenn wir schon mal hier sind … sie sehnen sich doch nach einem Zuhause … Ich spürte mannigfaches Hilfsbedürfnis und meine eigene Hilflosigkeit.

Meine Frau übernahm die rationale Rolle des „Bad guy“ und warf ein Argument nach dem anderen in die Waagschale. Doch das alles zählte nicht, ich wollte nichts hören. Es schien mir, als würde sie lähmende Vernunftsuppe über mein blutendes leidendes Herz schütten. Ich war der „Good guy“, ich wollte aktiv werden, helfen, retten.

Nach ein, zwei Tagen hatte ich mich beruhigt und eingesehen, dass ich nicht „die Welt retten“ kann. Zudem geht es den Tieren – trotz allem – im Tierheim besser als auf der Straße oder in einer Tötungsstation. Doch ich schaue im Internet regelmäßig, ob Zipi↗ oder Gatito Italia↗ vermittelt wurden. Und wer weiß? Vielleicht kann ich ihnen doch noch eine Heimat verschaffen …

Vorschau

Morgens auf dem Weg zur Autobahn sind wieder einmal nur Deppen unterwegs, ich muss mich richtig hineindrängeln in die Schlange egoistischer Autofahrer. Im Büro scheint es nur unkoordinierte, unüberlegte und unverständliche Entscheidungen dummer Menschen zu geben. Das Essen in der Kantine ist ungenießbar – so wie ich. Den ganzen Tag liege ich quer und will mit dem Kopf durch jede sich mir bietende Wand. Womit fing der ganze Ärger eigentlich an? Erfahren Sie es ab dem 12. August, hier in meinem Blog.

Share

Ein Hoch auf Kaffee und Schokolade, die Friedensstifter

In der heimischen Arena geht es zu wie in einem Hexenkessel. Die Kontrahenten haben sich gnadenlos ineinander verbissen. Für die Gladiatoren geht es um Leben und Tod. Mancher Streit zwischen Paaren erinnert an den Circus Maximus in Rom. Ein Hoch auf Kaffee und Schokolade – die können den Frieden wiederherstellen. Wie soll das gehen?

Eine Unterbrechung bevor der Streit endlos wirdWenn ich an manche Streitigkeiten in unserer Ehe zurück denke, dann erinnere ich mich nur noch an das Porzellan, das wir (auch im wörtlichen Sinn) zerbrochen haben. Und an die Erschöpfung, wenn sich der Rauch über dem Schlachtfeld verzogen hat. Doch beim besten Willen kann ich mich nicht erinnern, worum es bei dem Streit eigentlich ging. Oder wie er angefangen hat. Doch irgendwann kam ein Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab. Wie zwei Kampfhunde haben meine Frau und ich uns ineinander verbissen und bis weit über die Erschöpfung hinaus nicht mehr losgelassen. Doch seit vielen Jahren haben wir ein Ritual, um wieder zu Sinnen zu kommen.

Kurz bevor wir uns hoffnungslos zerstreiten stellt einer von uns beiden die Frage: „Hast Du Lust auf einen Kaffee und Schokolade?“. Das Angebot ist zu verlockend:

  • Da bietet mir mein „Gegner“ an, etwas für mich zu tun!
  • Ich liebe den Duft von Kaffee, dessen bitteren Geschmack, den zarten Schmelz von Schokolade – welch sinnliche Vorfreude!
  • Einer muss in die Küche gehen, den Kaffee aufsetzen, die Schokolade aus dem Schrank holen – zwischen uns Streithähnen entsteht eine räumliche Distanz.
  • Jeder kann sich für sich selbst beruhigen. Sich klar werden, wo sein Standpunkt ist und wo der des anderen. Wir lieben uns doch, wo wollen wir eigentlich hin?
  • Wenn dann nach fünf Minuten der Kaffee blubbert, der Duft durch die Wohnung zieht, das Schokoladenpapier raschelt, haben sich in der Regel die Gemüter schon deutlich beruhigt.
  • Dann tun Koffein und Zucker ihre Arbeit: der Körper bekommt Energie, das Hirn wieder Sauerstoff und die Gedanken werden klar.

Und so werden beim Schlürfen und Schmatzen die Friedensverhandlungen begonnen. Statt zu kämpfen, bis alles zu spät ist, können wir nach tragfähigen Kompromissen suchen. Uns wieder als liebendes Ehepaar entdecken. Oder mit Erschrecken feststellen: wir hatten uns einfach nur missverstanden.

Vorschau

Durch meine Kindheit schallte an Schlagernachmittagen Bill Ramseys tiefe Stimme aus dem Radio und sein Ohrwurm „Souvenirs, Souvenirs!“ geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Jetzt beginnt die Urlaubssaison und ich bin gespannt, welche Souvenirs ich mitbringen werde, die „wie das Salz in der Lebenssuppe“ sind. Mein Leben ist glücklicherweise reich an Souvenirs. Kommen Sie! Ich nehme Sie mit auf eine Reise, die Ihnen bestimmt ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird! Ab dem 1.7. hier auf meinem Blog.

Share