Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

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Ab 50 bist Du unsichtbar!

Sie hatte den Eindruck, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Es gab keine bewundernden, anerkennenden oder begehrlichen Blicke mehr für sie. Sollte sie darüber traurig sein oder sich freuen?

In unserem Leben erfahren wir ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit. Ganz zu Beginn stehen wir als Kinder im Mittelpunkt elterlicher Freude und Leid. Nach und nach verlassen die geliebten Kleinen die häusliche Umgebung und gewinnen Freund und Feind draußen in der Welt. In der Jugend dreht sich alles um die Kernfragen „Wer bin ich?“ und „Wie sehen mich die anderen?“

Nach der Gründung einer eigenen Familie wiederholt sich die Konzentration auf einen Menschen, nun aus der Elternrolle heraus. Gleichzeitig ist es das Lebensalter, in dem Menschen ihre Berufs- und Lebenspläne möglichst erfolgreich voranbringen wollen. Maximale Aufmerksamkeit der Umwelt ist ihnen sicher.

Irgendwann, so ab Ende 40, wenn die Kinder kaum noch zu Hause sind und die Karriere die entscheidenden Weichenstellungen hinter sich hat, beginnt die graue Phase der Unscheinbarkeit. Wir schwimmen mit: mit großer Erfahrung und auch oft noch mit großer Kraft halten wir das Räderwerk in der Familie und im Beruf am Laufen. Wir sind das Rückgrat jeder Organisation, das Aufgaben abarbeitet, Prioritäten setzen kann und Lösungen für nahezu jedes Problem findet. Doch gleichzeitig sind wir immer weniger attraktiv für andere: sei es in Paarfragen oder in Karrierefragen.

Die Menopause scheint besonders für Frauen ein Zeitalter der Bedeutungslosigkeit einzuläuten. Männer sind davon auch betroffen, jedoch weitaus weniger als Frauen. Wer sich einmal die Namenslisten und Fotos von Führungskräften aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur anschaut, wird dort viele Männer ab 50 Jahren sehen. Da jedoch nicht alle Männer in Führungspositionen gelangen können, gibt es auch bei ihnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit.

Mehr Aufmerksamkeit erlangen wir erst wieder, wenn wir ab 70 anfangen, anderen im Weg zu stehen, weil wir zu gebrechlich sind oder die neueste Technik nicht verstehen. Dann sind wir als „Silver Ager“ auch wieder eine attraktive Zielgruppe für Werbung; ein Status, den wir spätestens mit den 50. Geburtstag verloren hatten. Doch ist das wirklich tragisch?

Den eigenen Weg gehen und den Zweiflern trotzenZugegeben: berufliche Attraktivität und sexuelle Begehrlichkeit sind wunderbare Rückmeldungen von außen. Die Kehrseite: sie werden gewährt, wenn ich den Anforderungen und Wünschen der Komplimente-Macher*innen entspreche. Ganz natürlich immer noch jung aussehen müssen, weiterhin Top-Leistung auf der Arbeit bringen – das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Und langweilig. Denn irgendwann ist es doch genug damit, den Ansprüchen von außen gerecht werden zu wollen.

Ist Unsichtbarkeit vielleicht auch ein Geschenk der Freiheit, endlich tun und lassen zu können, was ich will? Eine kostbare Lebensphase, die noch genügend Energie bereithält, um langgehegte Pläne oder neue Ideen wahr werden zu lassen? Diese 15, 20 guten Jahre vor der Herrschaft der Altersgebrechen wollen doch genutzt werden, oder?

Eine fortschrittliche Frau fortgeschrittenen Alters kann keine Macht der Welt im Zaume halten.

Dorothy L. Sayers (1893 – 1957, englische Schriftstellerin)

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In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

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Der Abgrund nach dem Urlaub

In den Träumen lief er noch durch die klare Alpenluft, doch tagsüber war er wieder in der grauen Arbeitshölle gefangen. Der Urlaub, kaum 14 Tage her, erschien endlos weit weg und er biss die Zähne zusammen, um alles zu erledigen, was ihm auf den Tisch gelegt wurde. Warum fühlte er sich nur schon wieder dem Abgrund ganz nah?

Ich habe mit vielen Menschen nach ihrem Urlaub gesprochen und auch wenn dies wenig repräsentativ ist, so haben doch alle der Aussage zugestimmt „Mir geht es mittlerweile wieder wie vor dem Urlaub: ich bin angespannt und erschöpft.“ Lediglich das Zeitfenster variierte: manchen ging es schon nach dem ersten Arbeitstag so, bei anderen dauert es bis zum Ende der ersten Arbeitswoche. Doch die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, die sich in diesen Aussagen ausdrückte, war bei allen gleich.

Was haben wir alle den Sommerurlaub 2021 herbeigesehnt! Über Monate war unklar, ob er stattfinden könnte, ständig ging es von Hoffen zu Bangen und zurück. Dann endlich waren die aktuellsten Pandemieregeln recherchiert, verstanden und umgesetzt und der Ortswechsel war möglich. Hinauf in die Berge, rein ins Meer, eintauchen, wegtauchen und aufatmen. Maskenpflicht und 3G-Kontrollen waren ja längst Routine, doch diese neuen Perspektiven, diese Ruhe (oder das Feiern) – all das war so wenig Alltag wie schon lange nicht mehr.

Der Weg in den Abgrund ist nur eine OptionDann kam die Rückkehr und die alte Illusion, dass sich in den Tagen der Abwesenheit ganz viel und vor allem zum Besseren geändert hatte, platzte wie immer. Es gelten auf der Arbeit die gleichen Pandemieregeln, eine Änderung ist nicht in Sicht und die Aufgaben haben sich auch dieses Mal wieder nicht auf magische Weise selbst erledigt. Schlimmer als vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub, weil die Perspektive „bis zum Urlaub“ nun nicht mehr wenige Wochen, sondern viele Monate lang ist.

Vielleicht hilft da eine Erfahrung, die so manche beim Reisen machten. Wer den Weg von A nach B plant, sei es digital oder analog, der folgt nicht einem Weg, sondern beschreitet eine große Menge von Teilwegen. Navigationssysteme sind darin Meister. Sie bauen einen Weg aus schier unendlichen vielen Teilabschnitten zusammen. An jeder Ecke, an jeder Weggabelung fängt ein neuer Abschnitt an. Der eine Weg endet, der nächste beginnt. Denn die Frage ist doch, wo der Weg an einer Gabelung eigentlich weitergeht. Rechts herum? Links entlang? Ist der breitere Weg wirklich die Fortsetzung oder ist es in Wirklichkeit der schmale Pfad, den es weiter zu laufen gilt?

Übertrage ich diese Betrachtungsweise, macht sie die Arbeit nicht weniger. Doch sie verhindert, dass große Aktenberge unüberwindlich erscheinen und das Tal der Tränen (Standardfloskel aller Projektleiter:innen) endlos ist. „To cut the elephant into pieces“ heißt es im Englischen, um zu beschreiben, dass große Aufgaben durch mehrere kleine handhabbar werden. Das ermöglicht das (innere) Feiern von Etappen. So wie auf einer Radtour an jedem Abend der gefahrenen Strecke mit allen ihren Schrecken und Freuden bei Tee, Wein oder Bier nachgeschmeckt wird, kann es auf der Arbeit heißen: ich habe heute dieses Mosaiksteinchen, dieses Puzzlestück an den richtigen Platz gesetzt und das ist unter Umständen mehr, als ich am Morgen noch erwartet hatte.

Vor allem kann die Betrachtung von Teilerfolgen die Gefahr einer schleichenden chronischen Unzufriedenheit mindern helfen. Diese versuchen manche Menschen durch Übereifer zu bekämpfen. Doch dieser Kampf wäre der Peter-Weg:

Alle arbeiten bis zum Abgrund.
Nur nicht Peter, der schafft noch ’nen Meter.

Frei nach „ABC der Schadenfreude“ von Anke Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl

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Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Zu Lebzeiten das eigene Leben leben

Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur für seinen Vater übernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen gehüllt. War das nur die Midlife-Crisis oder steckte etwas Ernstes hinter dem Gefühl, das Leben ginge in die falsche Richtung?

In Korea gibt es eine Redewendung, die sinngemäß lautet: „Wenn Du stehen bleibst, rennen die Anderen.“ Die koreanische Gesellschaft ist auf Erfolg ausgerichtet und so wird bereits in frühen Jahren Kindern lernen, kämpfen, weitermachen vermittelt. Statt „Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weiterlaufen“ bedeutet das „Hinfallen – Aufstehen – Weiterrennen“. Von dieser Denkweise sind wir hier nicht weit entfernt. „Jede/r ist ihres/seines Glückes Schmied“, „Du kannst alles erreichen, wenn Du es nur willst“ oder „Du sollst es einmal besser haben als ich“ sind Sätze, die die meisten von uns seit Kindertagen gehört haben. Und so machten wir uns alle auf den Weg, unser Glück da draußen in der Welt zu finden.

Wir versuchten, die Schule gut abzuschließen, einen Beruf zu finden oder zu studieren, damit wir wie in der Sparkassenwerbung mit „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ beim Klassen- oder Familientreffen unseren Erfolg zur Schau stellen konnten: „Seht her, aus mir ist was geworden!“ Als Anekdote wird dann gerne eingeflochten, dass ich als Kind doch gerne Balletttänzer, Feuerwehrfrau oder Ökobauer geworden wäre. Dieser Kindeswunsch wird dabei lächerlich gemacht und so haben sich manche Menschen irgendwann, irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren. Manche erkennen auch, dass sie sich vielleicht nie gefunden haben.

Das Leben nach dem eigenen Herzen leben

Sie verfolgten Pläne, jagten Zielen hinterher und erfüllten an sie gestellte Ansprüche. Was davon wirklich ihrem eigenen Streben und Wünschen entsprach, ist fraglich. Und diese Frage kann dann unüberhörbar laut werden, wenn die Zeit dafür reif ist: die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus oder haben das Haus schon verlassen; die beruflichen Meriten (erworbene Verdienste) sind vollständig und die Karrierekurve flacht merklich ab; die Partnerschaft hat über die Jahre ihre Farbe und ihren Glanz verloren. Leise nagend kommt dann die Kindheitserinnerung an das Ballett, das Abenteuer der Feuerbekämpfung, der Einheit von Mensch und Natur auf dem Bauernhof zurück in das Bewusstsein: immer dann, wenn es still wird.

Um das nicht zu hören, ist es einfach, sich mit Lärm und Konsum abzulenken, bis wir wie ein Gorgoro durch die Gegend wandeln. Was ein Gorgoro ist? Das ist eine Figur aus einem alten Donald Duck Comic, ein wandelnder Toter, der von einem Zauberer mit einem Auftrag in die Welt geschickt wird und solange läuft, bis diese Aufgabe erledigt ist. Andere Menschen werden verstimmt, schwermütig (so hieß das früher), depressiv (so heißt das heute) und zweifeln am Sinn des Lebens, der ihnen abhanden gekommen ist. Manche sind sowohl–als auch: von Ablenkung betäubt laufen sie wie ein zugedröhntes Nilpferd durch eine Wüste.

Letztendlich kann ich der Frage nach meinem Lebensglück nicht ausweichen, denn sie wird mir ganz am Ende noch einmal gestellt werden. Im Sterben wird Rückblick gehalten und gefragt: was bereue ich, getan zu haben? Was bereue ich, nicht getan zu haben? Habe ich mein Leben gelebt oder lebte ich das Leben der Anderen? War ich lebendig gewesen oder innerlich schon lange tot, eine wandelnde Leiche sozusagen?

Wer am Ende des Lebens mit sich im reinen sein will (und weil das Lebensende unvorhersehbar schnell kommen kann), sollte bei Lebzeiten ihr/sein Leben leben.

Dass ich neben einer Leiche sitze, ohne etwas zu merken, kann ich mir nicht vorstellen.

Detective Constable Ben Jones aus „Inspector Barnaby”

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Das Zwei-Euro-Stück zum kleinen Glück

Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. Wäre da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Erschütterung lustig mit Kopf wackelte, er wäre schon längst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?

Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem DeckelIn den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bitteschön auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von Händen diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den Überblick zu behalten über die eigenen Ausgaben. „Was weg ist, ist weg“ gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol dafür aus der Hand geben – eine Münze, einen Schein – sondern bestenfalls das Vorhalten eines Stücks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen für (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann – menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.

Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit getätigt und war jeden Monat aufs Neue überrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gewöhnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr über meine Finanzen.

Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst spät erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gefüllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit für die schönen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie gönnen würde: ich sammele 2-Euro Stücke, die ich als Rückgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv „Lenzerheide (1500 M. ü. M. Graubünden Schweiz)“ mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist groß genug, um tatsächlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsglücksmomente damit leisten können:

  • Eine Lederumhängetasche, mit der ich jahrelang tagtäglich unterwegs war.
  • Zwei chinesische Löwen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begrüßung sitzen und perfekte Trockner für nasse Wollmützen sind.
  • Einen Noise-cancelling Kopfhörer für mehr Ruhe im Großraumbüro.
  • Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erwähnte fröhliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.
  • Handwerkskunst geflüchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.
  • Ein Helmkoffer für die Vespa mit integriertem Rückenkissen für mehr Soziusbequemlichkeit.

Nichts davon hätte ich mir normalerweise als Großzügigkeit gegenüber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich über lange Monate die Münzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, dafür stelle ich Münzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.

Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Glück machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-Stücke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie für ein neues besonderes Alltagsglück eingetauscht werden.

Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch völlern. Wir leben nur noch gesund, vernünftig und ethisch bewusst, aber übertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.

Eva Menasse (*1970, österr. Schriftstellerin)

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Hoffnung auftanken

Grundmüde. Er fühlte sich im 13. Corona-Monat so matt, dass auch Ausschlafen nicht weiterhalf. Der Tag war zudem trübe und kalt, wieder schneeregnete es. Als er dann auch noch Handwerker in der Wohnung hatte, wollte er einfach nur in das schöne Leben flüchten. Doch wohin sollte er im Lockdown fahren?

Neulich besuchte ich den Tempel der Hoffnungsvollen und schwelgte in den Farben, Formen und Früchten, die den Besuchern dereinst für ihr harte Arbeit Lohn sein werden. Es ist eine Gemeinschaft, in der alle den gleichen Zugang zur schöpferischen Urkraft haben und alle kommen, weil sie im Grunde ihrer Herzen voller Hoffnung sind. Ich spreche von einem Gartenmarkt. Und Gärtner:innen sind die hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne. Denn sie säen und pflanzen jedes Jahr aufs Neue, arbeiten harten Boden auf, wässern und stützen, um für einige Tage farbenprächtige Blüten zu sehen oder im Sommer und Herbst schmackhafte Früchte ernten zu können.

Gärtner hoffen auf die ZukunftIhre Hoffnung gründen sie auf die Pflanzenkraft, auf das Wetter, auf die Anpassungsfähigkeit der Natur an frühe Blüten, späten Frost, lange Dürren, ungünstige Winde. Dazu kommt der Überraschungseffekt. Manches im Herbst Vergrabene kommt im Frühjahr zum Vorschein, anderes wiederum nicht. Der größte Teil dieses Prozesses liegt außerhalb ihrer Macht. Ihre Erfahrung und Arbeit kann manches mildern, doch nichts ersetzt den Kreislauf der Dinge.

In der scheinbar endlosen Corona-Tretmühle hebt Gärtnern die Stimmung. Neben längeren Tagen, mehr Sonnenlicht und nährender Wärme kommen körperliche Tätigkeit, planerisches Geschick und wertvolles Nichtstun hinzu: Warten. Warten auf das erste Sprießen, die Zeit zum Aussetzen ins Freiland, das Blühen, das Ernten. Geduldiges Warten ist eine notwendige Grundtugend beim Gärtnern. Denn wie heißt so treffend ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gleichzeitig nutzen Gärtner:innen die eingeschränkten Handlungsspielräume, die sie haben. Sie setzen sich nicht gottergeben dem Wetter aus, sondern versuchen dort zu wässern, hier zu stützen und manchmal heißt es auch Abschied nehmen von der Rose, die den Frost nicht überlebt hat.

Hoffnung, das ist eine Haltung und ein Gefühl gleichermaßen. Hoffnung öffnet sich anderen Menschen, verbindet zu einer positiv tätigen Gemeinschaft und sagt: „Auch wenn wir nur wenig beeinflussen können, lasst es uns versuchen.“ Angst dagegen isoliert voneinander, wirkt zerstörerisch, denn sie wird vom Gedanken geleitet: „Es hat alles keinen Sinn. “ Wer sich aktuell zu müde zum Hoffen fühlt, kann einmal in einen Gartenmarkt fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, ohne Hoffnung wieder hinauszugehen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ungesichertes Zitat von Martin Luther (1483-1546, Mönch, Theologieprofessor und Reformator)

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Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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