Übler Nachrede klare Grenzen setzen

Ihr Kollege bat sie mit versteinerter Miene zu einem Vier-Augen-Gespräch und legte gleich los: beim letzten Betriebsfest hätte sie ständig über ihn hergezogen und seine Arbeitsqualität vor Allen lächerlich gemacht. Das hätten ihm besorgte Mitarbeiter erzählt. Sie fiel aus allen Wolken. Doch er fragte erbost: „Wie soll ich denn jetzt noch weiter mit Ihnen zusammen am gemeinsamen Projekt arbeiten?“

Angriffe aus dem Hinterhalt sind schwer abzuwehren und können grundsätzlich jede/n treffen. Je stabiler die angegriffene Person innerlich ist, je selbstbewusster sie mit überraschenden Situationen umgehen kann, desto besser können diese Angriffe in ihrer Wucht begrenzt werden. Wie auf dem Schulhof, als früher die Jungs von hinten angerannt kamen, um das „Opfer“ zu treten, zu schlagen oder umzuwerfen, entscheidet die nachfolgende Reaktion, ob es auch in Zukunft zu weiteren Angriffen kommt. Solche Attacken leben davon, dass sich die Angreifer im Recht fühlen, sich unbeobachtet wähnen und keine nennenswerte Gegenwehr vom Angegriffenen erwarten. Es wird erst dann aufhören, wenn sich die/der Angreifende der eigenen Sache nicht mehr sicher ist.

Zwei Menschen erwischen wie sie heimlich miteinander redenDie eingangs beschriebene „stille Post“ missachtet grundlegende Regeln des sozialen Miteinanders. Offenbar hat keiner der berichterstattenden Personen mit der Kollegin das direkte Gespräch gesucht. Ein Feedback hätte auf jeden Fall geholfen. Feedback lebt davon, dass es zeitnah, direkt der betreffenden Person und so konkret wie möglich gegeben wird. Gerne auch in freundlichem Ton. Vielleicht wurde eine Aussage von ihr nur missverstanden? Stattdessen wurde die eigene Interpretation unkontrolliert hinter ihrem Rücken weitergetragen.

Auch die Zeit spielt eine Rolle. Etwas, was Wochen, vielleicht gar Monate zurückliegt, gärt in den Köpfen und Herzen weiter, verändert sich dabei und die Klärung des Sachverhaltes wird dadurch immer schwieriger. Und Klärung ist jetzt die erste Aufgabe, egal welche Gegenmaßnahme die angeschwärzte Kollegin auch noch ergreifen wird: Was hat sie gesagt, was gemeint und wie kann mit dem verärgerten Kollegen eine Verständigung stattfinden? Das Gespräch wird für beide nicht angenehm, kann gleichwohl im Anschluss zu einem besseren Verhältnis beitragen.

Danach könnte die Kollegin für Transparenz sorgen und Grenzen ziehen. Hinten herum irreführende Kommentare oder Gerüchte zu verbreiten, sorgt für Ärger und Missstimmung, soziale Beziehungen leiden. Es ist wichtig, Menschen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen.

Die beschuldigte Kollegin könnte sich in Erinnerung rufen, mit wem sie alles beim Betriebsfest gesprochen hatte. Was wäre, wenn sie nun ihrerseits Vier-Augen-Gespräche mit denen sucht, die getratscht hatten? Sie könnte die Situation mit dem verärgerten Kollegen kurz beschreiben und dann freundlich, kommunikative Grundregeln wahrend und ohne arrogant zu wirken, deutlich Grenzen ziehen: „Ich weiß nicht, wer was zu ihm gesagt, daher spreche ich alle an, mit denen ich auf dem Betriebsfest geredet habe. Das ist also jetzt kein Vorwurf an Sie persönlich. Wenn es etwas gibt, was an meinen Aussagen irritiert, dann sprechen Sie mich doch bitte beim nächsten Mal direkt an, damit wir das klären und Missverständnisse vermeiden können.*) Nach dem Motto: „Ich sehe, was läuft und spiele das Spiel nicht mit!“

Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.

Sprichwort

*) Die Sätze sind in den Farben des Kommunikationsquadrates von Friedemann Schulz von Thun gekennzeichnet. Es beschreibt die vier Ebenen der Kommunikation aus Sachinformation (blau), Aussage über mich selbst (grün), einem Beziehungshinweis (gelb) und einem Appell (rot). Mehr zu diesem weithin verbreiteten Klassiker, auch bekannt als „Nachrichtenquadrat“ oder „Vier-Ohren-Modell“, unter https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat ↗

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Ausgleichszahlungen für vorenthaltene Liebe

Als der Hausmeister die Wohnung der alten Nachbarin ausräumte, fand er zwei Sparbücher mit mehr als 10.000 Euro Guthaben. Die Hinterbliebenen wollten davon nichts wissen. Ihr ganzes Leben sei die Frau geizig und gehässig gewesen, jetzt wollten sie auch nichts mehr von ihr. Was sollte er mit den Sparbüchern nun tun?

Glücklich ist, wer etwas zu vererben hat. Glücklich ist, wer etwas erben kann. Doch leider wird dieses Glück oft getrübt. Statt sich über die Weitergabe eines Vermächtnisses oder eine Starthilfe zu freuen, brechen in Familien alte Konflikte auf. Diese gärten mal jahrelang unter der Oberfläche, mal waren sie erkaltet und festgefahren oder auch schon immer hochexplosiv. Und dann müssen auch noch die Familientraditionen befolgt werden! Doch weil das Erben zwei völlig unterschiedliche Welten verbindet, kann hier jedes Wort wie ein Funke im Pulverfass sein.

Zum einen gibt es die juristische Ebene mit Testament, Erbschaftsrecht, Pflichtanteilen, Schenkungs- und Erbschaftssteuern, Eigentumsvorbehalten, Gesellschaftsrecht, Niesbrauch, Wohnrecht – es nimmt einfach kein Ende. Ein Erbfall kann wie ein gordischer Knoten sein, der nicht einfach mit einem Schwerthieb zerschlagen werden kann. Und daher eine wunderbare Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte und Notare, die alles auseinanderdröseln.

Schon am Sarg straiten die Erben

Als sei das nicht schon schwierig genug, kommen noch Jahrzehnte von erlebten, erlittenen, aufgestauten, unterdrückten Gefühlen bei den Hinterbliebenen hinzu. Wer wen wann wie verletzt, übervorteilt, benachteiligt, missachtet, beleidigt, hintergangen hat, wird mitunter kleinstteilig aufgelistet. Dass dabei das Gedächtnis die eine oder andere Lücke hat oder Verzerrung vornimmt, würzt diese Mischung nur noch mehr.

Wenig vornehm wird hier zu oft die ganz große Keule herausgeholt und Gefühle in Gold aufgewogen: weil das Elternteil immer das eine Kind bevorzugt/benachteiligt hat, muss jetzt der Betrag X gesondert verhandelt werden. Gerne auch an der offiziellen Erbmasse vorbei. Erbittert wird um die Nachfolge in Familienbetrieben, um Immobilien, Aktienpakete, Goldbarren oder Familienschmuck gekämpft und so manche/r wünscht sich, es gäbe nichts zu verteilen. Nicht wenige haben zu ihren Familien rechtzeitig den Kontakt abgebrochen, um sich aus diesem Schlamassel von vornherein heraushalten zu können. Das Geld ist ihnen der damit verbundene Ärger nicht wert.

Beim erfolgreichen Erben geht es darum, beide Ebenen – Recht hier, Gefühle da – möglichst getrennt voneinander zu betrachten und zu behandeln. Denn der Erbschein ist schlichtweg keine Ausgleichszahlung für entgangene Zuneigung. Das hätte zu Lebzeiten mit dem/der Erblasser*in geklärt werden müssen. Und so hat der Hausmeister die Sparbücher einer gemeinnützigen Organisation geschenkt.

2020 wurden Vermögen im Wert von knapp 47 Mrd. Euro vererbt, verschenkt oder gestiftet.

Quelle: Erbschaft- und Schenkungssteuerstatistik 2020 des Statistischen Bundesamtes

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Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

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Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

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Das Chaos regiert

Was letzte Woche nach langer Diskussion vereinbart wurde, wird jetzt im Team schon wieder in Frage gestellt. Eine Pro-und-Contra Liste soll nun endlich Klarheit bringen, alle stöhnen. Wann, so fragte sie sich, entscheidet hier endlich mal jemand etwas?

Manche Führungskräfte tun sich schwer mit der Rolle der/des Führenden. Das könnte unangenehme Gespräche mit sich bringen, Entscheidungen müssten getroffen und durchgesetzt werden. Konflikte gehören zur Rolle des Chefs/der Chefin einfach dazu. Aber nicht alle Führungskräfte sehen Konflikte positiv, als Quelle für Kreativität, sondern haben Angst vor einer Konfrontation. Diese Menschen flüchten sich dann lieber in operative Details, wollen alles mit Abfragelisten kontrollieren oder sind nur sehr schwer zu erreichen.

Nicht nur in der Wirtschaft, auch im sozialen Bereich gibt es Angst vor Führung und die Scheu vor klaren Ansagen. Doch gerade Kinder brauchen zuverlässige Rahmen, in denen sie sich entwickeln können. Regelchaos wird hier fälschlicherweise „Laissez faire“ genannt, im Management-Sprech des Geschäftslebens „Supportive Leadership“. Beides beschreibt die Abwesenheit von aktiver Führung. Es fehlt an der (natürlichen) Autorität, die den Überblick bewahren und positiv ordnend eingreifen sollte. Am Ende herrscht Chaos, in der Organisation werden die Prozesse langsam und die Ergebnisse sind unausgegoren.

Wenn das Chaos regiert

Die Folgen dieser Leerstelle für die Untergebenen, seien es nun Kinder, Jugendliche oder erwachsene Arbeitnehmer, sind gravierend: durch den Mangel an klaren Rahmenbedingungen wird alles auf der untersten Ebene diskutiert, ausgehandelt und zu oft nicht entschieden, zu wiederholt in Frage gestellt.

Führungskraft bedeutet kraftvoll führen. In modernen Unternehmen, die mit flachen Hierarchien werben, wird der Mangel an Führung geschickt verkleidet: „Ist es nicht großartig, wie viel Verantwortung Sie übernehmen dürfen?“ Und der Rückzug gilt als Tugend: „Meine Tür ist immer offen. Melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben.“

So wird Verantwortung nach unten delegiert, die eigentlich ein, zwei, drei Hierarchie-Ebenen höher übernommen werden müsste. Denn nur dort ist auch die institutionelle Macht verankert, die zur Verantwortung untrennbar dazu gehört. Verantwortung ohne Einflussmöglichkeiten führt unweigerlich in ein Hamsterrad: Vergeblich versuchen Einzelkämpfer mit beschränktem Einfluss ein strukturelles Problem zu lösen. Es hilft nur die klare Zurückweisung: „Diese Verantwortung will ich nicht, die gehört zu Ihnen!“ Anderenfalls ist der Weg vom Burn-on zum Burn-out vorgezeichnet.

Führung bleibt eine Bringschuld. Kaufmännisch gesehen ist der Unterschied zwischen der Hol- und der Bringschuld der Ort der Leistungserbringung. Wo passiert die Leistung? Die Bringschuld der Führungskräfte ist längst nicht durch das Ausfüllen der Position erfüllt, sondern wird täglich neu abgefordert im Zusammenspiel mit den Mitarbeitern und den Aufgaben. Und hier gilt es, mehr zu zeigen, als nur die Tür zu öffnen.

Silke Strauß, Executive Coach & Consultant

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Wenn Kooperation auf Erpressung trifft

Im Angesicht des Krieges der russischen Staatsführung in der Ukraine weiche ich vom gewohnten Kolumnen-Format ab. Ich fasse einige Gedanken von Volker Müller-Benedict zusammen, mit denen er Ergebnisse der Spieltheorie auf das sozialpolitische Feld und Putins Agieren überträgt.

Kooperation galt seit den traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges als das Mittel der Wahl, um den Frieden auf der Welt zu sichern. Es ist ein Wunschdenken, dass das in der westlichen Welt auch einigermaßen geklappt hat, denn zurzeit werden besonders Menschen auf dem Balkan von ihren Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse eingeholt. Auch auf dem Rest des Globus war und ist es nicht besonders friedlich. Über 140 Kriege nennt Wikipedia seit 1945, das Statistikportal Statista listet alleine für 2020 fast 360 Kriege und Konflikte auf. Warum also kommt die Kooperation nicht so richtig zum Erfolg?

Kooperation setzt voraus, dass alle Beteiligten langfristig weniger am eigenen Vorteil interessiert sind, sondern im „Gesamtglück“ aller Beteiligten den wahren Wert erkennen. Auch wenn nicht alle eigenen Forderungen erfüllt werden, so sind doch die eigenen Gewinne immer noch attraktiv genug, um von den eigenen Interessen etwas abzugeben. Die Belohnung für alle: Frieden.

Diese Win-Win-Situation ist in der Spieltheorie durchaus möglich, doch nur solange, bis nicht ein anderer Spielertyp das Feld betritt: der Erpresser. Er kooperiert nur zum Schein und rechnet fest mit der Kooperationsbereitschaft des Gegenübers. Nur um das Gegenüber dann immer wieder zu übervorteilen („übers Ohr zu hauen“). „Man ist gezwungen mehr und mehr zu kooperieren, wenn man irgendeine Chance auf Steigerung des eigenen Gewinns haben möchte“, so Müller-Benedict. Trifft nun ein kooperationsbereiter Mensch auf einen erpresserischen Mitspieler, muss daher eine Entscheidung getroffen werden:

  1. Die Erpressung akzeptieren und damit eigene Verluste in Kauf nehmen. So können jedoch immer noch eigene kleine Gewinne erzielt werden (z.B. den Frieden scheinbar zu sichern). Der Erpresser gewinnt dabei immer.
  2. Die Kooperation beenden. Die eigenen Verluste werden hoch sein, doch auch der Erpresser hat empfindliche Verluste zu erleiden.

Je mehr Erpresser auf dem Spielfeld sind, umso unattraktiver wird dieses Verhalten, weil dann Erpresser auf Erpresser treffen und nicht mehr nur Erpresser auf Kooperationswillige. Erpresser*innen sind überaus attraktiv für Wähler*innen, weil sie zu Recht annehmen, dass diese*r Führer*in die Wählerinteressen am besten durchsetzen kann.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es wichtig, mutig zu werden, auch wenn die Aussichten düster sind: eine starke demokratische Zivilgesellschaft verhindert am ehesten, dass Erpresser an die Macht kommen.

Artikel „Erpressung oder Kooperation“ in der taz vom 25.2.2022 (Auf taz.de sind Artikel frei zugänglich, ohne Bezahlschranke. Das geht nur, weil sich viele Leser*innen freiwillig an der Finanzierung beteiligen und so den unabhängigen Journalismus unterstützen. Ein entsprechender Hinweis kann beim Aufruf der Seite erscheinen):

https://taz.de/Experimentelle-Wissenschaft/!5834234&s=spieltheorie/ ↗

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Gesegnet sei der volle Terminkalender

Die moderne Büroarbeit ist hybrid: eine wilde Mischung aus Tagen im Büro, Homeoffice, echten Meetings und Videokonferenzen. Und der Terminkalender kennt keine Lücken mehr. Wie kann da ein Ausstieg gelingen?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit „vor Corona“? Das war jene sagenumwobene historische Epoche, als Büromenschen (so hieß das damals) das Zuhause verließen, um dicht gedrängt in Zügen oder über verstopfte Straßen zu einem mehr oder minder schlichten Gebäude zu fahren. Dort angekommen setzten sie sich auf einem leidlich ergonomischen Stuhl vor einen Tisch, starteten den Computer und begannen zu arbeiten. Viele, sehr viele, haben den Schreibtisch nie erreicht, weil sie gleich in sogenannte Besprechungsräume abbogen. Dort saßen sie an „Konferenztischen“ und stündlich wechselten sie den Raum, schnappten sich unterwegs einen frischen Kaffee oder Tee und ein paar Minuten später, ein paar Räume weiter, ging es weiter.

Dann kam Corona und viele Bürojobs wurden nach Hause verlagert. Es war eine Zeit der Entgrenzung: Der Besprechungsraum war der Küchentisch oder auch mal der Esstisch, manchmal nur ein Rechner auf dem Bügelbrett im Schlafzimmer. Termine und Besprechungen liefen ausschließlich digital und die Lernkurve für Videokonferenzen zeigte steil nach oben. Der Dienstkalender füllte sich pausenlos mit Teams-, Skype-, WebEx- oder Zoom-Einladungen. Von einem zum nächsten Termin wechselte es sich in zehn Sekunden. Das ging den ganzen Tag lang.

Wieder ein paar Monate später begann die hybride Phase, in der wir jetzt noch sind. Hybrid, so definiert es der Duden, ist „aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, von zweierlei Herkunft, gemischt, zwitterhaft“. Was in der Küche oder der Kunst eine durchdachte Komposition ist, wurde im Arbeitsleben eine wilde Kreuzung von ehemals analoger Vor Ort-Arbeitswelt und neuer mobiler digitaler Arbeitswelt. Ein Teil der Arbeitenden sitzt zu Hause, ein anderer Teil im Büro und alle versuchen in pseudo-gemeinsamen Treffen die stetig wachsenden Aufgaben zu erledigen. Weil sich Termin an Termin reiht, schalten sich viele auf dem Arbeitsweg per Telefon auf die Meetings drauf. Andere schauen sich die Aufzeichnungen am Abend an, wenn die Kinder endlich im Bett sind und Ruhe im Zuhause einkehrt.

Ein voller Kalender mit persönlichen Freiräumen

Wenig überraschend fühlt sich ein Viertel aller Menschen in Deutschland häufig gestresst. Die Corona-Pandemie hat den langfristigen Trend, mehr Stress zu empfinden, verstärkt. Besonders die Kombination aus Homeoffice und Kind(ern) setzt den Menschen zu, Hauptauslöser ist die Arbeit. Mehr dazu in der Stressstudie 2021 der Techniker Krankenkasse ↗.

Viele klagen, dass sie wegen all der Meetings nicht zum Arbeiten kämen. Eine Besprechung ist also keine Arbeit? Natürlich ist sie das, doch es geht um das Vorbereiten, Nachbereiten und Abarbeiten. Aufgaben, die in einer solchen Sitzung verteilt werden, erledigen sich nicht durch Magie und mir ist noch nie eine Entscheidungsvorlage untergekommen, die aus dem Nichts durch das Schwingen eines Zauberstabes entstand. Das (Heim-)Büro ist schließlich nicht Hogwarts.

Auf der Strecke bleibt mittlerweile fast vollständig die Pause. Jene schöpferische Ruhephase, ohne die keine Ideen entstehen können. Auch was im Büro die beiläufigen Begegnungen an den berühmten Kaffeemaschinen sind oder der unvermeidliche Flurfunk ist, lässt sich digital nur bewusst organisieren. Organisch und zufällig wächst das virtuell einfach nicht.

Wie wäre es daher, den eigenen Kalender vorsorglich selbst zu blockieren bevor er fremdgesteuert vollläuft? Täglich ein, zwei, vielleicht gar drei Stunden, mal am Stück, mal aufgeteilt, wo Aufgabenerledigung, Nachdenken, Kreativität, Konzeptionierung, Recherche, soziale Kontakte zu Kolleg*innen etc. möglich sind? Ich habe das nun einige Wochen ausprobiert und ich habe das Gefühl, mehr Herr über meine Zeit zu sein. Für die jeweils kommenden zwei Wochen habe ich mir undefinierte Termine eingelegt, nur für mich. So kann ich viel besser steuern, an welchen Terminen ich überhaupt teilnehme, welche ich nur ausschnittsweise in der Aufzeichnung anschaue, bei welchen in höchstens das Protokoll lese. Wirklich wichtige Dinge habe ich noch nicht verpasst. Stattdessen bin ich besser vorbereitet in Sitzungen, bin weniger leicht reizbar und kann eine bessere Arbeitsqualität abliefern. Mir scheint fast, als hätte ich wieder Luft zum Atmen und Raum zum Denken.

Prof. Umbridge: „Ihr werdet den genehmigten Text jetzt vier Mal abschreiben, das sorgt für optimales Einprägen. Es besteht kein Grund zu reden.“

Hermine: „Und zu denken, das trifft’s eher.“

Aus „Harry Potter und der Orden des Phönix“, zitiert nach myzitate.de/hermine-granger

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Durchhalten mit dem Disziplinator und dank aciziyet

Grau und trübe ist der November und wie das Wetter, so die Stimmung. Wieder einmal jagen die Corona-Werte neue Höchststände und verschärfte Abstandsregeln werden erlassen. Gleichzeitig sollen alle Aufgaben auf der Arbeit termingerecht erledigt werden. Doch wie soll er bei alledem jetzt durchhalten?

Im Laufe der letzten Wochen habe ich einen Anteil in mir entdeckt, der eine brutale Freude daran hat, Aufgabe für Aufgabe abzuarbeiten. Nein, nicht wirklich abzuarbeiten, viel mehr: abzuschießen. Final zu erledigen. Er vereint Disziplin mit dem Habitus (Haltung und äußerliche Erscheinung) von Arnold Schwarzeneggers Filmrolle „Terminator“. Daher sein Name: Disziplinator. Mit einem „Hasta la vista, baby!“ bearbeitet er eine Mail und schießt sie dann mit seinem Gewehr ab: „Wumm!“ Die Präsentation ist fertig: „Hasta la vista, baby!“ Wumm! Die vierstündige Abteilungssitzung? Wumm! Am Ende des Tages pflastern erledigte Aufgaben seinen Weg. Dann setzt er sich auf sein Motorrad und fährt in den Sonnenuntergang, eine ordentliche Auspuffwolke hinter sich herziehend. Es ist unglaublich, was der Disziplinator gewuppt bekommt.

Was dieser Wegschaffer partout (also überhaupt) nicht ausstehen kann, sind Motivationssätze wie „Wir sind alle eine große Familie. Deshalb ist auch diese Herausforderung eine Chance und wir werden sie gemeinsam meistern.“ Seine Antwort darauf: Wumm! Hier geht es nicht um Spaß bei der Arbeit, sondern um durchkommen, es geht um‘s Überleben. Denn im Angesicht der kommenden Wochen ist es nicht mit Spaß getan. Den hat einfach keiner mehr. Keine Eltern schulpflichtiger Sprösslinge, keine Pflegekräfte in Krankenhäusern, keine Kulturschaffenden im Angesicht der drohenden Privatinsolvenz.

Wie es innen zugeht wird außen nicht gezeigt

Allerdings ist der Disziplinator im Außenkontakt, sagen wir, etwas zu robust. Da braucht es eine geschmeidigere Darstellung. Die sollte aber weder nörgelnd sein noch schleimig die Realitäten verkennen. Kübra Gümüşay beschreibt die notwendige Einstellung so: „Die Welt von unten zu betrachten. Von ganz unten. Machlosigkeit und Kraftlosigkeit zu spüren, die Abwesenheit von Möglichkeiten, die Unerreichbarkeit von Dingen zu spüren – und auszuhalten.“ Das ist nicht negativ gemeint, sondern eine Form der Freiheit: „Das besonnene Wahrnehmen einer Situation, der ein Mensch ausgesetzt ist. Eine emanzipierte Akzeptanz der Umstände des Lebens. Keine demütigende Unterlegenheit, sondern respektvolle Achtung.“ Viel Worte im Deutschen, für das im Türkischen eines reicht: aciziyet.

Wenn ich aciziyet mit dem Diszlipinator verbinde, habe ich zwei Handlungsmöglichkeiten, zwei Optionen, um dem drohenden Dauerfrust der kommenden Wochen zu entkommen.

Trübsal blasen wir wohl alle mitunter, aber Konzerte damit zu geben, ist nicht empfehlenswert.

Aus dem Roman „Wellen“ von Eduard von Keyserling (1855-1918)

Die Zitate von Kübra Gümüşay sind dem Buch „Sprache und Sein“, erschienen 2020 im Hanser-Verlag, auf den Seiten 23 und 24 entnommen.

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Der Abgrund nach dem Urlaub

In den Träumen lief er noch durch die klare Alpenluft, doch tagsüber war er wieder in der grauen Arbeitshölle gefangen. Der Urlaub, kaum 14 Tage her, erschien endlos weit weg und er biss die Zähne zusammen, um alles zu erledigen, was ihm auf den Tisch gelegt wurde. Warum fühlte er sich nur schon wieder dem Abgrund ganz nah?

Ich habe mit vielen Menschen nach ihrem Urlaub gesprochen und auch wenn dies wenig repräsentativ ist, so haben doch alle der Aussage zugestimmt „Mir geht es mittlerweile wieder wie vor dem Urlaub: ich bin angespannt und erschöpft.“ Lediglich das Zeitfenster variierte: manchen ging es schon nach dem ersten Arbeitstag so, bei anderen dauert es bis zum Ende der ersten Arbeitswoche. Doch die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, die sich in diesen Aussagen ausdrückte, war bei allen gleich.

Was haben wir alle den Sommerurlaub 2021 herbeigesehnt! Über Monate war unklar, ob er stattfinden könnte, ständig ging es von Hoffen zu Bangen und zurück. Dann endlich waren die aktuellsten Pandemieregeln recherchiert, verstanden und umgesetzt und der Ortswechsel war möglich. Hinauf in die Berge, rein ins Meer, eintauchen, wegtauchen und aufatmen. Maskenpflicht und 3G-Kontrollen waren ja längst Routine, doch diese neuen Perspektiven, diese Ruhe (oder das Feiern) – all das war so wenig Alltag wie schon lange nicht mehr.

Der Weg in den Abgrund ist nur eine OptionDann kam die Rückkehr und die alte Illusion, dass sich in den Tagen der Abwesenheit ganz viel und vor allem zum Besseren geändert hatte, platzte wie immer. Es gelten auf der Arbeit die gleichen Pandemieregeln, eine Änderung ist nicht in Sicht und die Aufgaben haben sich auch dieses Mal wieder nicht auf magische Weise selbst erledigt. Schlimmer als vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub, weil die Perspektive „bis zum Urlaub“ nun nicht mehr wenige Wochen, sondern viele Monate lang ist.

Vielleicht hilft da eine Erfahrung, die so manche beim Reisen machten. Wer den Weg von A nach B plant, sei es digital oder analog, der folgt nicht einem Weg, sondern beschreitet eine große Menge von Teilwegen. Navigationssysteme sind darin Meister. Sie bauen einen Weg aus schier unendlichen vielen Teilabschnitten zusammen. An jeder Ecke, an jeder Weggabelung fängt ein neuer Abschnitt an. Der eine Weg endet, der nächste beginnt. Denn die Frage ist doch, wo der Weg an einer Gabelung eigentlich weitergeht. Rechts herum? Links entlang? Ist der breitere Weg wirklich die Fortsetzung oder ist es in Wirklichkeit der schmale Pfad, den es weiter zu laufen gilt?

Übertrage ich diese Betrachtungsweise, macht sie die Arbeit nicht weniger. Doch sie verhindert, dass große Aktenberge unüberwindlich erscheinen und das Tal der Tränen (Standardfloskel aller Projektleiter:innen) endlos ist. „To cut the elephant into pieces“ heißt es im Englischen, um zu beschreiben, dass große Aufgaben durch mehrere kleine handhabbar werden. Das ermöglicht das (innere) Feiern von Etappen. So wie auf einer Radtour an jedem Abend der gefahrenen Strecke mit allen ihren Schrecken und Freuden bei Tee, Wein oder Bier nachgeschmeckt wird, kann es auf der Arbeit heißen: ich habe heute dieses Mosaiksteinchen, dieses Puzzlestück an den richtigen Platz gesetzt und das ist unter Umständen mehr, als ich am Morgen noch erwartet hatte.

Vor allem kann die Betrachtung von Teilerfolgen die Gefahr einer schleichenden chronischen Unzufriedenheit mindern helfen. Diese versuchen manche Menschen durch Übereifer zu bekämpfen. Doch dieser Kampf wäre der Peter-Weg:

Alle arbeiten bis zum Abgrund.
Nur nicht Peter, der schafft noch ’nen Meter.

Frei nach „ABC der Schadenfreude“ von Anke Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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