Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

Share

Das Chaos regiert

Was letzte Woche nach langer Diskussion vereinbart wurde, wird jetzt im Team schon wieder in Frage gestellt. Eine Pro-und-Contra Liste soll nun endlich Klarheit bringen, alle stöhnen. Wann, so fragte sie sich, entscheidet hier endlich mal jemand etwas?

Manche Führungskräfte tun sich schwer mit der Rolle der/des Führenden. Das könnte unangenehme Gespräche mit sich bringen, Entscheidungen müssten getroffen und durchgesetzt werden. Konflikte gehören zur Rolle des Chefs/der Chefin einfach dazu. Aber nicht alle Führungskräfte sehen Konflikte positiv, als Quelle für Kreativität, sondern haben Angst vor einer Konfrontation. Diese Menschen flüchten sich dann lieber in operative Details, wollen alles mit Abfragelisten kontrollieren oder sind nur sehr schwer zu erreichen.

Nicht nur in der Wirtschaft, auch im sozialen Bereich gibt es Angst vor Führung und die Scheu vor klaren Ansagen. Doch gerade Kinder brauchen zuverlässige Rahmen, in denen sie sich entwickeln können. Regelchaos wird hier fälschlicherweise „Laissez faire“ genannt, im Management-Sprech des Geschäftslebens „Supportive Leadership“. Beides beschreibt die Abwesenheit von aktiver Führung. Es fehlt an der (natürlichen) Autorität, die den Überblick bewahren und positiv ordnend eingreifen sollte. Am Ende herrscht Chaos, in der Organisation werden die Prozesse langsam und die Ergebnisse sind unausgegoren.

Wenn das Chaos regiert

Die Folgen dieser Leerstelle für die Untergebenen, seien es nun Kinder, Jugendliche oder erwachsene Arbeitnehmer, sind gravierend: durch den Mangel an klaren Rahmenbedingungen wird alles auf der untersten Ebene diskutiert, ausgehandelt und zu oft nicht entschieden, zu wiederholt in Frage gestellt.

Führungskraft bedeutet kraftvoll führen. In modernen Unternehmen, die mit flachen Hierarchien werben, wird der Mangel an Führung geschickt verkleidet: „Ist es nicht großartig, wie viel Verantwortung Sie übernehmen dürfen?“ Und der Rückzug gilt als Tugend: „Meine Tür ist immer offen. Melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben.“

So wird Verantwortung nach unten delegiert, die eigentlich ein, zwei, drei Hierarchie-Ebenen höher übernommen werden müsste. Denn nur dort ist auch die institutionelle Macht verankert, die zur Verantwortung untrennbar dazu gehört. Verantwortung ohne Einflussmöglichkeiten führt unweigerlich in ein Hamsterrad: Vergeblich versuchen Einzelkämpfer mit beschränktem Einfluss ein strukturelles Problem zu lösen. Es hilft nur die klare Zurückweisung: „Diese Verantwortung will ich nicht, die gehört zu Ihnen!“ Anderenfalls ist der Weg vom Burn-on zum Burn-out vorgezeichnet.

Führung bleibt eine Bringschuld. Kaufmännisch gesehen ist der Unterschied zwischen der Hol- und der Bringschuld der Ort der Leistungserbringung. Wo passiert die Leistung? Die Bringschuld der Führungskräfte ist längst nicht durch das Ausfüllen der Position erfüllt, sondern wird täglich neu abgefordert im Zusammenspiel mit den Mitarbeitern und den Aufgaben. Und hier gilt es, mehr zu zeigen, als nur die Tür zu öffnen.

Silke Strauß, Executive Coach & Consultant

Share

Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

Share

Wenn Kooperation auf Erpressung trifft

Im Angesicht des Krieges der russischen Staatsführung in der Ukraine weiche ich vom gewohnten Kolumnen-Format ab. Ich fasse einige Gedanken von Volker Müller-Benedict zusammen, mit denen er Ergebnisse der Spieltheorie auf das sozialpolitische Feld und Putins Agieren überträgt.

Kooperation galt seit den traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges als das Mittel der Wahl, um den Frieden auf der Welt zu sichern. Es ist ein Wunschdenken, dass das in der westlichen Welt auch einigermaßen geklappt hat, denn zurzeit werden besonders Menschen auf dem Balkan von ihren Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse eingeholt. Auch auf dem Rest des Globus war und ist es nicht besonders friedlich. Über 140 Kriege nennt Wikipedia seit 1945, das Statistikportal Statista listet alleine für 2020 fast 360 Kriege und Konflikte auf. Warum also kommt die Kooperation nicht so richtig zum Erfolg?

Kooperation setzt voraus, dass alle Beteiligten langfristig weniger am eigenen Vorteil interessiert sind, sondern im „Gesamtglück“ aller Beteiligten den wahren Wert erkennen. Auch wenn nicht alle eigenen Forderungen erfüllt werden, so sind doch die eigenen Gewinne immer noch attraktiv genug, um von den eigenen Interessen etwas abzugeben. Die Belohnung für alle: Frieden.

Diese Win-Win-Situation ist in der Spieltheorie durchaus möglich, doch nur solange, bis nicht ein anderer Spielertyp das Feld betritt: der Erpresser. Er kooperiert nur zum Schein und rechnet fest mit der Kooperationsbereitschaft des Gegenübers. Nur um das Gegenüber dann immer wieder zu übervorteilen („übers Ohr zu hauen“). „Man ist gezwungen mehr und mehr zu kooperieren, wenn man irgendeine Chance auf Steigerung des eigenen Gewinns haben möchte“, so Müller-Benedict. Trifft nun ein kooperationsbereiter Mensch auf einen erpresserischen Mitspieler, muss daher eine Entscheidung getroffen werden:

  1. Die Erpressung akzeptieren und damit eigene Verluste in Kauf nehmen. So können jedoch immer noch eigene kleine Gewinne erzielt werden (z.B. den Frieden scheinbar zu sichern). Der Erpresser gewinnt dabei immer.
  2. Die Kooperation beenden. Die eigenen Verluste werden hoch sein, doch auch der Erpresser hat empfindliche Verluste zu erleiden.

Je mehr Erpresser auf dem Spielfeld sind, umso unattraktiver wird dieses Verhalten, weil dann Erpresser auf Erpresser treffen und nicht mehr nur Erpresser auf Kooperationswillige. Erpresser*innen sind überaus attraktiv für Wähler*innen, weil sie zu Recht annehmen, dass diese*r Führer*in die Wählerinteressen am besten durchsetzen kann.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es wichtig, mutig zu werden, auch wenn die Aussichten düster sind: eine starke demokratische Zivilgesellschaft verhindert am ehesten, dass Erpresser an die Macht kommen.

Artikel „Erpressung oder Kooperation“ in der taz vom 25.2.2022 (Auf taz.de sind Artikel frei zugänglich, ohne Bezahlschranke. Das geht nur, weil sich viele Leser*innen freiwillig an der Finanzierung beteiligen und so den unabhängigen Journalismus unterstützen. Ein entsprechender Hinweis kann beim Aufruf der Seite erscheinen):

https://taz.de/Experimentelle-Wissenschaft/!5834234&s=spieltheorie/ ↗

Share

Ab 50 bist Du unsichtbar!

Sie hatte den Eindruck, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Es gab keine bewundernden, anerkennenden oder begehrlichen Blicke mehr für sie. Sollte sie darüber traurig sein oder sich freuen?

In unserem Leben erfahren wir ein unterschiedliches Maß an Aufmerksamkeit. Ganz zu Beginn stehen wir als Kinder im Mittelpunkt elterlicher Freude und Leid. Nach und nach verlassen die geliebten Kleinen die häusliche Umgebung und gewinnen Freund und Feind draußen in der Welt. In der Jugend dreht sich alles um die Kernfragen „Wer bin ich?“ und „Wie sehen mich die anderen?“

Nach der Gründung einer eigenen Familie wiederholt sich die Konzentration auf einen Menschen, nun aus der Elternrolle heraus. Gleichzeitig ist es das Lebensalter, in dem Menschen ihre Berufs- und Lebenspläne möglichst erfolgreich voranbringen wollen. Maximale Aufmerksamkeit der Umwelt ist ihnen sicher.

Irgendwann, so ab Ende 40, wenn die Kinder kaum noch zu Hause sind und die Karriere die entscheidenden Weichenstellungen hinter sich hat, beginnt die graue Phase der Unscheinbarkeit. Wir schwimmen mit: mit großer Erfahrung und auch oft noch mit großer Kraft halten wir das Räderwerk in der Familie und im Beruf am Laufen. Wir sind das Rückgrat jeder Organisation, das Aufgaben abarbeitet, Prioritäten setzen kann und Lösungen für nahezu jedes Problem findet. Doch gleichzeitig sind wir immer weniger attraktiv für andere: sei es in Paarfragen oder in Karrierefragen.

Die Menopause scheint besonders für Frauen ein Zeitalter der Bedeutungslosigkeit einzuläuten. Männer sind davon auch betroffen, jedoch weitaus weniger als Frauen. Wer sich einmal die Namenslisten und Fotos von Führungskräften aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur anschaut, wird dort viele Männer ab 50 Jahren sehen. Da jedoch nicht alle Männer in Führungspositionen gelangen können, gibt es auch bei ihnen ein Gefühl der Nutzlosigkeit.

Mehr Aufmerksamkeit erlangen wir erst wieder, wenn wir ab 70 anfangen, anderen im Weg zu stehen, weil wir zu gebrechlich sind oder die neueste Technik nicht verstehen. Dann sind wir als „Silver Ager“ auch wieder eine attraktive Zielgruppe für Werbung; ein Status, den wir spätestens mit den 50. Geburtstag verloren hatten. Doch ist das wirklich tragisch?

Den eigenen Weg gehen und den Zweiflern trotzenZugegeben: berufliche Attraktivität und sexuelle Begehrlichkeit sind wunderbare Rückmeldungen von außen. Die Kehrseite: sie werden gewährt, wenn ich den Anforderungen und Wünschen der Komplimente-Macher*innen entspreche. Ganz natürlich immer noch jung aussehen müssen, weiterhin Top-Leistung auf der Arbeit bringen – das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Und langweilig. Denn irgendwann ist es doch genug damit, den Ansprüchen von außen gerecht werden zu wollen.

Ist Unsichtbarkeit vielleicht auch ein Geschenk der Freiheit, endlich tun und lassen zu können, was ich will? Eine kostbare Lebensphase, die noch genügend Energie bereithält, um langgehegte Pläne oder neue Ideen wahr werden zu lassen? Diese 15, 20 guten Jahre vor der Herrschaft der Altersgebrechen wollen doch genutzt werden, oder?

Eine fortschrittliche Frau fortgeschrittenen Alters kann keine Macht der Welt im Zaume halten.

Dorothy L. Sayers (1893 – 1957, englische Schriftstellerin)

Share

Gesegnet sei der volle Terminkalender

Die moderne Büroarbeit ist hybrid: eine wilde Mischung aus Tagen im Büro, Homeoffice, echten Meetings und Videokonferenzen. Und der Terminkalender kennt keine Lücken mehr. Wie kann da ein Ausstieg gelingen?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit „vor Corona“? Das war jene sagenumwobene historische Epoche, als Büromenschen (so hieß das damals) das Zuhause verließen, um dicht gedrängt in Zügen oder über verstopfte Straßen zu einem mehr oder minder schlichten Gebäude zu fahren. Dort angekommen setzten sie sich auf einem leidlich ergonomischen Stuhl vor einen Tisch, starteten den Computer und begannen zu arbeiten. Viele, sehr viele, haben den Schreibtisch nie erreicht, weil sie gleich in sogenannte Besprechungsräume abbogen. Dort saßen sie an „Konferenztischen“ und stündlich wechselten sie den Raum, schnappten sich unterwegs einen frischen Kaffee oder Tee und ein paar Minuten später, ein paar Räume weiter, ging es weiter.

Dann kam Corona und viele Bürojobs wurden nach Hause verlagert. Es war eine Zeit der Entgrenzung: Der Besprechungsraum war der Küchentisch oder auch mal der Esstisch, manchmal nur ein Rechner auf dem Bügelbrett im Schlafzimmer. Termine und Besprechungen liefen ausschließlich digital und die Lernkurve für Videokonferenzen zeigte steil nach oben. Der Dienstkalender füllte sich pausenlos mit Teams-, Skype-, WebEx- oder Zoom-Einladungen. Von einem zum nächsten Termin wechselte es sich in zehn Sekunden. Das ging den ganzen Tag lang.

Wieder ein paar Monate später begann die hybride Phase, in der wir jetzt noch sind. Hybrid, so definiert es der Duden, ist „aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, von zweierlei Herkunft, gemischt, zwitterhaft“. Was in der Küche oder der Kunst eine durchdachte Komposition ist, wurde im Arbeitsleben eine wilde Kreuzung von ehemals analoger Vor Ort-Arbeitswelt und neuer mobiler digitaler Arbeitswelt. Ein Teil der Arbeitenden sitzt zu Hause, ein anderer Teil im Büro und alle versuchen in pseudo-gemeinsamen Treffen die stetig wachsenden Aufgaben zu erledigen. Weil sich Termin an Termin reiht, schalten sich viele auf dem Arbeitsweg per Telefon auf die Meetings drauf. Andere schauen sich die Aufzeichnungen am Abend an, wenn die Kinder endlich im Bett sind und Ruhe im Zuhause einkehrt.

Ein voller Kalender mit persönlichen Freiräumen

Wenig überraschend fühlt sich ein Viertel aller Menschen in Deutschland häufig gestresst. Die Corona-Pandemie hat den langfristigen Trend, mehr Stress zu empfinden, verstärkt. Besonders die Kombination aus Homeoffice und Kind(ern) setzt den Menschen zu, Hauptauslöser ist die Arbeit. Mehr dazu in der Stressstudie 2021 der Techniker Krankenkasse ↗.

Viele klagen, dass sie wegen all der Meetings nicht zum Arbeiten kämen. Eine Besprechung ist also keine Arbeit? Natürlich ist sie das, doch es geht um das Vorbereiten, Nachbereiten und Abarbeiten. Aufgaben, die in einer solchen Sitzung verteilt werden, erledigen sich nicht durch Magie und mir ist noch nie eine Entscheidungsvorlage untergekommen, die aus dem Nichts durch das Schwingen eines Zauberstabes entstand. Das (Heim-)Büro ist schließlich nicht Hogwarts.

Auf der Strecke bleibt mittlerweile fast vollständig die Pause. Jene schöpferische Ruhephase, ohne die keine Ideen entstehen können. Auch was im Büro die beiläufigen Begegnungen an den berühmten Kaffeemaschinen sind oder der unvermeidliche Flurfunk ist, lässt sich digital nur bewusst organisieren. Organisch und zufällig wächst das virtuell einfach nicht.

Wie wäre es daher, den eigenen Kalender vorsorglich selbst zu blockieren bevor er fremdgesteuert vollläuft? Täglich ein, zwei, vielleicht gar drei Stunden, mal am Stück, mal aufgeteilt, wo Aufgabenerledigung, Nachdenken, Kreativität, Konzeptionierung, Recherche, soziale Kontakte zu Kolleg*innen etc. möglich sind? Ich habe das nun einige Wochen ausprobiert und ich habe das Gefühl, mehr Herr über meine Zeit zu sein. Für die jeweils kommenden zwei Wochen habe ich mir undefinierte Termine eingelegt, nur für mich. So kann ich viel besser steuern, an welchen Terminen ich überhaupt teilnehme, welche ich nur ausschnittsweise in der Aufzeichnung anschaue, bei welchen in höchstens das Protokoll lese. Wirklich wichtige Dinge habe ich noch nicht verpasst. Stattdessen bin ich besser vorbereitet in Sitzungen, bin weniger leicht reizbar und kann eine bessere Arbeitsqualität abliefern. Mir scheint fast, als hätte ich wieder Luft zum Atmen und Raum zum Denken.

Prof. Umbridge: „Ihr werdet den genehmigten Text jetzt vier Mal abschreiben, das sorgt für optimales Einprägen. Es besteht kein Grund zu reden.“

Hermine: „Und zu denken, das trifft’s eher.“

Aus „Harry Potter und der Orden des Phönix“, zitiert nach myzitate.de/hermine-granger

Share

Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

Share

In Schönheit scheitern: hinfort mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr!

Kurz vor Silvester hat sie endgültig das letzte Mal im Supermarkt das Regal mit den Chipstüten aufgesucht. Mit dieser schönen Gewohnheit, abends beim Filmeschauen eine Tüte Chips zu essen, soll jetzt im neuen Jahr endgültig Schluss sein. Doch dann sind diese leckeren englischen Chips im Angebot – wie soll sie da nur widerstehen?

Regelmäßig veröffentlicht die Krankenkasse DAK die Hitliste der „Guten Vorsätze“ für das neue Jahr. Seit Jahren stehen an oberster Stelle „Stress vermeiden oder abbauen“, „Mehr Zeit für Familie/Freunde“, „Mehr bewegen/Sport“ und „Mehr Zeit für mich selbst“. Im Mittelfeld liegen „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“, am Ende rangieren „Weniger Alkohol trinken“ und „Rauchen aufgeben“. Zunehmend an Bedeutung gewinnen „Umwelt- bzw. klimafreundlicher verhalten“ und „Weniger Handy, Computer, Internet“. Allesamt Dinge, die wir uns alle schon einmal oder mehrfach vorgenommen hatten. Insgesamt jedoch sinkt die Anzahl der Menschen, die gute Vorsätze fassen und je älter die Menschen sind, desto weniger Vorsätze nennen sie. Das scheint an ihrer Lebenserfahrung zu liegen. Denn nicht nur zu Corona-Zeiten ist es schwierig, einem guten Vorsatz treu zu bleiben.

Das hat zum einen mit dem Belohnungssystem zu tun. Wie sollen wir Menschen etwas erfassen, was wenig sichtbar ist und kaum zu greifen ist? Der Verzicht auf Dinge ist gerade dann erfolgreich, wenn sprichwörtlich nichts von dem geschieht, was vermieden werden soll. Kein Alkohol. Gesünder essen heißt: keine Chips und Schokolade. Abnehmen heißt: weniger essen. Sie verzichten auf etwas und die Belohnung ist der Verzicht selbst? Der Erfolg des Durchhaltens wird schließlich erst mit großer Zeitverzögerung, nach Wochen oder gar erst nach Monaten, spürbar. Das kann nicht funktionieren.

Alles was mit Liebe betrachtet wird ist schönZudem fällt es dem Verstand schwer, eine Verneinung zu verarbeiten. Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ lässt unmittelbar einen rosa Elefanten vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. So ist es auch beim Verzicht: Nehmen Sie sich vor: „Ich esse jetzt keine Tüte Chips!“ wird daraus im Kopf „Chips! Tüte! Essen!“ und Sie werden schwach. So hat Ihr Belohnungssystem auch sofort eine Erfolgsmeldung: Sie sehen eine von Ihnen geleerte Chipstüte, eine geköpfte Flasche Wein, ein zerknülltes Schokoladenpapier. Das Signal: Sie haben etwas (weg)geschafft! Applaus! Applaus! Applaus! Und schon ist er hin, der gute Vorsatz. Einmal gesündigt, ist es dann auch egal und die Schleusen für neue Fressfluten sind geöffnet.

Zum anderen machen wir einen Großteil der Dinge, die wir täglich tun, ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Gute Vorsätze scheitern oft an der Zeit, die ihre Etablierung benötigt. Vorsätze müssen, das ist ein Kraftakt, zu einem neuen Automatismus werden. Kennen Sie die biblischen „vierzig Tage“? Dieser Zeitraum beschreibt Erfahrungen, die erlitten werden müssen, um dann daran gewachsen und innerlich gereinigt herauszugehen. Neuere Forschungen gehen von rund zwei Monaten aus, die ein Mensch braucht, neue Gewohnheiten zu automatisieren, 66 Tage um präzise zu sein. Tag für Tag das Neue einüben, auf das Alte verzichten – oft ohne direkte, unmittelbar sichtbare Belohnung. Das ist nur etwas für hartnäckige Menschen, die zu einem gewissen Maß an Askese und Disziplin fähig sind. Das beste Beispiel: die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Doch das alles ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Sehen Sie das Scheitern der Vorsätze doch einmal als ein gutes Zeichen. Wie durch einen Kompass, dessen Nadel nach Süden zeigt, wird Ihnen vor Augen geführt, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und wenn Ihre Ziele mit Selbstoptimierung (straffer Körper, bessere Leistungsfähigkeit, länger „jung“ sein) zu tun haben, feiern Sie das Scheitern: Es geht in Ihrem Leben schließlich darum, mit sich selbst in Frieden zu leben. Denn alles, was mit Liebe betrachtet wird, ist schön.

Schon wieder steht ein neues Jahr vor der Tür. Und damit müssen neue Vorsätze her: Wie wäre es mit weniger fluchen? Aber: Was soll der Scheiß?

Susanne Fischer in der „taz – die tageszeitung“.

Share

Same procedure as last Christmas?

Süßer die Glocken nie klingen, „Last Christmas“ im Radio, Haselnuss und Mandelkern, das haben nicht alle Menschen gern. Unweigerlich bekommen jetzt manche Menschen leuchtende Augen, andere den Blues im Angesicht von Weihnachten. Können wir Weihnachten überhaupt entkommen?

Es gibt in christlich geprägten Ländern kaum ein emotionaleres Fest als das Christfest. Das Kirchenjahr beginnt mit der Adventszeit, im dunkelsten Teil des dunkelsten Monats leuchten Kerzen und verkünden Hoffnung auf neues Leben. Sei es an „Lucia“ (13. Dezember) in Skandinavien, Heilig Abend (24.12.) in Deutschland, Weihnachten (25.12.) in England und Südeuropa oder „Heilige Drei Könige“ (6.1.) in orthodox geprägten Ländern: Weihnachten ist ein Fest des Miteinanders und der Zukunft.

Alle Menschen haben eine Tradition zu Weihnachten, ob sie das wollen oder nicht. Die erste Version ihrer Tradition haben sie als Kind in ihrer Ursprungs-Familie erlebt, die zweite haben sie sich selbst mit ihren Liebsten gestaltet und die letzte wird im Altersheim vorgegeben. Von A wie Adventskranz über D wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, K wie Kirchgang, S wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis Z wie Zimt gibt es unzählige Bestandteile, die sorgsam gehütet und arrangiert werden.

Selbst Misanthropen, die Menschen gegenüber feindlich eingestellt sind, haben eine Weihnachtstradition: nämlich eine bewusste Anti-Haltung, damit aber eben auch ihre Rituale. In all ihrer Ablehnung haben sie sich festlich eingerichtet. Sie kennen die „24 (!) Gründe, Weihnachten zu hassen“ in- und auswendig. So schimpfen sie jedes Jahr aufs Neue über die immer gleichen Buden, die die Weihnachtsmärkte in Dresden, Salzburg oder Luzern einander gleichen lassen wie ein industriell hergestellter Zimtstern dem anderen. Denen übertrieben übel wird vom Bratfett der Kartoffelpuffer, „Winterapfel“-Duftkerzen und billigem Glühwein-Fusel. Für die „Jingle Bells“ klingen wie „Hells Bells“. Weihnachten sei Folter und deswegen würden sie auch dieses Jahr wieder alleine bleiben, oder in der Eckkneipe ihr Bier trinken gehen, so wie jedes Jahr.

Flucht vor Weihnachten ist unmöglich

Denn an Weihnachten, da sagt man die Wahrheit und verbringt die Zeit mit den Menschen, die man liebt. So lautet ein Grundmotiv im Film „Tatsächlich Liebe“, der seit fast zwanzig Jahren zu den Weihnachtsfilm-Klassikern gehört. Und wer nur sich selbst liebt, verbringt Weihnachten folgerichtig alleine. Letztendlich kann sich keiner Weihnachten entziehen, wie dieser Dialog zwischen Billy Mack, dem Rockstar und Joe, seinem Manager, aus dem Film „Tatsächlich Liebe“ zeigt:

Joe: Ich dachte, Du bist bei Elton John?

Billy Mack: Ja, das war ich auch, eine Minute oder so. Dann hatte ich eine Erleuchtung.

J: Im Ernst?

B: Ja.

J: Und, ähm, was war das für eine Erleuchtung?

B: Naja, es ging dabei um Weihnachten.

J: Du hast gemerkt, dass es einen überall hin verfolgt?

B: Nein, aber mir ist klargeworden, dass man Weihnachten doch eigentlich mit den Menschen verbringt, die man liebt.

J: Das stimmt.

B: Naja und offensichtlich hat das unerbittliche Schicksal und irgendwelche grausamen Zufälle es so gewollt, dass ich heute hier stehe, mit Mitte fünfzig, und ohne es zu merken habe ich die meiste Zeit meines erwachsenen Lebens mit einem übergewichtigen Angestellten verbracht. Und so sehr es mich auch betrübt, muss ich doch zugeben, dass ich mich zu einem Menschen in besonderer Weise hingezogen fühle, und das bist, hm, Du.

J: Na, das ist ja ’ne Überraschung!

B: Äh … ja.

J: Zwei Minuten bei Elton John und Du bist schwul wie zehn Frisöre?

B: Nein, jetzt hör mal, es ist mir todernst. Hätte ich Eltons Fest sonst verlassen, wo mich ein Haufen halbnackter Frauen mit hängenden Zungen und offenem Mund erwartet haben, nur um mit Dir zusammen zu sein? An Heiligabend?

J: Naja, Bill …

B: Es ist eine unerbittliche Laune des Schicksals, aber leider ist mir klargeworden, dass Du die Liebe meines Lebens bist.

J: –

B: Und um ehrlich zu sein: ich habe zwar immer nur gemeckert, aber wir hatten doch eine wunderschöne Zeit.

Share

Durchhalten mit dem Disziplinator und dank aciziyet

Grau und trübe ist der November und wie das Wetter, so die Stimmung. Wieder einmal jagen die Corona-Werte neue Höchststände und verschärfte Abstandsregeln werden erlassen. Gleichzeitig sollen alle Aufgaben auf der Arbeit termingerecht erledigt werden. Doch wie soll er bei alledem jetzt durchhalten?

Im Laufe der letzten Wochen habe ich einen Anteil in mir entdeckt, der eine brutale Freude daran hat, Aufgabe für Aufgabe abzuarbeiten. Nein, nicht wirklich abzuarbeiten, viel mehr: abzuschießen. Final zu erledigen. Er vereint Disziplin mit dem Habitus (Haltung und äußerliche Erscheinung) von Arnold Schwarzeneggers Filmrolle „Terminator“. Daher sein Name: Disziplinator. Mit einem „Hasta la vista, baby!“ bearbeitet er eine Mail und schießt sie dann mit seinem Gewehr ab: „Wumm!“ Die Präsentation ist fertig: „Hasta la vista, baby!“ Wumm! Die vierstündige Abteilungssitzung? Wumm! Am Ende des Tages pflastern erledigte Aufgaben seinen Weg. Dann setzt er sich auf sein Motorrad und fährt in den Sonnenuntergang, eine ordentliche Auspuffwolke hinter sich herziehend. Es ist unglaublich, was der Disziplinator gewuppt bekommt.

Was dieser Wegschaffer partout (also überhaupt) nicht ausstehen kann, sind Motivationssätze wie „Wir sind alle eine große Familie. Deshalb ist auch diese Herausforderung eine Chance und wir werden sie gemeinsam meistern.“ Seine Antwort darauf: Wumm! Hier geht es nicht um Spaß bei der Arbeit, sondern um durchkommen, es geht um‘s Überleben. Denn im Angesicht der kommenden Wochen ist es nicht mit Spaß getan. Den hat einfach keiner mehr. Keine Eltern schulpflichtiger Sprösslinge, keine Pflegekräfte in Krankenhäusern, keine Kulturschaffenden im Angesicht der drohenden Privatinsolvenz.

Wie es innen zugeht wird außen nicht gezeigt

Allerdings ist der Disziplinator im Außenkontakt, sagen wir, etwas zu robust. Da braucht es eine geschmeidigere Darstellung. Die sollte aber weder nörgelnd sein noch schleimig die Realitäten verkennen. Kübra Gümüşay beschreibt die notwendige Einstellung so: „Die Welt von unten zu betrachten. Von ganz unten. Machlosigkeit und Kraftlosigkeit zu spüren, die Abwesenheit von Möglichkeiten, die Unerreichbarkeit von Dingen zu spüren – und auszuhalten.“ Das ist nicht negativ gemeint, sondern eine Form der Freiheit: „Das besonnene Wahrnehmen einer Situation, der ein Mensch ausgesetzt ist. Eine emanzipierte Akzeptanz der Umstände des Lebens. Keine demütigende Unterlegenheit, sondern respektvolle Achtung.“ Viel Worte im Deutschen, für das im Türkischen eines reicht: aciziyet.

Wenn ich aciziyet mit dem Diszlipinator verbinde, habe ich zwei Handlungsmöglichkeiten, zwei Optionen, um dem drohenden Dauerfrust der kommenden Wochen zu entkommen.

Trübsal blasen wir wohl alle mitunter, aber Konzerte damit zu geben, ist nicht empfehlenswert.

Aus dem Roman „Wellen“ von Eduard von Keyserling (1855-1918)

Die Zitate von Kübra Gümüşay sind dem Buch „Sprache und Sein“, erschienen 2020 im Hanser-Verlag, auf den Seiten 23 und 24 entnommen.

Share