Die Luft ist raus – und nun?

Statt Vorfreude auf den Advent mit seinem Lichterzauber und Glühweinduft gab es nun wieder mal Einschränkungen im täglichen Leben. Sie hatte die Nase voll und sah kopfschüttelnd, wie andere jetzt erst recht aufdrehten und übereifrig aktiv wurden. Waren die denn nicht so pandemüde wie sie?

Auch auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen: es geht mal wieder um das, was der Umgang mit dem #Coronavirus mit uns macht. Ich spüre eine große Müdigkeit. Nicht nur bei mir, sondern überall: der Familie, den Freunden, Menschen auf der Arbeit. Im Frühling halfen länger werdende Tage noch, auf geschlossene Freizeit- und Kulturorte mit Ausweichen in Parks und Gärten zu reagieren. Dann kamen die Lockerungen, der Sommer war da, Urlaub war teilweise wieder möglich geworden und wir alle atmeten tief durch. Tief im Innern ahnten vielleicht manche, dass der Herbst noch einmal ganz neue Herausforderungen bringen würde. Und so kam es ja dann auch.

Gleichzeitig nehme ich zwei unterschiedliche Reaktionen darauf wahr: da gibt es diejenigen, die jetzt so richtig aufdrehen. Die sich in die Arbeit stürzen, Überstunden machen und weit über ihre Erschöpfungsgrenzen hinaus aktiv sind. Nicht alle müssen das, weil ihr Beruf oder ihr Geschäft das jetzt erfordert. Diejenigen, die das freiwillig machen, scheinen zu hoffen, dass alles so viel schneller vorbeigeht. Dabei zeigt der Körper deutlich, dass es besser wäre, einen Gang zurückzuschalten statt hochzuschalten. Je nach Veranlagung melden sich Rücken, Kopf, Magen oder Haut mit Beschwerden. Der Schlaf wird löchrig wie ein Schweizer Käse. Doch nichts bringt diese Menschen dazu, auf ihren zu Körper zu hören. Denn wer ständig in Aktion ist, kann nicht zuhören.

Ein Hase ist am Rennen„Keine Zeit! Keine Zeit!“ ruft der Hase in „Alice im Wunderland“ und „Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“ Wohlfeile Ratschläge „Du solltest mal mehr auf Deinen Körper hören!“ prallen an den Leuten ab, die wie der weiße Hase im Kinderbuch durch das Leben hoppeln. Damit ich hören kann, muss ich hören wollen, meine Ohren öffnen und lauschen. Die Benediktiner-Regel „Ora et labora et lege, Deus adest sine mora“ lässt sich mit „Bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug“ übersetzen. Es geht um einen Wechsel aus körperlicher, geistiger und spiritueller Tätigkeit, aus äußerlichem Aktivismus und innerer Kontemplation (Versenkung). Wird die Regel auf „Ora et labora“ verkürzt, scheint es, als ob ein gerechtes Leben nur durch harte Arbeit und beten (um Beistand) zu erreichen ist.

Beten ist ein Gespräch mit einer Gottheit und bis auf wenige Mystiker haben die meisten Menschen eine göttliche Stimme nie laut gehört. Zum Beten gehört also notwendigerweise das Hören: hören auf ungesagte Worte. Diesen Gedanken scheint die zweite Gruppe von Menschen ernst zu nehmen, die ich beobachte. Sie konzentrieren sich auf sich und ihre Liebsten, räumen der Ungewissheit über die zukünftige Pandemie-Entwicklung Raum ein und suchen in der Natur, der Meditation oder vielleicht auch im Gebet den Weg, auf dem sie gesund durch den Winter kommen. Schließlich sind November und Dezember die Zeit, in der die Natur zur Ruhe kommt. Also warum nicht auch wir Menschen?

Denn auch wenn vielen Leuten klar ist, dass es erst im Frühjahr wieder wirklich „besser“ wird, haben viele jedoch keinen Plan, wie sie bis dahin durchhalten wollen. „Anhalten“ statt „durchhalten“ wäre also meine Empfehlung, ein „durchrennen“ wird meiner festen Überzeugung nach einfach nur krankmachen.

Ich habe immer gedacht, die Zeit wäre ein Dieb, die mir alles stiehlt, was ich liebe. Aber jetzt weiß ich, dass sie gibt, bevor sie nimmt und jeder Tag ist ein Geschenk. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.

Aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“

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Alter, geht’s noch?

Er knallte den Rollator gegen die Tür der Bäckerei. Diese blöden Automatikdinger gehen einfach zu langsam auf. Und noch langsamer ist die Bedienung hinter der Theke. Er hatte nur noch wenig Zeit zum Leben und die wollte er nicht mit unsinnigem Warten verbringen. Können das die jungen Dinger nicht endlich kapieren?

Uns Menschen treiben viele unterschiedliche Bedürfnisse an. Deren Befriedigung ist nicht immer einfach, denn zu oft stehen sie in Widerspruch zueinander. Das Bedürfnis nach Freiheit und das nach Sicherheit sind genauso Antagonisten (Gegenspieler) wie die nach Nähe und Distanz. Ihre Befriedigung steuert unser Handeln. Manchmal erscheinen wir dadurch sprunghaft („Aber vorhin wolltest Du doch noch …“), aber alles in allem sind wir ein Leben lang bemüht, halbwegs einen ausgleichenden Mittelweg zwischen unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, um sozial verträglich zu sein.

Doch seien wir ehrlich: das ist oft genug alles andere als einfach und anstrengend ist es auch. Wie schön wäre es, einfach mal heulend in der Ecke zu sitzen und die ganze Verzweiflung rauszulassen, die uns durch Job, Familie oder wirtschaftliche Zwänge manchmal ergreift. Stattdessen werden die Zähne zusammengebissen und wir machen weiter im Takt. Vielleicht sind wir so gut erzogen, dass wir freiwillig unsere Macht begrenzen, die wir durch Herkunft, Stellung oder Körperbau über andere haben. Und heimlich schauen wir Hau-drauf Filme mit Silvester Stallone, Jean-Claude Van Damme oder Clint Eastwood. Die bleiben immer cool, rächen sich und andere und erledigen die Idioten aller Länder mit links.

Alter Mann am Rollator der schimpftEs kommen jedoch Zeiten, in denen unsere Kräfte schwinden und so eine Grundtendenz in uns die Oberhand gewinnt, die schon immer da war, jedoch durch Erziehung, Kultur und puren Willen in ihrem Wirken eingeschränkt wurde. Bin ich ein grundsätzlich misstrauischer Typ kommt das Misstrauen in „schwachen“ Zeiten ungebremst zur Geltung. Oder meine Angst wird raumfüllend, wenn ich erschöpft bin. Scheinbar treten als negativ empfundene Eigenschaften dann besonders stark hervor, wenn wir am Ende unserer Kraft sind.

In jungen Jahren, also alles vor ±75, sind das oft nur Phasen oder vorübergehende Krisen. Im Alter hingegen kommt wohl unweigerlich unser wahrer Kern zum Vorschein. Wie zum Beispiel Eifersucht und lang unterdrückte Konflikte mit Verwandten und Freunden brechen auf. Nicht umsonst ist ein beliebtes Krimithema die Frage nach dem letzten Testament des/der Verstorbenen: wer wurde kurzfristig enterbt, wer unverhofft bedacht? Ängstliche Menschen werden zu wahren Schwarzmalern und herrschsüchtige Tyrannen können noch vom Sterbebett aus Angst und Schrecken verbreiten.

Wie will ich im Alter sein? Diese Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit und ich möchte fröhlich, frech, neugierig sein. Ein bisschen so wie Matta und Lisbeth, die Kunstfiguren des Kabarettduos Missfits. Diese Eigenschaften sollte ich jetzt besser mal pflegen, nähren und stärken. Denn eines Tages kann ich das nicht mehr im Zaum halten, was auch in mir ist: genervt, eigenbrötlerisch, stur. Wunderbare Eigenschaften im Berufsleben, wenn es um In-Frage-stellen des Status quo geht, um Durchhalten und Vorantreiben. Als „alter Sack“ wäre ich damit allerdings schlichtweg unerträglich, vor allem für mich selbst.

Wennze meins du hätts noch Zeit
datte so viel Zeit vertun kanns
bisse bekloppt
dat is nich wahr
du hasset eilig
wennze tot bis isset vorbei
und vorm sterben musse leben
und dann musse au ma fragen
oppe happy… bis

Das Wennze meins Lied, Missfits (Melodie: Father and Son, Cat Stevens)

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Das kleine Corona-Glück

Genug durchgehalten, Zähne zusammengebissen und durch Abstandsregeln gequält. Überlebensgroß erschienen Freunde, Feiern und Clubbesuche vor ihrem geistigen Auge. Sie wollte den Corona-Marathon nicht mehr laufen. Konnte dieses Virus nicht einfach verschwinden?

Marathonläufer haben nicht nur einfach 42 Kilometer zu laufen, sie müssen vor dem Ziel durch das tiefe Motivationstal bei den Kilometern 35 bis 38. Da sind die Reserven schon aufgebraucht, die Qual nimmt zu und die Meter scheinen in Zeitlupe bewältigt zu werden. Die Corona-Pandemie als Marathon ist aktuell bei Kilometer 35, also am Beginn der zähen Phase (Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer).

Mir scheint, dass sich die Menschen in Deutschland gerade in zwei Gruppen aufteilen. Die einen sind für Durch- und Zurückhalten, die anderen haben die Nase voll von Zurückhaltung und wollen wieder das pralle Leben. Dabei will sicher niemand in Deutschland französische, spanische oder US-amerikanische Pandemieverhältnisse, wo umgerechnet auf die jeweilige Bevölkerungsanzahl fünf bis neunmal mehr Covid19-Infizierte und Tote als hierzulande zu beklagen sind.

So kommen gegenseitige Vorwürfe auf („Ihr seid so leichtsinnig und rücksichtslos“ gegen „Ihr nehmt uns die Lebensfreude weg“). Im Kern geht es den einen um Disziplin, den anderen um Leichtigkeit. Es scheint gleichzeitig ein Generationenkonflikt zu sein und der Klassiker, dass die Alten über die unvernünftigen Jungen schimpfen und die Jungen die Alten für verbohrt halten, hat ein weiteres Kapitel hinzubekommen.

Bei denen, die als jung und leichtsinnig angesehen werden, verstärken sich zwei Lebensumstände gegenseitig, die den „Alten“ fremd zu sein scheinen: Erstens wachsen Menschen unter anderem an den Krisen, die sie gemeistert haben. Schwere Krankheiten, der Abschied von geliebten Menschen, der Verlust einer Arbeitsstelle oder tiefgehende Beziehungskrisen benötigen Qualitäten wie Durchhalten, Prioritäten setzen und guten Mut bewahren. Diese Ereignisse treten in jungen Lebensjahren glücklicherweise selten bis nie auf.

Zweitens hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren eine „On demand“-Haltung im Freizeitleben durchgesetzt. Auf Bestellung werden alle Speisen der Welt geliefert, Reisen geplant, Einkäufe erledigt, Filme und Serien angeschaut. Oft zugeschnitten nach dem, was wohl meine Vorlieben zu sein scheinen. Kunden, die X kauften, kauften auch Y und Z – wer kennt das nicht?

Der Medien-und Kulturwissenschaftler Marcus Kleiner hat das als eine „Sofort-Haltung“ beschrieben, die die Erwartung einer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung in allen Lebensbereichen nach sich zieht. Was unbequem und kompliziert ist, das stört und wird umgangen, denn schließlich warten attraktive Alternativen nur wenige Fingerbewegungen auf der Fernbedienung, dem Tablet oder Smartphone entfernt.

Coronamarathon ist bei Kilometer 35, doch ein Mann springt in einen Laubhaufen

Selbstverständlich ist die Corona-Pandemie kompliziert und sie stört mein gewohntes Leben. Doch sie ist keine Serie, die ich streamen oder nicht streamen kann. Sie folgt ihren eigenen Regeln und aus diesem Spiel kann ich nicht aussteigen. Corona geht nämlich auch ohne mich weiter, ebenso die Umwälzungen im Klima. Einen Marathon kann ich abbrechen, doch in beiden Krisenereignissen bleibe ich verhaftet, ob ich will oder nicht. Asketische Distanzregeln und eiserne Durchhalteparolen alleine werden aus meiner Sicht kein Verständnis auslösen oder gar Andere überzeugen.

In Frankfurt war der Marathon-Kilometer 37 jahrelang im einsamsten Streckenabschnitt auf einer langen, geraden Ausfallstraße zwischen Gewerbegebieten unter einer Autobahn hindurch1). Da gab es keine Zuschauer, keine Aufmunterung, keine Ablenkung und das machte alles nur noch schwerer. Die Veranstalter haben irgendwann daraus gelernt und die Strecke so verlegt, dass die mühsamen Kilometer 35-38 jetzt in der Innenstadt absolviert werden, wo viele Menschen am Straßenrand stehen und die Laufenden anfeuern.

Wenn ich nicht will, was ich muss, kann ich doch wenigstens probieren, Lichtblicke auf die Normalität zu bekommen und Glanzlichter zu setzen, die mir eine kindliche Freude bereiten. Kinder können ganz selbstvergessen im Hier und Jetzt sein. Davon können wir Erwachsenen uns etwas abschauen.

Wie wäre es mit „Ab-Eisen“ (Gegenteil zu „An-Eisen“): Das letzte Eis für diese Saison zelebrieren? Grillfreunde machen das mit „Abgrillen“ (im Herbst) und „Angrillen“ (im Frühjahr). Wann sind Sie zum letzten Mal in einen Laubhaufen gesprungen? Oder haben mit Kastanien Fußball gespielt? Eine Quatschsprache erfunden? Heiße Waffeln mit Kirschen nach einem Herbstspaziergang gebacken? Die Verkleidungskiste herausgeholt? Eine Kissenschlacht gemacht? Das alles lässt Corona nicht verschwinden, aber mal kurzeitig im kleinen Alltagsglück vergessen.

Wer Kind bleibt, ist ein Mensch.

Erich Kästner (1899 – 1974, deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Kabarettdichter)

1) Für Ortskundige: auf der Mainzer Landstraße zwischen Griesheim und Mönchhof

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Der Chef wandert nicht ins Jammertal

Die Zustände waren für den Kollegen schlichtweg unhaltbar: Zu wenig Leute, zu viel Arbeit, schlecht abgestimmte Entscheidungen. Ausführlich benannte er seinem Manager immer wieder alle Fehlentwicklungen, doch der Chef fragte nur genervt: „Können Sie nicht mal konstruktiver sein?“

Die Arbeitswelt scheint zuweilen nicht ein gemeinsamer Planet zu sein, sondern zwei Welten in einer. Hier die der Angestellten, Arbeitenden, Untergebenen und dort die der Führenden und Leitenden. Die Frustration der unteren Ebenen äußert sich in den Ohren mancher Vorgesetzten in fortwährendem Jammern und Wehklagen, die Reaktion der Führungsebene wird darunter bestenfalls als ignorant und je nach Charakter sogar als bösartig oder dumm empfunden. Dazwischen oft genug: Verständigungsschwierigkeiten. So als würden fremde Sprachen gesprochen werden.

Beschwerden werden beschwerlich, wenn Chefs (m/w/d) mit dem unbrauchbarsten Rat für alle Fälle kontern: „Dann müssen Sie halt Prioritäten setzen!“, während sie gleichzeitig neue Aufgaben in engen Zeitfenstern über den Tisch schieben. Zu Recht fühlt sich da niemand ernst genommen. Institutionalisiert wird dieses Aneinander-Vorbeireden mitunter in den Verhandlungen zwischen Betriebs-/Personalrat und der Unternehmensleitung. Bis einer heult oder das Schiedsgericht angerufen wird.

Dabei liegen wertvolle Kerne sowohl im Jammern als auch in dessen Zurückweisen. Des Jammerns guter Kern ist das Benennen von Fehlentwicklungen. Da läuft etwas nicht rund, wertvolle weil knappe Ressourcen (Zeit, Geld, Arbeitskraft) werden für Tätigkeiten ineffizient eingesetzt, was wenig effektive Ergebnisse mit sich bringt. Im Extremfall benennen sog. Whistleblower (Hinweisgeber) gar kriminelle Zustände.

Ein König wendet sich vom klagenden Untertan abGleichzeitig fühlen sich viele Führungskräfte als Kummerkasten für ganz viele Mitarbeitende und es kommt ihnen vor, als ob alle ihnen ständig die Ohren volljammern. Dabei nehmen Chefs selbst viele Missstände wahr, denn sie sind nicht so ignorant oder dumm, wie ihnen von manchen Mitarbeitenden unterstellt wird. Leitende sind unter Umständen genauso Leidende wie ihre Untergebenen.

Im Zurückweisen liegt im Kern bei wohlwollender Betrachtung auch die Forderung, konkrete Vorschläge zu benennen, so dass Handlungsfelder erkennbar werden. Von „Ich will nicht …“ oder „XY macht nie …“ soll der Gedanke darauf gelenkt werden, wie es besser sein könnte. Statt tiefer hinein ins Jammertal zu wandern ist es sinnvoll, den Fokus auf das Wesentliche und Änderbare (!) zu richten. Jammern über unveränderliche Umstände ermüdet Sprecher und Zuhörer gleichermaßen.

Wem das zu viel „Evangelischer Kirchentag“ ist (also zu viel Glauben an das Gute im Menschen) dem empfehle ich ein einfaches Experiment. Die nächste Person, die einem die Ohren volljammert einfach zu fragen „Wenn es nur nach Dir ginge, wie willst Du gerne arbeiten, leben, … Und zwar positiv formuliert.“ Oft genug folgt dann Schweigen: „Ja, das weiß ich auch nicht so genau.“ Denn: Dazu muss ich halt erst mal wissen, was ich will und nicht nur, was ich nicht will.

Diese Intervention lenkt den Gedanken von der Problembeschreibung auf die Problemlösung. Auch wenn die englische Sprichworte „Problem talking creates problems, solution talking creates solutions”1) oder “Energy flows where attention goes”2) mantraartig und quasi-religiös in keinem Selbsthilfebuch fehlen dürfen, so zeigen sie doch, worum es geht: Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Lösungssuche und deren Umsetzung richte, habe ich mehr Chancen, die Veränderung in meinem Sinne tatsächlich anzustoßen.

Denn auf Seiten der Führung werden so zwei Impulse gesetzt: Die Chance steigt, auf offenere Ohren bei meiner Führungskraft zu stoßen und sie wird sich auch nicht mehr so leicht aus der Verantwortung stehlen können, die Missstände auf Basis der Vorschläge abzustellen.

Jammerlappen sind nicht angesagt.

Aus dem Film „Tatsächlich Liebe“

1) Das Reden über Probleme erzeugt Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.

2) Wo die Aufmerksamkeit ist, fließt die Energie.

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Das vollbrachte Werk will bewundert werden

Als er ins Bett ging, probierte er etwas Neues aus: er hielt Rückschau auf den Tag. Er begann am Abend und schaute langsam bis zum Morgen zurück. Er war überrascht, wie viel er erlebt hatte, wie viele kleine Freuden darin steckten und schlief selig darüber ein. Warum war er nicht früher auf diese Idee gekommen?

Wer von uns kennt das nicht: Mit letzter Kraft gehen wir durchs Bad, ein letzter müde prüfender Blick durch die Wohnung und dann fallen wir wie ein Stein ins Bett. Doch obwohl die Müdigkeit scheinbar grenzenlos groß ist, will sich der Schlaf einfach nicht einstellen. Der Tag spult sich wie ein endloser Film vor unserem inneren Auge ab und der Geist will sich einfach nicht beruhigen. Zu viel will noch verarbeitet, beurteilt und in die inneren Schubladen abgelegt werden.

Eine kleine Intervention kann da große Wirkung haben: Über den Tag hinweg Momente für eine Rückschau finden. Sie können verborgenes Glück sichtbar machen. Manche Glücksrückschauen sind ganz für mich selbst da:

  • Das gespülte Geschirr steht blitzsauber zum Trocknen auf der Spüle. Wann schaue ich mir das bewusst an?
  • Die Wäscheleine ist voll mit sauberen Anziehsachen. Wann rieche ich den Geruch des Frischgewaschenen?
  • Der Garten ist von Unkraut befreit und hat wieder Platz für neue Pflanzungen. Verschnaufe ich kurz auf der Bank und lasse den Blick über das Grün schweifen?
  • Die Präsentation hat einen Spannungsbogen und ist optisch ansprechend. Nehme ich in der Foliensortierung noch einmal wahr, welche Leistung darin steckt?

Anderes ist ein Gemeinschaftserlebnis: Für manche Paare gehört „die Zigarette danach“ zu jenen Momenten, in denen beide noch einmal genussvoll auf das gemeinsam Erzauberte zurückblicken.

Eines zu Ende – Pause – Neues beginnen

Für alle diese Momente braucht es kein Bier („Heute ein König …“), Weinbrand („Wenn einem Gutes widerfährt …“) oder Schokoriegel („Morgens halb zehn in Deutschland …“). Es sind Augenblicke, die das Eine vom Anderen trennen und so den einzelnen Zeitabschnitten am Tag ihre Bedeutung geben. Denn oft genug verschwimmen die Tätigkeiten. Kaum ist die eine beendet, wird schon die nächste in Angriff genommen und gehetzt fragen sich so manche am Abend: „Was habe ich heute eigentlich gemacht? Habe ich überhaupt etwas auf die Reihe bekommen?“

Da hilft eine Technik aus dem Schiffbau. Der Rumpf eines Schiffs ist längs und quer durch wasserdichte Trennwände unterteilt. Der Raum dazwischen wird als „Schott“ bezeichnet. Läuft bei einem Leck eine dieser Schotten voll, so ist das Schiff trotzdem noch manövrierfähig. Denn ein Schott verhindert, dass sich das Wasser ungehindert ausbreitet.

Auch ein Tag lässt sich in Schotten unterteilen, die eine Zeit von der anderen trennen: das Eine ist beendet, ich würdige es und dann lasse ich es los. Mit frischem Geist kann ich mich dann der nächsten Aufgabe widmen. So mache ich die Schotten dicht und die Arbeit schwappt zum Beispiel nicht mehr in die freie Zeit. Am Ende eines Tages voll bewusst erlebter Zeitabschnitte wird die ganze Fülle und der Reichtum der kleinen Alltagsdinge sichtbar. Denn auch wenn etwas zwischenzeitlich nach Misserfolg aussieht, kann der Rückblick auf das Ergebnis mit Milde schauen: es ist gelungen, so gut es eben gelingen konnte.

Leben Sie in „zeitdichten Schotten“

Aus: „Sorge Dich nicht – lebe!“ von Dale Carnegie (1888 – 1955, US-amerik. Kommunikationstrainer und Autor)

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Die Bedürfniswaage (nicht nur) in Coronazeiten

Er konnte die fröhlichen #StayAtHome #ZuhauseBleiben Heimquarantäne-Videos nicht mehr sehen. Er hasste es mittlerweile, ständig von der Familie umgeben zu arbeiten. Er sehnte sich nach der Abgeschiedenheit seines Arbeitsweges, der nüchternen Büroatmosphäre und selbst nach manch unsympathischem Kollegen. Wie sollte er das alles bloß weiter aushalten?

Die Trennung vom gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Leben bringt für Solo-Selbständige und Angestellte ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Während Angestellte (bisher noch) grundsätzlich eine Arbeitsstelle und damit ein Einkommen haben, ist bei Selbständigen die Existenznot viel größer. Gleichzeitig sind sie es eher gewohnt, alleine zu arbeiten, während Angestellte oft in einem Gruppenverbund tätig sind. Beide Gruppen müssen auf nicht absehbare Zeit mehr von dem aushalten, was unangenehm für sie ist.

Der schweizerische Paartherapeut Christoph Thomann geht davon aus, dass jeder Mensch vier elementare Grundbedürfnisse hat. Er beschreibt sie als die gegensätzlichen Paare aus Nähe – Distanz sowie Dauer/Struktur – Wechsel. Jeder Mensch braucht von allen vier Bedürfnissen etwas, aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein Mensch hat daher eine Grundprägung, sozusagen eine Bedürfnisheimat.

Die eigenen Bedürfnisse in Balance bringenDie neue Situation erfordert, dass ich mich vielleicht mehr mit Nähe auseinandersetzen muss, als mir lieb ist. Oder dass ich mehr Neues ausprobieren muss, als ich gewöhnlich wage. Das kann am Anfang ganz reizvoll sein, so wie ein Experiment, Urlaub oder Abenteuer. Doch die eigene Grundprägung kann ein Mensch nicht einfach mal so ändern oder ablegen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem es mir zu viel wird: Zu viel Nähe zur Familie zu Hause; zu viel Distanz von Freunden; zu viel Unsicherheit über die Zukunft; zu oft Spaghetti mit Tomatensoße.

Es kann helfen, wenn ich schaue, welche meiner Bedürfnisse gerade unterversorgt sind: zu wenig „Ich, mein Leben“, weil es zu viel Gemeinsamkeit und Familie gibt? Zu wenig Kontakt zu Kolleg*innen, weil ich zu weit weg im Homeoffice bin? Zu viel Langweile, weil ich zu wenig Inspiration erlebe? Zu viel Unsicherheit, weil ich zu wenig stützende Strukturen erfahre?

Wenn ich erkenne, was mir gerade zu viel wird, kann ich das gegenteilige Bedürfnis nähren und so für Ausgleich sorgen. Ich kann mehr Gewicht auf die Waagschale legen, die gerade zu leicht ist. Zum Beispiel durch eine Auszeit mit Kopfhörer im Schlafzimmer, ganz für mich alleine. Oder mit einem Videochat mit Kollegen bei einer virtuell geteilten Tasse Kaffee.

Es hilft mir, inne zu halten, zu beobachten und anzuschauen, was gerade wirklich mein Bedürfnis ist. Und dann mutig zu handeln, um auch für mich selbst zu sorgen. Für Egoisten gilt: mutig zu handeln und auch für andere zu sorgen.

Charlie Brown: „Someday we will all die, Snoopy!“
Snoopy: „True. But on all the other days we will not.“

Aus einem Peanuts-Comic von Charles M. Schulz

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Weihnachten schenke ich mir … mich selbst

Der Christbaum war geschmückt, die Geschenke eingepackt und das Weihnachtsessen vorbereitet. Es war die Ruhe vor dem Sturm: drei Tage mit Familie, Verwandten, Partnern und Kindern standen bevor. Da beschloss er, sich selbst mit einer Auszeit zu beschenken. Denn sonst würde er sich selbst verlieren.

Des einen Freud ist des andern Leid. Weihnachten ist das Fest, an dem die Familie, ob fern, ob nah, zusammenkommt. Wann, wenn nicht unterm Christbaum, wird geredet, gegessen, getratscht und gestritten. Für alleinlebende Angehörige ist das der Höhepunkt des Jahres und lässt die alltägliche Einsamkeit vergessen. Für Eltern und Kinder, deren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt, Schule und Hobbies aufgerieben wird, ist es die ultimative Stresssteigerung. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Auszeit von Weihnachten

Denn statt „Stiller Nacht“ gibt es enge Zeitpläne, Fahrplanänderungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung, Stau und stockenden Verkehr, Verstopfung wegen zu süßem Essen, Verstopfung wegen zu fettigen Essens, Drama wegen des vegetarisches Festmenüs, Drama wegen nicht veganer Speisen, Drama wegen falscher Geschenke, es gibt fahle Witze vor dem Alkohol, sexistische Zoten nach dem Alkohol und depressive Stimmung nach zu viel Alkohol. Überhaupt scheint es von allem zu viel zu geben.

Vor lauter „im Außen sein“ und Fremdbestimmung verlieren sich manche Menschen komplett und sind am Ende der Weihnachtszeit reif für die Insel. Da hilft es, eine Notbremse einzubauen. Eine halbe Stunde, also dreißig Minuten mit insgesamt 1.800 Sekunden, pro Festtag

Zeit.
Für mich.
Zum Nichtstun.
Ohne Plan.
Ohne Ziel.
Einfach.
Nur da sein.

Ein wunderbares Geschenk, das den Frieden erhält, sowohl in einem selbst als auch mit dem Umfeld. Kostet nichts, ist immer verfügbar und muss nicht umgetauscht werden.

Wo kann man denn Weihnachten allein hin – außer aufs Klo? Nach Thailand vielleicht, in irgendeine Fischerhütte? Aber will man das? An Weihnachten? Zur einzigen Zeit im Jahr, in der jeder dahergelaufene Einsame ruck, zuck von irgendwem aufgenommen werden soll?

Die Schriftstellerin Helene Hegemann am 24.12.2017 in der NZZ

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Askese ist Käse oder Was Sehnsucht vermag

Mit einem wissenden Lächeln sah er, dass der Parkplatz vor dem Sportverein überfüllt war. Wie immer am Jahresanfang. Das würde sich bald legen, denn kein Neujahrsvorsatz hatte es je geschafft, den inneren Schweinehund zu besiegen. Warum probierten die es eigentlich nicht mal mit Sehnsucht aus wie der Hund Oblomow?

Silvester markiert eine willkürliche Grenze im immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten. So gut oder so schlecht wie jeder andere Tag des Jahres eignet sich der 31.12 dafür, das Alte hinter sich zu lassen und mit jungfräulichem Elan das Neue zu beginnen. Welche Chancen plötzlich vor einem liegen. Nur frisch die guten Vorsätze ins Auge gefasst – und schon geht es los, das Gemetzel. Mann muss sich mehr bewegen (Frau auch), muss wieder fit werden, muss für den ersten Marathon im Leben trainieren, den Wanderurlaub, die Badestrandfigur wiederherstellen. Muss. Muss. Muss den inneren Schweinehund überwinden, der dick, faul und ungelenk in jeder Ecke des Lebens herumliegt. Doch kein Zwang hat es je geschafft, diesen Schweinehund auf Trab zu bekommen.

Den inneren Schweinehund tanzen lassenEs sei denn, man nimmt sich Oblomow als Vorbild, einen Hund mit kurzen Beinen, breiten Pfoten und schwerem Leib. Er war, so erzählt es Elke Heidenreich, Nurejews Hund. Rudolf Nurejew ist in Balletkreisen eine Legende ob seiner Eleganz, Gelenkigkeit und Sprungkraft. Und dann war dieser Hund sein bester Freund, ein trostloser schlapper Kerl? Als Nurejew 1993 stirbt, kommt Oblomow bei der Ballerina Olga Piroshkowa unter, die Nurejew anbetete und daher seinen Hund liebevoll pflegt. Eines Nachts beobachtet sie, wie sich Oblomow auf den Balkon schleicht, auf die kurzen Hinterbeine stellt mit Jeté! Plié! in Balletposition Relevé bringt. Das scheint ganz und gar unmöglich und doch sieht sie es mit ihren eigenen Augen.

Eine Sehnsucht treibt Oblomow an: einmal wie sein geliebter Herr zu tanzen, in Erinnerung an den großen Tänzer. Er ist alt, er ist dick – kann er überhaupt tanzen? Doch da ist diese Sehnsucht und so übt er heimlich des Nachts auf dem Balkon der alternden Ballerina. Und die Piroshkowa erkennt, was da los ist und ist klug genug, sich nichts anmerken zu lassen. So widmet sich Oblomow heimlich der Erfüllung seines Traums und dann, eines Tages, als die beiden alleine am Grab des großen Tänzers stehen, da tanzt Oblomow. Nur einmal, aber wie! Alle Sehnsucht liegt in diesem einen Tanz und nur die Piroshkowa sieht es.

Wer also seinen inneren Schweinehund überwinden will, sollte die Sehnsucht nach dem Tanz in ihm wecken.

Mily Oblomov, ty potjesch pupliaschy tolka dlia jewo; Oblomow, mein Lieber – tanz einmal. Nur für ihn.

Olga Piroshkowa aus: Elke Heidenreich „Nurejews Hund“ ↗

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Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018

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