Das Zwei-Euro-Stück zum kleinen Glück

Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. Wäre da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Erschütterung lustig mit Kopf wackelte, er wäre schon längst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?

Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem DeckelIn den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bitteschön auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von Händen diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den Überblick zu behalten über die eigenen Ausgaben. „Was weg ist, ist weg“ gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol dafür aus der Hand geben – eine Münze, einen Schein – sondern bestenfalls das Vorhalten eines Stücks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen für (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann – menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.

Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit getätigt und war jeden Monat aufs Neue überrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gewöhnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr über meine Finanzen.

Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst spät erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gefüllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit für die schönen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie gönnen würde: ich sammele 2-Euro Stücke, die ich als Rückgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv „Lenzerheide (1500 M. ü. M. Graubünden Schweiz)“ mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist groß genug, um tatsächlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsglücksmomente damit leisten können:

  • Eine Lederumhängetasche, mit der ich jahrelang tagtäglich unterwegs war.
  • Zwei chinesische Löwen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begrüßung sitzen und perfekte Trockner für nasse Wollmützen sind.
  • Einen Noise-cancelling Kopfhörer für mehr Ruhe im Großraumbüro.
  • Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erwähnte fröhliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.
  • Handwerkskunst geflüchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.
  • Ein Helmkoffer für die Vespa mit integriertem Rückenkissen für mehr Soziusbequemlichkeit.

Nichts davon hätte ich mir normalerweise als Großzügigkeit gegenüber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich über lange Monate die Münzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, dafür stelle ich Münzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.

Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Glück machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-Stücke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie für ein neues besonderes Alltagsglück eingetauscht werden.

Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch völlern. Wir leben nur noch gesund, vernünftig und ethisch bewusst, aber übertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.

Eva Menasse (*1970, österr. Schriftstellerin)

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