Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

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Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

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Führungsstil: scheinbar partizipativ

Frisch aus dem Onlineseminar „Motivieren durch partizipieren“ brachte die Chefin im nächsten Teammeeting eine Liste von Projekten mit, aus der sich alle Mitarbeitenden eines aussuchen durften, das sie bearbeiten wollten. Doch so recht kam keine Freude auf. Warum nur, so fragte sich die Chefin, begeisterten sich meine Leute nicht für diese großartige Beteiligung?

Moderne Führungskräfte, also Menschen, die anderen Menschen im 21. Jahrhundert vorgesetzt werden, finden unzählige Blogs (Texte und Kolumnen im Internet), Podcasts (Aufgenommene Gespräche) und Vlogs (Videotagebücher) zur persönlichen Weiterbildung. Fast alle haben den Grundtenor, dass Empathie und Partizipation die Schlüsselkompetenzen im Kampf um die besten Talente sind. Früher verstaubten etliche Meter von Management-Büchern in den in den firmeneigenen Bibliotheken, die ganz Ähnliches propagierten. Doch wenn aktive Einbindung von Mitarbeitenden immer noch ein Thema ist, mit dem sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen lässt, scheint es mit Empathie und Partizipation nicht weit her zu sein. Zu oft, das melden Mitarbeitende in Jahresgesprächen und Umfragen zurück, fehlt es ihnen an Anerkennung, Ideenaustausch und echter Mitarbeit.

Führungskräfte betonen anschließend regelmäßig, dass sie die Nachricht verstanden haben und noch mehr ihre Mitarbeitenden einbinden wollen. Manchmal gar kommt die Standardfloskel aus der Politik zum Einsatz: „Wir machen alles richtig, scheinen es aber nicht richtig zu kommunizieren, wenn die Bevölkerung / Mitarbeitende es nicht versteht.“ Vielleicht liegt es aber schlicht auch daran, dass die Beteiligung von Untergebenen oft nur vorgetäuscht wird.

Drei Mitarbeitende glauben ihrer Chefin nicht

Um das zu erläutern, nehme ich Sie mit in einen Kindergarten. Nein, damit ist jetzt nicht Ihr Arbeitgeber gemeint, sondern eine ganz normale Kita. Partizipation von Kindern ist dort ein großes Thema. Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Sie sollen lernen, Kompromisse auszuhandeln und erkennen, dass es nicht immer nach ihrem Willen gehen kann. Beliebtes Übungsfeld ist das Mittagessen. Partizipation sieht dann oft so aus: „Möchtest Du die rote Soße (Tomaten) oder die grüne (Spinat) auf Deine Nudeln?“ Die Botschaft: Schaut alle her, wir fragen das Kind und es darf selbst entscheiden, was es essen will!

Wer sich jetzt auf den Arm genommen fühlt, hat vollkommen recht. Denn hier wird Beteiligung nur vorgegaukelt, es werden in einem eng gesteckten Rahmen Optionen vorgegeben, aus denen jemand auswählen muss. Es gilt: Der Rahmen der Erwachsenen und die Vorauswahl der Erwachsenen. Es fehlt: die Sicht der Kinder. Beim Blick auf die Arbeitswelt werden Erwachsene durch Chefs, Kinder durch Angestellte und Soßen durch Projekte ersetzt: „Möchten Sie dieses oder jenes Projekt übernehmen?“ Ob ich das Projekt überhaupt machen kann, machen will oder gar für sinnvoll erachte, wird genauso wenig berücksichtigt wie der Essenswunsch der Kinder, die vielleicht gar keine Nudeln möchten.

Zu einer echten Partizipation braucht es aus meiner Sicht T-V-M.

T wie Transparenz. Transparenz über den gegebenen Rahmen. Wer Beteiligung verspricht, obwohl alles vorbestimmt ist, demotiviert nur die Anderen. Ich sollte also klarmachen, ob es überhaupt Freiräume gibt, um etwas zu beeinflussen.

Als nächstes wäre V wie Vertrauen hilfreich. Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Anderen. Ich lasse die Vorherrschaft und damit meine eigene Weltsicht los. Wenn ich eine Entscheidung in die Hände von weiteren Menschen lege, kann ich das Ergebnis nicht vorhersagen und habe am Ende vielleicht auch eine Lösung, die ich so nicht wollte. Oder zu der mir der Mut fehlt.

Das ist die dritte Voraussetzung für wahre Partizipation. M wie Mut, dem Prozess Raum zu geben; Mut, das Ergebnis zu akzeptieren; Mut, die Lösung als Teamentscheidung auch nach außen zu verteidigen.

Führungskräfte, die keine Transparenz herstellen, die nicht vertrauen und ängstlich statt mutig sind, können daher nur scheinbar partizipativ führen. Da helfen auch keine Bücher, Podcasts oder Vlogs.

Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.

Bill Cosby (*1937, US-amerik. Schauspieler)

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Der Chef wandert nicht ins Jammertal

Die Zustände waren für den Kollegen schlichtweg unhaltbar: Zu wenig Leute, zu viel Arbeit, schlecht abgestimmte Entscheidungen. Ausführlich benannte er seinem Manager immer wieder alle Fehlentwicklungen, doch der Chef fragte nur genervt: „Können Sie nicht mal konstruktiver sein?“

Die Arbeitswelt scheint zuweilen nicht ein gemeinsamer Planet zu sein, sondern zwei Welten in einer. Hier die der Angestellten, Arbeitenden, Untergebenen und dort die der Führenden und Leitenden. Die Frustration der unteren Ebenen äußert sich in den Ohren mancher Vorgesetzten in fortwährendem Jammern und Wehklagen, die Reaktion der Führungsebene wird darunter bestenfalls als ignorant und je nach Charakter sogar als bösartig oder dumm empfunden. Dazwischen oft genug: Verständigungsschwierigkeiten. So als würden fremde Sprachen gesprochen werden.

Beschwerden werden beschwerlich, wenn Chefs (m/w/d) mit dem unbrauchbarsten Rat für alle Fälle kontern: „Dann müssen Sie halt Prioritäten setzen!“, während sie gleichzeitig neue Aufgaben in engen Zeitfenstern über den Tisch schieben. Zu Recht fühlt sich da niemand ernst genommen. Institutionalisiert wird dieses Aneinander-Vorbeireden mitunter in den Verhandlungen zwischen Betriebs-/Personalrat und der Unternehmensleitung. Bis einer heult oder das Schiedsgericht angerufen wird.

Dabei liegen wertvolle Kerne sowohl im Jammern als auch in dessen Zurückweisen. Des Jammerns guter Kern ist das Benennen von Fehlentwicklungen. Da läuft etwas nicht rund, wertvolle weil knappe Ressourcen (Zeit, Geld, Arbeitskraft) werden für Tätigkeiten ineffizient eingesetzt, was wenig effektive Ergebnisse mit sich bringt. Im Extremfall benennen sog. Whistleblower (Hinweisgeber) gar kriminelle Zustände.

Ein König wendet sich vom klagenden Untertan abGleichzeitig fühlen sich viele Führungskräfte als Kummerkasten für ganz viele Mitarbeitende und es kommt ihnen vor, als ob alle ihnen ständig die Ohren volljammern. Dabei nehmen Chefs selbst viele Missstände wahr, denn sie sind nicht so ignorant oder dumm, wie ihnen von manchen Mitarbeitenden unterstellt wird. Leitende sind unter Umständen genauso Leidende wie ihre Untergebenen.

Im Zurückweisen liegt im Kern bei wohlwollender Betrachtung auch die Forderung, konkrete Vorschläge zu benennen, so dass Handlungsfelder erkennbar werden. Von „Ich will nicht …“ oder „XY macht nie …“ soll der Gedanke darauf gelenkt werden, wie es besser sein könnte. Statt tiefer hinein ins Jammertal zu wandern ist es sinnvoll, den Fokus auf das Wesentliche und Änderbare (!) zu richten. Jammern über unveränderliche Umstände ermüdet Sprecher und Zuhörer gleichermaßen.

Wem das zu viel „Evangelischer Kirchentag“ ist (also zu viel Glauben an das Gute im Menschen) dem empfehle ich ein einfaches Experiment. Die nächste Person, die einem die Ohren volljammert einfach zu fragen „Wenn es nur nach Dir ginge, wie willst Du gerne arbeiten, leben, … Und zwar positiv formuliert.“ Oft genug folgt dann Schweigen: „Ja, das weiß ich auch nicht so genau.“ Denn: Dazu muss ich halt erst mal wissen, was ich will und nicht nur, was ich nicht will.

Diese Intervention lenkt den Gedanken von der Problembeschreibung auf die Problemlösung. Auch wenn die englische Sprichworte „Problem talking creates problems, solution talking creates solutions”1) oder “Energy flows where attention goes”2) mantraartig und quasi-religiös in keinem Selbsthilfebuch fehlen dürfen, so zeigen sie doch, worum es geht: Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Lösungssuche und deren Umsetzung richte, habe ich mehr Chancen, die Veränderung in meinem Sinne tatsächlich anzustoßen.

Denn auf Seiten der Führung werden so zwei Impulse gesetzt: Die Chance steigt, auf offenere Ohren bei meiner Führungskraft zu stoßen und sie wird sich auch nicht mehr so leicht aus der Verantwortung stehlen können, die Missstände auf Basis der Vorschläge abzustellen.

Jammerlappen sind nicht angesagt.

Aus dem Film „Tatsächlich Liebe“

1) Das Reden über Probleme erzeugt Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.

2) Wo die Aufmerksamkeit ist, fließt die Energie.

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Duzen – Siezen – Diezen

Er saß unerwartet bei einer Präsentation direkt neben der Geschäftsführung: man sei ja schließlich ein Team. Als sich das Management anschließend über das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort hörte, ergab für ihn einfach keinen Sinn. Und er fragte sich: „Welche Sprache benutzen die denn?“

Macht und Hierarchie im Arbeitsalltag wirken im 21. Jahrhundert so veraltet wie Fax und Schreibmaschine. Verstärkt wird das noch durch Corona-bedingte Videogespräche, die Vorgesetzte unfreiwillig in ihrer privaten Umgebung führen müssen. Da rennt beim Bankvorstand im Hintergrund das Kind durch den Flur, die Verkaufsleiterin scheint afrikanische Schrumpfkopfmasken zu mögen und ein rosa Betthimmel heiligenscheint über der Glatze des Projektleiters.

Dazu passend greift seit geraumer Zeit eine Duz-Welle um sich. Was in der Werbung von hippen Start-ups (oder auf Deutsch: Firmen, die mit ihrem Neugeschäft gerade in aller Munde sind) ausging, ist mittlerweile im Bankgeschäft, beim Autokauf und im Textilhandel weit verbreitet. Suggeriert wird hier: wir verstehen die Bedürfnisse unsere Kunden und sind wie ein Freund an deren Seite – auf Augenhöhe, „Du + Wir = ein Team“. Team scheint überhaupt ein wichtiger Begriff zu sein.

Das „Sie“ gilt als Zeichen des Respekts und der Ordnung zwischen mächtigen Oberen und dienenden Untergebenen. Es gibt nur noch wenige Bereiche, in denen das Sie unerschütterlich scheint. In der öffentlichen Verwaltung beispielsweise. Im sozialen Bereich ist es dagegen selbstverständlich, dass sich geduzt wird. Hier arbeiten Menschen mit Menschen für Menschen und das „Sie“ wäre eine Barriere, die die pädagogische oder pflegerische Arbeit nur erschwert. Dann gibt es noch hybride Mischformen. Ein „Diezen“ wie im Supermarkt („Du Frau Müller, kannst Du mir mal …“) oder aus dem Angelsächsischen kommend („Irene, könnten Sie bitte mal …“)

Das „Du“ ist für deutsche Gewohnheiten ursprünglich dem privaten Umfeld vorbehalten gewesen. Wurden in der Nachkriegszeit Eltern teilweise noch gesiezt, hat sich das „Du“ als besondere Auszeichnung durchgesetzt: seht her, wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns duzen. Auch best buddies (beste Kumpel) zeigten mit dem Du: Wir sind drin und Ihr seid draußen. Im professionellen Kontext kreiert das „Du“ die Illusion einer freundschaftlichen Verbundenheit, doch es ist lediglich ein „Arbeits-Du“.

Ein König spricht von mit einem UntertanDenn wird in einer Organisation das vorgeblich Hierarchie-nivellierende „Du“ verwendet, braucht es andere Formen, um das weiterhin real existierende Machtgefälle zu demonstrieren, Team hin oder her. Innerhalb einer Firmensprache (Siemens-Sprech, Commerzbank-Sprech, etc.) gibt es auch noch das „Management-Sprech“. Da fallen ganz beiläufig die neuesten Buzzwords (Begriffe, die aktuell in keiner Präsentation fehlen dürfen, wenn man dazu gehören will), die nur die Eingeweihten kennen. Es werden Andeutungen gemacht, die auf gemeinsame Vorabsprachen verweisen. Und das Ganze in einer Mischung aus exkludierender Gruppensprache und individueller Selbstdarstellung: Sprache ist eine Machtdemonstration nach Außen und nach Innen. Sie dient der Abgrenzung und der Positionierung der Gruppe.

Wer diese Sprache zum ersten Mal hört, denkt womöglich:

„Ich verstehe nur Bahnhof!“

(Redensart, die am Ende des 1. Weltkriegs entstand. Soldaten wollten nur weg von der Front nach Hause, damals halt mit der Bahn. Bahnhof bedeutete also Heimaturlaub. Sagt jemand „Ich verstehe nur Bahnhof“ ist gemeint: „Ich will hier weg und nach Hause“.)

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Das Neue vom Ende her denken

Mit schweren Schritten und tiefen Zweifeln schleppte er sich durch den ersten Arbeitstag in der neuen Firma. Alle und alles war fremd, ihm fehlten die vertrauten Kolleg:innen. Von „Durchstarten“ konnte bei ihm keine Rede sein. Und er fragte sich: „Warum habe ich bloß gekündigt?“

Das Ende des Hochsommers ist für viele ein Neuanfang: die Kinder kommen in die Schule oder haben sie endgültig verlassen, manche haben (un)freiwillig eine neue Arbeitsstelle, andere haben nun das Lebensalter ohne Arbeitsverpflichtung erreicht. Es gibt unzählige Ratgeber, wie der neue Job, die neue Stadt oder der neue Lebensabschnitt gelingen kann. Sie sind in der Regel linear auf die Zukunft ausgelegt. Dabei lohnt es sich, von gestern her auf die neue Situation zu schauen.

So wie jedem Anfang ein Zauber innewohnt ist davor ein Ende, das Wehmut erzeugt. Und so mancher kommt vor lauter Festhalten nicht im Neuen an. Denn wer kennt sie nicht, die Abschiede aus dem bisherigen Freund:innenkreis: da lacht ein Auge, während das andere weint; private Koordinaten werden ausgetauscht (E-Mail für die Generation Ü-50, TikTok für die U-20er), allgemeine Versprechen in Kontakt zu bleiben, sich zu besuchen – man könnte die Uhr danach stellen. Und genauso regelmäßig reißt der Faden ab, der doch angeblich so stark verbunden hat.

Mit dem physischen und zeitlichen Abstand kann auch eine emotionale und geistige Distanz kommen. War „Die beste Freundin aller Zeiten“ doch mehr Zicke, als ich dachte und ich schloss mich ihr nur an, weil ich damit gegen die Klassenqueen anstinken konnte? Und Kollege M war ein wunderbarer Verbündeter gegen Kollegen L und den Chef, doch ansonsten ziemlich dröge? Beziehungen brauchen einen gemeinsamen Kontext. Und das „Du“ war keines der Freundschaft, sondern nur ein „Arbeits-Du“ und es gibt außer Firma oder Verein nichts zu besprechen. Diese Erkenntnis hilft, den Abschied aus dem alten Umfeld auch wirklich erfolgreich schaffen zu können.

Klammer auf: Bei manchen Elternpaaren kommt diese bittere Erkenntnis, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten raus“ sind und beide feststellen: es gibt keine eigenständige Beziehung mehr, sondern beide lebten lediglich eine häusliche Versorgungsgemeinschaft. Klammer zu.

Ein Mann schleppt vier schwere Eisenkugel hinter sich auf dem Weg zur sonnigen ZukunftWer jedoch übermäßig nachtrauert („Nie wieder werde ich so tolle Kolleg:innen haben!“, „Das war die beste Zeit meines Lebens!“) hängt in Verflechtungen fest, die längst nicht mehr leben. Mühsam werden alte Kontakte aufrechterhalten. Ständig wird das Neue am Alten gemessen. Und in der Erinnerung verklären sich bei solchen Gelegenheiten leicht die ehemaligen Umstände.

Es kostet dann ungleich viel mehr Kraft, das Neue zu begrüßen und einen gelingenden Start zu gestalten. So wohnt dem Anfang kein Zauber inne, sondern ist von Unwillen geprägt, sich auf das Neue einzulassen.

Was hilft es, Dingen nachzujammern und nachzutrauern, die längst vergangen sind? Oder auf Kölsch:

Watt fott es, es fott.

(„Was fort ist, ist fort“, Artikel 4 des Rheinischen Grundgesetzes)

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Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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Bullshit-Bingo mit den nervigen Kollegen

Mit siegesgewissem Lächeln triumpfmarschierte sie durch’s Büro. Sie hatte mal wieder Recht gehabt und das wollte sie jetzt jedem Ungläubigen auf’s Brot schmieren. Das nervte alle und alle regten sich über ihr Gehabe auf. Bis auf einen. Der lächelte und freute sich insgeheim über ihre Show. Warum blieb er so gelassen?

Es gibt gerade auf der Arbeit viel Gelegenheit, die Eigenarten anderer Menschen zu studieren. Oft genug müssen sie ertragen werden, oft genug sorgen sie für Leid und Ärger. Schließlich hängen alle über Stunden aufeinander, müssen miteinander arbeiten obwohl die Sympathie füreinander doch arg begrenzt ist und so kommt es immer wieder zu Theaterszenen, bei denen eine Person die Rolle A und die anderen die Rolle B übernehmen. In Endlosschleife.

Da gibt es die Nörgler. Sie haben immer etwas zu meckern, das Glas ist nie halb voll, sondern immer halb leer, auch wenn es schon überläuft. „Das ist doch alles Käse!“ und „Man müsste endlich mal …“ sind ihr Standardphrasen. Wer immer dieser ominöse „man“ auch ist, bleibt ungeklärt.

Es gibt die angeekelten Besserwisser. In ihrer Welt müssen sie sich ständig mit Leuten abgeben, die unter ihrem Niveau sind. Gott, was sind die anderen dumm! Sie können immer sagen, wie eine Sache ausgehen wird. Und haben sie tatsächlich einmal Recht, reiben sie das allen anderen ungefragt unter die Nase.

Auch die hyperaktiven cholerischen Kollegen können eine Plage sein. Keiner schafft so viel wie sie weg, so fehlerlos, so genial. Das richtige Arbeiten muss den armen Dummchen nur richtig eingebläut werden, gerne so, dass es das halbe Büro mitbekommt.

Bullshit-Bingo mit nervigen KollegenAuf jede dieser Rollen gibt es Standardreaktionen, die sich voraussagbar zu einem festen Tanz wie bei den Kranichen entwickeln. Gelöst wird dadurch nichts, sie befeuern lediglich den Konflikt. Doch wie wäre es stattdessen mit einem inneren Bullshit-Bingo?

„Ich habe es doch gleich gewusst!“ – Bingo!

„Gott, was für eine dämliche Frage!“ – Bingo!

„Können Sie noch nicht mal kopieren??“ – Bingo!

Am Ende des Tages kann der Bingo-Zettel vollständig angekreuzt sein und ich freue mich, dass ich nicht auf das endlose Spiel von Provokation und Reaktion eingestiegen bin. Ich habe das einfach an mir abtropfen lassen. Wenn es jetzt auch noch einen Euro je Kreuz aus dem Lohnbüro geben würde – ich wäre ein reicher Mann.

Zank nicht mit einem Schwätzer /
und leg nicht noch Holz auf das Feuer!

Das Buch Jesus Sirach, Kapitel 8, Vers 3

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