Der Infusionsständer-Tango

„Ja, merken Sie denn nicht, dass mein Freund seit zwei Stunden Schmerzen hat?“ Die Krankenschwester war ob dieses Vorwurfs wie vor den Kopf gestoßen. Denn nicht nur der Ton machte die Musik, sondern auch diese herablassende Haltung brachte sie auf. Das könnte man doch auch ganz anders sagen, oder?

Tango mit dem InfusionsständerKrankheiten, besonders solche, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, bringen jeden Menschen an die eigenen Grenzen. Die grundlegenden Charaktereigenschaften treten ungeschminkter hervor, da mildernde Gegenkräfte durch die Krankheit geschwächt sind. Das eigene Leid tritt stark in den Vordergrund, manchmal verbunden mit einer Opferhaltung: „(Nur) Ich bin so arm dran!“ Und alle anderen sind da, um (ausschließlich) mir zu helfen.

In Deutschland haben wir ein Gesundheitssystem, um das uns die meisten Menschen auf der Welt beneiden. Statt einer Kreditkarte lege ich eine Krankenkassenkarte vor und schon geht die Behandlung los. Pflegekräfte, Ärzte, medizinisches Gerät – all das steht mir zur Verfügung, ohne dass ich vorher meine Bank um einen Kredit anpumpen muss.

In diesem komplexen System namens „Krankenhaus“ habe ich trotz aller Fremdbestimmung durchaus Einflussmöglichkeiten. Es gibt gute und schlechte Zeitpunkte, um individuelle Bedürfnisse zu äußern. Ich kann vertrauen oder misstrauisch sein. Ich kann Humor bewahren oder ein Grantler werden.

Ich selbst habe letztens die Erfahrung gemacht, dass ich mit einem ehrlichen Lächeln und einer freundlichen Bitte in Leerlaufmomenten viel für mich erreichen, dass ich ein gutes Verhältnis zu Pflegern und Ärztinnen aufbauen und die notwendigen Einschränkungen auch mit Humor nehmen kann. Wenn schon Magensonde durch die Nase, dann auch „Törööh!“ Benjamin Blümchen. Wenn schon Infusionen, dann auch Tango mit dem „Best Buddy“ Infusionsständer. Schließlich geht es um meine Genesung und die wird mit Leichtigkeit mehr unterstützt als mit Griesgrämerei.

Ich habe keine Probleme – ich bin das Problem.

Ekki Talkötter aus der Krimiserie „Wilsberg“

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Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

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Mit dem Älter-Werden kommt das Egal-Sein

Da lag sie am Pool und rekelte sich im Badeanzug auf der Sonnenliege. Die Pfunde verteilten sich auch am Bauch und vor ihrem Dekolleté standen die Männer schon lang nicht mehr stramm. Wie sie das genoss! War das Älterwerden nicht herrlich?

Spaß oder kein Spaß im Alter – das ist die FrageWenn ich mich so umhöre unter den Menschen, die Ende vierzig und älter sind, dann sagen die meisten: „Jung wollte ich nicht mehr sein!“ Die Jugend? So anstrengend, immer zur Clique dazu gehören zu wollen! Jeder Mode zu folgen! Erste Berufsjahre? Auf 50-Stunden Wochen, heute hier, morgen dort und trotzdem immer blendend aussehen müssen, kann ich echt verzichten! Wieder jung sein? Wenn, dann nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung!

Unausgesprochen bleibt, dass zur Lebenserfahrung auch ein größeres Maß an Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ansprüchen gehört. Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt. Diese Tatsache sollten wir endlich akzeptieren schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski. Und es scheint, dass sich jene Erkenntnis im Alter ab 40, 50 langsam durchsetzt.

Und wie befreiend das ist! Nicht nur auf den Körper bezogen. Da auch die geistigen Kräfte nicht mehr so taufrisch sind wie Anfang 20, muss und kann ich sie nun gezielter einsetzen. Wozu sie für Dinge verschwenden, die ich als unwichtig für mich erkannt habe? Auch Konventionen können ihre Korsettwirkung verlieren, nachdem ich mich jahrzehntelang von ihnen habe einengen lassen.

Im Goldenen Jahrzehnt, also den 50er Lebensjahren, habe ich es in der Hand, ob ich ein sauertöpferischer Griesgram werde, der dem Vergangenen nachtrauert und den anderen ihr Glück neidet. Oder ob ich mich zum lebenslustigen, mitunter vielleicht auch renitenten Alten weiterentwickele, der mit Udo Lindenberg einstimmt und singt:

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.

(Aus: „Grande Finale“ vom Album „Udopia“)

 

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Beach Body Bullshit

„In 6 Wochen zum perfekten Bauch!“, „Last minute workouts für den Sommer“ – mit gesenkten Häuptern schlich das Paar an den Zeitschriften im Supermarkt vorüber. Ihre Körper hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Strandkorb als mit diesen Idealtypen. Und in zwei Wochen ging es nach Mallorca – wie peinlich! Wirklich?

Strandspaß für alleDie Schönheit liegt im Auge der Betrachter. Und was Betrachter als schön empfinden unterlag im Lauf der Zeit starken Veränderungen. Nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren waren Fettpölsterchen in Mode. Heute, in Zeiten des Überflusses, regiert das Schlankheitsideal und Marylin Monroe würde ein Diätgetränk aus der Apotheke empfohlen bekommen. Rubens’ Modelle und das Model Twiggy haben so viel oder wenig gemeinsam wie die Mehrzahl der echten Menschen mit der Mehrzahl der Werbungsmenschen.

Die Aufzählung zeigt: wir haben es nicht in der Hand, was die allgemeine Körpermode ist. Und noch weniger haben wir es in der Hand, ob wir ihr entsprechen oder nicht. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Figur zu 30% von den Genen bestimmt wird. Der Rest sind Lebensumstände und Angewohnheiten. Wie lebe ich – wie muss ich leben? Was bekam ich von meinen Eltern mit? Was mag ich – was nicht: machen, essen, …?

Es ist schwer, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Das schreibt jemand, der von seiten seiner älteren Nachbarinnen immer ermahnt wird, sich mehr Reserven zuzulegen. Sprich: ein paar Kilo zuzunehmen.

Dem Strand ist es übrigens herzlich egal, wer ihn besucht. Denn für ihn ist klar:

Für einen Beachbody braucht es nur einen Beach und einen Body.

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Werbepause dank Menopause

Seit einigen Monaten ging sie ganz entspannt durch die Innenstadt, schaute private Fernsehsender und blätterte durch Zeitschriften. Die ganze Werbung dort draußen schien nicht ihr zu gelten und als sie überlegte, woran das wohl liegen mag, fiel ihr ihr Alter ein. Sie war endlich nicht mehr Zielgruppe der Marketingleute – welch eine Freiheit!

Die ganze Werbung lässt sie kaltMit dem Alter von 50 Jahren verbinden viele Menschen eine erste Wehmut. Bergfeste werden gefeiert, denn schließlich geht es jetzt an den Abstieg (es könnte aber auch eine Höhenwanderung werden). Die verpassten Gelegenheiten der vergangenen Jahrzehnte werden betrauert (und manchmal erleichtert begrüßt), das Fehlen ernster Erkrankungen ausnahmslos gefeiert.

Auch Marketingleute schauen oft mit Wehmut auf diese Generation. Die Hauptzielgruppe des Konsums sind die 14 bis 49 Jährigen. Da gibt es viele Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen: Jugend und Mode; Ausbildung, Studium und Reisen; Ortswechsel und sich ständig verändernde Wohnverhältnisse. Ein Fest für jeden Anbieter.

Und dann kommen die abgeklärten Jahre. Viele haben einen respektablen Wohlstand erreicht, auf unterschiedlichstem Niveau. Der eigene Stil in Sachen Mode, Musik und Möbeln ist gefestigt. Diese Menschen sind von minderjährigen Models in Kleidung für Erwachsene eher gelangweilt als inspiriert. Die Versprechen der Kosmetik haben sich dutzendfach als leer herausgestellt, ebenso wie Erfolgsdiäten und Last-Minute-Strand-Workouts.

Innerlich fühlen sich viele Menschen rund um die 50 unbestimmt – alt? Jung? Was auch immer! Sie gleichen weder den Frauenmodels mit fehlender Taille und Hüfte noch den Männermodels mit Sixpack und Y-Figur. Die könnten ihre Kinder sein! Was also sollen sie dann von Modefirmen halten, die ihnen mit so jemand das Geld aus der Tasche locken wollen?

Und überhaupt: „Was brauche ich wirklich?“, „Würde ich das auch kaufen, wenn es nicht im Angebot wäre?“ oder „Ich würde dafür mehr ausgeben, wenn es eine ordentliche Qualität hat“ sind zunehmend Leitmotive von Menschen, die sich des Konsum-Korsetts entledigt haben. Vielfach gibt es eine Erinnerung an die Kindheit: einfachste Dinge wie Knödel in sämiger Soße können wieder faszinieren. Und da sie sich alterslos fühlen, sprechen sie „50+“ Angebote nicht an. 50 ist nicht das neue 40 (das macht ihnen keiner vor), sondern immer noch 50.

So gibt es eine Freiheit im Denken, Handeln und Konsumieren, die sich den Werbestrategien erfolgreich widersetzt. Das Seniorenprogramm mit Rollator, Treppenlift und Inkontinenzhöschen kann getrost noch warten.

Man hält es für den Gipfel der feinschmeckerischen Raffinesse, in der Lage zu sein, eine lebende, atmende, nach faulender Qualle stinkende Auster zu verschlucken – dabei ist es nur das traurige Ende einer Geschmacksnervenkarriere.

Hildegunst von Mythenmetz (Zamonischer Schriftsteller undefinierbarem Alters aus Walter Moers‘ „Ensel und Krete“)

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Nachsitzen beim Abi-Jahrgangstreffen

Als die Einladung zum 30-jährigen Abiturtreffen ins Haus flatterte, fing es an, in ihm zu rumoren. All die Erinnerungen an die Schulzeit kamen wieder hoch und er fragte sich, ob er wohl zum Treffen gehen sollte. Denn wie sollte er den Menschen begegnen, mit denen er die Jugend verbrachte und seitdem nicht mehr gesehen hatte?

Bis zum Abitur (oder bis zum Realschulabschluss) haben Jugendliche zwei Drittel ihres Lebens in der Schule verbracht. Auch wenn das Lernen das Hauptziel der Schule ist, so werden dort vor allem die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich im Angesicht von Autoritäten? Neben dem Lehrer sind das der Stärkste in der Klasse, das coolste Mädchen oder der reichste Mitschüler. Oder: Wie finde ich meinen Platz in der Gruppe? Bin ich im Kern, dem „In-Kreis“, oder gehöre ich zu den Satelliten, die sich notgedrungen als Außenseiter zusammenschließen, um nicht alleine zu bleiben?

Zehn Jahre nach dem Schulabschluss geht es bei einem Treffen oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Schaut, was ich alles erreicht habe! Und jetzt Du!“ An zweiter Stelle steht dann: „Weißt Du noch, als …?“ Die Geschichten der Schulzeit werden erzählt. Da kann es sehr lustig werden – zumindest für die, die die Lacher schon damals auf ihrer Seite hatten. Je länger die Schule zurückliegt, um so mehr rückt die Nostalgie in den Vordergrund; die Lebensleistung ist nicht mehr der äußere Erfolg, sondern die Art, wie man mit dem eigenen Schicksal umgegangen ist.

Beim Abitreffen kommen alte Geschichten hochAuch wenn sich die Wege nach der Schule getrennt haben, verbindet ein unsichtbares Band die Ehemaligen miteinander. Leicht fällt man wieder in die alten Rollen und Verhaltensweisen zurück. Die international renommierte Wissenschaftlerin wird im Angesicht ihrer Mitschülerinnen in ihrem Innern wieder zu dem gehänselten Mädchen aus der Parallelklasse. So richtig los wird man diese alten Zuschreibungen vielleicht nie.

Und so scheint ein Jahrgangstreffen wie ein Sprachkurs für „False Beginners“ zu sein. Es gibt ein paar tief verschüttete Grundkenntnisse, doch gleichzeitig muss man von vorne anfangen. Der Neubeginn ist nicht Jedem vergönnt, weil es in der Schule, wie in jedem sozialen Gefüge, Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit gibt und andere, die am Rand stehen. Auf der Gewinnerseite stehen die, die sich in der Schule wohl fühlten. Schwieriger wird es für die, die die prägendste Zeit ihres Lebens unglücklich waren und froh sind, davon weggekommen zu sein. So können bei einem Wiedersehen ihre alten Narben wieder schmerzen.

Oder ich sehe das Jahrgangstreffen als Chance, mit dem Alten endlich meinen Frieden zu machen, das Vergangene abzuschließen und mir und den Menschen von damals eine neue Chance zu geben.

Wer mit vierzig noch mal bei null anfängt, fängt nicht bei null an, sondern bei vierzig.

Jörg Fauser (1944 – 1987, Schriftsteller, Journalist und Liedtexter)

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Urlaub reloaded – dank der Post!

Der Alltag hatte sie vollends wieder eingeholt. Die Zeitschiene für die Projekte wurde zusehends enger, die privaten Verpflichtungen größer und der Urlaub war nur noch eine ferne, blasse Erinnerung. Da kam die Postkarte an: nach zwei Monaten und schon saß sie in Gedanken wieder an der Strandbar. Ein Hoch auf die langsame Post!

Auf einmal ist sie wieder im UrlaubBeim Thema Urlaub haben sich scheinbar zwei grundsätzliche Positionen gebildet: auf der einen Seite diejenigen, die für einen langen Urlaub (nicht unter drei Wochen, gerne mehr) plädieren, weil man doch erst nach einigen Tagen wirklich loslassen und abschalten kann. Die zweite Fraktion plädiert für viele kleine Auszeiten aus dem Alltag, verlängerte Wochenenden oder auch nur einen besonderen Tagesausflug. Diese viele Unterbrechungen seien Höhepunkte, auf die man sich doch immer wieder neu, das ganze Jahr über, freuen könnte.

Der niederländische Psychologe Jeroen Narwijn ↗ fand heraus, dass die intensivste Erholung bereits nach einer Woche Urlaub erreicht wird. Und sein österreichischer Kollege Gerhard Blasche ↗, dass der Erholungseffekt nach zwei bis drei Wochen im Alltag vollkommen aufgebraucht ist – egal, wie lang der Urlaub war.

Weitere Untersuchungen zeigen, dass im Rückblick Urlaubserlebnisse positiver gesehen werden und den Wunsch nach einer Wiederholung ↗ auslösen. Erinnerungen werden zum Beispiel durch Bilder, Mitbringsel oder Postkarten aktiviert. Und hier kann man sich die langsame Post vieler Urlaubsländer zu Nutze machen.

Schicken Sie sich doch das nächste Mal selbst eine Karte. Am letzten Urlaubstag am Flughafen oder beim Hotel eingeworfen kann es mitunter einen Monat dauern, bis sie bei Ihnen ankommt (ich hörte von einer Karte, die aus Äthiopien 15 Monate unterwegs war). Und wenn Sie die dann in der Hand halten – dann gehen Sie noch einmal im Innern auf Urlaubsreise.

Die Größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Schriftsteller)

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Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

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2015 – und ab dafür?

Der kleine Junge hatte Mitleid mit dem alten Jahr. Alle waren froh, es los zu sein und keiner wollte es mehr haben. Dabei hatte es sich jeden Tag Mühe gegeben, für jeden das Beste herauszuholen. Und nun wurde es davongejagt mit Krach, Blitz und Donner. Also nahm er es nach dem Feuerwerk mit ins Bett und legte es zu all den anderen Jahren, die dort schon lagen. Denn einer musste sich doch darum kümmern, oder?

Dem alten Jahr den schönen Erinnerungen entlockenDieser kleiner Junge bin ich gewesen und ich konnte nicht verstehen, wenn die Erwachsenen sagten: „Welch ein Glück ist das Jahr vorbei. Hoffentlich wir das nächste besser!“ Denn ich fand das Jahr immer großartig. Die langen Sommerferien zum Beispiel mit dem Jugendlager im Westerwald. Ach, wie war ich verliebt in Nicole! Oder das neue Fahrrad: endlich eines mit Gangschaltung! Die kulinarischen Höhepunkte im Herbst mit Zwetschgenknödel und einem Kuchen, der so aufwendig war, dass meine Mutter in nur einmal im Jahr buk.

Diese kleinen Glücksmomente hatte ich mir behalten, den Rest vergessen. Im Laufe der Zeit blieb der „Rest“ mehr im Gedächtnis haften, die Glücksmomente rutschten weg und so kam es eines Tages, dass auch ich sagte: „Hoffentlich wird das nächste Jahr besser!“

Glücklicherweise sagte meine Frau in dem Moment: „Ach, aber wir hatten doch auch den Urlaub an der Ostsee. Weißt Du noch? Das Meer war so glatt, das es nahtlos in den Himmel übergegangen wäre, wenn nicht eine dünne gelbe Schicht aus Rapsblütenstaub darüber gelegen hätte.“ Stimmt – und da war auch dieser kleine Laden, in dem wir die lang umschwärmte Keramiktasse für unsere Freundin kauften. Und so fing es an: wie an einer Perlenschnur reihten sich die kleinen Glücksmomente aneinander, wir sprangen vom Sommer zum Frühjahr, vorwärts in den Herbst und zurück zum Winter.

Am Ende stellten wir fest, wie reich das Jahr doch war an Dingen, an die wir uns gerne wieder erinnerten. Damit wir das mit dem Erinnern in Zukunft leichter haben, begannen wir in jenem Jahr, Eintrittskarten, Quittungen oder Handyfotos aufzuheben. Wir wurden so zu Sammlern von Augenblicken, die leicht in Vergessenheit geraten und es gleichzeitig wert sind, weiter in uns zu leben.

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.
Leben muss man es vorwärts.

Sören Kierkegaard (1813 – 1855, dänischer Philosoph)

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Lebe wohl Hubschrauber-Mutter!

Am Ende reichte es ihr tatsächlich. Das jahrelange Gängeln und Überwachen ihrer Mutter fand ein Ende. Und weil sie schon dabei war, machte sie auch mit der Überkontrolle ihres Ehemannes Schluss. Gut, dass sie noch ein paar Jahre bis zur Rente hatte, die konnte sie jetzt genießen. Doch schade, dass sie es erst mit 55 schaffte, sich zu befreien. Warum eigentlich?

Die Tochter und ihre Mutter waren in einem Teufelskreis gefangen. Angefangen hatte es mit der ganz natürlichen Sorge der Mutter um ihr Kind: ihr sollte es gut gehen, das Böse sollte von ihr ferngehalten werden, damit sie sicher durch das Leben kommt. Dieser Schutzinstinkt übersteigerte sich und verlor das rechte Augenmaß. Denn er wurde nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit gekoppelt. Statt der Tochter Wurzeln und Flügel zu geben, schlangen sich die Wurzeln wie Gitterstäbe um deren Lebensraum. So litten beide unter der Gluckenglocke. Die Mutter drohte bei jeder Freiheitsbestrebung der Tochter krank zu werden und bekam zunehmend weniger ihr eigenes Leben auf die Reihe, die Tochter lernte selbständiges Leben nur unzureichend.

Irgendwann gelingt es, die Ketten zu sprengenIhr erster Ausbruchsversuch war die Ehe mit einem fürsorglichen, verständnisvollen Mann. Dessen Fürsorge war aber nur die Maske seines Herrschaftsanspruches, eifersüchtig wachte er über ihre Aktivitäten. Zog sie einen Rock an, wenn sie mit der besten Freundin ausging, vermutete er einen heimlichen Liebhaber. Das gemeinsame Haus war durch die Kreditfinanzierung Druckmittel genug, um sie bei der Stange zu halten. Schließlich war sie vollständig abhängig von ihrem Mann und ihrer Mutter. Denn die redete ihr ein: so einen netten Mann könne sich jede Frau doch nur wünschen.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, schöpfte sie erste Hoffnung. Doch noch immer war sie gefangen in den jahrzehntelang trainierten Mustern. Dann aber starb ihr Vater, der Zeit seines Lebens hilflos dem Treiben zugesehen hatte. Diese Erschütterung, den letzten Halt zu verlieren, brachte das ganze System zum Wanken. Bevor der Tod der einzige Ausweg aus dem Gefängnis war, das ihr Leben darstellte, wollte sie es wenigstens probiert haben, selbst zu leben. Auch wenn es hart war, zu gehen, so war es noch härter, zu bleiben. Sie packte also ihre Sachen und machte sich davon. Ihr Ziel war München, oder Melbourne oder noch besser: Monrovia. Dorthin, in das von ehemaligen Sklaven gegründete Land mit dem Namen „Freiheit“, würde ihr keiner folgen.

Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende

Werbespruch aus den 1980er Jahren vom ‚Hifi-Haus‘ in Frankfurt

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