Darf ich Andere in ihr Unglück laufen lassen?

Die Abteilungsleiterin war wie immer in Eile, als der Kollege sie auf dem Flur erwischte und um einen Termin für die Vorbereitung der Strategiepräsentation bat. Komplett ausgebucht sei sie kommenden Wochen, ihr Blick erinnerte ihn an ein gehetztes Reh. Als sie dann noch sagte: „Bitte nicht böse sein, das ist nicht persönlich gemeint!“ kam er ins Grübeln. Wie um alles in der Welt kommt dieser Satz zustande? Er weckte in ihm Mitleid und den Wunsch, zu trösten und zu helfen. Doch wie? Und steht ihm das überhaupt zu?

Manche tanzen gerne auf dem Rand einer KlippeVon Außen betrachtet erscheint es, als ob manche Menschen haarscharf an einer Klippe entlang balancieren, immer kurz vor dem Absturz hinein in einen körperlichen oder psychischen Zusammenbruch.  Möchte ich eingreifen? Darf ich aktiv werden? Oder muss ich gar beschützen?

Die Frage, ob ich eingreifen möchte, ist in der Regel von der Sympathie abhängig, die ich für die andere Person empfinde. Leute, die ich eh nicht leiden kann, lasse ich viel leichter in ihr Unglück laufen als Menschen, denen ich mich nahe oder verbunden fühle.

Die Frage, ob ich eingreifen darf, hängt meiner Meinung nach davon ab, ob ich dazu den Auftrag oder die Erlaubnis habe. Ein Vorgesetzter hat eine Sorgepflicht, die sich oft aus einer Leitidee für Mitarbeiterführung ergibt. Sie ist der Auftrag, Klippengängern eine Rückmeldung zu geben und für ihre Entlastung zu sorgen, so dass sie mehr Abstand zum Steilhang bekommen. Und das unabhängig von etwaiger Sympathie oder Antipathie.

Die Erlaubnis einzugreifen bekommen Außenstehende nur durch die Person selbst, die in der scheinbar kritischen Situation ist. Am ehesten haben die Erlaubnis noch Partner, Freunde und Familie, aber allerwenigsten jedoch Kollegen. Selbst Bekundungen die über das übliche „Sie haben im Moment wirklich viel zu tun“ hinausgehen, können als „übergriffig“ angesehen werden. Denn: ist meine Wahrnehmung gerechtfertigt? Fühlt sich mein Gegenüber denn überhaupt am Klippenrand? Und will mein Gegenüber dazu etwas hören? Und in der Selbstreflektion: Ist mein „Unglücksempfinden“ identisch mit dem Unglücksempfinden des Anderen? Mein Unglück ist schließlich nicht ihr Unglück und ihr Unglück ist nicht mein Unglück.

In der Konsequenz heißt das: ich muss Menschen sehenden Auges in „ihr Unglück“ laufen lassen, wenn ich nicht den Auftrag oder ihre Erlaubnis habe, einzugreifen.

„Takt besteht darin, dass man weiß, wie weit man zu weit gehen darf.“
Jean Cocteau (1889 – 1963), franz. Schriftsteller, Regisseur und Maler.

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Wenn Spiegelneuronen vor Begeisterung Feuer fangen

Gebannt hörte ich ihr zu: ihre Begeisterung für ihr neues Projekt war förmlich zu spüren und überzeugte mich restlos davon, dass sie es schaffen wird. Wie anders war die Geschäftsfrau noch ein paar Minuten zuvor gewesen, als sie von ihrer jetzigen Tätigkeit berichtete und wie niedergeschlagen fühlte ich mich dabei. Denn mein Körper reagiert spiegelbildlich auf den Gefühlszustand meines Gegenübers. Wie kann ich aber fremde Überzeugung in mir spüren?

Die Frau, die mir gegenüber saß, bat um Hilfe bei einer Berufsentscheidung: wo hinein sollte sie ihre Energie stecken? Da gab es den „Brot und Butter“ Beruf im Büro und ihre freiberufliche Tätigkeit. Doch die war in einem Umfeld, in dem sich viele mit ähnlichen Fähigkeiten tummelten. Dann erzählte sie von ihrer letzten Reise auf den afrikanischen Kontinent und plötzlich saß ein anderer Mensch vor mir. Konnte diese leuchtende Sonne die gleiche Person sein wie die „graue Maus“, die ich gerade zuvor erlebte? Plötzlich merkte ich auch eine Veränderung in mir: mein Körper spiegelte ihre Erregung und Begeisterung, mein Hirn sendete euphorisch Botenstoffe aus:

  • Begeisterung steckt anMeine Augen leuchteten
  • Meine Wangen glühten
  • Mein Herz klopfte
  • Vor Ergriffenheit stiegen Tränen in meine Augen
  • Ich hatte Flugzeuge in meinem Bauch
  • Meine Beine wollten losrennen
  • Meine Hände waren arbeitsbereit und feucht

Wann hat das letzte Mal ein anderer Mensch Sie vollkommen überzeugt und kein Zweifel blieb in Ihnen, dass da jemand für seine Idee brannte? Vielleicht können Sie sich diese Situation noch mal wie in Zeitlupe betrachten: welche körperlichen Signale fielen Ihnen bei sich selbst auf?

Die Frau entwickelte eine Idee, wie sie einen neuen, auf dem Markt einzigartigen Schwerpunkt ihrer freiberuflichen Tätigkeit anbieten kann. Er basiert auf Kontakten, Projekten und Produkten, die sie aus ihrem Urlaub mitbrachte.

Empathie (die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen) beruht auf so genannten Spiegelneuronen. Ihr Gehirn reagiert auf die Handlungen Ihres Gegenübers, als ob Sie selbst handeln würden. Einzige Voraussetzung: Sie haben schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht wie Ihr Gesprächspartner, es gibt also eine verwandte emotionale Grundlage. Kurz gesagt: wenn Sie jemals Begeisterung spürten, einen Neuanfang wagen wollten, dann werden Sie von der Begeisterung des Anderen angesteckt. Wenn dieser Mensch für eine Sache brennt, dann fangen auch Sie Feuer. Andersherum: spüren Sie in sich keine Begeisterung, ist Ihr Gegenüber vermutlich auch nicht begeistert. Nach „Schema F“ trainierte Vertriebler werden von dieser Nachricht nicht begeistert sein.

„In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“
(Cicero, römischer Philosoph, Politiker, Schrifsteller und Redner)

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Wie man keine Freunde gewinnt

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen und nun sieht man sie wieder in den Bars oder Straßencafés eifrig nach der Bewunderung und der Aufmerksamkeit des Gegenübers fischen: Menschen auf der Balz. Manchmal wirkt das wie ein Eroberungsfeldzug, bei dem eine(r) überrollt wird mit selbstzentriertem Gerede. Dabei geht es doch um Gefühle, um einen gemeinsamen Tanz, nicht um die Eroberung von Ländereien – oder habe ich da etwas missverstanden?

Zeigt kein ehrliches Interesse am GegenüberEs war ein sehr gemütlicher Abend in einer Bar, die mit Möbeln der 50er Jahre und ungewöhnlichen Cocktails eine behagliche Wohnzimmeratmosphäre schuf. Drei Paare waren anwesend, gedämpfte Gespräche, Loungemusik. Doch dann öffnete sich die Tür, ER trat auf die Bühne, um IHR zu imponieren. Kaum dass sie saßen, überfiel er sie und produzierte seine Vorzüge. Sie pflichtete ihm bei und versuchte seine Aufmerksamkeit auf ihre Einzigartigkeit zu lenken. Der Kampf um die Lufthoheit über dem Kennenlernen war voll entbrannt. Die Gespräche der anderen Paare und die Musik wurden in den Hintergrund gedrängt.

1936 hat Dale Carnegie in seinem Buch „Wie man Freunde gewinnt“ die Geschichte eines erfolgreichen Abends erzählt. Sein Gegenüber habe sich beim Abschied sehr für das außerordentliche gute Gespräch bedankt, dabei hatte Carnegie nichts von sich erzählt. Er hat lediglich aufrichtiges Interesse für den anderen gezeigt. Das Buch zählt mittlerweile zu den Klassikern der Kommunikationsliteratur. Auch wenn es ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sind seine „goldenen Regeln“ wie „Geben Sie anderen ehrliche und aufrichtige Anerkennung“, „Interessieren Sie sich aufrichtig für andere“ oder „Erwecken Sie in anderen lebhafte Wünsche“ immer noch aktuell.

Hätte der junge Mann in der Bar nur diese Regeln befolgt! Glauben Sie, dass er bei der Frau im Sessel gegenüber den lebhaften Wunsch geweckt hat, ihn wieder zu treffen? Dabei war doch gerade das sein Ziel, das er mit seinem Verhalten allerdings kräftig sabotierte.

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Die junge Kollegin hat keine Chance: links ist das Fenster, vor ihr der Schreibtisch, hinter ihr die Wand und rechts – da sitzt ihr Chef. Fast schon auf ihrem Schoß. An Flucht ist nicht zu denken, auch nicht, als er noch rülpst. Das ist der Alltag bei dieser Mitarbeiterin: sie lässt diese massive Verletzung ihrer Grenzen zu. Kann eine Mischung aus Gehorsam und passivem Widerstand ihre Situation verbessern? Lesen Sie die Antworten am 7. April hier auf meinem Blog.

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Hattest Du vor Facebook keine Freunde?

„Erinnerst Du Dich noch“, fragte mich am Neujahrstag meine Frau, „früher war es Mode, per sms alles Gute zum neuen Jahr zu wünschen.“ „Vermutlich macht man das heute über Facebook“ antwortete ich. Sie merken: meine Frau und ich sind vor 1990 geboren und nicht bei Facebook. Was glauben Sie: haben wir trotzdem Freunde? Und falls ja: haben wir in den letzten fünf Jahren auch Neue gefunden?

In meinem Leben gibt es viele Menschen, die ich für mich als „Bekannte“ oder „gute Bekannte“ bezeichnen würde. Nur wenige jedoch sind für mich Freunde. Freunden vertraue ich und sie vertrauen mir: in schwierigen Situationen, manchmal auch ein Geheimnis an und unsere Beziehung zeichnet sich durch Tiefe und mitunter jahrzehntelange Dauer aus. Ich möchte meine Freundschaftsfähigkeit nicht dadurch beurteilt sehen, ob ich auf Facebook bin oder nicht. Menschen, die mich fragen: „Und wie hältst Du dann Kontakt zu Deinen Freunden?“ entgegne ich: „Hattest Du vor Facebook keine Freunde?“

Zweifellos erleichtern Kommunikationsmittel eben das, wie sie heißen: sie vermitteln das gegenseitiges Geben und Nehmen von Informationen. Von Boten überbrachte Pergamente, mit Federkiel geschriebene und mit Lack versiegelte Briefe in Postkutschen, das Telefon – all das hat die Freundschaftspflege unterstützt. Allen war gemeinsam: es gibt einen Absender und einen Empfänger (Geheimdienste und eifersüchtige Partner mal außen vor gelassen). E-Mail und sms sind für mich Zwitter: ich schreibe sie jemandem ganz bestimmten oder – das ist das Neue – einer Gruppe von Empfängern. Exponentiell vervielfältigt wird die Empfängerschar in sozialen Medien: Ein Eintrag dort kann hunderte oder zehntausende Leser erreichen. Aber wie aussagekräftig ist diese Massennachricht für das Individuum? Welche Belanglosigkeiten werden gepostet, um intellektuelle Tiefe oder emotionale Wärme vorzuspiegeln?

Freunde im realen LebenDas Besondere am direkten Kontakt sind die non-verbalen Botschaften, die den tragenden Unterton ergeben und die einen vielschichtigen Austausch erst ermöglichen: wo gibt es eine Pause im Gespräch? Ein kurzes Aufleuchten in den Augen. Ein Lächeln huscht über das Gesicht. Die Stimme bekommt einen weichen Klang (oder eine unerwartete Schärfe). Es heißt nicht umsonst „Körpersprache“, kein Smiley der Welt kann hier mithalten.

Für Trash möchte ich keine Zeit aufwenden und Facebook beansprucht Zeit. Ich bin altmodisch und lasse mich dafür gerne auch als überheblich bezeichnen, doch ich schließe Freundschaften in der persönlichen Begegnung, vertiefe sie in der gegenseitigen Zugewandtheit und Offenheit und nutze 1:1-Medien, um sie über die kontaktfreien Zeiten hinweg zu tragen. Ich schenke meinem Gegenüber meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ist meine Art der Wertschätzung für die Menschen, die in Kontakt mit mir stehen. Und ja: in den letzten fünf Jahren bin ich vielen Menschen begegnet, einige davon wurde zu Bekannten und es gibt welche, die langsam zu Freunden werden.

Siehe dazu auch: Networking mit 75+: Gemeinsam statt einsam im Alter.

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„Warum geht das denn schon wieder nicht? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Hallooo? Ich hab nicht mehr so viel Lebenszeit um auf Dich zu warten. Nee, machst Du immer noch nicht was ich will? Sag mal …“ Der Wüterich in mir hat mal wieder einen großen Auftritt und das Beste ist, man lässt mich jetzt in Ruhe. Wenn ich dann mal abgedampft bin und mir vor Augen halte, was ich gerade für ein Theater gemacht habe, dann will ich mich am liebsten bei meinem wehrlosen Opfer entschuldigen. Aber wie leiste ich Abbitte bei meinem Drucker? Und warum hat er gerade eine verbale Tracht Prügel abbekommen? Mehr zu meinem selbstgerechten Verhalten lesen Sie am 3. Februar. Hier auf meinem Blog.

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Networking mit 75+: Gemeinsam statt einsam im Alter

Weihnachten war es wieder voll bei ihr zu Hause. Die „Jugend“ war da, die Nachbarn von nebenan und von obendrüber und auch die neu gewonnenen Freunde aus dem Nachbarhaus. Renate hat es einfach drauf, Kontakte zu knüpfen und das bewahrt sie davor, trotz Rücken-OP und 76 Jahren schon im Altersheim zu landen. Wie sie und ihre Mitbewohnerin noch neugierig auf das Leben sind und auf Menschen zugehen ist mir ein Vorbild und ein Lehrbeispiel für das, was neudeutsch „networking“ heißt.

Gemeinsam im AlterEs sind rund 60 Stufen hinauf in ihre Wohnung, doch die beiden alten Frauen konnten sie schon seit Wochen nicht mehr alleine bewältigen und waren daher nicht mehr aus dem Haus. Da half auch kein Rollator und der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt fiel ebenso aus wie der Restaurantbesuch zum Geburtstag von Renate. Renate ist kürzlich 76 geworden und sie lebt seit fast dreißig Jahren zusammen mit Emmi (der Meisterin auf dem Sofa) in einer WG. Nun haben diverse Malaisen „Die Damen“ (wie sie bei mir und vielen unserer Freunde mittlerweile heißen) stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Obwohl sie seit Wochen nicht einkaufen gehen können, mussten sie nicht in ein betreutes Wohnen oder gar ein Altersheim wechseln. Das ist Renate zu verdanken, die ganz große Klasse darin ist, „Erstkontakt“ zu schließen. Offen, freundlich, in bestem Sinne neugierig kommt sie mit den Menschen ins Gespräch: im Haus, in der Nachbarschaft, im Geschäft. Ihr Organisationstalent als ehemalige Chefsekretärin hilft ihr, die Dinge des Alltags zu delegieren, so weit sie delegierbar sind. Alles, was Renate dazu braucht, ist ein Telefon und ihr gutes Gedächtnis.

Rund ein Dutzend Menschen tun so jeder einen kleinen Teil dafür, dass Renate und Emmi versorgt sind: Nachbarn denken beim Einkaufen daran, Dinge für sie mit zu bringen. Putzhilfen, die schon nebenan helfen, machen Dinge im Haushalt, die sie nicht mehr tun können. Eine Pflegerin half vorübergehend bei der Körperhygiene, eine Physiotherapeutin übernimmt die Mobilisierung und der befreundete Taxifahrer fungiert ein bisschen als Außendienst.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen“ ist ein Ausspruch von Anton Kner, einem deutschen Pfarrer und Schriftsteller. Renate verkörpert diesen Satz und mit Emmi an ihrer Seite, die auf ihre ruhige feine Art die Kontakte vertieft, lebt sie immer noch autonom dank ihrer Begegnungen.

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„Erinnerst Du Dich noch“, fragte mich am Neujahrstag meine Frau, „früher war es Mode, per sms alles Gute zum neuen Jahr zu wünschen.“ „Vermutlich macht man das heute über Facebook“ antwortete ich. Sie merken: meine Frau und ich sind vor 1990 geboren und sind nicht bei Facebook. Was glauben Sie: haben wir trotzdem Freunde? Und falls ja: haben wir in den letzten fünf Jahren auch Neue gefunden? Lesen Sie die Antworten am 20. Januar hier auf meinem Blog.

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Als ich neulich meine Coachingrechnung aufgegessen habe …

Vor kurzem habe ich meine Coachingrechnung aufgegessen und ich muss Ihnen sagen: Selten habe ich so etwas Köstliches im Mund gehabt! Jeder Biss ein Genuss und ein anhaltendes Glücksgefühl, das sich vom Bauch her in mir ausbreitete. Statt Geld zu verlangen hatte ich mich bewirten lassen und dieser Essenslohn war mir mehr wert, als wenn ich mit dem Geld der bezahlten Coachingrechnung ins Restaurant gegangen wäre. Und ich fragte mich: wäre das nicht mal ein alternatives Geschäftsmodell?

Manchmal esse ich meine Coachingrechnung aufNein, der Tag war bisher alles andere als gelungen, angefüllt von Ärger und Enttäuschung. Doch der Abend versprach die Wende, denn eine besondere Art der Bezahlung einer Coachingrechnung stand an. In Anbetracht der finanziellen Situation meines Gegenübers hatte ich vorgeschlagen, mich in Naturalien bezahlen zu lassen. Die Profession meines Coachees war Koch, sein Budget für Zeit mit sich selbst sehr mager. Ich esse gerne und so kamen wir überein: ich coache, er kocht.

Natürlich hätte ich mir von einer bezahlten Rechnung ein Essen im Restaurant leisten können, aber die Wertigkeit hätte nicht gestimmt. Der Koch hätte mit finanziellen Bauchschmerzen Geld überwiesen, das ich mit einem leicht nagenden schlechten Gewissen wieder ausgegeben hätte – vielleicht sogar in seinem Lokal. Also das ganze ohne Geld: Ich investierte zwei Stunden Zeit für ein Coaching und er Zeit zum Kochen für mich. Was ich von ihm serviert bekam, war mit einer besonderen Hingabe entstanden, mit Stolz aufgetragen und mit Dankbarkeit und Anerkennung gegessen. Ein Überweisungsträger hätte das nie vermocht.

Jetzt frage ich mich: Was sind zwei Stunden mit sich und für sich selbst wert? Vielleicht ein kleines Hauskonzert? Oder eine Massage nach allen Regeln der Kunst? Oder ein Fahrrad fit fürs Frühjahr machen? Und ich als Dienstleister: würden ich eine solche Bezahlung annehmen?

Auf Dauer könnte ich zwar alleine von diesem Geschäftsmodell nicht leben, aber ich kann flexibel sein. Geld ist schließlich nicht alles, oder?

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Weihnachten war es wieder voll bei ihr zu Hause. Die „Jugend“ war da, die Nachbarn von nebenan und von obendrüber auch und natürlich die neugewonnenen Freunde aus dem Nachbarhaus. Renate hat es einfach drauf, Kontakte zu knüpfen und das bewahrt die 75-jährige davor, schon im Altersheim zu landen. Wie sie und ihre Mitbewohnerin noch neugierig auf das Leben sind und auf Menschen zugehen lesen am 6. Januar hier auf meinem Blog.

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Der Sehnsuchtszug der Kraniche

Beim Spaziergang durch den Park wird mir ganz wehmütig ums Herz: Das Rufen der Kraniche hoch oben am Himmel lässt eine Vielzahl von Gefühlen in mir anklingen und mich die Jahreszeiten spüren. Diese Zugvögel verbinden mich mit der Erde.

Die Zugvögel erden michDie Sonne lässt das Laub an den Bäumen golden leuchten und das Gras in saftigem Grün schimmern, das klare Blau des Oktoberhimmels über Frankfurt ist nur wenigen dünnen Wolken durchzogen. Über mir ziehen die Kraniche in den Süden. Ein Zeichen, dass es Zeit ist, sich vom Herbst Abschied zu nehmen. Tiefer Friede erfüllt mich. So zart und zerbrechlich erscheinen die großen Vögel am Himmel, so zeitlos lange gibt es ihre Reisen in den Süden schon dass all’ die Ärgernisse hier auf der Erde so nichtig erscheinen, wie sie sind.

Gleichzeitig bewundere ich die Vögel, wie sich kleine Gruppen zu großen Verbänden zusammenschließen, kreisend in die Höhe schrauben und dann in Keilform in Richtung Wärme fliegen. Lange noch sind ihre Rufe am Himmel zu hören und endlich sind sie zu so kleinen Punkten geworden, dass ich sie nicht mehr sehen kann.

Ganz weich geworden umarme ich meine Frau und Hand in Hand spazieren wir weiter.

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Flughafen Frankfurt, Terminal 1. Kurz vor der Sicherheitskontrolle noch schnell auf die Toilette. Ein fröhliches „Hallo! Guten Tag!“ reißt mich aus meinem Trott. Ich drehe mich um: Die Klofrau lächelt mich an – die meint das wirklich ernst! Beim Rausgehen wünscht sie mir noch „Guten Flug!“ und ich bin so verdutzt, dass da jemand Spaß auf der Arbeit hat, dass ich sprachlos bin. Wer hat das heute schon noch? Ein paar von diesen Menschen stelle ich Ihnen vor, am 9. November. Hier auf meinem Blog.

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Herzalarm auf Lanzarote

Die Sonne steht an einem wolkenlosen Himmel, das Meer schimmert türkis und die erloschenen Vulkane erheben sich machtvoll am Horizont. Doch statt urlaubsgemäßer Hochstimmung herrscht bei mir Niedergeschlagenheit und ich würde mich am liebsten in eine Ecke verkriechen und heulen. „Schuld“ daran sind zwei Katzen und ein Hund, denen ich am Mittag begegnet bin.

Ich war gerade mit meiner Frau zwei Wochen auf Lanzarote und es ergab sich, dass wir Flugpaten für eine Katze waren, die in Deutschland ein neues Zuhause bekommt. Um letzte Details zu klären wollte ich in das Tierheim, in dem sie untergebracht war. Meine Frau warnte mich, das sei keine gute Idee. Und sie behielt Recht. Im Tierheim warteten über 220 Hunde und 150 Katzen auf einen liebevollen Menschen, der gerade sie auserwählt, das Leben mit ihnen zu teilen. Ich habe es nicht so mit Hunden, doch der Blick von einem traf mich in’s Mark, als er mich anschaute und voll hoffender Freude eine Pfote hob. Mannigfaches Hilfsbedürfnis und eigene HilflosigkeitIn den Katzenräumen hat ein roter Kater bescheiden und würdevoll Kontakt mit uns aufgenommen, während eine bildhübsche Graue sich offensiv zum Kuscheln an mich ranmachte. 220 Hunde, 150 Katzen – das sind abstrakte Zahlen, die durch diese drei Tiere ganz real wurden und alle Helferimpulse in mir aktivierten. Nun haben wir schon zwei Kater und „Null“ Hundeerfahrung, aber könnten wir nicht doch vielleicht … wenn wir schon mal hier sind … sie sehnen sich doch nach einem Zuhause … Ich spürte mannigfaches Hilfsbedürfnis und meine eigene Hilflosigkeit.

Meine Frau übernahm die rationale Rolle des „Bad guy“ und warf ein Argument nach dem anderen in die Waagschale. Doch das alles zählte nicht, ich wollte nichts hören. Es schien mir, als würde sie lähmende Vernunftsuppe über mein blutendes leidendes Herz schütten. Ich war der „Good guy“, ich wollte aktiv werden, helfen, retten.

Nach ein, zwei Tagen hatte ich mich beruhigt und eingesehen, dass ich nicht „die Welt retten“ kann. Zudem geht es den Tieren – trotz allem – im Tierheim besser als auf der Straße oder in einer Tötungsstation. Doch ich schaue im Internet regelmäßig, ob Zipi↗ oder Gatito Italia↗ vermittelt wurden. Und wer weiß? Vielleicht kann ich ihnen doch noch eine Heimat verschaffen …

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Morgens auf dem Weg zur Autobahn sind wieder einmal nur Deppen unterwegs, ich muss mich richtig hineindrängeln in die Schlange egoistischer Autofahrer. Im Büro scheint es nur unkoordinierte, unüberlegte und unverständliche Entscheidungen dummer Menschen zu geben. Das Essen in der Kantine ist ungenießbar – so wie ich. Den ganzen Tag liege ich quer und will mit dem Kopf durch jede sich mir bietende Wand. Womit fing der ganze Ärger eigentlich an? Erfahren Sie es ab dem 12. August, hier in meinem Blog.

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30 Sekunden für die Liebe. Ein Plädoyer

Vor kurzem feierten meine Eltern ihre Goldene Hochzeit. 50 Jahre Seit’ an Seit’ über alle Höhen und durch alle Tiefen. Sie lieben sich noch immer. Sie küssen sich sogar. Wie kann das sein?

Das Lebensmodell meiner Eltern ist auf uns nachfolgende Generationen nicht ohne Weiteres übertragbar. Wo früher die äußeren Umstände ein zusätzlicher Klebstoff für die Beziehung waren gibt es heute eher Kräfte, die ein Paar voneinander entfernen können. Umso wichtiger finde ich es, den Kontakt zueinander zu halten. Das meine ich wortwörtlich. Haben Sie sich als Paar heute schon umarmt?

Volle Aufmerksamkeit für diesen MomentEinfach nur umarmt?
Die Wärme der Körper gespürt?
Den Atem gehört?
Das Pochen der Herzen wahrgenommen?
Mit voller Aufmerksamkeit?

Seit meine Frau und ich uns morgens umarmen und abends zur Begrüßung spüren, schwingen wir mehr im Gleichklang. Quere Gefühle von schrägen Träumen in der Nacht verblassen, der Ärger des Tages tritt in den Hintergrund zurück und wir sind für eine halbe Minute einfach nur ein Paar, das sich freut, einander zu haben. Und weil wir uns täglich annähern, entfernen wir uns auch nicht so leicht voneinander weg. Wir können immer noch viele eigene Dinge unabhängig voneinander tun, aber ist entsteht dadurch kein Nebeneinander.

30 Sekunden morgens, 30 Sekunden abends – ist das zu viel für einen geliebten Menschen? Ich meine: Nein, das ist erst der Anfang…

P.S. Das Lesen dieses Textes benötigte ca. 90 Sekunden.

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In der heimischen Arena geht es zu wie in einem Hexenkessel. Die Kontrahenten haben sich gnadenlos ineinander verbissen. Scheinbar geht es um Leben und Tod. Mancher Streit zwischen Paaren erinnert an den Circus Maximus in Rom. Ein Hoch auf Kaffee und Schokolade – die können den Frieden wiederherstellen. Wie das gehen soll erfahren Sie ab dem 17. Juni, hier in meinem Blog.

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Nachhilfeunterricht in Bangladesch

Anfang März begleitete ich eine Gruppe von IKEA Mitarbeitern nach Bangladesch. Dort besuchten wir Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche von Save the Children, die durch eine Spendenaktion unterstützt werden. Statt Betroffenheits-Tourismus erlebte ich, wie ich reich beschenkt nach Hause zurückkehrte. Ich hatte Nachhilfeunterricht in der Schule des Lebens bekommen.

Bangladesch: eines der ärmsten Länder der Welt, rund acht Millionen Kinderarbeiter und Überschwemmungen in der Monsunzeit, Malariagebiete und hohe Tollwutrate, Slumviertel und zahllose Textilfabriken – was wir über das Land zwischen Indien und Myanmar (Birma) wissen, klingt eher nach Depression als nach Inspiration. Stattdessen landete ich mitten in einem emsigen Bienenstock, in dem die Menschen mit allen Mitteln versuchten, die Schwächen der Infrastruktur und die Probleme der Wirtschaft auszugleichen, um ihr Glück zu machen. Bunt wie Indien mit einer Melange aus hinduistischer Prägung und tolerantem Islam entzieht sich Bangladesch einfachen Urteilen.

Wir fuhren in die Berge bei Khagrachari↗, um dort Vorschul- und Grundschulprojekte zu besuchen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich auf der Landstraße in der letzten Stunde jede Minute eine Gruppe oder Paare von Schulkindern gesehen habe, die in adretten Schuluniformen, die Bücher unter den Arm geklemmt, mit Stolz und Freude kilometerweit zur Schule laufen. Da in dieser Region traditionelle Stammessprachen gesprochen werden, lernen die Kinder in der Vorschule ihre eigene Sprache zu lesen und zu schreiben und parallel die offizielle Landessprache Bangla, die in den weiterführenden Schulen unterrichtet wird. Bildung, das wird schnell klar, ist der einzige Weg, um aus dem Teufelskreis Armut – keine Schule – keine qualifizierte Arbeit – Armut herauszukommen.

In der Hauptstadt Dhaka trafen wir Jugendliche, die neben ihrer Arbeit in Haushalten, Fabriken oder Läden eine Schulausbildung und eine Berufsausbildung machten. Durch diese Qualifizierung bekamen sie einen anständig bezahlten Job oder machten sich selbständig. Ich rede hier von Kindern, die arbeiten mussten, weil ihre Familien auf die Einkommen angewiesen waren, die sich aber quasi am eigenen Schopf aus der Armut herauszogen und eine langfristig stabile Perspektive aufbauten. Als Deutscher ist man schnell geneigt, moralisch überheblich zu werden und solche Projekte als „Tropfen auf den heißen Stein“ zu bezeichnen. Dort, in Bangladesch, ist die Schule, die Berufsausbildung für die Kinder ein „Sechser im Lotto“. Dass ein Prozent der Straßenkinder sogar einen Universitätsabschluss schaffen, zeigt das enorme Potential, das in den Kindern liegt.

Und dann ist da noch das Selbstwertgefühl. Das steigt automatisch durch das Lernen, durch die Entwicklung. Kinder verwalten einen Freizeitclub selbst und setzen sich persönlich für die Kinderrechte bei Firmen und Dienstherren ein, wenn sie erfahren, dass Kinder schlecht behandelt wurden.

Bangladesch beschenkte mich reichNach fünf Tagen in Bangladesch fühle ich mich reich beschenkt:

  • Mit der unbändigen Freude und Energie am Lernen, die die Kinder haben.
  • Mit Respekt vor ihrer Leistung und ihrem Willen.
  • Mit selbstgemachten Geschenken, die von Herzen kamen und die wertvollsten Teile meines Reisegepäcks wurden.
  • Mit Demut und Dankbarkeit für meine privilegierte Lebensumstände.
  • Und mit der Erkenntnis, dass es immer irgendwie weiter geht, auch wenn die Umstände / Straßen / Finanzen wie unüberwindbare Hindernisse wirken.

Wer mehr über die Reise wissen will, kann in einem Blog der IKEA Foundation↗ nachlesen. Wer sich engagieren will, schreibe mir eine E-Mail.

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Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen werden intimste Geheimnisse offenbar. Ich meine weder den Inhalt des Kulturbeutels noch Wäschedetails, sondern die persönlichen Dinge, die Menschen auf eine Reise mitnehmen. Warum mag wohl ein gestandener Geschäftsmann einen Teddybären in seinem Samsonite Rollkoffer dabei haben? Mehr dazu am 31. März, hier in meinem Blog.

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