Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.