Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

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