Wie man die Rente überlebt

Auf der Trauerfeier sprach der Firmenvertreter von einem verdienstvollen Kollegen, der bis zum Schluss mit vollem Einsatz bei der Sache war und sich schon sehr auf die Rente gefreut habe. Und manch ein Zuhörer fragte sich: ist es nicht besonders tragisch, dass der Kollege kurz nach dem Renteneintritt starb?

Was ist Ihr Plan für die Rente? Das Leben einfach genießen? Durch die Welt reisen? Ehrenamtlich tätig werden? Gar der heimlichen Leidenschaft folgen und endlich Altphilologie studieren? Je nach Ziel können mit einem Rentenberater passende Finanzpläne erstellt werden. So ein Plan beschreibt, welche finanziellen Mittel wie angelegt werden, damit sie zum passenden Zeitpunkt verfügbar sind und sich in der Zwischenzeit auch möglichst vermehrt haben. Mögliche Erben werden bedacht, vielleicht vorhandene Immobilien mit einbezogen. Je besser die finanzielle Situation, desto mehr Möglichkeiten bieten sich für die Rentenstrategie. Doch bei dieser Betrachtung kommt die menschliche Komponente zu kurz.

Es gilt, sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch innerlich auf den neuen Lebensabschnitt „Ruhestand“ vorzubereiten. Dafür braucht es meiner Meinung nach eine „Exit-Strategie“ für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Berufsleben. Denn etliche Menschen arbeiten bis zum Schluss mit Vollgas und können die Arbeit nicht loslassen, obwohl sie es doch eines Tages müssen. Von 150% auf null Prozent in einem Tag – das bringt Körper, Geist und Seele aus dem Lot. Gestern galt es noch, Energie bereitzustellen für die Arbeit und heute wird sie nicht mehr gebraucht, verpufft daher im leeren Raum. Der Geist will seine täglichen Aufgaben knabbern und bekommt sie nicht. Der Seele fehlt die Anerkennung des kollegialen Umfelds. Es ist so, als hätte man sich mit aller Macht gegen eine klemmende Tür gestemmt und plötzlich gibt sie nach.

Der Tod lauert in RentennäheMenschen, die auf diese Art in Rente gehen, fallen tief. Krankheiten, lange unterdrückt und beiseitegeschoben, können durch den nachlassenden Gegendruck endlich ausbrechen, das ganze System „Mensch“ gerät aus dem Gleichgewicht. Im Kleinen kennen das viele von der Erkältungs- und Grippewelle in den Weihnachtsferien.

Wer viele Stunden Gespräche, Tonnen von Gehirnschmalz und einiges strategisches Geschick in die Finanzstrategie für die Rente steckt, sollte auch eine Exit-Strategie entwickeln. Sie beschreibt die Schritte, wie das Arbeitsende aktiv vorbereitet werden kann. Es geht darum, statt eines abrupten Endes einen sanften Übergang zu gestalten. Damit werden Körper, Geist und Seele auf den dritten Lebensabschnitt vorbereitet:

  • Wann fange ich an, die Arbeit innerlich loszulassen?
  • Wie reduziere ich meinen Einsatz dort Schritt für Schritt?
  • Wie baue ich mir rechtzeitig Neues auf?
  • Wer werden in Zukunft meine sozialen Kontakte außerhalb der Arbeitswelt sein?

Ohne eine solche mentale Vorbereitung ist die Gefahr sehr groß, dass Gevatter Tod in der Nähe der Rentenziellinie wartet.

Die kleinen Freuden des Rentnerlebens: ein Scotch vor dem Mittagessen.

Aus der engl. Krimiserie „Inspector Barnaby“

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Der Burn-out des Sisyphos

Ein Gutes hatte die viele Arbeit: er war körperlich topfit, denn Sport war der notwendige Ausgleich zu seiner 60-Stunden Woche. Gut, die sozialen Kontakte ließen sehr zu wünschen übrig und Schlaf ist ohnehin überbewertet. Ein paar Opfer musste er doch für die Karriere bringen, nicht wahr?

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt haben mit ihrer erdrückenden Heftigkeit scheinbar eine bisher nie dagewesene Qualität von Ausbeutung des Menschen erreicht. Schneller werdender Wandel, die Konkurrenz durch digitale Assistenten und der stetig steigende Kostendruck lassen bei vielen arbeitenden Menschen nur den einen Schluss zu: so wurden wir noch nie ausgequetscht, die Zitrone gibt schon lange keinen Saft mehr.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemacht

Manche fühlen sich an den antiken Helden Sisyphos erinnert, der einen Stein den Berg heraufrollt. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein nach unten und er muss von vorne anfangen. Nein, er ist kein armer Wicht, sondern erleidet eine Strafe für seine Hybris. Er wollte sich den Göttern gleichstellen und den Tod besiegen. Das erinnert mich an manche Menschen, die aus Selbstüberhöhung ins Burn-out schlittern.

Denn es gibt verbreitet den Gedanken: wenn ich mich nur ordentlich anstrenge, mal richtig „ranklotze“, dann werde ich den Berg abgearbeitet haben und danach geht es erträglich weiter. Sie werden oft befeuert von einer Selbstüberschätzung: „Nur ich selbst bin in der Lage, dieses und jenes zu tun. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand anderes. Und so gut wie ich kann es sowieso niemand sonst.“ In dieser Falle der Selbstausbeutung angekommen kommt die Selbstversklavung unter fremde Arbeitsnormen von ganz alleine. Hybris und Sklaventum reichen sich so die Hand. Eine Verhaltensweise, die nur der Mensch an den Tag legt und im Tierreich völlig unbekannt ist.

Diese absurde Situation lässt sich nicht durch „immer mehr vom immer Gleichen“ (mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Tempo) lösen, sondern dadurch,

  1. dass ich erkenne, ich welcher Situation ich stecke.
  2. Dass ich sie annehme und anerkenne.
  3. Und dass ich schließlich gegen sie aufbegehre und mein eigenes Schicksal in die Hand nehme.

Sonst bleibe ich Sklave fremder Ansprüche und arbeite „996“: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen in der Woche (das ergibt 72 Stunden).

Ich denke, dass es ein großer Segen ist, 996 zu arbeiten. Wenn Menschen nicht einmal 996 arbeiten, wenn sie jung sind, wann können sie es dann?

Jack Ma (*1964, Gründer der chinesischen Online-Plattform Alibaba)

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Deine Aggressivität ist nicht meine Aggression

Es war natürlich ein besonders dickes Auto, das ihm die Vorfahrt nahm und er schickte dem Fahrer noch mehrere hundert Meter ein kräftiges Hupkonzert hinterher. Als er zwanzig Minuten später im Büro ankam, war er immer noch erbost. Und die Kollegen fragten sich: „Welche Laus ist dem denn schon wieder über die Leber gelaufen?“

Im Kampf vereint dank übertragener AggressionenWo sich viele Menschen auf engem Raum begegnen, kann es leicht zu Aggressionen kommen. Denn Rücksichtnahme und Toleranz sind nicht gleichmäßig zwischen den Menschen verteilt. Da ist von der „Kampfzone Autobahn“ die Rede, die überfüllten U-Bahnen sind ein Daueraufreger und Rempeleien im Supermarkt lösen hitzige Gefechte aus, zum Glück meistens nur mit Worten.

Zu wahrer Meisterschaft im Fluchen hat es Kapitän Haddock aus der Comicreihe „Tim und Struppi“ gebracht. Legendär ist sein Universalfluch „Hundertausend heulende Höllenhunde“. Mit Verve und Leidenschaft bringt er seine Botschaft an den Mann. Einmal beschimpft er als Kapitän auf hoher See einen Sklavenhändler und  lässt sich auch von dessen Flucht nicht stoppen. Nach dem Hinweis von Tim „Sinnlos, Kapitän, er kann sie nicht mehr hören, er ist schon zu weit weg“ marschiert er auf die Schiffsbrücke und brüllt dem „Pirat! Amöbe! Kopfjäger! Geier!“ seine Verwünschungen per Megafon hinterher. Hier regt er sich völlig zu Recht auf, doch manchmal reichen geringste Anlässe, um seinen Fluchreiz auszulösen. Frieden hingegen findet er sofort bei einem Schluck Whisky. Diese Lösung ist aber nicht für alle Menschen zu empfehlen.

 Aggressionen, die ins Leere laufen, verletzen nur mich selbstOft genug erwische ich mich (und andere) dabei, noch lange nach dem eigentlichen Ärgernis weiter zu schimpfen. Immer noch ist die ganze Aggression in mir, dabei bekommt der ursprüngliche Verursacher davon überhaupt nichts mehr mit. Die Blitze, die ich vermeintlich gegen den Anderen schleudere, treffen mangels Adressaten dann nur noch mich selbst. Gleichzeitig gebe ich dem Anderen durch mein Verhalten eine ungeheure Macht über mich, denn dessen Aggression überträgt sich auf mich. Des Fremden Verhalten bestimmt selbst dann noch meine Gedanken und Gefühle, wenn dieser Mensch schon weit weg ist; teilweise kann das Stunden später sein.

 Aggressionen kann ich zurückweisen ohne selbst aggressiv zu werdenIch will diesem aggressiven Menschen keine Macht über mich geben. Ein kurzer Impuls zum Zeigen einer Grenze würde doch oft genug ausreichen: Einmal gut gehupt, wenn mir ein Halodri auf der Straße den Weg abschneidet. So mache ich auf mich aufmerksam, um Schlimmeres zu verhindern und dann habe ich mich doch eigentlich auch genug mit dem Anderen beschäftigt. Ist er aus meinem unmittelbaren Umfeld verschwunden, brauche ich ja ihm (oder ihr) gegenüber nicht mehr auf meine Grenze aufmerksam zu machen.

Besonders lehrreich für mich ist es übrigens, wenn ich mich in Anderen sehe, die vor sich hinschimpfen, weil die Bahn zu spät, der Postbote zu langsam oder die Kreuzung von Egoisten blockiert ist. Dann sehe ich, dass das Schimpfen nichts an der Situation ändert. Das hochrote Gesicht desjenigen, der sich ärgert, zeigt mir, wie der ganzer Körper im Alarmzustand ist. Und das völlig grundlos, schließlich bin ich nicht verpflichtet, jede Aufforderung zum Kampf anzunehmen.

Wenn Weilemann schlechte Laune hatte – sich ärgern war die einzige Sache, die man mit zunehmenden Alter immer besser konnte – dann aß er gern etwas, von dem er im Voraus wusste, dass es ihm nicht schmecken würde, das gab seinem Ärger zusätzliches Futter, und so richtig wütend sein, das war ein schon fast wieder jugendliches Gefühl.

Aus dem Roman „Der Wille des Volkes“ von Charles Lewinsky

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Wenn ich im Streit einen Wunsch frei hätte …

Die Auseinandersetzung hatte harmlos angefangen, doch mittlerweile hatten sich die beiden Streithähne wie Bullterrier ineinander verbissen. Da sagte der eine zum anderen: „Was willst Du denn jetzt von mir?“. Und der Andere, der war still. Denn genau das konnte er nicht sagen. Wie konnte ihm das nur passieren?

Manche Konflikte haben es wirklich in sich. Der Ausgangspunkt ist irgendwann in Vergessenheit geraten, Schicht um Schicht sind Vorwürfe und Rechtfertigungen aufeinandergelegt worden bis die Ursache des ganzen Streits metertief darunter begraben ist. Und noch viel weiter entfernt ist eine Lösung. Denn keiner kann mehr sagen, was genau sie oder er sich von seinem Gegenüber wirklich wünscht. Oft genug kommen Sätze wie „Du sollst nicht mehr …“, „Hör endlich auf damit zu …“ oder „Ich will von Dir nicht mehr …“. Allesamt Negativwünsche, die dem Anderen keinen Weg zur Aussöhnung zeigen. Oft genug kann ich gar nicht mehr sagen, was ich wirklich vom Anderen will.

Es kann dann helfen, sich selbst ein wenig zu strukturieren, damit ich klarer werde in dem, was ich von meinem Gegenüber gerne möchte. Vier Schritte gehören dazu:
Vier Schritte führen zum Ziel

  1. Beobachtung: um was genau geht es jetzt gerade? Kann ich das überprüfbar beschreiben? Zum Beispiel: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast …“ lässt sich objektiv nachprüfen.
  2. Befinden: was macht das Beobachtete mit mir? Es gibt einen Einblick in meine innere Gefühlslage. Zum Beispiel: „… dann ärgere ich mich, …“
  3. Bedürfnis: was bräuchte ich denn eigentlich und bekomme es nicht? Zum Beispiel: „…, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen.“
  4. Bitte: Und was soll mein Gegenüber jetzt tun? Das ist keine Forderung, sondern eine positiv formulierte Bitte, die im Zweifelsfall auch unerfüllt bleiben kann. „Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“

In einem Rutsch: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast, dann ärgere ich mich, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen. Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“ So weiß mein Gegenüber, wie es mir geht, warum das so ist und was ich jetzt wirklich will.

Das Beispiel mit der Zahnpastatube kann lächerlich erscheinen. Es gibt meiner Erfahrung nach jedoch unzählige langandauernde Streits, die sich daran entzündet haben.

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan (*1926, ehem. Vorsitzender der US-Notenbank, berühmt-berüchtigt für seine kryptischen Aussagen)

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Mit 60 immer noch ein Kind

Der Vater war immer wackeliger auf den Beinen. Auch wenn er sich in ihrem Haus selbst versorgen konnte, war es absehbar, dass er bald mehr Unterstützung brauchte. Das brachte den Sohn in Gewissenskonflikte. Obwohl er sein eigenes Leben hatte, fühlte er sich bei ihm immer noch wie der kleine Pimpf, der er schon lange nicht mehr war. Würde das denn nie enden?

Die Eltern sind die prägendste und langfristige Beziehung in unserem Leben, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringen kann. Nach kindlichen Trotzphasen und revoltierender Pubertät gehen die Kinder aus dem Elternhaus, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig kann es dieses süße Gefühl der Vertrautheit geben, wenn bei Besuchen „zu Hause“ bei den Eltern das Lieblingsessen aus der Kindheit auf dem Tisch steht, ein liebgewonnenes Ritual wie das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaums zelebriert wird oder die Eltern einfach tröstend in einer Krise zur Seite stehen. Doch spätestens beim Satz „Du bist doch unser Mädchen/Bub!“ stellen sich der Fondsmanagerin, dem Lehrer oder den schon selbst Eltern gewordenen Kindern die Nackenhaare auf. Werden die Eltern auch noch selbst hilfsbedürftig, scheint es, als würden sich die Rollen gerade vertauschen. Die Alten werden zum Kind, die Kinder zu den Eltern und alle sind damit überfordert.

Ungeklärte Vergangenheit stört die GegenwartIn dieser für alle neuen Zeit kommen leicht alte Konflikte an die Oberfläche, Rechnungen wollen beglichen werden, denn es gibt Verletzungen auf beiden Seiten: das Gefühl, nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen zu haben, nicht verheilte Wunden von Streitereien oder Enttäuschungen über den jeweiligen Lebensweg des anderen. Wer will sich schon mit 60 noch fühlen wie ein Grundschulkind, das Angst vor einem autoritären Elternteil oder eine ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit hat? Jetzt, wo die Vorgeneration die 80 überschritten hat, lässt sich dieses kindliche Bedürfnis nicht mehr stillen.

Manchmal werden Besuche zur QualDas ist eine denkbar schlechte Basis für den Umgang mit dem Altern der Eltern. Und je weniger die Kinder sich bisher von ihren Eltern abgegrenzt haben, um so stärker können die Konflikte werden. Plötzlich ist das schlechte Gewissen des „undankbaren Rabenkindes“ die Richtschnur des Handelns und nicht mehr der freie Wille. So manches Kind würde aus innerer Not am liebsten fliehen und den Kontakt in die Ursprungsfamilie abbrechen.

Dabei kann das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer wieder neu verhandelt werden. Man mag es als „gegenseitige Abhängigkeit“ interpretieren, doch die Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem durch „Bezogenheit“ definiert: „Ich bin, weil Du bist!“ kann die Grundlage für eine gesunde Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung sein. Gemeinsamkeiten sind ein starkes FundamentDer Blick auf die gemeinsam gelebten Werte kann dabei das Fundament stärken: verdanke ich meine Neugierde meinen Eltern? Mein Humor? Meine Freude an der Kunst? Meine handwerklichen Fähigkeiten? Könnte ich dafür „Danke!“ sagen anstatt auf dem Verpassten und Verlorengegangenen zu bestehen? Und was wäre, wenn wir jetzt gegen Ende der gemeinsamen Zeit nur das Spezifische machen, das nur durch mich als Kind und Dich als Vater/Mutter möglich ist? Alles andere, vom Einkaufen über Haushalt und Pflege kann von Dienstleistern übernommen werden. Denn für diese Tätigkeiten braucht es nicht die besondere Eltern-Kind-Beziehung.

Außer Schießen, Hunden und Rattenfangen hast Du nichts im Kopf; Du wirst noch zur Schande für Dich selbst und Deine ganze Familie.

Der Vater von Charles Darwin zu seinem Sohn

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Nettsein hilft nicht weiter

Angefangen hat alles mit harmlosen Komplimenten, doch nach einigen Einkäufen fühlte sich die Hosenverkäuferin in der Gegenwart dieses Kunden immer unwohler. Er rückte ihr bei jedem Besuch mehr auf die Pelle. „Hab‘ Dich nicht so, er ist schließlich Kunde“, sagte ihr Chef. Doch wie konnte sie sich wehren?

Immer wieder kommen Frauen (und manchmal auch Männer) in die Überrumpelungs-Situation, dass ihnen ein Mensch zu nahe kommt, sie sich bedrängt fühlen und sie ihre Grenzen nicht verteidigen können. Was nur nett gemeint warMachtstrukturen begünstigen dies: auf der einen Seite der Gast / Kunde / Patient / Chef, auf der anderen Seite die Bedienung / Verkäuferin / Pflegekraft / Mitarbeiterin. Da soll professionelle Freundlichkeit gewahrt werden, um den potentiellen Geldbringer für das Geschäft nicht zu verprellen.

Was nur nett gemeint warDiese Freundlichkeit wird vom Gegenüber falsch interpretiert und auf sich persönlich bezogen. Statt „Ich werde hier freundlich bedient“ findet die Übersetzung „Sie hat Interesse an mir / Sie will was von mir“ statt. Dabei sind Komplimente nur die Vorspeise. In dem Menü folgen noch ein paar Gänge:

Das Machtgefälle zwischen der angreifenden und der angegriffenen Person wird durch die Ignoranz des Umfeldes verstärkt. Kollegen, Vorgesetzte, andere Kunden schauen weg, mischen sich nicht ein und so steht ein Mensch inmitten von anderen plötzlich alleine da und muss sich der Willkür erwehren mit all der anerzogenen Freundlichkeit, die als Abwehr einfach nicht taugt.

Alleine sind alle Menschen machtlos

Eine Lehre aus der Tanzstunde kann hilfreich sein: die Tänzer haben jeweils ihren eigenen Tanzbereich. Mein Tanzbereich vs. Dein TanzbereichWeil bei den Tanzfiguren klare Regeln die Schrittfolge vorgeben, können sich die beiden Tänzer sicher sein, dass die jeweilige Autonomie gewahrt wird und trotzdem etwas Gemeinsames gelingt. Respektiert mein Gegenüber nicht meine Grenzen, ist es ein schlechter Tanzpartner und statt harmonischer Figuren wird ein Gestolper auf das Parkett gelegt.

Übertragen auf Restaurants / Geschäfte / Krankenhäuser oder Unternehmen heißt das: Essen / Einkäufe / Behandlungen / Projekte gelingen nur, wenn die jeweiligen (Tanz-)Bereiche respektiert werden. Passiert dies nicht und eine Person ist übergriffig, ist klare Abwehr angesagt. Krallen ausfahren statt Nett-sein:

Nicht nur die Katze kann Zähne zeigen

  1. Wechsel vom „Du“ zum „Sie“ schafft Distanz
  2. Körpersprache: einen Schritt zurück treten oder einen Gegenstand zwischen sich und das Gegenüber bringen
  3. Klarer Blick signalisiert dem Gegenüber: „Ich nehme wahr, was hier geplant ist“
  4. Aussprechen von Grenzen um Klarheit über Erlaubtes und Nicht-Erlaubtes zu schaffen
  5. Sanktionen bei Grenzüberschreitung nicht nur androhen, sondern durchführen.

Klare Aussage, deutliche AbwehrIm Bekleidungsfachgeschäft könnte es zum Beispiel so aussehen: „Sie können gerne diese Hose in der Umkleidekabine anprobieren. Wenn Sie ihre Hände nicht bei sich lassen können, müssen Sie die Hose bei einer Änderungsschneiderei abstecken lassen.“

Neulich an der Tankstelle: „Testosteron. Bleifrei. Volltanken.“

Robert Mankoff (* 1.5.1944, US-amerikanischer Cartoonist und Autor)

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Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Der Mythos vom Multitasking

Als er an der Ampel stand, schaute er dem Straßenkünstler beim Jonglieren zu. Scheinbar mühelos hielt der fünf Bälle gleichzeitig in der Luft und er fragte sich: wie viele Bälle, also Aufgaben, er gerade gleichzeitig jonglierte. Weniger oder mehr als 50?

Zu viele Bälle in der Luft haltenEine der modernen Selbstverbesserungsklassiker ist seit vielen Jahren das Multitasking, also die angebliche Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Natürlich spart das Zeit, ist also effizient, weil dieses knappe Wirtschaftsgut optimal ausgenutzt wird. Und bei den Besten – zu denen jeder gehören kann, der die in den Bestsellern vorgeschlagenen Tipps befolgt – ist die Effizienz mit Effektivität gepaart. Sie arbeiten also zudem auch noch wirkungsvoll. Ein Traum für alle Wirtschaftsökonomen. Aber nur für die kurzsichtigen unter ihnen.

Denn auch nach Millionen Jahren der Evolution ist der Mensch lediglich mit einem Gehirn ausgestattet. Das Multitasking-Denken wird vor allem von der Informationstechnologie inspiriert. Deren Evolution brauchte aber auch gute sechzig Jahre, bis dann 2001 der erste Mehrkernprozessor vorgestellt wurde. Erst zwei oder mehr Denkkerne in einem Elektronengehirn machten echtes Multitasking möglich. Davor wurde es lediglich simuliert: die anstehenden Aufgaben wurden in kleine Häppchen geteilt und in schneller Abfolge werden diese Häppchen nacheinander abgearbeitet: Teil 1 von Aufgabe A, dann Teil 1 von Aufgabe B bevor dann der zweite Teil von Aufgabe A an der Reihe ist. Für den Außenstehenden war dieses sequenzielle Abarbeiten scheinbar parallel: der Mythos vom Multitasking war geboren.

Doch dieses Märchen hatte seine Auswirkung auf das menschliche Leben. Frauen seien besonders zum Multitasking in der Lage und die Männer sollten es besser auch lernen, um nicht abgehängt zu werden. Wer jedoch viele Aufgaben parallel zu erledigen versucht, wird schneller ermüden, als wenn er sie nacheinander erledigt. Denn jeder Zwischenstand der Aufgabe muss im Gedächtnis behalten werden, man muss sich bei jedem Wechsel neu in das Thema hinein versetzen und vom letzten Stand aus weiterarbeiten. Jeder kennt diese Situation, wenn er mit einem Servicecenter telefoniert und der Mensch am anderen Ende der Leitung erst nachlesen muss, was bisher geschah.

Wer sich also am Ende eines Arbeitstages müde fühlt und sich vorwirft, nichts geschafft zu haben, ist vielleicht ein Opfer des Multitasking. Ich empfehle eine Strichliste zu machen: Während der Arbeit einen Strich zu machen für jedes Thema, in das man sich hineindenken musste, seien es nur zwei Minuten oder eine halbe Stunde. Und am Abend einfach zählen, wie viele Striche zusammen gekommen sind. Dann weiß man, warum man vor lauter Multitasking keine Aufgabe gelöst bekommen hat.

Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Joschka Fischer (*1948, deutscher Politiker)

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