Mit dem Tempomat durch das eigene Leben

Lebe im Gleichklang mit Dir selbst! Werde langsamer und erreiche dadurch mehr! Achtsamkeit ist der Schlüssel zu Glück und Gesundheit! Alle Welt sprach davon, dass das Leben im persönlichen Tempo angegangen werden müsse. Doch sie fragte sich: wie ist es ist denn, mein Tempo?

Die Großstädte scheinen ein Hort der Hektik zu sein und auf dem Land ist alles noch in bester Ordnung. Während hier Dauerbeschallung, Verkehrsströme und Menschenmengen jeden Tag anstrengend machen würden, lebte dort doch alles in friedvoller Harmonie mit der Natur. Menschen auf dem Land sehen das anders: wer von der Natur lebt, arbeitet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, trotzt dem Wetter und kämpft für faire Verkaufspreise.

Das entspannte Landleben ist (und war schon immer) eine Illusion. Schließlich wurde das Flanieren in Paris erfunden, als es angeblich schick war, eine Schildkröte auszuführen. Die Wanderbewegungen hierzulande haben das Gehen ebenfalls als erstrebenswerte Heilquelle angesehen. Eine ganze Industrie lebt heuer vom Verkauf der Wanderausrüstung. Dabei ist Gehen die einzige Fortbewegung, für die wir Menschen kein Hilfsmittel benötigen. Noch nicht einmal Schuhe.

In der inneren Mitte laufen

Letztens war ich am Meer und bin barfuß über den Strand und entlang der Wasserkante gelaufen. Mein Gang veränderte sich. Vom abgehakten Hoppeln in Schuhen auf Asphalt hin zu einem wiegenden Schreiten, wo jeder Schritt die Zehen bewusst in den Untergrund gedrückt hat. Ging ich langsam? Ging ich schnell? Das kann ich nicht sagen, doch ich ging – in meinem Tempo. Manche Menschen überholten mich, sie gingen in ihrem Tempo. Andere Menschen überholte ich. Auch sie gingen in ihrem Tempo. Ich hatte eine Ahnung davon bekommen, dass ich mein ganz persönliches Tempo spüren kann.

Vor vielen Jahren traf ich eine Frau, die gut und gerne bereits eine halbe Stunde vor der Ankunftszeit des Fliegers am Flughafen auf ihren Gast gewartet hat. Sie reise lieber in Ruhe mit einem Puffer an und nähme sich dann die Zeit, zu warten. Im Urlaub haben meine Frau und ich den selten fahrenden Bus verpasst und so eine leckere Entdeckung in der Eisdiele an der Ecke gemacht. Was also könnte ich gewinnen, wenn ich versuchte, mir mehr Zeit für mein Tempo zu nehmen?

Die Zeit hat Zeit. Sie pendelt.

Im Hotel für Mensch und Kunst „Das Kleine Schwarze“, Hamburg

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Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

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Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

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Wenn Kooperation auf Erpressung trifft

Im Angesicht des Krieges der russischen Staatsführung in der Ukraine weiche ich vom gewohnten Kolumnen-Format ab. Ich fasse einige Gedanken von Volker Müller-Benedict zusammen, mit denen er Ergebnisse der Spieltheorie auf das sozialpolitische Feld und Putins Agieren überträgt.

Kooperation galt seit den traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges als das Mittel der Wahl, um den Frieden auf der Welt zu sichern. Es ist ein Wunschdenken, dass das in der westlichen Welt auch einigermaßen geklappt hat, denn zurzeit werden besonders Menschen auf dem Balkan von ihren Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse eingeholt. Auch auf dem Rest des Globus war und ist es nicht besonders friedlich. Über 140 Kriege nennt Wikipedia seit 1945, das Statistikportal Statista listet alleine für 2020 fast 360 Kriege und Konflikte auf. Warum also kommt die Kooperation nicht so richtig zum Erfolg?

Kooperation setzt voraus, dass alle Beteiligten langfristig weniger am eigenen Vorteil interessiert sind, sondern im „Gesamtglück“ aller Beteiligten den wahren Wert erkennen. Auch wenn nicht alle eigenen Forderungen erfüllt werden, so sind doch die eigenen Gewinne immer noch attraktiv genug, um von den eigenen Interessen etwas abzugeben. Die Belohnung für alle: Frieden.

Diese Win-Win-Situation ist in der Spieltheorie durchaus möglich, doch nur solange, bis nicht ein anderer Spielertyp das Feld betritt: der Erpresser. Er kooperiert nur zum Schein und rechnet fest mit der Kooperationsbereitschaft des Gegenübers. Nur um das Gegenüber dann immer wieder zu übervorteilen („übers Ohr zu hauen“). „Man ist gezwungen mehr und mehr zu kooperieren, wenn man irgendeine Chance auf Steigerung des eigenen Gewinns haben möchte“, so Müller-Benedict. Trifft nun ein kooperationsbereiter Mensch auf einen erpresserischen Mitspieler, muss daher eine Entscheidung getroffen werden:

  1. Die Erpressung akzeptieren und damit eigene Verluste in Kauf nehmen. So können jedoch immer noch eigene kleine Gewinne erzielt werden (z.B. den Frieden scheinbar zu sichern). Der Erpresser gewinnt dabei immer.
  2. Die Kooperation beenden. Die eigenen Verluste werden hoch sein, doch auch der Erpresser hat empfindliche Verluste zu erleiden.

Je mehr Erpresser auf dem Spielfeld sind, umso unattraktiver wird dieses Verhalten, weil dann Erpresser auf Erpresser treffen und nicht mehr nur Erpresser auf Kooperationswillige. Erpresser*innen sind überaus attraktiv für Wähler*innen, weil sie zu Recht annehmen, dass diese*r Führer*in die Wählerinteressen am besten durchsetzen kann.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es wichtig, mutig zu werden, auch wenn die Aussichten düster sind: eine starke demokratische Zivilgesellschaft verhindert am ehesten, dass Erpresser an die Macht kommen.

Artikel „Erpressung oder Kooperation“ in der taz vom 25.2.2022 (Auf taz.de sind Artikel frei zugänglich, ohne Bezahlschranke. Das geht nur, weil sich viele Leser*innen freiwillig an der Finanzierung beteiligen und so den unabhängigen Journalismus unterstützen. Ein entsprechender Hinweis kann beim Aufruf der Seite erscheinen):

https://taz.de/Experimentelle-Wissenschaft/!5834234&s=spieltheorie/ ↗

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Ab 50 bist Du unsichtbar!

Sie hatte den Eindruck, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Es gab keine bewundernden, anerkennenden oder begehrlichen Blicke mehr für sie. Sollte sie darüber traurig sein oder sich freuen?

In unserem Leben erfahren wir ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit. Ganz zu Beginn stehen wir als Kinder im Mittelpunkt elterlicher Freude und Leid. Nach und nach verlassen die geliebten Kleinen die häusliche Umgebung und gewinnen Freund und Feind draußen in der Welt. In der Jugend dreht sich alles um die Kernfragen „Wer bin ich?“ und „Wie sehen mich die anderen?“

Nach der Gründung einer eigenen Familie wiederholt sich die Konzentration auf einen Menschen, nun aus der Elternrolle heraus. Gleichzeitig ist es das Lebensalter, in dem Menschen ihre Berufs- und Lebenspläne möglichst erfolgreich voranbringen wollen. Maximale Aufmerksamkeit der Umwelt ist ihnen sicher.

Irgendwann, so ab Ende 40, wenn die Kinder kaum noch zu Hause sind und die Karriere die entscheidenden Weichenstellungen hinter sich hat, beginnt die graue Phase der Unscheinbarkeit. Wir schwimmen mit: mit großer Erfahrung und auch oft noch mit großer Kraft halten wir das Räderwerk in der Familie und im Beruf am Laufen. Wir sind das Rückgrat jeder Organisation, das Aufgaben abarbeitet, Prioritäten setzen kann und Lösungen für nahezu jedes Problem findet. Doch gleichzeitig sind wir immer weniger attraktiv für andere: sei es in Paarfragen oder in Karrierefragen.

Die Menopause scheint besonders für Frauen ein Zeitalter der Bedeutungslosigkeit einzuläuten. Männer sind davon auch betroffen, jedoch weitaus weniger als Frauen. Wer sich einmal die Namenslisten und Fotos von Führungskräften aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur anschaut, wird dort viele Männer ab 50 Jahren sehen. Da jedoch nicht alle Männer in Führungspositionen gelangen können, gibt es auch bei ihnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit.

Mehr Aufmerksamkeit erlangen wir erst wieder, wenn wir ab 70 anfangen, anderen im Weg zu stehen, weil wir zu gebrechlich sind oder die neueste Technik nicht verstehen. Dann sind wir als „Silver Ager“ auch wieder eine attraktive Zielgruppe für Werbung; ein Status, den wir spätestens mit den 50. Geburtstag verloren hatten. Doch ist das wirklich tragisch?

Den eigenen Weg gehen und den Zweiflern trotzenZugegeben: berufliche Attraktivität und sexuelle Begehrlichkeit sind wunderbare Rückmeldungen von außen. Die Kehrseite: sie werden gewährt, wenn ich den Anforderungen und Wünschen der Komplimente-Macher*innen entspreche. Ganz natürlich immer noch jung aussehen müssen, weiterhin Top-Leistung auf der Arbeit bringen – das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Und langweilig. Denn irgendwann ist es doch genug damit, den Ansprüchen von außen gerecht werden zu wollen.

Ist Unsichtbarkeit vielleicht auch ein Geschenk der Freiheit, endlich tun und lassen zu können, was ich will? Eine kostbare Lebensphase, die noch genügend Energie bereithält, um langgehegte Pläne oder neue Ideen wahr werden zu lassen? Diese 15, 20 guten Jahre vor der Herrschaft der Altersgebrechen wollen doch genutzt werden, oder?

Eine fortschrittliche Frau fortgeschrittenen Alters kann keine Macht der Welt im Zaume halten.

Dorothy L. Sayers (1893 – 1957, englische Schriftstellerin)

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Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

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In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

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Same procedure as last Christmas?

Süßer die Glocken nie klingen, „Last Christmas“ im Radio, Haselnuss und Mandelkern, das haben nicht alle Menschen gern. Unweigerlich bekommen jetzt manche Menschen leuchtende Augen, andere den Blues im Angesicht von Weihnachten. Können wir Weihnachten überhaupt entkommen?

Es gibt in christlich geprägten Ländern kaum ein emotionaleres Fest als das Christfest. Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit, im dunkelsten Teil des dunkelsten Monats leuchten Kerzen und verkünden Hoffnung auf neues Leben. Sei es an „Lucia“ (13. Dezember) in Skandinavien, Heilig Abend (24.12.) in Deutschland, Weihnachten (25.12.) in England und Südeuropa oder „Heilige Drei Könige“ (6.1.) in orthodox geprägten Ländern: Weihnachten ist ein Fest des Miteinanders und der Zukunft.

Alle Menschen haben eine Tradition zu Weihnachten, ob sie das wollen oder nicht. Die erste Version ihrer Tradition haben sie als Kind in ihrer Ursprungs-Familie erlebt, die zweite haben sie sich selbst mit ihren Liebsten gestaltet und die letzte wird im Altersheim vorgegeben. Von A wie Adventskranz über D wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, K wie Kirchgang, S wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis Z wie Zimt gibt es unzählige Bestandteile, die sorgsam gehütet und arrangiert werden.

Selbst Misanthropen, die Menschen gegenüber feindlich eingestellt sind, haben eine Weihnachtstradition: nämlich eine bewusste Anti-Haltung, damit aber eben auch ihre Rituale. In all ihrer Ablehnung haben sie sich festlich eingerichtet. Sie kennen die „24 (!) Gründe, Weihnachten zu hassen“ in- und auswendig. So schimpfen sie jedes Jahr aufs Neue über die immer gleichen Buden, die die Weihnachtsmärkte in Dresden, Salzburg oder Luzern einander gleichen lassen wie ein industriell hergestellter Zimtstern dem anderen. Denen übertrieben übel wird vom Bratfett der Kartoffelpuffer, „Winterapfel“-Duftkerzen und billigem Glühwein-Fusel. Für die „Jingle Bells“ klingen wie „Hells Bells“. Weihnachten sei Folter und deswegen würden sie auch dieses Jahr wieder alleine bleiben, oder in der Eckkneipe ihr Bier trinken gehen, so wie jedes Jahr.

Flucht vor Weihnachten ist unmöglich

Denn an Weihnachten, da sagt man die Wahrheit und verbringt die Zeit mit den Menschen, die man liebt. So lautet ein Grundmotiv im Film „Tatsächlich Liebe“, der seit fast zwanzig Jahren zu den Weihnachtsfilm-Klassikern gehört. Und wer nur sich selbst liebt, verbringt Weihnachten folgerichtig alleine. Letztendlich kann sich keiner Weihnachten entziehen, wie dieser Dialog zwischen Billy Mack, dem Rockstar und Joe, seinem Manager, aus dem Film „Tatsächlich Liebe“ zeigt:

Joe: Ich dachte, Du bist bei Elton John?

Billy Mack: Ja, das war ich auch, eine Minute oder so. Dann hatte ich eine Erleuchtung.

J: Im Ernst?

B: Ja.

J: Und, ähm, was war das für eine Erleuchtung?

B: Naja, es ging dabei um Weihnachten.

J: Du hast gemerkt, dass es einen überall hin verfolgt?

B: Nein, aber mir ist klargeworden, dass man Weihnachten doch eigentlich mit den Menschen verbringt, die man liebt.

J: Das stimmt.

B: Naja und offensichtlich hat das unerbittliche Schicksal und irgendwelche grausamen Zufälle es so gewollt, dass ich heute hier stehe, mit Mitte fünfzig, und ohne es zu merken habe ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens mit einem übergewichtigen Angestellten verbracht. Und so sehr es mich auch betrübt, muss ich doch zugeben, dass ich mich zu einem Menschen in besonderer Weise hingezogen fühle, und das bist, hm, Du.

J: Na, das ist ja ’ne Überraschung!

B: Äh … ja.

J: Zwei Minuten bei Elton John und Du bist schwul wie zehn Frisöre?

B: Nein, jetzt hör mal, es ist mir todernst. Hätte ich Eltons Fest sonst verlassen, wo mich ein Haufen halbnackter Frauen mit hängenden Zungen und offenem Mund erwartet haben, nur um mit Dir zusammen zu sein? An Heiligabend?

J: Naja, Bill …

B: Es ist eine unerbittliche Laune des Schicksals, aber leider ist mir klargeworden, dass Du die Liebe meines Lebens bist.

J: –

B: Und um ehrlich zu sein: ich habe zwar immer nur gemeckert, aber wir hatten doch eine wunderschöne Zeit.

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Weihnachtliche Lieferengpässe als Chance

Noch knapp fünf Wochen bis Weihnachten und sie geriet langsam unter Druck. Da waren täglich neue Meldungen über leere Regale und die Nachbarin hatte auch schon alle Geschenke gekauft. Und sie quälte sich immer noch mit der Frage: Was will ich denn heuer verschenken?

Unsere Gesellschaft wird nach 20 Monaten Pandemie dem ultimativen Härtetest unterzogen: an Weihnachten drohen leere Regale, unter den Weihnachtsbäumen wird der blanke Boden zu sehen sein und traurige Kinderstimmen singen verzagt die traditionellen Lieder. Dieses Horrorszenario malen manche Schlagzeilen von Lieferengpässen an die Wand. Es scheint immer noch die alte Journalisten-Weisheit zu gelten: Bad news is good news – schlechte Nachrichten verkaufen sich am besten. Denn neben den aus dem Takt geratenen globalen Lieferketten kommen auch noch höhere Energiepreise auf die Menschen zu, dazu droht ein weiterer Pandemiewinter mit Kontakteinschränkungen. Die friedlich-heimelige Adventszeit wird von vielen Seiten bedroht.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, leben sehr viele Menschen in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, es gibt von allem mehr als genug und in allen erdenklichen Ausführungen. Wer wühlt sich heute noch durch 986 Suchtreffer für „Tischlampe bis 30cm Höhe“ bei einem der üblichen Online-Shops? Und jetzt grassiert also die Weihnachtspanik, denn unter Umständen sind 32 dieser Lampen nicht verfügbar! Dabei gibt es wirklich Menschen am Rande der Gesellschaft, die gerade ganz andere Probleme haben, als sich um Geschenke zu kümmern. Sie tauchen nicht in der Berichterstattung auf, obwohl sie zwar viele, aber leise und damit nahezu unsichtbar sind. Zwei dieser Gruppen möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum einen die Menschen ohne ein angemessenes Zuhause. Das betrifft weit mehr Menschen als die „Penner auf der Platte“, die vor Kaufhaus-Eingängen oder unter Brücken leben. Verdeckte Obdachlosigkeit betrifft Familien, die mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche leben müssen. Mieter, die in heruntergekommenen Bleiben feststecken, weil sie sich bei den aktuellen Mietpreisen keine andere Wohnung leisten können. Menschen, die in häuslicher Gewaltgemeinschaft ausharren müssen, weil Schutzräume überfüllt sind. Oder jene, die auch nach Jahren in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, wo Privatsphäre und Ruhe nicht zu finden sind. Schätzungsweise 650.000 Menschen in Deutschland sind von dieser Wohnungslosigkeit betroffen.

Zum anderen Menschen, auf die eine Hassjagd (Hetzjagd mit Hassreden) stattfindet. Diese Menschen werden gezielt attackiert und auf allen möglichen Kanälen, im realen wie im digitalen Raum, mit Hassbotschaften überzogen, beleidigt, verleumdet oder bedroht. Sei es, weil sie dick sind. Sei es, weil sie eine bestimmte Hautfarbe nicht haben. Oder weil sie sozial aktiv sind. Manchmal auch alles zusammen und wenn es dann noch eine Frau ist, dann scheint der Mob keine Grenzen mehr zu kennen. Da werden Fotos entstellt und geteilt, Lügen verbreitet, die Privatadresse veröffentlicht und zum „Hausbesuch“ aufgerufen. Es folgen Produktbestellungen an ebenjene Adresse, die diese Menschen nie getätigt haben. Frauen leiden darüber hinaus unter Drohungen oder Belästigungen mit sexuellem Charakter. Oft können sich Betroffene nur helfen, indem sie alle Konten bei sozialen Medien löschen und sich komplett aus dem realen sozialen Leben zurückziehen.

Was also würde ich diesen Menschen zu Weihnachten schenken? Beistand durch Menschen, die das wirklich können! Die wissen, was zu tun ist. Die unterstützen, beraten, begleiten. Zwei Organisationen fallen mir dazu ein:

Menschen, die unsichtbar sind, wird geholfen

  1. Der Franziskustreff in Frankfurt ↗ begrüßt obdachlose Menschen wertschätzend als „Gäste“, baut Vertrauen auf und kann so behutsam beraten. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch in anderen Städten.
  2. HateAid ↗ bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot und Prozesskostenfinanzierung. Dort wird jenen geholfen, die selbst keinen Hass verbreiten, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, politischer Meinung und körperlicher Versehrtheit.

Wer mich in diesem Jahr fragt: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ werde ich antworten: „Spende das, was Du erübrigen kannst, an den Franziskustreff oder HateAid.“ Denn mir ist es wichtig, nicht vor den Problemen davonzulaufen, sondern sie gemeinsam durchzustehen. Und damit hat sich das Weihnachtsgeschenke-Lieferkettenproblem auch von ganz alleine gelöst.

Lasset uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.

Hebräer 10,24

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Walk & Talk – vom Coaching im Park

Für manche Dinge scheint es eine neue Zeitrechnung zu geben: „B.C.“ und „A.D.“ Damit ist nicht „Before Christ (vor Christus)“ und „Anno Domini (Im Jahr des Herrn)“ gemeint, sondern „Bis Corona“ und „Auf Distanz“. So auch für Coachings. Üblich waren „Sitzungen“, also in einem Raum, in Sesseln oder an einem Tisch, Flipchart oder ähnliches griffbereit und dann wurde miteinander an einem Thema gearbeitet.

Die Abstandsregeln der ersten Corona-Welle machten aus Sitzungen Spaziergänge mit 1,5 Meter Distanz an der frischen Luft. Das veränderte die Arbeit im Coachee (der Person, die ein Coaching beauftragt) und die des Coaches radikal. Wie führe ich beispielsweise vertrauliche Gespräche in vollen Parks (denn alle konnten sich nur noch auf einen Spaziergang treffen)? Manche Menschen entwickelten eine Hassliebe zum Spazierengehen. Ich persönlich habe als Coach im „Walk & Talk“ eine neue Methode entdeckt, die meine Kollegin Britta Rafoth schon seit Jahren zu ihrem Kennzeichen gemacht hat: Coaching in Bewegung ↗

Mein Coachingraum wurden der Ostpark, der Günthersburgpark und hin und wieder der Hauptfriedhof mit der Bienenwiese oder der Stadtwald in Frankfurt. Ein Coaching dauert 1,5 bis zwei Stunden, was schöne Runden ergibt. In der Regel laufen wir anfangs schneller als gegen Ende, weil der Redebedarf über Ärger oder Frustration der Antrieb ist. Irgendwann wird das Tempo gemächlicher und der Blick kann sich mehr nach oben, rechts, links richten und dort finden sich eine Fülle von Metaphern, Analogien und Beispielen für grundlegende Fragen, kleine Impulse oder große Ideen. Brennnesseln oder Moos vermitteln sehr deutlich, wie ich mich in der Gegenwart eines Menschen fühle. Zwei Äpfel hängen so dicht hintereinander, dass sie wie einer erscheinen – doch mit einem Schritt zu Seite sehe ich, dass es sich um zwei Dinge handelt, die ich unabhängig voneinander betrachten kann. Baustämme im Weg zeigen Grenzen, Löcher Stolperfallen, Trampelpfade Grenzverletzungen und manches Tier macht beispielhaft Verhalten vor. Die Erkenntnisse werden so mit einem Bild und Ort verknüpft und prägen sich damit tiefer ein.

Beim Coaching in Bewegung kommen

Coaching hilft Menschen, aus eingefahrenen Situationen aus eigener Kraft herauszufinden. Dazu müssen sie innerlich in Bewegung kommen und so unterstützt Laufen äußerlich das Ziel, neue Wege zu finden. Wenn die Zeit für eine Reflexion und Sammlung gekommen ist, findet sich immer eine Bank, auf die wir uns setzen können. Ein Notizbuch ist zur Hand und hält fest, was vielleicht verloren gehen könnte. Und auch wenn dieser Sommer doch recht feucht war: das Wetter war fast nie der Grund, warum ein Coaching nicht stattfinden konnte. Denn notfalls gibt es ja die alten Versionen: in einem Raum mit vier Wänden oder am Telefon.

Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam.

Werner Hansch (*1938, dt. Sportreporter)

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