Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

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Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

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Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

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Der große Fastenspaß

Die Regel war unmissverständlich: keine Schokolade, 46 Tage lang, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Doch am Geburtstag der Schwester gab es Käse-Sahne-Torte, lecker! Aus diesem Anlass ist sicherlich eine Ausnahme erlaubt und schließlich ist Torte keine Schokolade, oder?

Freiheit winkt am Ende der FastenzeitDie Fastenzeit mit ihrem klaren Beginn und Ende ist eine traditionelle Herausforderung. Dabei war es in vergangenen Jahrhunderten gleichzeitig auch die Zeit, in der die Wintervorräte zu Ende gingen und es notwendig war, den „Gürtel enger zu schnallen“, um mit dem haushalten zu können, was die Speisekammer noch hergab. In einer Zeit des Überflusses – zumindest in den reichen Ländern dieser Welt – fällt verzichten besonders schwer. Warum sollte ich mir etwas nicht gönnen, was ich mir leisten kann?

Fasten wird mit Kasteiung, sich etwas versagen und Freudlosigkeit verbunden. Beim genauen Hinschauen lässt sich aber viel Spaß beim Fasten entdecken. Alleine diese ganzen Ausreden für die kleinen Ausnahmen: Der Geburtstag (ein besonderer Anlass), das Geschäftsessen (eine unumgängliche Pflicht), der Butterkeks (enthält keine Schokolade) – der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Welche Kreativität in diesen Ausweichmechanismen steckt und das selbst bei Menschen, die sich für unkreativ halten. So gibt es die kleinen Sündenfälle, die kurzfristig die Gelüste befriedigen, doch hintendran trottet oft das schlechte Gewissen. Denn hatte man nicht gerade betrogen?

Vor allem sich selbst betrogen? Ja, man hat sich selbst um den ganz großen Spaß beim Fasten gebracht. Der besteht nicht nur darin, sich ständig amüsiert bei neuen Ausreden zu ertappen, sondern auch um die Geschmacksexplosion, wenn nach wochenlanger Abstinenz das erste Stück Schokolade im Mund schmilzt. Diese Wiederschmeckensfreude ist so gut, fast wie beim ersten Mal. Oder die erste Shoppingtour durch Klamottenläden – wow! Da ist der neue Pulli wie ein königliches Gewand.

Vielleicht aber gibt es auch den allergrößten Spaß zu entdecken: Ich kann, ich darf, aber ich brauche nicht. Die Torte? Vermutlich sehr lecker, doch sie lockt mich nicht wirklich. Der Pullover? Schön, doch ich habe genug im Schrank. Der größte Spaß beim Fasten kann also sein, wieder die Freiheit über meine Konsumentscheidungen zurück gewonnen zu haben und Schluss gemacht zu haben mit suchtähnlichen Routinen; wieder den freien Willen zu haben, „Ja“ zu sagen oder auch „Nein“.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld. Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird das Ei zum Küken.

Chinesische Weisheit

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Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

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Gute Vorsätze, Fastenzeit und die Kraft des Charlie Brown

Der kleine Junge ließ, wohl zum hundertsten Mal, seinen Drachen fliegen. Und wohl zum hundertsten Mal verhedderte sich wieder der Bindfaden im Baum, der Drache stürzte ab und der Junge hing in einem Schnurknäuel gefangen in den Ästen. Wann endlich würde er erfolgreich sein?

Imm wieder den Drachen steigen lassenDie Erfolglosigkeit dieses Jungen namens Charlie Brown ist legendär: der Comiczeichner Charles M. Schulz erzählt in unzähligen seiner „Peanuts“-Geschichten davon, wie Charlie Brown erfolglos seinen Drachen steigen lassen will. Doch nie, nie, nie klappt es. Von allen Figuren der Peanuts ist er mir der liebste, denn ich schätze sein Durchhaltevermögen. Er gibt schlicht und einfach nicht auf. Sei es auf dem Baseball-Feld, in seiner unerwiderten Liebe zum kleinen rothaarigen Mädchen oder eben beim Drachensteigen: ihm, dem geborenen Pechvogel, gelingt einfach nichts.

Ja, in Anbetracht seiner Misserfolge lässt er den Kopf hängen und darin ist er ein wahrer Könner. Doch dann rennt er wieder los, den Drachen im Schlepptau oder stellt sich mit dem Schläger in der Hand auf das Schlagmal des Baseballfeldes und probiert es erneut, zum Erfolg zu kommen.

Nun könnte man ihn natürlich vorwerfen, seine Energie zu vergeuden. Doch wäre er nicht auch ein wunderbares Vorbild für all die guten Vorsätze, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben? Ganz ehrlich: jeder hat irgendeinen. Und in diesem Jahr beginnt kaum sieben Wochen nach Jahresbeginn die Fastenzeit: wieder ein beliebter Anlass, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen und vielleicht abzulegen. Da können die guten Vorsätze direkt übergehen in die Fastenziele. Welch ein Glück, denn das Problem und gleichzeitig Geheimnis mit den Vorsätzen ist das Durchhalten. So eine Gewohnheit ist jahrelang, manchmal jahrzehntelang eingeübt. Die lässt sich nicht so leicht zur Seite schieben, ablegen, aussortieren. Das will ausgiebig geübt werden. Es dauert mal biblische 40 Tage, mal anthroposophische sieben Wochen oder schlicht und einfach ein bis zwei Monate täglichen Umlernens, bis die neue Gewohnheit die alte ersetzen kann. In diesem Jahr kann also der Gute Vorsatz in einem Rutsch bis zum Ende der Fastenzeit an Ostern ein neues Verhaltensmuster werden.

Scheitern gehört notwendigerweise dazu, wenn neues Verhalten gelernt werden will. Wenn es dann zwischenzeitlich mal wieder schwer fällt, von der Schokolade zu lassen, zum Sport zu gehen oder dem Shoppingangebot zu widerstehen, könnte es helfen, an Charlie Brown zu denken. Er ist der Weltmeister im Durchhalten oder in der Comic-Welt gesprochen:

Von allen Charlie Browns der Welt ist er der Charlie Brownste.

Lucy van Pelt, selbsternannter Doktor der Peanuts-Bande

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Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

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Zum Leben braucht es Vorurteile

Die Aussagen im Fragebogen waren selbstverständlich: Alte Menschen bräuchten Hilfe, ein Anzug/Kostüm wirke seriös oder deutsche Autos seien die besten der Welt. Munter kreuzte er alles in der Spalte „Wahr“ an. Erst später erkannte er die Tücke: wollte man testen, ob er Vorurteile hat?

Wer sich als weltoffen und empathisch präsentieren will, behauptet von sich gerne „Ich habe keine Vorurteile!“ Doch wenn das wirklich so ist, wäre das Leben nicht zu bewältigen. Denn Vorurteile sind eine wichtige Überlebensfunktion: Ein Vorurteil geht davon aus, dass aufgrund der wahrgenommenen Umstände demnächst ein bestimmtes Ereignis stattfinden wird. Diese Vorerwartungen sind gespeist aus den Erfahrungen des eigenen Lebens und den Erzählungen anderer Menschen.

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenNur so kann ein Mensch im Leben überhaupt bestehen. Ich sortiere alles um mich herum in vielfältige Kategorien ein aus Vorerwartungen: Ereignis, Ergebnis, Schublade auf, Erfahrung rein, Schublade zu. Dadurch kann ich Wäsche waschen (dreckig rein, sauber raus) oder mein Gegenüber begrüßen (gegenseitiges Handreichen). Das muss ich alles nicht jedes Mal neu ausprobieren. Vorurteile sind einem Gehirn geschuldet, dass so viel Denk- und Entscheidungskapazitäten wie möglich frei halten will für alles, was von überall her auf den Mensch einwirkt. Je schneller etwas als bekannt erkannt und einsortiert wird, umso besser. Wer nach Großbritannien reist, nimmt an, dass man dort wohl Englisch verstehen wird. Eine Fehlannahme – denn in vielen Gegenden von Wales sprechen die Menschen vor allem walisisch.

Die Kategorien bilden sich manchmal aufgrund einer sehr dünnen Datenbasis. Einmal in New York gewesen und von einem Trickdieb bestohlen worden, anschließend noch viel Geld für ein schlechtes Essen bezahlt und fertig ist die Meinung: „In New York wirst Du übers Ohr gehauen und abgezockt!“ Obwohl dies nur zwei Ereignisse von vielen sind, haben sie eine große, sozusagen übergroße Wirkung: sie sind so einschneidend negativ, dass ich sie als Warnung ganz tief in meinem Erfahrungsgedächtnis im Limbischen System speichere. Höre ich das nächste Mal „New York“ sendet es „Achtung Gefahr!“ an mein Bewusstsein.

Erzählen andere Menschen von positiven Erlebnissen in New York, von Hilfsbereitschaft und tollen Lokalen, muss ich keineswegs mein Vorurteil revidieren. Ich mache einfach eine Unterkategorie auf, die Ausnahme von der Regel: „New York ist die Hauptstadt der Verbrecher, Du hattest einfach Glück.“

Wären wir wirklich vorurteilsfrei, wären wir lebensunfähig. Es kommt vielmehr darauf, mir meiner Vorurteile bewusst zu sein und die Bereitschaft mitzubringen, sie immer wieder zu überprüfen.

Ich verschmähe es, die Reinheit des Weltbildes, das ich in mich aufgenommen habe, durch platte Lebenserfahrung trüben zu lassen.

Oscar Blumenthal (1852 – 1917, deutscher Schriftsteller)

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Mit dem Älter-Werden kommt das Egal-Sein

Da lag sie am Pool und rekelte sich im Badeanzug auf der Sonnenliege. Die Pfunde verteilten sich auch am Bauch und vor ihrem Dekolleté standen die Männer schon lang nicht mehr stramm. Wie sie das genoss! War das Älterwerden nicht herrlich?

Spaß oder kein Spaß im Alter – das ist die FrageWenn ich mich so umhöre unter den Menschen, die Ende vierzig und älter sind, dann sagen die meisten: „Jung wollte ich nicht mehr sein!“ Die Jugend? So anstrengend, immer zur Clique dazu gehören zu wollen! Jeder Mode zu folgen! Erste Berufsjahre? Auf 50-Stunden Wochen, heute hier, morgen dort und trotzdem immer blendend aussehen müssen, kann ich echt verzichten! Wieder jung sein? Wenn, dann nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung!

Unausgesprochen bleibt, dass zur Lebenserfahrung auch ein größeres Maß an Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ansprüchen gehört. Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt. Diese Tatsache sollten wir endlich akzeptieren schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski. Und es scheint, dass sich jene Erkenntnis im Alter ab 40, 50 langsam durchsetzt.

Und wie befreiend das ist! Nicht nur auf den Körper bezogen. Da auch die geistigen Kräfte nicht mehr so taufrisch sind wie Anfang 20, muss und kann ich sie nun gezielter einsetzen. Wozu sie für Dinge verschwenden, die ich als unwichtig für mich erkannt habe? Auch Konventionen können ihre Korsettwirkung verlieren, nachdem ich mich jahrzehntelang von ihnen habe einengen lassen.

Im Goldenen Jahrzehnt, also den 50er Lebensjahren, habe ich es in der Hand, ob ich ein sauertöpferischer Griesgram werde, der dem Vergangenen nachtrauert und den anderen ihr Glück neidet. Oder ob ich mich zum lebenslustigen, mitunter vielleicht auch renitenten Alten weiterentwickele, der mit Udo Lindenberg einstimmt und singt:

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.

(Aus: „Grande Finale“ vom Album „Udopia“)

 

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Beach Body Bullshit

„In 6 Wochen zum perfekten Bauch!“, „Last minute workouts für den Sommer“ – mit gesenkten Häuptern schlich das Paar an den Zeitschriften im Supermarkt vorüber. Ihre Körper hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Strandkorb als mit diesen Idealtypen. Und in zwei Wochen ging es nach Mallorca – wie peinlich! Wirklich?

Strandspaß für alleDie Schönheit liegt im Auge der Betrachter. Und was Betrachter als schön empfinden unterlag im Lauf der Zeit starken Veränderungen. Nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren waren Fettpölsterchen in Mode. Heute, in Zeiten des Überflusses, regiert das Schlankheitsideal und Marylin Monroe würde ein Diätgetränk aus der Apotheke empfohlen bekommen. Rubens’ Modelle und das Model Twiggy haben so viel oder wenig gemeinsam wie die Mehrzahl der echten Menschen mit der Mehrzahl der Werbungsmenschen.

Die Aufzählung zeigt: wir haben es nicht in der Hand, was die allgemeine Körpermode ist. Und noch weniger haben wir es in der Hand, ob wir ihr entsprechen oder nicht. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Figur zu 30% von den Genen bestimmt wird. Der Rest sind Lebensumstände und Angewohnheiten. Wie lebe ich – wie muss ich leben? Was bekam ich von meinen Eltern mit? Was mag ich – was nicht: machen, essen, …?

Es ist schwer, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Das schreibt jemand, der von seiten seiner älteren Nachbarinnen immer ermahnt wird, sich mehr Reserven zuzulegen. Sprich: ein paar Kilo zuzunehmen.

Dem Strand ist es übrigens herzlich egal, wer ihn besucht. Denn für ihn ist klar:

Für einen Beachbody braucht es nur einen Beach und einen Body.

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