Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

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Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

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In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

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Weihnachtliche Lieferengpässe als Chance

Noch knapp fünf Wochen bis Weihnachten und sie geriet langsam unter Druck. Da waren täglich neue Meldungen über leere Regale und die Nachbarin hatte auch schon alle Geschenke gekauft. Und sie quälte sich immer noch mit der Frage: Was will ich denn heuer verschenken?

Unsere Gesellschaft wird nach 20 Monaten Pandemie dem ultimativen Härtetest unterzogen: an Weihnachten drohen leere Regale, unter den Weihnachtsbäumen wird der blanke Boden zu sehen sein und traurige Kinderstimmen singen verzagt die traditionellen Lieder. Dieses Horrorszenario malen manche Schlagzeilen von Lieferengpässen an die Wand. Es scheint immer noch die alte Journalisten-Weisheit zu gelten: Bad news is good news – schlechte Nachrichten verkaufen sich am besten. Denn neben den aus dem Takt geratenen globalen Lieferketten kommen auch noch höhere Energiepreise auf die Menschen zu, dazu droht ein weiterer Pandemiewinter mit Kontakteinschränkungen. Die friedlich-heimelige Adventszeit wird von vielen Seiten bedroht.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, leben sehr viele Menschen in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, es gibt von allem mehr als genug und in allen erdenklichen Ausführungen. Wer wühlt sich heute noch durch 986 Suchtreffer für „Tischlampe bis 30cm Höhe“ bei einem der üblichen Online-Shops? Und jetzt grassiert also die Weihnachtspanik, denn unter Umständen sind 32 dieser Lampen nicht verfügbar! Dabei gibt es wirklich Menschen am Rande der Gesellschaft, die gerade ganz andere Probleme haben, als sich um Geschenke zu kümmern. Sie tauchen nicht in der Berichterstattung auf, obwohl sie zwar viele, aber leise und damit nahezu unsichtbar sind. Zwei dieser Gruppen möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum einen die Menschen ohne ein angemessenes Zuhause. Das betrifft weit mehr Menschen als die „Penner auf der Platte“, die vor Kaufhaus-Eingängen oder unter Brücken leben. Verdeckte Obdachlosigkeit betrifft Familien, die mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche leben müssen. Mieter, die in heruntergekommenen Bleiben feststecken, weil sie sich bei den aktuellen Mietpreisen keine andere Wohnung leisten können. Menschen, die in häuslicher Gewaltgemeinschaft ausharren müssen, weil Schutzräume überfüllt sind. Oder jene, die auch nach Jahren in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, wo Privatsphäre und Ruhe nicht zu finden sind. Schätzungsweise 650.000 Menschen in Deutschland sind von dieser Wohnungslosigkeit betroffen.

Zum anderen Menschen, auf die eine Hassjagd (Hetzjagd mit Hassreden) stattfindet. Diese Menschen werden gezielt attackiert und auf allen möglichen Kanälen, im realen wie im digitalen Raum, mit Hassbotschaften überzogen, beleidigt, verleumdet oder bedroht. Sei es, weil sie dick sind. Sei es, weil sie eine bestimmte Hautfarbe nicht haben. Oder weil sie sozial aktiv sind. Manchmal auch alles zusammen und wenn es dann noch eine Frau ist, dann scheint der Mob keine Grenzen mehr zu kennen. Da werden Fotos entstellt und geteilt, Lügen verbreitet, die Privatadresse veröffentlicht und zum „Hausbesuch“ aufgerufen. Es folgen Produktbestellungen an ebenjene Adresse, die diese Menschen nie getätigt haben. Frauen leiden darüber hinaus unter Drohungen oder Belästigungen mit sexuellem Charakter. Oft können sich Betroffene nur helfen, indem sie alle Konten bei sozialen Medien löschen und sich komplett aus dem realen sozialen Leben zurückziehen.

Was also würde ich diesen Menschen zu Weihnachten schenken? Beistand durch Menschen, die das wirklich können! Die wissen, was zu tun ist. Die unterstützen, beraten, begleiten. Zwei Organisationen fallen mir dazu ein:

Menschen, die unsichtbar sind, wird geholfen

  1. Der Franziskustreff in Frankfurt ↗ begrüßt obdachlose Menschen wertschätzend als „Gäste“, baut Vertrauen auf und kann so behutsam beraten. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch in anderen Städten.
  2. HateAid ↗ bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot und Prozesskostenfinanzierung. Dort wird jenen geholfen, die selbst keinen Hass verbreiten, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, politischer Meinung und körperlicher Versehrtheit.

Wer mich in diesem Jahr fragt: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ werde ich antworten: „Spende das, was Du erübrigen kannst, an den Franziskustreff oder HateAid.“ Denn mir ist es wichtig, nicht vor den Problemen davonzulaufen, sondern sie gemeinsam durchzustehen. Und damit hat sich das Weihnachtsgeschenke-Lieferkettenproblem auch von ganz alleine gelöst.

Lasset uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.

Hebräer 10,24

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

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Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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Die Luft ist raus – und nun?

Statt Vorfreude auf den Advent mit seinem Lichterzauber und Glühweinduft gab es nun wieder mal Einschränkungen im täglichen Leben. Sie hatte die Nase voll und sah kopfschüttelnd, wie andere jetzt erst recht aufdrehten und übereifrig aktiv wurden. Waren die denn nicht so pandemüde wie sie?

Auch auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen: es geht mal wieder um das, was der Umgang mit dem #Coronavirus mit uns macht. Ich spüre eine große Müdigkeit. Nicht nur bei mir, sondern überall: der Familie, den Freunden, Menschen auf der Arbeit. Im Frühling halfen länger werdende Tage noch, auf geschlossene Freizeit- und Kulturorte mit Ausweichen in Parks und Gärten zu reagieren. Dann kamen die Lockerungen, der Sommer war da, Urlaub war teilweise wieder möglich geworden und wir alle atmeten tief durch. Tief im Innern ahnten vielleicht manche, dass der Herbst noch einmal ganz neue Herausforderungen bringen würde. Und so kam es ja dann auch.

Gleichzeitig nehme ich zwei unterschiedliche Reaktionen darauf wahr: da gibt es diejenigen, die jetzt so richtig aufdrehen. Die sich in die Arbeit stürzen, Überstunden machen und weit über ihre Erschöpfungsgrenzen hinaus aktiv sind. Nicht alle müssen das, weil ihr Beruf oder ihr Geschäft das jetzt erfordert. Diejenigen, die das freiwillig machen, scheinen zu hoffen, dass alles so viel schneller vorbeigeht. Dabei zeigt der Körper deutlich, dass es besser wäre, einen Gang zurückzuschalten statt hochzuschalten. Je nach Veranlagung melden sich Rücken, Kopf, Magen oder Haut mit Beschwerden. Der Schlaf wird löchrig wie ein Schweizer Käse. Doch nichts bringt diese Menschen dazu, auf ihren zu Körper zu hören. Denn wer ständig in Aktion ist, kann nicht zuhören.

Ein Hase ist am Rennen„Keine Zeit! Keine Zeit!“ ruft der Hase in „Alice im Wunderland“ und „Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“ Wohlfeile Ratschläge „Du solltest mal mehr auf Deinen Körper hören!“ prallen an den Leuten ab, die wie der weiße Hase im Kinderbuch durch das Leben hoppeln. Damit ich hören kann, muss ich hören wollen, meine Ohren öffnen und lauschen. Die Benediktiner-Regel „Ora et labora et lege, Deus adest sine mora“ lässt sich mit „Bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug“ übersetzen. Es geht um einen Wechsel aus körperlicher, geistiger und spiritueller Tätigkeit, aus äußerlichem Aktivismus und innerer Kontemplation (Versenkung). Wird die Regel auf „Ora et labora“ verkürzt, scheint es, als ob ein gerechtes Leben nur durch harte Arbeit und beten (um Beistand) zu erreichen ist.

Beten ist ein Gespräch mit einer Gottheit und bis auf wenige Mystiker haben die meisten Menschen eine göttliche Stimme nie laut gehört. Zum Beten gehört also notwendigerweise das Hören: hören auf ungesagte Worte. Diesen Gedanken scheint die zweite Gruppe von Menschen ernst zu nehmen, die ich beobachte. Sie konzentrieren sich auf sich und ihre Liebsten, räumen der Ungewissheit über die zukünftige Pandemie-Entwicklung Raum ein und suchen in der Natur, der Meditation oder vielleicht auch im Gebet den Weg, auf dem sie gesund durch den Winter kommen. Schließlich sind November und Dezember die Zeit, in der die Natur zur Ruhe kommt. Also warum nicht auch wir Menschen?

Denn auch wenn vielen Leuten klar ist, dass es erst im Frühjahr wieder wirklich „besser“ wird, haben viele jedoch keinen Plan, wie sie bis dahin durchhalten wollen. „Anhalten“ statt „durchhalten“ wäre also meine Empfehlung, ein „durchrennen“ wird meiner festen Überzeugung nach einfach nur krankmachen.

Ich habe immer gedacht, die Zeit wäre ein Dieb, die mir alles stiehlt, was ich liebe. Aber jetzt weiß ich, dass sie gibt, bevor sie nimmt und jeder Tag ist ein Geschenk. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.

Aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“

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Alter, geht’s noch?

Er knallte den Rollator gegen die Tür der Bäckerei. Diese blöden Automatikdinger gehen einfach zu langsam auf. Und noch langsamer ist die Bedienung hinter der Theke. Er hatte nur noch wenig Zeit zum Leben und die wollte er nicht mit unsinnigem Warten verbringen. Können das die jungen Dinger nicht endlich kapieren?

Uns Menschen treiben viele unterschiedliche Bedürfnisse an. Deren Befriedigung ist nicht immer einfach, denn zu oft stehen sie in Widerspruch zueinander. Das Bedürfnis nach Freiheit und das nach Sicherheit sind genauso Antagonisten (Gegenspieler) wie die nach Nähe und Distanz. Ihre Befriedigung steuert unser Handeln. Manchmal erscheinen wir dadurch sprunghaft („Aber vorhin wolltest Du doch noch …“), aber alles in allem sind wir ein Leben lang bemüht, halbwegs einen ausgleichenden Mittelweg zwischen unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, um sozial verträglich zu sein.

Doch seien wir ehrlich: das ist oft genug alles andere als einfach und anstrengend ist es auch. Wie schön wäre es, einfach mal heulend in der Ecke zu sitzen und die ganze Verzweiflung rauszulassen, die uns durch Job, Familie oder wirtschaftliche Zwänge manchmal ergreift. Stattdessen werden die Zähne zusammengebissen und wir machen weiter im Takt. Vielleicht sind wir so gut erzogen, dass wir freiwillig unsere Macht begrenzen, die wir durch Herkunft, Stellung oder Körperbau über andere haben. Und heimlich schauen wir Hau-drauf Filme mit Silvester Stallone, Jean-Claude Van Damme oder Clint Eastwood. Die bleiben immer cool, rächen sich und andere und erledigen die Idioten aller Länder mit links.

Alter Mann am Rollator der schimpftEs kommen jedoch Zeiten, in denen unsere Kräfte schwinden und so eine Grundtendenz in uns die Oberhand gewinnt, die schon immer da war, jedoch durch Erziehung, Kultur und puren Willen in ihrem Wirken eingeschränkt wurde. Bin ich ein grundsätzlich misstrauischer Typ kommt das Misstrauen in „schwachen“ Zeiten ungebremst zur Geltung. Oder meine Angst wird raumfüllend, wenn ich erschöpft bin. Scheinbar treten als negativ empfundene Eigenschaften dann besonders stark hervor, wenn wir am Ende unserer Kraft sind.

In jungen Jahren, also alles vor ±75, sind das oft nur Phasen oder vorübergehende Krisen. Im Alter hingegen kommt wohl unweigerlich unser wahrer Kern zum Vorschein. Wie zum Beispiel Eifersucht und lang unterdrückte Konflikte mit Verwandten und Freunden brechen auf. Nicht umsonst ist ein beliebtes Krimithema die Frage nach dem letzten Testament des/der Verstorbenen: wer wurde kurzfristig enterbt, wer unverhofft bedacht? Ängstliche Menschen werden zu wahren Schwarzmalern und herrschsüchtige Tyrannen können noch vom Sterbebett aus Angst und Schrecken verbreiten.

Wie will ich im Alter sein? Diese Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit und ich möchte fröhlich, frech, neugierig sein. Ein bisschen so wie Matta und Lisbeth, die Kunstfiguren des Kabarettduos Missfits. Diese Eigenschaften sollte ich jetzt besser mal pflegen, nähren und stärken. Denn eines Tages kann ich das nicht mehr im Zaum halten, was auch in mir ist: genervt, eigenbrötlerisch, stur. Wunderbare Eigenschaften im Berufsleben, wenn es um In-Frage-stellen des Status quo geht, um Durchhalten und Vorantreiben. Als „alter Sack“ wäre ich damit allerdings schlichtweg unerträglich, vor allem für mich selbst.

Wennze meins du hätts noch Zeit
datte so viel Zeit vertun kanns
bisse bekloppt
dat is nich wahr
du hasset eilig
wennze tot bis isset vorbei
und vorm sterben musse leben
und dann musse au ma fragen
oppe happy… bis

Das Wennze meins Lied, Missfits (Melodie: Father and Son, Cat Stevens)

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