Wenn ich im Streit einen Wunsch frei hätte …

Die Auseinandersetzung hatte harmlos angefangen, doch mittlerweile hatten sich die beiden Streithähne wie Bullterrier ineinander verbissen. Da sagte der eine zum anderen: „Was willst Du denn jetzt von mir?“. Und der Andere, der war still. Denn genau das konnte er nicht sagen. Wie konnte ihm das nur passieren?

Manche Konflikte haben es wirklich in sich. Der Ausgangspunkt ist irgendwann in Vergessenheit geraten, Schicht um Schicht sind Vorwürfe und Rechtfertigungen aufeinandergelegt worden bis die Ursache des ganzen Streits metertief darunter begraben ist. Und noch viel weiter entfernt ist eine Lösung. Denn keiner kann mehr sagen, was genau sie oder er sich von seinem Gegenüber wirklich wünscht. Oft genug kommen Sätze wie „Du sollst nicht mehr …“, „Hör endlich auf damit zu …“ oder „Ich will von Dir nicht mehr …“. Allesamt Negativwünsche, die dem Anderen keinen Weg zur Aussöhnung zeigen. Oft genug kann ich gar nicht mehr sagen, was ich wirklich vom Anderen will.

Es kann dann helfen, sich selbst ein wenig zu strukturieren, damit ich klarer werde in dem, was ich von meinem Gegenüber gerne möchte. Vier Schritte gehören dazu:
Vier Schritte führen zum Ziel

  1. Beobachtung: um was genau geht es jetzt gerade? Kann ich das überprüfbar beschreiben? Zum Beispiel: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast …“ lässt sich objektiv nachprüfen.
  2. Befinden: was macht das Beobachtete mit mir? Es gibt einen Einblick in meine innere Gefühlslage. Zum Beispiel: „… dann ärgere ich mich, …“
  3. Bedürfnis: was bräuchte ich denn eigentlich und bekomme es nicht? Zum Beispiel: „…, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen.“
  4. Bitte: Und was soll mein Gegenüber jetzt tun? Das ist keine Forderung, sondern eine positiv formulierte Bitte, die im Zweifelsfall auch unerfüllt bleiben kann. „Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“

In einem Rutsch: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast, dann ärgere ich mich, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen. Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“ So weiß mein Gegenüber, wie es mir geht, warum das so ist und was ich jetzt wirklich will.

Das Beispiel mit der Zahnpastatube kann lächerlich erscheinen. Es gibt meiner Erfahrung nach jedoch unzählige langandauernde Streits, die sich daran entzündet haben.

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan (*1926, ehem. Vorsitzender der US-Notenbank, berühmt-berüchtigt für seine kryptischen Aussagen)

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Mit 60 immer noch ein Kind

Der Vater war immer wackeliger auf den Beinen. Auch wenn er sich in ihrem Haus selbst versorgen konnte, war es absehbar, dass er bald mehr Unterstützung brauchte. Das brachte den Sohn in Gewissenskonflikte. Obwohl er sein eigenes Leben hatte, fühlte er sich bei ihm immer noch wie der kleine Pimpf, der er schon lange nicht mehr war. Würde das denn nie enden?

Die Eltern sind die prägendste und langfristige Beziehung in unserem Leben, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringen kann. Nach kindlichen Trotzphasen und revoltierender Pubertät gehen die Kinder aus dem Elternhaus, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig kann es dieses süße Gefühl der Vertrautheit geben, wenn bei Besuchen „zu Hause“ bei den Eltern das Lieblingsessen aus der Kindheit auf dem Tisch steht, ein liebgewonnenes Ritual wie das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaums zelebriert wird oder die Eltern einfach tröstend in einer Krise zur Seite stehen. Doch spätestens beim Satz „Du bist doch unser Mädchen/Bub!“ stellen sich der Fondsmanagerin, dem Lehrer oder den schon selbst Eltern gewordenen Kindern die Nackenhaare auf. Werden die Eltern auch noch selbst hilfsbedürftig, scheint es, als würden sich die Rollen gerade vertauschen. Die Alten werden zum Kind, die Kinder zu den Eltern und alle sind damit überfordert.

Ungeklärte Vergangenheit stört die GegenwartIn dieser für alle neuen Zeit kommen leicht alte Konflikte an die Oberfläche, Rechnungen wollen beglichen werden, denn es gibt Verletzungen auf beiden Seiten: das Gefühl, nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen zu haben, nicht verheilte Wunden von Streitereien oder Enttäuschungen über den jeweiligen Lebensweg des anderen. Wer will sich schon mit 60 noch fühlen wie ein Grundschulkind, das Angst vor einem autoritären Elternteil oder eine ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit hat? Jetzt, wo die Vorgeneration die 80 überschritten hat, lässt sich dieses kindliche Bedürfnis nicht mehr stillen.

Manchmal werden Besuche zur QualDas ist eine denkbar schlechte Basis für den Umgang mit dem Altern der Eltern. Und je weniger die Kinder sich bisher von ihren Eltern abgegrenzt haben, um so stärker können die Konflikte werden. Plötzlich ist das schlechte Gewissen des „undankbaren Rabenkindes“ die Richtschnur des Handelns und nicht mehr der freie Wille. So manches Kind würde aus innerer Not am liebsten fliehen und den Kontakt in die Ursprungsfamilie abbrechen.

Dabei kann das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer wieder neu verhandelt werden. Man mag es als „gegenseitige Abhängigkeit“ interpretieren, doch die Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem durch „Bezogenheit“ definiert: „Ich bin, weil Du bist!“ kann die Grundlage für eine gesunde Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung sein. Gemeinsamkeiten sind ein starkes FundamentDer Blick auf die gemeinsam gelebten Werte kann dabei das Fundament stärken: verdanke ich meine Neugierde meinen Eltern? Mein Humor? Meine Freude an der Kunst? Meine handwerklichen Fähigkeiten? Könnte ich dafür „Danke!“ sagen anstatt auf dem Verpassten und Verlorengegangenen zu bestehen? Und was wäre, wenn wir jetzt gegen Ende der gemeinsamen Zeit nur das Spezifische machen, das nur durch mich als Kind und Dich als Vater/Mutter möglich ist? Alles andere, vom Einkaufen über Haushalt und Pflege kann von Dienstleistern übernommen werden. Denn für diese Tätigkeiten braucht es nicht die besondere Eltern-Kind-Beziehung.

Außer Schießen, Hunden und Rattenfangen hast Du nichts im Kopf; Du wirst noch zur Schande für Dich selbst und Deine ganze Familie.

Der Vater von Charles Darwin zu seinem Sohn

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Weihnachtsgeschenke: radikal und konsequent anders

„Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten?“ Die Frage der Tante hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Er hatte alle materiellen Güter, war im Prinzip wunschlos und wollte doch kein Spielverderber sein: Sich nichts zu schenken war keine Alternative. Wie sollte er aus dieser Nummer rauskommen?

Der Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Was soll ich mir bloß zu Weihnachten wünschen?Weihnachten ist seit unserer Kindheit so besonders, weil wir mit Geschenken überrascht wurden. Der Weihnachtsmann, das Christkind (oder ganz einfach Eltern und Verwandte) haben sich zwar vom teilweise liebevoll gestalteten oder übervoll beschriebenen Wunschzettel inspirieren lassen, doch auch immer noch eigene Vorhaben umgesetzt. Oft waren das dann ganz praktische Geschenke (Mützen, Schals, Anoraks). Die Magie des Geschenks unter dem Weihnachtsbaum ist ganz wichtig für den Reiz dieses Festes.

Geschenke zu bekommen macht in der Regel Spaß, nämlich dann, wenn sie ohne Zweck und Hintergedanken gemacht werden. Manche Geschenke sollen verpflichten und fordern Gegenleistungen einEin Heimtrainer als sanfter Hinweis, mal Pfunde abzutrainieren? Eher zweckgebunden. Oder geht es beim Schenken darum, den anderen in Verlegenheit zu bringen? Sie oder ihn zum gleichwertigen Gegengeschenk zu zwingen? Manche Kinder mussten die Geschenke samt geschätztem Einkaufspreis aufschreiben und dann bei nächster Gelegenheit ein ähnlich teures Gegengeschenk machen.

Weder kann ich beim Wünschen erwarten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht noch kann ich beim Schenken eine Dankbarkeit erwarten. Schenken birgt nach Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie an der Universität Hamburg, ein Risiko: Es ist ein Moment der Bedingungslosigkeit, dem Gegenüber etwas zu schenken und sich damit zu öffnen. Es ist gleichzeitig keineswegs klar, dass ich etwas zurückbekomme.

Konsequent anders schenken

Um nicht in diese Fallen hineinzustolpern, vereinbaren viele Familien und Freunde, sich nichts mehr zu schenken. Sie berauben sich damit ein Stück des Glücks, ein Geschenk zu machen oder zu bekommen. Doch was wäre, wenn ich mein Geschenk jemand anderem zukommen lasse? Hier meine Idee: „Ich wünsche mir, dass Du nicht mich beschenkst, sondern Menschen, deren Arbeit ich bewundere.“
Es gibt Alternativen, die beschenkt werden könnten
Wie wäre es mit

Nur ein paar Ideen am Rande.

„Doch vor allem will ich keinen Beweis, ob und wie viel Du gespendet hast. Das liegt ganz bei Dir: ob Du anderen eine Freude machst oder Dir das Geld sparst. Hauptsache, Deine Handlung kommt von Herzen.“

Haben Sie eigentlich noch echte Wünsche, fehlt Ihnen was? Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Gute Freunde zahlen gemeinsam die Rechnung

Die vier Freundinnen genossen ihre Wanderpause im Ausflugslokal. Endlich mal wieder Zeit miteinander haben, das hatten sie sich schon lange versprochen. Beim Bezahlen kam der Eklat: „Wir zahlen jede für sich“ sagte eine von ihnen. Und die anderen fragten sich: „Gemeinsam wandern, aber getrennt zahlen – wie kleinlich ist das denn?“

Eine Szene, die vermutlich jeder schon mal beobachtet hat. Da sitzen Menschen einen ganzen Nachmittag oder einen ganzen Abend zusammen, essen gemeinsam, lachen, erzählen sich Geschichten und bei der Rechnung geht jeder getrennte Wege. Die fröhliche Atmosphäre wird von der Angst überschattet, benachteiligt zu werden. Schließlich hört beim Geld die Freundschaft auf. Dann werden selbst die getrunkenen Anteile an der gemeinschaftlich geleerten Wasser- oder Weinflasche ausgerechnet und sich gegenseitig in Rechnung gestellt.

Gute Freunde zahlen gemeinsam die RechnungWie schön wäre es, hier mehr Vertrauen darin zu haben, dass sich das alles schon ausgleichen wird. Als meine Frau und ich noch nicht verheiratet waren, hatten wir getrennte Kassen. Mal zahlte die eine, mal der andere. Am Monatsende haben wir abgerechnet. Wir gaben das bald auf, die Differenz war jedes Mal lächerlich klein. Denn schließlich hatten wir gemeinsam die selben Cafés und Kneipen besucht.

Sind die Einkommensverhältnisse zu unterschiedlich, um einfach die Rechnung durch die Anzahl der Gäste zu teilen, gibt es die Möglichkeit einer Gemeinschaftskasse. Jede/jeder zahlt einen angemessenen Beitrag ein: die Wohlhabenderen mehr, die anderen weniger. Die Gesamtrechnung wird aus dieser Kasse bezahlt. Als angenehmen Nebeneffekt stellt sich eine gut gelaunte Lockerheit ein: „Ach wie schön war dieser Abend, vom Anfang bis zum Ende.“ Weil keiner dem anderen etwas neidete, die Reichen nicht mit teurem Essen protzten und die weniger Betuchten mit Brot und Wasser Vorlieb nehmen mussten.

Fields: »Bin ich gestern hier gewesen und habe zwanzig Dollar umgesetzt?«

Barkeeper: »Allerdings.«

Fields: »Gottseidank. Ich dachte schon, ich hätte sie verloren.«

W.C. Fields in der Bar (1880 – 1946, US-amerikanischer Schauspieler, Komiker und Drehbuchautor)

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Das Rehlein mit den Haifischzähnen

Im Restaurant scherzte sie, lächelte entwaffnend und ließ mit einem charmanten Augenaufschlag den Kellner für sich springen; sekundiert von ihrer Mutter und unterwürfig begleitet von ihrem Freund. Nur der Vater schien gegen immun gegen ihr Erfolgsrezept zu sein. Er fragte sich: „Warum sieht keiner, dass meine Tochter eine Despotin ist?“

Schon Kinder lernen Verhandlungen zu führen, um das zu bekommen, was sie haben möchten. Erfolgreiche Strategien werden vervollkommnet und ins Standardrepertoire aufgenommen. Das geschieht im Spiel mit anderen Kindern und noch intensiver im alltäglichen Kontakt mit den Eltern. Je unterschiedlicher die Übungsszenarien waren, um so vielfältiger ist meine Fähigkeit, auf Umstände und Situationen zu reagieren. So steht am Ende der Jugend idealerweise ein ganzer Fundus von Verhaltens- und Verhandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um souverän sowie konflikt- und entscheidungsfähig zu sein. Bleiben diese Anregungen aus Argumentieren, Ausprobieren, Erfolg, Misserfolg und Verbesserungsschleifen aus, bin ich eingeschränkt handlungsfähig.

Einsames RehIn der Folge nutzen manche daher die Rehlein-Strategie: „Ich bin klein, ich bin unschuldig, ich brauche Hilfe – Du wirst mir meine Bitte doch nicht ernstlich abschlagen können?“ Natürlich geht das mit der Bambi-Masche auch mal schief. Dann wird mit einem Wimpernschlag aus dem Reh ein Haifisch, der die Zähne bleckt, böse Worte ausspuckt, herablassend wird und zur Strafaktion aus Verweigerung und Forderung nach demütigendem Kniefall greift. Austausch von Argumenten? Verhandlungen über gegenseitige Interessen? Fehlanzeige. Entweder ich bekomme das, was ich will (dann bin ich Zuckerbrot) oder ich werde unangenehm (und nehme die Peitsche). Man würde es dieser anmutigen, eleganten Erscheinung nicht ansehen, mit welcher unerbittlichen Schärfe sie ihren Gegnern zu Leibe gehen kann. Das gibt es natürlich auch bei Männern in der Variante „Sonnyboy mit Wolfsgebiss“.

Doch wie einer solchen Person begegnen?

Man kann sich zum Beispiel die Mühe machen, sich direkt an die Person hinter der Maske zu wenden, also die ganze Show zu ignorieren. Das ermöglicht einen echten ehrlichen Kontakt auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Wahrscheinlich ist der Mensch hinter der Maske einsam: In der Jugend beliebt und umschwärmt, aber nicht ehrlich gemocht ↗. Denn auf Dauer macht es Niemandem Spaß, immer dann zu springen, wenn jemand „Spring!“ ruft. Wie gesagt: man könnte sich diese Mühe machen. Oder es einfacher haben und diesen Menschen aus dem Wege gehen. Zurück bleibt vielleicht ein Kind, dessen Reh- und Haifischspiel aus dem Ruder gelaufen ist und sich verselbständigt hat. Und dieser Jemand kommt nun aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus.

Der Selbstsucht muss man immer verzeihen,
weil keine Hoffnung besteht, sie zu bessern.

Jane Austen (1775 – 1817, britische Schriftstellerin)

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Der Donald Trump in uns

Der Streit zwischen den Eheleuten eskalierte: „Du verhältst Dich wie Donald Trump!“, blaffte sie ihn an. „Für Dich gibt es immer nur schwarz oder weiß!“ Und schwupps! war sie selbst in die Populismus-Falle getappt. Musste das sein?

Kaum ein Abend mit Freunden vergeht, ohne dass „Herr T. aus W.“, der US-amerikanische Präsident also, Teil des Tischgesprächs wird. In der Regel echauffiert man sich über seinen populistischen Stil  und behauptet unisono: „Typisch amerikanisch! Könnte mir nie passieren!“ und ist dabei selbst im Trumpschen Duktus gelandet.

Im Streit gehen die Zwischentöne verlorenAuch bei Streits zwischen Partnern geht es populistisch zur Sache. „Nie beachtest Du mich! Du merkst noch nicht mal, wenn ich beim Friseur war!“. Oder: „Immer nörgelst Du an mir herum! Kann ich nicht einmal meine Ruhe haben?!“ Dazu noch etwas Derbheit wie „Meine besten Jahre habe ich mir Dir dickem Wildschwein verschwendet! Jetzt bin ich dran!“ Fertig ist der Populismus. Seine Kenzeichen: Dramatisierung und Vereinfachung.

Wenn die Emotionen hochkochen, haben wir einen Tunnelblick, der ein klares Freund-Feind-Schema mit sich bringt. Wer sich im Krieg mit dem Scheidungspartner, dem verhassten Kollegen oder „dem System“ wähnt, verteidigt sich aggressiv. Zwischentöne, Grauschattierungen, differenzieren – all‘ das ist – voilà: weibischer Kinderkram.

Doch erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber mich und meine Meinung ernst nimmt; darüber nachdenkt, ob ich vielleicht nicht auch Recht haben könnte, bin ich bereit, eine Brücke zur Verständigung in Erwägung zu ziehen. Differenzieren ist der Anfang vom Ende des Populismus. Aus „immer“ wird erst „häufig“ und später „in Situation x und Situation y war es so …“. Aus „nie“ wird irgendwann „genau dann hast Du nicht … und es hätte mir so gut getan.“

Vielleicht hilft es, sich eine Donald Duck Figur zu kaufen und sie beim nächsten Streit in Sichtweite zu platzieren. Damit sie einen daran erinnert, dass man selbst so aufgeregt polemisieren kann wie ihr Namensvetter im Weißen Haus.

Das meiste, was Menschen zu besprechen haben, gewinnt durch Abwarten, Nachdenken und wohl überlegtes Formulieren.

Stefan Schwarz (*1965, Verfasser von Kolumnen, Romanen und Theaterstücken)

 

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Auch ein Drache will geliebt werden

Ihr Job war es, den Laden am Laufen zu halten. Da ging es um Termine, Produktionen, Zulieferer – ein Rädchen griff ins Andere. Sandkörner im Getriebe konnte sie nicht gebrauchen. Und das zeigte ihr rauer Ton auch ganz deutlich. Doch tief in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Merkte das denn keiner?

Wer im Arbeitsleben die Verantwortung für die termingerechte Ablieferung von Produkten trägt, egal ob sie physisch oder digital sind, kommt sich oft vor wie ein Jongleur mit fünf, sechs oder gar sieben Bällen. Die wollen alle in der Luft gehalten werden, keiner darf herunterfallen. Sie müssen in der vorgeschriebenen Flugbahn bleiben! Rumtrödeln kann kein Mensch gebrauchen.

Für die zuliefernden Kollegen ist die Situation äußerst unangenehm, manche würden sagen: unmenschlich. Denn sie sollen funktionieren wie eine Maschine. Unabhängig davon, ob gerade das Kind krank zu Hause ist, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend doch wohl schlecht war oder der Haussegen in der Partnerschaft schief hängt. Und dann kommt der „Drache“, „Feldwebel“, „Sklaventreiber“ – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – und speit Feuer, brüllt Befehle oder schwingt die Peitsche.

Ich lade Sie zu einem gewagten Gedankenexperiment an dieser Stelle ein.

Nehmen Sie an, dass Sie in Wahrheit einen verzweifelten Schrei nach Liebe zu hören bekommen.
Hinter dem Drachen steht ein MenschNehmen Sie an, der Drache / Feldwebel / Sklaventreiber hat ein krankes Kind zu Hause, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend war wohl doch schlecht oder der Haussegen in der Partnerschaft hängt schief.
Ach – da gibt es keine Partnerschaft, Freundin, Kind? Vielleicht ist das eine große Sehnsucht?

Was wäre, wenn dieser Befehlston ein dicker Panzer wäre, hinter dem es keine Erinnerung mehr gibt, wann einen das letzte Mal ein Mitarbeiter wirklich freundlich angelächelt hat (und nicht nur dieses unterwürfige schleimige Grinsen zeigte)? Was wäre, wenn diese Person gerne sagen können würde: „Ich bin hier für alles verantwortlich und das macht mich fertig“? Und was wäre, wenn Sie dieser Person ein ehrliches freundliches Wort, ein winziges Kompliment, ein kleines Lächeln schenken könnten?

Nun, der Drache wird sich vermutlich nicht gleich in eine schöne Jungfrau (oder einen schönen Jüngling) verwandeln, der Feldwebel nicht das Peace-Zeichen machen oder der Sklaventreiber die Verbrüderung anstreben. Aber für Sie wäre etwas anders: Sie würden aus dem Gegenangriff rausgehen und hätten es selbst in der Hand, die Arbeitssituation von einem etwas mehr entspannten Standpunkt zu betrachten.

Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“

Aus: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

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