Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

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Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

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Von der Krux, Eltern im Alter zu beraten

Nach der letzten Operation verließ der Vater nicht mehr das Haus und die Mutter opferte sich freiwillig in der Pflege ihres Mannes auf. Wofür ist man schließlich über 50 Jahre miteinander verheiratet! Der Sohn redete sich den Mund fusselig, dass jetzt ein Pflegedienst kommen müsse. Erst als die Apothekerin zur Unterstützung riet, wurden die Eltern aktiv. Der Sohn war verletzt – warum hatten seine Eltern nicht auf ihn gehört?

Mit zunehmendem Alter scheint die Opferrolle eine größere Attraktivität zu gewinnen. Der Mensch hat jahrzehntelang viel geleistet und wird nun nicht mehr so behandelt, wie er sich das wünscht und erwartet. Er fühlt sich als Opfer gleich von zwei Tätern. Zum Einen von den Krankheiten und Gebrechen, die wie eine Heimsuchung über einen herfallen und zum Anderen von den Ärzten, die weder richtig behandeln können noch wirklich Verständnis haben für seine Situation.

Die Herzensverbindung zum Kind behindert das ZuhörenZwischen diese Fronten gerät der Sohn und ist gefangen in der Doppelrolle als Berater und Kind. Denn auch wenn Eltern altern bleibt das Kind Kind. Obwohl der Sohn schon lange arbeitet, seine eigene Familie gegründet hat und gut und gerne 90 Kilogramm auf die Waage bringt, sehen die Eltern in ihm immer auch den kleinen blonden sommersprossigen Kerl, der mit der buntgestreiften Badehose jeden Sommer in Nachbars Planschbecken badete. Wie ernst kann man etwas nehmen, was so ein Dreikäsehoch erzählt? Und dieser kleine Junge ist auch im Sohn immer noch lebendig: wie kann ich meinen Eltern auf Augenhöhe begegnen, wo in mir diese wohlige Erinnerung an die Sommer meiner Kindheit lebendig ist?

Das führt zu einem Drama-Dreieck Eltern-Ärzte-Kind mit klar verteilten Rollen: die Eltern sind Opfer, die Ärzte sind Täter und keiner versteht den anderen. Das Kind will helfend vermitteln und der Retter der Eltern sein. Doch die persönliche Verstrickung mit den Menschen, die ein Leben lang für einen da waren, verhindert, dass das Kinder Gehör findet. Antworten wie „Ach mein Kind, ich mach das doch gerne“ oder „Das bringt doch nix!“ ersticken jeden Lösungsansatz von Anfang an. Würde der Sohn Gehör finden, müssten die Eltern sich eingestehen, dass die Rollen sich vertauscht haben und sie heute diejenigen sind, die beschützt werden müssen.

Die Apothekerin ist nicht Teil des Drama-Dreiecks und der Familiengeschichte. Ohne tiefe Herzensbindung basiert ihr Kontakt viel stärker auf dem Verstand und dem Austausch von Sachinformationen. Statt die Aussagen des Sohns als die des eigenen Kindes zu hören, können die Eltern die Empfehlung der Apothekerin als das hören, was sie ist: als einen notwendigen Schritt, der jetzt ansteht.

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.

Sir Peter Alexander Baron von Ustinov (1921 – 2004, britischer Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur)

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Bloß keinen Zwang zur Selbstverwirklichung im Sabbat-Jahr

Keine Gehaltserhöhung hätte ihm dieses Glück ermöglicht: aufstehen, wenn er wach wird. Tun, was ihm gefällt. Sein lassen, was ihm missfällt. Und nebenbei, ganz von alleine, wurde ihm seine neue berufliche Perspektive klar. Das Sabbat-Jahr war die beste Entscheidung, die er für sich hatte treffen können. Dabei ging er in dieser Zeit noch nicht einmal auf eine Weltreise.

Lob der HängematteFür viele Menschen, denen besonders viel an ihrer Karriere liegt, ist eine Auszeit ein Eingeständnis von Schwäche: „So was brauche ich doch nicht!“ ist ihr lakonischer Kommentar dazu. Dabei hat selbst der Größte aller Arbeiter eine Auszeit genommen: „Vollendet waren der Himmel und die Erde, und all ihre Schar. Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.“ (Genesis / 1. Buch Moses, 2, 1-2) Wenn sogar ein Gott ausruhen kann, dann doch erst Recht ein Mensch.

Nehmen Menschen eine Auszeit, einige Monate oder ein ganzes Sabbat-Jahr, können sich einige nicht von äußeren Erwartungen befreien. Teilweise sind die Monate eng gepackt mit Reiseplänen, vorwiegend in asiatische Länder, in denen man „endlich mal zur Ruhe kommen kann“ um zu überlegen, wie es weitergehen soll. Teilweise sind sie als Ländersammler unterwegs und wollen sich und anderen beweisen, dass sie selbst in der Auszeit zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind.

Wenige machen gar keine Pläne, sondern leben in den Tag. Und stellen fest: gerade am Anfang brauchen sie vor allem Ruhe, wenig Ablenkung und viel Zeit für sich. Sie machen eine Bestandsaufnahme: Wie ist es eigentlich um meine Freunde bestellt – gibt es noch welche? Und was verbindet einander? Wie ist das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern? Was braucht mein Körper, welche Ernährung, welche Bewegung? Sie betrachten, was belastend war, verarbeiten die Erkenntnisse und lassen los, was nicht mehr zum Leben dazu gehören soll.

Das setzt Energie frei, um Zukunftspläne zu schmieden und in die Tat umzusetzen. Die Entscheidungen werden oft ganz unbewusst getroffen. Ja-Nein-Entscheidungsbäume, Projektpläne oder Managementmethoden sind in der Regel untauglich, um das Leben neu auszurichten. Denn sie betrachten lediglich die Verstandesebene, nicht jedoch die Gefühle und Bedürfnisse. Bleiben diese unbeachtet, ist die Gefahr sehr groß, dass es nach der Auszeit gerade so weitergeht, wie es zuvor gelaufen ist.

„Wer sich von Ablenkung fern halten kann, für den erstreckt sich ein Tag über tausend Jahre. Für den, der ein weites Herz hat, ist eine Hütte so groß wie das Universum.“
Hong Zicheng (1593 – 1665, chinesischer Philosoph)

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Der Perfektionist liebt die Balance

Manche Menschen arbeiten sich ein Leben lang an ihrem inneren Perfektionisten ab. Für sie gilt es immer, 100 Prozent Leistung zu bringen, auch wenn dafür 150 Prozent Einsatz notwendig sind. Doch wie wäre es, wenn der Perfektionist umgeschult werden würde auf das Ziel „100-prozentige Lebensbalance“? Das Handwerkszeug dazu hat der Italiener Vilfredo Pareto Anfang letzten Jahrhunderts geliefert.

Menschen, in denen es einen großen Drang zur Perfektion gibt, arbeiten höchst präzise: auf den Millimeter genau hängen sie Bilder auf, auf den Pixel genau richten sie am Computer Präsentationen aus und die Wohnung ist erst dann sauber, wenn es keinen einzigen Fleck mehr an den Fenstern, Wänden oder auf dem Boden gibt.

Der Perfektionist liebt die BalanceBedauerlicherweise muss diese Perfektion mit einem überhohen Maß an Einsatz bezahlt werden. Der so genannte Grenznutzen ist in der Regel bei 80 Prozent Zielerreichung gegeben. Diese 80 Prozent Ergebnis werden mit 20 Prozent des Einsatzes von Zeit oder Energie erzielt. Um 100 Prozent Ergebnis zu erreichen – also so wie das in der Regel ein Perfektionist will – müssen die restlichen 80 Prozent an Ressourcen eingesetzt werden. Das allerdings ist unökonomisch, sprich: der von einem Perfektionisten getriebene Mensch vergeudet einen Großteil seiner Energie für einen kleinen Teil vom Ziel.

Könnte er jedoch mit einem kleinen Teil seiner Energie den Großteil seines Ziels erreichen – was hätte sie/er dann noch alles für Möglichkeiten!

Mit einem inneren Perfektionisten lässt sich reden. Wie wäre es, ihr/ihm folgenden Auftrag zu geben: „Suche mir die perfekte Balance zwischen Einsatz und Ergebnis, also zwischen Input und Output.“ Damit hätte Mann, hätte Frau den Experten schlechthin für die Lebensbalance an der Seite. Denn wenn mit 20 Prozent der Energie 80 Prozent des Zieles erreicht sind, dann könnte der Perfektionist melden: „Hier ist die ideale Stelle, um aufzuhören. Alles Weitere wäre unperfekt!“

Wer seinen Perfektionisten so auf die 80/20-Regel umschult, den stört plötzlich auch nicht mehr die Staubfluse unter dem Vorhang, dass die Präsentation auf einer Folie eine andere Schriftgröße hat oder die Bilder an der Wand die Unregelmäßigkeiten des Altbaus widerspiegeln.

„Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.“
William James (1842 – 1910), amerikanischer Philosoph

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Wenn Ihr innerer Perfektionist noch mehr Informationen benötigt, bevor er sich auf das neue Ziel einlässt, können Sie ihm mit dieser Kolumne das Ganze auch noch mal anhand von Beispielen mit präzisen Zahlen mit 31 Nachkommastellen illustrieren.

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Lobt den Chef – es tut ja sonst niemand

„Vielen Dank, dass Sie sich für mich eingesetzt und mich unterstützt haben. Das fand ich sehr gut von Ihnen“, sagte die Mitarbeiterin ihrem Vorgesetzten. Der Chef schaute irritiert und tat das Lob mit einem gemurmelten „da nicht für“ ab. Dabei sind die Haltung des Chefs und noch weniger das Lob der Mitarbeiterin selbstverständlich. Aber warum sollten Mitarbeiter die Chefin / den Chef loben? Ist das Lob nicht schon im höheren Chefgehalt enthalten?

Chefs sind manchmal zwischen Hammer und AmbossNein – und das mittlere Management ist in manchen Firmen überdies die „Melkkuh der Nation“:
zwischen Hammer (dem Top-Management) und Amboss (den Mitarbeitern) bekommen sie von allen Seiten Druck. Zielvorgaben hier, Mitarbeiterforderungen dort. Von wem soll da mal eine positive Rückmeldung kommen? Dabei braucht jeder Mensch ab und zu eine Anerkennung, auch Chefs.

Den Vorgesetzten zu loben ist jedoch eine heikle Sache: Wie schnell gerät man in den Verdacht, heuchlerisch zu sein! Doch ein Heuchler meint das, was er sagt, nicht ernst. Und das spürt das Gegenüber. Ist das Lob jedoch ehrlich und der Situation angemessen, dann ist diese Rückmeldung im doppelten Sinne stimmig. Anstatt eines schalen Beigeschmacks hinterlässt sie ein gutes Gefühl auf beiden Seiten.

Einen Anlass dafür sollte es für ein Lob aber schon geben. Völlig daneben wäre es, wenn es weder zur Situation passt noch ehrlich gemeint ist („Gaanz toll Chef, wie Sie heute morgen eingeparkt haben!“). Und Schweigen wäre besser, wenn das Gesagte der inneren Überzeugung entspricht, aber unpassend für das Arbeitsumfeld ist („Mensch Chefin, in dem Kostümchen haben Sie ’nen richtig knackigen Hintern!“).

Ob die Führungskraft mit einem stimmigen Lob umgehen kann, steht wiederum auf einem anderen Blatt: Denn es scheint eine schwere Krankheit zu geben, die weit verbreitet ist: die Lob-Wahrnehmungs-Störung. Die daran Erkrankten nehmen Lob in einem doppelten Sinne nicht wahr. [Mehr dazu]

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht.“
Muhammad Ali (* 1942, US-amerikanischer Boxer)

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Was tun, wenn Business- Smalltalk droht?

Das Schild lud zum Grillnachmittag ein. Bei Steaks, Wein und Bier könne man ganz ungezwungen mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen in Kontakt kommen. Ungezwungen? Da lachte mein innerer Eigenbrötler höhnisch auf. Für ihn sind solche Veranstaltungen der reine Zwang und er hielt mich deshalb vor dem Computer fest, um noch diesen einen Projektreport zu erstellen. Doch auf Dauer konnte ich mich diesen Veranstaltungen nicht entziehen. Was also tun?

Wenn der Chef zum Geburtstagsfrühstück einlädt, beim Kick-Off für das neue Projekt oder auf der Weihnachtsfeier muss ich in pseudo-privater Atmosphäre mit Menschen wertvolle Arbeitszeit verbringen, mit denen mich oft nur die Arbeit verbindet. Ohne die hätten wir nichts miteinander zu tun, was sich daran zeigt, dass das viel beschworene „Wir bleiben in Kontakt!“ bei einem Stellenwechsel regelmäßig im Sand verläuft.

 Socialising ist GeschmackssacheEigenbrötlerisch zu sein ist nicht mein grundlegendster Charakterzug, doch bei solchen geschäftlich-privaten Anlässen übernimmt „Der Mann in den Bergen“ in mir das Ruder. Statt „Socialising“ zu betreiben will er in seine Hütte in den Rocky Mountains. Dort, tief im Wald, gilt es schließlich auch noch dringend den Holzvorrat für den Winter zu hacken.

Kleiner Exkurs: Ein Unternehmen in Boston hat die sozialen Netzwerke von Unternehmen untersucht: wer spricht wann mit wem in welcher Stimmung und so eine Art Röntgenbild menschlicher Interaktionen erstellt. Es hat auch gemessen, welche Produktivitätsveränderung es dadurch gibt. Das Ergebnis: Mehr „Quatschen“ ist wichtiger als mehr Arbeit um die Effizienz zu steigern.

Um weiterhin gesellschaftlich kompatibel zu sein habe ich daher eine Stellenanzeige aufgegeben: „Suche Partygänger, der sich gerne ins Getümmel stürzt, Spaß an leichten Gesprächen hat und der ab und zu ehrliche aber harmlose Komplimente verteilen kann. Festanstellung. Einsatz auf Abruf. Sollte geübt sein, partyfeindliche Widerstände zu überwinden.“

Ja, so einen Partygänger habe ich in mir gefunden. Und der geht gerne zu einem Get-Together, zu Betriebsfesten oder Kick-Offs und nimmt mich einfach mit. Leider kann ich ihn ab und zu nicht erreichen. Ich vermute, „Der Mann in den Bergen“ hat ihm dann von tollen Erlebnissen auf einer fernen Hütte vorgeschwärmt. Und neugierig, wie der Partygänger von Natur aus ist, hat er sich auf den Weg in die Rockys gemacht. Der Bergmann freut sich über diesen Coup und so sitze ich mit ihm am Rechner, während die Gesprächsfetzen des Abteilungskaffees wie ein murmelnder Bach in unseren Ohren klingt.

„Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen.“
Alexandre Dumas (1802-1870), Französischer Schriftsteller

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Des Bettlers Patenkind

„Entschuldigung, ich hab‘ mal ’ne Frage“ – von der Seite werde ich um einen Euro angequatscht. Das kann ich überhaupt nicht abhaben, wenn ich in Eile bin. Doch was der Bettler mir dann erzählte, ließ mich mit neuen Augen den Menschen in ihm sehen.

Ein Mensch quatscht mich von der Seite anDie unterirdische S-Bahnstation ist ein Ort, an dem ich mich am liebsten in mich zurückziehe. Umso mehr rollte ich die Augen, als ich von dem Typen angebettelt wurde. „Was soll’s“, dachte ich und kramte einen Euro raus. „Die hätte ich auch gerne“ hörte ich es neben mir mit einem halben Ohr. „Die hätte doch jeder gerne!“ Irritiert blickte ich mich um. Jetzt erst sah ich, worum es ging. Im Hintergrund lief eine Lottowerbung auf dem Bahnsteigbildschirm. Jackpot: 36 Millionen Euro.

„Das ist schon eine ganze Menge Geld“ antwortete ich kurz angebunden.

„Aber das Geld kann man ja leider nicht mit ins Grab nehmen“ kam es zurück.

Ich: „Doch davor kann man sich damit ein schönes Leben machen.“

„Ja, anlegen und von den Zinsen leben. Und ich wüsste schon, wem ich das Geld geben würde.“

Ich wurde aufmerksam.

„Meinem Patenkind, der ist drei. Da würde ich sofort fünf Millionen auf ein Sparbuch tun“, sagte der Mann lächelnd. „Und dann könnte er mit 18 schön von den Zinsen leben.“

In dem Moment fuhr meine S-Bahn ein und ich musste weg, ohne ihm noch einen Dank mit auf den Weg geben zu können. Denn ich habe die Großzügigkeit, Würde und Lebensfreude nicht in dem Mann gesehen, der mich schräg von der Seite auf einen Euro anhaute.

„ Nehmen Sie die Tatsache wahr, dass Sie voreingenommen sind?“
Jiddu Krishnamurti (1895–1986), indischer Autor und spiritueller Lehrer

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Wenn Spiegelneuronen vor Begeisterung Feuer fangen

Gebannt hörte ich ihr zu: ihre Begeisterung für ihr neues Projekt war förmlich zu spüren und überzeugte mich restlos davon, dass sie es schaffen wird. Wie anders war die Geschäftsfrau noch ein paar Minuten zuvor gewesen, als sie von ihrer jetzigen Tätigkeit berichtete und wie niedergeschlagen fühlte ich mich dabei. Denn mein Körper reagiert spiegelbildlich auf den Gefühlszustand meines Gegenübers. Wie kann ich aber fremde Überzeugung in mir spüren?

Die Frau, die mir gegenüber saß, bat um Hilfe bei einer Berufsentscheidung: wo hinein sollte sie ihre Energie stecken? Da gab es den „Brot und Butter“ Beruf im Büro und ihre freiberufliche Tätigkeit. Doch die war in einem Umfeld, in dem sich viele mit ähnlichen Fähigkeiten tummelten. Dann erzählte sie von ihrer letzten Reise auf den afrikanischen Kontinent und plötzlich saß ein anderer Mensch vor mir. Konnte diese leuchtende Sonne die gleiche Person sein wie die „graue Maus“, die ich gerade zuvor erlebte? Plötzlich merkte ich auch eine Veränderung in mir: mein Körper spiegelte ihre Erregung und Begeisterung, mein Hirn sendete euphorisch Botenstoffe aus:

  • Begeisterung steckt anMeine Augen leuchteten
  • Meine Wangen glühten
  • Mein Herz klopfte
  • Vor Ergriffenheit stiegen Tränen in meine Augen
  • Ich hatte Flugzeuge in meinem Bauch
  • Meine Beine wollten losrennen
  • Meine Hände waren arbeitsbereit und feucht

Wann hat das letzte Mal ein anderer Mensch Sie vollkommen überzeugt und kein Zweifel blieb in Ihnen, dass da jemand für seine Idee brannte? Vielleicht können Sie sich diese Situation noch mal wie in Zeitlupe betrachten: welche körperlichen Signale fielen Ihnen bei sich selbst auf?

Die Frau entwickelte eine Idee, wie sie einen neuen, auf dem Markt einzigartigen Schwerpunkt ihrer freiberuflichen Tätigkeit anbieten kann. Er basiert auf Kontakten, Projekten und Produkten, die sie aus ihrem Urlaub mitbrachte.

Empathie (die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen) beruht auf so genannten Spiegelneuronen. Ihr Gehirn reagiert auf die Handlungen Ihres Gegenübers, als ob Sie selbst handeln würden. Einzige Voraussetzung: Sie haben schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht wie Ihr Gesprächspartner, es gibt also eine verwandte emotionale Grundlage. Kurz gesagt: wenn Sie jemals Begeisterung spürten, einen Neuanfang wagen wollten, dann werden Sie von der Begeisterung des Anderen angesteckt. Wenn dieser Mensch für eine Sache brennt, dann fangen auch Sie Feuer. Andersherum: spüren Sie in sich keine Begeisterung, ist Ihr Gegenüber vermutlich auch nicht begeistert. Nach „Schema F“ trainierte Vertriebler werden von dieser Nachricht nicht begeistert sein.

„In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“
(Cicero, römischer Philosoph, Politiker, Schrifsteller und Redner)

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Ich dope mich mit Selbstbestimmung

Kürzlich war ich auf einem Releasekonzert der Musikerin Kaye-Ree, die sich selbst als „Natural high“ bezeichnet: fast immer gut drauf, kaum schlecht gelaunt. Ihr „Dope“ heißt Selbstbestimmung und ist ganz legal. Wie hoch muss die Dosis Selbstbestimmung sein, damit ein natürliches Glücksgefühl entsteht?

Kaye-Ree ist ein Natural highEs waren nicht die besten Voraussetzungen für einen Clubbesuch. Ich hatte seit Tagen Kopfweh und Magengrimmen, so dass meine Frau besorgt fragte: „Sollen wir da wirklich heute Abend hingehen?. „Ich möchte gerne wenigstens eine schöne Sache machen und mich nicht zu Hause verkriechen“, entgegnete ich ihr. Statt mich wie in einer Spirale nach unten ziehen zu lassen, in der nach und nach alle positiven und aufmunternden Aktivitäten aufgegeben werden, weil nur noch Erholung von der Erschöpfung angesagt ist, wollte ich von Anfang an etwas dagegen setzen. Und dann erzählt Kaye-Ree↗, dass sie als Musikerin privilegiert sei und viele sie sicher beneideten, denn sie tue nur das, was ihr Spaß macht.

„Na, danke“ denke ich mir, „reib’ jetzt auch Salz in meine Wunden – mein Leben ist nun mal fremdbestimmt!“ Aber ihre gute Laune, ihr natürliches High-Sein war ansteckend. Ich müsste ja nicht gleich meinen Job an den Nagel hängen und wie sie ein eigenes Plattenlabel gründen. Schon eine halbe Stunde am Tag ganz persönlich für mich, ohne gesellschaftliche Zwänge, die könnte mich doch „dopen“. Was könnte ich da alles „tun“! Den Wolken zuschauen, wie sie über den Himmel ziehen zum Beispiel. Oder ein wenig Gärtnern. Katzen kuscheln. Bei einem Kaffee und mit einem Buch auf Reisen gehen. Und wie ich da so im Konzert stand und mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, ließen auch langsam meine Magenschmerzen nach.

„I’m floating on my waves, giving my ideas and dreams some space“ (Refrain aus „Natural high” von Kaye-Ree)

Vorschau

Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient. Lesen Sie am 24. Mai in meiner neuen Kolumne ein wenig aus ihrer beider Nachkriegsbiographien.

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