Weihnachtsgeschenke: radikal und konsequent anders

„Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten?“ Die Frage der Tante hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Er hatte alle materiellen Güter, war im Prinzip wunschlos und wollte doch kein Spielverderber sein: Sich nichts zu schenken war keine Alternative. Wie sollte er aus dieser Nummer rauskommen?

Der Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Was soll ich mir bloß zu Weihnachten wünschen?Weihnachten ist seit unserer Kindheit so besonders, weil wir mit Geschenken überrascht wurden. Der Weihnachtsmann, das Christkind (oder ganz einfach Eltern und Verwandte) haben sich zwar vom teilweise liebevoll gestalteten oder übervoll beschriebenen Wunschzettel inspirieren lassen, doch auch immer noch eigene Vorhaben umgesetzt. Oft waren das dann ganz praktische Geschenke (Mützen, Schals, Anoraks). Die Magie des Geschenks unter dem Weihnachtsbaum ist ganz wichtig für den Reiz dieses Festes.

Geschenke zu bekommen macht in der Regel Spaß, nämlich dann, wenn sie ohne Zweck und Hintergedanken gemacht werden. Manche Geschenke sollen verpflichten und fordern Gegenleistungen einEin Heimtrainer als sanfter Hinweis, mal Pfunde abzutrainieren? Eher zweckgebunden. Oder geht es beim Schenken darum, den anderen in Verlegenheit zu bringen? Sie oder ihn zum gleichwertigen Gegengeschenk zu zwingen? Manche Kinder mussten die Geschenke samt geschätztem Einkaufspreis aufschreiben und dann bei nächster Gelegenheit ein ähnlich teures Gegengeschenk machen.

Weder kann ich beim Wünschen erwarten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht noch kann ich beim Schenken eine Dankbarkeit erwarten. Schenken birgt nach Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie an der Universität Hamburg, ein Risiko: Es ist ein Moment der Bedingungslosigkeit, dem Gegenüber etwas zu schenken und sich damit zu öffnen. Es ist gleichzeitig keineswegs klar, dass ich etwas zurückbekomme.

Konsequent anders schenken

Um nicht in diese Fallen hineinzustolpern, vereinbaren viele Familien und Freunde, sich nichts mehr zu schenken. Sie berauben sich damit ein Stück des Glücks, ein Geschenk zu machen oder zu bekommen. Doch was wäre, wenn ich mein Geschenk jemand anderem zukommen lasse? Hier meine Idee: „Ich wünsche mir, dass Du nicht mich beschenkst, sondern Menschen, deren Arbeit ich bewundere.“
Es gibt Alternativen, die beschenkt werden könnten
Wie wäre es mit

Nur ein paar Ideen am Rande.

„Doch vor allem will ich keinen Beweis, ob und wie viel Du gespendet hast. Das liegt ganz bei Dir: ob Du anderen eine Freude machst oder Dir das Geld sparst. Hauptsache, Deine Handlung kommt von Herzen.“

Haben Sie eigentlich noch echte Wünsche, fehlt Ihnen was? Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018

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Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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Der große Fastenspaß

Die Regel war unmissverständlich: keine Schokolade, 46 Tage lang, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Doch am Geburtstag der Schwester gab es Käse-Sahne-Torte, lecker! Aus diesem Anlass ist sicherlich eine Ausnahme erlaubt und schließlich ist Torte keine Schokolade, oder?

Freiheit winkt am Ende der FastenzeitDie Fastenzeit mit ihrem klaren Beginn und Ende ist eine traditionelle Herausforderung. Dabei war es in vergangenen Jahrhunderten gleichzeitig auch die Zeit, in der die Wintervorräte zu Ende gingen und es notwendig war, den „Gürtel enger zu schnallen“, um mit dem haushalten zu können, was die Speisekammer noch hergab. In einer Zeit des Überflusses – zumindest in den reichen Ländern dieser Welt – fällt verzichten besonders schwer. Warum sollte ich mir etwas nicht gönnen, was ich mir leisten kann?

Fasten wird mit Kasteiung, sich etwas versagen und Freudlosigkeit verbunden. Beim genauen Hinschauen lässt sich aber viel Spaß beim Fasten entdecken. Alleine diese ganzen Ausreden für die kleinen Ausnahmen: Der Geburtstag (ein besonderer Anlass), das Geschäftsessen (eine unumgängliche Pflicht), der Butterkeks (enthält keine Schokolade) – der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Welche Kreativität in diesen Ausweichmechanismen steckt und das selbst bei Menschen, die sich für unkreativ halten. So gibt es die kleinen Sündenfälle, die kurzfristig die Gelüste befriedigen, doch hintendran trottet oft das schlechte Gewissen. Denn hatte man nicht gerade betrogen?

Vor allem sich selbst betrogen? Ja, man hat sich selbst um den ganz großen Spaß beim Fasten gebracht. Der besteht nicht nur darin, sich ständig amüsiert bei neuen Ausreden zu ertappen, sondern auch um die Geschmacksexplosion, wenn nach wochenlanger Abstinenz das erste Stück Schokolade im Mund schmilzt. Diese Wiederschmeckensfreude ist so gut, fast wie beim ersten Mal. Oder die erste Shoppingtour durch Klamottenläden – wow! Da ist der neue Pulli wie ein königliches Gewand.

Vielleicht aber gibt es auch den allergrößten Spaß zu entdecken: Ich kann, ich darf, aber ich brauche nicht. Die Torte? Vermutlich sehr lecker, doch sie lockt mich nicht wirklich. Der Pullover? Schön, doch ich habe genug im Schrank. Der größte Spaß beim Fasten kann also sein, wieder die Freiheit über meine Konsumentscheidungen zurück gewonnen zu haben und Schluss gemacht zu haben mit suchtähnlichen Routinen; wieder den freien Willen zu haben, „Ja“ zu sagen oder auch „Nein“.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld. Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird das Ei zum Küken.

Chinesische Weisheit

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Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Zum Leben braucht es Vorurteile

Die Aussagen im Fragebogen waren selbstverständlich: Alte Menschen bräuchten Hilfe, ein Anzug/Kostüm wirke seriös oder deutsche Autos seien die besten der Welt. Munter kreuzte er alles in der Spalte „Wahr“ an. Erst später erkannte er die Tücke: wollte man testen, ob er Vorurteile hat?

Wer sich als weltoffen und empathisch präsentieren will, behauptet von sich gerne „Ich habe keine Vorurteile!“ Doch wenn das wirklich so ist, wäre das Leben nicht zu bewältigen. Denn Vorurteile sind eine wichtige Überlebensfunktion: Ein Vorurteil geht davon aus, dass aufgrund der wahrgenommenen Umstände demnächst ein bestimmtes Ereignis stattfinden wird. Diese Vorerwartungen sind gespeist aus den Erfahrungen des eigenen Lebens und den Erzählungen anderer Menschen.

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenNur so kann ein Mensch im Leben überhaupt bestehen. Ich sortiere alles um mich herum in vielfältige Kategorien ein aus Vorerwartungen: Ereignis, Ergebnis, Schublade auf, Erfahrung rein, Schublade zu. Dadurch kann ich Wäsche waschen (dreckig rein, sauber raus) oder mein Gegenüber begrüßen (gegenseitiges Handreichen). Das muss ich alles nicht jedes Mal neu ausprobieren. Vorurteile sind einem Gehirn geschuldet, dass so viel Denk- und Entscheidungskapazitäten wie möglich frei halten will für alles, was von überall her auf den Mensch einwirkt. Je schneller etwas als bekannt erkannt und einsortiert wird, umso besser. Wer nach Großbritannien reist, nimmt an, dass man dort wohl Englisch verstehen wird. Eine Fehlannahme – denn in vielen Gegenden von Wales sprechen die Menschen vor allem walisisch.

Die Kategorien bilden sich manchmal aufgrund einer sehr dünnen Datenbasis. Einmal in New York gewesen und von einem Trickdieb bestohlen worden, anschließend noch viel Geld für ein schlechtes Essen bezahlt und fertig ist die Meinung: „In New York wirst Du übers Ohr gehauen und abgezockt!“ Obwohl dies nur zwei Ereignisse von vielen sind, haben sie eine große, sozusagen übergroße Wirkung: sie sind so einschneidend negativ, dass ich sie als Warnung ganz tief in meinem Erfahrungsgedächtnis im Limbischen System speichere. Höre ich das nächste Mal „New York“ sendet es „Achtung Gefahr!“ an mein Bewusstsein.

Erzählen andere Menschen von positiven Erlebnissen in New York, von Hilfsbereitschaft und tollen Lokalen, muss ich keineswegs mein Vorurteil revidieren. Ich mache einfach eine Unterkategorie auf, die Ausnahme von der Regel: „New York ist die Hauptstadt der Verbrecher, Du hattest einfach Glück.“

Wären wir wirklich vorurteilsfrei, wären wir lebensunfähig. Es kommt vielmehr darauf, mir meiner Vorurteile bewusst zu sein und die Bereitschaft mitzubringen, sie immer wieder zu überprüfen.

Ich verschmähe es, die Reinheit des Weltbildes, das ich in mich aufgenommen habe, durch platte Lebenserfahrung trüben zu lassen.

Oscar Blumenthal (1852 – 1917, deutscher Schriftsteller)

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Mit dem Älter-Werden kommt das Egal-Sein

Da lag sie am Pool und rekelte sich im Badeanzug auf der Sonnenliege. Die Pfunde verteilten sich auch am Bauch und vor ihrem Dekolleté standen die Männer schon lang nicht mehr stramm. Wie sie das genoss! War das Älterwerden nicht herrlich?

Spaß oder kein Spaß im Alter – das ist die FrageWenn ich mich so umhöre unter den Menschen, die Ende vierzig und älter sind, dann sagen die meisten: „Jung wollte ich nicht mehr sein!“ Die Jugend? So anstrengend, immer zur Clique dazu gehören zu wollen! Jeder Mode zu folgen! Erste Berufsjahre? Auf 50-Stunden Wochen, heute hier, morgen dort und trotzdem immer blendend aussehen müssen, kann ich echt verzichten! Wieder jung sein? Wenn, dann nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung!

Unausgesprochen bleibt, dass zur Lebenserfahrung auch ein größeres Maß an Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ansprüchen gehört. Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt. Diese Tatsache sollten wir endlich akzeptieren schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski. Und es scheint, dass sich jene Erkenntnis im Alter ab 40, 50 langsam durchsetzt.

Und wie befreiend das ist! Nicht nur auf den Körper bezogen. Da auch die geistigen Kräfte nicht mehr so taufrisch sind wie Anfang 20, muss und kann ich sie nun gezielter einsetzen. Wozu sie für Dinge verschwenden, die ich als unwichtig für mich erkannt habe? Auch Konventionen können ihre Korsettwirkung verlieren, nachdem ich mich jahrzehntelang von ihnen habe einengen lassen.

Im Goldenen Jahrzehnt, also den 50er Lebensjahren, habe ich es in der Hand, ob ich ein sauertöpferischer Griesgram werde, der dem Vergangenen nachtrauert und den anderen ihr Glück neidet. Oder ob ich mich zum lebenslustigen, mitunter vielleicht auch renitenten Alten weiterentwickele, der mit Udo Lindenberg einstimmt und singt:

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.

(Aus: „Grande Finale“ vom Album „Udopia“)

 

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Wenn Hochleistungsmäuschen Karriere machen

Jahrelang erledigte sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsgebiet etliche Aufgaben für den Kollegen. Als dann die neu ausgeschriebene Stelle in jenem Arbeitsbereich extern besetzt wurde, fühlte sie sich verraten. Wie konnte sie nur so über- und hintergangen werden?

Draußen in der freien Wildbahn gibt es eine ganz besondere Beziehungskonstellation: zwei Arten bedingen einander und leben in einer symbiotischen Wirts-Gast-Beziehung. Der Wirt versorgt den Gast mit Ressourcen. Da gibt es beispielsweise die sympathischen Buphagus-Vögel, die auf dem Rücken der Kaffernbüffel durch die Savanne reiten und die Maden vom Rücken der Wirtstiere picken. Das ist Körperhygiene für den Büffel und gleichzeitig Nahrung für den Vogel.

Der Pfau geht seinen WegBesonders im Büroalltag scheint es hervorragende Lebensbedingungen für diese Symbiose zu geben, in der Variante der „grauen Mäuse“ und der „schillernden Selbstdarsteller“. Dabei ist es interessant, einmal den Blick auf die Mäuse zu lenken.

Oft haben die Mäuse ein empathisches Sozialverhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein und umfassende Detailkenntnisse. Weil es „sonst niemand machen würde“ oder man „niemanden im Stich lassen will“ wird dann die anfallende Arbeit getan, auch wenn es eigentlich nicht zum eigenen Job gehört. Sie übererfüllen die Aufgaben, liefern die Höchstleistung und ducken sich wie Mäuse in ein Loch, wenn es darauf ankäme, die Erfolgsflagge zu zeigen.

Die Journalistin Bascha Mika spricht von einer „Selbstvermausung“ ↗ intelligenter, gut ausgebildeter Menschen. Zwar bemerkt sie das vor allem an Frauen, doch es gibt auch männliche Mäuse. Alleine die Idee, sich als 1,60 bis 1,85 Meter große Maus klein machen und verstecken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Für ihre Beschreibung steckte Bascha Mika viel Kritik ein. Dabei macht sie darauf aufmerksam, wie Hochleistungsmäuse Karriere machen – halt nur nicht selbst, sondern sie machen die Karriere der Selbst- und Außendarsteller. Sie sorgen durch ihr Verhalten für deren Erfolg, denn sie halten den Selbstdarstellern den Rücken frei, indem sie alle anfallenden Arbeiten erledigen – mit denen sich dann aber der Andere brüstet, ohne die Mäuse zu erwähnen.

Die Schaumschläger gehen dank der Hochleistungsmäuse ihren Weg: Zurück bleiben die Mauerblümchen wie damals bei der Tanzstunde. So lange, bis die ihre Unterstützung einstellen und in der Öffentlichkeit sagen: „Das war Ihre Aufgabe und ich habe sie erledigt, nicht Sie!“

Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.

Inge Lohmark (Lehrerin. Hauptperson aus dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky)

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Detox: Meckerfasten für den inneren Frieden

So langsam kam er sich vor wie ein alter Knotterer. In Gedanken und oft auch laut regte er sich völlig überflüssigerweise auf. Da kam die Fastenzeit wie gerufen: wie wäre es mit vierzig Tagen Meckerfasten?

Ich brauche mich nicht zum Narren halten lassenIn meiner Kindheit gab es einen alten Mann, der auf seinem Mofa an der Kreuzung vor meinem Elternhaus stand und vor sich hinschimpfte, während er auf eine Autolücke wartete. Wie lächerlich das wirkte und er amüsierte mich sehr. Und er kommt mir immer wieder mal in den Kopf, wenn ich heute ähnliche Verhaltensweisen bei anderen – und auch mir – entdecke.

Es gibt Situationen, in denen ich mich ärgere und aufrege und es völlig überflüssig ist. Überflüssig, weil ich a) die bemeckerte Tatsache nicht ändern kann oder b) von ihr nicht betroffen bin. Wenn jemand etwas nicht so macht, wie ich es gerne will und es keine Auswirkung auf mich hat? So what! Oder wenn mir bestimmte Regeln gegen den Strich gehen – kann ich an ihnen etwas ändern? In der Regel: Nein! Also warum rege ich mich dann auf?

Ich weiß, dass mich das Meckern innerlich vergiftet. Adrenalin wird ausgestoßen, ich bin angespannt und aggressiv, denn ich empfinde mich ja in einer Kampfsituation. Dieser Zustand beruhigt sich nach 15-20 Minuten. Zeit, die mir entgeht, um meinen Blick a) auf das Wesentliche oder b) auf etwas Angenehmes zu richten.

Sollte ich mich besser nur über das aufregen, was mich betrifft und worauf ich Einfluss habe? Eine spannende Frage, die ich ausloten möchte. Damit ich die Auslöser erkenne, die mich innerlich vergiften lassen, versuche ich das Knottern zu fasten. Die Fastenzeit ist einfach ein überschaubarer Zeitraum mit klarem Anfang und Ende. Das kommt mir entgegen. Und der Erfolg ist einfach definiert. Nämlich jedes Mal, wenn ich sagen kann: „Nicht mein Zirkus. Nicht meine Affen.“

Zufriedenheit ist für mich ein Reizwort.

Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016, österreichischer Musiker)

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