Dank Völlerei zum Fastenziel

Am Aschermittwoch beginnt für sie wieder die dunkle Jahreszeit: für das schwammige Ziel „zu entgiften und schlanker zu werden“ stellte sie zwei Listen auf. Eine enthielt die Dinge, auf die sie verzichten musste, die andere Dinge, die sie tun musste. Bei ihrem Anblick wurde sie schwer wie Blei: könnte Ostern nicht bitte schon morgen sein?

40 Tage dauert die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Zahl 40 hat in der Zahlenlehre die Bedeutung einer Grenze und eines Einschnitts. 40 Tage dauerte die Sintflut, war Moses auf dem Berg Sinai und Jesus in der Wüste. Auch die Psychologie geht davon aus, dass es rund 40 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Eine neue Gewohnheit zu etablieren, ist einfacher, als eine alte abzulegen. Das kann mitunter einige Jahre dauern. Das Erfolgsrezept bei der Neu-Etablierung: Das gewünschte Verhalten mit einem deutlichen Auslösereiz koppeln und dann durch eine Belohnung verstärken.

Dabei sollte diese Belohnung so direkt wie möglich sein. Wenn ich ein konkretes Verlangen wecken kann, dann trägt mich das über jene Kräfte hinweg, die mich sonst im Alten gefangen halten. Anfangs geht es nur, wenn ich das Ganze bewusst mache. Im Laufe des Übens verselbständigt sich mein Verhalten und eine neue Gewohnheit entsteht. Zum Fastenziel gelangen mit Verlangen, Völlerei und Vergnügen? So könnte es gehen:

Ich gönne mir 40 Nächte lang tiefen entspannten Schlaf mit süßen Träumen, der mich frisch und erholt in den Morgen entlässt. Dafür trinke ich abends statt schlafstörendem Wein lieber basische und beruhigende Kräutertees. Unglaublich, welche Geschmacksvielfalt es in diesem Segment gibt!

Ich tauche in reinigendes Wasser und fühle mich wohl wie ein Fisch oder ein Ungeborenes im Mutterleib, weil ich mich mit dem Urelement schlechthin verbinde. Dabei spüre ich die Leichtigkeit meines Körpers, der sich angenehm bewegen lässt. Das Vergnügen des Schwimmens gestatte ich mir jede Woche.

Ich gehe kulinarisch auf Weltreise und entdecke Früchte aus allen Kontinenten. Die besten Winteräpfel aus der Region, die ersten Südfrüchte aus Italien, orientalische Köstlichkeiten, asiatische Leckereien und was hat eigentlich Lateinamerika zu bieten? Ich leiste mir jeden Nachmittag Obst-Exkursionen statt Schokoladenzucker.

Ich stelle mich abends auf den Balkon oder ans Fenster und schaue den Himmel an. Jeden Tag gibt es ein neues Meisterwerk aus Farben und Formen, jeden Tag ist ein bisschen später Sonnenuntergang, jeden Abend ein bisschen mehr oder weniger Mond. Die Freiheit einer Handyauszeit nehme ich mir in aller Ruhe.

Belohnungen führen zum Ziel

Hat man die erste Hürde geschafft, einen neuen Auslösereiz zu etablieren, wird die Gewohnheit zum Selbstläufer.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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Ich leiste was, also bin ich was?

Der fünfjährige Bub rannte stolpernd durch den Kindergartenflur. Als er ohne Hinzufallen an der Tür ankam, applaudierte das ganze Haus. Zum ersten Mal war ihm das gelungen, denn er lebt mit einer Bewegungseinschränkung. Und wie sieht das der Junge, der schon locker 1.000 Meter joggen kann?

Der Lauf seines Lebens

Unabhängig von dem herrschenden Politiksystem scheint sich weltweit eine „Meritokratie“ durchgesetzt zu haben. Als Meritokratie wird eine Herrschaftsordnung bezeichnet, in der die Menschen mit dem größten Einfluss besondere Leistungen erbracht haben. Als Lohn für ihre Verdienste werden sie geliebt, bekommen Zugang zu Ressourcen (Geld, Bildung und Beziehungen) und können für alle anderen definieren, welche Leistungen notwendigerweise erbracht werden müssen, damit auch sie zu den Guten, Mächtigen, Auserwählten gehören – durchaus auch manchmal metaphysisch aufgeladen. Wegbereiter sind Reformatoren wie Zwingli oder Calvin.

Gott beruft nach ihrer Meinung den Menschen zu Aufgaben und wer sie gewissenhaft erfüllt, hat bei Erfolg Seelenheil erlangt. Im persönlichen Leistungsbilanzüberschuss zeigt sich also die Gottgefälligkeit. Wer immer jung, schön und fit erfolgreich auf der Karriereleiter nach oben geklettert ist, führt ein Leben, das Gott (oder den Göttern in Weiß, Grau, …) gefällt. Frei nach Herbert Grönemeyer singen diese Menschen fröhlich ein Lied vor sich hin: „Leisten macht so viel Spaß. Ich könnte ständig weitergeh‘n. Arbeiten ist wunderschön.“ Eine Pause ist da Müßiggang, der sündhaft erscheint.

Auch wer mit dem Glauben in diesem Sinne wenig am Hut hat, kann sich dieser Weltsicht nur schwer entziehen, weil sie tief in uns wirkt. Früher war es eine mechanistische Sichtweise, die sich an Maschinen, Zahnrädern und Antriebsriemen orientierte. Heute geht es um ein selbst geschaffenes und digital optimiertes Leben. Die industriellen Stückzahlen im Akkord haben wir so angepasst, dass sie in die modernde Informationsgesellschaft passen. All diesen Gedanken liegt eine abstrakte Nullgröße als genormte Vergleichsbasis zugrunde. Nur wer ausgehend von einem willkürlich festgelegten Punkt X eine definierte Leistung Y erbracht hat, kann sich erfolgreich nennen und bekommt dafür Anerkennung.

Etwas in Vergessenheit geraten scheint dagegen der revolutionäre Kern der Reformation. Jeder Mensch ist von Gott angenommen und geliebt, von Geburt an, ohne Leistung, ohne Ablass. Ich plädiere entschieden dafür, auf diesen Aspekt zu schauen. Ausgehend von meinen individuellen Voraussetzungen aus körperlicher Konstitution, äußeren Lebensumständen und innerer Verfasstheit ist es vielleicht die gleiche Leistung, ob ich einen Marathon unter drei Stunden laufe oder eine halbe Stunde Walken gehen kann; ob ich eine Promotion mit „summa cum laude“ oder eine Lehre abschließe; ob ich vertrauensvoll und offen über meine Gefühle sprechen kann oder ich vorsichtig mein Innenleben schütze. Und dann ist die Überwindung einer ganz persönlichen Grenze immer eine Leistung.

Die gleiche Leistung zählt mal so und mal so

Die individuelle Leistung würdigenSo hat auch der Freund des Buben aus dem Eingangsbeispiel applaudiert, als der den Flur entlang rennstolperte: „Was für eine Leistung!“ rief er ihm zu und schlug ihm auf die Schulter.

Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.

Thomas Alva Edison (1848 – 1931, US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer, der die Glühbirne nach vielen Versuchen zur Marktreife brachte)

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Der Infusionsständer-Tango

„Ja, merken Sie denn nicht, dass mein Freund seit zwei Stunden Schmerzen hat?“ Die Krankenschwester war ob dieses Vorwurfs wie vor den Kopf gestoßen. Denn nicht nur der Ton machte die Musik, sondern auch diese herablassende Haltung brachte sie auf. Das könnte man doch auch ganz anders sagen, oder?

Tango mit dem InfusionsständerKrankheiten, besonders solche, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, bringen jeden Menschen an die eigenen Grenzen. Die grundlegenden Charaktereigenschaften treten ungeschminkter hervor, da mildernde Gegenkräfte durch die Krankheit geschwächt sind. Das eigene Leid tritt stark in den Vordergrund, manchmal verbunden mit einer Opferhaltung: „(Nur) Ich bin so arm dran!“ Und alle anderen sind da, um (ausschließlich) mir zu helfen.

In Deutschland haben wir ein Gesundheitssystem, um das uns die meisten Menschen auf der Welt beneiden. Statt einer Kreditkarte lege ich eine Krankenkassenkarte vor und schon geht die Behandlung los. Pflegekräfte, Ärzte, medizinisches Gerät – all das steht mir zur Verfügung, ohne dass ich vorher meine Bank um einen Kredit anpumpen muss.

In diesem komplexen System namens „Krankenhaus“ habe ich trotz aller Fremdbestimmung durchaus Einflussmöglichkeiten. Es gibt gute und schlechte Zeitpunkte, um individuelle Bedürfnisse zu äußern. Ich kann vertrauen oder misstrauisch sein. Ich kann Humor bewahren oder ein Grantler werden.

Ich selbst habe letztens die Erfahrung gemacht, dass ich mit einem ehrlichen Lächeln und einer freundlichen Bitte in Leerlaufmomenten viel für mich erreichen, dass ich ein gutes Verhältnis zu Pflegern und Ärztinnen aufbauen und die notwendigen Einschränkungen auch mit Humor nehmen kann. Wenn schon Magensonde durch die Nase, dann auch „Törööh!“ Benjamin Blümchen. Wenn schon Infusionen, dann auch Tango mit dem „Best Buddy“ Infusionsständer. Schließlich geht es um meine Genesung und die wird mit Leichtigkeit mehr unterstützt als mit Griesgrämerei.

Ich habe keine Probleme – ich bin das Problem.

Ekki Talkötter aus der Krimiserie „Wilsberg“

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Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

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Mit dem Älter-Werden kommt das Egal-Sein

Da lag sie am Pool und rekelte sich im Badeanzug auf der Sonnenliege. Die Pfunde verteilten sich auch am Bauch und vor ihrem Dekolleté standen die Männer schon lang nicht mehr stramm. Wie sie das genoss! War das Älterwerden nicht herrlich?

Spaß oder kein Spaß im Alter – das ist die FrageWenn ich mich so umhöre unter den Menschen, die Ende vierzig und älter sind, dann sagen die meisten: „Jung wollte ich nicht mehr sein!“ Die Jugend? So anstrengend, immer zur Clique dazu gehören zu wollen! Jeder Mode zu folgen! Erste Berufsjahre? Auf 50-Stunden Wochen, heute hier, morgen dort und trotzdem immer blendend aussehen müssen, kann ich echt verzichten! Wieder jung sein? Wenn, dann nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung!

Unausgesprochen bleibt, dass zur Lebenserfahrung auch ein größeres Maß an Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ansprüchen gehört. Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt. Diese Tatsache sollten wir endlich akzeptieren schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski. Und es scheint, dass sich jene Erkenntnis im Alter ab 40, 50 langsam durchsetzt.

Und wie befreiend das ist! Nicht nur auf den Körper bezogen. Da auch die geistigen Kräfte nicht mehr so taufrisch sind wie Anfang 20, muss und kann ich sie nun gezielter einsetzen. Wozu sie für Dinge verschwenden, die ich als unwichtig für mich erkannt habe? Auch Konventionen können ihre Korsettwirkung verlieren, nachdem ich mich jahrzehntelang von ihnen habe einengen lassen.

Im Goldenen Jahrzehnt, also den 50er Lebensjahren, habe ich es in der Hand, ob ich ein sauertöpferischer Griesgram werde, der dem Vergangenen nachtrauert und den anderen ihr Glück neidet. Oder ob ich mich zum lebenslustigen, mitunter vielleicht auch renitenten Alten weiterentwickele, der mit Udo Lindenberg einstimmt und singt:

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.

(Aus: „Grande Finale“ vom Album „Udopia“)

 

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Beach Body Bullshit

„In 6 Wochen zum perfekten Bauch!“, „Last minute workouts für den Sommer“ – mit gesenkten Häuptern schlich das Paar an den Zeitschriften im Supermarkt vorüber. Ihre Körper hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Strandkorb als mit diesen Idealtypen. Und in zwei Wochen ging es nach Mallorca – wie peinlich! Wirklich?

Strandspaß für alleDie Schönheit liegt im Auge der Betrachter. Und was Betrachter als schön empfinden unterlag im Lauf der Zeit starken Veränderungen. Nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren waren Fettpölsterchen in Mode. Heute, in Zeiten des Überflusses, regiert das Schlankheitsideal und Marylin Monroe würde ein Diätgetränk aus der Apotheke empfohlen bekommen. Rubens‘ Modelle und das Model Twiggy haben so viel oder wenig gemeinsam wie die Mehrzahl der echten Menschen mit der Mehrzahl der Werbungsmenschen.

Die Aufzählung zeigt: wir haben es nicht in der Hand, was die allgemeine Körpermode ist. Und noch weniger haben wir es in der Hand, ob wir ihr entsprechen oder nicht. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Figur zu 30% von den Genen bestimmt wird. Der Rest sind Lebensumstände und Angewohnheiten. Wie lebe ich – wie muss ich leben? Was bekam ich von meinen Eltern mit? Was mag ich – was nicht: machen, essen, …?

Es ist schwer, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Das schreibt jemand, der von seiten seiner älteren Nachbarinnen immer ermahnt wird, sich mehr Reserven zuzulegen. Sprich: ein paar Kilo zuzunehmen.

Dem Strand ist es übrigens herzlich egal, wer ihn besucht. Denn für ihn ist klar:

Für einen Beachbody braucht es nur einen Beach und einen Body.

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Werbepause dank Menopause

Seit einigen Monaten ging sie ganz entspannt durch die Innenstadt, schaute private Fernsehsender und blätterte durch Zeitschriften. Die ganze Werbung dort draußen schien nicht ihr zu gelten und als sie überlegte, woran das wohl liegen mag, fiel ihr ihr Alter ein. Sie war endlich nicht mehr Zielgruppe der Marketingleute – welch eine Freiheit!

Die ganze Werbung lässt sie kaltMit dem Alter von 50 Jahren verbinden viele Menschen eine erste Wehmut. Bergfeste werden gefeiert, denn schließlich geht es jetzt an den Abstieg (es könnte aber auch eine Höhenwanderung werden). Die verpassten Gelegenheiten der vergangenen Jahrzehnte werden betrauert (und manchmal erleichtert begrüßt), das Fehlen ernster Erkrankungen ausnahmslos gefeiert.

Auch Marketingleute schauen oft mit Wehmut auf diese Generation. Die Hauptzielgruppe des Konsums sind die 14 bis 49 Jährigen. Da gibt es viele Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen: Jugend und Mode; Ausbildung, Studium und Reisen; Ortswechsel und sich ständig verändernde Wohnverhältnisse. Ein Fest für jeden Anbieter.

Und dann kommen die abgeklärten Jahre. Viele haben einen respektablen Wohlstand erreicht, auf unterschiedlichstem Niveau. Der eigene Stil in Sachen Mode, Musik und Möbeln ist gefestigt. Diese Menschen sind von minderjährigen Models in Kleidung für Erwachsene eher gelangweilt als inspiriert. Die Versprechen der Kosmetik haben sich dutzendfach als leer herausgestellt, ebenso wie Erfolgsdiäten und Last-Minute-Strand-Workouts.

Innerlich fühlen sich viele Menschen rund um die 50 unbestimmt – alt? Jung? Was auch immer! Sie gleichen weder den Frauenmodels mit fehlender Taille und Hüfte noch den Männermodels mit Sixpack und Y-Figur. Die könnten ihre Kinder sein! Was also sollen sie dann von Modefirmen halten, die ihnen mit so jemand das Geld aus der Tasche locken wollen?

Und überhaupt: „Was brauche ich wirklich?“, „Würde ich das auch kaufen, wenn es nicht im Angebot wäre?“ oder „Ich würde dafür mehr ausgeben, wenn es eine ordentliche Qualität hat“ sind zunehmend Leitmotive von Menschen, die sich des Konsum-Korsetts entledigt haben. Vielfach gibt es eine Erinnerung an die Kindheit: einfachste Dinge wie Knödel in sämiger Soße können wieder faszinieren. Und da sie sich alterslos fühlen, sprechen sie „50+“ Angebote nicht an. 50 ist nicht das neue 40 (das macht ihnen keiner vor), sondern immer noch 50.

So gibt es eine Freiheit im Denken, Handeln und Konsumieren, die sich den Werbestrategien erfolgreich widersetzt. Das Seniorenprogramm mit Rollator, Treppenlift und Inkontinenzhöschen kann getrost noch warten.

Man hält es für den Gipfel der feinschmeckerischen Raffinesse, in der Lage zu sein, eine lebende, atmende, nach faulender Qualle stinkende Auster zu verschlucken – dabei ist es nur das traurige Ende einer Geschmacksnervenkarriere.

Hildegunst von Mythenmetz (Zamonischer Schriftsteller undefinierbarem Alters aus Walter Moers‘ „Ensel und Krete“)

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Nachsitzen beim Abi-Jahrgangstreffen

Als die Einladung zum 30-jährigen Abiturtreffen ins Haus flatterte, fing es an, in ihm zu rumoren. All die Erinnerungen an die Schulzeit kamen wieder hoch und er fragte sich, ob er wohl zum Treffen gehen sollte. Denn wie sollte er den Menschen begegnen, mit denen er die Jugend verbrachte und seitdem nicht mehr gesehen hatte?

Bis zum Abitur (oder bis zum Realschulabschluss) haben Jugendliche zwei Drittel ihres Lebens in der Schule verbracht. Auch wenn das Lernen das Hauptziel der Schule ist, so werden dort vor allem die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich im Angesicht von Autoritäten? Neben dem Lehrer sind das der Stärkste in der Klasse, das coolste Mädchen oder der reichste Mitschüler. Oder: Wie finde ich meinen Platz in der Gruppe? Bin ich im Kern, dem „In-Kreis“, oder gehöre ich zu den Satelliten, die sich notgedrungen als Außenseiter zusammenschließen, um nicht alleine zu bleiben?

Zehn Jahre nach dem Schulabschluss geht es bei einem Treffen oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Schaut, was ich alles erreicht habe! Und jetzt Du!“ An zweiter Stelle steht dann: „Weißt Du noch, als …?“ Die Geschichten der Schulzeit werden erzählt. Da kann es sehr lustig werden – zumindest für die, die die Lacher schon damals auf ihrer Seite hatten. Je länger die Schule zurückliegt, um so mehr rückt die Nostalgie in den Vordergrund; die Lebensleistung ist nicht mehr der äußere Erfolg, sondern die Art, wie man mit dem eigenen Schicksal umgegangen ist.

Beim Abitreffen kommen alte Geschichten hochAuch wenn sich die Wege nach der Schule getrennt haben, verbindet ein unsichtbares Band die Ehemaligen miteinander. Leicht fällt man wieder in die alten Rollen und Verhaltensweisen zurück. Die international renommierte Wissenschaftlerin wird im Angesicht ihrer Mitschülerinnen in ihrem Innern wieder zu dem gehänselten Mädchen aus der Parallelklasse. So richtig los wird man diese alten Zuschreibungen vielleicht nie.

Und so scheint ein Jahrgangstreffen wie ein Sprachkurs für „False Beginners“ zu sein. Es gibt ein paar tief verschüttete Grundkenntnisse, doch gleichzeitig muss man von vorne anfangen. Der Neubeginn ist nicht Jedem vergönnt, weil es in der Schule, wie in jedem sozialen Gefüge, Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit gibt und andere, die am Rand stehen. Auf der Gewinnerseite stehen die, die sich in der Schule wohl fühlten. Schwieriger wird es für die, die die prägendste Zeit ihres Lebens unglücklich waren und froh sind, davon weggekommen zu sein. So können bei einem Wiedersehen ihre alten Narben wieder schmerzen.

Oder ich sehe das Jahrgangstreffen als Chance, mit dem Alten endlich meinen Frieden zu machen, das Vergangene abzuschließen und mir und den Menschen von damals eine neue Chance zu geben.

Wer mit vierzig noch mal bei null anfängt, fängt nicht bei null an, sondern bei vierzig.

Jörg Fauser (1944 – 1987, Schriftsteller, Journalist und Liedtexter)

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Urlaub reloaded – dank der Post!

Der Alltag hatte sie vollends wieder eingeholt. Die Zeitschiene für die Projekte wurde zusehends enger, die privaten Verpflichtungen größer und der Urlaub war nur noch eine ferne, blasse Erinnerung. Da kam die Postkarte an: nach zwei Monaten und schon saß sie in Gedanken wieder an der Strandbar. Ein Hoch auf die langsame Post!

Auf einmal ist sie wieder im UrlaubBeim Thema Urlaub haben sich scheinbar zwei grundsätzliche Positionen gebildet: auf der einen Seite diejenigen, die für einen langen Urlaub (nicht unter drei Wochen, gerne mehr) plädieren, weil man doch erst nach einigen Tagen wirklich loslassen und abschalten kann. Die zweite Fraktion plädiert für viele kleine Auszeiten aus dem Alltag, verlängerte Wochenenden oder auch nur einen besonderen Tagesausflug. Diese viele Unterbrechungen seien Höhepunkte, auf die man sich doch immer wieder neu, das ganze Jahr über, freuen könnte.

Der niederländische Psychologe Jeroen Narwijn ↗ fand heraus, dass die intensivste Erholung bereits nach einer Woche Urlaub erreicht wird. Und sein österreichischer Kollege Gerhard Blasche ↗, dass der Erholungseffekt nach zwei bis drei Wochen im Alltag vollkommen aufgebraucht ist – egal, wie lang der Urlaub war.

Weitere Untersuchungen zeigen, dass im Rückblick Urlaubserlebnisse positiver gesehen werden und den Wunsch nach einer Wiederholung ↗ auslösen. Erinnerungen werden zum Beispiel durch Bilder, Mitbringsel oder Postkarten aktiviert. Und hier kann man sich die langsame Post vieler Urlaubsländer zu Nutze machen.

Schicken Sie sich doch das nächste Mal selbst eine Karte. Am letzten Urlaubstag am Flughafen oder beim Hotel eingeworfen kann es mitunter einen Monat dauern, bis sie bei Ihnen ankommt (ich hörte von einer Karte, die aus Äthiopien 15 Monate unterwegs war). Und wenn Sie die dann in der Hand halten – dann gehen Sie noch einmal im Innern auf Urlaubsreise.

Die Größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Schriftsteller)

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Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

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