Deine Aggressivität ist nicht meine Aggression

Es war natürlich ein besonders dickes Auto, das ihm die Vorfahrt nahm und er schickte dem Fahrer noch mehrere hundert Meter ein kräftiges Hupkonzert hinterher. Als er zwanzig Minuten später im Büro ankam, war er immer noch erbost. Und die Kollegen fragten sich: „Welche Laus ist dem denn schon wieder über die Leber gelaufen?“

Im Kampf vereint dank übertragener AggressionenWo sich viele Menschen auf engem Raum begegnen, kann es leicht zu Aggressionen kommen. Denn Rücksichtnahme und Toleranz sind nicht gleichmäßig zwischen den Menschen verteilt. Da ist von der „Kampfzone Autobahn“ die Rede, die überfüllten U-Bahnen sind ein Daueraufreger und Rempeleien im Supermarkt lösen hitzige Gefechte aus, zum Glück meistens nur mit Worten.

Zu wahrer Meisterschaft im Fluchen hat es Kapitän Haddock aus der Comicreihe „Tim und Struppi“ gebracht. Legendär ist sein Universalfluch „Hundertausend heulende Höllenhunde“. Mit Verve und Leidenschaft bringt er seine Botschaft an den Mann. Einmal beschimpft er als Kapitän auf hoher See einen Sklavenhändler und  lässt sich auch von dessen Flucht nicht stoppen. Nach dem Hinweis von Tim „Sinnlos, Kapitän, er kann sie nicht mehr hören, er ist schon zu weit weg“ marschiert er auf die Schiffsbrücke und brüllt dem „Pirat! Amöbe! Kopfjäger! Geier!“ seine Verwünschungen per Megafon hinterher. Hier regt er sich völlig zu Recht auf, doch manchmal reichen geringste Anlässe, um seinen Fluchreiz auszulösen. Frieden hingegen findet er sofort bei einem Schluck Whisky. Diese Lösung ist aber nicht für alle Menschen zu empfehlen.

 Aggressionen, die ins Leere laufen, verletzen nur mich selbstOft genug erwische ich mich (und andere) dabei, noch lange nach dem eigentlichen Ärgernis weiter zu schimpfen. Immer noch ist die ganze Aggression in mir, dabei bekommt der ursprüngliche Verursacher davon überhaupt nichts mehr mit. Die Blitze, die ich vermeintlich gegen den Anderen schleudere, treffen mangels Adressaten dann nur noch mich selbst. Gleichzeitig gebe ich dem Anderen durch mein Verhalten eine ungeheure Macht über mich, denn dessen Aggression überträgt sich auf mich. Des Fremden Verhalten bestimmt selbst dann noch meine Gedanken und Gefühle, wenn dieser Mensch schon weit weg ist; teilweise kann das Stunden später sein.

 Aggressionen kann ich zurückweisen ohne selbst aggressiv zu werdenIch will diesem aggressiven Menschen keine Macht über mich geben. Ein kurzer Impuls zum Zeigen einer Grenze würde doch oft genug ausreichen: Einmal gut gehupt, wenn mir ein Halodri auf der Straße den Weg abschneidet. So mache ich auf mich aufmerksam, um Schlimmeres zu verhindern und dann habe ich mich doch eigentlich auch genug mit dem Anderen beschäftigt. Ist er aus meinem unmittelbaren Umfeld verschwunden, brauche ich ja ihm (oder ihr) gegenüber nicht mehr auf meine Grenze aufmerksam zu machen.

Besonders lehrreich für mich ist es übrigens, wenn ich mich in Anderen sehe, die vor sich hinschimpfen, weil die Bahn zu spät, der Postbote zu langsam oder die Kreuzung von Egoisten blockiert ist. Dann sehe ich, dass das Schimpfen nichts an der Situation ändert. Das hochrote Gesicht desjenigen, der sich ärgert, zeigt mir, wie der ganzer Körper im Alarmzustand ist. Und das völlig grundlos, schließlich bin ich nicht verpflichtet, jede Aufforderung zum Kampf anzunehmen.

Wenn Weilemann schlechte Laune hatte – sich ärgern war die einzige Sache, die man mit zunehmenden Alter immer besser konnte – dann aß er gern etwas, von dem er im Voraus wusste, dass es ihm nicht schmecken würde, das gab seinem Ärger zusätzliches Futter, und so richtig wütend sein, das war ein schon fast wieder jugendliches Gefühl.

Aus dem Roman „Der Wille des Volkes“ von Charles Lewinsky

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Dank Völlerei zum Fastenziel

Am Aschermittwoch beginnt für sie wieder die dunkle Jahreszeit: für das schwammige Ziel „zu entgiften und schlanker zu werden“ stellte sie zwei Listen auf. Eine enthielt die Dinge, auf die sie verzichten musste, die andere Dinge, die sie tun musste. Bei ihrem Anblick wurde sie schwer wie Blei: könnte Ostern nicht bitte schon morgen sein?

40 Tage dauert die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Zahl 40 hat in der Zahlenlehre die Bedeutung einer Grenze und eines Einschnitts. 40 Tage dauerte die Sintflut, war Moses auf dem Berg Sinai und Jesus in der Wüste. Auch die Psychologie geht davon aus, dass es rund 40 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Eine neue Gewohnheit zu etablieren, ist einfacher, als eine alte abzulegen. Das kann mitunter einige Jahre dauern. Das Erfolgsrezept bei der Neu-Etablierung: Das gewünschte Verhalten mit einem deutlichen Auslösereiz koppeln und dann durch eine Belohnung verstärken.

Dabei sollte diese Belohnung so direkt wie möglich sein. Wenn ich ein konkretes Verlangen wecken kann, dann trägt mich das über jene Kräfte hinweg, die mich sonst im Alten gefangen halten. Anfangs geht es nur, wenn ich das Ganze bewusst mache. Im Laufe des Übens verselbständigt sich mein Verhalten und eine neue Gewohnheit entsteht. Zum Fastenziel gelangen mit Verlangen, Völlerei und Vergnügen? So könnte es gehen:

Ich gönne mir 40 Nächte lang tiefen entspannten Schlaf mit süßen Träumen, der mich frisch und erholt in den Morgen entlässt. Dafür trinke ich abends statt schlafstörendem Wein lieber basische und beruhigende Kräutertees. Unglaublich, welche Geschmacksvielfalt es in diesem Segment gibt!

Ich tauche in reinigendes Wasser und fühle mich wohl wie ein Fisch oder ein Ungeborenes im Mutterleib, weil ich mich mit dem Urelement schlechthin verbinde. Dabei spüre ich die Leichtigkeit meines Körpers, der sich angenehm bewegen lässt. Das Vergnügen des Schwimmens gestatte ich mir jede Woche.

Ich gehe kulinarisch auf Weltreise und entdecke Früchte aus allen Kontinenten. Die besten Winteräpfel aus der Region, die ersten Südfrüchte aus Italien, orientalische Köstlichkeiten, asiatische Leckereien und was hat eigentlich Lateinamerika zu bieten? Ich leiste mir jeden Nachmittag Obst-Exkursionen statt Schokoladenzucker.

Ich stelle mich abends auf den Balkon oder ans Fenster und schaue den Himmel an. Jeden Tag gibt es ein neues Meisterwerk aus Farben und Formen, jeden Tag ist ein bisschen später Sonnenuntergang, jeden Abend ein bisschen mehr oder weniger Mond. Die Freiheit einer Handyauszeit nehme ich mir in aller Ruhe.

Belohnungen führen zum Ziel

Hat man die erste Hürde geschafft, einen neuen Auslösereiz zu etablieren, wird die Gewohnheit zum Selbstläufer.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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Befreiung aus einem selbstgebauten Gefängnis

Die Abschiedsrede der Kollegin fiel kurz aus: „Das Leben ist zu kurz für später!“ Damit traf sie den Nerv vieler Anwesenden, denn im Anschluss gab es viele Gespräche, die alle um die gleiche Frage kreisten: „Welchen Spielraum habe ich für mein Handeln, auch wenn es scheinbar keinen gibt?“

Das eigene Leben aus der Hand gebenSo manche Lebenssituation scheint verfahren zu sein. Auf der Arbeit sieht es so aus, als ob es keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr gäbe, alle Wege nach oben oder vielleicht auch in eine andere Abteilung sehen versperrt aus. In der Beziehung ist scheinbar alles gesagt, alles ausprobiert worden und die Partner fühlen sich unglücklich aneinander gekettet. Von einem Freund/einer Freundin höre ich immer nur die gleiche Leier über das ungerechte Leben, das einfach nur Pech und Schwefel bereit halten würde. Kurz und gut: Alles ist grau und schwarz und man nehme am besten einen Strick und erschieße sich.

Allen Beispielen gleich ist der Eindruck, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Es (was immer dieses „es“ auch ist) macht etwas mit mir und ich bin zu arm an Kraft und Möglichkeiten, um selbst etwas zu tun. Willfährige Opferhaltung ist manchmal das Mittel der Wahl, um mit komplizierten und komplexen Situationen fertig zu werden. Diese Opferhaltung vereinfacht das Leben: Ich bin nicht verantwortlich für mein Leben, weil nicht ich Regie im Film meines Lebens führe. Es ist der Weltengeist, der Partner, der Chef, etc. Weil der so ist, wie er ist, bin ich an der Entfaltung meiner Möglichkeit gehindert. Ich könnte mein Ziel erreichen, wenn – ja wenn der Weltengeist, der Partner, der Chef, etc. nur anders wäre! Die Schuld liegt daher nie bei mir selbst, sondern immer bei Dritten.

Dabei übersehe ich, was ich tatsächlich tun könnte. Einmal angenommen, ich bekäme den Auftrag, einen neuen Kühlschrank zu entwickeln. Der einfachste Weg wäre dieser: ich recherchiere die Standardmaße und die technischen Vorgaben. Daraus denke ich mir dann in diesem freiwillig eingeschränkten Rahmen einen neuen Kühlschrank aus. Wenn ich jedoch einmal versuche, eine Stufe tiefer zu gehen, dann wäre die erste Frage: „Was muss ein Kühlschrank können?“. Er muss Lebensmittel frisch halten. Das kann auf diese und jene Arten erfolgen, die jeweils ganz andere Voraussetzungen brauchen und vor allem ganz unbekannte Dimensionen der Umsetzung ermöglichen.

Meister*in des eigenen Lebens werdenÜbertragen auf mein Leben wären tiefergehende Fragen zum Beispiel: Welche Dinge, die mich einschränken und die ich als gegeben hinnehme, sind wirklich unveränderlich? Worauf könnte ich verzichten, sei es auch nur vorübergehend? Was wollte ich schon immer mal in mir leben, mit mir erreichen? Was sind meine absoluten Grenzen?

Diese Fragen weiten den Horizont und lenken den Blick auf bisher nicht wahrgenommene Freiheiten. Sie können mich aus meiner passiven Haltung herausholen und mich aktiv werden lassen. Manchmal steht am Ende der Überlegungen eine Kündigung, manchmal eine Scheidung, manchmal vielleicht aber auch ein Projektauftrag oder ein neuer Umgang in der Partnerschaft.

Ich werde Meister*in meiner Geschicke, wenn ich mich meine Opferhaltung aufgebe.

Man kann die eigenen Grenzen nur feststellen, indem man sie gelegentlich überschreitet. Das gilt für jene, die man sich selbst setzt, ebenso wie für jene, die einem andere setzen.

Josef Broukal (*1946, österreichischer Journalist)

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Ich leiste was, also bin ich was?

Der fünfjährige Bub rannte stolpernd durch den Kindergartenflur. Als er ohne Hinzufallen an der Tür ankam, applaudierte das ganze Haus. Zum ersten Mal war ihm das gelungen, denn er lebt mit einer Bewegungseinschränkung. Und wie sieht das der Junge, der schon locker 1.000 Meter joggen kann?

Der Lauf seines Lebens

Unabhängig von dem herrschenden Politiksystem scheint sich weltweit eine „Meritokratie“ durchgesetzt zu haben. Als Meritokratie wird eine Herrschaftsordnung bezeichnet, in der die Menschen mit dem größten Einfluss besondere Leistungen erbracht haben. Als Lohn für ihre Verdienste werden sie geliebt, bekommen Zugang zu Ressourcen (Geld, Bildung und Beziehungen) und können für alle anderen definieren, welche Leistungen notwendigerweise erbracht werden müssen, damit auch sie zu den Guten, Mächtigen, Auserwählten gehören – durchaus auch manchmal metaphysisch aufgeladen. Wegbereiter sind Reformatoren wie Zwingli oder Calvin.

Gott beruft nach ihrer Meinung den Menschen zu Aufgaben und wer sie gewissenhaft erfüllt, hat bei Erfolg Seelenheil erlangt. Im persönlichen Leistungsbilanzüberschuss zeigt sich also die Gottgefälligkeit. Wer immer jung, schön und fit erfolgreich auf der Karriereleiter nach oben geklettert ist, führt ein Leben, das Gott (oder den Göttern in Weiß, Grau, …) gefällt. Frei nach Herbert Grönemeyer singen diese Menschen fröhlich ein Lied vor sich hin: „Leisten macht so viel Spaß. Ich könnte ständig weitergeh‘n. Arbeiten ist wunderschön.“ Eine Pause ist da Müßiggang, der sündhaft erscheint.

Auch wer mit dem Glauben in diesem Sinne wenig am Hut hat, kann sich dieser Weltsicht nur schwer entziehen, weil sie tief in uns wirkt. Früher war es eine mechanistische Sichtweise, die sich an Maschinen, Zahnrädern und Antriebsriemen orientierte. Heute geht es um ein selbst geschaffenes und digital optimiertes Leben. Die industriellen Stückzahlen im Akkord haben wir so angepasst, dass sie in die modernde Informationsgesellschaft passen. All diesen Gedanken liegt eine abstrakte Nullgröße als genormte Vergleichsbasis zugrunde. Nur wer ausgehend von einem willkürlich festgelegten Punkt X eine definierte Leistung Y erbracht hat, kann sich erfolgreich nennen und bekommt dafür Anerkennung.

Etwas in Vergessenheit geraten scheint dagegen der revolutionäre Kern der Reformation. Jeder Mensch ist von Gott angenommen und geliebt, von Geburt an, ohne Leistung, ohne Ablass. Ich plädiere entschieden dafür, auf diesen Aspekt zu schauen. Ausgehend von meinen individuellen Voraussetzungen aus körperlicher Konstitution, äußeren Lebensumständen und innerer Verfasstheit ist es vielleicht die gleiche Leistung, ob ich einen Marathon unter drei Stunden laufe oder eine halbe Stunde Walken gehen kann; ob ich eine Promotion mit „summa cum laude“ oder eine Lehre abschließe; ob ich vertrauensvoll und offen über meine Gefühle sprechen kann oder ich vorsichtig mein Innenleben schütze. Und dann ist die Überwindung einer ganz persönlichen Grenze immer eine Leistung.

Die gleiche Leistung zählt mal so und mal so

Die individuelle Leistung würdigenSo hat auch der Freund des Buben aus dem Eingangsbeispiel applaudiert, als der den Flur entlang rennstolperte: „Was für eine Leistung!“ rief er ihm zu und schlug ihm auf die Schulter.

Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.

Thomas Alva Edison (1848 – 1931, US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer, der die Glühbirne nach vielen Versuchen zur Marktreife brachte)

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Askese ist Käse oder Was Sehnsucht vermag

Mit einem wissenden Lächeln sah er, dass der Parkplatz vor dem Sportverein überfüllt war. Wie immer am Jahresanfang. Das würde sich bald legen, denn kein Neujahrsvorsatz hatte es je geschafft, den inneren Schweinehund zu besiegen. Warum probierten die es eigentlich nicht mal mit Sehnsucht aus wie der Hund Oblomow?

Silvester markiert eine willkürliche Grenze im immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten. So gut oder so schlecht wie jeder andere Tag des Jahres eignet sich der 31.12 dafür, das Alte hinter sich zu lassen und mit jungfräulichem Elan das Neue zu beginnen. Welche Chancen plötzlich vor einem liegen. Nur frisch die guten Vorsätze ins Auge gefasst – und schon geht es los, das Gemetzel. Mann muss sich mehr bewegen (Frau auch), muss wieder fit werden, muss für den ersten Marathon im Leben trainieren, den Wanderurlaub, die Badestrandfigur wiederherstellen. Muss. Muss. Muss den inneren Schweinehund überwinden, der dick, faul und ungelenk in jeder Ecke des Lebens herumliegt. Doch kein Zwang hat es je geschafft, diesen Schweinehund auf Trab zu bekommen.

Den inneren Schweinehund tanzen lassenEs sei denn, man nimmt sich Oblomow als Vorbild, einen Hund mit kurzen Beinen, breiten Pfoten und schwerem Leib. Er war, so erzählt es Elke Heidenreich, Nurejews Hund. Rudolf Nurejew ist in Balletkreisen eine Legende ob seiner Eleganz, Gelenkigkeit und Sprungkraft. Und dann war dieser Hund sein bester Freund, ein trostloser schlapper Kerl? Als Nurejew 1993 stirbt, kommt Oblomow bei der Ballerina Olga Piroshkowa unter, die Nurejew anbetete und daher seinen Hund liebevoll pflegt. Eines Nachts beobachtet sie, wie sich Oblomow auf den Balkon schleicht, auf die kurzen Hinterbeine stellt mit Jeté! Plié! in Balletposition Relevé bringt. Das scheint ganz und gar unmöglich und doch sieht sie es mit ihren eigenen Augen.

Eine Sehnsucht treibt Oblomow an: einmal wie sein geliebter Herr zu tanzen, in Erinnerung an den großen Tänzer. Er ist alt, er ist dick – kann er überhaupt tanzen? Doch da ist diese Sehnsucht und so übt er heimlich des Nachts auf dem Balkon der alternden Ballerina. Und die Piroshkowa erkennt, was da los ist und ist klug genug, sich nichts anmerken zu lassen. So widmet sich Oblomow heimlich der Erfüllung seines Traums und dann, eines Tages, als die beiden alleine am Grab des großen Tänzers stehen, da tanzt Oblomow. Nur einmal, aber wie! Alle Sehnsucht liegt in diesem einen Tanz und nur die Piroshkowa sieht es.

Wer also seinen inneren Schweinehund überwinden will, sollte die Sehnsucht nach dem Tanz in ihm wecken.

Mily Oblomov, ty potjesch pupliaschy tolka dlia jewo; Oblomow, mein Lieber – tanz einmal. Nur für ihn.

Olga Piroshkowa aus: Elke Heidenreich „Nurejews Hund“ ↗

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Weihnachtsgeschenke: radikal und konsequent anders

„Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten?“ Die Frage der Tante hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Er hatte alle materiellen Güter, war im Prinzip wunschlos und wollte doch kein Spielverderber sein: Sich nichts zu schenken war keine Alternative. Wie sollte er aus dieser Nummer rauskommen?

Der Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Was soll ich mir bloß zu Weihnachten wünschen?Weihnachten ist seit unserer Kindheit so besonders, weil wir mit Geschenken überrascht wurden. Der Weihnachtsmann, das Christkind (oder ganz einfach Eltern und Verwandte) haben sich zwar vom teilweise liebevoll gestalteten oder übervoll beschriebenen Wunschzettel inspirieren lassen, doch auch immer noch eigene Vorhaben umgesetzt. Oft waren das dann ganz praktische Geschenke (Mützen, Schals, Anoraks). Die Magie des Geschenks unter dem Weihnachtsbaum ist ganz wichtig für den Reiz dieses Festes.

Geschenke zu bekommen macht in der Regel Spaß, nämlich dann, wenn sie ohne Zweck und Hintergedanken gemacht werden. Manche Geschenke sollen verpflichten und fordern Gegenleistungen einEin Heimtrainer als sanfter Hinweis, mal Pfunde abzutrainieren? Eher zweckgebunden. Oder geht es beim Schenken darum, den anderen in Verlegenheit zu bringen? Sie oder ihn zum gleichwertigen Gegengeschenk zu zwingen? Manche Kinder mussten die Geschenke samt geschätztem Einkaufspreis aufschreiben und dann bei nächster Gelegenheit ein ähnlich teures Gegengeschenk machen.

Weder kann ich beim Wünschen erwarten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht noch kann ich beim Schenken eine Dankbarkeit erwarten. Schenken birgt nach Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie an der Universität Hamburg, ein Risiko: Es ist ein Moment der Bedingungslosigkeit, dem Gegenüber etwas zu schenken und sich damit zu öffnen. Es ist gleichzeitig keineswegs klar, dass ich etwas zurückbekomme.

Konsequent anders schenken

Um nicht in diese Fallen hineinzustolpern, vereinbaren viele Familien und Freunde, sich nichts mehr zu schenken. Sie berauben sich damit ein Stück des Glücks, ein Geschenk zu machen oder zu bekommen. Doch was wäre, wenn ich mein Geschenk jemand anderem zukommen lasse? Hier meine Idee: „Ich wünsche mir, dass Du nicht mich beschenkst, sondern Menschen, deren Arbeit ich bewundere.“
Es gibt Alternativen, die beschenkt werden könnten
Wie wäre es mit

Nur ein paar Ideen am Rande.

„Doch vor allem will ich keinen Beweis, ob und wie viel Du gespendet hast. Das liegt ganz bei Dir: ob Du anderen eine Freude machst oder Dir das Geld sparst. Hauptsache, Deine Handlung kommt von Herzen.“

Haben Sie eigentlich noch echte Wünsche, fehlt Ihnen was? Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Der Infusionsständer-Tango

„Ja, merken Sie denn nicht, dass mein Freund seit zwei Stunden Schmerzen hat?“ Die Krankenschwester war ob dieses Vorwurfs wie vor den Kopf gestoßen. Denn nicht nur der Ton machte die Musik, sondern auch diese herablassende Haltung brachte sie auf. Das könnte man doch auch ganz anders sagen, oder?

Tango mit dem InfusionsständerKrankheiten, besonders solche, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, bringen jeden Menschen an die eigenen Grenzen. Die grundlegenden Charaktereigenschaften treten ungeschminkter hervor, da mildernde Gegenkräfte durch die Krankheit geschwächt sind. Das eigene Leid tritt stark in den Vordergrund, manchmal verbunden mit einer Opferhaltung: „(Nur) Ich bin so arm dran!“ Und alle anderen sind da, um (ausschließlich) mir zu helfen.

In Deutschland haben wir ein Gesundheitssystem, um das uns die meisten Menschen auf der Welt beneiden. Statt einer Kreditkarte lege ich eine Krankenkassenkarte vor und schon geht die Behandlung los. Pflegekräfte, Ärzte, medizinisches Gerät – all das steht mir zur Verfügung, ohne dass ich vorher meine Bank um einen Kredit anpumpen muss.

In diesem komplexen System namens „Krankenhaus“ habe ich trotz aller Fremdbestimmung durchaus Einflussmöglichkeiten. Es gibt gute und schlechte Zeitpunkte, um individuelle Bedürfnisse zu äußern. Ich kann vertrauen oder misstrauisch sein. Ich kann Humor bewahren oder ein Grantler werden.

Ich selbst habe letztens die Erfahrung gemacht, dass ich mit einem ehrlichen Lächeln und einer freundlichen Bitte in Leerlaufmomenten viel für mich erreichen, dass ich ein gutes Verhältnis zu Pflegern und Ärztinnen aufbauen und die notwendigen Einschränkungen auch mit Humor nehmen kann. Wenn schon Magensonde durch die Nase, dann auch „Törööh!“ Benjamin Blümchen. Wenn schon Infusionen, dann auch Tango mit dem „Best Buddy“ Infusionsständer. Schließlich geht es um meine Genesung und die wird mit Leichtigkeit mehr unterstützt als mit Griesgrämerei.

Ich habe keine Probleme – ich bin das Problem.

Ekki Talkötter aus der Krimiserie „Wilsberg“

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Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Schwäche ist eine Frage des Kontexts

Sie quälte sich durch die Prüfungszeit: Texte lesen, Inhalte erfassen und dann in einer Hausarbeit strukturiert wiedergeben, das war nicht ihre Stärke. Sie konnte gut mit Kindern umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen, doch für ihren Pädagogen-Job brauchte sie nun mal diesen Hochschulabschluss. Kann man an seinen Schwächen scheitern, so dass man seine Stärken nicht einsetzen kann?

Jede Lebensform hat ihre Stärken und Schwächen, beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille namens „Talente und Fähigkeiten“. Ein Lavendel verträgt kühles und feuchtes Klima nicht, daher ist er nicht in Irland zu finden. Ein Pinguin kann Wärme und ausgedehnte Sandstrände nicht vertragen, deshalb lebt er nicht in der Karibik. Denn konsequent sind die Schwächen an dem einen Ort die Stärken an einem anderen: das trockene und heiße Klima Südfrankreichs ist für den Lavendel ebenso ideal wie arktische Kälte und das raue Meer für den Pinguin.

Schwächen überwinden für das ZielDen Menschen geht es wie den Leuten: eine vorgebliche Schwäche ist – nur in einem anderen Zusammenhang betrachtet – eine Stärke. Ich habe in meinem Zivildienst mit blinden Menschen zusammengearbeitet. Weil sie den Sehsinn nicht zur Verfügung hatten, konnten sie mit gut trainiertem Geruchssinn die Bäckerei riechen lange bevor ich sie sah. Und sie wussten, dass wir gerade an einer Hecke vorbeiliefen, weil der Klang unserer Schritte ihnen zeigte: das hier ist keine Mauer. Ein Mensch, dem es schwer fällt, Texte zu lesen oder Zahlen zu erfassen, nimmt ganz andere Informationen auf: Mimik, Gestik und Schwankungen in der Stimme. So bekommen sie viel mehr die Gefühlslage des Gegenübers mit als ein Mensch, der auf das geschriebene Wissen fixiert ist. Menschen, denen es an empathischem Einfühlungsvermögen fehlt und klare Strukturen lieben, sind ein Gewinn für alle technisierten und prozessorientierten Aufgaben.

So lassen sich die Schwächen ins Gegenteil verkehren, wenn ich den Betrachtungspunkt und den Kontext ändere. Dass es auf dem Weg zum idealen Lebensumfeld Abschnitte gibt, wo ich meine Schwächen trotzdem einsetzen muss, ist wie ein Regenperiode für den Lavendel: auszuhalten.

Man weiß nie, vor welchem größeren Unglück einen das Pech bewahrt hat.

Cormac McCarthy (*1933, US-amerik. Schriftsteller)

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