Nur ich auf meiner einsamen Insel

Das Ziel aller Arbeitsträume naht: der Urlaub! Doch in diesem Jahr ist es mehr Albtraum als Paradies. Immer noch eng mit der Familie zusammen, Edersee statt Engadin und danach noch weitere vier Wochen Ferien zu überbrücken. Sie wollte am liebsten auf eine einsame Insel, alleine. War sie deshalb eine Rabenmutter?

Vier Monate Ausnahmezustand im Familienleben hinterlassen ihre Spuren. Vier Monate, in denen zu Hause gearbeitet wurde, Schule stattfand und Besuche ausblieben. Wer Glück hat, konnte noch raus in den Garten oder immerhin auf einen Balkon. Vielleicht haben alle sogar eigene Zimmer! Doch selbst dann ist eines Mangelware: Zeit für sich selbst. So wie Klopapier und medizinische Masken Mangelware waren, sind Rückzugsmöglichkeiten rar gesät gewesen. Ein Rückzug von anderen Menschen, endlosen Aufgaben und auferlegten Pflichten. Ein Rückzug in mich selbst, mein Tempo, meine Zeit. Niemanden sehen und niemanden hören.

Stattdessen klingelt nach einer zu kurzen Nacht wieder der Wecker und manch ein:e kann dann vielleicht diese Liedzeilen von Udo Lindenberg nachvollziehen:
„Was ist das bloß für ein beschissenes Land
in dem schon morgens um sieben die Sonne aufgeht?
Er schmeißt den Wecker an die Wand
und flucht vor sich hin, während er langsam aufsteht.“

Der namenlose Protagonist des Songs ist vom Leben überfordert und um damit zurecht zu kommen, geht er ins „Killer Kino“, schaut sich Mad Max, Alien und andere Brutalo-Filme an. Dort wird abgerechnet und mitgeschossen. Auch friedliche Menschen entdecken in sich mal solche Gedanken. Jetzt sind die meisten Kinos zu und selbst wenn, wäre das meiner Meinung nach nicht der probate Weg, mit der aktuellen Überforderung umzugehen.

Nur ich auf meiner Insel

Wie verlockend ist stattdessen dieser Gedanke: „Ich, alleine auf einer Insel. Vielleicht noch eine Nachbarinsel nebenan, zu der ich hinfahren kann, um einen anderen Menschen zu sehen. Aber nur, wenn ich es will.“ Dieses Bild beschreibt eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe. Und wenn diese Sehnsucht nicht gestillt wird, sind die Risiken und Nebenwirkungen: leichte Reizbarkeit, dünne Geduldsfäden, Kopf- und Gliederschmerzen. Der Wunsch nach Besinnung ist gerechtfertigt, damit ich bei Sinnen bleibe.

Nicht jedem ist es gegönnt, wie erfahrene Yogis auch im lautesten Alltag einer indischen Stadt in Meditation und Kontemplation zu versinken. Doch ganz sicher gibt es in jedem Alltag kleine Lücken für Auszeiten. Auch im Urlaub kann es guttun, mal einen halben oder ganzen Tag etwas getrennt voneinander zu machen. Das sind Chancen für die Muße, die erfrischen und entspannen.

Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen.

François VI. Herzog de La Rochefoucauld (1613 – 1680, franz. philosophischer Schriftsteller)

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