Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

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Das kleine Corona-Glück

Genug durchgehalten, Zähne zusammengebissen und durch Abstandsregeln gequält. Überlebensgroß erschienen Freunde, Feiern und Clubbesuche vor ihrem geistigen Auge. Sie wollte den Corona-Marathon nicht mehr laufen. Konnte dieses Virus nicht einfach verschwinden?

Marathonläufer haben nicht nur einfach 42 Kilometer zu laufen, sie müssen vor dem Ziel durch das tiefe Motivationstal bei den Kilometern 35 bis 38. Da sind die Reserven schon aufgebraucht, die Qual nimmt zu und die Meter scheinen in Zeitlupe bewältigt zu werden. Die Corona-Pandemie als Marathon ist aktuell bei Kilometer 35, also am Beginn der zähen Phase (Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer).

Mir scheint, dass sich die Menschen in Deutschland gerade in zwei Gruppen aufteilen. Die einen sind für Durch- und Zurückhalten, die anderen haben die Nase voll von Zurückhaltung und wollen wieder das pralle Leben. Dabei will sicher niemand in Deutschland französische, spanische oder US-amerikanische Pandemieverhältnisse, wo umgerechnet auf die jeweilige Bevölkerungsanzahl fünf bis neunmal mehr Covid19-Infizierte und Tote als hierzulande zu beklagen sind.

So kommen gegenseitige Vorwürfe auf („Ihr seid so leichtsinnig und rücksichtslos“ gegen „Ihr nehmt uns die Lebensfreude weg“). Im Kern geht es den einen um Disziplin, den anderen um Leichtigkeit. Es scheint gleichzeitig ein Generationenkonflikt zu sein und der Klassiker, dass die Alten über die unvernünftigen Jungen schimpfen und die Jungen die Alten für verbohrt halten, hat ein weiteres Kapitel hinzubekommen.

Bei denen, die als jung und leichtsinnig angesehen werden, verstärken sich zwei Lebensumstände gegenseitig, die den „Alten“ fremd zu sein scheinen: Erstens wachsen Menschen unter anderem an den Krisen, die sie gemeistert haben. Schwere Krankheiten, der Abschied von geliebten Menschen, der Verlust einer Arbeitsstelle oder tiefgehende Beziehungskrisen benötigen Qualitäten wie Durchhalten, Prioritäten setzen und guten Mut bewahren. Diese Ereignisse treten in jungen Lebensjahren glücklicherweise selten bis nie auf.

Zweitens hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren eine „On demand“-Haltung im Freizeitleben durchgesetzt. Auf Bestellung werden alle Speisen der Welt geliefert, Reisen geplant, Einkäufe erledigt, Filme und Serien angeschaut. Oft zugeschnitten nach dem, was wohl meine Vorlieben zu sein scheinen. Kunden, die X kauften, kauften auch Y und Z – wer kennt das nicht?

Der Medien-und Kulturwissenschaftler Marcus Kleiner hat das als eine „Sofort-Haltung“ beschrieben, die die Erwartung einer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung in allen Lebensbereichen nach sich zieht. Was unbequem und kompliziert ist, das stört und wird umgangen, denn schließlich warten attraktive Alternativen nur wenige Fingerbewegungen auf der Fernbedienung, dem Tablet oder Smartphone entfernt.

Coronamarathon ist bei Kilometer 35, doch ein Mann springt in einen Laubhaufen

Selbstverständlich ist die Corona-Pandemie kompliziert und sie stört mein gewohntes Leben. Doch sie ist keine Serie, die ich streamen oder nicht streamen kann. Sie folgt ihren eigenen Regeln und aus diesem Spiel kann ich nicht aussteigen. Corona geht nämlich auch ohne mich weiter, ebenso die Umwälzungen im Klima. Einen Marathon kann ich abbrechen, doch in beiden Krisenereignissen bleibe ich verhaftet, ob ich will oder nicht. Asketische Distanzregeln und eiserne Durchhalteparolen alleine werden aus meiner Sicht kein Verständnis auslösen oder gar Andere überzeugen.

In Frankfurt war der Marathon-Kilometer 37 jahrelang im einsamsten Streckenabschnitt auf einer langen, geraden Ausfallstraße zwischen Gewerbegebieten unter einer Autobahn hindurch1). Da gab es keine Zuschauer, keine Aufmunterung, keine Ablenkung und das machte alles nur noch schwerer. Die Veranstalter haben irgendwann daraus gelernt und die Strecke so verlegt, dass die mühsamen Kilometer 35-38 jetzt in der Innenstadt absolviert werden, wo viele Menschen am Straßenrand stehen und die Laufenden anfeuern.

Wenn ich nicht will, was ich muss, kann ich doch wenigstens probieren, Lichtblicke auf die Normalität zu bekommen und Glanzlichter zu setzen, die mir eine kindliche Freude bereiten. Kinder können ganz selbstvergessen im Hier und Jetzt sein. Davon können wir Erwachsenen uns etwas abschauen.

Wie wäre es mit „Ab-Eisen“ (Gegenteil zu „An-Eisen“): Das letzte Eis für diese Saison zelebrieren? Grillfreunde machen das mit „Abgrillen“ (im Herbst) und „Angrillen“ (im Frühjahr). Wann sind Sie zum letzten Mal in einen Laubhaufen gesprungen? Oder haben mit Kastanien Fußball gespielt? Eine Quatschsprache erfunden? Heiße Waffeln mit Kirschen nach einem Herbstspaziergang gebacken? Die Verkleidungskiste herausgeholt? Eine Kissenschlacht gemacht? Das alles lässt Corona nicht verschwinden, aber mal kurzeitig im kleinen Alltagsglück vergessen.

Wer Kind bleibt, ist ein Mensch.

Erich Kästner (1899 – 1974, deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Kabarettdichter)

1) Für Ortskundige: auf der Mainzer Landstraße zwischen Griesheim und Mönchhof

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Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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Wortlos der Persönlichkeit Raum zur Entfaltung geben

Früher hatte sie große Scheu vor Menschen, sprach kaum und traute sich wenig. Kaum zu glauben, wer sie heute sieht: keck, neugierig und munter plaudernd stiefelt sie durch die Gegend. Ihre Persönlichkeit ist ordentlich gewachsen, obwohl sie keines der vielen aufmunternden Worte verstand, die ihr gesagt wurden. Kann man denn wortlos Mut und Vertrauen wecken?

In diesen Wochen sind die Menschen viel auf engem, manchmal unerträglich engstem, Raum zusammen. Und das länger, als so manchem gut tut und so steigen die Anspannungen an. Böse Worte werden ausgesprochen, Zwang ausgeübt und leider rutscht auch so manche Hand aus: „Wie oft habe ich Dir gesagt …“, „Hörst Du mir eigentlich nicht zu?“, „Wer nicht hören will, der muss fühlen!“ Streit und Gewalt machen die Räume noch enger, als sie ohnehin sind. Wobei mir in solchen Situationen dem Gesagten zu viel Bedeutung beigemessen wird. Denn in nahezu jeder Auseinandersetzung gibt es auch solche Dialoge:

„Das habe ich nicht gesagt!“
„Doch, hast Du!“
„Nein!“
„Wohl!“
„Unsinn!“
„Doch!“

So kann das Ping-Pong Spiel endlos weitergehen. Die „Das habe ich nicht gesagt“-Dialoge haben ihre Ursache überraschend oft in der Diskrepanz zwischen dem Ausgesprochenen und dem Ausdruck der inneren Haltung. Die Augen versprühen Aggressivität während der Mund säuselnd beruhigen will. Oder das Kooperationsangebot fordert in Wirklichkeit herrschsüchtig eine bedingungslose Kapitulation. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie vom Gesagten mal wieder kein Wort glauben.

Das Eingangsbeispiel beschreibt Emma. Sie ist kein Mensch, sondern eine Katze aus dem Tierschutz. Sie lebt seit fünf Jahren bei uns und wir wissen wenig über ihre ersten zwei Lebensjahre. So scheu und ängstlich, wie sie zu uns kam, waren es keine guten Erfahrungen. Wir brauchten Wochen, um sie anfassen zu können. Besucher haben sie jahrelang nicht gesehen. Sie war wie ein Blatt im Wind, das zu einem Baum geworden ist.

Auf die innere Haltung kommt es anNatürlich glauben wir Katzenbesitzer, dass sie unsere Worte versteht. Das ist, so viel muss ich mir eingestehen, ausgemachter Blödsinn. Schließlich kommt sie aus Spanien, wir sprechen Deutsch und einen Sprachkurs hat sie meines Wissens nach nie gemacht. Doch sie liest unsere Haltung. Unsere innere Haltung, die sich ausdrückt in: wir gehen in die Knie auf Augenhöhe, wir fassen sie nicht von oben an, wir gehen zur Seite um sie vorbeizulassen, wir öffnen ihre eine Tür zum Schutzraum Schlafzimmer, wir halten sie sanft mit der Hand davon ab auf den Tisch zu klettern. Was immer wir auch dazu sagen, nimmt sie höchstens als Sprachmelodie wahr.

In der unfreiwilligen Isolation zu Hause sind Spannungen und Haltungen hochverdichtet spürbar. Wie wäre es also, weniger zu sagen, zu schimpfen oder zu fordern und mehr wortlos eine friedensstiftende Haltung zu zeigen. Einzuladen und Angebote zu machen? Ein kleines körperliches Stoppsignal zu geben statt gleich die verbale Keule herauszuholen? Raum zu geben durch die Art, wie ich mich im Raum verhalte?

Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben.

Sigmund Freud (1856 – 1939, österr. Begründer der Psychoanalyse)

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Weihnachten schenke ich mir … mich selbst

Der Christbaum war geschmückt, die Geschenke eingepackt und das Weihnachtsessen vorbereitet. Es war die Ruhe vor dem Sturm: drei Tage mit Familie, Verwandten, Partnern und Kindern standen bevor. Da beschloss er, sich selbst mit einer Auszeit zu beschenken. Denn sonst würde er sich selbst verlieren.

Des einen Freud ist des andern Leid. Weihnachten ist das Fest, an dem die Familie, ob fern, ob nah, zusammenkommt. Wann, wenn nicht unterm Christbaum, wird geredet, gegessen, getratscht und gestritten. Für alleinlebende Angehörige ist das der Höhepunkt des Jahres und lässt die alltägliche Einsamkeit vergessen. Für Eltern und Kinder, deren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt, Schule und Hobbies aufgerieben wird, ist es die ultimative Stresssteigerung. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Auszeit von Weihnachten

Denn statt „Stiller Nacht“ gibt es enge Zeitpläne, Fahrplanänderungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung, Stau und stockenden Verkehr, Verstopfung wegen zu süßem Essen, Verstopfung wegen zu fettigen Essens, Drama wegen des vegetarisches Festmenüs, Drama wegen nicht veganer Speisen, Drama wegen falscher Geschenke, es gibt fahle Witze vor dem Alkohol, sexistische Zoten nach dem Alkohol und depressive Stimmung nach zu viel Alkohol. Überhaupt scheint es von allem zu viel zu geben.

Vor lauter „im Außen sein“ und Fremdbestimmung verlieren sich manche Menschen komplett und sind am Ende der Weihnachtszeit reif für die Insel. Da hilft es, eine Notbremse einzubauen. Eine halbe Stunde, also dreißig Minuten mit insgesamt 1.800 Sekunden, pro Festtag

Zeit.
Für mich.
Zum Nichtstun.
Ohne Plan.
Ohne Ziel.
Einfach.
Nur da sein.

Ein wunderbares Geschenk, das den Frieden erhält, sowohl in einem selbst als auch mit dem Umfeld. Kostet nichts, ist immer verfügbar und muss nicht umgetauscht werden.

Wo kann man denn Weihnachten allein hin – außer aufs Klo? Nach Thailand vielleicht, in irgendeine Fischerhütte? Aber will man das? An Weihnachten? Zur einzigen Zeit im Jahr, in der jeder dahergelaufene Einsame ruck, zuck von irgendwem aufgenommen werden soll?

Die Schriftstellerin Helene Hegemann am 24.12.2017 in der NZZ

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Es herrscht Krieg auf dem Ponyhof

Für ihn ist im Leben alles klar: Die Welt ist so, wie er sie sieht. Und wenn es Probleme gibt, dann liegt das immer an den Anderen. Besonders an seiner Frau. Nur die will das einfach nicht kapieren. Sie fragt sich stattdessen: „Für ihn ist das Leben ein Ponyhof, für mich ist es die Hölle – wie soll das funktionieren?“

Das Interesse mancher Menschen an ihrer Umwelt endet in Armeslänge. Alles, was nicht ganz unmittelbar sie betrifft, interessiert sie „nicht die Bohne“. Doch das Zusammenleben von Menschen ist eine beständige Suche nach Kompromissen und Kooperationen, damit gemeinsam die Herausforderungen des Alltags bewältigt werden können. Dazu ist es notwendig, seine eigene Meinung und seine Ziele vom Partner/von der Partnerin in Frage stellen zu lassen. Ich muss mich mit mir auseinandersetzen und meine Meinung hinterfragen. Wenn ich mich nur für mich und mein Wohlergehen interessiere, sehe ich andere Meinungen nicht als gleichwertig oder gar beachtenswert an. Also warum sollte ich dann mein egoistisches Verhalten im Sinne eines größeres gemeinsamen Ganzen korrigieren?

Denn jede Meinungsänderung, jede Verhaltenskorrektur, seien sie auch noch so unbedeutend, würde ein mühsam aufgebautes Weltbild in den Grundmauern erschüttern. Denn letztlich sind diese Menschen im tiefsten Innern verunsichert. Deshalb haben sie klare Regeln, die befolgt werden sollen. Sie brauchen Sicherheit und wenn die Welt so funktioniert, wie sie das brauchen, kommen sie mit ihr zurecht. Sie verwenden all ihre Kraft darauf, ihre Sicht auf die Welt aufrecht zu erhalten. Neues macht sie planlos, sie wissen schlichtweg nicht, mit Unvorhersehbarem umzugehen.

Als Ritter in voller Montur in den Kampf ziehen

Ihre Regeln werden mit Zuckerbrot und Peitsche durchgesetzt. Da wird belohnt, gedroht, gelogen und das durchaus mit Kreativität und Flexibilität. Sie sind bereit, für ihre eigenen Interessen die Beziehung zu anderen Menschen zu gefährden. Das Leben ist ein Ponyhof: ihr Leben, ihr Ponyhof und das sollen die Anderen einfach kapieren.

Es gibt Lebenspartner, die haben diese narzisstischen Züge und manipulieren die Umwelt geschickt in ihrem Sinne. Wer mit solchen Menschen in einer Partnerschaft lebt, muss in den Kampf ziehen. Denn mit weichen Strategien, die auf Interessensausgleich angelegt sind, kommt man nicht weiter. Wenn meinem Gegenüber letztlich egal ist, ob die Beziehung zu mir den Streit überlebt, habe ich kein emotionales Druckmittel mehr in der Hand. Dann heißt es: Schlachtplan machen, Rüstung anziehen, Visier herunterklappen und im Kampf aus dem Ponyhof reiten in die eigene Zukunft. Vor allem, wenn auch noch Kinder mit im Spiel sind, die ihr Leben erst noch vor sich haben.

Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die Notwehr uns allmählich zwingt, in seinen Fehler zu verfallen.

Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916, mährisch-österr. Schriftstellerin)

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Das schwarze Schaf der Familie

Die Familiengeburtstage liefen schon immer so ab: Kaffee, Kuchen, Kartoffelsalat, Würstchen, Bier und Schnaps bis zur völligen Trunkenheit der Gäste. Alle machten mit, bis auf einen Cousin, der eisern nüchtern blieb. Er war halt der Sonderling und manch einer fragte sich: „Der ist so anders, gehört der überhaupt zur Familie?“

Aus guten Gründen gibt es bei Herdentieren bei jeder/jedem Individuum die Tendenz, sich anzupassen. Auch Menschen sind Herdentiere. Wer zur Gruppe gehört, ist bei einem Angriff geschützter, kann auf Anerkennung oder Unterstützung hoffen und gewährt im Gegenzug Hilfe für andere Gruppenmitglieder. Dazu passt man sich einander an, allzu große Abweichungen im Verhalten oder Aussehen werden vermieden.

Doch persönliche Vorlieben oder Eigenschaften lassen sich nicht beliebig glattschleifen und so entsteht mitunter Ausgrenzung. „Das ist das schwarze Schaf in unserer Familie“ kann genauso gut für die einzige studierte Person im bäuerlichen Familienkreis gelten wie für die einzige Handwerkskraft im akademischen Umfeld; den einzigen Vegetarier im Metzgersclan oder die Oldtimerfreundin in der Öko-Kommune.

Als schwarzes Schaf lässt es sich gut leben

Diese Individualisten, diese „nicht Passenden“ stehen vor einer schweren Entscheidung: beuge ich mich dem Gruppendiktat um den hohen Preis, dass ich mich innerlich „falsch“ fühle, meine Wünsche, Talente oder Sehnsüchte unterdrücke „um des lieben Friedens willen“? Oder trage ich den Konflikt nach außen, anstatt ihn in mir selbst auszutragen? Manchmal kann man sich einfach nicht passend machen. Und aus einem Trotz heraus kann eine mutige Entscheidung entstehen: „Wenn ihr mich sowieso anders wollt, dann bin ich eben anders – aber so, wie ich will und nicht so, wie Ihr es wollt!“ Denn die Leute reden sowieso, egal was ich mache. Als schwarzes Schaf nehme ich mir daher Freiheiten heraus, von denen die anderen nur träumen. So lässt es sich prima leben!

Dieser Weg, zu sich und zur eigenen Individualität zu stehen, kann auch einen Preis fordern: den des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Energie in die Förderung der eigenen Talente zu investieren anstatt in ihre Unterdrückung. Entwicklung ist nie durch Anpassung alleine möglich, es braucht immer auch eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen.

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche lassen sich zwar tief vergraben, doch im Untergrund leben sie weiter und revoltieren früher oder später. Letztendlich wird damit das von außen vergebene Stigma des „schwarzen Schafes“ erfüllt: die Ausbrüche aus den fremden Gefängnismauern gelten geradezu als Beweis für die Absonderlichkeit dieses Familienmitgliedes.

Doch scheint mir der individuelle Weg der einzig Gangbare zu sein, da er vielfältige Möglichkeiten eröffnet, während das Unterdrücken der persönlichen Entwicklung das Leben einengt. Einen Kampf muss ich nun mal ausfechten: entweder in mir drinnen gegen mich selbst oder ich bin im Reinen mit mir und kämpfe gegen das Umfeld. Bevor ich mir meinen Willen brechen oder mein Seelenheil gefährden lasse, suche ich persönlich lieber meinen Weg, mein eigenes Leben zu leben. Notfalls im Exil.

Woanders weiß man selber, wer man ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat.

Aus dem Roman „Sommerfest“ von Frank Goosen

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Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

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