Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Das Neue vom Ende her denken

Mit schweren Schritten und tiefen Zweifeln schleppte er sich durch den ersten Arbeitstag in der neuen Firma. Alle und alles war fremd, ihm fehlten die vertrauten Kolleg:innen. Von „Durchstarten“ konnte bei ihm keine Rede sein. Und er fragte sich: „Warum habe ich bloß gekündigt?“

Das Ende des Hochsommers ist für viele ein Neuanfang: die Kinder kommen in die Schule oder haben sie endgültig verlassen, manche haben (un)freiwillig eine neue Arbeitsstelle, andere haben nun das Lebensalter ohne Arbeitsverpflichtung erreicht. Es gibt unzählige Ratgeber, wie der neue Job, die neue Stadt oder der neue Lebensabschnitt gelingen kann. Sie sind in der Regel linear auf die Zukunft ausgelegt. Dabei lohnt es sich, von gestern her auf die neue Situation zu schauen.

So wie jedem Anfang ein Zauber innewohnt ist davor ein Ende, das Wehmut erzeugt. Und so mancher kommt vor lauter Festhalten nicht im Neuen an. Denn wer kennt sie nicht, die Abschiede aus dem bisherigen Freund:innenkreis: da lacht ein Auge, während das andere weint; private Koordinaten werden ausgetauscht (E-Mail für die Generation Ü-50, TikTok für die U-20er), allgemeine Versprechen in Kontakt zu bleiben, sich zu besuchen – man könnte die Uhr danach stellen. Und genauso regelmäßig reißt der Faden ab, der doch angeblich so stark verbunden hat.

Mit dem physischen und zeitlichen Abstand kann auch eine emotionale und geistige Distanz kommen. War „Die beste Freundin aller Zeiten“ doch mehr Zicke, als ich dachte und ich schloss mich ihr nur an, weil ich damit gegen die Klassenqueen anstinken konnte? Und Kollege M war ein wunderbarer Verbündeter gegen Kollegen L und den Chef, doch ansonsten ziemlich dröge? Beziehungen brauchen einen gemeinsamen Kontext. Und das „Du“ war keines der Freundschaft, sondern nur ein „Arbeits-Du“ und es gibt außer Firma oder Verein nichts zu besprechen. Diese Erkenntnis hilft, den Abschied aus dem alten Umfeld auch wirklich erfolgreich schaffen zu können.

Klammer auf: Bei manchen Elternpaaren kommt diese bittere Erkenntnis, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten raus“ sind und beide feststellen: es gibt keine eigenständige Beziehung mehr, sondern beide lebten lediglich eine häusliche Versorgungsgemeinschaft. Klammer zu.

Ein Mann schleppt vier schwere Eisenkugel hinter sich auf dem Weg zur sonnigen ZukunftWer jedoch übermäßig nachtrauert („Nie wieder werde ich so tolle Kolleg:innen haben!“, „Das war die beste Zeit meines Lebens!“) hängt in Verflechtungen fest, die längst nicht mehr leben. Mühsam werden alte Kontakte aufrechterhalten. Ständig wird das Neue am Alten gemessen. Und in der Erinnerung verklären sich bei solchen Gelegenheiten leicht die ehemaligen Umstände.

Es kostet dann ungleich viel mehr Kraft, das Neue zu begrüßen und einen gelingenden Start zu gestalten. So wohnt dem Anfang kein Zauber inne, sondern ist von Unwillen geprägt, sich auf das Neue einzulassen.

Was hilft es, Dingen nachzujammern und nachzutrauern, die längst vergangen sind? Oder auf Kölsch:

Watt fott es, es fott.

(„Was fort ist, ist fort“, Artikel 4 des Rheinischen Grundgesetzes)

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Gegen das Unvermeidliche ist Aufbegehren zwecklos

Der Chef fand seine Idee spaßig: eine große virtuelle Feier zum 50. Tag im Corona-Homeoffice und alle tragen etwas dazu bei. Doch dem Kollegen war nicht zum Jubeln, sondern er wechselte seit Wochen zwischen Depression und Aggression. Wie sollte er diese Arbeitswelt bloß überleben?

In fast jedem Ratgeber für ein erfolgreiches und somit glückliches Leben findet sich dieser Selbstverwirklichungs-Dreisatz von Walt Disney:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Or leave it (Oder verlasse es)

Er vermittelt den Eindruck, wir alle hätten es selbst in der Hand, das Leben im eigenen Sinne zu gestalten. Doch die Wahrheit ist: wir können nicht immer unser Glückes Schmied sein. Manchmal müssen wir uns arrangieren. Denn es gibt Situationen, denen wir schlichtweg ausgesetzt sind. Kriegen und Pandemien zum Beispiel. Oder dem Wetter.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“ Da haben wir in diesem Werbespruch wieder den versteckten Vorwurf: Wenn Du unglücklich bist, liegt es nur an den falschen Produkten oder falschen Gedanken. Zusammengefasst: Du bist selbst dran schuld. Du wolltest ein rauschendes Picknick-Fest feiern und es gießt in Strömen? Hey, alles nur eine Sache der Einstellung!

Die Coronazeit ist ein MarathonEs ist Pandemie, Du vermisst die Umarmungen Deiner Freunde, Deine Großeltern siehst Du nur noch in der Videokonferenz? Aber hey, dafür kannst Du doch jetzt endlich Mandarin lernen! Ach, Homeoffice und Homeschooling laufen nicht so locker, wie die Klatsch- und Tratsch-Kolumnen im Netz behaupten? Hey, mach Dich halt einfach mal locker. Liebe es einfach! Oder ändere es! Oder verlasse es!

Ach nee, das geht ja nicht. Wie soll ich denn bitte schön die aktuelle Situation verlassen? Ich kann sie auch nicht ändern. Und verdammt noch mal:
Ich. Kann. Die. Situation. Nicht. Lieben.
Und. Ich. Will. Das. Auch. Nicht!

Zum Teufel mit den Ratgebern, denn eigentlich besteht die Auflistung aus vier Optionen:

Love it (Liebe es)
Change it (Verändere es)
Leave it (Verlasse es)
Endure it (Halte es aus)

Nach mehr als zwei Monaten Einschränkungen liegen bei Vielen die Nerven blank, alles soll wieder so sein wie vorher. Im trügerischen Selbstoptimierungs-Dreisatz gilt es daher, die Situation zu verändern. Die Situation rund um Corona ist komplex. Zugegebenermaßen so komplex, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Menschen, die es nicht aushalten, einer unabänderlichen Lage ausgesetzt zu sein, sind anfällig für einfache Erklärungen. Schuldige sind dann schnell benannt. Und sind die erstmal aus dem Weg geräumt, wird alles wieder gut. Die Situation wird (scheinbar) erfolgreich geändert.

Doch schnell geht bei Covid-19 gar nichts. Viele sprechen von einem Marathon. Der geht bekanntlich über 42,195 Kilometer. Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer. Also sind wir aktuell bei Kilometer 15. Mitte November sehen wir weiter, dann ist die Marathondistanz erreicht. Bis dahin gilt für mich:

Hütet Euch vor den falschen Propheten, sie kommen zu Euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.

Matthäus 7, 15 (Bergpredigt)

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Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

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Der Burn-out des Sisyphos

Ein Gutes hatte die viele Arbeit: er war körperlich topfit, denn Sport war der notwendige Ausgleich zu seiner 60-Stunden Woche. Gut, die sozialen Kontakte ließen sehr zu wünschen übrig und Schlaf ist ohnehin überbewertet. Ein paar Opfer musste er doch für die Karriere bringen, nicht wahr?

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt haben mit ihrer erdrückenden Heftigkeit scheinbar eine bisher nie dagewesene Qualität von Ausbeutung des Menschen erreicht. Schneller werdender Wandel, die Konkurrenz durch digitale Assistenten und der stetig steigende Kostendruck lassen bei vielen arbeitenden Menschen nur den einen Schluss zu: so wurden wir noch nie ausgequetscht, die Zitrone gibt schon lange keinen Saft mehr.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemacht

Manche fühlen sich an den antiken Helden Sisyphos erinnert, der einen Stein den Berg heraufrollt. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein nach unten und er muss von vorne anfangen. Nein, er ist kein armer Wicht, sondern erleidet eine Strafe für seine Hybris. Er wollte sich den Göttern gleichstellen und den Tod besiegen. Das erinnert mich an manche Menschen, die aus Selbstüberhöhung ins Burn-out schlittern.

Denn es gibt verbreitet den Gedanken: wenn ich mich nur ordentlich anstrenge, mal richtig „ranklotze“, dann werde ich den Berg abgearbeitet haben und danach geht es erträglich weiter. Sie werden oft befeuert von einer Selbstüberschätzung: „Nur ich selbst bin in der Lage, dieses und jenes zu tun. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand anderes. Und so gut wie ich kann es sowieso niemand sonst.“ In dieser Falle der Selbstausbeutung angekommen kommt die Selbstversklavung unter fremde Arbeitsnormen von ganz alleine. Hybris und Sklaventum reichen sich so die Hand. Eine Verhaltensweise, die nur der Mensch an den Tag legt und im Tierreich völlig unbekannt ist.

Diese absurde Situation lässt sich nicht durch „immer mehr vom immer Gleichen“ (mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Tempo) lösen, sondern dadurch,

  1. dass ich erkenne, ich welcher Situation ich stecke.
  2. Dass ich sie annehme und anerkenne.
  3. Und dass ich schließlich gegen sie aufbegehre und mein eigenes Schicksal in die Hand nehme.

Sonst bleibe ich Sklave fremder Ansprüche und arbeite „996“: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen in der Woche (das ergibt 72 Stunden).

Ich denke, dass es ein großer Segen ist, 996 zu arbeiten. Wenn Menschen nicht einmal 996 arbeiten, wenn sie jung sind, wann können sie es dann?

Jack Ma (*1964, Gründer der chinesischen Online-Plattform Alibaba)

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Zusammenziehen ist die Schule fürs Leben

Nach monatelanger Wohnungssuche fühlte sich der Mietvertrag an wie der Jackpot im Lotto. Doch als sie sich daran machten, die erste gemeinsame Wohnung einzurichten, kamen sie von zwei weit entfernten Sternen. Wie sollte daraus bloß ein gemeinsamer Heimatplanet entstehen?

Irgendwann stellen Paare ihre Liebe richtig auf die Probe. Nach Jahren gemeinsamen Lebens, teilweise als Wochenendbeziehung, wagen sie den nächsten Schritt und ziehen zusammen. Sie erliegen leicht dem Irrtum, dass die Wohnungssuche das Anstrengendste an diesem Projekt ist. Doch gegen die Gestaltung des gemeinsamen Alltags ist das nur ein seichtes Vorspiel.

Menschen haben verschiedene HeimatplanetenEs fängt schon mit den Möbeln an. Was eine Seite als „Cross over shabby chic style“ bezeichnet, ist für die andere „Geschmackloses Gerümpel“. Zielsicher werden Dinge zum Aussortieren bestimmt („Kommt auf keinen Fall mit!“) mit denen das Gegenüber tiefe Gefühle verbindet („Das habe ich von meiner Mutter!“). Spätestens bei den alltäglichen Routinen kommt es zum Clash: „Ich mache das schon immer so!“ versus „So kann ich das nicht leiden!“

Wir Menschen lieben Vertrautes und Gewohntes. Deshalb tendieren wir leicht dazu genau in diesen bekannten Bahnen zu bleiben. Ein wenig Veränderung wird gerne gesehen, aber radikaler Wandel ruft Widerstand hervor. Sollen aus zwei Leben eine gemeinsame Erzählung werden, stellt das bisherige Verhaltensmuster in Frage. Und das ist gut so! Sonst würden wir Gefahr laufen, im Laufe der Jahre immer eingeschränkter zu werden. Menschen können eine gemeinsame Welt bauen„Das gehört so!“ und zwar genau nach meinem Willen wird dann zum Leitmotiv. So manche Beziehung ist schon daran gescheitert.

Das gilt übrigens auch für das Berufsleben. Wer gewohnt ist, dass nur Frauen (oder Männer) um sich herum zu haben, wird bei Neueinstellungen genau dieses Geschlecht unterschwellig bevorzugen; also Männer für sogenannte Männerberufe und Frauen für sogenannte Frauenberufe.

So gesehen ist die erste gemeinsame Wohnung eines Liebespaares in der Tat eine Schule fürs Leben. Sanfte Anpassung, radikale Schnitte und neue gemeinsame Gewohnheiten im privaten Umfeld trainieren für Beruf und Gesellschaft die Fähigkeiten zu Kooperation und Abgrenzung.

Die Wohnung in deinem Kopf kannst du nur umbauen. Ausziehen kannst du nicht.

Pascal Lachenmeier (*1973, Schweizer Jurist)

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Weihnachtsgeschenke: radikal und konsequent anders

„Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten?“ Die Frage der Tante hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Er hatte alle materiellen Güter, war im Prinzip wunschlos und wollte doch kein Spielverderber sein: Sich nichts zu schenken war keine Alternative. Wie sollte er aus dieser Nummer rauskommen?

Der Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Was soll ich mir bloß zu Weihnachten wünschen?Weihnachten ist seit unserer Kindheit so besonders, weil wir mit Geschenken überrascht wurden. Der Weihnachtsmann, das Christkind (oder ganz einfach Eltern und Verwandte) haben sich zwar vom teilweise liebevoll gestalteten oder übervoll beschriebenen Wunschzettel inspirieren lassen, doch auch immer noch eigene Vorhaben umgesetzt. Oft waren das dann ganz praktische Geschenke (Mützen, Schals, Anoraks). Die Magie des Geschenks unter dem Weihnachtsbaum ist ganz wichtig für den Reiz dieses Festes.

Geschenke zu bekommen macht in der Regel Spaß, nämlich dann, wenn sie ohne Zweck und Hintergedanken gemacht werden. Manche Geschenke sollen verpflichten und fordern Gegenleistungen einEin Heimtrainer als sanfter Hinweis, mal Pfunde abzutrainieren? Eher zweckgebunden. Oder geht es beim Schenken darum, den anderen in Verlegenheit zu bringen? Sie oder ihn zum gleichwertigen Gegengeschenk zu zwingen? Manche Kinder mussten die Geschenke samt geschätztem Einkaufspreis aufschreiben und dann bei nächster Gelegenheit ein ähnlich teures Gegengeschenk machen.

Weder kann ich beim Wünschen erwarten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht noch kann ich beim Schenken eine Dankbarkeit erwarten. Schenken birgt nach Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie an der Universität Hamburg, ein Risiko: Es ist ein Moment der Bedingungslosigkeit, dem Gegenüber etwas zu schenken und sich damit zu öffnen. Es ist gleichzeitig keineswegs klar, dass ich etwas zurückbekomme.

Konsequent anders schenken

Um nicht in diese Fallen hineinzustolpern, vereinbaren viele Familien und Freunde, sich nichts mehr zu schenken. Sie berauben sich damit ein Stück des Glücks, ein Geschenk zu machen oder zu bekommen. Doch was wäre, wenn ich mein Geschenk jemand anderem zukommen lasse? Hier meine Idee: „Ich wünsche mir, dass Du nicht mich beschenkst, sondern Menschen, deren Arbeit ich bewundere.“
Es gibt Alternativen, die beschenkt werden könnten
Wie wäre es mit

Nur ein paar Ideen am Rande.

„Doch vor allem will ich keinen Beweis, ob und wie viel Du gespendet hast. Das liegt ganz bei Dir: ob Du anderen eine Freude machst oder Dir das Geld sparst. Hauptsache, Deine Handlung kommt von Herzen.“

Haben Sie eigentlich noch echte Wünsche, fehlt Ihnen was? Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018

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Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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