Das schwarze Schaf der Familie

Die Familiengeburtstage liefen schon immer so ab: Kaffee, Kuchen, Kartoffelsalat, Würstchen, Bier und Schnaps bis zur völligen Trunkenheit der Gäste. Alle machten mit, bis auf einen Cousin, der eisern nüchtern blieb. Er war halt der Sonderling und manch einer fragte sich: „Der ist so anders, gehört der überhaupt zur Familie?“

Aus guten Gründen gibt es bei Herdentieren bei jeder/jedem Individuum die Tendenz, sich anzupassen. Auch Menschen sind Herdentiere. Wer zur Gruppe gehört, ist bei einem Angriff geschützter, kann auf Anerkennung oder Unterstützung hoffen und gewährt im Gegenzug Hilfe für andere Gruppenmitglieder. Dazu passt man sich einander an, allzu große Abweichungen im Verhalten oder Aussehen werden vermieden.

Doch persönliche Vorlieben oder Eigenschaften lassen sich nicht beliebig glattschleifen und so entsteht mitunter Ausgrenzung. „Das ist das schwarze Schaf in unserer Familie“ kann genauso gut für die einzige studierte Person im bäuerlichen Familienkreis gelten wie für die einzige Handwerkskraft im akademischen Umfeld; den einzigen Vegetarier im Metzgersclan oder die Oldtimerfreundin in der Öko-Kommune.

Als schwarzes Schaf lässt es sich gut leben

Diese Individualisten, diese „nicht Passenden“ stehen vor einer schweren Entscheidung: beuge ich mich dem Gruppendiktat um den hohen Preis, dass ich mich innerlich „falsch“ fühle, meine Wünsche, Talente oder Sehnsüchte unterdrücke „um des lieben Friedens willen“? Oder trage ich den Konflikt nach außen, anstatt ihn in mir selbst auszutragen? Manchmal kann man sich einfach nicht passend machen. Und aus einem Trotz heraus kann eine mutige Entscheidung entstehen: „Wenn ihr mich sowieso anders wollt, dann bin ich eben anders – aber so, wie ich will und nicht so, wie Ihr es wollt!“ Denn die Leute reden sowieso, egal was ich mache. Als schwarzes Schaf nehme ich mir daher Freiheiten heraus, von denen die anderen nur träumen. So lässt es sich prima leben!

Dieser Weg, zu sich und zur eigenen Individualität zu stehen, kann auch einen Preis fordern: den des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Energie in die Förderung der eigenen Talente zu investieren anstatt in ihre Unterdrückung. Entwicklung ist nie durch Anpassung alleine möglich, es braucht immer auch eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen.

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche lassen sich zwar tief vergraben, doch im Untergrund leben sie weiter und revoltieren früher oder später. Letztendlich wird damit das von außen vergebene Stigma des „schwarzen Schafes“ erfüllt: die Ausbrüche aus den fremden Gefängnismauern gelten geradezu als Beweis für die Absonderlichkeit dieses Familienmitgliedes.

Doch scheint mir der individuelle Weg der einzig Gangbare zu sein, da er vielfältige Möglichkeiten eröffnet, während das Unterdrücken der persönlichen Entwicklung das Leben einengt. Einen Kampf muss ich nun mal ausfechten: entweder in mir drinnen gegen mich selbst oder ich bin im Reinen mit mir und kämpfe gegen das Umfeld. Bevor ich mir meinen Willen brechen oder mein Seelenheil gefährden lasse, suche ich persönlich lieber meinen Weg, mein eigenes Leben zu leben. Notfalls im Exil.

Woanders weiß man selber, wer man ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat.

Aus dem Roman „Sommerfest“ von Frank Goosen

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Wie man die Rente überlebt

Auf der Trauerfeier sprach der Firmenvertreter von einem verdienstvollen Kollegen, der bis zum Schluss mit vollem Einsatz bei der Sache war und sich schon sehr auf die Rente gefreut habe. Und manch ein Zuhörer fragte sich: ist es nicht besonders tragisch, dass der Kollege kurz nach dem Renteneintritt starb?

Was ist Ihr Plan für die Rente? Das Leben einfach genießen? Durch die Welt reisen? Ehrenamtlich tätig werden? Gar der heimlichen Leidenschaft folgen und endlich Altphilologie studieren? Je nach Ziel können mit einem Rentenberater passende Finanzpläne erstellt werden. So ein Plan beschreibt, welche finanziellen Mittel wie angelegt werden, damit sie zum passenden Zeitpunkt verfügbar sind und sich in der Zwischenzeit auch möglichst vermehrt haben. Mögliche Erben werden bedacht, vielleicht vorhandene Immobilien mit einbezogen. Je besser die finanzielle Situation, desto mehr Möglichkeiten bieten sich für die Rentenstrategie. Doch bei dieser Betrachtung kommt die menschliche Komponente zu kurz.

Es gilt, sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch innerlich auf den neuen Lebensabschnitt „Ruhestand“ vorzubereiten. Dafür braucht es meiner Meinung nach eine „Exit-Strategie“ für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Berufsleben. Denn etliche Menschen arbeiten bis zum Schluss mit Vollgas und können die Arbeit nicht loslassen, obwohl sie es doch eines Tages müssen. Von 150% auf null Prozent in einem Tag – das bringt Körper, Geist und Seele aus dem Lot. Gestern galt es noch, Energie bereitzustellen für die Arbeit und heute wird sie nicht mehr gebraucht, verpufft daher im leeren Raum. Der Geist will seine täglichen Aufgaben knabbern und bekommt sie nicht. Der Seele fehlt die Anerkennung des kollegialen Umfelds. Es ist so, als hätte man sich mit aller Macht gegen eine klemmende Tür gestemmt und plötzlich gibt sie nach.

Der Tod lauert in RentennäheMenschen, die auf diese Art in Rente gehen, fallen tief. Krankheiten, lange unterdrückt und beiseitegeschoben, können durch den nachlassenden Gegendruck endlich ausbrechen, das ganze System „Mensch“ gerät aus dem Gleichgewicht. Im Kleinen kennen das viele von der Erkältungs- und Grippewelle in den Weihnachtsferien.

Wer viele Stunden Gespräche, Tonnen von Gehirnschmalz und einiges strategisches Geschick in die Finanzstrategie für die Rente steckt, sollte auch eine Exit-Strategie entwickeln. Sie beschreibt die Schritte, wie das Arbeitsende aktiv vorbereitet werden kann. Es geht darum, statt eines abrupten Endes einen sanften Übergang zu gestalten. Damit werden Körper, Geist und Seele auf den dritten Lebensabschnitt vorbereitet:

  • Wann fange ich an, die Arbeit innerlich loszulassen?
  • Wie reduziere ich meinen Einsatz dort Schritt für Schritt?
  • Wie baue ich mir rechtzeitig Neues auf?
  • Wer werden in Zukunft meine sozialen Kontakte außerhalb der Arbeitswelt sein?

Ohne eine solche mentale Vorbereitung ist die Gefahr sehr groß, dass Gevatter Tod in der Nähe der Rentenziellinie wartet.

Die kleinen Freuden des Rentnerlebens: ein Scotch vor dem Mittagessen.

Aus der engl. Krimiserie „Inspector Barnaby“

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Der Burn-out des Sisyphos

Ein Gutes hatte die viele Arbeit: er war körperlich topfit, denn Sport war der notwendige Ausgleich zu seiner 60-Stunden Woche. Gut, die sozialen Kontakte ließen sehr zu wünschen übrig und Schlaf ist ohnehin überbewertet. Ein paar Opfer musste er doch für die Karriere bringen, nicht wahr?

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt haben mit ihrer erdrückenden Heftigkeit scheinbar eine bisher nie dagewesene Qualität von Ausbeutung des Menschen erreicht. Schneller werdender Wandel, die Konkurrenz durch digitale Assistenten und der stetig steigende Kostendruck lassen bei vielen arbeitenden Menschen nur den einen Schluss zu: so wurden wir noch nie ausgequetscht, die Zitrone gibt schon lange keinen Saft mehr.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemacht

Manche fühlen sich an den antiken Helden Sisyphos erinnert, der einen Stein den Berg heraufrollt. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein nach unten und er muss von vorne anfangen. Nein, er ist kein armer Wicht, sondern erleidet eine Strafe für seine Hybris. Er wollte sich den Göttern gleichstellen und den Tod besiegen. Das erinnert mich an manche Menschen, die aus Selbstüberhöhung ins Burn-out schlittern.

Denn es gibt verbreitet den Gedanken: wenn ich mich nur ordentlich anstrenge, mal richtig „ranklotze“, dann werde ich den Berg abgearbeitet haben und danach geht es erträglich weiter. Sie werden oft befeuert von einer Selbstüberschätzung: „Nur ich selbst bin in der Lage, dieses und jenes zu tun. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand anderes. Und so gut wie ich kann es sowieso niemand sonst.“ In dieser Falle der Selbstausbeutung angekommen kommt die Selbstversklavung unter fremde Arbeitsnormen von ganz alleine. Hybris und Sklaventum reichen sich so die Hand. Eine Verhaltensweise, die nur der Mensch an den Tag legt und im Tierreich völlig unbekannt ist.

Diese absurde Situation lässt sich nicht durch „immer mehr vom immer Gleichen“ (mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Tempo) lösen, sondern dadurch,

  1. dass ich erkenne, ich welcher Situation ich stecke.
  2. Dass ich sie annehme und anerkenne.
  3. Und dass ich schließlich gegen sie aufbegehre und mein eigenes Schicksal in die Hand nehme.

Sonst bleibe ich Sklave fremder Ansprüche und arbeite „996“: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen in der Woche (das ergibt 72 Stunden).

Ich denke, dass es ein großer Segen ist, 996 zu arbeiten. Wenn Menschen nicht einmal 996 arbeiten, wenn sie jung sind, wann können sie es dann?

Jack Ma (*1964, Gründer der chinesischen Online-Plattform Alibaba)

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Vorteil für mich, Pech für dich

Als er voll Stolz erzählte, wie er den begehrten Projektleiterposten bekommen hatte, wurde seine Schwester wütend: „Den Job hast Du nur bekommen, weil Du einfach gewisse Privilegien hast!“ Und er fragte sich: „Meine Beförderung habe ich mir doch selbst erarbeitet, oder etwa nicht?“

Bei Beförderungen in Firmen gewinnt oft nicht die bestgeeignetste Person, sondern es wirkt ein ganz besonderes Gemisch aus Privilegien und Leistung. Trotz des verbreitesten Klischees, dass sich eine Frau „hochgeschlafen hat“, sind es oft Männer, die das Rennen machen, auch wenn sie nicht die fachlich-persönlich geeignetste Person sind. Offiziell wird niemand benachteiligt, aber alle wissen, dass einer bevorzugt wurde. Dabei gibt es im Artikel 3 des Grundgesetzes eine oft vergessene Doppelformulierung, was die Gleichheit von Rechten und Chancen angeht: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Weder eine Benachteiligung noch eine Bevorzugung ist erlaubt.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemachtIn der gelebten Realität gibt es allerdings Privilegien, die manche Menschen haben, oft ohne sie zu erkennen. Und die Menschen, die sie nicht besitzen, haben entsprechend schlechtere Chancen. Denn die Kehrseite der Benachteiligung ist die Bevorzugung: was der einen zum Nachteil ist, ist dem anderen der Vorteil. Hier ein paar Fragen, die auf Privilegien hinweisen:

  • Wird bei der Stellenbesetzung überlegt, ob die sich bewerbende Person bald Nachwuchs in der Familie haben wird? Antwort: Ja, tendenziell mehr bei weiblichen als bei männlichen Bewerbern.
  • Hat eine Person eine Führungskraft, die sie protegiert? Tendenziell haben Männer stärkere Seilschaften und Netzwerke als Frauen.
  • Wird nach den Leistungen oder den Leistungsversprechen der sich bewerbenden Person geschaut? Frauen fällt es öfters als Männern schwer, ihre Leistungen deutlich anzupreisen.

Auch im Alltag lassen sich Benachteiligungen erkennen, in dem ich Selbstverständlichkeiten hinterfrage. Mir als weißhäutigem Mann um die 50 Jahre steht es nicht zu, über Diskriminierung reden, da ich jede Straße benutzen kann, unabhängig von der Uhrzeit, auch alleine, ohne aus Angst vor Übergriffen meine Wege zu ändern. Oder ich bei Fahrkartenkontrollen keine Schweißausbrüche bekomme, weil man mir nicht vornherein einen Betrugsversuch unterstellt.

Es gibt Situationen, in denen jemand anerkennen muss, dass der Misserfolg nicht darauf beruht, dass sie/er schlecht war, sondern weil jemand anders auch mit Hilfe von Privilegien zum Zuge kam. Diese Benachteiligung ist kein individueller Fehler, sondern ein strukturelles Problem. Ich plädiere sehr dafür, nicht in die Falle zu tappen und das strukturelle Problem zu einem Persönlichen zu machen. Denn es geht nicht um eigenes Versagen, sondern um Macht und Ohnmacht, weil manchen Menschen das Gewinnen leichter gemacht wird.

Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute.

F. Scott Fitzgerald (1896 – 1940, US-amerikanischer Schriftsteller)

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Gerechtigkeit mit einer Prise Rache

Die Stewardess fragte den Fluggast höflich, ob er seinen Platz tauschen würde, damit ein Kind bei seiner Mutter sitze könne. Als er auf seinem Sitz bestand und sich völlig unkooperativ zeigte, bot die Flugbegleiterin dem danebensitzenden Gast ein Upgrade in die Business-Class an, um den benötigten Sitzplatz zu schaffen. Denn ein bisschen Rache ist doch erlaubt, oder?

Es gibt Situationen, in denen von allen Beteiligten ein gewisses Maß an Kooperationswillen gebraucht wird, um sie friedlich zu lösen. Kooperation heißt, mir ist an dem anderen Menschen gelegen, die Beziehung zu ihr/ihm ist mir wichtig. Dafür bin ich bereit, auch mal von meinen Interessen ein Stück abzurücken. So werden Kompromisse ausgehandelt: jeder gibt es etwas ab, in der Summe können alle mit der gefundenen Lösung leben.

Wenn nun eine Person kein Interesse an der Beziehung zu den beteiligten Personen hat und sich ganz und gar auf die Durchsetzung seiner eigenen Interessen konzentriert, sitzt sie am längeren Hebel. Denn Menschen, die ein harmonisches Miteinander anstreben, werden im Zweifel auf ihre Interessen verzichten – um des lieben Friedens willen – und nachgeben. Somit gewinnt eine Seite alles, die andere verliert.

Gerechtigkeit siegt manchmal anders als erwartetWer nur auf seine Interessen schaut, sollte sich bewusst sein, wer im Zweifel wirklich am längeren Hebel sitzt. Im Flugzeug ist das nicht der Fluggast, sondern das Personal und schlussendlich der Pilot. Die Flugbegleiterin erkannte sehr gut, dass es dem Fluggast nicht um eine gute Lösung für alle ging, sondern um seinen eigenen Vorteil. Vielleicht spekulierte er sogar darauf, selbst in die höherwertige Sitzklasse umziehen zu können, wenn er nur hoch genug pokerte. Doch das Blatt der Stewardess war eindeutig besser. Sie gewährte einem anderen die Privilegien, brachte Mutter und Kind zusammen und hatte sogar eine Lehre für den uneinsichtigen Gast parat. Denn schlussendlich spielte sie dessen Spiel mit: ihr war die Beziehung zu diesem Fluggast persönlich egal, sie verhielt sich professionell, korrekt und höflich, siegte so im Machtpoker und sorgte obendrein für eine Genugtuung.

Denn dass die umliegenden Passagiere alle breit grinsten, als sie das Geschehen mitbekamen, zeigt: auch wenn wir alle gerne edel, hilfreich und gut wären, so ein bisschen Rache braucht es wohl hin und wieder im Leben.

Rache ist eine Mahlzeit, die Leute von Geschmack kalt genießen.

Italienisches Sprichwort

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Mir selbst und nicht den Anderen gerecht werden

Der See lockte mit seinem blaugrünen Wasser, doch einen Badeanzug hatte sie nicht dabei. Die Schwerkraft zog schon ein paar Jahrzehnte an ihrem Körper, der mit seinen Fettpolstern längst nicht mehr dem jugendlichen Schönheitsideal entsprach. Was würden die Leute wohl denken, wenn sie sich einfach auszog und nackt in den See sprang?

Wie ich mich in einer konkreten Situation verhalte, ist von vielen bewussten und unbewussten Normen abhängig. Normen, die zum Teil von außen an mich gerichtet werden und solche, die ich aus mir selbst heraus entwickelt habe. Die wenigstens davon kann ich selbst beeinflussen und doch unterliegt all meinen Entscheidungen die bange Angst: Hoffentlich ist das jetzt kein Fehler!

Auf der einen Seite gibt es die Normen von Freunden und Familie, speziell der Eltern, die mit ihren Glaubenssätzen tief in meinem Wertekanon verankert sind. Gesellschaftlich erwünschtes Verhalten, religiös gefordertes und juristisch vorgegebenes Verhalten bilden einen Großteil der Ansprüche, denen ich als handelnde Person unterworfen bin. Alle diese Vorgaben sind eine Fremdbestimmung. Betrachte ich darüber hinaus die Strukturen, in denen ich leben muss, kann der Eindruck entstehen, ich hätte überhaupt keine freie Wahl mehr.

Auf der anderen Seite stehen meine Werte und meine Einstellungen, die mich als Persönlichkeit ausmachen. Auch wie ich meine eigene Geschichte betrachte, gibt mir Hinweise auf meine Handlungswünsche. Diese subjektiven Normen stellen gemeinsam mit den externen Ansprüchen die Basis dar, auf der ich meine konkreten Entscheidungen fälle. Und die – siehe oben – hoffentlich kein Fehler sind. Denn falsche Entscheidungen kann ich mir selbst schwer verzeihen. Außenstehende schlachten sogenannte falsche Entscheidungen oft obendrein aus, denn sie haben es ja schon immer besser gewusst.

Gefangen im Netz der Ansprüche an michAlle diese vielen Normen können sich miteinander verhaken und ein Knäuel an Ansprüchen ergeben, so dass ich wie gefangen und manchmal vollständig blockiert bin. Wie ich es mache, kann es verkehrt sein. Folge ich diesem, ist das aus Sicht von jenem ein Fehler – und umgekehrt. Stolperfallen über Stolperfallen: Ziehe ich einfach die Klamotten aus und springe nackig in den See (ich würde so gerne!) oder besser nicht (aber nicht so wie ich aussehe, außerdem ist das bestimmt verboten)? Bleibe ich einfach zu Hause (um mal durchzuschnaufen) oder gehe ich auf die Vernissage eines angesagten Künstlers (um etwas für meine kulturelle Bildung zu tun)? Stehe ich zu meiner Ahnungslosigkeit was die letzte Staffel einer Netflixserie angeht (und oute mich als Technik-Oldie) oder besser nicht (und nutze Halbwissen aus den Medien für entsprechende Unterhaltungen)?

Wie wäre es daher mit etwas mehr „uncomplicate yourself“ oder auf gut hessisch: „Mach‘ disch logger!“ Dieses Gewirr an verschiedensten Ansprüchen sollte ich in der Tat in Ruhe entdröseln, damit ich wieder zu mir finde und mir selbst gerecht werde. Könnte ich nicht alle fremden Ansprüche an meine Person so einfach abstreifen wie Jeans und Shirt an einem Badesee? Dazu hilft es, tief durchzuatmen, Zeit für eine Antwort zu erbeten und ohne Ablenkung in mich hineinzuhören. Dann kann ich viel einfacher der leisen Stimme lauschen, die mir sagt, was jetzt wirklich die richtige Entscheidung für mich wäre.

Die Gesamtfehlerlage ist in der Tat etwas unübersichtlich.

Matthias Brandt als Heiko Wiedemann im Spielfilm „Der große Aufbruch“

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Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

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Deine Aggressivität ist nicht meine Aggression

Es war natürlich ein besonders dickes Auto, das ihm die Vorfahrt nahm und er schickte dem Fahrer noch mehrere hundert Meter ein kräftiges Hupkonzert hinterher. Als er zwanzig Minuten später im Büro ankam, war er immer noch erbost. Und die Kollegen fragten sich: „Welche Laus ist dem denn schon wieder über die Leber gelaufen?“

Im Kampf vereint dank übertragener AggressionenWo sich viele Menschen auf engem Raum begegnen, kann es leicht zu Aggressionen kommen. Denn Rücksichtnahme und Toleranz sind nicht gleichmäßig zwischen den Menschen verteilt. Da ist von der „Kampfzone Autobahn“ die Rede, die überfüllten U-Bahnen sind ein Daueraufreger und Rempeleien im Supermarkt lösen hitzige Gefechte aus, zum Glück meistens nur mit Worten.

Zu wahrer Meisterschaft im Fluchen hat es Kapitän Haddock aus der Comicreihe „Tim und Struppi“ gebracht. Legendär ist sein Universalfluch „Hundertausend heulende Höllenhunde“. Mit Verve und Leidenschaft bringt er seine Botschaft an den Mann. Einmal beschimpft er als Kapitän auf hoher See einen Sklavenhändler und  lässt sich auch von dessen Flucht nicht stoppen. Nach dem Hinweis von Tim „Sinnlos, Kapitän, er kann sie nicht mehr hören, er ist schon zu weit weg“ marschiert er auf die Schiffsbrücke und brüllt dem „Pirat! Amöbe! Kopfjäger! Geier!“ seine Verwünschungen per Megafon hinterher. Hier regt er sich völlig zu Recht auf, doch manchmal reichen geringste Anlässe, um seinen Fluchreiz auszulösen. Frieden hingegen findet er sofort bei einem Schluck Whisky. Diese Lösung ist aber nicht für alle Menschen zu empfehlen.

 Aggressionen, die ins Leere laufen, verletzen nur mich selbstOft genug erwische ich mich (und andere) dabei, noch lange nach dem eigentlichen Ärgernis weiter zu schimpfen. Immer noch ist die ganze Aggression in mir, dabei bekommt der ursprüngliche Verursacher davon überhaupt nichts mehr mit. Die Blitze, die ich vermeintlich gegen den Anderen schleudere, treffen mangels Adressaten dann nur noch mich selbst. Gleichzeitig gebe ich dem Anderen durch mein Verhalten eine ungeheure Macht über mich, denn dessen Aggression überträgt sich auf mich. Des Fremden Verhalten bestimmt selbst dann noch meine Gedanken und Gefühle, wenn dieser Mensch schon weit weg ist; teilweise kann das Stunden später sein.

 Aggressionen kann ich zurückweisen ohne selbst aggressiv zu werdenIch will diesem aggressiven Menschen keine Macht über mich geben. Ein kurzer Impuls zum Zeigen einer Grenze würde doch oft genug ausreichen: Einmal gut gehupt, wenn mir ein Halodri auf der Straße den Weg abschneidet. So mache ich auf mich aufmerksam, um Schlimmeres zu verhindern und dann habe ich mich doch eigentlich auch genug mit dem Anderen beschäftigt. Ist er aus meinem unmittelbaren Umfeld verschwunden, brauche ich ja ihm (oder ihr) gegenüber nicht mehr auf meine Grenze aufmerksam zu machen.

Besonders lehrreich für mich ist es übrigens, wenn ich mich in Anderen sehe, die vor sich hinschimpfen, weil die Bahn zu spät, der Postbote zu langsam oder die Kreuzung von Egoisten blockiert ist. Dann sehe ich, dass das Schimpfen nichts an der Situation ändert. Das hochrote Gesicht desjenigen, der sich ärgert, zeigt mir, wie der ganzer Körper im Alarmzustand ist. Und das völlig grundlos, schließlich bin ich nicht verpflichtet, jede Aufforderung zum Kampf anzunehmen.

Wenn Weilemann schlechte Laune hatte – sich ärgern war die einzige Sache, die man mit zunehmenden Alter immer besser konnte – dann aß er gern etwas, von dem er im Voraus wusste, dass es ihm nicht schmecken würde, das gab seinem Ärger zusätzliches Futter, und so richtig wütend sein, das war ein schon fast wieder jugendliches Gefühl.

Aus dem Roman „Der Wille des Volkes“ von Charles Lewinsky

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Zusammenziehen ist die Schule fürs Leben

Nach monatelanger Wohnungssuche fühlte sich der Mietvertrag an wie der Jackpot im Lotto. Doch als sie sich daran machten, die erste gemeinsame Wohnung einzurichten, kamen sie von zwei weit entfernten Sternen. Wie sollte daraus bloß ein gemeinsamer Heimatplanet entstehen?

Irgendwann stellen Paare ihre Liebe richtig auf die Probe. Nach Jahren gemeinsamen Lebens, teilweise als Wochenendbeziehung, wagen sie den nächsten Schritt und ziehen zusammen. Sie erliegen leicht dem Irrtum, dass die Wohnungssuche das Anstrengendste an diesem Projekt ist. Doch gegen die Gestaltung des gemeinsamen Alltags ist das nur ein seichtes Vorspiel.

Menschen haben verschiedene HeimatplanetenEs fängt schon mit den Möbeln an. Was eine Seite als „Cross over shabby chic style“ bezeichnet, ist für die andere „Geschmackloses Gerümpel“. Zielsicher werden Dinge zum Aussortieren bestimmt („Kommt auf keinen Fall mit!“) mit denen das Gegenüber tiefe Gefühle verbindet („Das habe ich von meiner Mutter!“). Spätestens bei den alltäglichen Routinen kommt es zum Clash: „Ich mache das schon immer so!“ versus „So kann ich das nicht leiden!“

Wir Menschen lieben Vertrautes und Gewohntes. Deshalb tendieren wir leicht dazu genau in diesen bekannten Bahnen zu bleiben. Ein wenig Veränderung wird gerne gesehen, aber radikaler Wandel ruft Widerstand hervor. Sollen aus zwei Leben eine gemeinsame Erzählung werden, stellt das bisherige Verhaltensmuster in Frage. Und das ist gut so! Sonst würden wir Gefahr laufen, im Laufe der Jahre immer eingeschränkter zu werden. Menschen können eine gemeinsame Welt bauen„Das gehört so!“ und zwar genau nach meinem Willen wird dann zum Leitmotiv. So manche Beziehung ist schon daran gescheitert.

Das gilt übrigens auch für das Berufsleben. Wer gewohnt ist, dass nur Frauen (oder Männer) um sich herum zu haben, wird bei Neueinstellungen genau dieses Geschlecht unterschwellig bevorzugen; also Männer für sogenannte Männerberufe und Frauen für sogenannte Frauenberufe.

So gesehen ist die erste gemeinsame Wohnung eines Liebespaares in der Tat eine Schule fürs Leben. Sanfte Anpassung, radikale Schnitte und neue gemeinsame Gewohnheiten im privaten Umfeld trainieren für Beruf und Gesellschaft die Fähigkeiten zu Kooperation und Abgrenzung.

Die Wohnung in deinem Kopf kannst du nur umbauen. Ausziehen kannst du nicht.

Pascal Lachenmeier (*1973, Schweizer Jurist)

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