Mit dem Tempomat durch das eigene Leben

Lebe im Gleichklang mit Dir selbst! Werde langsamer und erreiche dadurch mehr! Achtsamkeit ist der Schlüssel zu Glück und Gesundheit! Alle Welt sprach davon, dass das Leben im persönlichen Tempo angegangen werden müsse. Doch sie fragte sich: wie ist es ist denn, mein Tempo?

Die Großstädte scheinen ein Hort der Hektik zu sein und auf dem Land ist alles noch in bester Ordnung. Während hier Dauerbeschallung, Verkehrsströme und Menschenmengen jeden Tag anstrengend machen würden, lebte dort doch alles in friedvoller Harmonie mit der Natur. Menschen auf dem Land sehen das anders: wer von der Natur lebt, arbeitet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, trotzt dem Wetter und kämpft für faire Verkaufspreise.

Das entspannte Landleben ist (und war schon immer) eine Illusion. Schließlich wurde das Flanieren in Paris erfunden, als es angeblich schick war, eine Schildkröte auszuführen. Die Wanderbewegungen hierzulande haben das Gehen ebenfalls als erstrebenswerte Heilquelle angesehen. Eine ganze Industrie lebt heuer vom Verkauf der Wanderausrüstung. Dabei ist Gehen die einzige Fortbewegung, für die wir Menschen kein Hilfsmittel benötigen. Noch nicht einmal Schuhe.

In der inneren Mitte laufen

Letztens war ich am Meer und bin barfuß über den Strand und entlang der Wasserkante gelaufen. Mein Gang veränderte sich. Vom abgehakten Hoppeln in Schuhen auf Asphalt hin zu einem wiegenden Schreiten, wo jeder Schritt die Zehen bewusst in den Untergrund gedrückt hat. Ging ich langsam? Ging ich schnell? Das kann ich nicht sagen, doch ich ging – in meinem Tempo. Manche Menschen überholten mich, sie gingen in ihrem Tempo. Andere Menschen überholte ich. Auch sie gingen in ihrem Tempo. Ich hatte eine Ahnung davon bekommen, dass ich mein ganz persönliches Tempo spüren kann.

Vor vielen Jahren traf ich eine Frau, die gut und gerne bereits eine halbe Stunde vor der Ankunftszeit des Fliegers am Flughafen auf ihren Gast gewartet hat. Sie reise lieber in Ruhe mit einem Puffer an und nähme sich dann die Zeit, zu warten. Im Urlaub haben meine Frau und ich den selten fahrenden Bus verpasst und so eine leckere Entdeckung in der Eisdiele an der Ecke gemacht. Was also könnte ich gewinnen, wenn ich versuchte, mir mehr Zeit für mein Tempo zu nehmen?

Die Zeit hat Zeit. Sie pendelt.

Im Hotel für Mensch und Kunst „Das Kleine Schwarze“, Hamburg

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2 commenti su “Mit dem Tempomat durch das eigene Leben

  1. Annette sagt:

    „Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge … So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt … Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.“
    Johann Gottfried Seume

  2. Jutta sagt:

    Das mit den Füßen im Sand ist genau so, wie Du es beschrieben hast. Und mal läufst Du ganz für Dich allein, oder mit einem anderen Menschen an Deiner Seite.
    Es macht den Blick weit und die Gedanken

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