Der Burn-out des Sisyphos

Ein Gutes hatte die viele Arbeit: er war körperlich topfit, denn Sport war der notwendige Ausgleich zu seiner 60-Stunden Woche. Gut, die sozialen Kontakte ließen sehr zu wünschen übrig und Schlaf ist ohnehin überbewertet. Ein paar Opfer musste er doch für die Karriere bringen, nicht wahr?

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt haben mit ihrer erdrückenden Heftigkeit scheinbar eine bisher nie dagewesene Qualität von Ausbeutung des Menschen erreicht. Schneller werdender Wandel, die Konkurrenz durch digitale Assistenten und der stetig steigende Kostendruck lassen bei vielen arbeitenden Menschen nur den einen Schluss zu: so wurden wir noch nie ausgequetscht, die Zitrone gibt schon lange keinen Saft mehr.

Manchen wird das Gewinnen leichter gemacht

Manche fühlen sich an den antiken Helden Sisyphos erinnert, der einen Stein den Berg heraufrollt. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein nach unten und er muss von vorne anfangen. Nein, er ist kein armer Wicht, sondern erleidet eine Strafe für seine Hybris. Er wollte sich den Göttern gleichstellen und den Tod besiegen. Das erinnert mich an manche Menschen, die aus Selbstüberhöhung ins Burn-out schlittern.

Denn es gibt verbreitet den Gedanken: wenn ich mich nur ordentlich anstrenge, mal richtig „ranklotze“, dann werde ich den Berg abgearbeitet haben und danach geht es erträglich weiter. Sie werden oft befeuert von einer Selbstüberschätzung: „Nur ich selbst bin in der Lage, dieses und jenes zu tun. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand anderes. Und so gut wie ich kann es sowieso niemand sonst.“ In dieser Falle der Selbstausbeutung angekommen kommt die Selbstversklavung unter fremde Arbeitsnormen von ganz alleine. Hybris und Sklaventum reichen sich so die Hand. Eine Verhaltensweise, die nur der Mensch an den Tag legt und im Tierreich völlig unbekannt ist.

Diese absurde Situation lässt sich nicht durch „immer mehr vom immer Gleichen“ (mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Tempo) lösen, sondern dadurch,

  1. dass ich erkenne, ich welcher Situation ich stecke.
  2. Dass ich sie annehme und anerkenne.
  3. Und dass ich schließlich gegen sie aufbegehre und mein eigenes Schicksal in die Hand nehme.

Sonst bleibe ich Sklave fremder Ansprüche und arbeite „996“: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen in der Woche (das ergibt 72 Stunden).

Ich denke, dass es ein großer Segen ist, 996 zu arbeiten. Wenn Menschen nicht einmal 996 arbeiten, wenn sie jung sind, wann können sie es dann?

Jack Ma (*1964, Gründer der chinesischen Online-Plattform Alibaba)

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