Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

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Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“

 

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Mit 60 auf Wolke sieben schweben

Sie brachte alle Äußerlichkeiten mit, um Männern auf der Straße den Kopf zu verdrehen: Der rot geschminkte Mund kontrastierte perfekt zu ihren Haaren, dezent-erlesener Schmuck an Hals und Händen – so radelte sie schlank und durchtrainiert durchs Viertel. Doch keiner schaute, keiner pfiff ihr hinterher, sehr zu ihrem Bedauern. So ist das halt, wenn man 60 ist, oder?

Blind für die SchönheitDer Vorteil der Jugend ist – naja: jugendlich zu sein. Da ist es keine besondere Leistung, strahlend schön zu sein, das pralle Leben steckt in einem scheinbar ewig begehrenswerten Körper und mit unverbrauchter Neugier und Naivität steht einem die ganze Welt offen. Mit fünfzig oder sechzig Jahren wird weder einer Frau noch einem Mann noch viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wer da auf der Suche nach einer Beziehung ist, der „habe sicherlich einen Schatten, weil geschieden / verwitwet / schon immer Single“ – so ein oft gehörtes Vorurteil.

Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass es schwierig ist, sich mit seinen eigenen Lebensgewohnheiten auf einen anderen Menschen neu einzustellen. Dass liebgewordene Routinen bei einem lebenserfahrenen Gegenüber nicht mehr als „niedliche Marotten“ angesehen werden sondern als inakzeptable Verhaltensweisen. So schränken sich die Auswahlmöglichkeiten für potentiale Partner wie von ganz alleine immer weiter ein, je älter man/frau wird. Bis am Ende das unabänderliche Leben alleine steht.

Doch gerade Menschen, die schon viel erlebt haben, können einen unbezahlbaren Schatz in eine Beziehung mitbringen: sie wissen, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Und welche Kompromisse, gemeinsame Lösungen oder Auswege es geben kann für noch so verfahrene Situationen. Sie haben es nicht mehr nötig, schalen Geschichten zuzuhören, billigen Wein zu trinken oder schlechten Sex zu ertragen nur um jemandem anderen zu gefallen. Diese innere Freiheit kann verlockend sein, leider macht sie vielen Menschen Angst.

Das direkte Umfeld allein lebender älterer Menschen ist in den meisten Fällen auch nicht ermutigend: Liebe und Partnerschaft sei etwas für die Jugend, Sex im Alter ekelhaft. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, ist dieses Verhalten nicht nur erschreckend sondern anmaßend.

„wennze tot bis / isset vorbei / und vorm sterben / musse leben / und dann musse / au ma fragen / oppe happy bis“

Gerburg Jahnke und Stephanie Überall alias „Die Missfits“

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Was hat die Goldwaage in Beziehungen zu suchen?

Sein Blick irritierte sie immer noch, wie schon am Anfang ihrer Beziehung. In all’ den Jahren ließ er sie daran zweifeln, dass er sie ernst nahm, dass sie „auf Augenhöhe“ waren. Obwohl er ihr oft genug erklärt hatte, das sei sein „Ich verarbeite gerade das, was Du gesagt hast“-Blick, packte sie ihn auf die Goldwaage und beschloss: Das lasse ich mir nicht länger bieten! Doch hat eine Goldwaage in einer Beziehung überhaupt etwas zu suchen?

Die Goldwaage misst zu genauDie Goldwaage kommt in Beziehungen meistens in zwei Phasen zum Dauereinsatz. Ganz am Anfang, wenn das Beziehungsgeflecht noch so zart und zerbrechlich ist wie ein Spinnennetz. Augenflackern, Schwankungen in der Stimme, ein Zögern bei der Antwort – das kann wie ein Eisregen auf der Haut brennen. Alles ist noch so empfindlich, dass ein falsches Wort schon das Ende vom Anfang bedeuten kann.

Die Goldwaage kommt auch am Anfang vom Ende wieder zum Dauereinsatz. Jahrelange Enttäuschungen, Entbehrungen und Entliebung warten nur darauf, dass er oder sie das heißersehnte Wort, die verhasste Geste oder die zu oft miterlebte Handlung zum Besten gibt, um die im Hintergrund sorgsam sortierten Reihen von Kriegern loszuschicken, die zuverlässig noch aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht haben. Statt wie beim Anbahnen der Beziehung vorsichtig mit den Fingerspitzen zu agieren können nun die Fußabdrücke nicht groß genug sein, mit denen man der Beziehung seinen Stempel aufdrücken will.

Wird alles auf die Goldwaage gelegt, geht der Blick für das große Ganze verloren. Keine Beziehung, ob im Privatleben, ob auf der Arbeit, kann ohne Großzügigkeit und Freiheit gedeihen. Die Goldwaage hat da nur einen Zweck: je weniger sie zum Einsatz kommt, um so besser ist es um die Beziehung bestellt.

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.

Johannes Rau (1931 – 2006, SPD-Politiker, Bundespräsident)

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Männer sind halt so. Oder?

Mit einem zynischen „Hasta la vista, Baby“ befördert der Held den Bösewicht ins Jenseits – sehr zum Vergnügen ihres Ehemannes, der mit dem Sohn gerne „solche primitiven“ Action-Streifen anschaut, wie sie es ihrer Mutter klagend erzählt. Diese antwortet dann immer: „Männer sind halt so!“ Dabei ist ihr Mann sonst ein fürsorglicher Vater und zärtlicher Gefährte. Wie passt das zusammen?

Es scheint zwei Klischees über Männer zu geben. Zum einen gibt es die, die sich vor lauter eingebildeter Manneskraft nur breitbeinig, eine ganze Bank belegend, in die U-Bahn setzen können. Auf der anderen Seite scheint es welche zu geben, die keinen „Arsch in der Hose“ haben und sich von Ehefrau, Mutter und Tante herumkommandieren lassen. Im Kino werden diese Typen vom gnadenlosen Rambo und vergeistigten Neurotikern in Woddy Allen-Manier verkörpert. Doch zwischen einem Despoten und einem Sklaven gibt es noch mehr Männerschicksale und wenn „Frauenversteher“ nicht als Schmähung verwendet wird, haben diese männliche und weibliche Anteile in sich gut vereinigt.

TangotanzendeAm besten lassen sich solche Männer beschreiben, wenn man einen südamerikanischen Tango-Tänzer zum Vorbild nimmt. Tango ist eine fein austarierte Choreographie zwischen Männern und Frauen, Begehren und Begehrt-werden, zwischen Fordern und Gewähren. Manche Figur ist für mitteleuropäisch emanzipierte Menschen eine Zumutung: beispielsweise wenn der Mann sein Knie zwischen die gespreizten Beine der Frau schiebt. Dabei gibt es genau den Punkt, an dem die Figur das Maximum an Nähe und Erotik ausdrückt, ohne aufdringlich oder vulgär zu wirken. Gute Tangotänzer wissen um dieses Gleichgewicht und werden auch als Macho bezeichnet – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Macho.

Ein Macho in Südamerika ist ganz klar ein Mann mit Attributen wie Dynamik, Angriffslust und Härte. Gleichzeitig hat er abwartende, anschmiegsame und ekstatische Anteile in sich, die typisch weibliche Attribute sind. Fehlen diese, spricht man in Südamerika von Machismo. In Deutschland ist genau das die Beschreibung für einen Macho. Es gibt also eine Werteverschiebung zwischen einem südamerikanischen und einem deutschen Macho. Der deutsche hat sein weiches Ich in einem eisernen Gefängnis eingesperrt. Interessanterweise werden solche Männer oft befangen in der Gegenwart einer starken Frau. Wenn sie nicht schüchtern den Rückzug antreten, überspielen sie das gerne mit besonders männlich-klischeehaftem Gehabe.

Ich widerspreche, wenn Evelyn Hamann in einem Loriot-Sketch sagt: „Gott, was sind Männer primitiv!“ Nein, sind sie nicht, manche benötigen mehr eben mehr „Rambo-Qualitäten“, andere hingegen mehr von Woody Allen. Ich frage mich, ob Tangokurse nicht dazu beitragen könnten, dass Männer echte Kerle werden: Männer, die Frauen um derentwillen und nicht um sich selbst Willen begehren. Davon haben beide etwas: die Männer und die Frauen.

„Männer, bei denen die Lust von Herzen kommt, sind mir suspekt. Ich denke doch, die sollte etwas tiefer sitzen.“
Shirley MacLaine, US-amerikanische Schauspielerin

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Das Flüchtlingsdrama der Weihnachtsgeschichte

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ Diese Worte aus dem Lukas-Evangelium gehören für viele Menschen zum weihnachtlichen Kulturgut. Ich stolperte beim Lesen über diese Passage: „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“ Was bedeutete das? Und wie würde die Tagesschau über dieses Ereignis berichten? Vielleicht so:

Die vom römischen Kaiser Augustus Oktavian angeordnete Erstellung von Steuerlisten hat in Syrien eine Wanderbewegung der gesamten Bevölkerung ausgelöst, da sich jeder in seinem Geburtsort in die Listen eintragen lassen muss. Tausende Menschen sind in ihren Heimatstädten obdachlos geworden weil allenorten Unterkünfte fehlen. Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an, da jederzeit mit dem Wintereinbruch zu rechnen ist.

Direkt aus der besonders stark betroffenen Provinz Judäa nun live Lukas Stier.

Hinter der Kulissen der WeihnachtsgeschichteVon der viel gerühmten römischen Staatsorganisation und Planungsfähigkeit ist hier in Bethlehem wenig zu sehen. Die Behörden haben keinerlei Vorkehrungen getroffen, um die in ihre Heimatorte strömenden Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Von offizieller Seite wird dafür der römische Statthalter Quirinius verantwortlich gemacht. Doch hinter vorgehaltener Hand sagt man uns, dass der Zensus ein unerhörter Eingriff des Kaisers in die autonomen Rechte des jüdischen Königs Herodes darstellt. Die Zusammenarbeit auf allen Ebenen der Verwaltung ist daher fast vollständig eingestellt worden.

Die chaotische Lage machen sich Freiheitskämpfer wie Judas der Galiläer zu Eigen und rufen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die römischen Besatzer auf.

Leidtragende sind die einfachen Menschen wie dieser Handwerker aus Galiläa. Er erzählte uns, dass er mit seiner hochschwangeren Verlobten seit Tagen zu Fuß aus Nazareth unterwegs war, um sich in seiner Geburtsstadt Bethlehem in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Hier im römischen besetzten Judäa fanden sie keinen Platz in den überfüllten Herbergen und als die Wehen einsetzten, konnten sie immerhin in einem Stall unterkommen. Ihr erstes Kind ist ein gesunder Junge und alleine das ist in dieser Zeit ein echtes Wunder. Mit diesem Bild der Hoffnung zurück nach Frankfurt.

„2.337.327 Flüchtlinge sind von der Gewalt in Syrien betroffen.“
Statistik des UN-Flüchlingshilfswerks, Stand: 27. Dezember 2013.

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Lobt den Chef – es tut ja sonst niemand

„Vielen Dank, dass Sie sich für mich eingesetzt und mich unterstützt haben. Das fand ich sehr gut von Ihnen“, sagte die Mitarbeiterin ihrem Vorgesetzten. Der Chef schaute irritiert und tat das Lob mit einem gemurmelten „da nicht für“ ab. Dabei sind die Haltung des Chefs und noch weniger das Lob der Mitarbeiterin selbstverständlich. Aber warum sollten Mitarbeiter die Chefin / den Chef loben? Ist das Lob nicht schon im höheren Chefgehalt enthalten?

Chefs sind manchmal zwischen Hammer und AmbossNein – und das mittlere Management ist in manchen Firmen überdies die „Melkkuh der Nation“:
zwischen Hammer (dem Top-Management) und Amboss (den Mitarbeitern) bekommen sie von allen Seiten Druck. Zielvorgaben hier, Mitarbeiterforderungen dort. Von wem soll da mal eine positive Rückmeldung kommen? Dabei braucht jeder Mensch ab und zu eine Anerkennung, auch Chefs.

Den Vorgesetzten zu loben ist jedoch eine heikle Sache: Wie schnell gerät man in den Verdacht, heuchlerisch zu sein! Doch ein Heuchler meint das, was er sagt, nicht ernst. Und das spürt das Gegenüber. Ist das Lob jedoch ehrlich und der Situation angemessen, dann ist diese Rückmeldung im doppelten Sinne stimmig. Anstatt eines schalen Beigeschmacks hinterlässt sie ein gutes Gefühl auf beiden Seiten.

Einen Anlass dafür sollte es für ein Lob aber schon geben. Völlig daneben wäre es, wenn es weder zur Situation passt noch ehrlich gemeint ist („Gaanz toll Chef, wie Sie heute morgen eingeparkt haben!“). Und Schweigen wäre besser, wenn das Gesagte der inneren Überzeugung entspricht, aber unpassend für das Arbeitsumfeld ist („Mensch Chefin, in dem Kostümchen haben Sie ’nen richtig knackigen Hintern!“).

Ob die Führungskraft mit einem stimmigen Lob umgehen kann, steht wiederum auf einem anderen Blatt: Denn es scheint eine schwere Krankheit zu geben, die weit verbreitet ist: die Lob-Wahrnehmungs-Störung. Die daran Erkrankten nehmen Lob in einem doppelten Sinne nicht wahr. [Mehr dazu]

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht.“
Muhammad Ali (* 1942, US-amerikanischer Boxer)

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Des Bettlers Patenkind

„Entschuldigung, ich hab’ mal ‘ne Frage“ – von der Seite werde ich um einen Euro angequatscht. Das kann ich überhaupt nicht abhaben, wenn ich in Eile bin. Doch was der Bettler mir dann erzählte, ließ mich mit neuen Augen den Menschen in ihm sehen.

Ein Mensch quatscht mich von der Seite anDie unterirdische S-Bahnstation ist ein Ort, an dem ich mich am liebsten in mich zurückziehe. Umso mehr rollte ich die Augen, als ich von dem Typen angebettelt wurde. „Was soll’s“, dachte ich und kramte einen Euro raus. „Die hätte ich auch gerne“ hörte ich es neben mir mit einem halben Ohr. „Die hätte doch jeder gerne!“ Irritiert blickte ich mich um. Jetzt erst sah ich, worum es ging. Im Hintergrund lief eine Lottowerbung auf dem Bahnsteigbildschirm. Jackpot: 36 Millionen Euro.

„Das ist schon eine ganze Menge Geld“ antwortete ich kurz angebunden.

„Aber das Geld kann man ja leider nicht mit ins Grab nehmen“ kam es zurück.

Ich: „Doch davor kann man sich damit ein schönes Leben machen.“

„Ja, anlegen und von den Zinsen leben. Und ich wüsste schon, wem ich das Geld geben würde.“

Ich wurde aufmerksam.

„Meinem Patenkind, der ist drei. Da würde ich sofort fünf Millionen auf ein Sparbuch tun“, sagte der Mann lächelnd. „Und dann könnte er mit 18 schön von den Zinsen leben.“

In dem Moment fuhr meine S-Bahn ein und ich musste weg, ohne ihm noch einen Dank mit auf den Weg geben zu können. Denn ich habe die Großzügigkeit, Würde und Lebensfreude nicht in dem Mann gesehen, der mich schräg von der Seite auf einen Euro anhaute.

„ Nehmen Sie die Tatsache wahr, dass Sie voreingenommen sind?“
Jiddu Krishnamurti (1895–1986), indischer Autor und spiritueller Lehrer

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