Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Zu Lebzeiten das eigene Leben leben

Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur für seinen Vater übernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen gehüllt. War das nur die Midlife-Crisis oder steckte etwas Ernstes hinter dem Gefühl, das Leben ginge in die falsche Richtung?

In Korea gibt es eine Redewendung, die sinngemäß lautet: „Wenn Du stehen bleibst, rennen die Anderen.“ Die koreanische Gesellschaft ist auf Erfolg ausgerichtet und so wird bereits in frühen Jahren Kindern lernen, kämpfen, weitermachen vermittelt. Statt „Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weiterlaufen“ bedeutet das „Hinfallen – Aufstehen – Weiterrennen“. Von dieser Denkweise sind wir hier nicht weit entfernt. „Jede/r ist ihres/seines Glückes Schmied“, „Du kannst alles erreichen, wenn Du es nur willst“ oder „Du sollst es einmal besser haben als ich“ sind Sätze, die die meisten von uns seit Kindertagen gehört haben. Und so machten wir uns alle auf den Weg, unser Glück da draußen in der Welt zu finden.

Wir versuchten, die Schule gut abzuschließen, einen Beruf zu finden oder zu studieren, damit wir wie in der Sparkassenwerbung mit „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ beim Klassen- oder Familientreffen unseren Erfolg zur Schau stellen konnten: „Seht her, aus mir ist was geworden!“ Als Anekdote wird dann gerne eingeflochten, dass ich als Kind doch gerne Balletttänzer, Feuerwehrfrau oder Ökobauer geworden wäre. Dieser Kindeswunsch wird dabei lächerlich gemacht und so haben sich manche Menschen irgendwann, irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren. Manche erkennen auch, dass sie sich vielleicht nie gefunden haben.

Das Leben nach dem eigenen Herzen leben

Sie verfolgten Pläne, jagten Zielen hinterher und erfüllten an sie gestellte Ansprüche. Was davon wirklich ihrem eigenen Streben und Wünschen entsprach, ist fraglich. Und diese Frage kann dann unüberhörbar laut werden, wenn die Zeit dafür reif ist: die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus oder haben das Haus schon verlassen; die beruflichen Meriten (erworbene Verdienste) sind vollständig und die Karrierekurve flacht merklich ab; die Partnerschaft hat über die Jahre ihre Farbe und ihren Glanz verloren. Leise nagend kommt dann die Kindheitserinnerung an das Ballett, das Abenteuer der Feuerbekämpfung, der Einheit von Mensch und Natur auf dem Bauernhof zurück in das Bewusstsein: immer dann, wenn es still wird.

Um das nicht zu hören, ist es einfach, sich mit Lärm und Konsum abzulenken, bis wir wie ein Gorgoro durch die Gegend wandeln. Was ein Gorgoro ist? Das ist eine Figur aus einem alten Donald Duck Comic, ein wandelnder Toter, der von einem Zauberer mit einem Auftrag in die Welt geschickt wird und solange läuft, bis diese Aufgabe erledigt ist. Andere Menschen werden verstimmt, schwermütig (so hieß das früher), depressiv (so heißt das heute) und zweifeln am Sinn des Lebens, der ihnen abhanden gekommen ist. Manche sind sowohl–als auch: von Ablenkung betäubt laufen sie wie ein zugedröhntes Nilpferd durch eine Wüste.

Letztendlich kann ich der Frage nach meinem Lebensglück nicht ausweichen, denn sie wird mir ganz am Ende noch einmal gestellt werden. Im Sterben wird Rückblick gehalten und gefragt: was bereue ich, getan zu haben? Was bereue ich, nicht getan zu haben? Habe ich mein Leben gelebt oder lebte ich das Leben der Anderen? War ich lebendig gewesen oder innerlich schon lange tot, eine wandelnde Leiche sozusagen?

Wer am Ende des Lebens mit sich im reinen sein will (und weil das Lebensende unvorhersehbar schnell kommen kann), sollte bei Lebzeiten ihr/sein Leben leben.

Dass ich neben einer Leiche sitze, ohne etwas zu merken, kann ich mir nicht vorstellen.

Detective Constable Ben Jones aus „Inspector Barnaby”

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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Das Zwei-Euro-Stück zum kleinen Glück

Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. Wäre da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Erschütterung lustig mit Kopf wackelte, er wäre schon längst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?

Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem DeckelIn den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bitteschön auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von Händen diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den Überblick zu behalten über die eigenen Ausgaben. „Was weg ist, ist weg“ gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol dafür aus der Hand geben – eine Münze, einen Schein – sondern bestenfalls das Vorhalten eines Stücks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen für (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann – menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.

Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit getätigt und war jeden Monat aufs Neue überrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gewöhnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr über meine Finanzen.

Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst spät erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gefüllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit für die schönen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie gönnen würde: ich sammele 2-Euro Stücke, die ich als Rückgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv „Lenzerheide (1500 M. ü. M. Graubünden Schweiz)“ mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist groß genug, um tatsächlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsglücksmomente damit leisten können:

  • Eine Lederumhängetasche, mit der ich jahrelang tagtäglich unterwegs war.
  • Zwei chinesische Löwen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begrüßung sitzen und perfekte Trockner für nasse Wollmützen sind.
  • Einen Noise-cancelling Kopfhörer für mehr Ruhe im Großraumbüro.
  • Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erwähnte fröhliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.
  • Handwerkskunst geflüchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.
  • Ein Helmkoffer für die Vespa mit integriertem Rückenkissen für mehr Soziusbequemlichkeit.

Nichts davon hätte ich mir normalerweise als Großzügigkeit gegenüber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich über lange Monate die Münzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, dafür stelle ich Münzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.

Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Glück machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-Stücke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie für ein neues besonderes Alltagsglück eingetauscht werden.

Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch völlern. Wir leben nur noch gesund, vernünftig und ethisch bewusst, aber übertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.

Eva Menasse (*1970, österr. Schriftstellerin)

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Zeitlos am Ausgang der Pandemie

Am besten beschrieben ihr aktuelles Zeitgefühl die zerfließenden Uhren auf Salvador Dalis Gemälde, denn nichts bekam sie mehr so richtig zu fassen: Wochentage, Monate, welches Jahr haben wir? Die Pandemie hatte ihre innere Uhr weichgekocht. Wann würde diese Zeitlosigkeit enden?

In den letzten 14 Monaten wurden durch die Pandemie unsere alltäglichen Rahmenbedingungen verändert. Teilweise von heute auf morgen, ohne Zeit, sich auf den Übergang einzustellen, war Schule nicht mehr Schule, Arbeit nicht mehr pendeln, Freunde nicht mehr zu treffen. Kunst, Musik, Sport – kein Kurs war mehr möglich. All das führte bei manchen Menschen zu einem gestörten Zeitempfinden, denn Routinen fielen als haltgebende Orientierung weg.

Wochenrituale entfielen wie der sonntägliche Tanzkurs, freitags kegeln, dienstags Yoga, Chor am Donnerstag. Diese wiederkehrenden Ankerpunkte gaben eine Struktur, die oft durch den Wechsel aus Werktagen mit einem Weg zu außerhäusigen Arbeit und den freien Tagen mit Einkaufen und Freizeit verstärkt wurden. Nun aber waberten für viele Menschen die Tage nahezu unterschiedslos ineinander. Für viele, wenn auch nicht alle, blieb wenigstens das monatliche Ritual einer Gehaltsüberweisung erhalten.

Auch die gewohnten Abläufe innerhalb eines Tages wurden neu geformt. Für Eltern gab es dank „Homeschooling“ einen Crashkurs in Pädagogik, Vermittlung von Lehrstoff und IT-Support mit gleichzeitigem Turbolernen in Sachen Multitasking, Reorganisation und Voraussehen von neuen Corona-Verordnungen. Kurzarbeit oder erzwungenes komplettes Nicht-Tun in „100%iger Kurzarbeit“ brachten viele aus dem Konzept. Das Mitnehmen von Masken wurde zur Gewohnheit, Einkaufsplanung auf die größeren Bedarfe zu Hause zur Herausforderung und erholsamer Schlaf eine innig ersehnte Rarität.

In der Corona-Pandemie ist die Zeit nicht zu fassenHinzu kommt der unglückselige Corona-Maßnahmen-Dreisprung aus „Hoffen – Bangen – Enttäuschung“, wenn sich die angekündigte, die ersehnte Wiedereinsetzung von Grundrechten ein um das andere Mal verschoben wurde. Wer kann schon noch mitzählen, wie oft sie oder er „noch ein letztes Mal“ durchgehalten hat? Und noch einmal. Und noch mal. Auch das lässt Zeit haltlos erscheinen.

Wenigstens blieben die Jahreszeiten erhalten. Wir sahen das Ende des Winters, Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter und nun ein beginnendes Frühjahr in der Natur. Was fehlte, waren die Feste, die damit verbunden sind. Seien es religiöse, kulturelle oder schlicht materielle: Osternächte, Frühlingsmärkte, Sommerfestivals, Weinfeste, Weihnachtsmärkte. Was früher ein „Must do“ war mutierte zum „Can’t do“.

Die Folge: manchen kam es vor, als flösse die Zeit durch sie hindurch. Welcher Wochentag ist heute nochmal? Wir haben schon Monatsende? In zwei Monaten ist schon Silvester? Oft hörte ich diese Fragen in Gesprächen und stellte sie mir zunehmend selbst. Mir schien, dass sich mein innerer Kalender vom äußeren, realen Kalender abgekoppelt hatte und eine Synchronisierung mühsam war.

Nun jedoch scheinen äußere Fixpunkte im Leben wieder erreichbar zu sein und sehr wahrscheinlich werden es manche alten Gewohnheiten nicht mehr in das „neue Jetzt“ schaffen, dafür haben sich neue Verhaltensweisen entwickelt, auf die so manche:r nicht mehr verzichten möchte. Alte Lieben, neue Entdeckungen, gibt es auch bei Gewohnheiten. So können wir die verlorengegangene Zeit wieder zu fassen bekommen.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Stimmt es,
dass es sein muss?
Ist für heute wirklich Schluss?

Heut ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage!

Schlusslied aus der Fernsehserie „Der rosarote Panther“

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Hoffnung auftanken

Grundmüde. Er fühlte sich im 13. Corona-Monat so matt, dass auch Ausschlafen nicht weiterhalf. Der Tag war zudem trübe und kalt, wieder schneeregnete es. Als er dann auch noch Handwerker in der Wohnung hatte, wollte er einfach nur in das schöne Leben flüchten. Doch wohin sollte er im Lockdown fahren?

Neulich besuchte ich den Tempel der Hoffnungsvollen und schwelgte in den Farben, Formen und Früchten, die den Besuchern dereinst für ihr harte Arbeit Lohn sein werden. Es ist eine Gemeinschaft, in der alle den gleichen Zugang zur schöpferischen Urkraft haben und alle kommen, weil sie im Grunde ihrer Herzen voller Hoffnung sind. Ich spreche von einem Gartenmarkt. Und Gärtner:innen sind die hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne. Denn sie säen und pflanzen jedes Jahr aufs Neue, arbeiten harten Boden auf, wässern und stützen, um für einige Tage farbenprächtige Blüten zu sehen oder im Sommer und Herbst schmackhafte Früchte ernten zu können.

Gärtner hoffen auf die ZukunftIhre Hoffnung gründen sie auf die Pflanzenkraft, auf das Wetter, auf die Anpassungsfähigkeit der Natur an frühe Blüten, späten Frost, lange Dürren, ungünstige Winde. Dazu kommt der Überraschungseffekt. Manches im Herbst Vergrabene kommt im Frühjahr zum Vorschein, anderes wiederum nicht. Der größte Teil dieses Prozesses liegt außerhalb ihrer Macht. Ihre Erfahrung und Arbeit kann manches mildern, doch nichts ersetzt den Kreislauf der Dinge.

In der scheinbar endlosen Corona-Tretmühle hebt Gärtnern die Stimmung. Neben längeren Tagen, mehr Sonnenlicht und nährender Wärme kommen körperliche Tätigkeit, planerisches Geschick und wertvolles Nichtstun hinzu: Warten. Warten auf das erste Sprießen, die Zeit zum Aussetzen ins Freiland, das Blühen, das Ernten. Geduldiges Warten ist eine notwendige Grundtugend beim Gärtnern. Denn wie heißt so treffend ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gleichzeitig nutzen Gärtner:innen die eingeschränkten Handlungsspielräume, die sie haben. Sie setzen sich nicht gottergeben dem Wetter aus, sondern versuchen dort zu wässern, hier zu stützen und manchmal heißt es auch Abschied nehmen von der Rose, die den Frost nicht überlebt hat.

Hoffnung, das ist eine Haltung und ein Gefühl gleichermaßen. Hoffnung öffnet sich anderen Menschen, verbindet zu einer positiv tätigen Gemeinschaft und sagt: „Auch wenn wir nur wenig beeinflussen können, lasst es uns versuchen.“ Angst dagegen isoliert voneinander, wirkt zerstörerisch, denn sie wird vom Gedanken geleitet: „Es hat alles keinen Sinn. “ Wer sich aktuell zu müde zum Hoffen fühlt, kann einmal in einen Gartenmarkt fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, ohne Hoffnung wieder hinauszugehen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ungesichertes Zitat von Martin Luther (1483-1546, Mönch, Theologieprofessor und Reformator)

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Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

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Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

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2020 war das Jahr der Freiheit, nicht der Problemsäcke

Für manche war 2020 das schlechteste Jahr aller Zeiten, andere betonten immer wieder, wie besonders und einzigartig negativ das vergangene Jahr war. Vielen ist die Erleichterung anzumerken, dass 2020 endlich vorbei ist. Ungläubig werden diejenigen angeschaut, die sagen: „Für mich war es ein gutes Jahr“. Wie kann das sein?

Traditionell werden zum Jahreswechsel Rück- und Ausblicke gehalten: was war gut, was war nicht gut und was sind die Pläne für die kommenden Monate. Dabei kann ich zwei Brillen aufziehen: die Problembrille und die „So isses“-Brille. Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Übung darin, durch die Problembrille zu schauen. Die tragen ständig einen Sack voller Probleme mit sich herum, sehen Grenzen (ein anderes Wort für Problem) und warnen vor Risiken (noch ein Synonym für Problem).

Das Wort „Problem“ entstand im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „Schwierigkeit, Aufgabe“ aus dem Griechischen „das Vorgelegte“. Sprachlich verwand ist die Parabel, ein Beispiel oder Gleichnis sowie die mathematische Beschreibung einer Kurve, bei der die Punkte aufsteigend und absteigend den gleichen Abstand zum Brennpunkt haben.

Vom ursprünglichen Wortsinn ist also keine negative Interpretation eines Problems vorgegeben, sondern es zeigt einen gegebenen Zustand an, der eines Umganges bedarf. Sprich: so isses und damit müssen wir jetzt leben.

Ein Mensch ächzt unter Problemen, eine Taube fliegt in die FreiheitDie Träger der „So isses“-Brille verweigern die von vornherein negative Interpretation einer Situation und erhalten sich dadurch die Freiheit, aktiv zu werden und das Geschick im besten Sinne zu beeinflussen. Freiheit – die wird weltweit hundertfach besungen im Lied „La Paloma“ (Die Taube). Übertragen auf die Parabelkurve bedeutet das: Ob ich bei einer gegebenen Situation meinen Blick nun nach links richte (rückwärts in die negative Problematisierung) oder nach rechts (vorwärts in die Zukunft) ist genau die gleiche Entfernung, eingesetzte Kraft oder zurückzulegender Weg.

Doch was meinen Menschen, die 2020 als „gutes“ Jahr beschreiben? Gut, das kann heißen: mutig gewesen, Neues entdeckt, Altes liebgewonnen, Veraltetes losgeworden, enger zusammengerückt, mehr verkraftet als für möglich gehalten. Wenn also jemand „gut“ sagt, lohnt es sich, zu fragen: „Was genau meinst Du damit?“ um so den ganzen Schatz an Erkenntnissen zu erfahren, die dieser Mensch gemacht hat. Denn statt einen Sack voller Probleme auf dem Rücken zu tragen folgen diese Menschen dem Symbol der Freiheit, der Taube.

Man sollte stets mit dem Besten rechnen – dann wird es sich von selbst einstellen.

Johann Friedrich von Allmen (Romanfigur von Martin Suter)

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Jahreswechsel auf den Wir-Inseln

Wenn ich das Wort des Jahres küren dürfte, wäre es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf „Wir“, denn es hat ganz vielfältige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. Auf den ersten Blick ist es ein sehr verbindendes Wort, „wir“ umarmt geradezu die sprechende Person mit den Zuhörenden. Es drückt Solidarität aus, Gemeinsinn, Füreinander einstehen und da-sein. Zusammen (sind wir stark), Gemeinsam (schaffen wir das), Gemeinschaft (Schicksalsgemeinschaft) sind Synonyme und der Sinn ist, sich zusammenzuschweißen gegen einen gemeinsamen Gegner, manchmal auch Feind.

Menschen tanzen gemeinsam einen Reigen

Womit ich beim ausschließenden Aspekt von „Wir“ bin. „Wir und die anderen“, „Wir gegen die“, „Wir hier die Vernünftigen, dort die Unvernünftigen“. Jedes „Wir“ bringt scheinbar automatisch auch einen Gegensatz, ein Gegenüber, eben einen Gegner mit ins Spiel. Es gibt also mehrere Gruppen von „Wir“, die sich selbstverständlich jeweils als besser darstellen als die anderen es je sein können. „Wir sind solidarisch und tragen Maske“ und gleichzeitig „Wir sind solidarisch und wehren uns gegen Fremdbestimmung“ – beide Seiten können aus ihrer Sicht zu Recht das Wort „Wir“ im Munde führen.

Beliebt waren 2020 Sätze, die mit „Wir“ beginnen. Dabei ist oft nicht klargeworden, wer mit „Wir“ eigentlich gemeint ist. Ein Beispiel: ein Mensch kommt zum Arzt/ zur Ärztin und wird begrüßt mit den Worten „Na, was haben wir denn?“ Korrekte Antwort wäre „Ich weiß nicht, was Sie haben, aber ich habe Rückenschmerzen.“ Denn das vom Arzt/ der Ärztin gebrauchte „Wir“ ist in meiner Wortwelt ein „Du-Wir“. Gemeint waren nicht beide, sondern die angesprochene Person, die/der Patient/in.

Sie sind genervt von den Doppelnennungen? Das generische Maskulinum (also die Verwendung von rein männlichen Bezeichnungen) meint angeblich Personen aller Geschlechter und schließe daher auch immer Frauen mit ein, ist also ein gedachtes „Wir“. Dass dies nicht ganz so stimmt, wurde deutlich, als 2020 in einem Gesetzentwurf ausschließlich die weibliche Anredeform benutzt und diesem generischen Femininum ein Ausschluss der Männer vorgehalten wurde.

Doch zurück zum Arztbesuch. Nun folgt die Untersuchung, eingeleitet mit den Worten „Na, dann schauen wir mal.“ Wer nun aber wirklich schaut, ist die Ärztin, das „wir“ ist daher ein „Ich-Wir“. Anschließend gibt es ein Rezept für Krankengymnastik und dann folgt der Abschied mit „Wir sehen uns danach wieder und besprechen, wie der Erfolg war.“ Ah, endlich ein echtes „Wir“, ein „Wir-Wir“ das nur in der gemeinsamen Auslegung Sinn macht.

Das finden Sie alles etwas übertrieben? Betrachten Sie doch einmal Alltagsdiskussionen bei häuslichen Gemeinschaften. „Wir müssten mal wieder einkaufen / aufräumen / putzen / kochen“ und beobachten Sie, wer anschließend aktiv wird. In der Regel die Person mit dem höchsten Leidensdruck und selten ist es ein Gemeinschaftswerk. Dreckige WG-Küchen, leere Vorratsschränke und nicht vorzeigbare Waschräume sind gar nicht mal so selten. Selbstorganisierte Teams scheitern oft daran, bei einem „Wir“ die Zuständigkeiten klar zu benennen.

Verschärfend kommt hinzu, dass bei „Wir müssten“ ein Konjunktiv enthalten ist und bei „Wir müssen“ der Zwang mit ins Spiel kommt. Müssen will niemand. Die Motivation, die mit diesem Wort ausgelöst wird, tendiert gegen Null. Kein Mensch wird gerne gezwungen und Konjunktive reden von (Ausweich-)Möglichkeiten. Unzählige Sätze zur Ermahnung fingen in diesem Jahr mit „Wir müssen“ oder „Wir müssten“ an und dann folgten Ratschläge, Anweisungen, Bitten. Die Wirkung dieser Reden war … oftmals bescheiden. Kein Wunder, denn diese Formulierung macht es sehr einfach, sie nicht auf sich selbst zu beziehen.

Die Interpretation der Beschwerde „Aber darüber hatten wir doch gesprochen“ bzw. „Aber das hatten wir doch vereinbart“ überlasse ich Ihnen: wer hat da was besprochen, wer hat da was vereinbart – oder eben auch nicht.

Ein anderer Gegensatz zu „Wir“ ist „Ich“. Auch das gab es im Jahr 2020 in neuen Formen. FreundInnen schlossen sich zu virtuellen Hausgemeinschaften zusammen, um im sogenannten Lockdown nicht alleine zu bleiben. Manche zogen sich in ein Schneckenhaus zurück (nicht immer freiwillig), propagierten eine neue Häuslichkeit oder erfanden den Neo-Biedermeier. Leider gab es auch die sozial unverträgliche Ich-Variante und so hoffe ich, dass das folgende Zitat im Jahr 2021 wenig Nachahmer findet:

Es kann enorm befreiend sein, sich von den Fesseln der Vernunft zu lösen und seine ganz eigenen physikalischen Regeln festzulegen. Gut ist, was Spaß macht und dem Einzelnen nutzt – jetzt.

Nicola Abé (Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ in einem Text)

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