Schwäche ist eine Frage des Kontexts

Sie quälte sich durch die Prüfungszeit: Texte lesen, Inhalte erfassen und dann in einer Hausarbeit strukturiert wiedergeben, das war nicht ihre Stärke. Sie konnte gut mit Kindern umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen, doch für ihren Pädagogen-Job brauchte sie nun mal diesen Hochschulabschluss. Kann man an seinen Schwächen scheitern, so dass man seine Stärken nicht einsetzen kann?

Jede Lebensform hat ihre Stärken und Schwächen, beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille namens „Talente und Fähigkeiten“. Ein Lavendel verträgt kühles und feuchtes Klima nicht, daher ist er nicht in Irland zu finden. Ein Pinguin kann Wärme und ausgedehnte Sandstrände nicht vertragen, deshalb lebt er nicht in der Karibik. Denn konsequent sind die Schwächen an dem einen Ort die Stärken an einem anderen: das trockene und heiße Klima Südfrankreichs ist für den Lavendel ebenso ideal wie arktische Kälte und das raue Meer für den Pinguin.

Schwächen überwinden für das ZielDen Menschen geht es wie den Leuten: eine vorgebliche Schwäche ist – nur in einem anderen Zusammenhang betrachtet – eine Stärke. Ich habe in meinem Zivildienst mit blinden Menschen zusammengearbeitet. Weil sie den Sehsinn nicht zur Verfügung hatten, konnten sie mit gut trainiertem Geruchssinn die Bäckerei riechen lange bevor ich sie sah. Und sie wussten, dass wir gerade an einer Hecke vorbeiliefen, weil der Klang unserer Schritte ihnen zeigte: das hier ist keine Mauer. Ein Mensch, dem es schwer fällt, Texte zu lesen oder Zahlen zu erfassen, nimmt ganz andere Informationen auf: Mimik, Gestik und Schwankungen in der Stimme. So bekommen sie viel mehr die Gefühlslage des Gegenübers mit als ein Mensch, der auf das geschriebene Wissen fixiert ist. Menschen, denen es an empathischem Einfühlungsvermögen fehlt und klare Strukturen lieben, sind ein Gewinn für alle technisierten und prozessorientierten Aufgaben.

So lassen sich die Schwächen ins Gegenteil verkehren, wenn ich den Betrachtungspunkt und den Kontext ändere. Dass es auf dem Weg zum idealen Lebensumfeld Abschnitte gibt, wo ich meine Schwächen trotzdem einsetzen muss, ist wie ein Regenperiode für den Lavendel: auszuhalten.

Man weiß nie, vor welchem größeren Unglück einen das Pech bewahrt hat.

Cormac McCarthy (*1933, US-amerik. Schriftsteller)

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Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

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Der große Fastenspaß

Die Regel war unmissverständlich: keine Schokolade, 46 Tage lang, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Doch am Geburtstag der Schwester gab es Käse-Sahne-Torte, lecker! Aus diesem Anlass ist sicherlich eine Ausnahme erlaubt und schließlich ist Torte keine Schokolade, oder?

Freiheit winkt am Ende der FastenzeitDie Fastenzeit mit ihrem klaren Beginn und Ende ist eine traditionelle Herausforderung. Dabei war es in vergangenen Jahrhunderten gleichzeitig auch die Zeit, in der die Wintervorräte zu Ende gingen und es notwendig war, den „Gürtel enger zu schnallen“, um mit dem haushalten zu können, was die Speisekammer noch hergab. In einer Zeit des Überflusses – zumindest in den reichen Ländern dieser Welt – fällt verzichten besonders schwer. Warum sollte ich mir etwas nicht gönnen, was ich mir leisten kann?

Fasten wird mit Kasteiung, sich etwas versagen und Freudlosigkeit verbunden. Beim genauen Hinschauen lässt sich aber viel Spaß beim Fasten entdecken. Alleine diese ganzen Ausreden für die kleinen Ausnahmen: Der Geburtstag (ein besonderer Anlass), das Geschäftsessen (eine unumgängliche Pflicht), der Butterkeks (enthält keine Schokolade) – der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Welche Kreativität in diesen Ausweichmechanismen steckt und das selbst bei Menschen, die sich für unkreativ halten. So gibt es die kleinen Sündenfälle, die kurzfristig die Gelüste befriedigen, doch hintendran trottet oft das schlechte Gewissen. Denn hatte man nicht gerade betrogen?

Vor allem sich selbst betrogen? Ja, man hat sich selbst um den ganz großen Spaß beim Fasten gebracht. Der besteht nicht nur darin, sich ständig amüsiert bei neuen Ausreden zu ertappen, sondern auch um die Geschmacksexplosion, wenn nach wochenlanger Abstinenz das erste Stück Schokolade im Mund schmilzt. Diese Wiederschmeckensfreude ist so gut, fast wie beim ersten Mal. Oder die erste Shoppingtour durch Klamottenläden – wow! Da ist der neue Pulli wie ein königliches Gewand.

Vielleicht aber gibt es auch den allergrößten Spaß zu entdecken: Ich kann, ich darf, aber ich brauche nicht. Die Torte? Vermutlich sehr lecker, doch sie lockt mich nicht wirklich. Der Pullover? Schön, doch ich habe genug im Schrank. Der größte Spaß beim Fasten kann also sein, wieder die Freiheit über meine Konsumentscheidungen zurück gewonnen zu haben und Schluss gemacht zu haben mit suchtähnlichen Routinen; wieder den freien Willen zu haben, „Ja“ zu sagen oder auch „Nein“.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld. Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird das Ei zum Küken.

Chinesische Weisheit

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Der Mythos vom Multitasking

Als er an der Ampel stand, schaute er dem Straßenkünstler beim Jonglieren zu. Scheinbar mühelos hielt der fünf Bälle gleichzeitig in der Luft und er fragte sich: wie viele Bälle, also Aufgaben, er gerade gleichzeitig jonglierte. Weniger oder mehr als 50?

Zu viele Bälle in der Luft haltenEine der modernen Selbstverbesserungsklassiker ist seit vielen Jahren das Multitasking, also die angebliche Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Natürlich spart das Zeit, ist also effizient, weil dieses knappe Wirtschaftsgut optimal ausgenutzt wird. Und bei den Besten – zu denen jeder gehören kann, der die in den Bestsellern vorgeschlagenen Tipps befolgt – ist die Effizienz mit Effektivität gepaart. Sie arbeiten also zudem auch noch wirkungsvoll. Ein Traum für alle Wirtschaftsökonomen. Aber nur für die kurzsichtigen unter ihnen.

Denn auch nach Millionen Jahren der Evolution ist der Mensch lediglich mit einem Gehirn ausgestattet. Das Multitasking-Denken wird vor allem von der Informationstechnologie inspiriert. Deren Evolution brauchte aber auch gute sechzig Jahre, bis dann 2001 der erste Mehrkernprozessor vorgestellt wurde. Erst zwei oder mehr Denkkerne in einem Elektronengehirn machten echtes Multitasking möglich. Davor wurde es lediglich simuliert: die anstehenden Aufgaben wurden in kleine Häppchen geteilt und in schneller Abfolge werden diese Häppchen nacheinander abgearbeitet: Teil 1 von Aufgabe A, dann Teil 1 von Aufgabe B bevor dann der zweite Teil von Aufgabe A an der Reihe ist. Für den Außenstehenden war dieses sequenzielle Abarbeiten scheinbar parallel: der Mythos vom Multitasking war geboren.

Doch dieses Märchen hatte seine Auswirkung auf das menschliche Leben. Frauen seien besonders zum Multitasking in der Lage und die Männer sollten es besser auch lernen, um nicht abgehängt zu werden. Wer jedoch viele Aufgaben parallel zu erledigen versucht, wird schneller ermüden, als wenn er sie nacheinander erledigt. Denn jeder Zwischenstand der Aufgabe muss im Gedächtnis behalten werden, man muss sich bei jedem Wechsel neu in das Thema hinein versetzen und vom letzten Stand aus weiterarbeiten. Jeder kennt diese Situation, wenn er mit einem Servicecenter telefoniert und der Mensch am anderen Ende der Leitung erst nachlesen muss, was bisher geschah.

Wer sich also am Ende eines Arbeitstages müde fühlt und sich vorwirft, nichts geschafft zu haben, ist vielleicht ein Opfer des Multitasking. Ich empfehle eine Strichliste zu machen: Während der Arbeit einen Strich zu machen für jedes Thema, in das man sich hineindenken musste, seien es nur zwei Minuten oder eine halbe Stunde. Und am Abend einfach zählen, wie viele Striche zusammen gekommen sind. Dann weiß man, warum man vor lauter Multitasking keine Aufgabe gelöst bekommen hat.

Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Joschka Fischer (*1948, deutscher Politiker)

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Beach Body Bullshit

„In 6 Wochen zum perfekten Bauch!“, „Last minute workouts für den Sommer“ – mit gesenkten Häuptern schlich das Paar an den Zeitschriften im Supermarkt vorüber. Ihre Körper hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Strandkorb als mit diesen Idealtypen. Und in zwei Wochen ging es nach Mallorca – wie peinlich! Wirklich?

Strandspaß für alleDie Schönheit liegt im Auge der Betrachter. Und was Betrachter als schön empfinden unterlag im Lauf der Zeit starken Veränderungen. Nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren waren Fettpölsterchen in Mode. Heute, in Zeiten des Überflusses, regiert das Schlankheitsideal und Marylin Monroe würde ein Diätgetränk aus der Apotheke empfohlen bekommen. Rubens’ Modelle und das Model Twiggy haben so viel oder wenig gemeinsam wie die Mehrzahl der echten Menschen mit der Mehrzahl der Werbungsmenschen.

Die Aufzählung zeigt: wir haben es nicht in der Hand, was die allgemeine Körpermode ist. Und noch weniger haben wir es in der Hand, ob wir ihr entsprechen oder nicht. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Figur zu 30% von den Genen bestimmt wird. Der Rest sind Lebensumstände und Angewohnheiten. Wie lebe ich – wie muss ich leben? Was bekam ich von meinen Eltern mit? Was mag ich – was nicht: machen, essen, …?

Es ist schwer, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Das schreibt jemand, der von seiten seiner älteren Nachbarinnen immer ermahnt wird, sich mehr Reserven zuzulegen. Sprich: ein paar Kilo zuzunehmen.

Dem Strand ist es übrigens herzlich egal, wer ihn besucht. Denn für ihn ist klar:

Für einen Beachbody braucht es nur einen Beach und einen Body.

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Aus dem Bannkreis der Glaubenssätze ausbrechen

„Da musst du durch!“ Wie ein Gefängnis wirkte dieser Satz ihrer Mutter. Seit der Kindheit biss sie immer die Zähne zusammen, doch zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich die Befreiung von diesem Glaubenssatz. Mit Hilfe eines kleinen literarischen Tricks.

Ausbruch aus dem Glaubenssatz-GefängnisEs gibt Sätze, die brennen sich tief in das eigene Werte- und Koordinatensystem ein. Mantra-artig wiederholen sie sich im Kopf, als ob sie ein Eigenleben führten. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ zum Beispiel. Oder: „Ein einmal gegebenes Versprechen bricht man nicht!“ Auch „Da musst Du durch!“ gehört zu den Klassikern elterlicher Dogmen ↗, die die Welt erklären. Daher das Ausrufezeichen am Satzende.

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, Kinder an die Erwartungen der Umwelt anzupassen und zu zeigen: „Du bist nichts Besonderes!“ „Du musst Dich einordnen!“ „Das gehört sich nicht!“ Sie beschneiden Kinder in ihrer Individualität.

In einer konkreten Situation gesagt, können diese Sätze über die Jahre eine eigene Dynamik entwickeln. Sie lösen sich von den persönlichen Motiven des Vaters oder der Mutter, als sie diesen Satz sagten. Aus der starren Anschauung der Eltern wird der eigene Glaubenssatz. So beißt das Kind selbst als gestandene Frau immer wieder die Zähne zusammen. Auch dann, wenn loslassen, weggehen oder Angriff geeignetere Strategien wären.

Doch die erwähnte Frau hat das Machtfeld ihres Dogmas durchbrochen, indem sie den Leitsatz ergänzte. Er lautet nun „Das ist wie eine Tür, da musst Du durch“:

  • Türen öffnen sich zu neuen Ufern.
  • Türen können etwas einsperren. Oder aussperren.
  • Türen lassen sich zuschließen oder aufschließen.
  • Man kann durch eine Tür gehen und nicht wiederkommen.
  • Oder an der Türe jemanden hineinbitten.

Das Bild der Tür gab der Frau ungeahnte Möglichkeiten. Statt nur eine Richtung vorzugeben, offerierte der Satz nun viele Optionen – je nach Interpretation der Tür-Symbolik. Diese Wahlmöglichkeiten bedeuten Freiheit, sich entscheiden zu können.

Irgendwann kann man die eigene Meinung nicht mehr aushalten.

Fritz van Eycken (* 1968, Herausgeber u.a. von Werken Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns oder Karl Mays)

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Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

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Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

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Schlechte Voraussetzungen für gute Vorsätze

Der Betreiber des Fitness-Studios war zufrieden: die Kundenstatistik hatte sich wie geplant entwickelt. Mehr als die Hälfte derjenigen, die Anfang des Jahres mit dem Training anfingen, waren mittlerweile wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückgekehrt. Doch er hatte die Jahresgebühr von 430 Euro sicher auf dem Konto. Er dachte vergnügt: „Jedes Jahr das Gleiche – lernen die Menschen es nie?“

4,7 Milliarden Euro Umsatz hat die Fitnessbranche im letzten Jahr gemacht. Ihr Geschäftsmodell basiert auch auf dem Sprichwort „Der gute Vorsatz ist ein Gaul, der oft gesattelt, aber selten geritten wird.“ So werden Anfang des Jahres die persönlichen Ziele „Abnehmen“, „Mehr Sport“ oder „Weniger Drogen“ millionenfach festgelegt. Alleine jede vierte Frau und jeder fünfte Mann will eine Diät machen.

Auf Teufel komm raus sportlich seinWunderbare Formulierungen gibt es da: es wird davon geredet, dass jetzt „Schluss ist“ mit Torte, Steak oder Bier. „Man“ wird jetzt dreimal in der Woche laufen. Denn schließlich „muss“ jetzt alles anders werden. Besonders im Januar, dem dunkelsten Monat des Jahres, haben diese zwingenden, strafenden und demotivierenden Formulierungen ihre Hochkonjunktur. Sie kommen noch mal in kleinen Wellen wieder in der Fastenzeit und vor den Sommerferien, Stichwort: „Bikini-Diät“ und „Sixpack für den Strand“.

Wie soll mit dieser Selbstkasteiung das Wunschziel je erreicht werden können? Statt sich am Nasenring der scheinbar guten Vorsätze durch die Manage der Folterinstrumente (alkoholfreies Bier, Gewichte stemmen, schweißnasse Socken) führen zu lassen, würde es helfen, einen realistischen Wunsch an sich selbst zu formulieren, gefolgt von einem „weil …“ und einem „dafür verzichte ich gerne …“ Zum Beispiel:
„Ich möchte gerne gesünder leben und abnehmen, weil ich mich in meinem Körper wieder wohl und leicht fühlen will. Dafür verzichte ich gerne auf das zweite Glas Rotwein am Abend.“

Der Klang der selbst gesagten Worte löst im Inneren je nachdem Widerstand und Ablehnung oder Unterstützung und Motivation aus. Jeder hat es also selbst in der Hand, etwas zu ändern. Bevor es heißt:

Liebes neues Jahr, ich möchte mit Dir noch mal gaaaanz von vorne anfangen.

Spruchpostkarte des Inkognito Verlags, Berlin

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