Ausgleichszahlungen für vorenthaltene Liebe

Als der Hausmeister die Wohnung der alten Nachbarin ausräumte, fand er zwei Sparbücher mit mehr als 10.000 Euro Guthaben. Die Hinterbliebenen wollten davon nichts wissen. Ihr ganzes Leben sei die Frau geizig und gehässig gewesen, jetzt wollten sie auch nichts mehr von ihr. Was sollte er mit den Sparbüchern nun tun?

Glücklich ist, wer etwas zu vererben hat. Glücklich ist, wer etwas erben kann. Doch leider wird dieses Glück oft getrübt. Statt sich über die Weitergabe eines Vermächtnisses oder eine Starthilfe zu freuen, brechen in Familien alte Konflikte auf. Diese gärten mal jahrelang unter der Oberfläche, mal waren sie erkaltet und festgefahren oder auch schon immer hochexplosiv. Und dann müssen auch noch die Familientraditionen befolgt werden! Doch weil das Erben zwei völlig unterschiedliche Welten verbindet, kann hier jedes Wort wie ein Funke im Pulverfass sein.

Zum einen gibt es die juristische Ebene mit Testament, Erbschaftsrecht, Pflichtanteilen, Schenkungs- und Erbschaftssteuern, Eigentumsvorbehalten, Gesellschaftsrecht, Niesbrauch, Wohnrecht – es nimmt einfach kein Ende. Ein Erbfall kann wie ein gordischer Knoten sein, der nicht einfach mit einem Schwerthieb zerschlagen werden kann. Und daher eine wunderbare Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte und Notare, die alles auseinanderdröseln.

Schon am Sarg straiten die Erben

Als sei das nicht schon schwierig genug, kommen noch Jahrzehnte von erlebten, erlittenen, aufgestauten, unterdrückten Gefühlen bei den Hinterbliebenen hinzu. Wer wen wann wie verletzt, übervorteilt, benachteiligt, missachtet, beleidigt, hintergangen hat, wird mitunter kleinstteilig aufgelistet. Dass dabei das Gedächtnis die eine oder andere Lücke hat oder Verzerrung vornimmt, würzt diese Mischung nur noch mehr.

Wenig vornehm wird hier zu oft die ganz große Keule herausgeholt und Gefühle in Gold aufgewogen: weil das Elternteil immer das eine Kind bevorzugt/benachteiligt hat, muss jetzt der Betrag X gesondert verhandelt werden. Gerne auch an der offiziellen Erbmasse vorbei. Erbittert wird um die Nachfolge in Familienbetrieben, um Immobilien, Aktienpakete, Goldbarren oder Familienschmuck gekämpft und so manche/r wünscht sich, es gäbe nichts zu verteilen. Nicht wenige haben zu ihren Familien rechtzeitig den Kontakt abgebrochen, um sich aus diesem Schlamassel von vornherein heraushalten zu können. Das Geld ist ihnen der damit verbundene Ärger nicht wert.

Beim erfolgreichen Erben geht es darum, beide Ebenen – Recht hier, Gefühle da – möglichst getrennt voneinander zu betrachten und zu behandeln. Denn der Erbschein ist schlichtweg keine Ausgleichszahlung für entgangene Zuneigung. Das hätte zu Lebzeiten mit dem/der Erblasser*in geklärt werden müssen. Und so hat der Hausmeister die Sparbücher einer gemeinnützigen Organisation geschenkt.

2020 wurden Vermögen im Wert von knapp 47 Mrd. Euro vererbt, verschenkt oder gestiftet.

Quelle: Erbschaft- und Schenkungssteuerstatistik 2020 des Statistischen Bundesamtes

Share

Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

Share

Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

Share

Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

Share

Same procedure as last Christmas?

Süßer die Glocken nie klingen, „Last Christmas“ im Radio, Haselnuss und Mandelkern, das haben nicht alle Menschen gern. Unweigerlich bekommen jetzt manche Menschen leuchtende Augen, andere den Blues im Angesicht von Weihnachten. Können wir Weihnachten überhaupt entkommen?

Es gibt in christlich geprägten Ländern kaum ein emotionaleres Fest als das Christfest. Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit, im dunkelsten Teil des dunkelsten Monats leuchten Kerzen und verkünden Hoffnung auf neues Leben. Sei es an „Lucia“ (13. Dezember) in Skandinavien, Heilig Abend (24.12.) in Deutschland, Weihnachten (25.12.) in England und Südeuropa oder „Heilige Drei Könige“ (6.1.) in orthodox geprägten Ländern: Weihnachten ist ein Fest des Miteinanders und der Zukunft.

Alle Menschen haben eine Tradition zu Weihnachten, ob sie das wollen oder nicht. Die erste Version ihrer Tradition haben sie als Kind in ihrer Ursprungs-Familie erlebt, die zweite haben sie sich selbst mit ihren Liebsten gestaltet und die letzte wird im Altersheim vorgegeben. Von A wie Adventskranz über D wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, K wie Kirchgang, S wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis Z wie Zimt gibt es unzählige Bestandteile, die sorgsam gehütet und arrangiert werden.

Selbst Misanthropen, die Menschen gegenüber feindlich eingestellt sind, haben eine Weihnachtstradition: nämlich eine bewusste Anti-Haltung, damit aber eben auch ihre Rituale. In all ihrer Ablehnung haben sie sich festlich eingerichtet. Sie kennen die „24 (!) Gründe, Weihnachten zu hassen“ in- und auswendig. So schimpfen sie jedes Jahr aufs Neue über die immer gleichen Buden, die die Weihnachtsmärkte in Dresden, Salzburg oder Luzern einander gleichen lassen wie ein industriell hergestellter Zimtstern dem anderen. Denen übertrieben übel wird vom Bratfett der Kartoffelpuffer, „Winterapfel“-Duftkerzen und billigem Glühwein-Fusel. Für die „Jingle Bells“ klingen wie „Hells Bells“. Weihnachten sei Folter und deswegen würden sie auch dieses Jahr wieder alleine bleiben, oder in der Eckkneipe ihr Bier trinken gehen, so wie jedes Jahr.

Flucht vor Weihnachten ist unmöglich

Denn an Weihnachten, da sagt man die Wahrheit und verbringt die Zeit mit den Menschen, die man liebt. So lautet ein Grundmotiv im Film „Tatsächlich Liebe“, der seit fast zwanzig Jahren zu den Weihnachtsfilm-Klassikern gehört. Und wer nur sich selbst liebt, verbringt Weihnachten folgerichtig alleine. Letztendlich kann sich keiner Weihnachten entziehen, wie dieser Dialog zwischen Billy Mack, dem Rockstar und Joe, seinem Manager, aus dem Film „Tatsächlich Liebe“ zeigt:

Joe: Ich dachte, Du bist bei Elton John?

Billy Mack: Ja, das war ich auch, eine Minute oder so. Dann hatte ich eine Erleuchtung.

J: Im Ernst?

B: Ja.

J: Und, ähm, was war das für eine Erleuchtung?

B: Naja, es ging dabei um Weihnachten.

J: Du hast gemerkt, dass es einen überall hin verfolgt?

B: Nein, aber mir ist klargeworden, dass man Weihnachten doch eigentlich mit den Menschen verbringt, die man liebt.

J: Das stimmt.

B: Naja und offensichtlich hat das unerbittliche Schicksal und irgendwelche grausamen Zufälle es so gewollt, dass ich heute hier stehe, mit Mitte fünfzig, und ohne es zu merken habe ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens mit einem übergewichtigen Angestellten verbracht. Und so sehr es mich auch betrübt, muss ich doch zugeben, dass ich mich zu einem Menschen in besonderer Weise hingezogen fühle, und das bist, hm, Du.

J: Na, das ist ja ’ne Überraschung!

B: Äh … ja.

J: Zwei Minuten bei Elton John und Du bist schwul wie zehn Frisöre?

B: Nein, jetzt hör mal, es ist mir todernst. Hätte ich Eltons Fest sonst verlassen, wo mich ein Haufen halbnackter Frauen mit hängenden Zungen und offenem Mund erwartet haben, nur um mit Dir zusammen zu sein? An Heiligabend?

J: Naja, Bill …

B: Es ist eine unerbittliche Laune des Schicksals, aber leider ist mir klargeworden, dass Du die Liebe meines Lebens bist.

J: –

B: Und um ehrlich zu sein: ich habe zwar immer nur gemeckert, aber wir hatten doch eine wunderschöne Zeit.

Share

Weihnachtliche Lieferengpässe als Chance

Noch knapp fünf Wochen bis Weihnachten und sie geriet langsam unter Druck. Da waren täglich neue Meldungen über leere Regale und die Nachbarin hatte auch schon alle Geschenke gekauft. Und sie quälte sich immer noch mit der Frage: Was will ich denn heuer verschenken?

Unsere Gesellschaft wird nach 20 Monaten Pandemie dem ultimativen Härtetest unterzogen: an Weihnachten drohen leere Regale, unter den Weihnachtsbäumen wird der blanke Boden zu sehen sein und traurige Kinderstimmen singen verzagt die traditionellen Lieder. Dieses Horrorszenario malen manche Schlagzeilen von Lieferengpässen an die Wand. Es scheint immer noch die alte Journalisten-Weisheit zu gelten: Bad news is good news – schlechte Nachrichten verkaufen sich am besten. Denn neben den aus dem Takt geratenen globalen Lieferketten kommen auch noch höhere Energiepreise auf die Menschen zu, dazu droht ein weiterer Pandemiewinter mit Kontakteinschränkungen. Die friedlich-heimelige Adventszeit wird von vielen Seiten bedroht.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, leben sehr viele Menschen in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, es gibt von allem mehr als genug und in allen erdenklichen Ausführungen. Wer wühlt sich heute noch durch 986 Suchtreffer für „Tischlampe bis 30cm Höhe“ bei einem der üblichen Online-Shops? Und jetzt grassiert also die Weihnachtspanik, denn unter Umständen sind 32 dieser Lampen nicht verfügbar! Dabei gibt es wirklich Menschen am Rande der Gesellschaft, die gerade ganz andere Probleme haben, als sich um Geschenke zu kümmern. Sie tauchen nicht in der Berichterstattung auf, obwohl sie zwar viele, aber leise und damit nahezu unsichtbar sind. Zwei dieser Gruppen möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum einen die Menschen ohne ein angemessenes Zuhause. Das betrifft weit mehr Menschen als die „Penner auf der Platte“, die vor Kaufhaus-Eingängen oder unter Brücken leben. Verdeckte Obdachlosigkeit betrifft Familien, die mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche leben müssen. Mieter, die in heruntergekommenen Bleiben feststecken, weil sie sich bei den aktuellen Mietpreisen keine andere Wohnung leisten können. Menschen, die in häuslicher Gewaltgemeinschaft ausharren müssen, weil Schutzräume überfüllt sind. Oder jene, die auch nach Jahren in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, wo Privatsphäre und Ruhe nicht zu finden sind. Schätzungsweise 650.000 Menschen in Deutschland sind von dieser Wohnungslosigkeit betroffen.

Zum anderen Menschen, auf die eine Hassjagd (Hetzjagd mit Hassreden) stattfindet. Diese Menschen werden gezielt attackiert und auf allen möglichen Kanälen, im realen wie im digitalen Raum, mit Hassbotschaften überzogen, beleidigt, verleumdet oder bedroht. Sei es, weil sie dick sind. Sei es, weil sie eine bestimmte Hautfarbe nicht haben. Oder weil sie sozial aktiv sind. Manchmal auch alles zusammen und wenn es dann noch eine Frau ist, dann scheint der Mob keine Grenzen mehr zu kennen. Da werden Fotos entstellt und geteilt, Lügen verbreitet, die Privatadresse veröffentlicht und zum „Hausbesuch“ aufgerufen. Es folgen Produktbestellungen an ebenjene Adresse, die diese Menschen nie getätigt haben. Frauen leiden darüber hinaus unter Drohungen oder Belästigungen mit sexuellem Charakter. Oft können sich Betroffene nur helfen, indem sie alle Konten bei sozialen Medien löschen und sich komplett aus dem realen sozialen Leben zurückziehen.

Was also würde ich diesen Menschen zu Weihnachten schenken? Beistand durch Menschen, die das wirklich können! Die wissen, was zu tun ist. Die unterstützen, beraten, begleiten. Zwei Organisationen fallen mir dazu ein:

Menschen, die unsichtbar sind, wird geholfen

  1. Der Franziskustreff in Frankfurt ↗ begrüßt obdachlose Menschen wertschätzend als „Gäste“, baut Vertrauen auf und kann so behutsam beraten. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch in anderen Städten.
  2. HateAid ↗ bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot und Prozesskostenfinanzierung. Dort wird jenen geholfen, die selbst keinen Hass verbreiten, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, politischer Meinung und körperlicher Versehrtheit.

Wer mich in diesem Jahr fragt: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ werde ich antworten: „Spende das, was Du erübrigen kannst, an den Franziskustreff oder HateAid.“ Denn mir ist es wichtig, nicht vor den Problemen davonzulaufen, sondern sie gemeinsam durchzustehen. Und damit hat sich das Weihnachtsgeschenke-Lieferkettenproblem auch von ganz alleine gelöst.

Lasset uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.

Hebräer 10,24

Share

Ungeduld ist eine große Stärke

Die Diskussion hatte sich mittlerweile weit vom ursprünglichen Thema entfernt. Längst war die Gruppe in Spekulationen vertieft. Auch wenn es wichtig war, dass alle zu Wort kommen, wurde sie doch unruhig: Konnte das Ganze nicht mal ein bisschen schneller gehen?

In Märchen gibt es zwei zentrale Motive: auf der einen Seite gibt es eine*n kluge*n König*in, die/der die Streitigkeiten seines Volkes durch weise Entscheidungen schlichtet. Auf der anderen Seite gehen Menschen auf lange Reisen, um auf vielfach verschlungenen Wegen ein Rätsel zu lösen oder unter Gefahren einen Schatz zu finden. Als Belohnung winken ein Geliebter, eine Prinzessin oder gleich ein ganzes Königreich. Natürlich wünschen auch wir uns in unserer modernen Gesellschaft manchmal, dass kluge Führungsköpfe durch weise Worte den richtigen Weg weisen. Doch stattdessen irren wir oft genug orientierungslos durch das Dickicht von Themen, unfähig, eine eindeutige Entscheidung zu treffen.

Ungeduldige schieben Projekte oft alleine voran

Soll ein Thema umfassend in einer Gruppe betrachtet werden, kommen immer neue (oder immer wieder die gleichen) Argumente auf den Tisch. Die Problem-Hierarchie wird wild durcheinander gewirbelt und Patt-Situationen scheinen unausweichlich. Besonders Menschen, die ihr Leben „nachhaltig“ ausrichten wollen, müssen nach verschiedenen Kriterien ein Produkt oder eine Dienstleistung auswählen. Denn sie wollen, dass ihr Konsum möglichst geringe Folgen auf Menschen und Umwelt hat. Das kann zu einer frustrierenden Lähmung führen, weil es zu jeder positiven Seite immer auch eine negative gibt.

Das ist die große Stunde der Ungeduldigen, denen der Geduldsfaden reißt und die damit die gärende Unzufriedenheit offen sichtbar machen. Denn mitnichten sind sie die einzigen, die einen schnelleren Fortschritt haben wollen. Höflichkeit, Konventionen, Schüchternheit – das alles sind gute Gründe, um den Dingen ihren langsamen Gang zu lassen. Irgendwann einmal muss das nachsichtige Ertragen und Abwarten aber ein Ende haben und die Ungeduldigen nehmen die ganze Schuld auf sich, als voreilige Spielverderber zu gelten. Heimlich jedoch freuen sich viele, dass da jemand anderes das aussprach, was auch sie dachten und endlich zur Tat schreitet. Oft genug schieben sie dadurch Projekte voran, die sich sonst keinen Millimeter bewegt hätten.

Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht.

Margaret Thatcher (1925 – 2013, erste weibliche Premierministerin des Vereinigten Königsreichs)

Share

Walk & Talk – vom Coaching im Park

Für manche Dinge scheint es eine neue Zeitrechnung zu geben: „B.C.“ und „A.D.“ Damit ist nicht „Before Christ (vor Christus)“ und „Anno Domini (Im Jahr des Herrn)“ gemeint, sondern „Bis Corona“ und „Auf Distanz“. So auch für Coachings. Üblich waren „Sitzungen“, also in einem Raum, in Sesseln oder an einem Tisch, Flipchart oder ähnliches griffbereit und dann wurde miteinander an einem Thema gearbeitet.

Die Abstandsregeln der ersten Corona-Welle machten aus Sitzungen Spaziergänge mit 1,5 Meter Distanz an der frischen Luft. Das veränderte die Arbeit im Coachee (der Person, die ein Coaching beauftragt) und die des Coaches radikal. Wie führe ich beispielsweise vertrauliche Gespräche in vollen Parks (denn alle konnten sich nur noch auf einen Spaziergang treffen)? Manche Menschen entwickelten eine Hassliebe zum Spazierengehen. Ich persönlich habe als Coach im „Walk & Talk“ eine neue Methode entdeckt, die meine Kollegin Britta Rafoth schon seit Jahren zu ihrem Kennzeichen gemacht hat: Coaching in Bewegung ↗

Mein Coachingraum wurden der Ostpark, der Günthersburgpark und hin und wieder der Hauptfriedhof mit der Bienenwiese oder der Stadtwald in Frankfurt. Ein Coaching dauert 1,5 bis zwei Stunden, was schöne Runden ergibt. In der Regel laufen wir anfangs schneller als gegen Ende, weil der Redebedarf über Ärger oder Frustration der Antrieb ist. Irgendwann wird das Tempo gemächlicher und der Blick kann sich mehr nach oben, rechts, links richten und dort finden sich eine Fülle von Metaphern, Analogien und Beispielen für grundlegende Fragen, kleine Impulse oder große Ideen. Brennnesseln oder Moos vermitteln sehr deutlich, wie ich mich in der Gegenwart eines Menschen fühle. Zwei Äpfel hängen so dicht hintereinander, dass sie wie einer erscheinen – doch mit einem Schritt zu Seite sehe ich, dass es sich um zwei Dinge handelt, die ich unabhängig voneinander betrachten kann. Baustämme im Weg zeigen Grenzen, Löcher Stolperfallen, Trampelpfade Grenzverletzungen und manches Tier macht beispielhaft Verhalten vor. Die Erkenntnisse werden so mit einem Bild und Ort verknüpft und prägen sich damit tiefer ein.

Beim Coaching in Bewegung kommen

Coaching hilft Menschen, aus eingefahrenen Situationen aus eigener Kraft herauszufinden. Dazu müssen sie innerlich in Bewegung kommen und so unterstützt Laufen äußerlich das Ziel, neue Wege zu finden. Wenn die Zeit für eine Reflexion und Sammlung gekommen ist, findet sich immer eine Bank, auf die wir uns setzen können. Ein Notizbuch ist zur Hand und hält fest, was vielleicht verloren gehen könnte. Und auch wenn dieser Sommer doch recht feucht war: das Wetter war fast nie der Grund, warum ein Coaching nicht stattfinden konnte. Denn notfalls gibt es ja die alten Versionen: in einem Raum mit vier Wänden oder am Telefon.

Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam.

Werner Hansch (*1938, dt. Sportreporter)

Share

Den Fehdehandschuh (nicht) werfen

Das Projekt war kurz vor dem Scheitern und er erläuterte im Abteilungsmeeting die Gründe. Seine Chefin rollte dabei mit den Augen. Sofort schaltete er auf Angriff um. „Sie brauchen das gar nicht ins Lächerliche zu ziehen!“ blaffte er sie an, vor versammelter Mannschaft. Nimmt sie seinen Fehdehandschuh auf?

Jeden Tag treffen wir zahllose Entscheidungen, von „Soll ich aufstehen oder weiterschlafen?“ am Morgen über „Schnitzel mit Pommes oder lieber doch die Maultaschen?“ zum Mittagessen bis hin zum abendlichen „Noch ein Bierchen?“ Bei vielen diesen Entscheidungen lauert kein Konflikt, doch wo Menschen zusammenarbeiten, menschelt es. Daher müssen wir auch im Umgang miteinander schnell entscheiden, wie wir uns verhalten und so können an sich harmlose Konflikte eskalieren.

Ein Konflikt an und für sich ist nichts Schlechtes, beschreibt er doch nur eine Situation, in der gegensätzliche Interessen auftreten. Ob es zur Eskalation kommt, oder im Gegenteil zu einem Kompromiss und vielleicht gar einer Kooperation, hängt stark davon ab, wie sich die Konfliktparteien jeweils verhalten. Oft lohnt ein zweiter Blick, um die wahren Interessen der Beteiligten auszuloten.

Auf dem Weg zur Eskalation kann man auch abbiegen und umkehrenMeist liegen nur wenige Informationen vor, auf deren Basis in solchen Situationen entschieden wird. Reagiert wird nach dem ersten Eindruck, wie im Beispiel am Anfang: Der Mitarbeiter bemerkt das Augenrollen und reagiert in Sekundenbruchteilen mit einer Gegenattacke. Denn er fühlt sich angegriffen und in seiner misslichen Lage nicht gesehen. Er muss das Scheitern des Projektes verkünden, obwohl er es nicht zu verantworten hat.

Im Mittelalter haben Ritter dem Gegner als Zeichen der Herausforderung zum Kampf einen Handschuh vor die Füße geworfen, den der Betroffene bei Annahme der Herausforderung aufhob (Quelle: Duden Universalwörterbuch). Nimmt die Chefin den Fehdehandschuh auf, wird die Eskalationsspirale in Gang gesetzt. Im Gegensatz zum Mittelalter kann sie den feindseligen Ton des Mitarbeiters aber „überhören“, ohne als Feigling dazustehen. Sie könnte zum Beispiel so reagieren: „Ja, ich rolle die Augen, aber nicht wegen Ihnen, sondern weil ich das Scheitern schon befürchtet habe und es mich ärgert. Wie geht es Ihnen damit?“

Auch der Mitarbeiter hätte statt des Angriffs den Weg des Erklärens nehmen können: „Ich sehe, Sie rollen mit den Augen. Warum machen Sie das?“ (ohne angriffslustigen Unterton). Das gibt der Chefin die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Und siehe da: vielleicht ist gar keine Eskalation notwendig, weil sich die Dinge mit ein wenig Zeit, ein wenig Offenheit, klären lassen. Denn Eskalation lebt von der Steigerung der Geschwindigkeit, De-Eskalation kommt mit Verlangsamung.

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch ist.

Berthold Brecht (1898 – 1965, Schriftsteller und Regisseur)

Share

Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

Share