Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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Bullshit-Bingo mit den nervigen Kollegen

Mit siegesgewissem Lächeln triumpfmarschierte sie durch’s Büro. Sie hatte mal wieder Recht gehabt und das wollte sie jetzt jedem Ungläubigen auf’s Brot schmieren. Das nervte alle und alle regten sich über ihr Gehabe auf. Bis auf einen. Der lächelte und freute sich insgeheim über ihre Show. Warum blieb er so gelassen?

Es gibt gerade auf der Arbeit viel Gelegenheit, die Eigenarten anderer Menschen zu studieren. Oft genug müssen sie ertragen werden, oft genug sorgen sie für Leid und Ärger. Schließlich hängen alle über Stunden aufeinander, müssen miteinander arbeiten obwohl die Sympathie füreinander doch arg begrenzt ist und so kommt es immer wieder zu Theaterszenen, bei denen eine Person die Rolle A und die anderen die Rolle B übernehmen. In Endlosschleife.

Da gibt es die Nörgler. Sie haben immer etwas zu meckern, das Glas ist nie halb voll, sondern immer halb leer, auch wenn es schon überläuft. „Das ist doch alles Käse!“ und „Man müsste endlich mal …“ sind ihr Standardphrasen. Wer immer dieser ominöse „man“ auch ist, bleibt ungeklärt.

Es gibt die angeekelten Besserwisser. In ihrer Welt müssen sie sich ständig mit Leuten abgeben, die unter ihrem Niveau sind. Gott, was sind die anderen dumm! Sie können immer sagen, wie eine Sache ausgehen wird. Und haben sie tatsächlich einmal Recht, reiben sie das allen anderen ungefragt unter die Nase.

Auch die hyperaktiven cholerischen Kollegen können eine Plage sein. Keiner schafft so viel wie sie weg, so fehlerlos, so genial. Das richtige Arbeiten muss den armen Dummchen nur richtig eingebläut werden, gerne so, dass es das halbe Büro mitbekommt.

Bullshit-Bingo mit nervigen KollegenAuf jede dieser Rollen gibt es Standardreaktionen, die sich voraussagbar zu einem festen Tanz wie bei den Kranichen entwickeln. Gelöst wird dadurch nichts, sie befeuern lediglich den Konflikt. Doch wie wäre es stattdessen mit einem inneren Bullshit-Bingo?

„Ich habe es doch gleich gewusst!“ – Bingo!

„Gott, was für eine dämliche Frage!“ – Bingo!

„Können Sie noch nicht mal kopieren??“ – Bingo!

Am Ende des Tages kann der Bingo-Zettel vollständig angekreuzt sein und ich freue mich, dass ich nicht auf das endlose Spiel von Provokation und Reaktion eingestiegen bin. Ich habe das einfach an mir abtropfen lassen. Wenn es jetzt auch noch einen Euro je Kreuz aus dem Lohnbüro geben würde – ich wäre ein reicher Mann.

Zank nicht mit einem Schwätzer /
und leg nicht noch Holz auf das Feuer!

Das Buch Jesus Sirach, Kapitel 8, Vers 3

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Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

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Wenn ein sachliches Gespräch entgleitet

Beim Statusmeeting kam es zum Eklat. Nach dem Urlaub stellte die Projektleiterin schwere Versäumnisse während ihrer Abwesenheit fest, die den Projekterfolg akut gefährdeten. Doch statt des erhofften gemeinsamen Schulterschlusses zur Lösung der Probleme entstanden Fronten und tiefe Gräben. Wie konnte das bloß passieren?

Wenn ein Gespräch entgleitet, sind Überraschung, Schaden und Zeitverschwendung groß. Es scheint, als hätten alle Beteiligten etwas „in den falschen Hals“ bekommen, bestünden „stur auf ihren Positionen“ und würden die anderen „einfach nicht verstehen wollen“. Dabei ging es doch eigentlich um die Sache, reine Fakten wurden auf den Tisch gelegt und logische Konsequenzen gefordert. Oder doch nicht? Nein, nichts davon war wirklich der Fall.

Jedes Gespräch, jegliche Art von Kommunikation, bedient gleichzeitig mehrere Ebenen: Diese vier Seiten der Kommunikation lassen sich in einem Quadrat darstellen. Das Modell hilft, ein Gespräch zu analysieren. Da sind zum einen nachprüfbaren Fakten, die klar „wahr“ oder „unwahr“ sind. Das ist die blaue Sachebene. Weiterhin sagen wir alle auch immer etwas über uns selbst aus und wie es uns geht. Was in uns los ist können wir nicht vollständig vor den anderen verbergen. Das ist die grüne Seite der Selbstkundgabe. Es schwingt auch immer eine Beziehungsdefinition mit: wie sehe ich mich im Verhältnis zum Gegenüber, wie sehe ich unsere Beziehung zueinander? Das ist die gelbe Beziehungsseite. Schließlich ist auch immer ein Appell, eine Handlungsaufforderung enthalten, mal deutlich, mal versteckt. Das ist die rote Appellseite.

Die Projektleiterin hat im Eingangsbeispiel ihrem Ärger Ausdruck gegeben. Doch hinter dem Ärger steckte in Wahrheit vermutlich Enttäuschung, eine Traurigkeit über das drohende Scheitern des geliebten Projekts.

Wenn die Traurigkeit das Gespräch bestimmt

Traurigkeit ist fähig, Ärger befeuern, der dann als Außenbeauftragter das Gespräch führt. Oft wird im „Eifer des Gefechts“ aus innerer Enttäuschung geäußerter Ärger. Zum anderen sind Ärger, Wut oder Aggression gesellschaftlich akzeptierter und daher einfacher zu zeigen als Enttäuschung, Trauer oder Verletzung. Weil auch Gesprächspartner leicht Vorwürfe, Angriffe und Herabsetzungen hören und damit automatisch in eine konfrontative Verteidigungshaltung gehen, entgleiten Gespräche in einen Beziehungskampf „unter der Gürtellinie“, anstatt dass sachlich die Fakten „auf den Tisch“ gelegt und ganz „vernünftig Lösungen gesucht“ werden.

Wenn der Ärger das Gespräch bestimmt

Es lohnt sich also, an den Kern der Emotionen heranzukommen, die mich gerade durchschütteln. Das eröffnet Wege für die Verständigung, weil ich dann ehrlicher zu mir und zum Gegenüber sein kann.

Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.

Johann Wolfang Goethe (1749 – 1832, deutscher Dichter)

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Wie man die Rente überlebt

Auf der Trauerfeier sprach der Firmenvertreter von einem verdienstvollen Kollegen, der bis zum Schluss mit vollem Einsatz bei der Sache war und sich schon sehr auf die Rente gefreut habe. Und manch ein Zuhörer fragte sich: ist es nicht besonders tragisch, dass der Kollege kurz nach dem Renteneintritt starb?

Was ist Ihr Plan für die Rente? Das Leben einfach genießen? Durch die Welt reisen? Ehrenamtlich tätig werden? Gar der heimlichen Leidenschaft folgen und endlich Altphilologie studieren? Je nach Ziel können mit einem Rentenberater passende Finanzpläne erstellt werden. So ein Plan beschreibt, welche finanziellen Mittel wie angelegt werden, damit sie zum passenden Zeitpunkt verfügbar sind und sich in der Zwischenzeit auch möglichst vermehrt haben. Mögliche Erben werden bedacht, vielleicht vorhandene Immobilien mit einbezogen. Je besser die finanzielle Situation, desto mehr Möglichkeiten bieten sich für die Rentenstrategie. Doch bei dieser Betrachtung kommt die menschliche Komponente zu kurz.

Es gilt, sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch innerlich auf den neuen Lebensabschnitt „Ruhestand“ vorzubereiten. Dafür braucht es meiner Meinung nach eine „Exit-Strategie“ für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Berufsleben. Denn etliche Menschen arbeiten bis zum Schluss mit Vollgas und können die Arbeit nicht loslassen, obwohl sie es doch eines Tages müssen. Von 150% auf null Prozent in einem Tag – das bringt Körper, Geist und Seele aus dem Lot. Gestern galt es noch, Energie bereitzustellen für die Arbeit und heute wird sie nicht mehr gebraucht, verpufft daher im leeren Raum. Der Geist will seine täglichen Aufgaben knabbern und bekommt sie nicht. Der Seele fehlt die Anerkennung des kollegialen Umfelds. Es ist so, als hätte man sich mit aller Macht gegen eine klemmende Tür gestemmt und plötzlich gibt sie nach.

Der Tod lauert in RentennäheMenschen, die auf diese Art in Rente gehen, fallen tief. Krankheiten, lange unterdrückt und beiseitegeschoben, können durch den nachlassenden Gegendruck endlich ausbrechen, das ganze System „Mensch“ gerät aus dem Gleichgewicht. Im Kleinen kennen das viele von der Erkältungs- und Grippewelle in den Weihnachtsferien.

Wer viele Stunden Gespräche, Tonnen von Gehirnschmalz und einiges strategisches Geschick in die Finanzstrategie für die Rente steckt, sollte auch eine Exit-Strategie entwickeln. Sie beschreibt die Schritte, wie das Arbeitsende aktiv vorbereitet werden kann. Es geht darum, statt eines abrupten Endes einen sanften Übergang zu gestalten. Damit werden Körper, Geist und Seele auf den dritten Lebensabschnitt vorbereitet:

  • Wann fange ich an, die Arbeit innerlich loszulassen?
  • Wie reduziere ich meinen Einsatz dort Schritt für Schritt?
  • Wie baue ich mir rechtzeitig Neues auf?
  • Wer werden in Zukunft meine sozialen Kontakte außerhalb der Arbeitswelt sein?

Ohne eine solche mentale Vorbereitung ist die Gefahr sehr groß, dass Gevatter Tod in der Nähe der Rentenziellinie wartet.

Die kleinen Freuden des Rentnerlebens: ein Scotch vor dem Mittagessen.

Aus der engl. Krimiserie „Inspector Barnaby“

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Der Burn-out des Sisyphos

Ein Gutes hatte die viele Arbeit: er war körperlich topfit, denn Sport war der notwendige Ausgleich zu seiner 60-Stunden Woche. Gut, die sozialen Kontakte ließen sehr zu wünschen übrig und Schlaf ist ohnehin überbewertet. Ein paar Opfer musste er doch für die Karriere bringen, nicht wahr?

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt haben mit ihrer erdrückenden Heftigkeit scheinbar eine bisher nie dagewesene Qualität von Ausbeutung des Menschen erreicht. Schneller werdender Wandel, die Konkurrenz durch digitale Assistenten und der stetig steigende Kostendruck lassen bei vielen arbeitenden Menschen nur den einen Schluss zu: so wurden wir noch nie ausgequetscht, die Zitrone gibt schon lange keinen Saft mehr.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemacht

Manche fühlen sich an den antiken Helden Sisyphos erinnert, der einen Stein den Berg heraufrollt. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein nach unten und er muss von vorne anfangen. Nein, er ist kein armer Wicht, sondern erleidet eine Strafe für seine Hybris. Er wollte sich den Göttern gleichstellen und den Tod besiegen. Das erinnert mich an manche Menschen, die aus Selbstüberhöhung ins Burn-out schlittern.

Denn es gibt verbreitet den Gedanken: wenn ich mich nur ordentlich anstrenge, mal richtig „ranklotze“, dann werde ich den Berg abgearbeitet haben und danach geht es erträglich weiter. Sie werden oft befeuert von einer Selbstüberschätzung: „Nur ich selbst bin in der Lage, dieses und jenes zu tun. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand anderes. Und so gut wie ich kann es sowieso niemand sonst.“ In dieser Falle der Selbstausbeutung angekommen kommt die Selbstversklavung unter fremde Arbeitsnormen von ganz alleine. Hybris und Sklaventum reichen sich so die Hand. Eine Verhaltensweise, die nur der Mensch an den Tag legt und im Tierreich völlig unbekannt ist.

Diese absurde Situation lässt sich nicht durch „immer mehr vom immer Gleichen“ (mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Tempo) lösen, sondern dadurch,

  1. dass ich erkenne, ich welcher Situation ich stecke.
  2. Dass ich sie annehme und anerkenne.
  3. Und dass ich schließlich gegen sie aufbegehre und mein eigenes Schicksal in die Hand nehme.

Sonst bleibe ich Sklave fremder Ansprüche und arbeite „996“: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen in der Woche (das ergibt 72 Stunden).

Ich denke, dass es ein großer Segen ist, 996 zu arbeiten. Wenn Menschen nicht einmal 996 arbeiten, wenn sie jung sind, wann können sie es dann?

Jack Ma (*1964, Gründer der chinesischen Online-Plattform Alibaba)

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Vorteil für mich, Pech für dich

Als er voll Stolz erzählte, wie er den begehrten Projektleiterposten bekommen hatte, wurde seine Schwester wütend: „Den Job hast Du nur bekommen, weil Du einfach gewisse Privilegien hast!“ Und er fragte sich: „Meine Beförderung habe ich mir doch selbst erarbeitet, oder etwa nicht?“

Bei Beförderungen in Firmen gewinnt oft nicht die bestgeeignetste Person, sondern es wirkt ein ganz besonderes Gemisch aus Privilegien und Leistung. Trotz des verbreitesten Klischees, dass sich eine Frau „hochgeschlafen hat“, sind es oft Männer, die das Rennen machen, auch wenn sie nicht die fachlich-persönlich geeignetste Person sind. Offiziell wird niemand benachteiligt, aber alle wissen, dass einer bevorzugt wurde. Dabei gibt es im Artikel 3 des Grundgesetzes eine oft vergessene Doppelformulierung, was die Gleichheit von Rechten und Chancen angeht: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Weder eine Benachteiligung noch eine Bevorzugung ist erlaubt.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemachtIn der gelebten Realität gibt es allerdings Privilegien, die manche Menschen haben, oft ohne sie zu erkennen. Und die Menschen, die sie nicht besitzen, haben entsprechend schlechtere Chancen. Denn die Kehrseite der Benachteiligung ist die Bevorzugung: was der einen zum Nachteil ist, ist dem anderen der Vorteil. Hier ein paar Fragen, die auf Privilegien hinweisen:

  • Wird bei der Stellenbesetzung überlegt, ob die sich bewerbende Person bald Nachwuchs in der Familie haben wird? Antwort: Ja, tendenziell mehr bei weiblichen als bei männlichen Bewerbern.
  • Hat eine Person eine Führungskraft, die sie protegiert? Tendenziell haben Männer stärkere Seilschaften und Netzwerke als Frauen.
  • Wird nach den Leistungen oder den Leistungsversprechen der sich bewerbenden Person geschaut? Frauen fällt es öfters als Männern schwer, ihre Leistungen deutlich anzupreisen.

Auch im Alltag lassen sich Benachteiligungen erkennen, in dem ich Selbstverständlichkeiten hinterfrage. Mir als weißhäutigem Mann um die 50 Jahre steht es nicht zu, über Diskriminierung reden, da ich jede Straße benutzen kann, unabhängig von der Uhrzeit, auch alleine, ohne aus Angst vor Übergriffen meine Wege zu ändern. Oder ich bei Fahrkartenkontrollen keine Schweißausbrüche bekomme, weil man mir nicht vornherein einen Betrugsversuch unterstellt.

Es gibt Situationen, in denen jemand anerkennen muss, dass der Misserfolg nicht darauf beruht, dass sie/er schlecht war, sondern weil jemand anders auch mit Hilfe von Privilegien zum Zuge kam. Diese Benachteiligung ist kein individueller Fehler, sondern ein strukturelles Problem. Ich plädiere sehr dafür, nicht in die Falle zu tappen und das strukturelle Problem zu einem Persönlichen zu machen. Denn es geht nicht um eigenes Versagen, sondern um Macht und Ohnmacht, weil manchen Menschen das Gewinnen leichter gemacht wird.

Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute.

F. Scott Fitzgerald (1896 – 1940, US-amerikanischer Schriftsteller)

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Gerechtigkeit mit einer Prise Rache

Die Stewardess fragte den Fluggast höflich, ob er seinen Platz tauschen würde, damit ein Kind bei seiner Mutter sitze könne. Als er auf seinem Sitz bestand und sich völlig unkooperativ zeigte, bot die Flugbegleiterin dem danebensitzenden Gast ein Upgrade in die Business-Class an, um den benötigten Sitzplatz zu schaffen. Denn ein bisschen Rache ist doch erlaubt, oder?

Es gibt Situationen, in denen von allen Beteiligten ein gewisses Maß an Kooperationswillen gebraucht wird, um sie friedlich zu lösen. Kooperation heißt, mir ist an dem anderen Menschen gelegen, die Beziehung zu ihr/ihm ist mir wichtig. Dafür bin ich bereit, auch mal von meinen Interessen ein Stück abzurücken. So werden Kompromisse ausgehandelt: jeder gibt es etwas ab, in der Summe können alle mit der gefundenen Lösung leben.

Wenn nun eine Person kein Interesse an der Beziehung zu den beteiligten Personen hat und sich ganz und gar auf die Durchsetzung seiner eigenen Interessen konzentriert, sitzt sie am längeren Hebel. Denn Menschen, die ein harmonisches Miteinander anstreben, werden im Zweifel auf ihre Interessen verzichten – um des lieben Friedens willen – und nachgeben. Somit gewinnt eine Seite alles, die andere verliert.

Gerechtigkeit siegt manchmal anders als erwartetWer nur auf seine Interessen schaut, sollte sich bewusst sein, wer im Zweifel wirklich am längeren Hebel sitzt. Im Flugzeug ist das nicht der Fluggast, sondern das Personal und schlussendlich der Pilot. Die Flugbegleiterin erkannte sehr gut, dass es dem Fluggast nicht um eine gute Lösung für alle ging, sondern um seinen eigenen Vorteil. Vielleicht spekulierte er sogar darauf, selbst in die höherwertige Sitzklasse umziehen zu können, wenn er nur hoch genug pokerte. Doch das Blatt der Stewardess war eindeutig besser. Sie gewährte einem anderen die Privilegien, brachte Mutter und Kind zusammen und hatte sogar eine Lehre für den uneinsichtigen Gast parat. Denn schlussendlich spielte sie dessen Spiel mit: ihr war die Beziehung zu diesem Fluggast persönlich egal, sie verhielt sich professionell, korrekt und höflich, siegte so im Machtpoker und sorgte obendrein für eine Genugtuung.

Denn dass die umliegenden Passagiere alle breit grinsten, als sie das Geschehen mitbekamen, zeigt: auch wenn wir alle gerne edel, hilfreich und gut wären, so ein bisschen Rache braucht es wohl hin und wieder im Leben.

Rache ist eine Mahlzeit, die Leute von Geschmack kalt genießen.

Italienisches Sprichwort

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Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

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