Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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