Das vollbrachte Werk will bewundert werden

Als er ins Bett ging, probierte er etwas Neues aus: er hielt Rückschau auf den Tag. Er begann am Abend und schaute langsam bis zum Morgen zurück. Er war überrascht, wie viel er erlebt hatte, wie viele kleine Freuden darin steckten und schlief selig darüber ein. Warum war er nicht früher auf diese Idee gekommen?

Wer von uns kennt das nicht: Mit letzter Kraft gehen wir durchs Bad, ein letzter müde prüfender Blick durch die Wohnung und dann fallen wir wie ein Stein ins Bett. Doch obwohl die Müdigkeit scheinbar grenzenlos groß ist, will sich der Schlaf einfach nicht einstellen. Der Tag spult sich wie ein endloser Film vor unserem inneren Auge ab und der Geist will sich einfach nicht beruhigen. Zu viel will noch verarbeitet, beurteilt und in die inneren Schubladen abgelegt werden.

Eine kleine Intervention kann da große Wirkung haben: Über den Tag hinweg Momente für eine Rückschau finden. Sie können verborgenes Glück sichtbar machen. Manche Glücksrückschauen sind ganz für mich selbst da:

  • Das gespülte Geschirr steht blitzsauber zum Trocknen auf der Spüle. Wann schaue ich mir das bewusst an?
  • Die Wäscheleine ist voll mit sauberen Anziehsachen. Wann rieche ich den Geruch des Frischgewaschenen?
  • Der Garten ist von Unkraut befreit und hat wieder Platz für neue Pflanzungen. Verschnaufe ich kurz auf der Bank und lasse den Blick über das Grün schweifen?
  • Die Präsentation hat einen Spannungsbogen und ist optisch ansprechend. Nehme ich in der Foliensortierung noch einmal wahr, welche Leistung darin steckt?

Anderes ist ein Gemeinschaftserlebnis: Für manche Paare gehört „die Zigarette danach“ zu jenen Momenten, in denen beide noch einmal genussvoll auf das gemeinsam Erzauberte zurückblicken.

Eines zu Ende – Pause – Neues beginnen

Für alle diese Momente braucht es kein Bier („Heute ein König …“), Weinbrand („Wenn einem Gutes widerfährt …“) oder Schokoriegel („Morgens halb zehn in Deutschland …“). Es sind Augenblicke, die das Eine vom Anderen trennen und so den einzelnen Zeitabschnitten am Tag ihre Bedeutung geben. Denn oft genug verschwimmen die Tätigkeiten. Kaum ist die eine beendet, wird schon die nächste in Angriff genommen und gehetzt fragen sich so manche am Abend: „Was habe ich heute eigentlich gemacht? Habe ich überhaupt etwas auf die Reihe bekommen?“

Da hilft eine Technik aus dem Schiffbau. Der Rumpf eines Schiffs ist längs und quer durch wasserdichte Trennwände unterteilt. Der Raum dazwischen wird als „Schott“ bezeichnet. Läuft bei einem Leck eine dieser Schotten voll, so ist das Schiff trotzdem noch manövrierfähig. Denn ein Schott verhindert, dass sich das Wasser ungehindert ausbreitet.

Auch ein Tag lässt sich in Schotten unterteilen, die eine Zeit von der anderen trennen: das Eine ist beendet, ich würdige es und dann lasse ich es los. Mit frischem Geist kann ich mich dann der nächsten Aufgabe widmen. So mache ich die Schotten dicht und die Arbeit schwappt zum Beispiel nicht mehr in die freie Zeit. Am Ende eines Tages voll bewusst erlebter Zeitabschnitte wird die ganze Fülle und der Reichtum der kleinen Alltagsdinge sichtbar. Denn auch wenn etwas zwischenzeitlich nach Misserfolg aussieht, kann der Rückblick auf das Ergebnis mit Milde schauen: es ist gelungen, so gut es eben gelingen konnte.

Leben Sie in „zeitdichten Schotten“

Aus: „Sorge Dich nicht – lebe!“ von Dale Carnegie (1888 – 1955, US-amerik. Kommunikationstrainer und Autor)

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Die Bedürfniswaage (nicht nur) in Coronazeiten

Er konnte die fröhlichen #StayAtHome #ZuhauseBleiben Heimquarantäne-Videos nicht mehr sehen. Er hasste es mittlerweile, ständig von der Familie umgeben zu arbeiten. Er sehnte sich nach der Abgeschiedenheit seines Arbeitsweges, der nüchternen Büroatmosphäre und selbst nach manch unsympathischem Kollegen. Wie sollte er das alles bloß weiter aushalten?

Die Trennung vom gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Leben bringt für Solo-Selbständige und Angestellte ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Während Angestellte (bisher noch) grundsätzlich eine Arbeitsstelle und damit ein Einkommen haben, ist bei Selbständigen die Existenznot viel größer. Gleichzeitig sind sie es eher gewohnt, alleine zu arbeiten, während Angestellte oft in einem Gruppenverbund tätig sind. Beide Gruppen müssen auf nicht absehbare Zeit mehr von dem aushalten, was unangenehm für sie ist.

Der schweizerische Paartherapeut Christoph Thomann geht davon aus, dass jeder Mensch vier elementare Grundbedürfnisse hat. Er beschreibt sie als die gegensätzlichen Paare aus Nähe – Distanz sowie Dauer/Struktur – Wechsel. Jeder Mensch braucht von allen vier Bedürfnissen etwas, aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein Mensch hat daher eine Grundprägung, sozusagen eine Bedürfnisheimat.

Die eigenen Bedürfnisse in Balance bringenDie neue Situation erfordert, dass ich mich vielleicht mehr mit Nähe auseinandersetzen muss, als mir lieb ist. Oder dass ich mehr Neues ausprobieren muss, als ich gewöhnlich wage. Das kann am Anfang ganz reizvoll sein, so wie ein Experiment, Urlaub oder Abenteuer. Doch die eigene Grundprägung kann ein Mensch nicht einfach mal so ändern oder ablegen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem es mir zu viel wird: Zu viel Nähe zur Familie zu Hause; zu viel Distanz von Freunden; zu viel Unsicherheit über die Zukunft; zu oft Spaghetti mit Tomatensoße.

Es kann helfen, wenn ich schaue, welche meiner Bedürfnisse gerade unterversorgt sind: zu wenig „Ich, mein Leben“, weil es zu viel Gemeinsamkeit und Familie gibt? Zu wenig Kontakt zu Kolleg*innen, weil ich zu weit weg im Homeoffice bin? Zu viel Langweile, weil ich zu wenig Inspiration erlebe? Zu viel Unsicherheit, weil ich zu wenig stützende Strukturen erfahre?

Wenn ich erkenne, was mir gerade zu viel wird, kann ich das gegenteilige Bedürfnis nähren und so für Ausgleich sorgen. Ich kann mehr Gewicht auf die Waagschale legen, die gerade zu leicht ist. Zum Beispiel durch eine Auszeit mit Kopfhörer im Schlafzimmer, ganz für mich alleine. Oder mit einem Videochat mit Kollegen bei einer virtuell geteilten Tasse Kaffee.

Es hilft mir, inne zu halten, zu beobachten und anzuschauen, was gerade wirklich mein Bedürfnis ist. Und dann mutig zu handeln, um auch für mich selbst zu sorgen. Für Egoisten gilt: mutig zu handeln und auch für andere zu sorgen.

Charlie Brown: „Someday we will all die, Snoopy!“
Snoopy: „True. But on all the other days we will not.“

Aus einem Peanuts-Comic von Charles M. Schulz

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Weihnachten schenke ich mir … mich selbst

Der Christbaum war geschmückt, die Geschenke eingepackt und das Weihnachtsessen vorbereitet. Es war die Ruhe vor dem Sturm: drei Tage mit Familie, Verwandten, Partnern und Kindern standen bevor. Da beschloss er, sich selbst mit einer Auszeit zu beschenken. Denn sonst würde er sich selbst verlieren.

Des einen Freud ist des andern Leid. Weihnachten ist das Fest, an dem die Familie, ob fern, ob nah, zusammenkommt. Wann, wenn nicht unterm Christbaum, wird geredet, gegessen, getratscht und gestritten. Für alleinlebende Angehörige ist das der Höhepunkt des Jahres und lässt die alltägliche Einsamkeit vergessen. Für Eltern und Kinder, deren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt, Schule und Hobbies aufgerieben wird, ist es die ultimative Stresssteigerung. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Auszeit von Weihnachten

Denn statt „Stiller Nacht“ gibt es enge Zeitpläne, Fahrplanänderungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung, Stau und stockenden Verkehr, Verstopfung wegen zu süßem Essen, Verstopfung wegen zu fettigen Essens, Drama wegen des vegetarisches Festmenüs, Drama wegen nicht veganer Speisen, Drama wegen falscher Geschenke, es gibt fahle Witze vor dem Alkohol, sexistische Zoten nach dem Alkohol und depressive Stimmung nach zu viel Alkohol. Überhaupt scheint es von allem zu viel zu geben.

Vor lauter „im Außen sein“ und Fremdbestimmung verlieren sich manche Menschen komplett und sind am Ende der Weihnachtszeit reif für die Insel. Da hilft es, eine Notbremse einzubauen. Eine halbe Stunde, also dreißig Minuten mit insgesamt 1.800 Sekunden, pro Festtag

Zeit.
Für mich.
Zum Nichtstun.
Ohne Plan.
Ohne Ziel.
Einfach.
Nur da sein.

Ein wunderbares Geschenk, das den Frieden erhält, sowohl in einem selbst als auch mit dem Umfeld. Kostet nichts, ist immer verfügbar und muss nicht umgetauscht werden.

Wo kann man denn Weihnachten allein hin – außer aufs Klo? Nach Thailand vielleicht, in irgendeine Fischerhütte? Aber will man das? An Weihnachten? Zur einzigen Zeit im Jahr, in der jeder dahergelaufene Einsame ruck, zuck von irgendwem aufgenommen werden soll?

Die Schriftstellerin Helene Hegemann am 24.12.2017 in der NZZ

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Askese ist Käse oder Was Sehnsucht vermag

Mit einem wissenden Lächeln sah er, dass der Parkplatz vor dem Sportverein überfüllt war. Wie immer am Jahresanfang. Das würde sich bald legen, denn kein Neujahrsvorsatz hatte es je geschafft, den inneren Schweinehund zu besiegen. Warum probierten die es eigentlich nicht mal mit Sehnsucht aus wie der Hund Oblomow?

Silvester markiert eine willkürliche Grenze im immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten. So gut oder so schlecht wie jeder andere Tag des Jahres eignet sich der 31.12 dafür, das Alte hinter sich zu lassen und mit jungfräulichem Elan das Neue zu beginnen. Welche Chancen plötzlich vor einem liegen. Nur frisch die guten Vorsätze ins Auge gefasst – und schon geht es los, das Gemetzel. Mann muss sich mehr bewegen (Frau auch), muss wieder fit werden, muss für den ersten Marathon im Leben trainieren, den Wanderurlaub, die Badestrandfigur wiederherstellen. Muss. Muss. Muss den inneren Schweinehund überwinden, der dick, faul und ungelenk in jeder Ecke des Lebens herumliegt. Doch kein Zwang hat es je geschafft, diesen Schweinehund auf Trab zu bekommen.

Den inneren Schweinehund tanzen lassenEs sei denn, man nimmt sich Oblomow als Vorbild, einen Hund mit kurzen Beinen, breiten Pfoten und schwerem Leib. Er war, so erzählt es Elke Heidenreich, Nurejews Hund. Rudolf Nurejew ist in Balletkreisen eine Legende ob seiner Eleganz, Gelenkigkeit und Sprungkraft. Und dann war dieser Hund sein bester Freund, ein trostloser schlapper Kerl? Als Nurejew 1993 stirbt, kommt Oblomow bei der Ballerina Olga Piroshkowa unter, die Nurejew anbetete und daher seinen Hund liebevoll pflegt. Eines Nachts beobachtet sie, wie sich Oblomow auf den Balkon schleicht, auf die kurzen Hinterbeine stellt mit Jeté! Plié! in Balletposition Relevé bringt. Das scheint ganz und gar unmöglich und doch sieht sie es mit ihren eigenen Augen.

Eine Sehnsucht treibt Oblomow an: einmal wie sein geliebter Herr zu tanzen, in Erinnerung an den großen Tänzer. Er ist alt, er ist dick – kann er überhaupt tanzen? Doch da ist diese Sehnsucht und so übt er heimlich des Nachts auf dem Balkon der alternden Ballerina. Und die Piroshkowa erkennt, was da los ist und ist klug genug, sich nichts anmerken zu lassen. So widmet sich Oblomow heimlich der Erfüllung seines Traums und dann, eines Tages, als die beiden alleine am Grab des großen Tänzers stehen, da tanzt Oblomow. Nur einmal, aber wie! Alle Sehnsucht liegt in diesem einen Tanz und nur die Piroshkowa sieht es.

Wer also seinen inneren Schweinehund überwinden will, sollte die Sehnsucht nach dem Tanz in ihm wecken.

Mily Oblomov, ty potjesch pupliaschy tolka dlia jewo; Oblomow, mein Lieber – tanz einmal. Nur für ihn.

Olga Piroshkowa aus: Elke Heidenreich „Nurejews Hund“ ↗

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Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018

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Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

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Lange Beziehungen machen clever

Mit einem fröhlichen „Hallo Schatz, ich habe eine Überraschung für Dich!“ kam er spät abends nach Hause, doch nicht alleine. Zwei Übernachtungsgäste standen in der Tür und sie musste mal wieder improvisieren: Essen machen, Betten herrichten, … Wo sie doch vorausschauende Planung so liebte! Warum nahm ihr Mann auch nach all den Jahren darauf keine Rücksicht?

Langjährige Beziehungen haben viel Entwicklungspotential. Die Partner lernen mit- und aneinander, was der andere oder man selbst braucht. So kann der eine nicht ohne klare Regeln, verbindliche Absprachen und große Zuverlässigkeit leben. Und fordert das beim Gegenüber auch ein. Der wiederum liebt es vielleicht ganz spontan zu sein, dem Zauber des Moments zu folgen und so um sich herum ganz ungewollt für Chaos zu sorgen.

Auch das Bedürfnis nach Nähe bzw. Distanz kann ungleich verteilt sein. Was dem einen zu wenig ist, ist dem anderen manchmal schon zu viel. Zwischen diesen Polen gilt es, Kompromisse auszuloten.

Gemeinsam über Lebenshürden springenAlso haben die Partner in langen Jahren gelernt miteinander zu diskutieren (manchmal auch zu streiten) um am Ende etwas Tragfähigeres zu finden als einen faulen Kompromiss. Denn der sorgt nur für Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Eine Lösung kann es sein, eine Kooperation (einen gemeinsamen neuen Weg) zu vereinbaren. Eine andere, die eigenen Bedürfnisse als Stärke zu nutzen, um damit den Schwierigkeiten entgegengesetzter Anforderungen des Ehealltags zu begegnen.

Bei Nähe und Distanz ist der gemeinsame Urlaub die Herausforderung schlechthin. Es gibt Paare, die diese innige Zweisamkeit nach drei, vier Tagen mit einer Einzelzeit unterbrechen. Tage, an denen jede/r für sich alleine unterwegs ist, die Akkus auflädt und voll neuer eigener Eindrücke am Abend ins Hotelzimmer zurückkehrt.

Im Fall der überraschenden Übernachtungsgäste sah die Lösung der Ehefrau ganz strukturiert aus. Sie plant nun immer mit spontanen Besuchen, das Gästezimmer ist fertig präpariert und die Telefon- und Kundennummer des Sushi-Bringdienstes hat sie auswendig parat. Da kann jetzt kommen wer will.

Kleinigkeiten machen oft die größten Schwierigkeiten

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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