Nettsein hilft nicht weiter

Angefangen hat alles mit harmlosen Komplimenten, doch nach einigen Einkäufen fühlte sich die Hosenverkäuferin in der Gegenwart dieses Kunden immer unwohler. Er rückte ihr bei jedem Besuch mehr auf die Pelle. „Hab‘ Dich nicht so, er ist schließlich Kunde“, sagte ihr Chef. Doch wie konnte sie sich wehren?

Immer wieder kommen Frauen (und manchmal auch Männer) in die Überrumpelungs-Situation, dass ihnen ein Mensch zu nahe kommt, sie sich bedrängt fühlen und sie ihre Grenzen nicht verteidigen können. Was nur nett gemeint warMachtstrukturen begünstigen dies: auf der einen Seite der Gast / Kunde / Patient / Chef, auf der anderen Seite die Bedienung / Verkäuferin / Pflegekraft / Mitarbeiterin. Da soll professionelle Freundlichkeit gewahrt werden, um den potentiellen Geldbringer für das Geschäft nicht zu verprellen.

Was nur nett gemeint warDiese Freundlichkeit wird vom Gegenüber falsch interpretiert und auf sich persönlich bezogen. Statt „Ich werde hier freundlich bedient“ findet die Übersetzung „Sie hat Interesse an mir / Sie will was von mir“ statt. Dabei sind Komplimente nur die Vorspeise. In dem Menü folgen noch ein paar Gänge:

Das Machtgefälle zwischen der angreifenden und der angegriffenen Person wird durch die Ignoranz des Umfeldes verstärkt. Kollegen, Vorgesetzte, andere Kunden schauen weg, mischen sich nicht ein und so steht ein Mensch inmitten von anderen plötzlich alleine da und muss sich der Willkür erwehren mit all der anerzogenen Freundlichkeit, die als Abwehr einfach nicht taugt.

Alleine sind alle Menschen machtlos

Eine Lehre aus der Tanzstunde kann hilfreich sein: die Tänzer haben jeweils ihren eigenen Tanzbereich. Mein Tanzbereich vs. Dein TanzbereichWeil bei den Tanzfiguren klare Regeln die Schrittfolge vorgeben, können sich die beiden Tänzer sicher sein, dass die jeweilige Autonomie gewahrt wird und trotzdem etwas Gemeinsames gelingt. Respektiert mein Gegenüber nicht meine Grenzen, ist es ein schlechter Tanzpartner und statt harmonischer Figuren wird ein Gestolper auf das Parkett gelegt.

Übertragen auf Restaurants / Geschäfte / Krankenhäuser oder Unternehmen heißt das: Essen / Einkäufe / Behandlungen / Projekte gelingen nur, wenn die jeweiligen (Tanz-)Bereiche respektiert werden. Passiert dies nicht und eine Person ist übergriffig, ist klare Abwehr angesagt. Krallen ausfahren statt Nett-sein:

Nicht nur die Katze kann Zähne zeigen

  1. Wechsel vom „Du“ zum „Sie“ schafft Distanz
  2. Körpersprache: einen Schritt zurück treten oder einen Gegenstand zwischen sich und das Gegenüber bringen
  3. Klarer Blick signalisiert dem Gegenüber: „Ich nehme wahr, was hier geplant ist“
  4. Aussprechen von Grenzen um Klarheit über Erlaubtes und Nicht-Erlaubtes zu schaffen
  5. Sanktionen bei Grenzüberschreitung nicht nur androhen, sondern durchführen.

Klare Aussage, deutliche AbwehrIm Bekleidungsfachgeschäft könnte es zum Beispiel so aussehen: „Sie können gerne diese Hose in der Umkleidekabine anprobieren. Wenn Sie ihre Hände nicht bei sich lassen können, müssen Sie die Hose bei einer Änderungsschneiderei abstecken lassen.“

Neulich an der Tankstelle: „Testosteron. Bleifrei. Volltanken.“

Robert Mankoff (* 1.5.1944, US-amerikanischer Cartoonist und Autor)

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Schluss mit dem Zickenkrieg

Am ersten Tag wurde die neue Abteilungsleiterin gefragt: „Wussten Sie, dass bereits Wetten abgeschlossen werden, wer im Zickenkrieg gewinnen wird?“ Ihre beiden Kolleginnen lagen seit langem im Clinch und sie als Neue würde die Situation bestimmt noch verschärfen. Doch sie dachte gar nicht daran: denn was wäre, wenn es keinen Zickenkrieg gäbe?

Wetten werden bereits abgeschlossen

Einen solchen Einstieg in eine neue Firma wünscht man sicherlich niemanden, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Festgefahrene Situationen mit rituellen Abfolgen aus Agitation – Provokation – Aktion – Reaktion lauern überall. In diesen eingespielten formellen Systemen folgt aus „A“ immer nur „B“. Danach kann man die Uhr stellen, denn ein Zahnrad greift wie geschmiert in das andere.

Das alte System existiert nicht mehr

Wer neu in ein solches System kommt, bringt jedoch das ganze bisherige Gefüge aus dem Gleichgewicht. Das neue Zahnrad dreht sich anders, klemmt hier und ist geschmeidig dort – ganz anders als das Alte. Provokationen laufen plötzlich ins Leere, neue Aktionen erfordern neue Reaktionen und die Agitation wird vielleicht sogar vollständig eingestellt. Aus „A“ folgt nun nicht mehr „B“ sondern das Ergebnis muss neu ausgehandelt werden zwischen den Beteiligten.

Neues muss schnell eingeführt werden

Um das System neu einzustellen gibt es nur ein kurzes Zeitfenster. Die erste Begegnung kann schon entscheidend sein: Auf welche Seite des Tisches setze ich mich (und gehöre damit, ohne es zu wissen, plötzlich einer bestimmen Fraktion an), unterbreche ich schnell genug die fiesen Spiele oder kann ich glaubhaft versichern, dass mich die alten Geschichten nicht interessieren?

Informelle Treffen ohne Agenda bei Kaffee, Tee oder Apfelsaft können Wunder bewirken: Neue Verbündete haben sich gefunden „Lassen Sie uns doch einfach mal kennenlernen!“Da wird die gegnerische Abteilungsleiterin plötzlich als Mensch wahr genommen, vielleicht kommen ungeahnte Gemeinsamkeiten ans Tageslicht, die eine tragfähige Basis über das Berufliche hinaus begründen.

Schließen sich diese Frauen in leitender Position zusammen, können die untergebenen Männer einpacken. Statt sich im Windschatten des Zickenkriegs einzurichten und ihr Ding zu tun, bleibt ihnen nun nichts anderes übrig, als mit dem neuen Wind zurecht zu kommen.

Meistens streitet man nur so erbittert, weil man nicht begreifen kann, was der Gegner eigentlich beweisen will.

Leo Tolstoi „Anna Karenina“

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So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

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Schwäche ist eine Frage des Kontexts

Sie quälte sich durch die Prüfungszeit: Texte lesen, Inhalte erfassen und dann in einer Hausarbeit strukturiert wiedergeben, das war nicht ihre Stärke. Sie konnte gut mit Kindern umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen, doch für ihren Pädagogen-Job brauchte sie nun mal diesen Hochschulabschluss. Kann man an seinen Schwächen scheitern, so dass man seine Stärken nicht einsetzen kann?

Jede Lebensform hat ihre Stärken und Schwächen, beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille namens „Talente und Fähigkeiten“. Ein Lavendel verträgt kühles und feuchtes Klima nicht, daher ist er nicht in Irland zu finden. Ein Pinguin kann Wärme und ausgedehnte Sandstrände nicht vertragen, deshalb lebt er nicht in der Karibik. Denn konsequent sind die Schwächen an dem einen Ort die Stärken an einem anderen: das trockene und heiße Klima Südfrankreichs ist für den Lavendel ebenso ideal wie arktische Kälte und das raue Meer für den Pinguin.

Schwächen überwinden für das ZielDen Menschen geht es wie den Leuten: eine vorgebliche Schwäche ist – nur in einem anderen Zusammenhang betrachtet – eine Stärke. Ich habe in meinem Zivildienst mit blinden Menschen zusammengearbeitet. Weil sie den Sehsinn nicht zur Verfügung hatten, konnten sie mit gut trainiertem Geruchssinn die Bäckerei riechen lange bevor ich sie sah. Und sie wussten, dass wir gerade an einer Hecke vorbeiliefen, weil der Klang unserer Schritte ihnen zeigte: das hier ist keine Mauer. Ein Mensch, dem es schwer fällt, Texte zu lesen oder Zahlen zu erfassen, nimmt ganz andere Informationen auf: Mimik, Gestik und Schwankungen in der Stimme. So bekommen sie viel mehr die Gefühlslage des Gegenübers mit als ein Mensch, der auf das geschriebene Wissen fixiert ist. Menschen, denen es an empathischem Einfühlungsvermögen fehlt und klare Strukturen lieben, sind ein Gewinn für alle technisierten und prozessorientierten Aufgaben.

So lassen sich die Schwächen ins Gegenteil verkehren, wenn ich den Betrachtungspunkt und den Kontext ändere. Dass es auf dem Weg zum idealen Lebensumfeld Abschnitte gibt, wo ich meine Schwächen trotzdem einsetzen muss, ist wie ein Regenperiode für den Lavendel: auszuhalten.

Man weiß nie, vor welchem größeren Unglück einen das Pech bewahrt hat.

Cormac McCarthy (*1933, US-amerik. Schriftsteller)

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Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

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Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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Der Mythos vom Multitasking

Als er an der Ampel stand, schaute er dem Straßenkünstler beim Jonglieren zu. Scheinbar mühelos hielt der fünf Bälle gleichzeitig in der Luft und er fragte sich: wie viele Bälle, also Aufgaben, er gerade gleichzeitig jonglierte. Weniger oder mehr als 50?

Zu viele Bälle in der Luft haltenEine der modernen Selbstverbesserungsklassiker ist seit vielen Jahren das Multitasking, also die angebliche Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Natürlich spart das Zeit, ist also effizient, weil dieses knappe Wirtschaftsgut optimal ausgenutzt wird. Und bei den Besten – zu denen jeder gehören kann, der die in den Bestsellern vorgeschlagenen Tipps befolgt – ist die Effizienz mit Effektivität gepaart. Sie arbeiten also zudem auch noch wirkungsvoll. Ein Traum für alle Wirtschaftsökonomen. Aber nur für die kurzsichtigen unter ihnen.

Denn auch nach Millionen Jahren der Evolution ist der Mensch lediglich mit einem Gehirn ausgestattet. Das Multitasking-Denken wird vor allem von der Informationstechnologie inspiriert. Deren Evolution brauchte aber auch gute sechzig Jahre, bis dann 2001 der erste Mehrkernprozessor vorgestellt wurde. Erst zwei oder mehr Denkkerne in einem Elektronengehirn machten echtes Multitasking möglich. Davor wurde es lediglich simuliert: die anstehenden Aufgaben wurden in kleine Häppchen geteilt und in schneller Abfolge werden diese Häppchen nacheinander abgearbeitet: Teil 1 von Aufgabe A, dann Teil 1 von Aufgabe B bevor dann der zweite Teil von Aufgabe A an der Reihe ist. Für den Außenstehenden war dieses sequenzielle Abarbeiten scheinbar parallel: der Mythos vom Multitasking war geboren.

Doch dieses Märchen hatte seine Auswirkung auf das menschliche Leben. Frauen seien besonders zum Multitasking in der Lage und die Männer sollten es besser auch lernen, um nicht abgehängt zu werden. Wer jedoch viele Aufgaben parallel zu erledigen versucht, wird schneller ermüden, als wenn er sie nacheinander erledigt. Denn jeder Zwischenstand der Aufgabe muss im Gedächtnis behalten werden, man muss sich bei jedem Wechsel neu in das Thema hinein versetzen und vom letzten Stand aus weiterarbeiten. Jeder kennt diese Situation, wenn er mit einem Servicecenter telefoniert und der Mensch am anderen Ende der Leitung erst nachlesen muss, was bisher geschah.

Wer sich also am Ende eines Arbeitstages müde fühlt und sich vorwirft, nichts geschafft zu haben, ist vielleicht ein Opfer des Multitasking. Ich empfehle eine Strichliste zu machen: Während der Arbeit einen Strich zu machen für jedes Thema, in das man sich hineindenken musste, seien es nur zwei Minuten oder eine halbe Stunde. Und am Abend einfach zählen, wie viele Striche zusammen gekommen sind. Dann weiß man, warum man vor lauter Multitasking keine Aufgabe gelöst bekommen hat.

Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Joschka Fischer (*1948, deutscher Politiker)

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Wenn Sparsamkeit zur Verschwendung führt

Die Projektleiterin diskutierte zehn Minuten lang mit ihrem Mitarbeiter über einen Posten auf der letzten Reisekostenabrechnung. „Diese drei Euro wären nicht notwendig gewesen – was für eine Verschwendung!“ wies sie ihn zurecht. Er konterte: „Diese Ausgabe war unvermeidlich und unsere zehnminütige Diskussion kostete jetzt mehr als das Dreifache – was für eine Verschwendung!“

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenEs gibt Menschen, die es sehr genau mit dem Geld nehmen. Da wird jeder Cent hinterfragt, jedes Detail geprüft und am Ende klopfen sich manche auf die Schulter, weil sie drei Euro eingespart haben. Sie sparen, koste es, was es wolle, manchmal bis zum Untergang. In Deutschlands größtem Bürogebäude, The Squaire am Frankfurter Flughafen, mussten 3.500 Tonnen Baustahl ausgetauscht werden. Die Erstlieferung war günstig, aber leider mangelhaft. Die Austauschkosten und die damit verbundene Verzögerung war einer der Gründe für die Insolvenz des Bauherren.

Neben der Erzeugung unnötiger Ausgaben kann die Sparsamkeit eine weitere unbeabsichtigte Folge haben: die Produktion von Abfall. Da gibt es zum Beispiel den 75. Geburtstag der Mutter. Der sollte gebührend mit einem Sekt gefeiert werden. Als der Korken ungewöhnlich leicht aus der Flasche kam, schaute der Sohn auf das Etikett: das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) war seit mehr als fünf Jahren abgelaufen. Er goss den ehemals guten Tropfen in den Ausguss. Die Mutter war entsetzt: „Den habe ich mal in einem Sonderangebot gekauft!“ Vor lauter Sparsamkeit („Die Flasche heben wir uns für einen besonderen Anlass auf“) war das gekaufte Gut komplett nutzlos und das eingesetzte Geld sinnlos verschwendet worden.

In beiden Fällen kann man eigentlich nicht mehr von Sparsamkeit sprechen. Zwar setzt der Duden  Sparsamkeit ↗ mit der Wirtschaftlichkeit gleich. Also mit dem „Prinzip, mit den gegebenen Mitteln den größtmöglichen Ertrag zu erwirtschaften oder für einen bestimmten Ertrag die geringstmöglichen Mittel einzusetzen.“

Doch das erste genannte Synonym ist der „Geiz“, der streng genommen übertriebene Sparsamkeit ist. Sparsamkeit gepaart mit etwas Großzügigkeit bringt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen „Investitionen genau überdenken“ und „Investitionen tätigen“. Entfällt das Korrektiv der Großzügigkeit ist statt der vorgeblichen Sparsamkeit der Geiz in seiner reinsten Form sichtbar.

MHD ist was für Feiglinge

Schwäbische Hausfrauenweisheit

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Mein Mentor. Mein Chef. Mein Freund?

Als er vor versammelter Mannschaft von seinem Chef zusammengefaltet wurde, fiel er aus allen Wolken. Dabei hatten sie erst gestern Abend einen feucht-fröhlichen Bierzeltbesuch verbracht und sich als Zechbrüder das Taxi nach Hause geteilt. So wie damals, in den alten Zeiten mit seinen besten Kumpels. Und nun das! Was hatte er bloß getan?

Nach dem Feiern lässt der Chef den Chef raushängenDer Herbst ist da und mit ihm das Oktoberfest. Es hat sich von München aus in jeden Winkel der Republik ausgebreitet und lädt hier wie dort zu Firmenpartys ein. Auch die Weinfeste locken auf einen oder mehrere Absacker. Nur wenige Wochen später folgen die Weihnachtsfeiern und dann im Januar die Kick-Offs für das neue Geschäftsjahr. Viele Gelegenheiten also, sich auch hierarchieübergreifend zu befreunden. So wie man besser Wein und Bier nicht mischt, sollte auch bei der Vermischung von Rollen Vorsicht geboten sein.

In der Firma (oder der Behörde) gibt es verschiedene Rollen. Kollegen auf der gleichen hierarchischen Ebene teilen sich die gleiche Rolle und untereinander gibt es wenige Abhängigkeiten. Doch bereits mit dem Mentorship, also der väterlichen/mütterlichen Rolle der Begleitung neuer Kollegen kommt es zu einer leichten Schieflage. Hier: die erfahrene Person, oft im Organigramm höher aufgehängt; dort: der Newbie (Frischling), noch nicht eingeführt in die Sitten und Gebräuche jenseits der offiziellen Wege. Noch weniger auf gemeinsamer Augenhöhe sind Vorgesetzte und ihre Untergebenen (auch wenn sie heute gemeinsam ein „Team“ bilden) denn letztendlich hat einer mehr zu sagen als andere. Beim feucht-fröhlichen Bier- oder Weinfestfeiern verschwimmen diese Rollen wie die Konsonanten mit zunehmendem Alkoholpegel und man redet mal so richtig „von Mann zu Mann“ oder „unter uns Betschwestern“, ganz privat also.

Private Kontakte sind dagegen grundsätzlich auf Augenhöhe. Das beißt sich dann mit der Rolle als Mentor oder Chef. Es mag sogenannte Frollegen geben, also befreundete Kollegen, aber von Frentoren oder Frogesetzten habe ich noch nie gehört. Es ist schwierig, die private von der hierarchischen Ebene zu trennen: Abends noch fröhlich gefeiert und am nächsten Tag gibt eine Person der anderen Anweisungen? Da kommt es leicht zu unklarem Rollenverhalten, man setzt sich den Gerüchten einer Vorteilsnahme oder –gewährung aus („Schau Dir diese Schleimerin an!“, „Das ist sein Liebling, da kannste nix machen“). Um das zu vermeiden, greifen manche daher zur Methode „Harter Hund“ und zeigen übertrieben deutlich, dass noch so viele Promille am Vorabend die Rangordnung nicht außer Kraft setzen.

Wer sich dem entziehen will, muss jetzt nicht die kühle Blonde aus dem Norden oder den Feldwebel mimen. Mann/frau kann auch offen und freundlich klare Grenzen ziehen. Der Boden der Begegnung ist ausschließlich das Firmenumfeld und nicht das Wirtshaus. Wer allerdings in einem Beratungs- oder Tech-Unternehmen arbeitet, das seine Leute mit dem Dreisatz aus „Arbeit = Leidenschaft = Freundschaft“ in einen Mikrokosmos aus Firmenwohnung, Firmensport und Firmenveranstaltungen einspinnt, hat das sehr schwer. Doch mag die langfristige Perspektive helfen, den eigenen Weg zu finden. Denn verlässt man die Firma (das Netz), hat man unter Umständen „draußen“ keine Freunde mehr.

So versucht der kluge Führer nicht, sich mit allen Verfügbaren zu verbünden, und er fordert nicht offen die Macht anderer Staaten heraus. Er verfolgt aber seine eigenen geheimen Pläne und achtet sorgfältig darauf, dass seine Gegner ihn stets fürchten.

Sūnzǐ (544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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Auch ein Drache will geliebt werden

Ihr Job war es, den Laden am Laufen zu halten. Da ging es um Termine, Produktionen, Zulieferer – ein Rädchen griff ins Andere. Sandkörner im Getriebe konnte sie nicht gebrauchen. Und das zeigte ihr rauer Ton auch ganz deutlich. Doch tief in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Merkte das denn keiner?

Wer im Arbeitsleben die Verantwortung für die termingerechte Ablieferung von Produkten trägt, egal ob sie physisch oder digital sind, kommt sich oft vor wie ein Jongleur mit fünf, sechs oder gar sieben Bällen. Die wollen alle in der Luft gehalten werden, keiner darf herunterfallen. Sie müssen in der vorgeschriebenen Flugbahn bleiben! Rumtrödeln kann kein Mensch gebrauchen.

Für die zuliefernden Kollegen ist die Situation äußerst unangenehm, manche würden sagen: unmenschlich. Denn sie sollen funktionieren wie eine Maschine. Unabhängig davon, ob gerade das Kind krank zu Hause ist, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend doch wohl schlecht war oder der Haussegen in der Partnerschaft schief hängt. Und dann kommt der „Drache“, „Feldwebel“, „Sklaventreiber“ – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – und speit Feuer, brüllt Befehle oder schwingt die Peitsche.

Ich lade Sie zu einem gewagten Gedankenexperiment an dieser Stelle ein.

Nehmen Sie an, dass Sie in Wahrheit einen verzweifelten Schrei nach Liebe zu hören bekommen.
Hinter dem Drachen steht ein MenschNehmen Sie an, der Drache / Feldwebel / Sklaventreiber hat ein krankes Kind zu Hause, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend war wohl doch schlecht oder der Haussegen in der Partnerschaft hängt schief.
Ach – da gibt es keine Partnerschaft, Freundin, Kind? Vielleicht ist das eine große Sehnsucht?

Was wäre, wenn dieser Befehlston ein dicker Panzer wäre, hinter dem es keine Erinnerung mehr gibt, wann einen das letzte Mal ein Mitarbeiter wirklich freundlich angelächelt hat (und nicht nur dieses unterwürfige schleimige Grinsen zeigte)? Was wäre, wenn diese Person gerne sagen können würde: „Ich bin hier für alles verantwortlich und das macht mich fertig“? Und was wäre, wenn Sie dieser Person ein ehrliches freundliches Wort, ein winziges Kompliment, ein kleines Lächeln schenken könnten?

Nun, der Drache wird sich vermutlich nicht gleich in eine schöne Jungfrau (oder einen schönen Jüngling) verwandeln, der Feldwebel nicht das Peace-Zeichen machen oder der Sklaventreiber die Verbrüderung anstreben. Aber für Sie wäre etwas anders: Sie würden aus dem Gegenangriff rausgehen und hätten es selbst in der Hand, die Arbeitssituation von einem etwas mehr entspannten Standpunkt zu betrachten.

Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“

Aus: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

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