Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

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