Krieg und Frieden im Büro

Gefühlt wäre er bei jeder Dopingkontrolle auffällig geworden, war er im Büro doch bis in die Haarspitzen mit Adrenalin vollgepumpt. Denn es tobte ein Krieg: sowohl in seinem eigenen Bereich als auch mit anderen Abteilungen. Diese ständige Kampfbereitschaft machte ihn fertig. Verließ er „den Laden“, dann fiel er in sich zusammen: Seit Wochen schon schwächelte er im Krafttraining, war zu Hause zur Sofakartoffel geworden und seine Frau hatte auch nicht mehr viel von ihm. Dringend brauchte er eine Zeit der Abstinenz. Seit Aschermittwoch nun fastet er Adrenalin – mit ersten Erfolgen in Sachen Resilienz.

Der Chef kann nur ein Teufel seinKonflikte sind Ausnahmesituationen, in denen evolutionäre Automatikprogramme ablaufen: der Körper passt sich an die Gefahren an und um maximale Muskelenergie zu Kampf oder Flucht bereit zu haben, wird Adrenalin ausgeschüttet. Gleichzeit fokussiert sich die Wahrnehmung auf den Gegner, manche sprechen von einem „Tunnelblick“. Typisch ist auch das „zusammenrotten“, um gemeinsam stärker gegen den Feind zu sein. Da wird in der Mittagspause gelästert, was das Zeug hält. Jede an sich noch so belanglose Geste, jeder Blick und jedes Wort werden quasi auf die Goldwaage gelegt und immer fällt das Urteil gleich aus: „Das geht ja gar nicht! Unerhört!“

Ach, wie entlastend wirkt das Verbünden und Lästern auf den ersten Blick, wird man doch scheinbar seinen Ärger mit Worten los, ohne gleich handgreiflich zu werden. Doch das Lästern hat eine ungewollte Nebenwirkung: die Situation wird in allen Details noch mal lebendig und schon geht er wieder los: der Konflikt, der Kampf, der Bürokrieg und das Adrenalin fließt wieder durch die Adern.

Ein erster Schritt könnte es sein, auf das Lästern zu verzichten und stattdessen eine möglichst neutrale Beobachtung zu beschreiben. Statt „Wie der mich anschaut, kann der mich nicht leiden!“ könnte man sich denken „Der Chef kräuselte die Stirn“. Das bringt zweierlei: erstens kann ich meine Interpretation von der Tatsache trennen. Zweitens werde ich widerstandsfähiger gegen Stress auslösende Interpretationen, um so aus dem Teufelskreis der gewaltvollen Kommunikation auszusteigen. In einem nächsten Schritt könnte ich gar überlegen, welche Gründe es noch für die gekräuselte Chefstirn gäbe. Denn er macht das nicht ohne guten Grund. Und wenn es nur ist, dass er gerade eine Migräneattacke niederkämpft.

Tue zehn Jahre lang Gutes
und niemand wird es bemerken.
Eine Stunde lang Böses getan
und Ruhm ist Dir gewiss.

Samurai-Weisheit

Share

Eine höchst willkommene Kündigung

Der Job war langweilig geworden und es fehlten nicht nur Herausforderungen, sondern auch Perspektiven. Seit mehr als einem Jahrzehnt war die Produktentwicklerin in der Firma, aber schon einige Monate lang strebte ihr Herz in neue Gefilde. Doch sie brachte nicht den Mut auf, selbst zu kündigen. Das nahm ihr der Chef ab und wenn es nicht unschicklich gewesen wäre, hätte sie ihn dafür am liebsten umarmt. Denn er hätte der Angestellten keinen größeren Gefallen tun können, als ihr die Kündigung zu überreichen.

Eine Kündigung zu bekommen, ist normalerweise ein herber Tiefschlag. Besonders, wenn man nicht mehr zur begehrten Generation der jungen, einsatzbereiten und günstigen Nachwuchskräfte gehört. Was also tun, nachdem der Job weg ist? Gleich zum Nächsten! Doch diese Frage stellt sich so für Menschen jenseits der 40 nicht mehr ohne Weiteres, denn sind sie auf dem Arbeitsmarkt ja „die Alten“ (= teuer und unbequem). Zum anderen haben sie in ihrem Leben schon viel erfahren und manches davon wollen sie für die verbliebene Hälfte des Arbeitslebens nicht mehr akzeptieren.

Jubel über die KündigungEine formale Kündigung kann das fehlende Puzzlestück sein, um der „inneren Kündigung“ des Mitarbeiters zur Realität zu verhelfen. Wie sagte der Chef noch? Die neuen Besitzer hätten dem Unternehmen eine neue Strategie verpasst. Und da passe sie mit ihren Aufgaben und Fähigkeiten nicht mehr. Was er nicht wusste: das Unternehmen passte mit seinen Aufgaben und Attitüden auch nicht mehr zur persönlichen Strategie der Produktentwicklerin. Er rannte die sprichwörtlich offenen Türen ein und der „goldene Handschlag“ zur Vermeidung lästiger Arbeitsgerichtsprozesse war das Startkapital für das eigene Unternehmen, das die Produktentwicklerin gründen wollte. Der Rauswurf war ihre Chance, ihre Träume zu verwirklichen und ihre Ziele in Angriff zu nehmen.

Übrigens sehen Chefs manchmal mit Sehnsucht und Neid, wie ehemalige Mitarbeiter zu neuen Horizonten segeln. Aber leider, leider kündigt ihnen niemand, sonst könnten sie auch endlich …

Mein Job.
Ein Albtraum von montags bis mittwochs.
Eine Tragödie von donnerstags bis freitags.
Ein erbärmliches Schauspiel, von mir selbst inszeniert.
Das falsche Stichwort zur falschen Zeit am falschen Ort.
Denn das ist meine Rolle: Ich bin Kolumbus. Ohne Schiff.

Aus der Graphic Novel „Immy and the City” von Mimi Welldirty

Share

Bloß keinen Zwang zur Selbstverwirklichung im Sabbat-Jahr

Keine Gehaltserhöhung hätte ihm dieses Glück ermöglicht: aufstehen, wenn er wach wird. Tun, was ihm gefällt. Sein lassen, was ihm missfällt. Und nebenbei, ganz von alleine, wurde ihm seine neue berufliche Perspektive klar. Das Sabbat-Jahr war die beste Entscheidung, die er für sich hatte treffen können. Dabei ging er in dieser Zeit noch nicht einmal auf eine Weltreise.

Lob der HängematteFür viele Menschen, denen besonders viel an ihrer Karriere liegt, ist eine Auszeit ein Eingeständnis von Schwäche: „So was brauche ich doch nicht!“ ist ihr lakonischer Kommentar dazu. Dabei hat selbst der Größte aller Arbeiter eine Auszeit genommen: „Vollendet waren der Himmel und die Erde, und all ihre Schar. Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.“ (Genesis / 1. Buch Moses, 2, 1-2) Wenn sogar ein Gott ausruhen kann, dann doch erst Recht ein Mensch.

Nehmen Menschen eine Auszeit, einige Monate oder ein ganzes Sabbat-Jahr, können sich einige nicht von äußeren Erwartungen befreien. Teilweise sind die Monate eng gepackt mit Reiseplänen, vorwiegend in asiatische Länder, in denen man „endlich mal zur Ruhe kommen kann“ um zu überlegen, wie es weitergehen soll. Teilweise sind sie als Ländersammler unterwegs und wollen sich und anderen beweisen, dass sie selbst in der Auszeit zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind.

Wenige machen gar keine Pläne, sondern leben in den Tag. Und stellen fest: gerade am Anfang brauchen sie vor allem Ruhe, wenig Ablenkung und viel Zeit für sich. Sie machen eine Bestandsaufnahme: Wie ist es eigentlich um meine Freunde bestellt – gibt es noch welche? Und was verbindet einander? Wie ist das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern? Was braucht mein Körper, welche Ernährung, welche Bewegung? Sie betrachten, was belastend war, verarbeiten die Erkenntnisse und lassen los, was nicht mehr zum Leben dazu gehören soll.

Das setzt Energie frei, um Zukunftspläne zu schmieden und in die Tat umzusetzen. Die Entscheidungen werden oft ganz unbewusst getroffen. Ja-Nein-Entscheidungsbäume, Projektpläne oder Managementmethoden sind in der Regel untauglich, um das Leben neu auszurichten. Denn sie betrachten lediglich die Verstandesebene, nicht jedoch die Gefühle und Bedürfnisse. Bleiben diese unbeachtet, ist die Gefahr sehr groß, dass es nach der Auszeit gerade so weitergeht, wie es zuvor gelaufen ist.

„Wer sich von Ablenkung fern halten kann, für den erstreckt sich ein Tag über tausend Jahre. Für den, der ein weites Herz hat, ist eine Hütte so groß wie das Universum.“
Hong Zicheng (1593 – 1665, chinesischer Philosoph)

Share

Bevor der Job übermächtig wird

Schon morgens, bevor sie aus dem Bett taumelte und in die Dusche stolperte, war sie präsent: die Arbeit. Dann im Büro beflissen die Aufgaben erledigen, doch der Chef nimmt einen nur wahr, wenn etwas schief gelaufen ist. Auf dem Heimweg und später beim Einschlafen poppt dann im Geiste noch auf, was alles zu erledigen gewesen wäre. Die Arbeit beherrscht alles – es geht aber auch anders.

Dolly Parton sang von einem Job, der nur „From nine to five“ dauerte und doch voller geplatzter Träume ist. Für die Einleitung der Kolumne habe ich mich vom ihrem Liedtext inspirieren lassen. Heute nimmt für manche die Arbeit sogar drei Viertel der wachen Zeit ein, weil er einen in Gedanken schon lange vor Beginn und noch lange nach Ende verfolgt. Bleibt also ein mageres Viertel für sich selbst, für Treffen mit anderen, Hobby, Sport, Haushalt … Wo bleibt da der Spaß an der Arbeit oder der Spaß am Leben?

Ein Ausstieg aus dem Teufelskreis ist moeglichDie ideale Arbeit hat ein Gleichgewicht aus Herausforderungen und aus Fähigkeiten. Dabei sind Fähigkeiten nicht nur im Sinn von eigener Kompetenz sondern auch Befähigung gemeint. Befähigung, durch Ressourcen den Aufgaben gerecht werden zu können. Wer da in einer ständigen Welt der Überforderung arbeitet („Das ist nie und nimmer zu schaffen“) kann sich aber immer noch kleine Fluchten, kleine Freiheiten schaffen.

Bei meiner letzten Abendveranstaltung haben die Teilnehmer über vierzig Beispiele gebracht, was sie tun, um von der Arbeit abzuschalten – und sei es auch „nur“ für fünf Minuten. Sie lassen sich in fünf Kategorien einteilen:

  • Eine kurze Pause einlegen (Eine Tasse Tee trinken und aus dem Fenster schauen; ein kleiner Spaziergang)
  • Sich körperlich betätigen (Sport aller Art; Gartenarbeit)
  • Etwas für sich tun (Lesen; eine kleine Köstlichkeit auf einem Teller liebevoll anrichten; zwei Takte auf dem Klavier, die richtig „flutschen“ ohne Nachzudenken)
  • Mit anderen in Kontakt kommen (Kochen mit Freunden; tanzen oder spielen)

Und dann gibt es noch als fünftes den „Third Place“: einen Umweg bzw. eine Unterbrechung auf dem direkten Weg von der Arbeit zurück nach Hause. Für die Engländer und Iren ist das beispielsweise der Besuch im Pub, Italiener gehen in die Espresso-Bar. Man kann aber auch einfach eine Runde durch den Park gehen.

Wer sich so ein wenig Zeit gönnt, um von der Arbeit zu entspannen, wird bei einer Tagesrückschau merken: der Tag war nicht nur Arbeit, er war auch mein Tag.

Auf Wunsch stelle ich die Ideensammlung gerne zur Verfügung.

„Entspanne Dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.“
Kurt Tucholsky (1890 – 1935), Deutscher Schriftsteller

Share

Der Perfektionist liebt die Balance

Manche Menschen arbeiten sich ein Leben lang an ihrem inneren Perfektionisten ab. Für sie gilt es immer, 100 Prozent Leistung zu bringen, auch wenn dafür 150 Prozent Einsatz notwendig sind. Doch wie wäre es, wenn der Perfektionist umgeschult werden würde auf das Ziel „100-prozentige Lebensbalance“? Das Handwerkszeug dazu hat der Italiener Vilfredo Pareto Anfang letzten Jahrhunderts geliefert.

Menschen, in denen es einen großen Drang zur Perfektion gibt, arbeiten höchst präzise: auf den Millimeter genau hängen sie Bilder auf, auf den Pixel genau richten sie am Computer Präsentationen aus und die Wohnung ist erst dann sauber, wenn es keinen einzigen Fleck mehr an den Fenstern, Wänden oder auf dem Boden gibt.

Der Perfektionist liebt die BalanceBedauerlicherweise muss diese Perfektion mit einem überhohen Maß an Einsatz bezahlt werden. Der so genannte Grenznutzen ist in der Regel bei 80 Prozent Zielerreichung gegeben. Diese 80 Prozent Ergebnis werden mit 20 Prozent des Einsatzes von Zeit oder Energie erzielt. Um 100 Prozent Ergebnis zu erreichen – also so wie das in der Regel ein Perfektionist will – müssen die restlichen 80 Prozent an Ressourcen eingesetzt werden. Das allerdings ist unökonomisch, sprich: der von einem Perfektionisten getriebene Mensch vergeudet einen Großteil seiner Energie für einen kleinen Teil vom Ziel.

Könnte er jedoch mit einem kleinen Teil seiner Energie den Großteil seines Ziels erreichen – was hätte sie/er dann noch alles für Möglichkeiten!

Mit einem inneren Perfektionisten lässt sich reden. Wie wäre es, ihr/ihm folgenden Auftrag zu geben: „Suche mir die perfekte Balance zwischen Einsatz und Ergebnis, also zwischen Input und Output.“ Damit hätte Mann, hätte Frau den Experten schlechthin für die Lebensbalance an der Seite. Denn wenn mit 20 Prozent der Energie 80 Prozent des Zieles erreicht sind, dann könnte der Perfektionist melden: „Hier ist die ideale Stelle, um aufzuhören. Alles Weitere wäre unperfekt!“

Wer seinen Perfektionisten so auf die 80/20-Regel umschult, den stört plötzlich auch nicht mehr die Staubfluse unter dem Vorhang, dass die Präsentation auf einer Folie eine andere Schriftgröße hat oder die Bilder an der Wand die Unregelmäßigkeiten des Altbaus widerspiegeln.

„Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.“
William James (1842 – 1910), amerikanischer Philosoph

Mehr zum Thema

Wenn Ihr innerer Perfektionist noch mehr Informationen benötigt, bevor er sich auf das neue Ziel einlässt, können Sie ihm mit dieser Kolumne das Ganze auch noch mal anhand von Beispielen mit präzisen Zahlen mit 31 Nachkommastellen illustrieren.

Share

Neues wagen mit 35, 45, 55 …

„Habe ich Euch schon erzählt, dass ich meinen Laden aufgebe und daraus ein Restaurant mache?“ Vor einem halben Jahr fielen meine Frau und ich aus allen Wolken, ist doch unsere Freundin schon Ende 50. Aber als wir nun das neu eröffnete Restaurant besuchten, haben wir ein überzeugendes Ergebnis von Lebensenergie erlebt. Trotz oder gerade wegen ihres Alters?

Unabhängig vom Alter öffnen sich TürenEnde Fünfzig kaufen sich manche Menschen ihr letztes Sofa – das letzte, bevor sie sterben. Der zweite Teil des Satzes bleibt unausgesprochen in der Luft hängen. Unsere Freundin plante auch für die vor ihr liegenden Jahren, kam aber zu einem gänzlich anderen Schluss: dass das Leben noch lange nicht Schluss ist. Und dass immer Platz für Neues ist, auch wenn sie mit ihren Kräften haushalten muss. Der Laden bedeutete viele Reisen zu Messen, die setzten ihr immer mehr zu. Doch dank des Restaurants kann sie mehr vor Ort sein und gleichzeitig ihre Freude an schönen Produkten und dem Umgang mit Menschen leben.

Auch Anfang bis Mitte 40 ist ein Alter für einen Neubeginn. Es ist Halbzeit in der Berufstätigkeit, Frauen und Männer können hinter der Elternrolle hervortreten. Das erfordert viel Mut, Altgelerntes und Verlerntes abzuwägen, abzulegen und Neues aufzunehmen. Oft fängt es mit dem Satz an „Was ich schon immer tun wollte …“ und am Ende steht dann mal ein gelaufener Marathon, mal neue Ausbildung oder eine gelebte kreative Leidenschaft. Die Irritationen, die dadurch im unmittelbaren Umfeld ausgelöst werden, lassen sich aushalten.

Oder Mitte 30, nach Ausbildung bzw. Studium und den ersten Berufsjahren, geben manche beispielsweise den sicheren Job für eine lange Reise auf, auf der die Frage lautet: „Was ist wichtiger für mich: der nächste Entwicklungsschritt im Beruf oder in meiner Persönlichkeit?“ Manche haben sich (oder den Eltern, Freunden, Vorgesetzten) genug bewiesen, was sie im Beruf alles leisten können. Neue Länder, neue Sitten kreieren neue Ideen.

Für alle diese Situationen habe ich 2013 Menschen getroffen, die, unabhängig von ihrem Alter, etwas Neues wagten. Und ich bin gespannt, welchen „Neustartern“ ich in diesem Jahr begegnen werde.

„Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst – fange es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), Deutscher Dichter

Share

Mit Konfrontation und Kooperation zum Ziel gelangen

„Ich finde es völlig legitim von mir, dass ich diese Bedingungen stelle!“ „Ich spüre keinerlei Bereitschaft von Ihnen, das Projekt zu unterstützen!“ Zwischen dem Projektleiter und seinen Mitarbeitern tat sich eine unüberbrückbare Kluft auf. Doch dann schalteten beide Parteien von Konfrontation auf Kooperation um und am Ende stand ein Kompromiss, mit dem alle leben konnten. Hätte man den Kompromiss auch ohne die Konfrontation haben können? Nein, denn die Zauberformel lautet: E = K + A.

Ausweichen wenn es nicht weiter gehtZu Beginn des Projektgespräches deutete nichts daraufhin, dass die Besprechung so an Schärfe gewinnen würde. Die Mitarbeiter versuchten, von ihrem Projektleiter eine grundsätzliche Zustimmung für ein Vorhaben zu erhalten. Doch der dachte gar nicht daran, eine Zusage zu etwas zu geben, was ihm völlig nutzlos erschien. So kam es gar nicht dazu, dass das Vorhaben in Grundzügen vorgestellt worden konnte. Deutlich zog der Projektleiter die Grenze und stellte Bedingungen, die vor der Durchführung erfüllt sein müssten. Weil diese Bedingungen nach Ansicht der Mitarbeiter aber durch die Arbeit selbst geprüft werden könnten, warfen sie ihm eine grundsätzliche Blockadehaltung vor. Beide zogen eine rote Linie und bedeuteten dem Gegenüber: „Bis hierher und nicht weiter. Wenn es weiter gehen soll, dann müssen Sie einen Kompromiss eingehen.“

Das sieht auf den ersten Blick nach einer Zwickmühle aus, in der jeder auf den anderen wartet (bei Computern: „Dead-Lock“). Doch weil auch jeder spürte, dass der andere nun wirklich seine Grenze erreicht hatte, mussten beide, um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden, von Konfrontation auf Anpassung umschalten. Man einigte sich darauf, in einer Vorphase die Bedingungen abzuklopfen und je nachdem, wie die Ergebnisse ausfallen, weiter voran zu gehen.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass eine Entwicklung nur möglich ist, wenn es Konfrontation und Anpassung gibt. Ohne Konfrontation kann ich mich nicht entwickeln, weil ich nur angepasst bin. Bin ich immer in Konfrontation, werde ich nie mit den äußeren Umständen zurecht kommen. Oder um es mit einer Gleichung auszudrücken:

Entwicklung = Konfrontation + Anpassung

„Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.“
Xunzi (auch: Hsun-tzu, Sun-Tsu oder Sun-Tse, ca. 298 – 238 v. Chr., chinesischer Philosoph)

Share

Ich habe größten Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern

Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient.

Der Muttertag hat für die Blumenhändler eine Sonderstellung, Werbung für Herztonikum aus der Apotheke, Schokoladenherzen oder sogar auch mal für eine Sondergröße eines Waschmittels zu diesem Anlass kenne ich aus meiner Kindheit. Und natürlich die ungeschriebene Regel, die Mutter an jenem Tag zu besuchen. Auf dieses ganze „Brimborium“ legte meine Mutter seit jeher keinen Wert. „Wenn mir das ganze Jahr nicht gedankt wird, kann ich an dem Tag auch drauf verzichten“ sagte sie meiner Schwester und mir. Sie hatte Recht: der Dank gehört in den Alltag. Ein Alltag, den mein Vater und sie sich mühsam erschaffen haben.

Meine Eltern sind einen weiten Weg gegangenMeine Eltern wurden in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren, rund 600 Kilometer voneinander entfernt. Sie in der heutigen Tschechischen Republik, damals noch „Sudetenland“ genannt, mein Vater in einer Kleinstadt im Taunus. Mit drei Jahren musste meine Mutter mit ihrer Mutter, Großmutter und ihrem Bruder eine neue Heimat finden. Sie landete in der Stadt meines Vaters, ein streng katholischer Ort, dessen Bewohner die Flüchtlinge geringschätzig aufnahmen. Ein Ort, in dem in den 60er Jahren das Tragen einer Jeansjacke meinen Vater schon zum Rocker machte und der Gottesdienst mit lateinischem Ritus zelebriert wurde. Mein Vater wurde schon früh in die Verantwortung genommen und erzog seine deutlich jüngeren Geschwister. Als er meine Mutter zu Hause vorstellte, tat er es mit den Worten „Das ist das Mädchen, das ich heiraten werde.“ Ein Halbstarker und ein Flüchtlingskind, beide mit zwanzig noch nicht volljährig – das war ungehörig und gehörte verboten. Doch ihre Mischung aus Liebe und Durchsetzungsvermögen durchbrach den Widerstand.

1968 landeten sie dann mit zwei Kleinkindern im Frankfurter Nordend, einem Zentrum alternativer Lebens- und Erziehungsformen. Sie lasen die neuesten Erziehungsratgeber und versuchten erfolgreich, konservativ-katholische Wurzeln mit progressiv-linkem Umfeld zu versöhnen. Das Geld war knapp und die günstige Miete spiegelte sich im schlechten Zustand des Hauses wieder, in dem sie eine Wohnung fanden. Die haben sie dann im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen zu einem Zuhause gestaltet. Später, als es etwas mehr Geld gab, machten sie Ausflüge und kleine Urlaube mit uns, nahmen uns mit nach Paris, Brüssel, Moskau und gönnten auch sich die eine oder andere kleine Verrücktheit.

Was sie sich in all den Jahren bis heute bewahrt haben, ist ihre Toleranz, die nicht „Frei von Regeln“ bedeutet. Ihre Neugierde, die kein „Trendhopping“ ist. Und ihr Großmut besonders in Situationen, wo jemand wirklich Hilfe benötigt. Wenn ich mir betrachte, wo sie herkamen und wo sie heute mit Anfang 70 stehen, dann kann ich nur den größten Respekt für ihre Lebensleistung haben. Unabhängig davon, ob „Muttertag“ im Kalender steht.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.“
Anton Kner (1911 – 2003, Deutscher Pfarrer und Schriftsteller)

Share

Beim Lästerfasten kann ich nicht schummeln

Die zweite große Gute-Tat-Saison des Jahres läuft. Seit Aschermittwoch wird wieder gefastet: kein Alkohol (zumindest keine harten Sachen), keine Süßigkeiten (wenigstens keine Schokolade ab 10 Uhr morgens), kein Fleisch (Wurst ist ok) – dem (Selbst-) Betrug sind Tür und Tor geöffnet. Ich kenne das von mir selbst, doch jetzt faste ich „Lästern“. Wie sieht meine Halbzeitbilanz aus?

Zwei Klassiker der Termine für gute Vorsätze gibt es im Jahr: den 1. Januar und Aschermittwoch. Der Anlass mag verschieden sein, doch es gibt oft genug Überschneidungen in den Vorsätzen. Und ebenso gemeinsame Betrugstechniken. Vor Jahren probierte ich, in der Fastenzeit keine Süßigkeiten zu essen. Die ersten zwei, drei Tage fiel es mir schwer, weil ich zu bestimmten Anlässen ganz automatisch zu Schokolade griff. Sie sind mir erst dadurch bewusst wurden, dass ich eben nicht zugreifen durfte: die Kaffeepausen, die Belohnung aus dem Kühlschrank für einen anstrengenden Tag, … Dann kam ich in den „Flow“: drei, vier Wochen lang lief es gut. Doch in der zweiten Hälfte fiel es mir zunehmend schwerer, mich an meinen Vorsatz zu halten. Ich hatte doch schon so viel erreicht, ich könnte doch ein Stück Kuchen essen (Käsekuchen, denn da ist ja keine Schokolade drin). Und je näher Ostern rückte, die Schokoladenpräsentationen allgegenwärtig wurden, umso schwerer hielt ich durch. Kurz und gut: geschafft hatte ich es nie. Ich habe mich jedes Jahr um den Fastenerfolg gebracht. Die Konsequenz: ich hängte zukünftig mein Ziel weniger hoch. Im nächsten Jahr nahm ich mir lediglich vor: keine Schokolade, aber Kekse sind erlaubt. Eine Kollegin erzählte: das Nutellabrot zum Frühstück sei vom Fastenvorsatz natürlich ausgenommen.

Mir fiel aber auf, welche Gewohnheit hinter dem Schokoladenkonsum steckte. Manchmal wollte ich mich – zu Recht – belohnen, oft war es einfach nur Sucht. Da ich mir die Belohnung nicht versagen wollte, aber das Suchtpotential entlarven wollte, suchte ich nach einem neuen Fastenziel. Und fand es in einer Verhaltensweise, die sich hauptsächlich im Kopf abspielt: dem Lästern. Bei der Kaffeepause mit Kollegen (mit oder ohne Schokolade) geht es doch oft um das Lästern über einen gemeinsamen „Feind“, eine ungeliebte Abteilung oder eine einzelne Person. Da gibt ein Wort das andere, wie in einer sich selbst verstärkenden Spirale schraubt man sich von Bösartigkeit zu Bösartigkeit. Damit wollte ich Schluss machen.

Laesterfasten ohne schummelnOh, wie schwer das ist! Denn nur ein Bruchteil dessen, was in meinem Kopf ist, kommt auch durch meinen Mund nach draußen. Auch wenn ich schwieg, lästerte ich im Stillen mit. Diese innere Kakophonie wollte und musste ich beruhigen. Zum Schweigen verdammt fiel mir irgendwann auf, dass ich hin und wieder die Position des potentiellen Lästeropfers einnahm. Außerdem fragte ich mich: geht es mich überhaupt etwas an, worüber hier gerade gelästert wird?

So manchen Knallerspruch habe ich runtergeschluckt, aber im Laufe der Fastenzeit wurde ich innerlich ruhiger. Friedlicher, positiver, gelassener. Jetzt ist Halbzeit und ich stelle mir die Frage, wo Lästern eigentlich beginnt. Lästern macht mir gar nicht so viel Spaß, wie ich dachte. Vergiftet Lästern gar mein Herz?

Ich versuche das mit dem Lästerfasten mittlerweile seit drei Jahren und merke, dass es mir von Jahr zu Jahr leichter fällt. Das ist übrigens ein Erfolg, der sich beim Schokoladenfasten nie eingestellt hatte.

Vorschau

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen und nun sieht man sie wieder in den Bars oder Straßencafés eifrig nach der Bewunderung und der Aufmerksamkeit des Gegenübers fischen: Menschen auf der Balz. Manchmal wirkt das wie ein Eroberungsfeldzug, bei dem er sie, sie ihn, er ihn oder sie sie überrollt mit selbstzentriertem Geschwätzdonner. Dabei geht es doch um Gefühle, nicht um Ländereien wie bei den Konquistadoren – oder habe ich da etwas missverstanden? Folgen Sie meiner Entdeckungstour am 24. März, hier auf meinem Blog.

Share

Networking mit 75+: Gemeinsam statt einsam im Alter

Weihnachten war es wieder voll bei ihr zu Hause. Die „Jugend“ war da, die Nachbarn von nebenan und von obendrüber und auch die neu gewonnenen Freunde aus dem Nachbarhaus. Renate hat es einfach drauf, Kontakte zu knüpfen und das bewahrt sie davor, trotz Rücken-OP und 76 Jahren schon im Altersheim zu landen. Wie sie und ihre Mitbewohnerin noch neugierig auf das Leben sind und auf Menschen zugehen ist mir ein Vorbild und ein Lehrbeispiel für das, was neudeutsch „networking“ heißt.

Gemeinsam im AlterEs sind rund 60 Stufen hinauf in ihre Wohnung, doch die beiden alten Frauen konnten sie schon seit Wochen nicht mehr alleine bewältigen und waren daher nicht mehr aus dem Haus. Da half auch kein Rollator und der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt fiel ebenso aus wie der Restaurantbesuch zum Geburtstag von Renate. Renate ist kürzlich 76 geworden und sie lebt seit fast dreißig Jahren zusammen mit Emmi (der Meisterin auf dem Sofa) in einer WG. Nun haben diverse Malaisen „Die Damen“ (wie sie bei mir und vielen unserer Freunde mittlerweile heißen) stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Obwohl sie seit Wochen nicht einkaufen gehen können, mussten sie nicht in ein betreutes Wohnen oder gar ein Altersheim wechseln. Das ist Renate zu verdanken, die ganz große Klasse darin ist, „Erstkontakt“ zu schließen. Offen, freundlich, in bestem Sinne neugierig kommt sie mit den Menschen ins Gespräch: im Haus, in der Nachbarschaft, im Geschäft. Ihr Organisationstalent als ehemalige Chefsekretärin hilft ihr, die Dinge des Alltags zu delegieren, so weit sie delegierbar sind. Alles, was Renate dazu braucht, ist ein Telefon und ihr gutes Gedächtnis.

Rund ein Dutzend Menschen tun so jeder einen kleinen Teil dafür, dass Renate und Emmi versorgt sind: Nachbarn denken beim Einkaufen daran, Dinge für sie mit zu bringen. Putzhilfen, die schon nebenan helfen, machen Dinge im Haushalt, die sie nicht mehr tun können. Eine Pflegerin half vorübergehend bei der Körperhygiene, eine Physiotherapeutin übernimmt die Mobilisierung und der befreundete Taxifahrer fungiert ein bisschen als Außendienst.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen“ ist ein Ausspruch von Anton Kner, einem deutschen Pfarrer und Schriftsteller. Renate verkörpert diesen Satz und mit Emmi an ihrer Seite, die auf ihre ruhige feine Art die Kontakte vertieft, lebt sie immer noch autonom dank ihrer Begegnungen.

Vorschau

„Erinnerst Du Dich noch“, fragte mich am Neujahrstag meine Frau, „früher war es Mode, per sms alles Gute zum neuen Jahr zu wünschen.“ „Vermutlich macht man das heute über Facebook“ antwortete ich. Sie merken: meine Frau und ich sind vor 1990 geboren und sind nicht bei Facebook. Was glauben Sie: haben wir trotzdem Freunde? Und falls ja: haben wir in den letzten fünf Jahren auch Neue gefunden? Lesen Sie die Antworten am 20. Januar hier auf meinem Blog.

Share