Der Job ist ein Tigerkäfig

Im Job hatte er meist Pläne, Protokolle und Projektzahlen zu bearbeiten. Seine Leistung fiel ab, die Krankheitstage nahmen zu. Der Chef plante, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Dabei war er doch kreativ, konnte gut mit Menschen und im Social Media Bereich ein Talent. Sah das denn keiner?

In der besten aller Arbeitswelten werden Menschen entsprechend ihren Talenten und Fähigkeiten eingesetzt. Jenseits dieser Utopie, in unserer gelebten Arbeitswelt also, gibt es neben dem „Peter Prinzip“ noch den „Tigerkäfig“. Das Peter Prinzip beschreibt, dass Menschen so lange in der Hierarchie aufsteigen, bis sie die Stufe ihrer eigenen Inkompetenz erreicht haben. Beispielsweise sind erfahrene Projektleiter*innen verblüffend oft schlechte Führungskräfte und operative Stars mit strategischen Planungen überfordert.

Den Tiger aus dem Jobkäfig lassenEng verwandt ist der Tigerkäfig, eine Wortkreation von mir selbst. Denn zu oft erinnern mich angestellte Mitarbeiter*innen an Tiger in den Käfigen alter Zoos, die unruhig hin und herlaufen und einfach am falschen Ort sind. Ihre ganze Geschmeidigkeit und Kraft ist zwischen Betonböden und Gitterstäben fehl am Platz. So gibt es auch in Unternehmen Menschen, die (übertragen gesprochen) wie Zuckerbäcker wahre Kunstwerke fertigen könnten, doch leider Tag für Tag graues Kommissbrot backen müssen. Die ihnen innewohnende Kreativität wird durch öde Alltagsroutine ausgebremst. Wortakrobaten müssen sich als Budgetcontroller abmühen statt Textfeuerwerke abzubrennen und operative Genies sollen menschlich und strategisch Abteilungen visionär antreiben, obwohl sie sich im Klein-Klein der Aufgabendetails viel wohler fühlen. Das kann für alle Beteiligten nur schiefgehen.

Zu oft wird in Organisationen das Problem dann mit der wirtschaftlich und persönlich schlechtesten Lösung angegangen: der Kündigung. Eine Kündigung kostet beim Kündigen Geld, bei der Suche und Einstellung der Nachfolger*in ebenso und für eine längere Zeit ist die Stelle wenig „performant“ (leistet also nicht den notwendigen Beitrag zum Unternehmensergebnis). Für die gekündigte Person kommen auch noch Selbstzweifel und Versagensängste in der Jobsuche hinzu.

Viel lohnenswerter wäre es, die Person auf eine Position umzusetzen, die ihren Fähigkeiten und Talenten entspricht. Die Zuckerbäcker in der betrieblichen Patisserie, die Zahlenjongleure im Controlling, die operativen Genies in Organisationsprojekten, usw. Womit wir bei der Utopie wären. Sie wird leider oft nicht Realität, weil es nun mal menschelt, wo Menschen zusammenkommen. Denn ist der Ruf erst ruiniert („Welch ein schlechter Graubrot-Bäcker dieser Zuckerbäcker doch ist!“), gibt es intern wenige Fürsprecher, um eine Umbesetzung in die Wege zu leiten. Schade eigentlich, denn sonst könnten die Menschen an den geeigneten Stellen für das Unternehmen so richtig Gas geben und den alten Esso-Werbespruch mit Leben füllen:

Pack den Tiger in den Tank!

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Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

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Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

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Wenn Kooperation auf Erpressung trifft

Im Angesicht des Krieges der russischen Staatsführung in der Ukraine weiche ich vom gewohnten Kolumnen-Format ab. Ich fasse einige Gedanken von Volker Müller-Benedict zusammen, mit denen er Ergebnisse der Spieltheorie auf das sozialpolitische Feld und Putins Agieren überträgt.

Kooperation galt seit den traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges als das Mittel der Wahl, um den Frieden auf der Welt zu sichern. Es ist ein Wunschdenken, dass das in der westlichen Welt auch einigermaßen geklappt hat, denn zurzeit werden besonders Menschen auf dem Balkan von ihren Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse eingeholt. Auch auf dem Rest des Globus war und ist es nicht besonders friedlich. Über 140 Kriege nennt Wikipedia seit 1945, das Statistikportal Statista listet alleine für 2020 fast 360 Kriege und Konflikte auf. Warum also kommt die Kooperation nicht so richtig zum Erfolg?

Kooperation setzt voraus, dass alle Beteiligten langfristig weniger am eigenen Vorteil interessiert sind, sondern im „Gesamtglück“ aller Beteiligten den wahren Wert erkennen. Auch wenn nicht alle eigenen Forderungen erfüllt werden, so sind doch die eigenen Gewinne immer noch attraktiv genug, um von den eigenen Interessen etwas abzugeben. Die Belohnung für alle: Frieden.

Diese Win-Win-Situation ist in der Spieltheorie durchaus möglich, doch nur solange, bis nicht ein anderer Spielertyp das Feld betritt: der Erpresser. Er kooperiert nur zum Schein und rechnet fest mit der Kooperationsbereitschaft des Gegenübers. Nur um das Gegenüber dann immer wieder zu übervorteilen („übers Ohr zu hauen“). „Man ist gezwungen mehr und mehr zu kooperieren, wenn man irgendeine Chance auf Steigerung des eigenen Gewinns haben möchte“, so Müller-Benedict. Trifft nun ein kooperationsbereiter Mensch auf einen erpresserischen Mitspieler, muss daher eine Entscheidung getroffen werden:

  1. Die Erpressung akzeptieren und damit eigene Verluste in Kauf nehmen. So können jedoch immer noch eigene kleine Gewinne erzielt werden (z.B. den Frieden scheinbar zu sichern). Der Erpresser gewinnt dabei immer.
  2. Die Kooperation beenden. Die eigenen Verluste werden hoch sein, doch auch der Erpresser hat empfindliche Verluste zu erleiden.

Je mehr Erpresser auf dem Spielfeld sind, umso unattraktiver wird dieses Verhalten, weil dann Erpresser auf Erpresser treffen und nicht mehr nur Erpresser auf Kooperationswillige. Erpresser*innen sind überaus attraktiv für Wähler*innen, weil sie zu Recht annehmen, dass diese*r Führer*in die Wählerinteressen am besten durchsetzen kann.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es wichtig, mutig zu werden, auch wenn die Aussichten düster sind: eine starke demokratische Zivilgesellschaft verhindert am ehesten, dass Erpresser an die Macht kommen.

Artikel „Erpressung oder Kooperation“ in der taz vom 25.2.2022 (Auf taz.de sind Artikel frei zugänglich, ohne Bezahlschranke. Das geht nur, weil sich viele Leser*innen freiwillig an der Finanzierung beteiligen und so den unabhängigen Journalismus unterstützen. Ein entsprechender Hinweis kann beim Aufruf der Seite erscheinen):

https://taz.de/Experimentelle-Wissenschaft/!5834234&s=spieltheorie/ ↗

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Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

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In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

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Same procedure as last Christmas?

Süßer die Glocken nie klingen, „Last Christmas“ im Radio, Haselnuss und Mandelkern, das haben nicht alle Menschen gern. Unweigerlich bekommen jetzt manche Menschen leuchtende Augen, andere den Blues im Angesicht von Weihnachten. Können wir Weihnachten überhaupt entkommen?

Es gibt in christlich geprägten Ländern kaum ein emotionaleres Fest als das Christfest. Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit, im dunkelsten Teil des dunkelsten Monats leuchten Kerzen und verkünden Hoffnung auf neues Leben. Sei es an „Lucia“ (13. Dezember) in Skandinavien, Heilig Abend (24.12.) in Deutschland, Weihnachten (25.12.) in England und Südeuropa oder „Heilige Drei Könige“ (6.1.) in orthodox geprägten Ländern: Weihnachten ist ein Fest des Miteinanders und der Zukunft.

Alle Menschen haben eine Tradition zu Weihnachten, ob sie das wollen oder nicht. Die erste Version ihrer Tradition haben sie als Kind in ihrer Ursprungs-Familie erlebt, die zweite haben sie sich selbst mit ihren Liebsten gestaltet und die letzte wird im Altersheim vorgegeben. Von A wie Adventskranz über D wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, K wie Kirchgang, S wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis Z wie Zimt gibt es unzählige Bestandteile, die sorgsam gehütet und arrangiert werden.

Selbst Misanthropen, die Menschen gegenüber feindlich eingestellt sind, haben eine Weihnachtstradition: nämlich eine bewusste Anti-Haltung, damit aber eben auch ihre Rituale. In all ihrer Ablehnung haben sie sich festlich eingerichtet. Sie kennen die „24 (!) Gründe, Weihnachten zu hassen“ in- und auswendig. So schimpfen sie jedes Jahr aufs Neue über die immer gleichen Buden, die die Weihnachtsmärkte in Dresden, Salzburg oder Luzern einander gleichen lassen wie ein industriell hergestellter Zimtstern dem anderen. Denen übertrieben übel wird vom Bratfett der Kartoffelpuffer, „Winterapfel“-Duftkerzen und billigem Glühwein-Fusel. Für die „Jingle Bells“ klingen wie „Hells Bells“. Weihnachten sei Folter und deswegen würden sie auch dieses Jahr wieder alleine bleiben, oder in der Eckkneipe ihr Bier trinken gehen, so wie jedes Jahr.

Flucht vor Weihnachten ist unmöglich

Denn an Weihnachten, da sagt man die Wahrheit und verbringt die Zeit mit den Menschen, die man liebt. So lautet ein Grundmotiv im Film „Tatsächlich Liebe“, der seit fast zwanzig Jahren zu den Weihnachtsfilm-Klassikern gehört. Und wer nur sich selbst liebt, verbringt Weihnachten folgerichtig alleine. Letztendlich kann sich keiner Weihnachten entziehen, wie dieser Dialog zwischen Billy Mack, dem Rockstar und Joe, seinem Manager, aus dem Film „Tatsächlich Liebe“ zeigt:

Joe: Ich dachte, Du bist bei Elton John?

Billy Mack: Ja, das war ich auch, eine Minute oder so. Dann hatte ich eine Erleuchtung.

J: Im Ernst?

B: Ja.

J: Und, ähm, was war das für eine Erleuchtung?

B: Naja, es ging dabei um Weihnachten.

J: Du hast gemerkt, dass es einen überall hin verfolgt?

B: Nein, aber mir ist klargeworden, dass man Weihnachten doch eigentlich mit den Menschen verbringt, die man liebt.

J: Das stimmt.

B: Naja und offensichtlich hat das unerbittliche Schicksal und irgendwelche grausamen Zufälle es so gewollt, dass ich heute hier stehe, mit Mitte fünfzig, und ohne es zu merken habe ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens mit einem übergewichtigen Angestellten verbracht. Und so sehr es mich auch betrübt, muss ich doch zugeben, dass ich mich zu einem Menschen in besonderer Weise hingezogen fühle, und das bist, hm, Du.

J: Na, das ist ja ’ne Überraschung!

B: Äh … ja.

J: Zwei Minuten bei Elton John und Du bist schwul wie zehn Frisöre?

B: Nein, jetzt hör mal, es ist mir todernst. Hätte ich Eltons Fest sonst verlassen, wo mich ein Haufen halbnackter Frauen mit hängenden Zungen und offenem Mund erwartet haben, nur um mit Dir zusammen zu sein? An Heiligabend?

J: Naja, Bill …

B: Es ist eine unerbittliche Laune des Schicksals, aber leider ist mir klargeworden, dass Du die Liebe meines Lebens bist.

J: –

B: Und um ehrlich zu sein: ich habe zwar immer nur gemeckert, aber wir hatten doch eine wunderschöne Zeit.

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Zu Lebzeiten das eigene Leben leben

Beim ersten gemeinsamen Bierchen nach Monaten hielten sie die Fassaden nicht lange aufrecht. Dem einen trieb es um, vor lauter Karriere keine Kinder zu haben. Der Zweite hatte die Anwaltskanzlei nur für seinen Vater übernommen. Und der Dritte war einfach in dunkles Schweigen gehüllt. War das nur die Midlife-Crisis oder steckte etwas Ernstes hinter dem Gefühl, das Leben ginge in die falsche Richtung?

In Korea gibt es eine Redewendung, die sinngemäß lautet: „Wenn Du stehen bleibst, rennen die Anderen.“ Die koreanische Gesellschaft ist auf Erfolg ausgerichtet und so wird bereits in frühen Jahren Kindern lernen, kämpfen, weitermachen vermittelt. Statt „Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weiterlaufen“ bedeutet das „Hinfallen – Aufstehen – Weiterrennen“. Von dieser Denkweise sind wir hier nicht weit entfernt. „Jede/r ist ihres/seines Glückes Schmied“, „Du kannst alles erreichen, wenn Du es nur willst“ oder „Du sollst es einmal besser haben als ich“ sind Sätze, die die meisten von uns seit Kindertagen gehört haben. Und so machten wir uns alle auf den Weg, unser Glück da draußen in der Welt zu finden.

Wir versuchten, die Schule gut abzuschließen, einen Beruf zu finden oder zu studieren, damit wir wie in der Sparkassenwerbung mit „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ beim Klassen- oder Familientreffen unseren Erfolg zur Schau stellen konnten: „Seht her, aus mir ist was geworden!“ Als Anekdote wird dann gerne eingeflochten, dass ich als Kind doch gerne Balletttänzer, Feuerwehrfrau oder Ökobauer geworden wäre. Dieser Kindeswunsch wird dabei lächerlich gemacht und so haben sich manche Menschen irgendwann, irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren. Manche erkennen auch, dass sie sich vielleicht nie gefunden haben.

Das Leben nach dem eigenen Herzen leben

Sie verfolgten Pläne, jagten Zielen hinterher und erfüllten an sie gestellte Ansprüche. Was davon wirklich ihrem eigenen Streben und Wünschen entsprach, ist fraglich. Und diese Frage kann dann unüberhörbar laut werden, wenn die Zeit dafür reif ist: die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus oder haben das Haus schon verlassen; die beruflichen Meriten (erworbene Verdienste) sind vollständig und die Karrierekurve flacht merklich ab; die Partnerschaft hat über die Jahre ihre Farbe und ihren Glanz verloren. Leise nagend kommt dann die Kindheitserinnerung an das Ballett, das Abenteuer der Feuerbekämpfung, der Einheit von Mensch und Natur auf dem Bauernhof zurück in das Bewusstsein: immer dann, wenn es still wird.

Um das nicht zu hören, ist es einfach, sich mit Lärm und Konsum abzulenken, bis wir wie ein Gorgoro durch die Gegend wandeln. Was ein Gorgoro ist? Das ist eine Figur aus einem alten Donald Duck Comic, ein wandelnder Toter, der von einem Zauberer mit einem Auftrag in die Welt geschickt wird und solange läuft, bis diese Aufgabe erledigt ist. Andere Menschen werden verstimmt, schwermütig (so hieß das früher), depressiv (so heißt das heute) und zweifeln am Sinn des Lebens, der ihnen abhanden gekommen ist. Manche sind sowohl–als auch: von Ablenkung betäubt laufen sie wie ein zugedröhntes Nilpferd durch eine Wüste.

Letztendlich kann ich der Frage nach meinem Lebensglück nicht ausweichen, denn sie wird mir ganz am Ende noch einmal gestellt werden. Im Sterben wird Rückblick gehalten und gefragt: was bereue ich, getan zu haben? Was bereue ich, nicht getan zu haben? Habe ich mein Leben gelebt oder lebte ich das Leben der Anderen? War ich lebendig gewesen oder innerlich schon lange tot, eine wandelnde Leiche sozusagen?

Wer am Ende des Lebens mit sich im reinen sein will (und weil das Lebensende unvorhersehbar schnell kommen kann), sollte bei Lebzeiten ihr/sein Leben leben.

Dass ich neben einer Leiche sitze, ohne etwas zu merken, kann ich mir nicht vorstellen.

Detective Constable Ben Jones aus „Inspector Barnaby”

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Führungsstil: scheinbar partizipativ

Frisch aus dem Onlineseminar „Motivieren durch partizipieren“ brachte die Chefin im nächsten Teammeeting eine Liste von Projekten mit, aus der sich alle Mitarbeitenden eines aussuchen durften, das sie bearbeiten wollten. Doch so recht kam keine Freude auf. Warum nur, so fragte sich die Chefin, begeisterten sich meine Leute nicht für diese großartige Beteiligung?

Moderne Führungskräfte, also Menschen, die anderen Menschen im 21. Jahrhundert vorgesetzt werden, finden unzählige Blogs (Texte und Kolumnen im Internet), Podcasts (Aufgenommene Gespräche) und Vlogs (Videotagebücher) zur persönlichen Weiterbildung. Fast alle haben den Grundtenor, dass Empathie und Partizipation die Schlüsselkompetenzen im Kampf um die besten Talente sind. Früher verstaubten etliche Meter von Management-Büchern in den in den firmeneigenen Bibliotheken, die ganz Ähnliches propagierten. Doch wenn aktive Einbindung von Mitarbeitenden immer noch ein Thema ist, mit dem sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen lässt, scheint es mit Empathie und Partizipation nicht weit her zu sein. Zu oft, das melden Mitarbeitende in Jahresgesprächen und Umfragen zurück, fehlt es ihnen an Anerkennung, Ideenaustausch und echter Mitarbeit.

Führungskräfte betonen anschließend regelmäßig, dass sie die Nachricht verstanden haben und noch mehr ihre Mitarbeitenden einbinden wollen. Manchmal gar kommt die Standardfloskel aus der Politik zum Einsatz: „Wir machen alles richtig, scheinen es aber nicht richtig zu kommunizieren, wenn die Bevölkerung / Mitarbeitende es nicht versteht.“ Vielleicht liegt es aber schlicht auch daran, dass die Beteiligung von Untergebenen oft nur vorgetäuscht wird.

Drei Mitarbeitende glauben ihrer Chefin nicht

Um das zu erläutern, nehme ich Sie mit in einen Kindergarten. Nein, damit ist jetzt nicht Ihr Arbeitgeber gemeint, sondern eine ganz normale Kita. Partizipation von Kindern ist dort ein großes Thema. Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Sie sollen lernen, Kompromisse auszuhandeln und erkennen, dass es nicht immer nach ihrem Willen gehen kann. Beliebtes Übungsfeld ist das Mittagessen. Partizipation sieht dann oft so aus: „Möchtest Du die rote Soße (Tomaten) oder die grüne (Spinat) auf Deine Nudeln?“ Die Botschaft: Schaut alle her, wir fragen das Kind und es darf selbst entscheiden, was es essen will!

Wer sich jetzt auf den Arm genommen fühlt, hat vollkommen recht. Denn hier wird Beteiligung nur vorgegaukelt, es werden in einem eng gesteckten Rahmen Optionen vorgegeben, aus denen jemand auswählen muss. Es gilt: Der Rahmen der Erwachsenen und die Vorauswahl der Erwachsenen. Es fehlt: die Sicht der Kinder. Beim Blick auf die Arbeitswelt werden Erwachsene durch Chefs, Kinder durch Angestellte und Soßen durch Projekte ersetzt: „Möchten Sie dieses oder jenes Projekt übernehmen?“ Ob ich das Projekt überhaupt machen kann, machen will oder gar für sinnvoll erachte, wird genauso wenig berücksichtigt wie der Essenswunsch der Kinder, die vielleicht gar keine Nudeln möchten.

Zu einer echten Partizipation braucht es aus meiner Sicht T-V-M.

T wie Transparenz. Transparenz über den gegebenen Rahmen. Wer Beteiligung verspricht, obwohl alles vorbestimmt ist, demotiviert nur die Anderen. Ich sollte also klarmachen, ob es überhaupt Freiräume gibt, um etwas zu beeinflussen.

Als nächstes wäre V wie Vertrauen hilfreich. Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Anderen. Ich lasse die Vorherrschaft und damit meine eigene Weltsicht los. Wenn ich eine Entscheidung in die Hände von weiteren Menschen lege, kann ich das Ergebnis nicht vorhersagen und habe am Ende vielleicht auch eine Lösung, die ich so nicht wollte. Oder zu der mir der Mut fehlt.

Das ist die dritte Voraussetzung für wahre Partizipation. M wie Mut, dem Prozess Raum zu geben; Mut, das Ergebnis zu akzeptieren; Mut, die Lösung als Teamentscheidung auch nach außen zu verteidigen.

Führungskräfte, die keine Transparenz herstellen, die nicht vertrauen und ängstlich statt mutig sind, können daher nur scheinbar partizipativ führen. Da helfen auch keine Bücher, Podcasts oder Vlogs.

Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.

Bill Cosby (*1937, US-amerik. Schauspieler)

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Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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