Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Zu Lebzeiten das eigene Leben leben

Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur für seinen Vater übernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen gehüllt. War das nur die Midlife-Crisis oder steckte etwas Ernstes hinter dem Gefühl, das Leben ginge in die falsche Richtung?

In Korea gibt es eine Redewendung, die sinngemäß lautet: „Wenn Du stehen bleibst, rennen die Anderen.“ Die koreanische Gesellschaft ist auf Erfolg ausgerichtet und so wird bereits in frühen Jahren Kindern lernen, kämpfen, weitermachen vermittelt. Statt „Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weiterlaufen“ bedeutet das „Hinfallen – Aufstehen – Weiterrennen“. Von dieser Denkweise sind wir hier nicht weit entfernt. „Jede/r ist ihres/seines Glückes Schmied“, „Du kannst alles erreichen, wenn Du es nur willst“ oder „Du sollst es einmal besser haben als ich“ sind Sätze, die die meisten von uns seit Kindertagen gehört haben. Und so machten wir uns alle auf den Weg, unser Glück da draußen in der Welt zu finden.

Wir versuchten, die Schule gut abzuschließen, einen Beruf zu finden oder zu studieren, damit wir wie in der Sparkassenwerbung mit „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ beim Klassen- oder Familientreffen unseren Erfolg zur Schau stellen konnten: „Seht her, aus mir ist was geworden!“ Als Anekdote wird dann gerne eingeflochten, dass ich als Kind doch gerne Balletttänzer, Feuerwehrfrau oder Ökobauer geworden wäre. Dieser Kindeswunsch wird dabei lächerlich gemacht und so haben sich manche Menschen irgendwann, irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren. Manche erkennen auch, dass sie sich vielleicht nie gefunden haben.

Das Leben nach dem eigenen Herzen leben

Sie verfolgten Pläne, jagten Zielen hinterher und erfüllten an sie gestellte Ansprüche. Was davon wirklich ihrem eigenen Streben und Wünschen entsprach, ist fraglich. Und diese Frage kann dann unüberhörbar laut werden, wenn die Zeit dafür reif ist: die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus oder haben das Haus schon verlassen; die beruflichen Meriten (erworbene Verdienste) sind vollständig und die Karrierekurve flacht merklich ab; die Partnerschaft hat über die Jahre ihre Farbe und ihren Glanz verloren. Leise nagend kommt dann die Kindheitserinnerung an das Ballett, das Abenteuer der Feuerbekämpfung, der Einheit von Mensch und Natur auf dem Bauernhof zurück in das Bewusstsein: immer dann, wenn es still wird.

Um das nicht zu hören, ist es einfach, sich mit Lärm und Konsum abzulenken, bis wir wie ein Gorgoro durch die Gegend wandeln. Was ein Gorgoro ist? Das ist eine Figur aus einem alten Donald Duck Comic, ein wandelnder Toter, der von einem Zauberer mit einem Auftrag in die Welt geschickt wird und solange läuft, bis diese Aufgabe erledigt ist. Andere Menschen werden verstimmt, schwermütig (so hieß das früher), depressiv (so heißt das heute) und zweifeln am Sinn des Lebens, der ihnen abhanden gekommen ist. Manche sind sowohl–als auch: von Ablenkung betäubt laufen sie wie ein zugedröhntes Nilpferd durch eine Wüste.

Letztendlich kann ich der Frage nach meinem Lebensglück nicht ausweichen, denn sie wird mir ganz am Ende noch einmal gestellt werden. Im Sterben wird Rückblick gehalten und gefragt: was bereue ich, getan zu haben? Was bereue ich, nicht getan zu haben? Habe ich mein Leben gelebt oder lebte ich das Leben der Anderen? War ich lebendig gewesen oder innerlich schon lange tot, eine wandelnde Leiche sozusagen?

Wer am Ende des Lebens mit sich im reinen sein will (und weil das Lebensende unvorhersehbar schnell kommen kann), sollte bei Lebzeiten ihr/sein Leben leben.

Dass ich neben einer Leiche sitze, ohne etwas zu merken, kann ich mir nicht vorstellen.

Detective Constable Ben Jones aus „Inspector Barnaby”

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Das Zwei-Euro-Stück zum kleinen Glück

Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. Wäre da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Erschütterung lustig mit Kopf wackelte, er wäre schon längst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?

Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem DeckelIn den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bitteschön auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von Händen diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den Überblick zu behalten über die eigenen Ausgaben. „Was weg ist, ist weg“ gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol dafür aus der Hand geben – eine Münze, einen Schein – sondern bestenfalls das Vorhalten eines Stücks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen für (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann – menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.

Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit getätigt und war jeden Monat aufs Neue überrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gewöhnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr über meine Finanzen.

Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst spät erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gefüllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit für die schönen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie gönnen würde: ich sammele 2-Euro Stücke, die ich als Rückgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv „Lenzerheide (1500 M. ü. M. Graubünden Schweiz)“ mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist groß genug, um tatsächlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsglücksmomente damit leisten können:

  • Eine Lederumhängetasche, mit der ich jahrelang tagtäglich unterwegs war.
  • Zwei chinesische Löwen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begrüßung sitzen und perfekte Trockner für nasse Wollmützen sind.
  • Einen Noise-cancelling Kopfhörer für mehr Ruhe im Großraumbüro.
  • Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erwähnte fröhliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.
  • Handwerkskunst geflüchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.
  • Ein Helmkoffer für die Vespa mit integriertem Rückenkissen für mehr Soziusbequemlichkeit.

Nichts davon hätte ich mir normalerweise als Großzügigkeit gegenüber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich über lange Monate die Münzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, dafür stelle ich Münzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.

Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Glück machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-Stücke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie für ein neues besonderes Alltagsglück eingetauscht werden.

Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch völlern. Wir leben nur noch gesund, vernünftig und ethisch bewusst, aber übertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.

Eva Menasse (*1970, österr. Schriftstellerin)

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Hoffnung auftanken

Grundmüde. Er fühlte sich im 13. Corona-Monat so matt, dass auch Ausschlafen nicht weiterhalf. Der Tag war zudem trübe und kalt, wieder schneeregnete es. Als er dann auch noch Handwerker in der Wohnung hatte, wollte er einfach nur in das schöne Leben flüchten. Doch wohin sollte er im Lockdown fahren?

Neulich besuchte ich den Tempel der Hoffnungsvollen und schwelgte in den Farben, Formen und Früchten, die den Besuchern dereinst für ihr harte Arbeit Lohn sein werden. Es ist eine Gemeinschaft, in der alle den gleichen Zugang zur schöpferischen Urkraft haben und alle kommen, weil sie im Grunde ihrer Herzen voller Hoffnung sind. Ich spreche von einem Gartenmarkt. Und Gärtner:innen sind die hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne. Denn sie säen und pflanzen jedes Jahr aufs Neue, arbeiten harten Boden auf, wässern und stützen, um für einige Tage farbenprächtige Blüten zu sehen oder im Sommer und Herbst schmackhafte Früchte ernten zu können.

Gärtner hoffen auf die ZukunftIhre Hoffnung gründen sie auf die Pflanzenkraft, auf das Wetter, auf die Anpassungsfähigkeit der Natur an frühe Blüten, späten Frost, lange Dürren, ungünstige Winde. Dazu kommt der Überraschungseffekt. Manches im Herbst Vergrabene kommt im Frühjahr zum Vorschein, anderes wiederum nicht. Der größte Teil dieses Prozesses liegt außerhalb ihrer Macht. Ihre Erfahrung und Arbeit kann manches mildern, doch nichts ersetzt den Kreislauf der Dinge.

In der scheinbar endlosen Corona-Tretmühle hebt Gärtnern die Stimmung. Neben längeren Tagen, mehr Sonnenlicht und nährender Wärme kommen körperliche Tätigkeit, planerisches Geschick und wertvolles Nichtstun hinzu: Warten. Warten auf das erste Sprießen, die Zeit zum Aussetzen ins Freiland, das Blühen, das Ernten. Geduldiges Warten ist eine notwendige Grundtugend beim Gärtnern. Denn wie heißt so treffend ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gleichzeitig nutzen Gärtner:innen die eingeschränkten Handlungsspielräume, die sie haben. Sie setzen sich nicht gottergeben dem Wetter aus, sondern versuchen dort zu wässern, hier zu stützen und manchmal heißt es auch Abschied nehmen von der Rose, die den Frost nicht überlebt hat.

Hoffnung, das ist eine Haltung und ein Gefühl gleichermaßen. Hoffnung öffnet sich anderen Menschen, verbindet zu einer positiv tätigen Gemeinschaft und sagt: „Auch wenn wir nur wenig beeinflussen können, lasst es uns versuchen.“ Angst dagegen isoliert voneinander, wirkt zerstörerisch, denn sie wird vom Gedanken geleitet: „Es hat alles keinen Sinn. “ Wer sich aktuell zu müde zum Hoffen fühlt, kann einmal in einen Gartenmarkt fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, ohne Hoffnung wieder hinauszugehen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ungesichertes Zitat von Martin Luther (1483-1546, Mönch, Theologieprofessor und Reformator)

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Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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Die Luft ist raus – und nun?

Statt Vorfreude auf den Advent mit seinem Lichterzauber und Glühweinduft gab es nun wieder mal Einschränkungen im täglichen Leben. Sie hatte die Nase voll und sah kopfschüttelnd, wie andere jetzt erst recht aufdrehten und übereifrig aktiv wurden. Waren die denn nicht so pandemüde wie sie?

Auch auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen: es geht mal wieder um das, was der Umgang mit dem #Coronavirus mit uns macht. Ich spüre eine große Müdigkeit. Nicht nur bei mir, sondern überall: der Familie, den Freunden, Menschen auf der Arbeit. Im Frühling halfen länger werdende Tage noch, auf geschlossene Freizeit- und Kulturorte mit Ausweichen in Parks und Gärten zu reagieren. Dann kamen die Lockerungen, der Sommer war da, Urlaub war teilweise wieder möglich geworden und wir alle atmeten tief durch. Tief im Innern ahnten vielleicht manche, dass der Herbst noch einmal ganz neue Herausforderungen bringen würde. Und so kam es ja dann auch.

Gleichzeitig nehme ich zwei unterschiedliche Reaktionen darauf wahr: da gibt es diejenigen, die jetzt so richtig aufdrehen. Die sich in die Arbeit stürzen, Überstunden machen und weit über ihre Erschöpfungsgrenzen hinaus aktiv sind. Nicht alle müssen das, weil ihr Beruf oder ihr Geschäft das jetzt erfordert. Diejenigen, die das freiwillig machen, scheinen zu hoffen, dass alles so viel schneller vorbeigeht. Dabei zeigt der Körper deutlich, dass es besser wäre, einen Gang zurückzuschalten statt hochzuschalten. Je nach Veranlagung melden sich Rücken, Kopf, Magen oder Haut mit Beschwerden. Der Schlaf wird löchrig wie ein Schweizer Käse. Doch nichts bringt diese Menschen dazu, auf ihren zu Körper zu hören. Denn wer ständig in Aktion ist, kann nicht zuhören.

Ein Hase ist am Rennen„Keine Zeit! Keine Zeit!“ ruft der Hase in „Alice im Wunderland“ und „Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“ Wohlfeile Ratschläge „Du solltest mal mehr auf Deinen Körper hören!“ prallen an den Leuten ab, die wie der weiße Hase im Kinderbuch durch das Leben hoppeln. Damit ich hören kann, muss ich hören wollen, meine Ohren öffnen und lauschen. Die Benediktiner-Regel „Ora et labora et lege, Deus adest sine mora“ lässt sich mit „Bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug“ übersetzen. Es geht um einen Wechsel aus körperlicher, geistiger und spiritueller Tätigkeit, aus äußerlichem Aktivismus und innerer Kontemplation (Versenkung). Wird die Regel auf „Ora et labora“ verkürzt, scheint es, als ob ein gerechtes Leben nur durch harte Arbeit und beten (um Beistand) zu erreichen ist.

Beten ist ein Gespräch mit einer Gottheit und bis auf wenige Mystiker haben die meisten Menschen eine göttliche Stimme nie laut gehört. Zum Beten gehört also notwendigerweise das Hören: hören auf ungesagte Worte. Diesen Gedanken scheint die zweite Gruppe von Menschen ernst zu nehmen, die ich beobachte. Sie konzentrieren sich auf sich und ihre Liebsten, räumen der Ungewissheit über die zukünftige Pandemie-Entwicklung Raum ein und suchen in der Natur, der Meditation oder vielleicht auch im Gebet den Weg, auf dem sie gesund durch den Winter kommen. Schließlich sind November und Dezember die Zeit, in der die Natur zur Ruhe kommt. Also warum nicht auch wir Menschen?

Denn auch wenn vielen Leuten klar ist, dass es erst im Frühjahr wieder wirklich „besser“ wird, haben viele jedoch keinen Plan, wie sie bis dahin durchhalten wollen. „Anhalten“ statt „durchhalten“ wäre also meine Empfehlung, ein „durchrennen“ wird meiner festen Überzeugung nach einfach nur krankmachen.

Ich habe immer gedacht, die Zeit wäre ein Dieb, die mir alles stiehlt, was ich liebe. Aber jetzt weiß ich, dass sie gibt, bevor sie nimmt und jeder Tag ist ein Geschenk. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.

Aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“

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Nur ich auf meiner einsamen Insel

Das Ziel aller Arbeitsträume naht: der Urlaub! Doch in diesem Jahr ist es mehr Albtraum als Paradies. Immer noch eng mit der Familie zusammen, Edersee statt Engadin und danach noch weitere vier Wochen Ferien zu überbrücken. Sie wollte am liebsten auf eine einsame Insel, alleine. War sie deshalb eine Rabenmutter?

Vier Monate Ausnahmezustand im Familienleben hinterlassen ihre Spuren. Vier Monate, in denen zu Hause gearbeitet wurde, Schule stattfand und Besuche ausblieben. Wer Glück hat, konnte noch raus in den Garten oder immerhin auf einen Balkon. Vielleicht haben alle sogar eigene Zimmer! Doch selbst dann ist eines Mangelware: Zeit für sich selbst. So wie Klopapier und medizinische Masken Mangelware waren, sind Rückzugsmöglichkeiten rar gesät gewesen. Ein Rückzug von anderen Menschen, endlosen Aufgaben und auferlegten Pflichten. Ein Rückzug in mich selbst, mein Tempo, meine Zeit. Niemanden sehen und niemanden hören.

Stattdessen klingelt nach einer zu kurzen Nacht wieder der Wecker und manch ein:e kann dann vielleicht diese Liedzeilen von Udo Lindenberg nachvollziehen:
„Was ist das bloß für ein beschissenes Land
in dem schon morgens um sieben die Sonne aufgeht?
Er schmeißt den Wecker an die Wand
und flucht vor sich hin, während er langsam aufsteht.“

Der namenlose Protagonist des Songs ist vom Leben überfordert und um damit zurecht zu kommen, geht er ins „Killer Kino“, schaut sich Mad Max, Alien und andere Brutalo-Filme an. Dort wird abgerechnet und mitgeschossen. Auch friedliche Menschen entdecken in sich mal solche Gedanken. Jetzt sind die meisten Kinos zu und selbst wenn, wäre das meiner Meinung nach nicht der probate Weg, mit der aktuellen Überforderung umzugehen.

Nur ich auf meiner Insel

Wie verlockend ist stattdessen dieser Gedanke: „Ich, alleine auf einer Insel. Vielleicht noch eine Nachbarinsel nebenan, zu der ich hinfahren kann, um einen anderen Menschen zu sehen. Aber nur, wenn ich es will.“ Dieses Bild beschreibt eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe. Und wenn diese Sehnsucht nicht gestillt wird, sind die Risiken und Nebenwirkungen: leichte Reizbarkeit, dünne Geduldsfäden, Kopf- und Gliederschmerzen. Der Wunsch nach Besinnung ist gerechtfertigt, damit ich bei Sinnen bleibe.

Nicht jedem ist es gegönnt, wie erfahrene Yogis auch im lautesten Alltag einer indischen Stadt in Meditation und Kontemplation zu versinken. Doch ganz sicher gibt es in jedem Alltag kleine Lücken für Auszeiten. Auch im Urlaub kann es guttun, mal einen halben oder ganzen Tag etwas getrennt voneinander zu machen. Das sind Chancen für die Muße, die erfrischen und entspannen.

Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen.

François VI. Herzog de La Rochefoucauld (1613 – 1680, franz. philosophischer Schriftsteller)

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Das schwarze Schaf der Familie

Die Familiengeburtstage liefen schon immer so ab: Kaffee, Kuchen, Kartoffelsalat, Würstchen, Bier und Schnaps bis zur völligen Trunkenheit der Gäste. Alle machten mit, bis auf einen Cousin, der eisern nüchtern blieb. Er war halt der Sonderling und manch einer fragte sich: „Der ist so anders, gehört der überhaupt zur Familie?“

Aus guten Gründen gibt es bei Herdentieren bei jeder/jedem Individuum die Tendenz, sich anzupassen. Auch Menschen sind Herdentiere. Wer zur Gruppe gehört, ist bei einem Angriff geschützter, kann auf Anerkennung oder Unterstützung hoffen und gewährt im Gegenzug Hilfe für andere Gruppenmitglieder. Dazu passt man sich einander an, allzu große Abweichungen im Verhalten oder Aussehen werden vermieden.

Doch persönliche Vorlieben oder Eigenschaften lassen sich nicht beliebig glattschleifen und so entsteht mitunter Ausgrenzung. „Das ist das schwarze Schaf in unserer Familie“ kann genauso gut für die einzige studierte Person im bäuerlichen Familienkreis gelten wie für die einzige Handwerkskraft im akademischen Umfeld; den einzigen Vegetarier im Metzgersclan oder die Oldtimerfreundin in der Öko-Kommune.

Als schwarzes Schaf lässt es sich gut leben

Diese Individualisten, diese „nicht Passenden“ stehen vor einer schweren Entscheidung: beuge ich mich dem Gruppendiktat um den hohen Preis, dass ich mich innerlich „falsch“ fühle, meine Wünsche, Talente oder Sehnsüchte unterdrücke „um des lieben Friedens willen“? Oder trage ich den Konflikt nach außen, anstatt ihn in mir selbst auszutragen? Manchmal kann man sich einfach nicht passend machen. Und aus einem Trotz heraus kann eine mutige Entscheidung entstehen: „Wenn ihr mich sowieso anders wollt, dann bin ich eben anders – aber so, wie ich will und nicht so, wie Ihr es wollt!“ Denn die Leute reden sowieso, egal was ich mache. Als schwarzes Schaf nehme ich mir daher Freiheiten heraus, von denen die anderen nur träumen. So lässt es sich prima leben!

Dieser Weg, zu sich und zur eigenen Individualität zu stehen, kann auch einen Preis fordern: den des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Energie in die Förderung der eigenen Talente zu investieren anstatt in ihre Unterdrückung. Entwicklung ist nie durch Anpassung alleine möglich, es braucht immer auch eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen.

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche lassen sich zwar tief vergraben, doch im Untergrund leben sie weiter und revoltieren früher oder später. Letztendlich wird damit das von außen vergebene Stigma des „schwarzen Schafes“ erfüllt: die Ausbrüche aus den fremden Gefängnismauern gelten geradezu als Beweis für die Absonderlichkeit dieses Familienmitgliedes.

Doch scheint mir der individuelle Weg der einzig Gangbare zu sein, da er vielfältige Möglichkeiten eröffnet, während das Unterdrücken der persönlichen Entwicklung das Leben einengt. Einen Kampf muss ich nun mal ausfechten: entweder in mir drinnen gegen mich selbst oder ich bin im Reinen mit mir und kämpfe gegen das Umfeld. Bevor ich mir meinen Willen brechen oder mein Seelenheil gefährden lasse, suche ich persönlich lieber meinen Weg, mein eigenes Leben zu leben. Notfalls im Exil.

Woanders weiß man selber, wer man ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat.

Aus dem Roman „Sommerfest“ von Frank Goosen

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Dank Völlerei zum Fastenziel

Am Aschermittwoch beginnt für sie wieder die dunkle Jahreszeit: für das schwammige Ziel „zu entgiften und schlanker zu werden“ stellte sie zwei Listen auf. Eine enthielt die Dinge, auf die sie verzichten musste, die andere Dinge, die sie tun musste. Bei ihrem Anblick wurde sie schwer wie Blei: könnte Ostern nicht bitte schon morgen sein?

40 Tage dauert die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Zahl 40 hat in der Zahlenlehre die Bedeutung einer Grenze und eines Einschnitts. 40 Tage dauerte die Sintflut, war Moses auf dem Berg Sinai und Jesus in der Wüste. Auch die Psychologie geht davon aus, dass es rund 40 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Eine neue Gewohnheit zu etablieren, ist einfacher, als eine alte abzulegen. Das kann mitunter einige Jahre dauern. Das Erfolgsrezept bei der Neu-Etablierung: Das gewünschte Verhalten mit einem deutlichen Auslösereiz koppeln und dann durch eine Belohnung verstärken.

Dabei sollte diese Belohnung so direkt wie möglich sein. Wenn ich ein konkretes Verlangen wecken kann, dann trägt mich das über jene Kräfte hinweg, die mich sonst im Alten gefangen halten. Anfangs geht es nur, wenn ich das Ganze bewusst mache. Im Laufe des Übens verselbständigt sich mein Verhalten und eine neue Gewohnheit entsteht. Zum Fastenziel gelangen mit Verlangen, Völlerei und Vergnügen? So könnte es gehen:

Ich gönne mir 40 Nächte lang tiefen entspannten Schlaf mit süßen Träumen, der mich frisch und erholt in den Morgen entlässt. Dafür trinke ich abends statt schlafstörendem Wein lieber basische und beruhigende Kräutertees. Unglaublich, welche Geschmacksvielfalt es in diesem Segment gibt!

Ich tauche in reinigendes Wasser und fühle mich wohl wie ein Fisch oder ein Ungeborenes im Mutterleib, weil ich mich mit dem Urelement schlechthin verbinde. Dabei spüre ich die Leichtigkeit meines Körpers, der sich angenehm bewegen lässt. Das Vergnügen des Schwimmens gestatte ich mir jede Woche.

Ich gehe kulinarisch auf Weltreise und entdecke Früchte aus allen Kontinenten. Die besten Winteräpfel aus der Region, die ersten Südfrüchte aus Italien, orientalische Köstlichkeiten, asiatische Leckereien und was hat eigentlich Lateinamerika zu bieten? Ich leiste mir jeden Nachmittag Obst-Exkursionen statt Schokoladenzucker.

Ich stelle mich abends auf den Balkon oder ans Fenster und schaue den Himmel an. Jeden Tag gibt es ein neues Meisterwerk aus Farben und Formen, jeden Tag ist ein bisschen später Sonnenuntergang, jeden Abend ein bisschen mehr oder weniger Mond. Die Freiheit einer Handyauszeit nehme ich mir in aller Ruhe.

Belohnungen führen zum Ziel

Hat man die erste Hürde geschafft, einen neuen Auslösereiz zu etablieren, wird die Gewohnheit zum Selbstläufer.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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