Die Bedürfniswaage (nicht nur) in Coronazeiten

Er konnte die fröhlichen #StayAtHome #ZuhauseBleiben Heimquarantäne-Videos nicht mehr sehen. Er hasste es mittlerweile, ständig von der Familie umgeben zu arbeiten. Er sehnte sich nach der Abgeschiedenheit seines Arbeitsweges, der nüchternen Büroatmosphäre und selbst nach manch unsympathischem Kollegen. Wie sollte er das alles bloß weiter aushalten?

Die Trennung vom gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Leben bringt für Solo-Selbständige und Angestellte ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Während Angestellte (bisher noch) grundsätzlich eine Arbeitsstelle und damit ein Einkommen haben, ist bei Selbständigen die Existenznot viel größer. Gleichzeitig sind sie es eher gewohnt, alleine zu arbeiten, während Angestellte oft in einem Gruppenverbund tätig sind. Beide Gruppen müssen auf nicht absehbare Zeit mehr von dem aushalten, was unangenehm für sie ist.

Der schweizerische Paartherapeut Christoph Thomann geht davon aus, dass jeder Mensch vier elementare Grundbedürfnisse hat. Er beschreibt sie als die gegensätzlichen Paare aus Nähe – Distanz sowie Dauer/Struktur – Wechsel. Jeder Mensch braucht von allen vier Bedürfnissen etwas, aber in unterschiedlicher Gewichtung. Ein Mensch hat daher eine Grundprägung, sozusagen eine Bedürfnisheimat.

Die eigenen Bedürfnisse in Balance bringenDie neue Situation erfordert, dass ich mich vielleicht mehr mit Nähe auseinandersetzen muss, als mir lieb ist. Oder dass ich mehr Neues ausprobieren muss, als ich gewöhnlich wage. Das kann am Anfang ganz reizvoll sein, so wie ein Experiment, Urlaub oder Abenteuer. Doch die eigene Grundprägung kann ein Mensch nicht einfach mal so ändern oder ablegen. Es kommt unweigerlich der Punkt, an dem es mir zu viel wird: Zu viel Nähe zur Familie zu Hause; zu viel Distanz von Freunden; zu viel Unsicherheit über die Zukunft; zu oft Spaghetti mit Tomatensoße.

Es kann helfen, wenn ich schaue, welche meiner Bedürfnisse gerade unterversorgt sind: zu wenig „Ich, mein Leben“, weil es zu viel Gemeinsamkeit und Familie gibt? Zu wenig Kontakt zu Kolleg*innen, weil ich zu weit weg im Homeoffice bin? Zu viel Langweile, weil ich zu wenig Inspiration erlebe? Zu viel Unsicherheit, weil ich zu wenig stützende Strukturen erfahre?

Wenn ich erkenne, was mir gerade zu viel wird, kann ich das gegenteilige Bedürfnis nähren und so für Ausgleich sorgen. Ich kann mehr Gewicht auf die Waagschale legen, die gerade zu leicht ist. Zum Beispiel durch eine Auszeit mit Kopfhörer im Schlafzimmer, ganz für mich alleine. Oder mit einem Videochat mit Kollegen bei einer virtuell geteilten Tasse Kaffee.

Es hilft mir, inne zu halten, zu beobachten und anzuschauen, was gerade wirklich mein Bedürfnis ist. Und dann mutig zu handeln, um auch für mich selbst zu sorgen. Für Egoisten gilt: mutig zu handeln und auch für andere zu sorgen.

Charlie Brown: „Someday we will all die, Snoopy!“
Snoopy: „True. But on all the other days we will not.“

Aus einem Peanuts-Comic von Charles M. Schulz

Share

Bullshit-Bingo mit den nervigen Kollegen

Mit siegesgewissem Lächeln triumpfmarschierte sie durch’s Büro. Sie hatte mal wieder Recht gehabt und das wollte sie jetzt jedem Ungläubigen auf’s Brot schmieren. Das nervte alle und alle regten sich über ihr Gehabe auf. Bis auf einen. Der lächelte und freute sich insgeheim über ihre Show. Warum blieb er so gelassen?

Es gibt gerade auf der Arbeit viel Gelegenheit, die Eigenarten anderer Menschen zu studieren. Oft genug müssen sie ertragen werden, oft genug sorgen sie für Leid und Ärger. Schließlich hängen alle über Stunden aufeinander, müssen miteinander arbeiten obwohl die Sympathie füreinander doch arg begrenzt ist und so kommt es immer wieder zu Theaterszenen, bei denen eine Person die Rolle A und die anderen die Rolle B übernehmen. In Endlosschleife.

Da gibt es die Nörgler. Sie haben immer etwas zu meckern, das Glas ist nie halb voll, sondern immer halb leer, auch wenn es schon überläuft. „Das ist doch alles Käse!“ und „Man müsste endlich mal …“ sind ihr Standardphrasen. Wer immer dieser ominöse „man“ auch ist, bleibt ungeklärt.

Es gibt die angeekelten Besserwisser. In ihrer Welt müssen sie sich ständig mit Leuten abgeben, die unter ihrem Niveau sind. Gott, was sind die anderen dumm! Sie können immer sagen, wie eine Sache ausgehen wird. Und haben sie tatsächlich einmal Recht, reiben sie das allen anderen ungefragt unter die Nase.

Auch die hyperaktiven cholerischen Kollegen können eine Plage sein. Keiner schafft so viel wie sie weg, so fehlerlos, so genial. Das richtige Arbeiten muss den armen Dummchen nur richtig eingebläut werden, gerne so, dass es das halbe Büro mitbekommt.

Bullshit-Bingo mit nervigen KollegenAuf jede dieser Rollen gibt es Standardreaktionen, die sich voraussagbar zu einem festen Tanz wie bei den Kranichen entwickeln. Gelöst wird dadurch nichts, sie befeuern lediglich den Konflikt. Doch wie wäre es stattdessen mit einem inneren Bullshit-Bingo?

„Ich habe es doch gleich gewusst!“ – Bingo!

„Gott, was für eine dämliche Frage!“ – Bingo!

„Können Sie noch nicht mal kopieren??“ – Bingo!

Am Ende des Tages kann der Bingo-Zettel vollständig angekreuzt sein und ich freue mich, dass ich nicht auf das endlose Spiel von Provokation und Reaktion eingestiegen bin. Ich habe das einfach an mir abtropfen lassen. Wenn es jetzt auch noch einen Euro je Kreuz aus dem Lohnbüro geben würde – ich wäre ein reicher Mann.

Zank nicht mit einem Schwätzer /
und leg nicht noch Holz auf das Feuer!

Das Buch Jesus Sirach, Kapitel 8, Vers 3

Share

Wie der Vogel Strauß der Wahrheit ins Gesicht blicken

Seit Jahren wurde die Kollegin auf der Arbeit bei allen Beförderungen übergangen; egal, wie viel Einsatz sie zeigte. Sie glaubte, dass sich schon irgendwie ein Aufstieg ergeben wird. Irgendwann, sie müsse nur noch etwas warten. Ihr Freund quittierte das mit den Worten „Na, steckst Du schon wieder den Kopf in den Sand?“

Schon der Vergleich hinkt: da steckt jemand den Kopf in den Sand angeblich wie der Vogel Strauß, um die Augen vor der unangenehmen Wahrheit (sie wird nie befördert werden) zu verschließen. Denn tatsächlich steckt der Strauß den Kopf nicht in den Sand. Zum Schutz des Nestes legt er sich flach darauf, was aus der Entfernung so aussieht, als ob er den Kopf in den Sand stecke. Doch vom Strauß lässt sich in punkto Realitätswahrnehmung tatsächlich etwas lernen:Der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken denn der Strauß kämpft statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er verteidigt er sich mit einem gezielten Tritt und dieser Tritt kann einen Löwen oder einen Menschen töten. Alternativ kann er auf der Flucht in der Spitze bis zu 70 km/h schnell laufen. Und im Dauerlauf schafft er die 22 Kilometer von Frankfurt nach Bad Homburg in einer halben Stunde.

Der Strauß stellt sich also der Realität mit den Mitteln des Kampfes, der Flucht oder des Schutzes seiner Nachkommen. Menschen, die die Augen vor der Realität verschließen, stellen sich einfach nur tot und warten vergeblich, dass sich die Situation von alleine zu ihrem Gunsten entwickelt. Sie sind weder zu Kampf, zu Flucht noch zum Schutz in der Lage, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. So wie Kleinkinder: was sie nicht sehen, existiert nicht. Bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr ist das die kindliche Vorstellung von der Welt. Danach wissen sie: Etwas ist auch dann noch vorhanden, obwohl ich es nicht sehe.

Doch manche Erwachsene scheinen diese Entwicklungsstufe nicht zu erreichen. Auf der Arbeit gibt es keine Perspektive mehr? „Ach, so schlimm ist das nicht, das wird schon werden!“ Der Traum von einer Beziehung ist geplatzt? „Ach nein, da müssen wir uns nur etwas mehr Zeit geben!“ Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung sind deutlich erfahrbar? „Iwo, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung!“

Die Realität anzuerkennen und desillusioniert zu werden (sich zu ent-täuschen), ist mitunter schmerzhaft. Da gilt es Abschied zu nehmen von geliebten aber ungelebten Träumen, intensivem Selbstbelügen und der Verleugnung von Tatsachen. Es wie der Abschied von einem vertrauten Menschen, der verstorben ist. Nichts ist mehr so, wie es vorher war; Trauerarbeit steht an. Doch erst, wenn durch die Trauer der Abschied bewältigt wird, kann in der Folge Neues entstehen: neue Ideen, neue Ziele, neue Begegnungen. Ganz wertfrei betrachtet wird das Neue anders sein als das Alte. Diese Reise zur Selbsterkenntnis kann von außen begleitet aber nicht erzwungen werden. Da muss schon jede/r selbst den Strauß machen: kämpfen, flüchten oder sich schützen.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Samuel Johnson (1709 – 1784, engl. Gelehrter, Lexikograf und Schriftsteller)

Share

Wenn ein sachliches Gespräch entgleitet

Beim Statusmeeting kam es zum Eklat. Nach dem Urlaub stellte die Projektleiterin schwere Versäumnisse während ihrer Abwesenheit fest, die den Projekterfolg akut gefährdeten. Doch statt des erhofften gemeinsamen Schulterschlusses zur Lösung der Probleme entstanden Fronten und tiefe Gräben. Wie konnte das bloß passieren?

Wenn ein Gespräch entgleitet, sind Überraschung, Schaden und Zeitverschwendung groß. Es scheint, als hätten alle Beteiligten etwas „in den falschen Hals“ bekommen, bestünden „stur auf ihren Positionen“ und würden die anderen „einfach nicht verstehen wollen“. Dabei ging es doch eigentlich um die Sache, reine Fakten wurden auf den Tisch gelegt und logische Konsequenzen gefordert. Oder doch nicht? Nein, nichts davon war wirklich der Fall.

Jedes Gespräch, jegliche Art von Kommunikation, bedient gleichzeitig mehrere Ebenen: Diese vier Seiten der Kommunikation lassen sich in einem Quadrat darstellen. Das Modell hilft, ein Gespräch zu analysieren. Da sind zum einen nachprüfbaren Fakten, die klar „wahr“ oder „unwahr“ sind. Das ist die blaue Sachebene. Weiterhin sagen wir alle auch immer etwas über uns selbst aus und wie es uns geht. Was in uns los ist können wir nicht vollständig vor den anderen verbergen. Das ist die grüne Seite der Selbstkundgabe. Es schwingt auch immer eine Beziehungsdefinition mit: wie sehe ich mich im Verhältnis zum Gegenüber, wie sehe ich unsere Beziehung zueinander? Das ist die gelbe Beziehungsseite. Schließlich ist auch immer ein Appell, eine Handlungsaufforderung enthalten, mal deutlich, mal versteckt. Das ist die rote Appellseite.

Die Projektleiterin hat im Eingangsbeispiel ihrem Ärger Ausdruck gegeben. Doch hinter dem Ärger steckte in Wahrheit vermutlich Enttäuschung, eine Traurigkeit über das drohende Scheitern des geliebten Projekts.

Wenn die Traurigkeit das Gespräch bestimmt

Traurigkeit ist fähig, Ärger befeuern, der dann als Außenbeauftragter das Gespräch führt. Oft wird im „Eifer des Gefechts“ aus innerer Enttäuschung geäußerter Ärger. Zum anderen sind Ärger, Wut oder Aggression gesellschaftlich akzeptierter und daher einfacher zu zeigen als Enttäuschung, Trauer oder Verletzung. Weil auch Gesprächspartner leicht Vorwürfe, Angriffe und Herabsetzungen hören und damit automatisch in eine konfrontative Verteidigungshaltung gehen, entgleiten Gespräche in einen Beziehungskampf „unter der Gürtellinie“, anstatt dass sachlich die Fakten „auf den Tisch“ gelegt und ganz „vernünftig Lösungen gesucht“ werden.

Wenn der Ärger das Gespräch bestimmt

Es lohnt sich also, an den Kern der Emotionen heranzukommen, die mich gerade durchschütteln. Das eröffnet Wege für die Verständigung, weil ich dann ehrlicher zu mir und zum Gegenüber sein kann.

Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.

Johann Wolfang Goethe (1749 – 1832, deutscher Dichter)

Share

Panikattacke im Stammhirn

Das neue Jahr begann noch erschreckender als das letzte endete. Überall Bedrohungen! Während er in seiner Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saß und ein gutes Glas Rotwein trank, fühlte er sich umzingelt von Kriegsdrohungen, Umweltkatastrophen und Wirtschaftsgefahren. Wie sollte er nur überleben?

Der evolutionär älteste Teil unseres Denkorgans ist das Stammhirn. Direkt von den Nervenzellen aus allen Sinnesorganen gefüttert, leitet es alle Informationen an das limbische System weiter. Ein Rascheln! Lauert da eine Gefahr im Unterholz? Ein Schatten am Wegesrand! Naht da ein Feind? Es horcht auch ständig in unser Innerstes hinein. Ein Zwicken in der Leiste! Verhindert das die Flucht? Alle diese Informationen werden unbewusst wahrgenommen und innerhalb einer Viertelsekunde in „Gefahr oder Nicht-Gefahr“, „Böse oder Gut“, „Kampf oder Flucht“ eingeteilt. Denn das limbische System merkt sich seit der Geburt auch die Umstände (Situation + Reaktion = Ergebnis) und wird lebenslang dazu trainiert, Gefahren abzuschätzen und so Handlungsempfehlungen zu geben. Blitzschnell.

Jede Art von Nachrichten wird über dieses System aufgenommen, unabhängig von der Medienquelle (Podcast, Smartphone, Gerüchteküche). So wird unser Alarmsystem dank bester weltweiter Nachrichtenversorgung stets mit allen Impulsen versorgt, die für eine gediegene Panikstimmung notwendig sind. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem allgemeinen Bedrohungsempfinden und der tatsächlichen individuellen Gefahrenlage.

Regelmäßig bringen Umfragen an das Tageslicht, dass die persönliche Situation besser eingeschätzt wird als die des Durchschnitts der Gesellschaft. Menschen, die in Deutschland leben, haben im Allgemeinen Zugang zu einer bezahlbaren und obendrein einer der besten Gesundheitsversorgungen der Welt. Sie leben seit mehr als siebzig Jahren in Frieden und sind von Wetterkatastrophen wie Buschbränden von der Größe der östlichen Bundesländer oder Heuschreckenschwärme von der Größe des Saarlandes verschont geblieben. „Bisher!“, ruft hier das Alarmsystem, „Australien ist näher als Du denkst!“

Emotion plus Ratio ergibt gute Ideen

Nutzen wir also das Gehirn, wofür es geschaffen wurde: zum Denken. Denn neben dem Stammhirn gibt es zum Glück die Großhirnrinde (zuständig für logisches und abstraktes Denken) und dort speziell den präfrontalen Kortex. Der ist sowohl mit dem Stammhirn, dem limbischen System als auch der Großhirnrinde verbunden. In dieser Hirnregion sitzen Zeitgefühl und Selbstgefühl, dort werden moralische Urteile gefällt – sowohl über andere als auch über mich selbst. Hier entstehen die sozialen Bindungen zu anderen Menschen. Wenn Sie wissen wollen, wo dieser geniale Allrounder genau ist: er liegt, wo manche Menschen „ein Brett vor dem Kopf haben“ oder spirituelle Menschen das „Dritte Auge“ lokalisieren.

Die Genialität hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: sie ist komplex und deshalb langsam, die Verarbeitung im Großhirn dauert ungefähr vier Mal so lange wie im limbischen System. Dann kommt nochmal die Bewertung auf Basis unserer Werte im präfrontalen Kortex hinzu. Die braucht auch Zeit. Wenn also mal wieder Panik im Stammhirn ist, hilft es durchaus, tief durchzuatmen und dem restlichen Gehirn Zeit zu geben, darauf zu reagieren. Denn neben der Emotion braucht es den Verstand, um angemessene Reaktionen zu finden.

Gelassene Panik als Grundzustand

Max Frisch (1911 – 1991, Schweizer Schriftsteller)

Share

Weihnachten schenke ich mir … mich selbst

Der Christbaum war geschmückt, die Geschenke eingepackt und das Weihnachtsessen vorbereitet. Es war die Ruhe vor dem Sturm: drei Tage mit Familie, Verwandten, Partnern und Kindern standen bevor. Da beschloss er, sich selbst mit einer Auszeit zu beschenken. Denn sonst würde er sich selbst verlieren.

Des einen Freud ist des andern Leid. Weihnachten ist das Fest, an dem die Familie, ob fern, ob nah, zusammenkommt. Wann, wenn nicht unterm Christbaum, wird geredet, gegessen, getratscht und gestritten. Für alleinlebende Angehörige ist das der Höhepunkt des Jahres und lässt die alltägliche Einsamkeit vergessen. Für Eltern und Kinder, deren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt, Schule und Hobbies aufgerieben wird, ist es die ultimative Stresssteigerung. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Auszeit von Weihnachten

Denn statt „Stiller Nacht“ gibt es enge Zeitpläne, Fahrplanänderungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung, Stau und stockenden Verkehr, Verstopfung wegen zu süßem Essen, Verstopfung wegen zu fettigen Essens, Drama wegen des vegetarisches Festmenüs, Drama wegen nicht veganer Speisen, Drama wegen falscher Geschenke, es gibt fahle Witze vor dem Alkohol, sexistische Zoten nach dem Alkohol und depressive Stimmung nach zu viel Alkohol. Überhaupt scheint es von allem zu viel zu geben.

Vor lauter „im Außen sein“ und Fremdbestimmung verlieren sich manche Menschen komplett und sind am Ende der Weihnachtszeit reif für die Insel. Da hilft es, eine Notbremse einzubauen. Eine halbe Stunde, also dreißig Minuten mit insgesamt 1.800 Sekunden, pro Festtag

Zeit.
Für mich.
Zum Nichtstun.
Ohne Plan.
Ohne Ziel.
Einfach.
Nur da sein.

Ein wunderbares Geschenk, das den Frieden erhält, sowohl in einem selbst als auch mit dem Umfeld. Kostet nichts, ist immer verfügbar und muss nicht umgetauscht werden.

Wo kann man denn Weihnachten allein hin – außer aufs Klo? Nach Thailand vielleicht, in irgendeine Fischerhütte? Aber will man das? An Weihnachten? Zur einzigen Zeit im Jahr, in der jeder dahergelaufene Einsame ruck, zuck von irgendwem aufgenommen werden soll?

Die Schriftstellerin Helene Hegemann am 24.12.2017 in der NZZ

Share

Perfekte Harmonie: ein tödlicher Cocktail

Kaum hatte er seine Ansprache beendet, stieg die Unzufriedenheit in ihm auf. Da gab es Versprecher! Noch schlimmer: ein, zwei Zuhörende schienen wenig begeistert von seinen Ausführungen. Er warf sich vor: warum war ich nicht besser und habe deshalb von allen Zustimmung erhalten?

Manche Menschen halten es nicht aus, wenn es Unfrieden zwischen ihnen und ihrem Umfeld gibt. Sie richten ihr Handeln ständig auf die Reaktionen des Umfelds ab und vermeiden alles, was zu etwaigen Unstimmigkeiten führen könnte. Sie brauchen Harmonie: die freundliche, besser noch freundschaftliche Beziehung zu allen Menschen. Sie können ohne die Anerkennung ihrer Tätigkeiten und Ansichten nicht leben. Dafür sind sie im Zweifelsfall auch bereit, eigene Interessen hinten anzustellen zu Erreichung eines friedlichen größeren Gemeinsamen.

Andere Menschen leben unter einem Perfektionsdiktat, das sie sich selbst auferlegt haben. Präzisionsarbeit, Zuverlässigkeit und Ordnung gelten für sie als oberstes erstrebenswertes Ziel. Sie finden für jedes Ding den rechten Ort, denn das ist ihr Sport. Die Wohnung ist blitzblank und selbst zu spät zu einer Verabredung kommen ist für sie ein Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges. Diesen hohen Anspruch stellen sie auch an ihr Umfeld und äußern das unmissverständlich, mitunter wenig diplomatisch.

Harmonie und Frieden – immer und überallUnd dann gibt es Menschen, die beide Antriebe in sich vereinbaren und in perfektionistischer Weise nach Harmonie streben. Harmonie und Frieden zu 100 Prozent? Das ist ein tödlicher Mix von Zielen, denn diese Ziele streben in unterschiedliche Richtungen. Wer in Harmonie leben will, muss sich unweigerlich mit den Schwächen und Unzulänglichkeiten der Menschen arrangieren. Als Harmoniebedürftiger wird dann ausgeglichen, nachgesehen und entschuldigt, um ja keinen Zwist aufkommen zu lassen. Konflikte werden um jeden Preis vermieden. Wer nach Fehlerlosigkeit strebt, hält es gerade nicht aus, dass andere Schwächen und Unzulänglichkeiten haben. Als Perfektionist wird dann kontrolliert, geurteilt und gefordert, um ja eine hundertprozentige Zielerreichung abzusichern.

Nicht nur andere, auch an sich selbst haben sie den Anspruch an perfekte Harmonie. Sie halten es schier nicht aus, wenn sie nicht alles getan haben, um Anerkennung für respektvolles Handeln zu bekommen, wenn sie jemanden selbst wenig einer Kleinigkeit verärgert haben könnten.

Diese Mischung aus Harmoniesucht und Perfektionismus ist ein tödlicher Cocktail, weil er die Freiheit zerstört, die wir als fehlerhafte Wesen brauchen. Wir sind nicht perfekt und das Leben besteht aus Konflikten. Wer das für sich negiert und Perfektionismus und Harmonie in allen Bereichen erreichen will, wird nur dann glücklich sein, wenn der Tod eingetreten ist. Dann ist, je nach eigenem Weltbild, die perfekte Harmonie mit dem allumfassenden Göttlichen oder dem allumfassenden Nichts erreicht.

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin Müller-Stahl (*1930, deutscher Schauspieler und Maler)

Share

Reputation-Management mit Klatsch und Tratsch

Ihr Ehemann genoss bei Freunden einen ausgezeichneten Ruf, selbst seine Gegner zollten ihm Respekt: Großzügigkeit, Weisheit und Gelassenheit präge sein Wesen. Doch seine Ehefrau kannte ihn ganz als aufbrausend, ungerecht und launisch. Bei jedem neuen Loblied fragte sie sich: Was würden wohl die Leute sagen, wenn sie die Wahrheit über ihn wüssten, so wie ich?

Für das positive Bild eines Menschen hat die deutsche Sprache eine Vielzahl von Redewendungen parat: Da hat jemand einen tadellosen Ruf, bürgt mit seinem guten Namen, man wisse man nur Gutes über jemanden zu berichten oder es sei jemand ohne Fehl und Tadel. Gemeinsam ist allen, dass eine Person etwas über eine Andere öffentlich sagt, gar bezeugen kann aus erster Hand, manchmal auch nur vom Hörensagen. Das öffentliche Bild eines Menschen ist davon abhängig, was andere Menschen über sie oder ihn zu sagen bereit ist.

Uns scheint es gleichsam zweifach zu geben. Einmal real, einmal als Abbild und der Ruf, der einem vorauseilt und hoffentlich gut ist. Das kann sowohl der des „harten Sanierers“ sein für einen Betrieb in finanzieller Schieflage oder der einer „Brückenbauerin“ bei schwierigen Verhandlungen. Dieses zweite Porträt gehört uns nicht und wir können es nur zum Teil beeinflussen. Es gibt Rufschädigungen, die unwissentlich oder absichtlich mit Klatsch und Tratsch in die Welt gesetzt werden.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen über die eigene Person

Auch der Ruf anderer Menschen oder von Firmen kann abfärben. Nicht von ungefähr gibt es „due dilligence“ Prüfungen bevor Organisationen miteinander eine Kooperation schließen. Dabei wird analysiert, inwiefern es Gefahren gibt, die die Kooperation und den eigenen guten Ruf gefährden. Und umgekehrt gibt es nicht nur im Märchen die Hoffnung „Möge das Licht Deiner Güte und Weisheit auch mich erleuchten, oh großer König/Fürst/Richter!“

Sobald Menschen erfahren, dass ihr Verhalten von anderen gesehen und beurteilt werden kann, verhalten sie sich kooperativer. Denn wer sich in der Öffentlichkeit als hilfsbereit darstellt, wird mit einem guten Leumund belohnt; unabhängig davon, wie man im Privatleben ist. Wer in das Glück oder das Vorankommen von anderen investiert und das in aller Bescheidenheit ganz öffentlich macht, kann sich Lob und Ehre gewiss sein, weitergetragen durch Klatsch und Tratsch. Dann sagen die Leute „Schaut, wie selbstlos sie/er ist!“

Die sog. Sozialen Medien mit ihrer öffentlichen Wirkung verstärken diesen Effekt, im Guten wie im Schlechten. Was „schlecht“ und was „gut“ ist, hängt dabei vom Kontext ab. Wer in einer Umgebung radikaler Menschen für Mitmenschlichkeit eintritt, ist hier Außenseiter, als brutaler Schläger hingegen hoch angesehen. Auch in schlechten Kreisen gilt es, einen guten Ruf zu verteidigen.

Daher verwundert es nicht, dass Erpressung so ein lukratives Geschäft ist. Die Wahrung des guten Rufs ist den Opfern eine Menge Geld wert. Lieber lässt man sich die Hand abhacken, als dass man über sich schlecht geredet haben will. Whistleblower, also Verräter von Geheimnissen, die besser unveröffentlicht blieben, leben nicht umsonst gefährlich. Denn manchmal lässt sich der gute Ruf nur noch mit Gewalt aufrechterhalten.

Audrey Hepburn war sich stets vollkommen sicher, wer sie war und wie sie von uns gesehen werden wollte.

Richard Avedon (1923 – 2004, US-amerikanischer Fotograf)

Share

Es herrscht Krieg auf dem Ponyhof

Für ihn ist im Leben alles klar: Die Welt ist so, wie er sie sieht. Und wenn es Probleme gibt, dann liegt das immer an den Anderen. Besonders an seiner Frau. Nur die will das einfach nicht kapieren. Sie fragt sich stattdessen: „Für ihn ist das Leben ein Ponyhof, für mich ist es die Hölle – wie soll das funktionieren?“

Das Interesse mancher Menschen an ihrer Umwelt endet in Armeslänge. Alles, was nicht ganz unmittelbar sie betrifft, interessiert sie „nicht die Bohne“. Doch das Zusammenleben von Menschen ist eine beständige Suche nach Kompromissen und Kooperationen, damit gemeinsam die Herausforderungen des Alltags bewältigt werden können. Dazu ist es notwendig, seine eigene Meinung und seine Ziele vom Partner/von der Partnerin in Frage stellen zu lassen. Ich muss mich mit mir auseinandersetzen und meine Meinung hinterfragen. Wenn ich mich nur für mich und mein Wohlergehen interessiere, sehe ich andere Meinungen nicht als gleichwertig oder gar beachtenswert an. Also warum sollte ich dann mein egoistisches Verhalten im Sinne eines größeres gemeinsamen Ganzen korrigieren?

Denn jede Meinungsänderung, jede Verhaltenskorrektur, seien sie auch noch so unbedeutend, würde ein mühsam aufgebautes Weltbild in den Grundmauern erschüttern. Denn letztlich sind diese Menschen im tiefsten Innern verunsichert. Deshalb haben sie klare Regeln, die befolgt werden sollen. Sie brauchen Sicherheit und wenn die Welt so funktioniert, wie sie das brauchen, kommen sie mit ihr zurecht. Sie verwenden all ihre Kraft darauf, ihre Sicht auf die Welt aufrecht zu erhalten. Neues macht sie planlos, sie wissen schlichtweg nicht, mit Unvorhersehbarem umzugehen.

Als Ritter in voller Montur in den Kampf ziehen

Ihre Regeln werden mit Zuckerbrot und Peitsche durchgesetzt. Da wird belohnt, gedroht, gelogen und das durchaus mit Kreativität und Flexibilität. Sie sind bereit, für ihre eigenen Interessen die Beziehung zu anderen Menschen zu gefährden. Das Leben ist ein Ponyhof: ihr Leben, ihr Ponyhof und das sollen die Anderen einfach kapieren.

Es gibt Lebenspartner, die haben diese narzisstischen Züge und manipulieren die Umwelt geschickt in ihrem Sinne. Wer mit solchen Menschen in einer Partnerschaft lebt, muss in den Kampf ziehen. Denn mit weichen Strategien, die auf Interessensausgleich angelegt sind, kommt man nicht weiter. Wenn meinem Gegenüber letztlich egal ist, ob die Beziehung zu mir den Streit überlebt, habe ich kein emotionales Druckmittel mehr in der Hand. Dann heißt es: Schlachtplan machen, Rüstung anziehen, Visier herunterklappen und im Kampf aus dem Ponyhof reiten in die eigene Zukunft. Vor allem, wenn auch noch Kinder mit im Spiel sind, die ihr Leben erst noch vor sich haben.

Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die Notwehr uns allmählich zwingt, in seinen Fehler zu verfallen.

Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916, mährisch-österr. Schriftstellerin)

Share

Das schwarze Schaf der Familie

Die Familiengeburtstage liefen schon immer so ab: Kaffee, Kuchen, Kartoffelsalat, Würstchen, Bier und Schnaps bis zur völligen Trunkenheit der Gäste. Alle machten mit, bis auf einen Cousin, der eisern nüchtern blieb. Er war halt der Sonderling und manch einer fragte sich: „Der ist so anders, gehört der überhaupt zur Familie?“

Aus guten Gründen gibt es bei Herdentieren bei jeder/jedem Individuum die Tendenz, sich anzupassen. Auch Menschen sind Herdentiere. Wer zur Gruppe gehört, ist bei einem Angriff geschützter, kann auf Anerkennung oder Unterstützung hoffen und gewährt im Gegenzug Hilfe für andere Gruppenmitglieder. Dazu passt man sich einander an, allzu große Abweichungen im Verhalten oder Aussehen werden vermieden.

Doch persönliche Vorlieben oder Eigenschaften lassen sich nicht beliebig glattschleifen und so entsteht mitunter Ausgrenzung. „Das ist das schwarze Schaf in unserer Familie“ kann genauso gut für die einzige studierte Person im bäuerlichen Familienkreis gelten wie für die einzige Handwerkskraft im akademischen Umfeld; den einzigen Vegetarier im Metzgersclan oder die Oldtimerfreundin in der Öko-Kommune.

Als schwarzes Schaf lässt es sich gut leben

Diese Individualisten, diese „nicht Passenden“ stehen vor einer schweren Entscheidung: beuge ich mich dem Gruppendiktat um den hohen Preis, dass ich mich innerlich „falsch“ fühle, meine Wünsche, Talente oder Sehnsüchte unterdrücke „um des lieben Friedens willen“? Oder trage ich den Konflikt nach außen, anstatt ihn in mir selbst auszutragen? Manchmal kann man sich einfach nicht passend machen. Und aus einem Trotz heraus kann eine mutige Entscheidung entstehen: „Wenn ihr mich sowieso anders wollt, dann bin ich eben anders – aber so, wie ich will und nicht so, wie Ihr es wollt!“ Denn die Leute reden sowieso, egal was ich mache. Als schwarzes Schaf nehme ich mir daher Freiheiten heraus, von denen die anderen nur träumen. So lässt es sich prima leben!

Dieser Weg, zu sich und zur eigenen Individualität zu stehen, kann auch einen Preis fordern: den des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Energie in die Förderung der eigenen Talente zu investieren anstatt in ihre Unterdrückung. Entwicklung ist nie durch Anpassung alleine möglich, es braucht immer auch eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen.

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche lassen sich zwar tief vergraben, doch im Untergrund leben sie weiter und revoltieren früher oder später. Letztendlich wird damit das von außen vergebene Stigma des „schwarzen Schafes“ erfüllt: die Ausbrüche aus den fremden Gefängnismauern gelten geradezu als Beweis für die Absonderlichkeit dieses Familienmitgliedes.

Doch scheint mir der individuelle Weg der einzig Gangbare zu sein, da er vielfältige Möglichkeiten eröffnet, während das Unterdrücken der persönlichen Entwicklung das Leben einengt. Einen Kampf muss ich nun mal ausfechten: entweder in mir drinnen gegen mich selbst oder ich bin im Reinen mit mir und kämpfe gegen das Umfeld. Bevor ich mir meinen Willen brechen oder mein Seelenheil gefährden lasse, suche ich persönlich lieber meinen Weg, mein eigenes Leben zu leben. Notfalls im Exil.

Woanders weiß man selber, wer man ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat.

Aus dem Roman „Sommerfest“ von Frank Goosen

Share