Nur ich auf meiner einsamen Insel

Das Ziel aller Arbeitsträume naht: der Urlaub! Doch in diesem Jahr ist es mehr Albtraum als Paradies. Immer noch eng mit der Familie zusammen, Edersee statt Engadin und danach noch weitere vier Wochen Ferien zu überbrücken. Sie wollte am liebsten auf eine einsame Insel, alleine. War sie deshalb eine Rabenmutter?

Vier Monate Ausnahmezustand im Familienleben hinterlassen ihre Spuren. Vier Monate, in denen zu Hause gearbeitet wurde, Schule stattfand und Besuche ausblieben. Wer Glück hat, konnte noch raus in den Garten oder immerhin auf einen Balkon. Vielleicht haben alle sogar eigene Zimmer! Doch selbst dann ist eines Mangelware: Zeit für sich selbst. So wie Klopapier und medizinische Masken Mangelware waren, sind Rückzugsmöglichkeiten rar gesät gewesen. Ein Rückzug von anderen Menschen, endlosen Aufgaben und auferlegten Pflichten. Ein Rückzug in mich selbst, mein Tempo, meine Zeit. Niemanden sehen und niemanden hören.

Stattdessen klingelt nach einer zu kurzen Nacht wieder der Wecker und manch ein:e kann dann vielleicht diese Liedzeilen von Udo Lindenberg nachvollziehen:
„Was ist das bloß für ein beschissenes Land
in dem schon morgens um sieben die Sonne aufgeht?
Er schmeißt den Wecker an die Wand
und flucht vor sich hin, während er langsam aufsteht.“

Der namenlose Protagonist des Songs ist vom Leben überfordert und um damit zurecht zu kommen, geht er ins „Killer Kino“, schaut sich Mad Max, Alien und andere Brutalo-Filme an. Dort wird abgerechnet und mitgeschossen. Auch friedliche Menschen entdecken in sich mal solche Gedanken. Jetzt sind die meisten Kinos zu und selbst wenn, wäre das meiner Meinung nach nicht der probate Weg, mit der aktuellen Überforderung umzugehen.

Nur ich auf meiner Insel

Wie verlockend ist stattdessen dieser Gedanke: „Ich, alleine auf einer Insel. Vielleicht noch eine Nachbarinsel nebenan, zu der ich hinfahren kann, um einen anderen Menschen zu sehen. Aber nur, wenn ich es will.“ Dieses Bild beschreibt eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe. Und wenn diese Sehnsucht nicht gestillt wird, sind die Risiken und Nebenwirkungen: leichte Reizbarkeit, dünne Geduldsfäden, Kopf- und Gliederschmerzen. Der Wunsch nach Besinnung ist gerechtfertigt, damit ich bei Sinnen bleibe.

Nicht jedem ist es gegönnt, wie erfahrene Yogis auch im lautesten Alltag einer indischen Stadt in Meditation und Kontemplation zu versinken. Doch ganz sicher gibt es in jedem Alltag kleine Lücken für Auszeiten. Auch im Urlaub kann es guttun, mal einen halben oder ganzen Tag etwas getrennt voneinander zu machen. Das sind Chancen für die Muße, die erfrischen und entspannen.

Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen.

François VI. Herzog de La Rochefoucauld (1613 – 1680, franz. philosophischer Schriftsteller)

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Das vollbrachte Werk will bewundert werden

Als er ins Bett ging, probierte er etwas Neues aus: er hielt Rückschau auf den Tag. Er begann am Abend und schaute langsam bis zum Morgen zurück. Er war überrascht, wie viel er erlebt hatte, wie viele kleine Freuden darin steckten und schlief selig darüber ein. Warum war er nicht früher auf diese Idee gekommen?

Wer von uns kennt das nicht: Mit letzter Kraft gehen wir durchs Bad, ein letzter müde prüfender Blick durch die Wohnung und dann fallen wir wie ein Stein ins Bett. Doch obwohl die Müdigkeit scheinbar grenzenlos groß ist, will sich der Schlaf einfach nicht einstellen. Der Tag spult sich wie ein endloser Film vor unserem inneren Auge ab und der Geist will sich einfach nicht beruhigen. Zu viel will noch verarbeitet, beurteilt und in die inneren Schubladen abgelegt werden.

Eine kleine Intervention kann da große Wirkung haben: Über den Tag hinweg Momente für eine Rückschau finden. Sie können verborgenes Glück sichtbar machen. Manche Glücksrückschauen sind ganz für mich selbst da:

  • Das gespülte Geschirr steht blitzsauber zum Trocknen auf der Spüle. Wann schaue ich mir das bewusst an?
  • Die Wäscheleine ist voll mit sauberen Anziehsachen. Wann rieche ich den Geruch des Frischgewaschenen?
  • Der Garten ist von Unkraut befreit und hat wieder Platz für neue Pflanzungen. Verschnaufe ich kurz auf der Bank und lasse den Blick über das Grün schweifen?
  • Die Präsentation hat einen Spannungsbogen und ist optisch ansprechend. Nehme ich in der Foliensortierung noch einmal wahr, welche Leistung darin steckt?

Anderes ist ein Gemeinschaftserlebnis: Für manche Paare gehört „die Zigarette danach“ zu jenen Momenten, in denen beide noch einmal genussvoll auf das gemeinsam Erzauberte zurückblicken.

Eines zu Ende – Pause – Neues beginnen

Für alle diese Momente braucht es kein Bier („Heute ein König …“), Weinbrand („Wenn einem Gutes widerfährt …“) oder Schokoriegel („Morgens halb zehn in Deutschland …“). Es sind Augenblicke, die das Eine vom Anderen trennen und so den einzelnen Zeitabschnitten am Tag ihre Bedeutung geben. Denn oft genug verschwimmen die Tätigkeiten. Kaum ist die eine beendet, wird schon die nächste in Angriff genommen und gehetzt fragen sich so manche am Abend: „Was habe ich heute eigentlich gemacht? Habe ich überhaupt etwas auf die Reihe bekommen?“

Da hilft eine Technik aus dem Schiffbau. Der Rumpf eines Schiffs ist längs und quer durch wasserdichte Trennwände unterteilt. Der Raum dazwischen wird als „Schott“ bezeichnet. Läuft bei einem Leck eine dieser Schotten voll, so ist das Schiff trotzdem noch manövrierfähig. Denn ein Schott verhindert, dass sich das Wasser ungehindert ausbreitet.

Auch ein Tag lässt sich in Schotten unterteilen, die eine Zeit von der anderen trennen: das Eine ist beendet, ich würdige es und dann lasse ich es los. Mit frischem Geist kann ich mich dann der nächsten Aufgabe widmen. So mache ich die Schotten dicht und die Arbeit schwappt zum Beispiel nicht mehr in die freie Zeit. Am Ende eines Tages voll bewusst erlebter Zeitabschnitte wird die ganze Fülle und der Reichtum der kleinen Alltagsdinge sichtbar. Denn auch wenn etwas zwischenzeitlich nach Misserfolg aussieht, kann der Rückblick auf das Ergebnis mit Milde schauen: es ist gelungen, so gut es eben gelingen konnte.

Leben Sie in „zeitdichten Schotten“

Aus: „Sorge Dich nicht – lebe!“ von Dale Carnegie (1888 – 1955, US-amerik. Kommunikationstrainer und Autor)

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Zulassen, dass es nicht perfekt wird

Für die Vorstellungsrunde im Seminar sollten alle ein Bild von sich malen. „Na super“, dachte sie. „Wieder so was Kreatives. Und ich kann nicht zeichnen. Damit blamiere ich mich doch gleich zu Beginn.“ Warum hatte sie sich hierfür bloß angemeldet?

Für Kinder wäre diese Seminaraufgabe ein Klacks. Die malen einfach drauf los – zumindest bis zu dem Alter, in dem sie von Erwachsenen gesagt bekommen, wie etwas auszusehen habe. „So sieht doch aber kein Haus aus!“ oder „Die Omi hat doch ganz andere Haare!“ Mit jedem dieser Sätze wird ein Stück Freiheit und Kreativität erstickt. Kinder lernen, dass sie bestimmte Dinge und Formen aufs Blatt bringen sollen. Und weil sie bei einigen Bildern auch gelobt werden („Das ist aber schön geworden!“), lernen sie diese fremden Erwartungen besonders gut zu erfüllen. Das ist die Geburtsstunde des kleinen Perfektionisten in ihnen. Der wird sie von nun an ihr ganzes Leben begleiten und peinlichst genau darauf achten, alles gut zu machen.

Vielleicht erinnern sich manche an „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler. In diesem Kinderbuch will eine kleine Hexe zur Walpurgisnachtfeier der großen Hexen. Weil sie gerade mal 127 Jahre alt ist (und das ist ja für eine Hexe noch gar kein Alter), darf sie noch nichtfeiern. Heimlich schleicht sie sich auf den Blocksberg und wird erwischt. Die großen Hexen verlangen eine Bestrafung, doch wenn sie in einem Jahr eine gute Hexe geworden ist, darf sie mit ihnen um das Hexenfeuer tanzen. Ihr treuer Rabe Abraxas erinnert sie nun bei vielen Gelegenheiten daran, dass sie eine „gute“ Hexe werden muss. Also hilft sie armen Mädchen, frierenden Marktleuten und alten Frauen gegen herzlose Oberförster oder grobe Bierkutscher. Doch das ist leider genau das Gegenteil von dem „Gut“, das die alten Hexen meinten: Statt zu helfen, hätte sie gemein zu den Leuten sein sollen.

Kreativität will Freiheit vom PerfektseinEs geht mir um Erwartungen an die zu erbringenden Leistungen. Wenn der Trainer an den Seminarbeginn ein Bild setzt, dann will er unter den Teilnehmenden keine Da Vincis oder Frida Kahlos entdecken, sondern er will Raum geben für Freiheit. Die Surrealisten hatten dafür den Begriff des „automatisierten Zeichnens“ oder „automatisierten Schreibens“ geprägt: etwas auf Papier zu bringen, ohne sich den Vorgaben von Proportionen oder Orthographie zu unterwerfen, um so den kreativen Prozess ungestört laufen zu lassen.

Auch für den Seminarleiter geht es vom Müssen hin zum Dürfen: Er lädt die Teilnehmenden ein, zuzulassen, dass etwas nicht perfekt wird. Er will Freude am Ausprobieren wecken und Lust am Entdecken. Dabei entstehen durch Zufall Erkenntnisse, die im drögen Lehrstoff zwar theoretisch enthalten sind, die aber nur durch Erleben gelernt werden. Und erst in dieser Freiheit des Erlebens und Tuns kann Kreativität leben und es ein gelungenes Seminar werden.

Kindheit und Genialität haben denselben Grundimpuls: Neugier

Sprichwort

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Gegen das Unvermeidliche ist Aufbegehren zwecklos

Der Chef fand seine Idee spaßig: eine große virtuelle Feier zum 50. Tag im Corona-Homeoffice und alle tragen etwas dazu bei. Doch dem Kollegen war nicht zum Jubeln, sondern er wechselte seit Wochen zwischen Depression und Aggression. Wie sollte er diese Arbeitswelt bloß überleben?

In fast jedem Ratgeber für ein erfolgreiches und somit glückliches Leben findet sich dieser Selbstverwirklichungs-Dreisatz von Walt Disney:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Or leave it (Oder verlasse es)

Er vermittelt den Eindruck, wir alle hätten es selbst in der Hand, das Leben im eigenen Sinne zu gestalten. Doch die Wahrheit ist: wir können nicht immer unser Glückes Schmied sein. Manchmal müssen wir uns arrangieren. Denn es gibt Situationen, denen wir schlichtweg ausgesetzt sind. Kriegen und Pandemien zum Beispiel. Oder dem Wetter.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“ Da haben wir in diesem Werbespruch wieder den versteckten Vorwurf: Wenn Du unglücklich bist, liegt es nur an den falschen Produkten oder falschen Gedanken. Zusammengefasst: Du bist selbst dran schuld. Du wolltest ein rauschendes Picknick-Fest feiern und es gießt in Strömen? Hey, alles nur eine Sache der Einstellung!

Die Coronazeit ist ein MarathonEs ist Pandemie, Du vermisst die Umarmungen Deiner Freunde, Deine Großeltern siehst Du nur noch in der Videokonferenz? Aber hey, dafür kannst Du doch jetzt endlich Mandarin lernen! Ach, Homeoffice und Homeschooling laufen nicht so locker, wie die Klatsch- und Tratsch-Kolumnen im Netz behaupten? Hey, mach Dich halt einfach mal locker. Liebe es einfach! Oder ändere es! Oder verlasse es!

Ach nee, das geht ja nicht. Wie soll ich denn bitte schön die aktuelle Situation verlassen? Ich kann sie auch nicht ändern. Und verdammt noch mal:
Ich. Kann. Die. Situation. Nicht. Lieben.
Und. Ich. Will. Das. Auch. Nicht!

Zum Teufel mit den Ratgebern, denn eigentlich besteht die Auflistung aus vier Optionen:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Leave it (Verlasse es)
Endure it (Halte es aus)

Nach mehr als zwei Monaten Einschränkungen liegen bei Vielen die Nerven blank, alles soll wieder so sein wie vorher. Im trügerischen Selbstoptimierungs-Dreisatz gilt es daher, die Situation zu verändern. Die Situation rund um Corona ist komplex. Zugegebenermaßen so komplex, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Menschen, die es nicht aushalten, einer unabänderlichen Lage ausgesetzt zu sein, sind anfällig für einfache Erklärungen. Schuldige sind dann schnell benannt. Und sind die erstmal aus dem Weg geräumt, wird alles wieder gut. Die Situation wird (scheinbar) erfolgreich geändert.

Doch schnell geht bei Covid-19 gar nichts. Viele sprechen von einem Marathon. Der geht bekanntlich über 42,195 Kilometer. Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer. Also sind wir aktuell bei Kilometer 15. Mitte November sehen wir weiter, dann ist die Marathondistanz erreicht. Bis dahin gilt für mich:

Hütet Euch vor den falschen Propheten, sie kommen zu Euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.

Matthäus 7, 15 (Bergpredigt)

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Corona: Schluss mit lustig

Die Sonne scheint, der Frühling lockt nach draußen, das Leben sprießt und mit ihm die Lust auf Freiheit, Zusammensein und Unbeschwertheit. Nur das neueste Must-have Accessoire, der Mund-Nasen-Schutz, zeigt: etwas ist anders. Doch ist es das wirklich?

Mir scheint, dass viele Menschen die Corona-Pandemie lediglich für eine kurze Abwechslung vom Alltag halten. Die Aktivitäten werden vom realen Offline-Leben in die virtuelle Online-Welt überführt. Das ist sogar recht spaßig und man kann weiter wie zuvor auf Achse sein, ohne jedoch die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Außerdem sei Corona perfekt, um endlich eine Sprache zu lernen, ein Instrument zu bauen oder alle Staffeln von „Warrior cats“ zu lesen. Mich beschleicht dabei der Gedanke, dass sich keine Zeit genommen wird, den Ernst der Lage einmal in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Ein (un)maskiertes HerzWer Corona für eine harmlose Grippe hält, lasse sich von Angehörigen oder Pflegepersonal einmal das elendig langsame Ersticken erzählen, das der Virus verursachen kann. Wer sich für unverwundbar hält, möge seinen Horizont einmal auf den nächsten Mitmenschen erweitern, der von einem selbst angesteckt werden kann, obwohl man selbst keine Symptome spürt. Wer findet, dass vier Wochen Partyverzicht doch nun reichen würden, schaue einmal in ein Mathebuch für die Mittelstufe im Kapitel „Exponentialrechnung“ nach.

„Die Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen, beginnt mit der Anerkennung der Not. Misstrauen Sie allen eifrigen Ratgebern, die auf positives Denken setzen, bevor die Not in ihrer Schockschwere seelisch anerkannt und gefühlt werden durfte! Noch ist es eindeutig zu früh, auf ein posttraumatisches Wachstum zu setzen. Die Not will erkannt und anerkannt sein – und sie ist kollektiv und hoch individuell zugleich. Gib der Angst Raum in deinem Herzen, erkläre dich nicht zum kläglichen Hasenfuß, wenn du sie verspürst! Und bleibe damit nicht im stillen Kämmerlein, auch wenn dieses paradoxerweise zur empfohlenen Sicherheitszone geworden ist!“

Das Zitat stammt von Prof. Schulz von Thun von Ende März. Ich kann es nicht besser formulieren.

Bei vielen Menschen, die sich über unzumutbare Einschränkungen beschweren, sehe ich deren privilegierte Lebenssituation: sicherer Job, Wohnung mit ausreichend Platz, keine Vorerkrankungen oder Gesundheitsrisiken. Von Menschen, deren ökonomische Situation tatsächlich prekär ist, die Angehörige durch Covid-19 verloren haben oder die auf engstem Raum in sozialer Isolierung leben müssen, höre ich diese Klagen nicht. Dort gibt es große Herausforderungen, den Alltag überhaupt zu meistern, so dass an theoretischen Diskussionen kein Bedarf besteht.

Ich bezeichne mich hin und wieder als „naiven Romantiker“. Ich hoffe auf das Gute im Menschen, wünsche mir in Büchern ein Happy-End und sehe auch aktuell die Chance, etwas mehr Menschlichkeit, etwas weniger Raubtiertum zu schaffen. Denn eine Krise formt nicht den Charakter, sondern enthüllt ihn. Daher meine Bitte an Sie: zeigen Sie Ihre gute Herzensseite.

Solidarität ist derzeit mit Abstand das Beste!

Schulz von Thun (*1944, emeritierter Professor für Psychologie und Kommunikationswissenschaftler)

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Die Bedürfniswaage (nicht nur) in Coronazeiten

Er konnte die fröhlichen #StayAtHome #ZuhauseBleiben Heimquarantäne-Videos nicht mehr sehen. Er hasste es mittlerweile, ständig von der Familie umgeben zu arbeiten. Er sehnte sich nach der Abgeschiedenheit seines Arbeitsweges, der nüchternen Büroatmosphäre und selbst nach manch unsympathischem Kollegen. Wie sollte er das alles bloß weiter aushalten?

Die Trennung vom gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Leben bringt für Solo-Selbständige und Angestellte ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Während Angestellte (bisher noch) grundsätzlich eine Arbeitsstelle und damit ein Einkommen haben, ist bei Selbständigen die Existenznot viel größer. Gleichzeitig sind sie es eher gewohnt, alleine zu arbeiten, während Angestellte oft in einem Gruppenverbund tätig sind. Beide Gruppen müssen auf nicht absehbare Zeit mehr von dem aushalten, was unangenehm für sie ist.

Der schweizerische Paartherapeut Christoph Thomann geht davon aus, dass jeder Mensch vier elementare Grundbedürfnisse hat. Er beschreibt sie als die gegensätzlichen Paare aus Nähe – Distanz sowie Dauer/Struktur – Wechsel. Jeder Mensch braucht von allen vier Bedürfnissen etwas, aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein Mensch hat daher eine Grundprägung, sozusagen eine Bedürfnisheimat.

Die eigenen Bedürfnisse in Balance bringenDie neue Situation erfordert, dass ich mich vielleicht mehr mit Nähe auseinandersetzen muss, als mir lieb ist. Oder dass ich mehr Neues ausprobieren muss, als ich gewöhnlich wage. Das kann am Anfang ganz reizvoll sein, so wie ein Experiment, Urlaub oder Abenteuer. Doch die eigene Grundprägung kann ein Mensch nicht einfach mal so ändern oder ablegen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem es mir zu viel wird: Zu viel Nähe zur Familie zu Hause; zu viel Distanz von Freunden; zu viel Unsicherheit über die Zukunft; zu oft Spaghetti mit Tomatensoße.

Es kann helfen, wenn ich schaue, welche meiner Bedürfnisse gerade unterversorgt sind: zu wenig „Ich, mein Leben“, weil es zu viel Gemeinsamkeit und Familie gibt? Zu wenig Kontakt zu Kolleg*innen, weil ich zu weit weg im Homeoffice bin? Zu viel Langweile, weil ich zu wenig Inspiration erlebe? Zu viel Unsicherheit, weil ich zu wenig stützende Strukturen erfahre?

Wenn ich erkenne, was mir gerade zu viel wird, kann ich das gegenteilige Bedürfnis nähren und so für Ausgleich sorgen. Ich kann mehr Gewicht auf die Waagschale legen, die gerade zu leicht ist. Zum Beispiel durch eine Auszeit mit Kopfhörer im Schlafzimmer, ganz für mich alleine. Oder mit einem Videochat mit Kollegen bei einer virtuell geteilten Tasse Kaffee.

Es hilft mir, inne zu halten, zu beobachten und anzuschauen, was gerade wirklich mein Bedürfnis ist. Und dann mutig zu handeln, um auch für mich selbst zu sorgen. Für Egoisten gilt: mutig zu handeln und auch für andere zu sorgen.

Charlie Brown: „Someday we will all die, Snoopy!“
Snoopy: „True. But on all the other days we will not.“

Aus einem Peanuts-Comic von Charles M. Schulz

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Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

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Panikattacke im Stammhirn

Das neue Jahr begann noch erschreckender als das letzte endete. Überall Bedrohungen! Während er in seiner Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saß und ein gutes Glas Rotwein trank, fühlte er sich umzingelt von Kriegsdrohungen, Umweltkatastrophen und Wirtschaftsgefahren. Wie sollte er nur überleben?

Der evolutionär älteste Teil unseres Denkorgans ist das Stammhirn. Direkt von den Nervenzellen aus allen Sinnesorganen gefüttert, leitet es alle Informationen an das limbische System weiter. Ein Rascheln! Lauert da eine Gefahr im Unterholz? Ein Schatten am Wegesrand! Naht da ein Feind? Es horcht auch ständig in unser Innerstes hinein. Ein Zwicken in der Leiste! Verhindert das die Flucht? Alle diese Informationen werden unbewusst wahrgenommen und innerhalb einer Viertelsekunde in „Gefahr oder Nicht-Gefahr“, „Böse oder Gut“, „Kampf oder Flucht“ eingeteilt. Denn das limbische System merkt sich seit der Geburt auch die Umstände (Situation + Reaktion = Ergebnis) und wird lebenslang dazu trainiert, Gefahren abzuschätzen und so Handlungsempfehlungen zu geben. Blitzschnell.

Jede Art von Nachrichten wird über dieses System aufgenommen, unabhängig von der Medienquelle (Podcast, Smartphone, Gerüchteküche). So wird unser Alarmsystem dank bester weltweiter Nachrichtenversorgung stets mit allen Impulsen versorgt, die für eine gediegene Panikstimmung notwendig sind. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem allgemeinen Bedrohungsempfinden und der tatsächlichen individuellen Gefahrenlage.

Regelmäßig bringen Umfragen an das Tageslicht, dass die persönliche Situation besser eingeschätzt wird als die des Durchschnitts der Gesellschaft. Menschen, die in Deutschland leben, haben im Allgemeinen Zugang zu einer bezahlbaren und obendrein einer der besten Gesundheitsversorgungen der Welt. Sie leben seit mehr als siebzig Jahren in Frieden und sind von Wetterkatastrophen wie Buschbränden von der Größe der östlichen Bundesländer oder Heuschreckenschwärme von der Größe des Saarlandes verschont geblieben. „Bisher!“, ruft hier das Alarmsystem, „Australien ist näher als Du denkst!“

Emotion plus Ratio ergibt gute Ideen

Nutzen wir also das Gehirn, wofür es geschaffen wurde: zum Denken. Denn neben dem Stammhirn gibt es zum Glück die Großhirnrinde (zuständig für logisches und abstraktes Denken) und dort speziell den präfrontalen Kortex. Der ist sowohl mit dem Stammhirn, dem limbischen System als auch der Großhirnrinde verbunden. In dieser Hirnregion sitzen Zeitgefühl und Selbstgefühl, dort werden moralische Urteile gefällt – sowohl über andere als auch über mich selbst. Hier entstehen die sozialen Bindungen zu anderen Menschen. Wenn Sie wissen wollen, wo dieser geniale Allrounder genau ist: er liegt, wo manche Menschen „ein Brett vor dem Kopf haben“ oder spirituelle Menschen das „Dritte Auge“ lokalisieren.

Die Genialität hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: sie ist komplex und deshalb langsam, die Verarbeitung im Großhirn dauert ungefähr vier Mal so lange wie im limbischen System. Dann kommt nochmal die Bewertung auf Basis unserer Werte im präfrontalen Kortex hinzu. Die braucht auch Zeit. Wenn also mal wieder Panik im Stammhirn ist, hilft es durchaus, tief durchzuatmen und dem restlichen Gehirn Zeit zu geben, darauf zu reagieren. Denn neben der Emotion braucht es den Verstand, um angemessene Reaktionen zu finden.

Gelassene Panik als Grundzustand

Max Frisch (1911 – 1991, Schweizer Schriftsteller)

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Weihnachten schenke ich mir … mich selbst

Der Christbaum war geschmückt, die Geschenke eingepackt und das Weihnachtsessen vorbereitet. Es war die Ruhe vor dem Sturm: drei Tage mit Familie, Verwandten, Partnern und Kindern standen bevor. Da beschloss er, sich selbst mit einer Auszeit zu beschenken. Denn sonst würde er sich selbst verlieren.

Des einen Freud ist des andern Leid. Weihnachten ist das Fest, an dem die Familie, ob fern, ob nah, zusammenkommt. Wann, wenn nicht unterm Christbaum, wird geredet, gegessen, getratscht und gestritten. Für alleinlebende Angehörige ist das der Höhepunkt des Jahres und lässt die alltägliche Einsamkeit vergessen. Für Eltern und Kinder, deren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt, Schule und Hobbies aufgerieben wird, ist es die ultimative Stresssteigerung. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Auszeit von Weihnachten

Denn statt „Stiller Nacht“ gibt es enge Zeitpläne, Fahrplanänderungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung, Stau und stockenden Verkehr, Verstopfung wegen zu süßem Essen, Verstopfung wegen zu fettigen Essens, Drama wegen des vegetarisches Festmenüs, Drama wegen nicht veganer Speisen, Drama wegen falscher Geschenke, es gibt fahle Witze vor dem Alkohol, sexistische Zoten nach dem Alkohol und depressive Stimmung nach zu viel Alkohol. Überhaupt scheint es von allem zu viel zu geben.

Vor lauter „im Außen sein“ und Fremdbestimmung verlieren sich manche Menschen komplett und sind am Ende der Weihnachtszeit reif für die Insel. Da hilft es, eine Notbremse einzubauen. Eine halbe Stunde, also dreißig Minuten mit insgesamt 1.800 Sekunden, pro Festtag

Zeit.
Für mich.
Zum Nichtstun.
Ohne Plan.
Ohne Ziel.
Einfach.
Nur da sein.

Ein wunderbares Geschenk, das den Frieden erhält, sowohl in einem selbst als auch mit dem Umfeld. Kostet nichts, ist immer verfügbar und muss nicht umgetauscht werden.

Wo kann man denn Weihnachten allein hin – außer aufs Klo? Nach Thailand vielleicht, in irgendeine Fischerhütte? Aber will man das? An Weihnachten? Zur einzigen Zeit im Jahr, in der jeder dahergelaufene Einsame ruck, zuck von irgendwem aufgenommen werden soll?

Die Schriftstellerin Helene Hegemann am 24.12.2017 in der NZZ

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Perfekte Harmonie: ein tödlicher Cocktail

Kaum hatte er seine Ansprache beendet, stieg die Unzufriedenheit in ihm auf. Da gab es Versprecher! Noch schlimmer: ein, zwei Zuhörende schienen wenig begeistert von seinen Ausführungen. Er warf sich vor: warum war ich nicht besser und habe deshalb von allen Zustimmung erhalten?

Manche Menschen halten es nicht aus, wenn es Unfrieden zwischen ihnen und ihrem Umfeld gibt. Sie richten ihr Handeln ständig auf die Reaktionen des Umfelds ab und vermeiden alles, was zu etwaigen Unstimmigkeiten führen könnte. Sie brauchen Harmonie: die freundliche, besser noch freundschaftliche Beziehung zu allen Menschen. Sie können ohne die Anerkennung ihrer Tätigkeiten und Ansichten nicht leben. Dafür sind sie im Zweifelsfall auch bereit, eigene Interessen hinten anzustellen zu Erreichung eines friedlichen größeren Gemeinsamen.

Andere Menschen leben unter einem Perfektionsdiktat, das sie sich selbst auferlegt haben. Präzisionsarbeit, Zuverlässigkeit und Ordnung gelten für sie als oberstes erstrebenswertes Ziel. Sie finden für jedes Ding den rechten Ort, denn das ist ihr Sport. Die Wohnung ist blitzblank und selbst zu spät zu einer Verabredung kommen ist für sie ein Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges. Diesen hohen Anspruch stellen sie auch an ihr Umfeld und äußern das unmissverständlich, mitunter wenig diplomatisch.

Harmonie und Frieden – immer und überallUnd dann gibt es Menschen, die beide Antriebe in sich vereinbaren und in perfektionistischer Weise nach Harmonie streben. Harmonie und Frieden zu 100 Prozent? Das ist ein tödlicher Mix von Zielen, denn diese Ziele streben in unterschiedliche Richtungen. Wer in Harmonie leben will, muss sich unweigerlich mit den Schwächen und Unzulänglichkeiten der Menschen arrangieren. Als Harmoniebedürftiger wird dann ausgeglichen, nachgesehen und entschuldigt, um ja keinen Zwist aufkommen zu lassen. Konflikte werden um jeden Preis vermieden. Wer nach Fehlerlosigkeit strebt, hält es gerade nicht aus, dass andere Schwächen und Unzulänglichkeiten haben. Als Perfektionist wird dann kontrolliert, geurteilt und gefordert, um ja eine hundertprozentige Zielerreichung abzusichern.

Nicht nur andere, auch an sich selbst haben sie den Anspruch an perfekte Harmonie. Sie halten es schier nicht aus, wenn sie nicht alles getan haben, um Anerkennung für respektvolles Handeln zu bekommen, wenn sie jemanden selbst wenig einer Kleinigkeit verärgert haben könnten.

Diese Mischung aus Harmoniesucht und Perfektionismus ist ein tödlicher Cocktail, weil er die Freiheit zerstört, die wir als fehlerhafte Wesen brauchen. Wir sind nicht perfekt und das Leben besteht aus Konflikten. Wer das für sich negiert und Perfektionismus und Harmonie in allen Bereichen erreichen will, wird nur dann glücklich sein, wenn der Tod eingetreten ist. Dann ist, je nach eigenem Weltbild, die perfekte Harmonie mit dem allumfassenden Göttlichen oder dem allumfassenden Nichts erreicht.

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin Müller-Stahl (*1930, deutscher Schauspieler und Maler)

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