Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

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