Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

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