Walk & Talk – vom Coaching im Park

Für manche Dinge scheint es eine neue Zeitrechnung zu geben: „B.C.“ und „A.D.“ Damit ist nicht „Before Christ (vor Christus)“ und „Anno Domini (Im Jahr des Herrn)“ gemeint, sondern „Bis Corona“ und „Auf Distanz“. So auch für Coachings. Üblich waren „Sitzungen“, also in einem Raum, in Sesseln oder an einem Tisch, Flipchart oder ähnliches griffbereit und dann wurde miteinander an einem Thema gearbeitet.

Die Abstandsregeln der ersten Corona-Welle machten aus Sitzungen Spaziergänge mit 1,5 Meter Distanz an der frischen Luft. Das veränderte die Arbeit im Coachee (der Person, die ein Coaching beauftragt) und die des Coaches radikal. Wie führe ich beispielsweise vertrauliche Gespräche in vollen Parks (denn alle konnten sich nur noch auf einen Spaziergang treffen)? Manche Menschen entwickelten eine Hassliebe zum Spazierengehen. Ich persönlich habe als Coach im „Walk & Talk“ eine neue Methode entdeckt, die meine Kollegin Britta Rafoth schon seit Jahren zu ihrem Kennzeichen gemacht hat: Coaching in Bewegung ↗

Mein Coachingraum wurden der Ostpark, der Günthersburgpark und hin und wieder der Hauptfriedhof mit der Bienenwiese oder der Stadtwald in Frankfurt. Ein Coaching dauert 1,5 bis zwei Stunden, was schöne Runden ergibt. In der Regel laufen wir anfangs schneller als gegen Ende, weil der Redebedarf über Ärger oder Frustration der Antrieb ist. Irgendwann wird das Tempo gemächlicher und der Blick kann sich mehr nach oben, rechts, links richten und dort finden sich eine Fülle von Metaphern, Analogien und Beispielen für grundlegende Fragen, kleine Impulse oder große Ideen. Brennnesseln oder Moos vermitteln sehr deutlich, wie ich mich in der Gegenwart eines Menschen fühle. Zwei Äpfel hängen so dicht hintereinander, dass sie wie einer erscheinen – doch mit einem Schritt zu Seite sehe ich, dass es sich um zwei Dinge handelt, die ich unabhängig voneinander betrachten kann. Baustämme im Weg zeigen Grenzen, Löcher Stolperfallen, Trampelpfade Grenzverletzungen und manches Tier macht beispielhaft Verhalten vor. Die Erkenntnisse werden so mit einem Bild und Ort verknüpft und prägen sich damit tiefer ein.

Beim Coaching in Bewegung kommen

Coaching hilft Menschen, aus eingefahrenen Situationen aus eigener Kraft herauszufinden. Dazu müssen sie innerlich in Bewegung kommen und so unterstützt Laufen äußerlich das Ziel, neue Wege zu finden. Wenn die Zeit für eine Reflexion und Sammlung gekommen ist, findet sich immer eine Bank, auf die wir uns setzen können. Ein Notizbuch ist zur Hand und hält fest, was vielleicht verloren gehen könnte. Und auch wenn dieser Sommer doch recht feucht war: das Wetter war fast nie der Grund, warum ein Coaching nicht stattfinden konnte. Denn notfalls gibt es ja die alten Versionen: in einem Raum mit vier Wänden oder am Telefon.

Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam.

Werner Hansch (*1938, dt. Sportreporter)

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Den Fehdehandschuh (nicht) werfen

Das Projekt war kurz vor dem Scheitern und er erläuterte im Abteilungsmeeting die Gründe. Seine Chefin rollte dabei mit den Augen. Sofort schaltete er auf Angriff um. „Sie brauchen das gar nicht ins Lächerliche zu ziehen!“ blaffte er sie an, vor versammelter Mannschaft. Nimmt sie seinen Fehdehandschuh auf?

Jeden Tag treffen wir zahllose Entscheidungen, von „Soll ich aufstehen oder weiterschlafen?“ am Morgen über „Schnitzel mit Pommes oder lieber doch die Maultaschen?“ zum Mittagessen bis hin zum abendlichen „Noch ein Bierchen?“ Bei vielen diesen Entscheidungen lauert kein Konflikt, doch wo Menschen zusammenarbeiten, menschelt es. Daher müssen wir auch im Umgang miteinander schnell entscheiden, wie wir uns verhalten und so können an sich harmlose Konflikte eskalieren.

Ein Konflikt an und für sich ist nichts Schlechtes, beschreibt er doch nur eine Situation, in der gegensätzliche Interessen auftreten. Ob es zur Eskalation kommt, oder im Gegenteil zu einem Kompromiss und vielleicht gar einer Kooperation, hängt stark davon ab, wie sich die Konfliktparteien jeweils verhalten. Oft lohnt ein zweiter Blick, um die wahren Interessen der Beteiligten auszuloten.

Auf dem Weg zur Eskalation kann man auch abbiegen und umkehrenMeist liegen nur wenige Informationen vor, auf deren Basis in solchen Situationen entschieden wird. Reagiert wird nach dem ersten Eindruck, wie im Beispiel am Anfang: Der Mitarbeiter bemerkt das Augenrollen und reagiert in Sekundenbruchteilen mit einer Gegenattacke. Denn er fühlt sich angegriffen und in seiner misslichen Lage nicht gesehen. Er muss das Scheitern des Projektes verkünden, obwohl er es nicht zu verantworten hat.

Im Mittelalter haben Ritter dem Gegner als Zeichen der Herausforderung zum Kampf einen Handschuh vor die Füße geworfen, den der Betroffene bei Annahme der Herausforderung aufhob (Quelle: Duden Universalwörterbuch). Nimmt die Chefin den Fehdehandschuh auf, wird die Eskalationsspirale in Gang gesetzt. Im Gegensatz zum Mittelalter kann sie den feindseligen Ton des Mitarbeiters aber „überhören“, ohne als Feigling dazustehen. Sie könnte zum Beispiel so reagieren: „Ja, ich rolle die Augen, aber nicht wegen Ihnen, sondern weil ich das Scheitern schon befürchtet habe und es mich ärgert. Wie geht es Ihnen damit?“

Auch der Mitarbeiter hätte statt des Angriffs den Weg des Erklärens nehmen können: „Ich sehe, Sie rollen mit den Augen. Warum machen Sie das?“ (ohne angriffslustigen Unterton). Das gibt der Chefin die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Und siehe da: vielleicht ist gar keine Eskalation notwendig, weil sich die Dinge mit ein wenig Zeit, ein wenig Offenheit, klären lassen. Denn Eskalation lebt von der Steigerung der Geschwindigkeit, De-Eskalation kommt mit Verlangsamung.

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch ist.

Berthold Brecht (1898 – 1965, Schriftsteller und Regisseur)

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Der Abgrund nach dem Urlaub

In den Träumen lief er noch durch die klare Alpenluft, doch tagsüber war er wieder in der grauen Arbeitshölle gefangen. Der Urlaub, kaum 14 Tage her, erschien endlos weit weg und er biss die Zähne zusammen, um alles zu erledigen, was ihm auf den Tisch gelegt wurde. Warum fühlte er sich nur schon wieder dem Abgrund ganz nah?

Ich habe mit vielen Menschen nach ihrem Urlaub gesprochen und auch wenn dies wenig repräsentativ ist, so haben doch alle der Aussage zugestimmt „Mir geht es mittlerweile wieder wie vor dem Urlaub: ich bin angespannt und erschöpft.“ Lediglich das Zeitfenster variierte: manchen ging es schon nach dem ersten Arbeitstag so, bei anderen dauert es bis zum Ende der ersten Arbeitswoche. Doch die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, die sich in diesen Aussagen ausdrückte, war bei allen gleich.

Was haben wir alle den Sommerurlaub 2021 herbeigesehnt! Über Monate war unklar, ob er stattfinden könnte, ständig ging es von Hoffen zu Bangen und zurück. Dann endlich waren die aktuellsten Pandemieregeln recherchiert, verstanden und umgesetzt und der Ortswechsel war möglich. Hinauf in die Berge, rein ins Meer, eintauchen, wegtauchen und aufatmen. Maskenpflicht und 3G-Kontrollen waren ja längst Routine, doch diese neuen Perspektiven, diese Ruhe (oder das Feiern) – all das war so wenig Alltag wie schon lange nicht mehr.

Der Weg in den Abgrund ist nur eine OptionDann kam die Rückkehr und die alte Illusion, dass sich in den Tagen der Abwesenheit ganz viel und vor allem zum Besseren geändert hatte, platzte wie immer. Es gelten auf der Arbeit die gleichen Pandemieregeln, eine Änderung ist nicht in Sicht und die Aufgaben haben sich auch dieses Mal wieder nicht auf magische Weise selbst erledigt. Schlimmer als vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub, weil die Perspektive „bis zum Urlaub“ nun nicht mehr wenige Wochen, sondern viele Monate lang ist.

Vielleicht hilft da eine Erfahrung, die so manche beim Reisen machten. Wer den Weg von A nach B plant, sei es digital oder analog, der folgt nicht einem Weg, sondern beschreitet eine große Menge von Teilwegen. Navigationssysteme sind darin Meister. Sie bauen einen Weg aus schier unendlichen vielen Teilabschnitten zusammen. An jeder Ecke, an jeder Weggabelung fängt ein neuer Abschnitt an. Der eine Weg endet, der nächste beginnt. Denn die Frage ist doch, wo der Weg an einer Gabelung eigentlich weitergeht. Rechts herum? Links entlang? Ist der breitere Weg wirklich die Fortsetzung oder ist es in Wirklichkeit der schmale Pfad, den es weiter zu laufen gilt?

Übertrage ich diese Betrachtungsweise, macht sie die Arbeit nicht weniger. Doch sie verhindert, dass große Aktenberge unüberwindlich erscheinen und das Tal der Tränen (Standardfloskel aller Projektleiter:innen) endlos ist. „To cut the elephant into pieces“ heißt es im Englischen, um zu beschreiben, dass große Aufgaben durch mehrere kleine handhabbar werden. Das ermöglicht das (innere) Feiern von Etappen. So wie auf einer Radtour an jedem Abend der gefahrenen Strecke mit allen ihren Schrecken und Freuden bei Tee, Wein oder Bier nachgeschmeckt wird, kann es auf der Arbeit heißen: ich habe heute dieses Mosaiksteinchen, dieses Puzzlestück an den richtigen Platz gesetzt und das ist unter Umständen mehr, als ich am Morgen noch erwartet hatte.

Vor allem kann die Betrachtung von Teilerfolgen die Gefahr einer schleichenden chronischen Unzufriedenheit mindern helfen. Diese versuchen manche Menschen durch Übereifer zu bekämpfen. Doch dieser Kampf wäre der Peter-Weg:

Alle arbeiten bis zum Abgrund.
Nur nicht Peter, der schafft noch ’nen Meter.

Frei nach „ABC der Schadenfreude“ von Anke Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl

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Ohne Perspektive am (vorläufigen) Ende der Pandemie

Wir sind wieder da! Wir haben Sie vermisst! Neustart! Die Werbeschilder schrien Aufbruch und Aufforderung in den Sommerhimmel. Doch sie schlurfte durch die Straßen in Richtung Park, um dort einfach still grübelnd auf einer Bank zu sitzen. Warum wollte sie einfach nicht in den allgemeinen Jubel über das Ende eines langen Pandemiewinters einstimmen?

Viele Gespräche drehen sich derzeit um das langersehnte Ende der pandemiebedingten Einschränkungen. Doch so manche:r spürt vor allem Perspektivlosigkeit und Erschöpfung statt des erhofften Aufschwungs und Energieschubs. Große Unsicherheiten äußern einige, wenn es um das Wiedersehen mit mehreren Menschen geht: die Familie, Freundeskreis, Kolleg:innen. Eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang miteinander zeigt, wie lange echter Kontakt zwischen Menschen eingeschränkt war. Nach einem Tag voller Videokonferenzen, Chats oder Abarbeiten von Mails fühle auch ich mich in einem Maße erschöpft, wie ich das bisher nicht kannte.

Der Corona-Virus rennt und überholt uns alle

In mir gibt es zwei grundsätzliche Bedürfnisse: das eine will Nähe, Kooperation, Vertrauen, Austausch, persönliche Begegnung. Das andere Bedürfnis strebt nach Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Distanz zu anderen Menschen und eigenständiger Leistung. Dieser zweite Anteil feierte in den letzten 15 Monaten ein großes Freudenfest: keine blöden Kolleg:innen mehr (seien wir ehrlich: die gibt es immer), nervige Pendelei mit Dutzenden von Idioten auf der Straße oder in der Bahn (und es sind immer die anderen, nie ich selbst) oder langatmige Treffen, bei denen ich Gefahr laufe, einzuschlafen (auch wenn die Augen nur mühsam offen blieben). Stattdessen: „home sweet home“ am Rechner und Kamera aus bei langweiligen Marathonsitzungen.

Das Freudenfest des Einen ist das Jammertal des Anderen. Der Wunsch nach Nähe drückt sich auch darin aus, alle Signale des Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten: ist sie/er mir wohlgesonnen, gehen wir gemeinsam in die gleiche Richtung, was braucht es zum Gelingen von uns beiden? Videokonferenzen zeigen Menschen a) zeitverzögert b) oft nur bis zum Hals und c) unscharf. Während der Distanzanteil in mir ungeniert den Videomenschen ins Gesicht starren kann, ist der Näheanteil in mir verzweifelt: wo ist die Mimik in den Pixeln, wo die Gestik außerhalb des Bildschirms, überhaupt: wie sitzt dieser Mensch mir gegenüber? Das Erraten all dieser Kommunikationsanteile, die Hauptträger der Beziehungsbotschaften sind, ermüdet ungemein.

Und jetzt soll alles wieder offen, frei und leicht sein? Wir hören von der δ-Mutation und befürchten eine ε-Variante im Herbst. Die Cafés sind offen, aber drinnen nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung (das neue „Draußen nur Kännchen“). Der Urlaub ist teuer geworden, weil jetzt alle reisen wollen und keine:r weiß, ob die Reise kurzfristig abgesagt oder abgebrochen werden muss. Und dann noch die Arbeit! Manche, viele, sehr viele haben sie verloren. Manche, viele, sehr viele, haben den Sinn darin verloren. Manche, viele, sehr viele haben dafür schlichtweg keine Kraft mehr, schließlich gab es 1½ Jahre Pädagogik für Kinder, Pflege für Angehörige und Phlegma in mir selbst als Dreingabe zum Alltag.

Statt sich selbst Druck³ zu machen wäre es schön, sich die Erlaubnis zu geben, mal innezuhalten, zu verschnaufen und sich einzugestehen: ich kann nicht mehr, weil es eben nicht alles zu leisten ist, was ich von mir oder andere von mir erwarten.

Arno Schmidt hat akribisch vor dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Lüneburger Heide mit dem Fernrohr das Leben beobachtet (wer einmal in der Lüneburger Heide war, weiß, dass sich dort gar nichts tut) und dann auf Tausenden Seiten beschrieben. Ja, warum eigentlich nicht?

Aus: Margit Schreiner „Sind Sie eigentlich fit genug?“

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Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

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Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

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Führungsstil: scheinbar partizipativ

Frisch aus dem Onlineseminar „Motivieren durch partizipieren“ brachte die Chefin im nächsten Teammeeting eine Liste von Projekten mit, aus der sich alle Mitarbeitenden eines aussuchen durften, das sie bearbeiten wollten. Doch so recht kam keine Freude auf. Warum nur, so fragte sich die Chefin, begeisterten sich meine Leute nicht für diese großartige Beteiligung?

Moderne Führungskräfte, also Menschen, die anderen Menschen im 21. Jahrhundert vorgesetzt werden, finden unzählige Blogs (Texte und Kolumnen im Internet), Podcasts (Aufgenommene Gespräche) und Vlogs (Videotagebücher) zur persönlichen Weiterbildung. Fast alle haben den Grundtenor, dass Empathie und Partizipation die Schlüsselkompetenzen im Kampf um die besten Talente sind. Früher verstaubten etliche Meter von Management-Büchern in den in den firmeneigenen Bibliotheken, die ganz Ähnliches propagierten. Doch wenn aktive Einbindung von Mitarbeitenden immer noch ein Thema ist, mit dem sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen lässt, scheint es mit Empathie und Partizipation nicht weit her zu sein. Zu oft, das melden Mitarbeitende in Jahresgesprächen und Umfragen zurück, fehlt es ihnen an Anerkennung, Ideenaustausch und echter Mitarbeit.

Führungskräfte betonen anschließend regelmäßig, dass sie die Nachricht verstanden haben und noch mehr ihre Mitarbeitenden einbinden wollen. Manchmal gar kommt die Standardfloskel aus der Politik zum Einsatz: „Wir machen alles richtig, scheinen es aber nicht richtig zu kommunizieren, wenn die Bevölkerung / Mitarbeitende es nicht versteht.“ Vielleicht liegt es aber schlicht auch daran, dass die Beteiligung von Untergebenen oft nur vorgetäuscht wird.

Drei Mitarbeitende glauben ihrer Chefin nicht

Um das zu erläutern, nehme ich Sie mit in einen Kindergarten. Nein, damit ist jetzt nicht Ihr Arbeitgeber gemeint, sondern eine ganz normale Kita. Partizipation von Kindern ist dort ein großes Thema. Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Sie sollen lernen, Kompromisse auszuhandeln und erkennen, dass es nicht immer nach ihrem Willen gehen kann. Beliebtes Übungsfeld ist das Mittagessen. Partizipation sieht dann oft so aus: „Möchtest Du die rote Soße (Tomaten) oder die grüne (Spinat) auf Deine Nudeln?“ Die Botschaft: Schaut alle her, wir fragen das Kind und es darf selbst entscheiden, was es essen will!

Wer sich jetzt auf den Arm genommen fühlt, hat vollkommen recht. Denn hier wird Beteiligung nur vorgegaukelt, es werden in einem eng gesteckten Rahmen Optionen vorgegeben, aus denen jemand auswählen muss. Es gilt: Der Rahmen der Erwachsenen und die Vorauswahl der Erwachsenen. Es fehlt: die Sicht der Kinder. Beim Blick auf die Arbeitswelt werden Erwachsene durch Chefs, Kinder durch Angestellte und Soßen durch Projekte ersetzt: „Möchten Sie dieses oder jenes Projekt übernehmen?“ Ob ich das Projekt überhaupt machen kann, machen will oder gar für sinnvoll erachte, wird genauso wenig berücksichtigt wie der Essenswunsch der Kinder, die vielleicht gar keine Nudeln möchten.

Zu einer echten Partizipation braucht es aus meiner Sicht T-V-M.

T wie Transparenz. Transparenz über den gegebenen Rahmen. Wer Beteiligung verspricht, obwohl alles vorbestimmt ist, demotiviert nur die Anderen. Ich sollte also klarmachen, ob es überhaupt Freiräume gibt, um etwas zu beeinflussen.

Als nächstes wäre V wie Vertrauen hilfreich. Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Anderen. Ich lasse die Vorherrschaft und damit meine eigene Weltsicht los. Wenn ich eine Entscheidung in die Hände von weiteren Menschen lege, kann ich das Ergebnis nicht vorhersagen und habe am Ende vielleicht auch eine Lösung, die ich so nicht wollte. Oder zu der mir der Mut fehlt.

Das ist die dritte Voraussetzung für wahre Partizipation. M wie Mut, dem Prozess Raum zu geben; Mut, das Ergebnis zu akzeptieren; Mut, die Lösung als Teamentscheidung auch nach außen zu verteidigen.

Führungskräfte, die keine Transparenz herstellen, die nicht vertrauen und ängstlich statt mutig sind, können daher nur scheinbar partizipativ führen. Da helfen auch keine Bücher, Podcasts oder Vlogs.

Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.

Bill Cosby (*1937, US-amerik. Schauspieler)

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Der Chef wandert nicht ins Jammertal

Die Zustände waren für den Kollegen schlichtweg unhaltbar: Zu wenig Leute, zu viel Arbeit, schlecht abgestimmte Entscheidungen. Ausführlich benannte er seinem Manager immer wieder alle Fehlentwicklungen, doch der Chef fragte nur genervt: „Können Sie nicht mal konstruktiver sein?“

Die Arbeitswelt scheint zuweilen nicht ein gemeinsamer Planet zu sein, sondern zwei Welten in einer. Hier die der Angestellten, Arbeitenden, Untergebenen und dort die der Führenden und Leitenden. Die Frustration der unteren Ebenen äußert sich in den Ohren mancher Vorgesetzten in fortwährendem Jammern und Wehklagen, die Reaktion der Führungsebene wird darunter bestenfalls als ignorant und je nach Charakter sogar als bösartig oder dumm empfunden. Dazwischen oft genug: Verständigungsschwierigkeiten. So als würden fremde Sprachen gesprochen werden.

Beschwerden werden beschwerlich, wenn Chefs (m/w/d) mit dem unbrauchbarsten Rat für alle Fälle kontern: „Dann müssen Sie halt Prioritäten setzen!“, während sie gleichzeitig neue Aufgaben in engen Zeitfenstern über den Tisch schieben. Zu Recht fühlt sich da niemand ernst genommen. Institutionalisiert wird dieses Aneinander-Vorbeireden mitunter in den Verhandlungen zwischen Betriebs-/Personalrat und der Unternehmensleitung. Bis einer heult oder das Schiedsgericht angerufen wird.

Dabei liegen wertvolle Kerne sowohl im Jammern als auch in dessen Zurückweisen. Des Jammerns guter Kern ist das Benennen von Fehlentwicklungen. Da läuft etwas nicht rund, wertvolle weil knappe Ressourcen (Zeit, Geld, Arbeitskraft) werden für Tätigkeiten ineffizient eingesetzt, was wenig effektive Ergebnisse mit sich bringt. Im Extremfall benennen sog. Whistleblower (Hinweisgeber) gar kriminelle Zustände.

Ein König wendet sich vom klagenden Untertan abGleichzeitig fühlen sich viele Führungskräfte als Kummerkasten für ganz viele Mitarbeitende und es kommt ihnen vor, als ob alle ihnen ständig die Ohren volljammern. Dabei nehmen Chefs selbst viele Missstände wahr, denn sie sind nicht so ignorant oder dumm, wie ihnen von manchen Mitarbeitenden unterstellt wird. Leitende sind unter Umständen genauso Leidende wie ihre Untergebenen.

Im Zurückweisen liegt im Kern bei wohlwollender Betrachtung auch die Forderung, konkrete Vorschläge zu benennen, so dass Handlungsfelder erkennbar werden. Von „Ich will nicht …“ oder „XY macht nie …“ soll der Gedanke darauf gelenkt werden, wie es besser sein könnte. Statt tiefer hinein ins Jammertal zu wandern ist es sinnvoll, den Fokus auf das Wesentliche und Änderbare (!) zu richten. Jammern über unveränderliche Umstände ermüdet Sprecher und Zuhörer gleichermaßen.

Wem das zu viel „Evangelischer Kirchentag“ ist (also zu viel Glauben an das Gute im Menschen) dem empfehle ich ein einfaches Experiment. Die nächste Person, die einem die Ohren volljammert einfach zu fragen „Wenn es nur nach Dir ginge, wie willst Du gerne arbeiten, leben, … Und zwar positiv formuliert.“ Oft genug folgt dann Schweigen: „Ja, das weiß ich auch nicht so genau.“ Denn: Dazu muss ich halt erst mal wissen, was ich will und nicht nur, was ich nicht will.

Diese Intervention lenkt den Gedanken von der Problembeschreibung auf die Problemlösung. Auch wenn die englische Sprichworte „Problem talking creates problems, solution talking creates solutions”1) oder “Energy flows where attention goes”2) mantraartig und quasi-religiös in keinem Selbsthilfebuch fehlen dürfen, so zeigen sie doch, worum es geht: Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Lösungssuche und deren Umsetzung richte, habe ich mehr Chancen, die Veränderung in meinem Sinne tatsächlich anzustoßen.

Denn auf Seiten der Führung werden so zwei Impulse gesetzt: Die Chance steigt, auf offenere Ohren bei meiner Führungskraft zu stoßen und sie wird sich auch nicht mehr so leicht aus der Verantwortung stehlen können, die Missstände auf Basis der Vorschläge abzustellen.

Jammerlappen sind nicht angesagt.

Aus dem Film „Tatsächlich Liebe“

1) Das Reden über Probleme erzeugt Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.

2) Wo die Aufmerksamkeit ist, fließt die Energie.

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