Schluss mit dem Zickenkrieg

Am ersten Tag wurde die neue Abteilungsleiterin gefragt: „Wussten Sie, dass bereits Wetten abgeschlossen werden, wer im Zickenkrieg gewinnen wird?“ Ihre beiden Kolleginnen lagen seit langem im Clinch und sie als Neue würde die Situation bestimmt noch verschärfen. Doch sie dachte gar nicht daran: denn was wäre, wenn es keinen Zickenkrieg gäbe?

Wetten werden bereits abgeschlossen

Einen solchen Einstieg in eine neue Firma wünscht man sicherlich niemanden, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Festgefahrene Situationen mit rituellen Abfolgen aus Agitation – Provokation – Aktion – Reaktion lauern überall. In diesen eingespielten formellen Systemen folgt aus „A“ immer nur „B“. Danach kann man die Uhr stellen, denn ein Zahnrad greift wie geschmiert in das andere.

Das alte System existiert nicht mehr

Wer neu in ein solches System kommt, bringt jedoch das ganze bisherige Gefüge aus dem Gleichgewicht. Das neue Zahnrad dreht sich anders, klemmt hier und ist geschmeidig dort – ganz anders als das Alte. Provokationen laufen plötzlich ins Leere, neue Aktionen erfordern neue Reaktionen und die Agitation wird vielleicht sogar vollständig eingestellt. Aus „A“ folgt nun nicht mehr „B“ sondern das Ergebnis muss neu ausgehandelt werden zwischen den Beteiligten.

Neues muss schnell eingeführt werden

Um das System neu einzustellen gibt es nur ein kurzes Zeitfenster. Die erste Begegnung kann schon entscheidend sein: Auf welche Seite des Tisches setze ich mich (und gehöre damit, ohne es zu wissen, plötzlich einer bestimmen Fraktion an), unterbreche ich schnell genug die fiesen Spiele oder kann ich glaubhaft versichern, dass mich die alten Geschichten nicht interessieren?

Informelle Treffen ohne Agenda bei Kaffee, Tee oder Apfelsaft können Wunder bewirken: Neue Verbündete haben sich gefunden „Lassen Sie uns doch einfach mal kennenlernen!“Da wird die gegnerische Abteilungsleiterin plötzlich als Mensch wahr genommen, vielleicht kommen ungeahnte Gemeinsamkeiten ans Tageslicht, die eine tragfähige Basis über das Berufliche hinaus begründen.

Schließen sich diese Frauen in leitender Position zusammen, können die untergebenen Männer einpacken. Statt sich im Windschatten des Zickenkriegs einzurichten und ihr Ding zu tun, bleibt ihnen nun nichts anderes übrig, als mit dem neuen Wind zurecht zu kommen.

Meistens streitet man nur so erbittert, weil man nicht begreifen kann, was der Gegner eigentlich beweisen will.

Leo Tolstoi „Anna Karenina“

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Schwäche ist eine Frage des Kontexts

Sie quälte sich durch die Prüfungszeit: Texte lesen, Inhalte erfassen und dann in einer Hausarbeit strukturiert wiedergeben, das war nicht ihre Stärke. Sie konnte gut mit Kindern umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen, doch für ihren Pädagogen-Job brauchte sie nun mal diesen Hochschulabschluss. Kann man an seinen Schwächen scheitern, so dass man seine Stärken nicht einsetzen kann?

Jede Lebensform hat ihre Stärken und Schwächen, beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille namens „Talente und Fähigkeiten“. Ein Lavendel verträgt kühles und feuchtes Klima nicht, daher ist er nicht in Irland zu finden. Ein Pinguin kann Wärme und ausgedehnte Sandstrände nicht vertragen, deshalb lebt er nicht in der Karibik. Denn konsequent sind die Schwächen an dem einen Ort die Stärken an einem anderen: das trockene und heiße Klima Südfrankreichs ist für den Lavendel ebenso ideal wie arktische Kälte und das raue Meer für den Pinguin.

Schwächen überwinden für das ZielDen Menschen geht es wie den Leuten: eine vorgebliche Schwäche ist – nur in einem anderen Zusammenhang betrachtet – eine Stärke. Ich habe in meinem Zivildienst mit blinden Menschen zusammengearbeitet. Weil sie den Sehsinn nicht zur Verfügung hatten, konnten sie mit gut trainiertem Geruchssinn die Bäckerei riechen lange bevor ich sie sah. Und sie wussten, dass wir gerade an einer Hecke vorbeiliefen, weil der Klang unserer Schritte ihnen zeigte: das hier ist keine Mauer. Ein Mensch, dem es schwer fällt, Texte zu lesen oder Zahlen zu erfassen, nimmt ganz andere Informationen auf: Mimik, Gestik und Schwankungen in der Stimme. So bekommen sie viel mehr die Gefühlslage des Gegenübers mit als ein Mensch, der auf das geschriebene Wissen fixiert ist. Menschen, denen es an empathischem Einfühlungsvermögen fehlt und klare Strukturen lieben, sind ein Gewinn für alle technisierten und prozessorientierten Aufgaben.

So lassen sich die Schwächen ins Gegenteil verkehren, wenn ich den Betrachtungspunkt und den Kontext ändere. Dass es auf dem Weg zum idealen Lebensumfeld Abschnitte gibt, wo ich meine Schwächen trotzdem einsetzen muss, ist wie ein Regenperiode für den Lavendel: auszuhalten.

Man weiß nie, vor welchem größeren Unglück einen das Pech bewahrt hat.

Cormac McCarthy (*1933, US-amerik. Schriftsteller)

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Gute Vorsätze, Fastenzeit und die Kraft des Charlie Brown

Der kleine Junge ließ, wohl zum hundertsten Mal, seinen Drachen fliegen. Und wohl zum hundertsten Mal verhedderte sich wieder der Bindfaden im Baum, der Drache stürzte ab und der Junge hing in einem Schnurknäuel gefangen in den Ästen. Wann endlich würde er erfolgreich sein?

Imm wieder den Drachen steigen lassenDie Erfolglosigkeit dieses Jungen namens Charlie Brown ist legendär: der Comiczeichner Charles M. Schulz erzählt in unzähligen seiner „Peanuts“-Geschichten davon, wie Charlie Brown erfolglos seinen Drachen steigen lassen will. Doch nie, nie, nie klappt es. Von allen Figuren der Peanuts ist er mir der liebste, denn ich schätze sein Durchhaltevermögen. Er gibt schlicht und einfach nicht auf. Sei es auf dem Baseball-Feld, in seiner unerwiderten Liebe zum kleinen rothaarigen Mädchen oder eben beim Drachensteigen: ihm, dem geborenen Pechvogel, gelingt einfach nichts.

Ja, in Anbetracht seiner Misserfolge lässt er den Kopf hängen und darin ist er ein wahrer Könner. Doch dann rennt er wieder los, den Drachen im Schlepptau oder stellt sich mit dem Schläger in der Hand auf das Schlagmal des Baseballfeldes und probiert es erneut, zum Erfolg zu kommen.

Nun könnte man ihn natürlich vorwerfen, seine Energie zu vergeuden. Doch wäre er nicht auch ein wunderbares Vorbild für all die guten Vorsätze, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben? Ganz ehrlich: jeder hat irgendeinen. Und in diesem Jahr beginnt kaum sieben Wochen nach Jahresbeginn die Fastenzeit: wieder ein beliebter Anlass, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen und vielleicht abzulegen. Da können die guten Vorsätze direkt übergehen in die Fastenziele. Welch ein Glück, denn das Problem und gleichzeitig Geheimnis mit den Vorsätzen ist das Durchhalten. So eine Gewohnheit ist jahrelang, manchmal jahrzehntelang eingeübt. Die lässt sich nicht so leicht zur Seite schieben, ablegen, aussortieren. Das will ausgiebig geübt werden. Es dauert mal biblische 40 Tage, mal anthroposophische sieben Wochen oder schlicht und einfach ein bis zwei Monate täglichen Umlernens, bis die neue Gewohnheit die alte ersetzen kann. In diesem Jahr kann also der Gute Vorsatz in einem Rutsch bis zum Ende der Fastenzeit an Ostern ein neues Verhaltensmuster werden.

Scheitern gehört notwendigerweise dazu, wenn neues Verhalten gelernt werden will. Wenn es dann zwischenzeitlich mal wieder schwer fällt, von der Schokolade zu lassen, zum Sport zu gehen oder dem Shoppingangebot zu widerstehen, könnte es helfen, an Charlie Brown zu denken. Er ist der Weltmeister im Durchhalten oder in der Comic-Welt gesprochen:

Von allen Charlie Browns der Welt ist er der Charlie Brownste.

Lucy van Pelt, selbsternannter Doktor der Peanuts-Bande

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Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

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Auch ein Drache will geliebt werden

Ihr Job war es, den Laden am Laufen zu halten. Da ging es um Termine, Produktionen, Zulieferer – ein Rädchen griff ins Andere. Sandkörner im Getriebe konnte sie nicht gebrauchen. Und das zeigte ihr rauer Ton auch ganz deutlich. Doch tief in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Merkte das denn keiner?

Wer im Arbeitsleben die Verantwortung für die termingerechte Ablieferung von Produkten trägt, egal ob sie physisch oder digital sind, kommt sich oft vor wie ein Jongleur mit fünf, sechs oder gar sieben Bällen. Die wollen alle in der Luft gehalten werden, keiner darf herunterfallen. Sie müssen in der vorgeschriebenen Flugbahn bleiben! Rumtrödeln kann kein Mensch gebrauchen.

Für die zuliefernden Kollegen ist die Situation äußerst unangenehm, manche würden sagen: unmenschlich. Denn sie sollen funktionieren wie eine Maschine. Unabhängig davon, ob gerade das Kind krank zu Hause ist, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend doch wohl schlecht war oder der Haussegen in der Partnerschaft schief hängt. Und dann kommt der „Drache“, „Feldwebel“, „Sklaventreiber“ – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – und speit Feuer, brüllt Befehle oder schwingt die Peitsche.

Ich lade Sie zu einem gewagten Gedankenexperiment an dieser Stelle ein.

Nehmen Sie an, dass Sie in Wahrheit einen verzweifelten Schrei nach Liebe zu hören bekommen.
Hinter dem Drachen steht ein MenschNehmen Sie an, der Drache / Feldwebel / Sklaventreiber hat ein krankes Kind zu Hause, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend war wohl doch schlecht oder der Haussegen in der Partnerschaft hängt schief.
Ach – da gibt es keine Partnerschaft, Freundin, Kind? Vielleicht ist das eine große Sehnsucht?

Was wäre, wenn dieser Befehlston ein dicker Panzer wäre, hinter dem es keine Erinnerung mehr gibt, wann einen das letzte Mal ein Mitarbeiter wirklich freundlich angelächelt hat (und nicht nur dieses unterwürfige schleimige Grinsen zeigte)? Was wäre, wenn diese Person gerne sagen können würde: „Ich bin hier für alles verantwortlich und das macht mich fertig“? Und was wäre, wenn Sie dieser Person ein ehrliches freundliches Wort, ein winziges Kompliment, ein kleines Lächeln schenken könnten?

Nun, der Drache wird sich vermutlich nicht gleich in eine schöne Jungfrau (oder einen schönen Jüngling) verwandeln, der Feldwebel nicht das Peace-Zeichen machen oder der Sklaventreiber die Verbrüderung anstreben. Aber für Sie wäre etwas anders: Sie würden aus dem Gegenangriff rausgehen und hätten es selbst in der Hand, die Arbeitssituation von einem etwas mehr entspannten Standpunkt zu betrachten.

Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“

Aus: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

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Aus dem Bannkreis der Glaubenssätze ausbrechen

„Da musst du durch!“ Wie ein Gefängnis wirkte dieser Satz ihrer Mutter. Seit der Kindheit biss sie immer die Zähne zusammen, doch zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich die Befreiung von diesem Glaubenssatz. Mit Hilfe eines kleinen literarischen Tricks.

Ausbruch aus dem Glaubenssatz-GefängnisEs gibt Sätze, die brennen sich tief in das eigene Werte- und Koordinatensystem ein. Mantra-artig wiederholen sie sich im Kopf, als ob sie ein Eigenleben führten. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ zum Beispiel. Oder: „Ein einmal gegebenes Versprechen bricht man nicht!“ Auch „Da musst Du durch!“ gehört zu den Klassikern elterlicher Dogmen ↗, die die Welt erklären. Daher das Ausrufezeichen am Satzende.

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, Kinder an die Erwartungen der Umwelt anzupassen und zu zeigen: „Du bist nichts Besonderes!“ „Du musst Dich einordnen!“ „Das gehört sich nicht!“ Sie beschneiden Kinder in ihrer Individualität.

In einer konkreten Situation gesagt, können diese Sätze über die Jahre eine eigene Dynamik entwickeln. Sie lösen sich von den persönlichen Motiven des Vaters oder der Mutter, als sie diesen Satz sagten. Aus der starren Anschauung der Eltern wird der eigene Glaubenssatz. So beißt das Kind selbst als gestandene Frau immer wieder die Zähne zusammen. Auch dann, wenn loslassen, weggehen oder Angriff geeignetere Strategien wären.

Doch die erwähnte Frau hat das Machtfeld ihres Dogmas durchbrochen, indem sie den Leitsatz ergänzte. Er lautet nun „Das ist wie eine Tür, da musst Du durch“:

  • Türen öffnen sich zu neuen Ufern.
  • Türen können etwas einsperren. Oder aussperren.
  • Türen lassen sich zuschließen oder aufschließen.
  • Man kann durch eine Tür gehen und nicht wiederkommen.
  • Oder an der Türe jemanden hineinbitten.

Das Bild der Tür gab der Frau ungeahnte Möglichkeiten. Statt nur eine Richtung vorzugeben, offerierte der Satz nun viele Optionen – je nach Interpretation der Tür-Symbolik. Diese Wahlmöglichkeiten bedeuten Freiheit, sich entscheiden zu können.

Irgendwann kann man die eigene Meinung nicht mehr aushalten.

Fritz van Eycken (* 1968, Herausgeber u.a. von Werken Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns oder Karl Mays)

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Einer Freundin aus der Patsche helfen

Es war eine besonders knifflige Stelle auf dem Weg nach oben. Ein Zurück war nicht mehr möglich und ihre Kräfte waren am Ende. Doch dann bekam sie von ihrem Partner eine sachte Unterstützung und so schaffte sie es auf das Felsplateau. Was lässt sich vom Klettern lernen, um Freunden beim Meistern auswegloser Situationen zu helfen?

Ein Freund hilft durch BegleitungBeim Bouldern klettern Menschen ohne Seil und Gurt an natürlichen Felsen oder an künstlichen Kletterwänden. Sie klettern dabei in der Regel nur so hoch, dass sie notfalls auch abspringen könnten. Doch auch hier gibt es Stellen, die eine scheinbar eine Sackgasse sind: der nächste Griffpunkt, sei es eine Felsspalte oder ein Vorsprung, kann nur mit den äußersten Fingerspitzen erreicht werden. Die Füße finden keinen neuen Halt, auch zur Seite ergibt sich kein Ausweg. Der Sprung nach unten birgt die Gefahr, sich an den rauen Felswänden zu verletzen.

Das klingt nach Umständen, wie sie auch im Berufs- oder Privatleben vorkommen können: Auf der Arbeit ist man im Team gefangen und eine Re-Organisation kappt die letzte Chance auf Weiterentwicklung. Oder in der Familie dreht sich eine Abwärtsspirale, weil die Kinder mit der Schule nicht zurechtkommen, aber ein Schulwechsel unmöglich ist.

Im oben genannten Beispiel half der Kletterpartner mit einer Drei-Punkte-Strategie weiter: Erklären – Vertrauen – Stützen.

  1. Anfangs erklärte er die Situation und die möglichen Optionen. Er hatte von unten, mit Abstand, mehr Überblick und konnte Wege zeigen, die die Kletternde nicht sah.
  2. Während ihre Kräfte schwanden, gab er ihr einen Vertrauensvorschuss. Weil er realistisch daran glaubte, dass sie den nächsten Schritt machen kann (und nur um den geht es – Schritt für Schritt, Griff für Griff geht es voran), sorgte er für einen kleinen emotionalen Energieschub. Statt auf direktem Weg über einen unüberwindlichen Berg geht es einfacher um ihn herum: Schritt für Schritt auf einer Serpentinenstraße ↗ jeweils nur bis zur nächsten Wendung. Und dann schaut man weiter.
  3. Schließlich stützte er sie mit seinen Händen: er umfasste oder hielt sie nicht, sondern legte einfach die Hand sachte an ihren Rücken. Über diese Geste wird bei der berührten Person das Hormon Oxytocin ausgeschüttet ↗. In der Folge sinkt der Stresspegel im Gehirn, Schmerzen werden weniger empfunden und Ängste verringern sich.

Diese kleinen Interventionen sind ein echter Freundschaftsdienst: sie lösen die innere Blockade und Verzweiflung auf, der weitere Weg wird frei. Unabhängig vom Geschlecht übrigens.

Gute Freunde reichen uns die Hand, aber gehen lassen sie uns selber.

Anke Maggauer-Kirsche (*1948, deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin)

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Gefangen im eigenen Weltbild

Als seine Studienarbeit mit sieben Punkten bewertet wurde, war er nicht überrascht. Wusste er doch von vornherein, dass er in Mathe keine Leuchte war. Das war schon immer so gewesen und die 12 Punkte im Abitur Leistungskurs waren lediglich das eine Korn, das ein blindes Huhn auch mal findet. So war es schon immer und wird es immer sein. Aber müssen sich alle Selbstprophezeiungen erfüllen?

Unser Denken, Fühlen und Handeln ist gespeist aus der Summe all unserer Erfahrungen. Diese sind auf einer Art „innerer Landkarte“ verzeichnet. Dort gibt es attraktive Orte, quasi ein inneres Paris, Rom oder New York. Ebenso gibt es „No-Go-Areas“, dessen Besuch ich vermeide. Zwischen ihnen verlaufen Straßen und Wege, mal breit ausgebaut, mal holprige Pfade, selten benutzt. Entsprechend dieser Landkarte sind die Synapsen im Gehirn gewachsen – oder nicht gewachsen.

Meine eigene Weltsicht lasse ich mir nicht nehmenWenn ich der Meinung bin, dass ich keinen Orientierungssinn habe, ungeschickt oder unmusikalisch bin, interpretiere ich meine Leistungen auf diesen Gebieten überwiegend negativ. Anders herum geht das auch: halte ich mich für sportlich, attraktiv oder schlau, neige ich dazu, meine eigene Leistung positiv zu sehen.

Auch bei der Bewertung anderer Menschen nutzen wir die innere Landkarte. Bin ich davon überzeugt, dass der Finne an sich tückisch ist, werde ich jeden Finnen, der mir begegnet, genau mit dieser Brille betrachten.

In einer Zeit, in der personalisierter Medienkonsum großen Raum einnimmt, persönliche Begegnungen sogar verdrängt, laufe ich Gefahr, mein selbst geschaffenes Weltbild schneller zu verfestigen. Ich sehe und lese in meiner #Filterblase nur noch, wovon ich überzeugt bin. Einfach, weil ich es intensiver wahrnehme und auswähle.

Entwicklung ist jedoch nur möglich in einem Wechsel aus Konfrontation und Anpassung: kämpfe ich für meine Überzeugung oder passe ich mich der Umwelt an? Gibt es keine neuen Situationen mehr, die mich mit meiner Sicht auf die Welt konfrontieren, ist nur noch Anpassung da und keine Entwicklung möglich. Es ist eine Vermeidungsstrategie, die zum Stillstand führt. Die innere Landkarte schrumpft von einem Weltatlas zu einem Dorfplan. Das gilt für digitale Filter-Algorithmen genauso wie für persönliche Begegnungen.

Wenn Du nie Deine Meinung änderst, weshalb hast Du dann eine?

Dr. Edward de Bono (*1933, Britischer Mediziner, Psychologe und Autor)

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Der Turbo für die Konflikt-Eskalation

Auf der Strategiesitzung der zehnköpfigen Geschäftsführung im feinen Tagungshotel sollten die Wachstumsziele für die nächsten drei Jahre festgelegt werden. Da kritisierte wie aus heiterem Himmel ein Bereichsleiter das Vorgehen scharf. Was dann innerhalb weniger Minuten folgte, wurde in der Firma als längst überfällige Palastrevolution gefeiert. Der Vorsitzende war vor den Kopf gestoßen: womit hatte er das ausgelöst?

Ein Unternehmen kann als System mit festen Regeln betrachtet werden. Dabei gilt das Grundprinzip, dass alle Beteiligten gleichermaßen Geben und Nehmen. Für die Sicherheit in Form von Arbeitsverträgen und Gehaltszahlungen wird vom Angestellten, egal auf welcher Hierarchie-Ebene, ein Beitrag zum Unternehmen erwartet; Rechte und Pflichten sind im Idealfall ausbalanciert.

Manche Chefs leben auf Wolke 7Für den Bereichsleiter geriet das Verhältnis aus Rechten und Pflichten anfangs unbemerkt aus dem Gleichgewicht. Es wurde stetig mehr verlangt, ohne dass mehr geboten wurde. Seine Abteilungsleiter berichteten seit Monaten von schlechter Stimmung in der Belegschaft, er selbst litt mittlerweile unter chronischen Kopf- und Rückenschmerzen. Ihm ging es überhaupt nicht um mehr Geld, sondern um Werte.

In allen Firmen gibt es Hochglanzbroschüren zur Unternehmensphilosophie, zur HR-Idee, zur Vision – das sind Versuche, bei gleichem Geld durch gemeinsame Werte mehr Beitrag der Angestellten zum Firmenerfolg zu erreichen. Die totale Fokussierung auf das Wachstum wurde in der Sitzung vom Vorsitzenden der Geschäftsführung mit dem Kennedy-Zitat „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“ auf die Spitze getrieben. Was für ihn als Motivation gedacht war, brachte für den Bereichsleiter das Fass zum Überlaufen: wo, bitteschön, kämen denn noch die Menschen vor? Und wie ließe sich das mit den oft gepriesenen Werten vereinbaren?

Kaum hatte er sich als Erster aus der Deckung gewagt, meldeten sich Weitere zu Wort und brachten ihre Kritik vor. Der Damm war gebrochen. Der aufgestaute Druck wanderte von ganz unten, den einfachen Angestellten, nach oben in die Geschäftsführung. Die Konflikte, die unterschwellig schon lange brodelten, eskalierten durch einen einfachen Satz in Windeseile quer durch das System.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist ein ganz normaler Tropfen.

Sprech- und Aufwärmübung vor Theateraufführungen

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Krieg und Frieden im Büro

Gefühlt wäre er bei jeder Dopingkontrolle auffällig geworden, war er im Büro doch bis in die Haarspitzen mit Adrenalin vollgepumpt. Denn es tobte ein Krieg: sowohl in seinem eigenen Bereich als auch mit anderen Abteilungen. Diese ständige Kampfbereitschaft machte ihn fertig. Verließ er „den Laden“, dann fiel er in sich zusammen: Seit Wochen schon schwächelte er im Krafttraining, war zu Hause zur Sofakartoffel geworden und seine Frau hatte auch nicht mehr viel von ihm. Dringend brauchte er eine Zeit der Abstinenz. Seit Aschermittwoch nun fastet er Adrenalin – mit ersten Erfolgen in Sachen Resilienz.

Der Chef kann nur ein Teufel seinKonflikte sind Ausnahmesituationen, in denen evolutionäre Automatikprogramme ablaufen: der Körper passt sich an die Gefahren an und um maximale Muskelenergie zu Kampf oder Flucht bereit zu haben, wird Adrenalin ausgeschüttet. Gleichzeit fokussiert sich die Wahrnehmung auf den Gegner, manche sprechen von einem „Tunnelblick“. Typisch ist auch das „zusammenrotten“, um gemeinsam stärker gegen den Feind zu sein. Da wird in der Mittagspause gelästert, was das Zeug hält. Jede an sich noch so belanglose Geste, jeder Blick und jedes Wort werden quasi auf die Goldwaage gelegt und immer fällt das Urteil gleich aus: „Das geht ja gar nicht! Unerhört!“

Ach, wie entlastend wirkt das Verbünden und Lästern auf den ersten Blick, wird man doch scheinbar seinen Ärger mit Worten los, ohne gleich handgreiflich zu werden. Doch das Lästern hat eine ungewollte Nebenwirkung: die Situation wird in allen Details noch mal lebendig und schon geht er wieder los: der Konflikt, der Kampf, der Bürokrieg und das Adrenalin fließt wieder durch die Adern.

Ein erster Schritt könnte es sein, auf das Lästern zu verzichten und stattdessen eine möglichst neutrale Beobachtung zu beschreiben. Statt „Wie der mich anschaut, kann der mich nicht leiden!“ könnte man sich denken „Der Chef kräuselte die Stirn“. Das bringt zweierlei: erstens kann ich meine Interpretation von der Tatsache trennen. Zweitens werde ich widerstandsfähiger gegen Stress auslösende Interpretationen, um so aus dem Teufelskreis der gewaltvollen Kommunikation auszusteigen. In einem nächsten Schritt könnte ich gar überlegen, welche Gründe es noch für die gekräuselte Chefstirn gäbe. Denn er macht das nicht ohne guten Grund. Und wenn es nur ist, dass er gerade eine Migräneattacke niederkämpft.

Tue zehn Jahre lang Gutes
und niemand wird es bemerken.
Eine Stunde lang Böses getan
und Ruhm ist Dir gewiss.

Samurai-Weisheit

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