Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

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Same procedure as last Christmas?

Süßer die Glocken nie klingen, „Last Christmas“ im Radio, Haselnuss und Mandelkern, das haben nicht alle Menschen gern. Unweigerlich bekommen jetzt manche Menschen leuchtende Augen, andere den Blues im Angesicht von Weihnachten. Können wir Weihnachten überhaupt entkommen?

Es gibt in christlich geprägten Ländern kaum ein emotionaleres Fest als das Christfest. Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit, im dunkelsten Teil des dunkelsten Monats leuchten Kerzen und verkünden Hoffnung auf neues Leben. Sei es an „Lucia“ (13. Dezember) in Skandinavien, Heilig Abend (24.12.) in Deutschland, Weihnachten (25.12.) in England und Südeuropa oder „Heilige Drei Könige“ (6.1.) in orthodox geprägten Ländern: Weihnachten ist ein Fest des Miteinanders und der Zukunft.

Alle Menschen haben eine Tradition zu Weihnachten, ob sie das wollen oder nicht. Die erste Version ihrer Tradition haben sie als Kind in ihrer Ursprungs-Familie erlebt, die zweite haben sie sich selbst mit ihren Liebsten gestaltet und die letzte wird im Altersheim vorgegeben. Von A wie Adventskranz über D wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, K wie Kirchgang, S wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis Z wie Zimt gibt es unzählige Bestandteile, die sorgsam gehütet und arrangiert werden.

Selbst Misanthropen, die Menschen gegenüber feindlich eingestellt sind, haben eine Weihnachtstradition: nämlich eine bewusste Anti-Haltung, damit aber eben auch ihre Rituale. In all ihrer Ablehnung haben sie sich festlich eingerichtet. Sie kennen die „24 (!) Gründe, Weihnachten zu hassen“ in- und auswendig. So schimpfen sie jedes Jahr aufs Neue über die immer gleichen Buden, die die Weihnachtsmärkte in Dresden, Salzburg oder Luzern einander gleichen lassen wie ein industriell hergestellter Zimtstern dem anderen. Denen übertrieben übel wird vom Bratfett der Kartoffelpuffer, „Winterapfel“-Duftkerzen und billigem Glühwein-Fusel. Für die „Jingle Bells“ klingen wie „Hells Bells“. Weihnachten sei Folter und deswegen würden sie auch dieses Jahr wieder alleine bleiben, oder in der Eckkneipe ihr Bier trinken gehen, so wie jedes Jahr.

Flucht vor Weihnachten ist unmöglich

Denn an Weihnachten, da sagt man die Wahrheit und verbringt die Zeit mit den Menschen, die man liebt. So lautet ein Grundmotiv im Film „Tatsächlich Liebe“, der seit fast zwanzig Jahren zu den Weihnachtsfilm-Klassikern gehört. Und wer nur sich selbst liebt, verbringt Weihnachten folgerichtig alleine. Letztendlich kann sich keiner Weihnachten entziehen, wie dieser Dialog zwischen Billy Mack, dem Rockstar und Joe, seinem Manager, aus dem Film „Tatsächlich Liebe“ zeigt:

Joe: Ich dachte, Du bist bei Elton John?

Billy Mack: Ja, das war ich auch, eine Minute oder so. Dann hatte ich eine Erleuchtung.

J: Im Ernst?

B: Ja.

J: Und, ähm, was war das für eine Erleuchtung?

B: Naja, es ging dabei um Weihnachten.

J: Du hast gemerkt, dass es einen überall hin verfolgt?

B: Nein, aber mir ist klargeworden, dass man Weihnachten doch eigentlich mit den Menschen verbringt, die man liebt.

J: Das stimmt.

B: Naja und offensichtlich hat das unerbittliche Schicksal und irgendwelche grausamen Zufälle es so gewollt, dass ich heute hier stehe, mit Mitte fünfzig, und ohne es zu merken habe ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens mit einem übergewichtigen Angestellten verbracht. Und so sehr es mich auch betrübt, muss ich doch zugeben, dass ich mich zu einem Menschen in besonderer Weise hingezogen fühle, und das bist, hm, Du.

J: Na, das ist ja ’ne Überraschung!

B: Äh … ja.

J: Zwei Minuten bei Elton John und Du bist schwul wie zehn Frisöre?

B: Nein, jetzt hör mal, es ist mir todernst. Hätte ich Eltons Fest sonst verlassen, wo mich ein Haufen halbnackter Frauen mit hängenden Zungen und offenem Mund erwartet haben, nur um mit Dir zusammen zu sein? An Heiligabend?

J: Naja, Bill …

B: Es ist eine unerbittliche Laune des Schicksals, aber leider ist mir klargeworden, dass Du die Liebe meines Lebens bist.

J: –

B: Und um ehrlich zu sein: ich habe zwar immer nur gemeckert, aber wir hatten doch eine wunderschöne Zeit.

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Weihnachtliche Lieferengpässe als Chance

Noch knapp fünf Wochen bis Weihnachten und sie geriet langsam unter Druck. Da waren täglich neue Meldungen über leere Regale und die Nachbarin hatte auch schon alle Geschenke gekauft. Und sie quälte sich immer noch mit der Frage: Was will ich denn heuer verschenken?

Unsere Gesellschaft wird nach 20 Monaten Pandemie dem ultimativen Härtetest unterzogen: an Weihnachten drohen leere Regale, unter den Weihnachtsbäumen wird der blanke Boden zu sehen sein und traurige Kinderstimmen singen verzagt die traditionellen Lieder. Dieses Horrorszenario malen manche Schlagzeilen von Lieferengpässen an die Wand. Es scheint immer noch die alte Journalisten-Weisheit zu gelten: Bad news is good news – schlechte Nachrichten verkaufen sich am besten. Denn neben den aus dem Takt geratenen globalen Lieferketten kommen auch noch höhere Energiepreise auf die Menschen zu, dazu droht ein weiterer Pandemiewinter mit Kontakteinschränkungen. Die friedlich-heimelige Adventszeit wird von vielen Seiten bedroht.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, leben sehr viele Menschen in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, es gibt von allem mehr als genug und in allen erdenklichen Ausführungen. Wer wühlt sich heute noch durch 986 Suchtreffer für „Tischlampe bis 30cm Höhe“ bei einem der üblichen Online-Shops? Und jetzt grassiert also die Weihnachtspanik, denn unter Umständen sind 32 dieser Lampen nicht verfügbar! Dabei gibt es wirklich Menschen am Rande der Gesellschaft, die gerade ganz andere Probleme haben, als sich um Geschenke zu kümmern. Sie tauchen nicht in der Berichterstattung auf, obwohl sie zwar viele, aber leise und damit nahezu unsichtbar sind. Zwei dieser Gruppen möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum einen die Menschen ohne ein angemessenes Zuhause. Das betrifft weit mehr Menschen als die „Penner auf der Platte“, die vor Kaufhaus-Eingängen oder unter Brücken leben. Verdeckte Obdachlosigkeit betrifft Familien, die mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche leben müssen. Mieter, die in heruntergekommenen Bleiben feststecken, weil sie sich bei den aktuellen Mietpreisen keine andere Wohnung leisten können. Menschen, die in häuslicher Gewaltgemeinschaft ausharren müssen, weil Schutzräume überfüllt sind. Oder jene, die auch nach Jahren in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, wo Privatsphäre und Ruhe nicht zu finden sind. Schätzungsweise 650.000 Menschen in Deutschland sind von dieser Wohnungslosigkeit betroffen.

Zum anderen Menschen, auf die eine Hassjagd (Hetzjagd mit Hassreden) stattfindet. Diese Menschen werden gezielt attackiert und auf allen möglichen Kanälen, im realen wie im digitalen Raum, mit Hassbotschaften überzogen, beleidigt, verleumdet oder bedroht. Sei es, weil sie dick sind. Sei es, weil sie eine bestimmte Hautfarbe nicht haben. Oder weil sie sozial aktiv sind. Manchmal auch alles zusammen und wenn es dann noch eine Frau ist, dann scheint der Mob keine Grenzen mehr zu kennen. Da werden Fotos entstellt und geteilt, Lügen verbreitet, die Privatadresse veröffentlicht und zum „Hausbesuch“ aufgerufen. Es folgen Produktbestellungen an ebenjene Adresse, die diese Menschen nie getätigt haben. Frauen leiden darüber hinaus unter Drohungen oder Belästigungen mit sexuellem Charakter. Oft können sich Betroffene nur helfen, indem sie alle Konten bei sozialen Medien löschen und sich komplett aus dem realen sozialen Leben zurückziehen.

Was also würde ich diesen Menschen zu Weihnachten schenken? Beistand durch Menschen, die das wirklich können! Die wissen, was zu tun ist. Die unterstützen, beraten, begleiten. Zwei Organisationen fallen mir dazu ein:

Menschen, die unsichtbar sind, wird geholfen

  1. Der Franziskustreff in Frankfurt ↗ begrüßt obdachlose Menschen wertschätzend als „Gäste“, baut Vertrauen auf und kann so behutsam beraten. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch in anderen Städten.
  2. HateAid ↗ bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot und Prozesskostenfinanzierung. Dort wird jenen geholfen, die selbst keinen Hass verbreiten, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, politischer Meinung und körperlicher Versehrtheit.

Wer mich in diesem Jahr fragt: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ werde ich antworten: „Spende das, was Du erübrigen kannst, an den Franziskustreff oder HateAid.“ Denn mir ist es wichtig, nicht vor den Problemen davonzulaufen, sondern sie gemeinsam durchzustehen. Und damit hat sich das Weihnachtsgeschenke-Lieferkettenproblem auch von ganz alleine gelöst.

Lasset uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.

Hebräer 10,24

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Für eine Tasse voll Wut

Er blökte seine Frau an, war motzig zu den Kindern und der Hund verkroch sich schon unters Bett. Er hatte einfach eine unerträgliche Laune. Am liebsten hätte er sich jedoch die Bettdecke über den Kopf gezogen und wie früher richtig losgeheult. Doch was würde seine Familie dann von bloß von ihm denken?

Es gibt im Leben immer wieder Situationen, in denen wir unsere wahren Gefühle nicht offenbaren. Sei es, weil wir sie nicht zeigen wollen. Sei es, weil wir sie nicht zu fassen bekommen. Nicht nur, aber besonders außerhalb einer geschützten wohlmeinenden Lebenswelt, unterliegen Gefühle auch immer einer wertenden Interpretation: werden da gerade akzeptierte, Stärke vermittelnde Gefühle gezeigt oder sind es verachtete, Schwäche ausdrückende Gefühle? Dies gilt zum Beispiel für das Gefühlspaar Wut und Trauer.

Vor Wut eine Tasse auf den Boden werfen schützt TraurigkeitManchmal ist einem vielleicht zum Heulen zumute, doch wie sähe das denn jetzt aus: hier vor mir selbst und auch allen anderen die Tränen fließen zu lassen? Das verächtliche Geschnatter ist doch schon förmlich zu hören: „Guck Dir diese Heulsuse an!“ oder „So ein Schlappschwanz, flennt hier rum!“ Dieses Bild will doch wirklich keine/r von sich haben. Wut dagegen hat eine ganz andere Reputation: „Da wurde aber mal so richtig Klartext geredet!“ oder „Richtig so, das würde ich mir auch nicht bieten lassen!“

Dort: minderwertiges leises Weichei, hier: potenter lauter Actionheld. Nicht umsonst spielen „Last man standing“-Filme mehr an der Kinokasse ein als sensible Dramen. Schließlich schauen viele Leute gerne zu, wenn einer – oft ein Mann – auf sich alleine gestellt, sich gegen alle wehrt, aufräumt und am Ende damit sich selbst gerettet hat. Bruce Willis, Silvester Stallone und Clint Eastwood wurden sehr reich, weil sich Millionen mit ihren Rächer-Rollen identifizierten. Dutzende Tote werden dabei als Kollateralschaden verbucht.

Wut ist ein Gefühl, das schnell an der Oberfläche ist und erst, wenn Ruhe einkehrt, macht sich die zugrundeliegende Traurigkeit bemerkbar. Die Arbeit überfordert komplett? Zu Hause wächst mir alles über den Kopf? Da ist ein Gegenangriff oft die erste Wahl. Übrigens für Männer wie für Frauen.

Wie ließe sich besser, schneller an den Kern dessen herankommen, was gerade in mir los ist?

In einem Coaching hörte ich von diesem Trick: immer ein paar alte hässliche Tassen zu viel im Schrank haben. Wenn es dann so richtig in einer/m brodelt, eine dieser Tassen mit viel Schwung auf den Küchenboden knallen, so dass beim Zerbersten das Klirren in den Ohren weh tut. Das wäre sehr reinigend. Nichts Wertvolles würde kaputt gehen, niemand würde verletzt und der Gefühlsüberschwang hätte einen Kanal gefunden, alles Aufgestaute abzulassen. Nach dieser Entlastung ließe sich viel einfacher an den Kern der ganzen Sache rankommen.

Ich persönlich kann mich gut an die eine oder andere Situation erinnern, wo ein kultivierter Knall für Erschrecken und Besinnung gesorgt hat. Auf lange Sicht wäre es natürlich ideal, die eigene Traurigkeit spüren und zeigen zu können, doch vielleicht braucht es bis dahin eine Tasse voll Wut als Zwischenetappe. Es muss ja nicht gleich Tote geben:

Hasta la vista baby!

Arnold Schwarzenegger im Film „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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Corona: Schluss mit lustig

Die Sonne scheint, der Frühling lockt nach draußen, das Leben sprießt und mit ihm die Lust auf Freiheit, Zusammensein und Unbeschwertheit. Nur das neueste Must-have Accessoire, der Mund-Nasen-Schutz, zeigt: etwas ist anders. Doch ist es das wirklich?

Mir scheint, dass viele Menschen die Corona-Pandemie lediglich für eine kurze Abwechslung vom Alltag halten. Die Aktivitäten werden vom realen Offline-Leben in die virtuelle Online-Welt überführt. Das ist sogar recht spaßig und man kann weiter wie zuvor auf Achse sein, ohne jedoch die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Außerdem sei Corona perfekt, um endlich eine Sprache zu lernen, ein Instrument zu bauen oder alle Staffeln von „Warrior cats“ zu lesen. Mich beschleicht dabei der Gedanke, dass sich keine Zeit genommen wird, den Ernst der Lage einmal in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Ein (un)maskiertes HerzWer Corona für eine harmlose Grippe hält, lasse sich von Angehörigen oder Pflegepersonal einmal das elendig langsame Ersticken erzählen, das der Virus verursachen kann. Wer sich für unverwundbar hält, möge seinen Horizont einmal auf den nächsten Mitmenschen erweitern, der von einem selbst angesteckt werden kann, obwohl man selbst keine Symptome spürt. Wer findet, dass vier Wochen Partyverzicht doch nun reichen würden, schaue einmal in ein Mathebuch für die Mittelstufe im Kapitel „Exponentialrechnung“ nach.

„Die Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen, beginnt mit der Anerkennung der Not. Misstrauen Sie allen eifrigen Ratgebern, die auf positives Denken setzen, bevor die Not in ihrer Schockschwere seelisch anerkannt und gefühlt werden durfte! Noch ist es eindeutig zu früh, auf ein posttraumatisches Wachstum zu setzen. Die Not will erkannt und anerkannt sein – und sie ist kollektiv und hoch individuell zugleich. Gib der Angst Raum in deinem Herzen, erkläre dich nicht zum kläglichen Hasenfuß, wenn du sie verspürst! Und bleibe damit nicht im stillen Kämmerlein, auch wenn dieses paradoxerweise zur empfohlenen Sicherheitszone geworden ist!“

Das Zitat stammt von Prof. Schulz von Thun von Ende März. Ich kann es nicht besser formulieren.

Bei vielen Menschen, die sich über unzumutbare Einschränkungen beschweren, sehe ich deren privilegierte Lebenssituation: sicherer Job, Wohnung mit ausreichend Platz, keine Vorerkrankungen oder Gesundheitsrisiken. Von Menschen, deren ökonomische Situation tatsächlich prekär ist, die Angehörige durch Covid-19 verloren haben oder die auf engstem Raum in sozialer Isolierung leben müssen, höre ich diese Klagen nicht. Dort gibt es große Herausforderungen, den Alltag überhaupt zu meistern, so dass an theoretischen Diskussionen kein Bedarf besteht.

Ich bezeichne mich hin und wieder als „naiven Romantiker“. Ich hoffe auf das Gute im Menschen, wünsche mir in Büchern ein Happy-End und sehe auch aktuell die Chance, etwas mehr Menschlichkeit, etwas weniger Raubtiertum zu schaffen. Denn eine Krise formt nicht den Charakter, sondern enthüllt ihn. Daher meine Bitte an Sie: zeigen Sie Ihre gute Herzensseite.

Solidarität ist derzeit mit Abstand das Beste!

Schulz von Thun (*1944, emeritierter Professor für Psychologie und Kommunikationswissenschaftler)

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Wortlos der Persönlichkeit Raum zur Entfaltung geben

Früher hatte sie große Scheu vor Menschen, sprach kaum und traute sich wenig. Kaum zu glauben, wer sie heute sieht: keck, neugierig und munter plaudernd stiefelt sie durch die Gegend. Ihre Persönlichkeit ist ordentlich gewachsen, obwohl sie keines der vielen aufmunternden Worte verstand, die ihr gesagt wurden. Kann man denn wortlos Mut und Vertrauen wecken?

In diesen Wochen sind die Menschen viel auf engem, manchmal unerträglich engstem, Raum zusammen. Und das länger, als so manchem gut tut und so steigen die Anspannungen an. Böse Worte werden ausgesprochen, Zwang ausgeübt und leider rutscht auch so manche Hand aus: „Wie oft habe ich Dir gesagt …“, „Hörst Du mir eigentlich nicht zu?“, „Wer nicht hören will, der muss fühlen!“ Streit und Gewalt machen die Räume noch enger, als sie ohnehin sind. Wobei mir in solchen Situationen dem Gesagten zu viel Bedeutung beigemessen wird. Denn in nahezu jeder Auseinandersetzung gibt es auch solche Dialoge:

„Das habe ich nicht gesagt!“
„Doch, hast Du!“
„Nein!“
„Wohl!“
„Unsinn!“
„Doch!“

So kann das Ping-Pong Spiel endlos weitergehen. Die „Das habe ich nicht gesagt“-Dialoge haben ihre Ursache überraschend oft in der Diskrepanz zwischen dem Ausgesprochenen und dem Ausdruck der inneren Haltung. Die Augen versprühen Aggressivität während der Mund säuselnd beruhigen will. Oder das Kooperationsangebot fordert in Wirklichkeit herrschsüchtig eine bedingungslose Kapitulation. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie vom Gesagten mal wieder kein Wort glauben.

Das Eingangsbeispiel beschreibt Emma. Sie ist kein Mensch, sondern eine Katze aus dem Tierschutz. Sie lebt seit fünf Jahren bei uns und wir wissen wenig über ihre ersten zwei Lebensjahre. So scheu und ängstlich, wie sie zu uns kam, waren es keine guten Erfahrungen. Wir brauchten Wochen, um sie anfassen zu können. Besucher haben sie jahrelang nicht gesehen. Sie war wie ein Blatt im Wind, das zu einem Baum geworden ist.

Auf die innere Haltung kommt es anNatürlich glauben wir Katzenbesitzer, dass sie unsere Worte versteht. Das ist, so viel muss ich mir eingestehen, ausgemachter Blödsinn. Schließlich kommt sie aus Spanien, wir sprechen Deutsch und einen Sprachkurs hat sie meines Wissens nach nie gemacht. Doch sie liest unsere Haltung. Unsere innere Haltung, die sich ausdrückt in: wir gehen in die Knie auf Augenhöhe, wir fassen sie nicht von oben an, wir gehen zur Seite um sie vorbeizulassen, wir öffnen ihre eine Tür zum Schutzraum Schlafzimmer, wir halten sie sanft mit der Hand davon ab auf den Tisch zu klettern. Was immer wir auch dazu sagen, nimmt sie höchstens als Sprachmelodie wahr.

In der unfreiwilligen Isolation zu Hause sind Spannungen und Haltungen hochverdichtet spürbar. Wie wäre es also, weniger zu sagen, zu schimpfen oder zu fordern und mehr wortlos eine friedensstiftende Haltung zu zeigen. Einzuladen und Angebote zu machen? Ein kleines körperliches Stoppsignal zu geben statt gleich die verbale Keule herauszuholen? Raum zu geben durch die Art, wie ich mich im Raum verhalte?

Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben.

Sigmund Freud (1856 – 1939, österr. Begründer der Psychoanalyse)

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Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

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Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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