Weihnachtliche Lieferengpässe als Chance

Noch knapp fünf Wochen bis Weihnachten und sie geriet langsam unter Druck. Da waren täglich neue Meldungen über leere Regale und die Nachbarin hatte auch schon alle Geschenke gekauft. Und sie quälte sich immer noch mit der Frage: Was will ich denn heuer verschenken?

Unsere Gesellschaft wird nach 20 Monaten Pandemie dem ultimativen Härtetest unterzogen: an Weihnachten drohen leere Regale, unter den Weihnachtsbäumen wird der blanke Boden zu sehen sein und traurige Kinderstimmen singen verzagt die traditionellen Lieder. Dieses Horrorszenario malen manche Schlagzeilen von Lieferengpässen an die Wand. Es scheint immer noch die alte Journalisten-Weisheit zu gelten: Bad news is good news – schlechte Nachrichten verkaufen sich am besten. Denn neben den aus dem Takt geratenen globalen Lieferketten kommen auch noch höhere Energiepreise auf die Menschen zu, dazu droht ein weiterer Pandemiewinter mit Kontakteinschränkungen. Die friedlich-heimelige Adventszeit wird von vielen Seiten bedroht.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, leben sehr viele Menschen in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, es gibt von allem mehr als genug und in allen erdenklichen Ausführungen. Wer wühlt sich heute noch durch 986 Suchtreffer für „Tischlampe bis 30cm Höhe“ bei einem der üblichen Online-Shops? Und jetzt grassiert also die Weihnachtspanik, denn unter Umständen sind 32 dieser Lampen nicht verfügbar! Dabei gibt es wirklich Menschen am Rande der Gesellschaft, die gerade ganz andere Probleme haben, als sich um Geschenke zu kümmern. Sie tauchen nicht in der Berichterstattung auf, obwohl sie zwar viele, aber leise und damit nahezu unsichtbar sind. Zwei dieser Gruppen möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum einen die Menschen ohne ein angemessenes Zuhause. Das betrifft weit mehr Menschen als die „Penner auf der Platte“, die vor Kaufhaus-Eingängen oder unter Brücken leben. Verdeckte Obdachlosigkeit betrifft Familien, die mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche leben müssen. Mieter, die in heruntergekommenen Bleiben feststecken, weil sie sich bei den aktuellen Mietpreisen keine andere Wohnung leisten können. Menschen, die in häuslicher Gewaltgemeinschaft ausharren müssen, weil Schutzräume überfüllt sind. Oder jene, die auch nach Jahren in Deutschland immer noch in Gemeinschaftsunterkünften leben, wo Privatsphäre und Ruhe nicht zu finden sind. Schätzungsweise 650.000 Menschen in Deutschland sind von dieser Wohnungslosigkeit betroffen.

Zum anderen Menschen, auf die eine Hassjagd (Hetzjagd mit Hassreden) stattfindet. Diese Menschen werden gezielt attackiert und auf allen möglichen Kanälen, im realen wie im digitalen Raum, mit Hassbotschaften überzogen, beleidigt, verleumdet oder bedroht. Sei es, weil sie dick sind. Sei es, weil sie eine bestimmte Hautfarbe nicht haben. Oder weil sie sozial aktiv sind. Manchmal auch alles zusammen und wenn es dann noch eine Frau ist, dann scheint der Mob keine Grenzen mehr zu kennen. Da werden Fotos entstellt und geteilt, Lügen verbreitet, die Privatadresse veröffentlicht und zum „Hausbesuch“ aufgerufen. Es folgen Produktbestellungen an ebenjene Adresse, die diese Menschen nie getätigt haben. Frauen leiden darüber hinaus unter Drohungen oder Belästigungen mit sexuellem Charakter. Oft können sich Betroffene nur helfen, indem sie alle Konten bei sozialen Medien löschen und sich komplett aus dem realen sozialen Leben zurückziehen.

Was also würde ich diesen Menschen zu Weihnachten schenken? Beistand durch Menschen, die das wirklich können! Die wissen, was zu tun ist. Die unterstützen, beraten, begleiten. Zwei Organisationen fallen mir dazu ein:

Menschen, die unsichtbar sind, wird geholfen

  1. Der Franziskustreff in Frankfurt ↗ begrüßt obdachlose Menschen wertschätzend als „Gäste“, baut Vertrauen auf und kann so behutsam beraten. Sicherlich gibt es ähnliche Angebote auch in anderen Städten.
  2. HateAid ↗ bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot und Prozesskostenfinanzierung. Dort wird jenen geholfen, die selbst keinen Hass verbreiten, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, politischer Meinung und körperlicher Versehrtheit.

Wer mich in diesem Jahr fragt: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ werde ich antworten: „Spende das, was Du erübrigen kannst, an den Franziskustreff oder HateAid.“ Denn mir ist es wichtig, nicht vor den Problemen davonzulaufen, sondern sie gemeinsam durchzustehen. Und damit hat sich das Weihnachtsgeschenke-Lieferkettenproblem auch von ganz alleine gelöst.

Lasset uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen.

Hebräer 10,24

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Corona: Schluss mit lustig

Die Sonne scheint, der Frühling lockt nach draußen, das Leben sprießt und mit ihm die Lust auf Freiheit, Zusammensein und Unbeschwertheit. Nur das neueste Must-have Accessoire, der Mund-Nasen-Schutz, zeigt: etwas ist anders. Doch ist es das wirklich?

Mir scheint, dass viele Menschen die Corona-Pandemie lediglich für eine kurze Abwechslung vom Alltag halten. Die Aktivitäten werden vom realen Offline-Leben in die virtuelle Online-Welt überführt. Das ist sogar recht spaßig und man kann weiter wie zuvor auf Achse sein, ohne jedoch die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Außerdem sei Corona perfekt, um endlich eine Sprache zu lernen, ein Instrument zu bauen oder alle Staffeln von „Warrior cats“ zu lesen. Mich beschleicht dabei der Gedanke, dass sich keine Zeit genommen wird, den Ernst der Lage einmal in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Ein (un)maskiertes HerzWer Corona für eine harmlose Grippe hält, lasse sich von Angehörigen oder Pflegepersonal einmal das elendig langsame Ersticken erzählen, das der Virus verursachen kann. Wer sich für unverwundbar hält, möge seinen Horizont einmal auf den nächsten Mitmenschen erweitern, der von einem selbst angesteckt werden kann, obwohl man selbst keine Symptome spürt. Wer findet, dass vier Wochen Partyverzicht doch nun reichen würden, schaue einmal in ein Mathebuch für die Mittelstufe im Kapitel „Exponentialrechnung“ nach.

„Die Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen, beginnt mit der Anerkennung der Not. Misstrauen Sie allen eifrigen Ratgebern, die auf positives Denken setzen, bevor die Not in ihrer Schockschwere seelisch anerkannt und gefühlt werden durfte! Noch ist es eindeutig zu früh, auf ein posttraumatisches Wachstum zu setzen. Die Not will erkannt und anerkannt sein – und sie ist kollektiv und hoch individuell zugleich. Gib der Angst Raum in deinem Herzen, erkläre dich nicht zum kläglichen Hasenfuß, wenn du sie verspürst! Und bleibe damit nicht im stillen Kämmerlein, auch wenn dieses paradoxerweise zur empfohlenen Sicherheitszone geworden ist!“

Das Zitat stammt von Prof. Schulz von Thun von Ende März. Ich kann es nicht besser formulieren.

Bei vielen Menschen, die sich über unzumutbare Einschränkungen beschweren, sehe ich deren privilegierte Lebenssituation: sicherer Job, Wohnung mit ausreichend Platz, keine Vorerkrankungen oder Gesundheitsrisiken. Von Menschen, deren ökonomische Situation tatsächlich prekär ist, die Angehörige durch Covid-19 verloren haben oder die auf engstem Raum in sozialer Isolierung leben müssen, höre ich diese Klagen nicht. Dort gibt es große Herausforderungen, den Alltag überhaupt zu meistern, so dass an theoretischen Diskussionen kein Bedarf besteht.

Ich bezeichne mich hin und wieder als „naiven Romantiker“. Ich hoffe auf das Gute im Menschen, wünsche mir in Büchern ein Happy-End und sehe auch aktuell die Chance, etwas mehr Menschlichkeit, etwas weniger Raubtiertum zu schaffen. Denn eine Krise formt nicht den Charakter, sondern enthüllt ihn. Daher meine Bitte an Sie: zeigen Sie Ihre gute Herzensseite.

Solidarität ist derzeit mit Abstand das Beste!

Schulz von Thun (*1944, emeritierter Professor für Psychologie und Kommunikationswissenschaftler)

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Wortlos der Persönlichkeit Raum zur Entfaltung geben

Früher hatte sie große Scheu vor Menschen, sprach kaum und traute sich wenig. Kaum zu glauben, wer sie heute sieht: keck, neugierig und munter plaudernd stiefelt sie durch die Gegend. Ihre Persönlichkeit ist ordentlich gewachsen, obwohl sie keines der vielen aufmunternden Worte verstand, die ihr gesagt wurden. Kann man denn wortlos Mut und Vertrauen wecken?

In diesen Wochen sind die Menschen viel auf engem, manchmal unerträglich engstem, Raum zusammen. Und das länger, als so manchem gut tut und so steigen die Anspannungen an. Böse Worte werden ausgesprochen, Zwang ausgeübt und leider rutscht auch so manche Hand aus: „Wie oft habe ich Dir gesagt …“, „Hörst Du mir eigentlich nicht zu?“, „Wer nicht hören will, der muss fühlen!“ Streit und Gewalt machen die Räume noch enger, als sie ohnehin sind. Wobei mir in solchen Situationen dem Gesagten zu viel Bedeutung beigemessen wird. Denn in nahezu jeder Auseinandersetzung gibt es auch solche Dialoge:

„Das habe ich nicht gesagt!“
„Doch, hast Du!“
„Nein!“
„Wohl!“
„Unsinn!“
„Doch!“

So kann das Ping-Pong Spiel endlos weitergehen. Die „Das habe ich nicht gesagt“-Dialoge haben ihre Ursache überraschend oft in der Diskrepanz zwischen dem Ausgesprochenen und dem Ausdruck der inneren Haltung. Die Augen versprühen Aggressivität während der Mund säuselnd beruhigen will. Oder das Kooperationsangebot fordert in Wirklichkeit herrschsüchtig eine bedingungslose Kapitulation. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie vom Gesagten mal wieder kein Wort glauben.

Das Eingangsbeispiel beschreibt Emma. Sie ist kein Mensch, sondern eine Katze aus dem Tierschutz. Sie lebt seit fünf Jahren bei uns und wir wissen wenig über ihre ersten zwei Lebensjahre. So scheu und ängstlich, wie sie zu uns kam, waren es keine guten Erfahrungen. Wir brauchten Wochen, um sie anfassen zu können. Besucher haben sie jahrelang nicht gesehen. Sie war wie ein Blatt im Wind, das zu einem Baum geworden ist.

Auf die innere Haltung kommt es anNatürlich glauben wir Katzenbesitzer, dass sie unsere Worte versteht. Das ist, so viel muss ich mir eingestehen, ausgemachter Blödsinn. Schließlich kommt sie aus Spanien, wir sprechen Deutsch und einen Sprachkurs hat sie meines Wissens nach nie gemacht. Doch sie liest unsere Haltung. Unsere innere Haltung, die sich ausdrückt in: wir gehen in die Knie auf Augenhöhe, wir fassen sie nicht von oben an, wir gehen zur Seite um sie vorbeizulassen, wir öffnen ihre eine Tür zum Schutzraum Schlafzimmer, wir halten sie sanft mit der Hand davon ab auf den Tisch zu klettern. Was immer wir auch dazu sagen, nimmt sie höchstens als Sprachmelodie wahr.

In der unfreiwilligen Isolation zu Hause sind Spannungen und Haltungen hochverdichtet spürbar. Wie wäre es also, weniger zu sagen, zu schimpfen oder zu fordern und mehr wortlos eine friedensstiftende Haltung zu zeigen. Einzuladen und Angebote zu machen? Ein kleines körperliches Stoppsignal zu geben statt gleich die verbale Keule herauszuholen? Raum zu geben durch die Art, wie ich mich im Raum verhalte?

Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben.

Sigmund Freud (1856 – 1939, österr. Begründer der Psychoanalyse)

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Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

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Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

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Mit 60 immer noch ein Kind

Der Vater war immer wackeliger auf den Beinen. Auch wenn er sich in ihrem Haus selbst versorgen konnte, war es absehbar, dass er bald mehr Unterstützung brauchte. Das brachte den Sohn in Gewissenskonflikte. Obwohl er sein eigenes Leben hatte, fühlte er sich bei ihm immer noch wie der kleine Pimpf, der er schon lange nicht mehr war. Würde das denn nie enden?

Die Eltern sind die prägendste und langfristige Beziehung in unserem Leben, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringen kann. Nach kindlichen Trotzphasen und revoltierender Pubertät gehen die Kinder aus dem Elternhaus, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig kann es dieses süße Gefühl der Vertrautheit geben, wenn bei Besuchen „zu Hause“ bei den Eltern das Lieblingsessen aus der Kindheit auf dem Tisch steht, ein liebgewonnenes Ritual wie das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaums zelebriert wird oder die Eltern einfach tröstend in einer Krise zur Seite stehen. Doch spätestens beim Satz „Du bist doch unser Mädchen/Bub!“ stellen sich der Fondsmanagerin, dem Lehrer oder den schon selbst Eltern gewordenen Kindern die Nackenhaare auf. Werden die Eltern auch noch selbst hilfsbedürftig, scheint es, als würden sich die Rollen gerade vertauschen. Die Alten werden zum Kind, die Kinder zu den Eltern und alle sind damit überfordert.

Ungeklärte Vergangenheit stört die GegenwartIn dieser für alle neuen Zeit kommen leicht alte Konflikte an die Oberfläche, Rechnungen wollen beglichen werden, denn es gibt Verletzungen auf beiden Seiten: das Gefühl, nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen zu haben, nicht verheilte Wunden von Streitereien oder Enttäuschungen über den jeweiligen Lebensweg des anderen. Wer will sich schon mit 60 noch fühlen wie ein Grundschulkind, das Angst vor einem autoritären Elternteil oder eine ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit hat? Jetzt, wo die Vorgeneration die 80 überschritten hat, lässt sich dieses kindliche Bedürfnis nicht mehr stillen.

Manchmal werden Besuche zur QualDas ist eine denkbar schlechte Basis für den Umgang mit dem Altern der Eltern. Und je weniger die Kinder sich bisher von ihren Eltern abgegrenzt haben, um so stärker können die Konflikte werden. Plötzlich ist das schlechte Gewissen des „undankbaren Rabenkindes“ die Richtschnur des Handelns und nicht mehr der freie Wille. So manches Kind würde aus innerer Not am liebsten fliehen und den Kontakt in die Ursprungsfamilie abbrechen.

Dabei kann das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer wieder neu verhandelt werden. Man mag es als „gegenseitige Abhängigkeit“ interpretieren, doch die Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem durch „Bezogenheit“ definiert: „Ich bin, weil Du bist!“ kann die Grundlage für eine gesunde Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung sein. Gemeinsamkeiten sind ein starkes FundamentDer Blick auf die gemeinsam gelebten Werte kann dabei das Fundament stärken: verdanke ich meine Neugierde meinen Eltern? Mein Humor? Meine Freude an der Kunst? Meine handwerklichen Fähigkeiten? Könnte ich dafür „Danke!“ sagen anstatt auf dem Verpassten und Verlorengegangenen zu bestehen? Und was wäre, wenn wir jetzt gegen Ende der gemeinsamen Zeit nur das Spezifische machen, das nur durch mich als Kind und Dich als Vater/Mutter möglich ist? Alles andere, vom Einkaufen über Haushalt und Pflege kann von Dienstleistern übernommen werden. Denn für diese Tätigkeiten braucht es nicht die besondere Eltern-Kind-Beziehung.

Außer Schießen, Hunden und Rattenfangen hast Du nichts im Kopf; Du wirst noch zur Schande für Dich selbst und Deine ganze Familie.

Der Vater von Charles Darwin zu seinem Sohn

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Lange Beziehungen machen clever

Mit einem fröhlichen „Hallo Schatz, ich habe eine Überraschung für Dich!“ kam er spät abends nach Hause, doch nicht alleine. Zwei Übernachtungsgäste standen in der Tür und sie musste mal wieder improvisieren: Essen machen, Betten herrichten, … Wo sie doch vorausschauende Planung so liebte! Warum nahm ihr Mann auch nach all den Jahren darauf keine Rücksicht?

Langjährige Beziehungen haben viel Entwicklungspotential. Die Partner lernen mit- und aneinander, was der andere oder man selbst braucht. So kann der eine nicht ohne klare Regeln, verbindliche Absprachen und große Zuverlässigkeit leben. Und fordert das beim Gegenüber auch ein. Der wiederum liebt es vielleicht ganz spontan zu sein, dem Zauber des Moments zu folgen und so um sich herum ganz ungewollt für Chaos zu sorgen.

Auch das Bedürfnis nach Nähe bzw. Distanz kann ungleich verteilt sein. Was dem einen zu wenig ist, ist dem anderen manchmal schon zu viel. Zwischen diesen Polen gilt es, Kompromisse auszuloten.

Gemeinsam über Lebenshürden springenAlso haben die Partner in langen Jahren gelernt miteinander zu diskutieren (manchmal auch zu streiten) um am Ende etwas Tragfähigeres zu finden als einen faulen Kompromiss. Denn der sorgt nur für Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Eine Lösung kann es sein, eine Kooperation (einen gemeinsamen neuen Weg) zu vereinbaren. Eine andere, die eigenen Bedürfnisse als Stärke zu nutzen, um damit den Schwierigkeiten entgegengesetzter Anforderungen des Ehealltags zu begegnen.

Bei Nähe und Distanz ist der gemeinsame Urlaub die Herausforderung schlechthin. Es gibt Paare, die diese innige Zweisamkeit nach drei, vier Tagen mit einer Einzelzeit unterbrechen. Tage, an denen jede/r für sich alleine unterwegs ist, die Akkus auflädt und voll neuer eigener Eindrücke am Abend ins Hotelzimmer zurückkehrt.

Im Fall der überraschenden Übernachtungsgäste sah die Lösung der Ehefrau ganz strukturiert aus. Sie plant nun immer mit spontanen Besuchen, das Gästezimmer ist fertig präpariert und die Telefon- und Kundennummer des Sushi-Bringdienstes hat sie auswendig parat. Da kann jetzt kommen wer will.

Kleinigkeiten machen oft die größten Schwierigkeiten

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

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Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

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Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“

 

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Liebende Güte statt „Du liebe Güte!“

Sie war froh, nach so langer Zeit endlich wieder zu Hause zu sein. Allerdings arbeitete in der Küche eine fremde Frau. Und was sollte dieser blöde Verband um ihre Hand? Wütend riss sie ihn ab. „Du liebe Güte, Mutter! Lass ihn dran, wir waren doch gerade deswegen in der Ambulanz gewesen!“ Ambulanz? Wann soll das gewesen sein?

Demenz und Verwirrung gehen Hand in HandIm Kopf von Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, hat die Zeit ihre ordnende Wirkung verloren. Was vor einer Minute, einer Woche oder einem halben Jahrhundert war, ist wie in einem undurchdringlichen Spinnennetz verwoben. Die Zeitgrenzen sind aufgehoben und einem Sog gleich fühlen sich die Menschen in ihre Vergangenheit zurück versetzt. Die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend sind das einzig Stabile und werden leicht durch Ereignisse aus der Jetzt-Zeit aktiviert.

Angehörige, Freunde und helfendes Personal können sich nie sicher sein, was das Gegenüber noch weiß oder erkennt. Die absolute Spontaneität der an Demenz Erkrankten verlangt ihrer Umgebung alles ab. Und die alten Menschen fühlen sich wie ein kleines Kind behandelt, weil ständig alles anders ist als gedacht, sie ständig kontrolliert werden, ständig korrigiert werden. So sind alle Beteiligten schnell am Ende ihrer Geduld und „Du liebe Güte …“ gehört zum Standardrepertoire der gegenseitigen Vorwürfe.

Es fällt schwer, liebende Güte zu leben, wenn die Mutter ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt und Schutzmaßnahmen als Bevormundung angesehen werden. Doch gibt es keinen anderen Weg, als beharrlich und voll nachsichtiger, liebender Güte den Erkrankten zu begegnen. Vielleicht hilft es sich zu verdeutlichen, dass auch der demente Mensch unglücklich über seinen Zustand ist. Dass er verzweifelt versucht, mit Notizen gegen das löchrige Gedächtnis anzukämpfen. Oder die Peinlichkeiten überstehen muss, wenn er sich dabei ertappt hat, wieder etwas ganz Unvernünftiges getan zu haben.

Loslassen bedeutet, das Leben als Leben zu akzeptieren – als etwas nicht Greifbares, als etwas Freies, Spontanes und Grenzenloses.

Zen-Lehre

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