Der Job ist ein Tigerkäfig

Im Job hatte er meist Pläne, Protokolle und Projektzahlen zu bearbeiten. Seine Leistung fiel ab, die Krankheitstage nahmen zu. Der Chef plante, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Dabei war er doch kreativ, konnte gut mit Menschen und im Social Media Bereich ein Talent. Sah das denn keiner?

In der besten aller Arbeitswelten werden Menschen entsprechend ihren Talenten und Fähigkeiten eingesetzt. Jenseits dieser Utopie, in unserer gelebten Arbeitswelt also, gibt es neben dem „Peter Prinzip“ noch den „Tigerkäfig“. Das Peter Prinzip beschreibt, dass Menschen so lange in der Hierarchie aufsteigen, bis sie die Stufe ihrer eigenen Inkompetenz erreicht haben. Beispielsweise sind erfahrene Projektleiter*innen verblüffend oft schlechte Führungskräfte und operative Stars mit strategischen Planungen überfordert.

Den Tiger aus dem Jobkäfig lassenEng verwandt ist der Tigerkäfig, eine Wortkreation von mir selbst. Denn zu oft erinnern mich angestellte Mitarbeiter*innen an Tiger in den Käfigen alter Zoos, die unruhig hin und herlaufen und einfach am falschen Ort sind. Ihre ganze Geschmeidigkeit und Kraft ist zwischen Betonböden und Gitterstäben fehl am Platz. So gibt es auch in Unternehmen Menschen, die (übertragen gesprochen) wie Zuckerbäcker wahre Kunstwerke fertigen könnten, doch leider Tag für Tag graues Kommissbrot backen müssen. Die ihnen innewohnende Kreativität wird durch öde Alltagsroutine ausgebremst. Wortakrobaten müssen sich als Budgetcontroller abmühen statt Textfeuerwerke abzubrennen und operative Genies sollen menschlich und strategisch Abteilungen visionär antreiben, obwohl sie sich im Klein-Klein der Aufgabendetails viel wohler fühlen. Das kann für alle Beteiligten nur schiefgehen.

Zu oft wird in Organisationen das Problem dann mit der wirtschaftlich und persönlich schlechtesten Lösung angegangen: der Kündigung. Eine Kündigung kostet beim Kündigen Geld, bei der Suche und Einstellung der Nachfolger*in ebenso und für eine längere Zeit ist die Stelle wenig „performant“ (leistet also nicht den notwendigen Beitrag zum Unternehmensergebnis). Für die gekündigte Person kommen auch noch Selbstzweifel und Versagensängste in der Jobsuche hinzu.

Viel lohnenswerter wäre es, die Person auf eine Position umzusetzen, die ihren Fähigkeiten und Talenten entspricht. Die Zuckerbäcker in der betrieblichen Patisserie, die Zahlenjongleure im Controlling, die operativen Genies in Organisationsprojekten, usw. Womit wir bei der Utopie wären. Sie wird leider oft nicht Realität, weil es nun mal menschelt, wo Menschen zusammenkommen. Denn ist der Ruf erst ruiniert („Welch ein schlechter Graubrot-Bäcker dieser Zuckerbäcker doch ist!“), gibt es intern wenige Fürsprecher, um eine Umbesetzung in die Wege zu leiten. Schade eigentlich, denn sonst könnten die Menschen an den geeigneten Stellen für das Unternehmen so richtig Gas geben und den alten Esso-Werbespruch mit Leben füllen:

Pack den Tiger in den Tank!

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Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

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Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

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Ab 50 bist Du unsichtbar!

Sie hatte den Eindruck, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Es gab keine bewundernden, anerkennenden oder begehrlichen Blicke mehr für sie. Sollte sie darüber traurig sein oder sich freuen?

In unserem Leben erfahren wir ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit. Ganz zu Beginn stehen wir als Kinder im Mittelpunkt elterlicher Freude und Leid. Nach und nach verlassen die geliebten Kleinen die häusliche Umgebung und gewinnen Freund und Feind draußen in der Welt. In der Jugend dreht sich alles um die Kernfragen „Wer bin ich?“ und „Wie sehen mich die anderen?“

Nach der Gründung einer eigenen Familie wiederholt sich die Konzentration auf einen Menschen, nun aus der Elternrolle heraus. Gleichzeitig ist es das Lebensalter, in dem Menschen ihre Berufs- und Lebenspläne möglichst erfolgreich voranbringen wollen. Maximale Aufmerksamkeit der Umwelt ist ihnen sicher.

Irgendwann, so ab Ende 40, wenn die Kinder kaum noch zu Hause sind und die Karriere die entscheidenden Weichenstellungen hinter sich hat, beginnt die graue Phase der Unscheinbarkeit. Wir schwimmen mit: mit großer Erfahrung und auch oft noch mit großer Kraft halten wir das Räderwerk in der Familie und im Beruf am Laufen. Wir sind das Rückgrat jeder Organisation, das Aufgaben abarbeitet, Prioritäten setzen kann und Lösungen für nahezu jedes Problem findet. Doch gleichzeitig sind wir immer weniger attraktiv für andere: sei es in Paarfragen oder in Karrierefragen.

Die Menopause scheint besonders für Frauen ein Zeitalter der Bedeutungslosigkeit einzuläuten. Männer sind davon auch betroffen, jedoch weitaus weniger als Frauen. Wer sich einmal die Namenslisten und Fotos von Führungskräften aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur anschaut, wird dort viele Männer ab 50 Jahren sehen. Da jedoch nicht alle Männer in Führungspositionen gelangen können, gibt es auch bei ihnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit.

Mehr Aufmerksamkeit erlangen wir erst wieder, wenn wir ab 70 anfangen, anderen im Weg zu stehen, weil wir zu gebrechlich sind oder die neueste Technik nicht verstehen. Dann sind wir als „Silver Ager“ auch wieder eine attraktive Zielgruppe für Werbung; ein Status, den wir spätestens mit den 50. Geburtstag verloren hatten. Doch ist das wirklich tragisch?

Den eigenen Weg gehen und den Zweiflern trotzenZugegeben: berufliche Attraktivität und sexuelle Begehrlichkeit sind wunderbare Rückmeldungen von außen. Die Kehrseite: sie werden gewährt, wenn ich den Anforderungen und Wünschen der Komplimente-Macher*innen entspreche. Ganz natürlich immer noch jung aussehen müssen, weiterhin Top-Leistung auf der Arbeit bringen – das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Und langweilig. Denn irgendwann ist es doch genug damit, den Ansprüchen von außen gerecht werden zu wollen.

Ist Unsichtbarkeit vielleicht auch ein Geschenk der Freiheit, endlich tun und lassen zu können, was ich will? Eine kostbare Lebensphase, die noch genügend Energie bereithält, um langgehegte Pläne oder neue Ideen wahr werden zu lassen? Diese 15, 20 guten Jahre vor der Herrschaft der Altersgebrechen wollen doch genutzt werden, oder?

Eine fortschrittliche Frau fortgeschrittenen Alters kann keine Macht der Welt im Zaume halten.

Dorothy L. Sayers (1893 – 1957, englische Schriftstellerin)

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Gesegnet sei der volle Terminkalender

Die moderne Büroarbeit ist hybrid: eine wilde Mischung aus Tagen im Büro, Homeoffice, echten Meetings und Videokonferenzen. Und der Terminkalender kennt keine Lücken mehr. Wie kann da ein Ausstieg gelingen?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit „vor Corona“? Das war jene sagenumwobene historische Epoche, als Büromenschen (so hieß das damals) das Zuhause verließen, um dicht gedrängt in Zügen oder über verstopfte Straßen zu einem mehr oder minder schlichten Gebäude zu fahren. Dort angekommen setzten sie sich auf einem leidlich ergonomischen Stuhl vor einen Tisch, starteten den Computer und begannen zu arbeiten. Viele, sehr viele, haben den Schreibtisch nie erreicht, weil sie gleich in sogenannte Besprechungsräume abbogen. Dort saßen sie an „Konferenztischen“ und stündlich wechselten sie den Raum, schnappten sich unterwegs einen frischen Kaffee oder Tee und ein paar Minuten später, ein paar Räume weiter, ging es weiter.

Dann kam Corona und viele Bürojobs wurden nach Hause verlagert. Es war eine Zeit der Entgrenzung: Der Besprechungsraum war der Küchentisch oder auch mal der Esstisch, manchmal nur ein Rechner auf dem Bügelbrett im Schlafzimmer. Termine und Besprechungen liefen ausschließlich digital und die Lernkurve für Videokonferenzen zeigte steil nach oben. Der Dienstkalender füllte sich pausenlos mit Teams-, Skype-, WebEx- oder Zoom-Einladungen. Von einem zum nächsten Termin wechselte es sich in zehn Sekunden. Das ging den ganzen Tag lang.

Wieder ein paar Monate später begann die hybride Phase, in der wir jetzt noch sind. Hybrid, so definiert es der Duden, ist „aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, von zweierlei Herkunft, gemischt, zwitterhaft“. Was in der Küche oder der Kunst eine durchdachte Komposition ist, wurde im Arbeitsleben eine wilde Kreuzung von ehemals analoger Vor Ort-Arbeitswelt und neuer mobiler digitaler Arbeitswelt. Ein Teil der Arbeitenden sitzt zu Hause, ein anderer Teil im Büro und alle versuchen in pseudo-gemeinsamen Treffen die stetig wachsenden Aufgaben zu erledigen. Weil sich Termin an Termin reiht, schalten sich viele auf dem Arbeitsweg per Telefon auf die Meetings drauf. Andere schauen sich die Aufzeichnungen am Abend an, wenn die Kinder endlich im Bett sind und Ruhe im Zuhause einkehrt.

Ein voller Kalender mit persönlichen Freiräumen

Wenig überraschend fühlt sich ein Viertel aller Menschen in Deutschland häufig gestresst. Die Corona-Pandemie hat den langfristigen Trend, mehr Stress zu empfinden, verstärkt. Besonders die Kombination aus Homeoffice und Kind(ern) setzt den Menschen zu, Hauptauslöser ist die Arbeit. Mehr dazu in der Stressstudie 2021 der Techniker Krankenkasse ↗.

Viele klagen, dass sie wegen all der Meetings nicht zum Arbeiten kämen. Eine Besprechung ist also keine Arbeit? Natürlich ist sie das, doch es geht um das Vorbereiten, Nachbereiten und Abarbeiten. Aufgaben, die in einer solchen Sitzung verteilt werden, erledigen sich nicht durch Magie und mir ist noch nie eine Entscheidungsvorlage untergekommen, die aus dem Nichts durch das Schwingen eines Zauberstabes entstand. Das (Heim-)Büro ist schließlich nicht Hogwarts.

Auf der Strecke bleibt mittlerweile fast vollständig die Pause. Jene schöpferische Ruhephase, ohne die keine Ideen entstehen können. Auch was im Büro die beiläufigen Begegnungen an den berühmten Kaffeemaschinen sind oder der unvermeidliche Flurfunk ist, lässt sich digital nur bewusst organisieren. Organisch und zufällig wächst das virtuell einfach nicht.

Wie wäre es daher, den eigenen Kalender vorsorglich selbst zu blockieren bevor er fremdgesteuert vollläuft? Täglich ein, zwei, vielleicht gar drei Stunden, mal am Stück, mal aufgeteilt, wo Aufgabenerledigung, Nachdenken, Kreativität, Konzeptionierung, Recherche, soziale Kontakte zu Kolleg*innen etc. möglich sind? Ich habe das nun einige Wochen ausprobiert und ich habe das Gefühl, mehr Herr über meine Zeit zu sein. Für die jeweils kommenden zwei Wochen habe ich mir undefinierte Termine eingelegt, nur für mich. So kann ich viel besser steuern, an welchen Terminen ich überhaupt teilnehme, welche ich nur ausschnittsweise in der Aufzeichnung anschaue, bei welchen in höchstens das Protokoll lese. Wirklich wichtige Dinge habe ich noch nicht verpasst. Stattdessen bin ich besser vorbereitet in Sitzungen, bin weniger leicht reizbar und kann eine bessere Arbeitsqualität abliefern. Mir scheint fast, als hätte ich wieder Luft zum Atmen und Raum zum Denken.

Prof. Umbridge: „Ihr werdet den genehmigten Text jetzt vier Mal abschreiben, das sorgt für optimales Einprägen. Es besteht kein Grund zu reden.“

Hermine: „Und zu denken, das trifft’s eher.“

Aus „Harry Potter und der Orden des Phönix“, zitiert nach myzitate.de/hermine-granger

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In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

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Spuren am Strand statt Spuren im Netz

Haben Sie schon vom Höhlensyndrom (Cave Syndrome) gehört? Es beschreibt den inneren Zustand von Menschen, die Angst vor den Lockerungen haben, die nun nach und nach in unseren Alltag einziehen. Das normale Leben, das wir vor den Einschränkungen durch die Pandemie führten, erscheint unvorstellbar. Feiern mit Freunden, Ausgehen in volle Restaurants und Clubs, eng an eng in Bus und Bahn. Dabei geht es weniger um Infektionsschutz als um Kontaktvermeidung, reale Menschen zu treffen wird zur sozialen Überforderung. Vom Höhlensyndrom berichten Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte gleichermaßen. Dabei bezeichnet Syndrom ein psychisches Leiden, doch sind diese Menschen wirklich krank oder einfach nur überfordert? Vielleicht überdenken manche schlicht, was von dem Leben vor der Pandemie in die viel zitierte „Neue Normalität“ mitgenommen werden soll. Schließlich gab es immer schon und immer noch den sozialen Druck, gesellschaftlich zu „performen“, sich also erfolgreich entlang vorgegebener Wertemaßstäbe zu verhalten.

Wie in der legendären Sparkassenwerbung „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“ geht es jetzt zusätzlich um „Meine Party! Mein Urlaub! Mein Foto!“. Ein erfolgreiches Leben für Instagram, Facebook, TikTok, diese sogenannten sozialen Netzwerke, zu führen, ist scheinbar die Währung, die viele für Anerkennung zu zahlen bereit sind. Mit weitreichenden Folgen: so musste kürzlich der Königssee-Wasserfall im Bayerischen Nationalpark Berchtesgaden für Besucher gesperrt werden. Als Geheimtipp für besonders schöne Fotomotive setzten, stellten, legten sich dort immer mehr „Influencer“ in Szene, um auf Instagram besonders viel Bewunderung zu bekommen. Der Einfluss der Influencer war immens. Der Aussichtspunkt über dem Wasserfall wurde bei Nachahmern immer beliebter bis schließlich Trampelpfade und Müllberge drohten, das Naturschutzgebiet zu zerstören.

Raus aus der Höhle und am Strand einander begegnenViele Menschen führen ein Leben, dass sich an den Moden von Instagram und TikTok orientiert, es ist „instagramable“. Auf den aufwendig bearbeiteten Fotos sieht alles super natürlich und super cool aus. Das gilt besonders für die Generation „Easy Jet“, für die dank Billigflugtickets Clubnächte in Como, Mädelstreff in Mailand oder Shopping in Stockholm eine natürliche Erweiterung ihres Hinterhofes darstellte. Während der häuslichen Isolation wurden Home Office, Home Schooling und Home Clubbing verstärkt Themen, um sich in der Pandemie zu präsentieren. Digital verbunden mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt entsteht so leicht das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit Herzchen, Likes und Daumen-hoch zwischenmenschliche Begegnung simuliert. Das einzige, was meiner Meinung nach von der Illusion einer globalen Verbundenheit als dauerhafte Erinnerung zurückbleibt, sind digitale Spuren bei GAFAM, den fünf großen Tech-Konzernen Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft.

Scheinbar verbunden mit der ganzen Welt zu sein ist jedoch keine COVID-19 Folge, es gab bereits „davor“ solche Szenen: In einem beliebigen Straßencafé teilen Menschen lediglich ein Möbel, aber keine Gemeinschaft miteinander. Sie fotografieren sich selbst und/oder ihr Essen und schicken das Bild in die „Cloud“. Oder sie chatten mit Menschen am anderen Ende des Kontinents, unterhalten sich aber nicht mit ihren unmittelbaren Tischnachbarn. Diana Kinnert beschreibt solche urbanen Orte als „Inseln zwischenmenschlicher Begegnungslosigkeit“.

Monatelang gab es persönliche Treffen nur sehr begrenzt und so ist es wenig verwunderlich, dass bei einigen ein Gefühl der Überforderung eintritt. Die Zeit der Höhlenmenschen ist vorbei! Während vielfach erwartet wird, dass wir uns jetzt alle freudig um den Hals fallen, sind echte Begegnungen zwischen realen Menschen voller widersprüchlicher Gefühle, vielfältiger Überraschungen und manchmal auch Verletzungen. Der digitale Ersatz taugt dafür nicht als Vorbereitung.

Ich werde jetzt lieber Spuren im Sand statt Spuren im Netz hinterlassen, Muscheln sammeln, auch Menschen „live und in Farbe“ treffen und pausiere mit dem Blog bis Ende August. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür (auch wenn sie in Sturm und Regen verkleidet sind) und ich mache Urlaub. Weil ich weder auf Instagram, Facebook oder TikTok bin, wird das einfach schön.

Anti-Einsamkeit ist nicht nur loser, flüchtiger Kontakt.

Diana Kinnert, (*1991, Publizistin und Unternehmerin)

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Zulassen, dass es nicht perfekt wird

Für die Vorstellungsrunde im Seminar sollten alle ein Bild von sich malen. „Na super“, dachte sie. „Wieder so was Kreatives. Und ich kann nicht zeichnen. Damit blamiere ich mich doch gleich zu Beginn.“ Warum hatte sie sich hierfür bloß angemeldet?

Für Kinder wäre diese Seminaraufgabe ein Klacks. Die malen einfach drauf los – zumindest bis zu dem Alter, in dem sie von Erwachsenen gesagt bekommen, wie etwas auszusehen habe. „So sieht doch aber kein Haus aus!“ oder „Die Omi hat doch ganz andere Haare!“ Mit jedem dieser Sätze wird ein Stück Freiheit und Kreativität erstickt. Kinder lernen, dass sie bestimmte Dinge und Formen aufs Blatt bringen sollen. Und weil sie bei einigen Bildern auch gelobt werden („Das ist aber schön geworden!“), lernen sie diese fremden Erwartungen besonders gut zu erfüllen. Das ist die Geburtsstunde des kleinen Perfektionisten in ihnen. Der wird sie von nun an ihr ganzes Leben begleiten und peinlichst genau darauf achten, alles gut zu machen.

Vielleicht erinnern sich manche an „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler. In diesem Kinderbuch will eine kleine Hexe zur Walpurgisnachtfeier der großen Hexen. Weil sie gerade mal 127 Jahre alt ist (und das ist ja für eine Hexe noch gar kein Alter), darf sie noch nichtfeiern. Heimlich schleicht sie sich auf den Blocksberg und wird erwischt. Die großen Hexen verlangen eine Bestrafung, doch wenn sie in einem Jahr eine gute Hexe geworden ist, darf sie mit ihnen um das Hexenfeuer tanzen. Ihr treuer Rabe Abraxas erinnert sie nun bei vielen Gelegenheiten daran, dass sie eine „gute“ Hexe werden muss. Also hilft sie armen Mädchen, frierenden Marktleuten und alten Frauen gegen herzlose Oberförster oder grobe Bierkutscher. Doch das ist leider genau das Gegenteil von dem „Gut“, das die alten Hexen meinten: Statt zu helfen, hätte sie gemein zu den Leuten sein sollen.

Kreativität will Freiheit vom PerfektseinEs geht mir um Erwartungen an die zu erbringenden Leistungen. Wenn der Trainer an den Seminarbeginn ein Bild setzt, dann will er unter den Teilnehmenden keine Da Vincis oder Frida Kahlos entdecken, sondern er will Raum geben für Freiheit. Die Surrealisten hatten dafür den Begriff des „automatisierten Zeichnens“ oder „automatisierten Schreibens“ geprägt: etwas auf Papier zu bringen, ohne sich den Vorgaben von Proportionen oder Orthographie zu unterwerfen, um so den kreativen Prozess ungestört laufen zu lassen.

Auch für den Seminarleiter geht es vom Müssen hin zum Dürfen: Er lädt die Teilnehmenden ein, zuzulassen, dass etwas nicht perfekt wird. Er will Freude am Ausprobieren wecken und Lust am Entdecken. Dabei entstehen durch Zufall Erkenntnisse, die im drögen Lehrstoff zwar theoretisch enthalten sind, die aber nur durch Erleben gelernt werden. Und erst in dieser Freiheit des Erlebens und Tuns kann Kreativität leben und es ein gelungenes Seminar werden.

Kindheit und Genialität haben denselben Grundimpuls: Neugier

Sprichwort

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Perfekte Harmonie: ein tödlicher Cocktail

Kaum hatte er seine Ansprache beendet, stieg die Unzufriedenheit in ihm auf. Da gab es Versprecher! Noch schlimmer: ein, zwei Zuhörende schienen wenig begeistert von seinen Ausführungen. Er warf sich vor: warum war ich nicht besser und habe deshalb von allen Zustimmung erhalten?

Manche Menschen halten es nicht aus, wenn es Unfrieden zwischen ihnen und ihrem Umfeld gibt. Sie richten ihr Handeln ständig auf die Reaktionen des Umfelds ab und vermeiden alles, was zu etwaigen Unstimmigkeiten führen könnte. Sie brauchen Harmonie: die freundliche, besser noch freundschaftliche Beziehung zu allen Menschen. Sie können ohne die Anerkennung ihrer Tätigkeiten und Ansichten nicht leben. Dafür sind sie im Zweifelsfall auch bereit, eigene Interessen hinten anzustellen zu Erreichung eines friedlichen größeren Gemeinsamen.

Andere Menschen leben unter einem Perfektionsdiktat, das sie sich selbst auferlegt haben. Präzisionsarbeit, Zuverlässigkeit und Ordnung gelten für sie als oberstes erstrebenswertes Ziel. Sie finden für jedes Ding den rechten Ort, denn das ist ihr Sport. Die Wohnung ist blitzblank und selbst zu spät zu einer Verabredung kommen ist für sie ein Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges. Diesen hohen Anspruch stellen sie auch an ihr Umfeld und äußern das unmissverständlich, mitunter wenig diplomatisch.

Harmonie und Frieden – immer und überallUnd dann gibt es Menschen, die beide Antriebe in sich vereinbaren und in perfektionistischer Weise nach Harmonie streben. Harmonie und Frieden zu 100 Prozent? Das ist ein tödlicher Mix von Zielen, denn diese Ziele streben in unterschiedliche Richtungen. Wer in Harmonie leben will, muss sich unweigerlich mit den Schwächen und Unzulänglichkeiten der Menschen arrangieren. Als Harmoniebedürftiger wird dann ausgeglichen, nachgesehen und entschuldigt, um ja keinen Zwist aufkommen zu lassen. Konflikte werden um jeden Preis vermieden. Wer nach Fehlerlosigkeit strebt, hält es gerade nicht aus, dass andere Schwächen und Unzulänglichkeiten haben. Als Perfektionist wird dann kontrolliert, geurteilt und gefordert, um ja eine hundertprozentige Zielerreichung abzusichern.

Nicht nur andere, auch an sich selbst haben sie den Anspruch an perfekte Harmonie. Sie halten es schier nicht aus, wenn sie nicht alles getan haben, um Anerkennung für respektvolles Handeln zu bekommen, wenn sie jemanden selbst wenig einer Kleinigkeit verärgert haben könnten.

Diese Mischung aus Harmoniesucht und Perfektionismus ist ein tödlicher Cocktail, weil er die Freiheit zerstört, die wir als fehlerhafte Wesen brauchen. Wir sind nicht perfekt und das Leben besteht aus Konflikten. Wer das für sich negiert und Perfektionismus und Harmonie in allen Bereichen erreichen will, wird nur dann glücklich sein, wenn der Tod eingetreten ist. Dann ist, je nach eigenem Weltbild, die perfekte Harmonie mit dem allumfassenden Göttlichen oder dem allumfassenden Nichts erreicht.

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin Müller-Stahl (*1930, deutscher Schauspieler und Maler)

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Vorteil für mich, Pech für dich

Als er voll Stolz erzählte, wie er den begehrten Projektleiterposten bekommen hatte, wurde seine Schwester wütend: „Den Job hast Du nur bekommen, weil Du einfach gewisse Privilegien hast!“ Und er fragte sich: „Meine Beförderung habe ich mir doch selbst erarbeitet, oder etwa nicht?“

Bei Beförderungen in Firmen gewinnt oft nicht die bestgeeignetste Person, sondern es wirkt ein ganz besonderes Gemisch aus Privilegien und Leistung. Trotz des verbreitesten Klischees, dass sich eine Frau „hochgeschlafen hat“, sind es oft Männer, die das Rennen machen, auch wenn sie nicht die fachlich-persönlich geeignetste Person sind. Offiziell wird niemand benachteiligt, aber alle wissen, dass einer bevorzugt wurde. Dabei gibt es im Artikel 3 des Grundgesetzes eine oft vergessene Doppelformulierung, was die Gleichheit von Rechten und Chancen angeht: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Weder eine Benachteiligung noch eine Bevorzugung ist erlaubt.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemachtIn der gelebten Realität gibt es allerdings Privilegien, die manche Menschen haben, oft ohne sie zu erkennen. Und die Menschen, die sie nicht besitzen, haben entsprechend schlechtere Chancen. Denn die Kehrseite der Benachteiligung ist die Bevorzugung: was der einen zum Nachteil ist, ist dem anderen der Vorteil. Hier ein paar Fragen, die auf Privilegien hinweisen:

  • Wird bei der Stellenbesetzung überlegt, ob die sich bewerbende Person bald Nachwuchs in der Familie haben wird? Antwort: Ja, tendenziell mehr bei weiblichen als bei männlichen Bewerbern.
  • Hat eine Person eine Führungskraft, die sie protegiert? Tendenziell haben Männer stärkere Seilschaften und Netzwerke als Frauen.
  • Wird nach den Leistungen oder den Leistungsversprechen der sich bewerbenden Person geschaut? Frauen fällt es öfters als Männern schwer, ihre Leistungen deutlich anzupreisen.

Auch im Alltag lassen sich Benachteiligungen erkennen, in dem ich Selbstverständlichkeiten hinterfrage. Mir als weißhäutigem Mann um die 50 Jahre steht es nicht zu, über Diskriminierung reden, da ich jede Straße benutzen kann, unabhängig von der Uhrzeit, auch alleine, ohne aus Angst vor Übergriffen meine Wege zu ändern. Oder ich bei Fahrkartenkontrollen keine Schweißausbrüche bekomme, weil man mir nicht vornherein einen Betrugsversuch unterstellt.

Es gibt Situationen, in denen jemand anerkennen muss, dass der Misserfolg nicht darauf beruht, dass sie/er schlecht war, sondern weil jemand anders auch mit Hilfe von Privilegien zum Zuge kam. Diese Benachteiligung ist kein individueller Fehler, sondern ein strukturelles Problem. Ich plädiere sehr dafür, nicht in die Falle zu tappen und das strukturelle Problem zu einem Persönlichen zu machen. Denn es geht nicht um eigenes Versagen, sondern um Macht und Ohnmacht, weil manchen Menschen das Gewinnen leichter gemacht wird.

Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute.

F. Scott Fitzgerald (1896 – 1940, US-amerikanischer Schriftsteller)

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