Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Lange Beziehungen machen clever

Mit einem fröhlichen „Hallo Schatz, ich habe eine Überraschung für Dich!“ kam er spät abends nach Hause, doch nicht alleine. Zwei Übernachtungsgäste standen in der Tür und sie musste mal wieder improvisieren: Essen machen, Betten herrichten, … Wo sie doch vorausschauende Planung so liebte! Warum nahm ihr Mann auch nach all den Jahren darauf keine Rücksicht?

Langjährige Beziehungen haben viel Entwicklungspotential. Die Partner lernen mit- und aneinander, was der andere oder man selbst braucht. So kann der eine nicht ohne klare Regeln, verbindliche Absprachen und große Zuverlässigkeit leben. Und fordert das beim Gegenüber auch ein. Der wiederum liebt es vielleicht ganz spontan zu sein, dem Zauber des Moments zu folgen und so um sich herum ganz ungewollt für Chaos zu sorgen.

Auch das Bedürfnis nach Nähe bzw. Distanz kann ungleich verteilt sein. Was dem einen zu wenig ist, ist dem anderen manchmal schon zu viel. Zwischen diesen Polen gilt es, Kompromisse auszuloten.

Gemeinsam über Lebenshürden springenAlso haben die Partner in langen Jahren gelernt miteinander zu diskutieren (manchmal auch zu streiten) um am Ende etwas Tragfähigeres zu finden als einen faulen Kompromiss. Denn der sorgt nur für Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Eine Lösung kann es sein, eine Kooperation (einen gemeinsamen neuen Weg) zu vereinbaren. Eine andere, die eigenen Bedürfnisse als Stärke zu nutzen, um damit den Schwierigkeiten entgegengesetzter Anforderungen des Ehealltags zu begegnen.

Bei Nähe und Distanz ist der gemeinsame Urlaub die Herausforderung schlechthin. Es gibt Paare, die diese innige Zweisamkeit nach drei, vier Tagen mit einer Einzelzeit unterbrechen. Tage, an denen jede/r für sich alleine unterwegs ist, die Akkus auflädt und voll neuer eigener Eindrücke am Abend ins Hotelzimmer zurückkehrt.

Im Fall der überraschenden Übernachtungsgäste sah die Lösung der Ehefrau ganz strukturiert aus. Sie plant nun immer mit spontanen Besuchen, das Gästezimmer ist fertig präpariert und die Telefon- und Kundennummer des Sushi-Bringdienstes hat sie auswendig parat. Da kann jetzt kommen wer will.

Kleinigkeiten machen oft die größten Schwierigkeiten

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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Der Donald Trump in uns

Der Streit zwischen den Eheleuten eskalierte: „Du verhältst Dich wie Donald Trump!“, blaffte sie ihn an. „Für Dich gibt es immer nur schwarz oder weiß!“ Und schwupps! war sie selbst in die Populismus-Falle getappt. Musste das sein?

Kaum ein Abend mit Freunden vergeht, ohne dass „Herr T. aus W.“, der US-amerikanische Präsident also, Teil des Tischgesprächs wird. In der Regel echauffiert man sich über seinen populistischen Stil  und behauptet unisono: „Typisch amerikanisch! Könnte mir nie passieren!“ und ist dabei selbst im Trumpschen Duktus gelandet.

Im Streit gehen die Zwischentöne verlorenAuch bei Streits zwischen Partnern geht es populistisch zur Sache. „Nie beachtest Du mich! Du merkst noch nicht mal, wenn ich beim Friseur war!“. Oder: „Immer nörgelst Du an mir herum! Kann ich nicht einmal meine Ruhe haben?!“ Dazu noch etwas Derbheit wie „Meine besten Jahre habe ich mir Dir dickem Wildschwein verschwendet! Jetzt bin ich dran!“ Fertig ist der Populismus. Seine Kenzeichen: Dramatisierung und Vereinfachung.

Wenn die Emotionen hochkochen, haben wir einen Tunnelblick, der ein klares Freund-Feind-Schema mit sich bringt. Wer sich im Krieg mit dem Scheidungspartner, dem verhassten Kollegen oder „dem System“ wähnt, verteidigt sich aggressiv. Zwischentöne, Grauschattierungen, differenzieren – all‘ das ist – voilà: weibischer Kinderkram.

Doch erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber mich und meine Meinung ernst nimmt; darüber nachdenkt, ob ich vielleicht nicht auch Recht haben könnte, bin ich bereit, eine Brücke zur Verständigung in Erwägung zu ziehen. Differenzieren ist der Anfang vom Ende des Populismus. Aus „immer“ wird erst „häufig“ und später „in Situation x und Situation y war es so …“. Aus „nie“ wird irgendwann „genau dann hast Du nicht … und es hätte mir so gut getan.“

Vielleicht hilft es, sich eine Donald Duck Figur zu kaufen und sie beim nächsten Streit in Sichtweite zu platzieren. Damit sie einen daran erinnert, dass man selbst so aufgeregt polemisieren kann wie ihr Namensvetter im Weißen Haus.

Das meiste, was Menschen zu besprechen haben, gewinnt durch Abwarten, Nachdenken und wohl überlegtes Formulieren.

Stefan Schwarz (*1965, Verfasser von Kolumnen, Romanen und Theaterstücken)

 

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Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

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Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“

 

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Mit 60 auf Wolke sieben schweben

Sie brachte alle Äußerlichkeiten mit, um Männern auf der Straße den Kopf zu verdrehen: Der rot geschminkte Mund kontrastierte perfekt zu ihren Haaren, dezent-erlesener Schmuck an Hals und Händen – so radelte sie schlank und durchtrainiert durchs Viertel. Doch keiner schaute, keiner pfiff ihr hinterher, sehr zu ihrem Bedauern. So ist das halt, wenn man 60 ist, oder?

Blind für die SchönheitDer Vorteil der Jugend ist – naja: jugendlich zu sein. Da ist es keine besondere Leistung, strahlend schön zu sein, das pralle Leben steckt in einem scheinbar ewig begehrenswerten Körper und mit unverbrauchter Neugier und Naivität steht einem die ganze Welt offen. Mit fünfzig oder sechzig Jahren wird weder einer Frau noch einem Mann noch viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wer da auf der Suche nach einer Beziehung ist, der „habe sicherlich einen Schatten, weil geschieden / verwitwet / schon immer Single“ – so ein oft gehörtes Vorurteil.

Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass es schwierig ist, sich mit seinen eigenen Lebensgewohnheiten auf einen anderen Menschen neu einzustellen. Dass liebgewordene Routinen bei einem lebenserfahrenen Gegenüber nicht mehr als „niedliche Marotten“ angesehen werden sondern als inakzeptable Verhaltensweisen. So schränken sich die Auswahlmöglichkeiten für potentiale Partner wie von ganz alleine immer weiter ein, je älter man/frau wird. Bis am Ende das unabänderliche Leben alleine steht.

Doch gerade Menschen, die schon viel erlebt haben, können einen unbezahlbaren Schatz in eine Beziehung mitbringen: sie wissen, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Und welche Kompromisse, gemeinsame Lösungen oder Auswege es geben kann für noch so verfahrene Situationen. Sie haben es nicht mehr nötig, schalen Geschichten zuzuhören, billigen Wein zu trinken oder schlechten Sex zu ertragen nur um jemandem anderen zu gefallen. Diese innere Freiheit kann verlockend sein, leider macht sie vielen Menschen Angst.

Das direkte Umfeld allein lebender älterer Menschen ist in den meisten Fällen auch nicht ermutigend: Liebe und Partnerschaft sei etwas für die Jugend, Sex im Alter ekelhaft. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, ist dieses Verhalten nicht nur erschreckend sondern anmaßend.

„wennze tot bis / isset vorbei / und vorm sterben / musse leben / und dann musse / au ma fragen / oppe happy bis“

Gerburg Jahnke und Stephanie Überall alias „Die Missfits“

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Lebe wohl Hubschrauber-Mutter!

Am Ende reichte es ihr tatsächlich. Das jahrelange Gängeln und Überwachen ihrer Mutter fand ein Ende. Und weil sie schon dabei war, machte sie auch mit der Überkontrolle ihres Ehemannes Schluss. Gut, dass sie noch ein paar Jahre bis zur Rente hatte, die konnte sie jetzt genießen. Doch schade, dass sie es erst mit 55 schaffte, sich zu befreien. Warum eigentlich?

Die Tochter und ihre Mutter waren in einem Teufelskreis gefangen. Angefangen hatte es mit der ganz natürlichen Sorge der Mutter um ihr Kind: ihr sollte es gut gehen, das Böse sollte von ihr ferngehalten werden, damit sie sicher durch das Leben kommt. Dieser Schutzinstinkt übersteigerte sich und verlor das rechte Augenmaß. Denn er wurde nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit gekoppelt. Statt der Tochter Wurzeln und Flügel zu geben, schlangen sich die Wurzeln wie Gitterstäbe um deren Lebensraum. So litten beide unter der Gluckenglocke. Die Mutter drohte bei jeder Freiheitsbestrebung der Tochter krank zu werden und bekam zunehmend weniger ihr eigenes Leben auf die Reihe, die Tochter lernte selbständiges Leben nur unzureichend.

Irgendwann gelingt es, die Ketten zu sprengenIhr erster Ausbruchsversuch war die Ehe mit einem fürsorglichen, verständnisvollen Mann. Dessen Fürsorge war aber nur die Maske seines Herrschaftsanspruches, eifersüchtig wachte er über ihre Aktivitäten. Zog sie einen Rock an, wenn sie mit der besten Freundin ausging, vermutete er einen heimlichen Liebhaber. Das gemeinsame Haus war durch die Kreditfinanzierung Druckmittel genug, um sie bei der Stange zu halten. Schließlich war sie vollständig abhängig von ihrem Mann und ihrer Mutter. Denn die redete ihr ein: so einen netten Mann könne sich jede Frau doch nur wünschen.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, schöpfte sie erste Hoffnung. Doch noch immer war sie gefangen in den jahrzehntelang trainierten Mustern. Dann aber starb ihr Vater, der Zeit seines Lebens hilflos dem Treiben zugesehen hatte. Diese Erschütterung, den letzten Halt zu verlieren, brachte das ganze System zum Wanken. Bevor der Tod der einzige Ausweg aus dem Gefängnis war, das ihr Leben darstellte, wollte sie es wenigstens probiert haben, selbst zu leben. Auch wenn es hart war, zu gehen, so war es noch härter, zu bleiben. Sie packte also ihre Sachen und machte sich davon. Ihr Ziel war München, oder Melbourne oder noch besser: Monrovia. Dorthin, in das von ehemaligen Sklaven gegründete Land mit dem Namen „Freiheit“, würde ihr keiner folgen.

Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende

Werbespruch aus den 1980er Jahren vom ‚Hifi-Haus‘ in Frankfurt

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Was hat die Goldwaage in Beziehungen zu suchen?

Sein Blick irritierte sie immer noch, wie schon am Anfang ihrer Beziehung. In all’ den Jahren ließ er sie daran zweifeln, dass er sie ernst nahm, dass sie „auf Augenhöhe“ waren. Obwohl er ihr oft genug erklärt hatte, das sei sein „Ich verarbeite gerade das, was Du gesagt hast“-Blick, packte sie ihn auf die Goldwaage und beschloss: Das lasse ich mir nicht länger bieten! Doch hat eine Goldwaage in einer Beziehung überhaupt etwas zu suchen?

Die Goldwaage misst zu genauDie Goldwaage kommt in Beziehungen meistens in zwei Phasen zum Dauereinsatz. Ganz am Anfang, wenn das Beziehungsgeflecht noch so zart und zerbrechlich ist wie ein Spinnennetz. Augenflackern, Schwankungen in der Stimme, ein Zögern bei der Antwort – das kann wie ein Eisregen auf der Haut brennen. Alles ist noch so empfindlich, dass ein falsches Wort schon das Ende vom Anfang bedeuten kann.

Die Goldwaage kommt auch am Anfang vom Ende wieder zum Dauereinsatz. Jahrelange Enttäuschungen, Entbehrungen und Entliebung warten nur darauf, dass er oder sie das heißersehnte Wort, die verhasste Geste oder die zu oft miterlebte Handlung zum Besten gibt, um die im Hintergrund sorgsam sortierten Reihen von Kriegern loszuschicken, die zuverlässig noch aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht haben. Statt wie beim Anbahnen der Beziehung vorsichtig mit den Fingerspitzen zu agieren können nun die Fußabdrücke nicht groß genug sein, mit denen man der Beziehung seinen Stempel aufdrücken will.

Wird alles auf die Goldwaage gelegt, geht der Blick für das große Ganze verloren. Keine Beziehung, ob im Privatleben, ob auf der Arbeit, kann ohne Großzügigkeit und Freiheit gedeihen. Die Goldwaage hat da nur einen Zweck: je weniger sie zum Einsatz kommt, um so besser ist es um die Beziehung bestellt.

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.

Johannes Rau (1931 – 2006, SPD-Politiker, Bundespräsident)

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