Detox: Meckerfasten für den inneren Frieden

So langsam kam er sich vor wie ein alter Knotterer. In Gedanken und oft auch laut regte er sich völlig überflüssigerweise auf. Da kam die Fastenzeit wie gerufen: wie wäre es mit vierzig Tagen Meckerfasten?

Ich brauche mich nicht zum Narren halten lassenIn meiner Kindheit gab es einen alten Mann, der auf seinem Mofa an der Kreuzung vor meinem Elternhaus stand und vor sich hinschimpfte, während er auf eine Autolücke wartete. Wie lächerlich das wirkte und er amüsierte mich sehr. Und er kommt mir immer wieder mal in den Kopf, wenn ich heute ähnliche Verhaltensweisen bei anderen – und auch mir – entdecke.

Es gibt Situationen, in denen ich mich ärgere und aufrege und es völlig überflüssig ist. Überflüssig, weil ich a) die bemeckerte Tatsache nicht ändern kann oder b) von ihr nicht betroffen bin. Wenn jemand etwas nicht so macht, wie ich es gerne will und es keine Auswirkung auf mich hat? So what! Oder wenn mir bestimmte Regeln gegen den Strich gehen – kann ich an ihnen etwas ändern? In der Regel: Nein! Also warum rege ich mich dann auf?

Ich weiß, dass mich das Meckern innerlich vergiftet. Adrenalin wird ausgestoßen, ich bin angespannt und aggressiv, denn ich empfinde mich ja in einer Kampfsituation. Dieser Zustand beruhigt sich nach 15-20 Minuten. Zeit, die mir entgeht, um meinen Blick a) auf das Wesentliche oder b) auf etwas Angenehmes zu richten.

Sollte ich mich besser nur über das aufregen, was mich betrifft und worauf ich Einfluss habe? Eine spannende Frage, die ich ausloten möchte. Damit ich die Auslöser erkenne, die mich innerlich vergiften lassen, versuche ich das Knottern zu fasten. Die Fastenzeit ist einfach ein überschaubarer Zeitraum mit klarem Anfang und Ende. Das kommt mir entgegen. Und der Erfolg ist einfach definiert. Nämlich jedes Mal, wenn ich sagen kann: „Nicht mein Zirkus. Nicht meine Affen.“

Zufriedenheit ist für mich ein Reizwort.

Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016, österreichischer Musiker)

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Das Team durch das Tal der Tränen führen

Die Umstrukturierung betraf jeden Arbeitsplatz. Moderner und effizienter sollten die Prozesse werden und Alteingefahrenes abgeschafft. Doch weder Frustration, innere Kündigung noch Rebellion waren im Team zu spüren, statt dessen Vertrauen in die Bereichsleiterin. Wie hatte sie das hinbekommen?

Durch das Tal der Tränen führenBei einer Veränderung in der Arbeitswelt gibt es verschiedene Phasen, die ein Team erschüttern können. Oft fängt es mit Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand und Gerüchten über bevorstehende Maßnahmen an. Dann die ersten Veränderungen, die oft mit einer aus der Homöopathie bekannten „Erst-Verschlimmerung“ ↗ einhergehen. Denn zusätzlich zum Alltag müssen noch neue Wege entwickelt und Arbeitsweisen eingeführt werden: Das System muss gleichzeitig nach den alten und den neuen Prinzipien funktionieren. Hier sprechen viele vom biblischen „Tal der Tränen“ ↗, durch das „man“ hindurch müsse.

Es gibt Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vermitteln, dass mit „man“ nur sie, die Angestellten, gemeint seien. Zwar wird oft das „gemeinsame Boot“ beschworen, in dem sie jetzt alle sitzen würden, doch wenn der Steuermann nach Richtung und Ziel gefragt wird, wird es nebulös. Er versteckt sich hinter blumigen Worten und vagen Versprechungen. Ganz anders hat es die Bereichsleiterin im Eingangsbeispiel gemacht.

Sie sagte sich: „Wenn es nun mal so ist, wie es ist und es sich nicht so leicht ändern lässt – dann brauchen meine Mitarbeiter jetzt Empathie und Transparenz.“ Empathie, Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Situation, in der sie jetzt drin stecken. Vielleicht zerplatzen manche Karriereträume. Oder geliebte Arbeitsgebiete werden abgeschafft, die geschätzte Kollegin wird an einem anderen Tisch sitzen.

Und gleichzeitig Transparenz über das Warum, Wofür und Wie der Veränderungen. Ein offenes Gespräch über zerplatzte Karriereträume oder über Chancen und Risiken neuer Aufgaben, aber auch darüber, dass sich noch nicht alles vorhersagen lässt. Denn Mitarbeiter sind nicht so dumm, wie ihnen oft unterstellt wird. Natürlich merken sie, wo der Hase lang läuft und eine Führungskraft, die das ignoriert, gilt als feige und bekommt kein Vertrauen.

So hat also die Bereichsleiterin nach der einfachen Formel „Empathie + Transparenz = Vertrauen“ gehandelt. Dass sie dafür innere Größe braucht, machte sie übrigens überhaupt nicht zum Thema.

Lieber klare Kante als Hose voll

Franz Müntefering, 2008 (* 1940, SPD-Politiker)

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Besser fragen als Besserwissen

Mitfühlend fragte die Putzfrau ihre Auftraggeberin: „Weiß man schon, wie Ihr Mann ums Leben kam?“ „Nein, die Polizei stellt nur Fragen und hat keine Antworten.“ Diese Szene aus dem Oxford-Krimi „Lewis“ unterstellt, dass die Polizei in ihren Ermittlungen nicht weiterkommt. Antworten werden mehr geschätzt als Fragen. Warum eigentlich?

Mit Fragen lässt sich die Welt erkunden, ihr Wesen erfassen und für sich selbst strukturieren. Eine Frage zeigt, dass ich nicht alles weiß und diese Wissenslücke schließen will. ↗ Im Büroalltag gibt es jedoch mehr Anerkennung für diejenigen, die auf alles scheinbar eine Antwort haben. Diese Besserwisser sind ihrer Selbstsicherheit teilweise unerträglich, doch sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit, eine klaren Linie und Überblick in komplizierten Situationen.

Fragen über FragenDer/die Fragende vergrößert im ersten Moment die Unsicherheit: alles ist Chaos und die Fragen legen den Finger genau in diese Wunde. Doch es hat nicht nur innere Größe, sich zu seinem Nicht-Verstehen und Nicht-Wissen zu bekennen. Fragen sind auch ein Zeichen von Klugheit, wenn bestimmte Prinzipien angewendet werden.

Es gibt drei Fragetechniken, von denen Kinder zwei perfekt beherrschen:

  1. Die offene Frage, die mit „Warum?“, „Wie?“, „Wann?“ etc. beginnt. Für ihre Beantwortung braucht es etwas Erzählung und damit lädt sie ein, weitere Fragen zu stellen. So geht es dann immer tiefer in die Verzweigungen eines Themas. Das ist eine sehr kreative Fragetechnik, die die Ideenfindung unterstützt.
  2. Die geschlossene Frage, die als Antwort nur ein „Ja“ oder ein „Nein“ ermöglicht. Wenig kreativ, dafür umso analytischer. So lässt sich Ursachenforschung betreiben, oft auch über das Ausschlussverfahren. Jedes „Nein“ ist dabei genauso wertvoll wie ein „Ja“. Ideen und Visionen lassen sich so auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüfen.
  3. Die Suggestiv-Frage, die beim Fragen schon eine bestimmte Antwort provoziert. In Form einer Frage wird eine Meinung oder Behauptung geliefert, die vor einer Antwort entdeckt und zurückgewiesen werden muss. Erst danach ist eine freie Antwort möglich. Beispiel: „Finden Sie nicht auch, dass ihr Kollege sehr nachlässig arbeitet?“ Suggestiv-Fragen sind eine Manipulationstechnik, die Kindern fremd ist.

Kinder stellen manchmal hundert Fragen am Tag und können so die Erwachsenen zur Verzweiflung bringen. Denn sie hinterfragen einfach alles. Auch Dinge, die für uns selbstverständlich oder peinlich sind. Oder die wir nicht erklären können. Weil sie dabei teilweise für uns absurde Gedankengänge verknüpfen, bringen sie uns zum Lachen – und auf Ideen.

Der, die, das, / wer, wie, was, / wieso, weshalb, warum, / wer nicht fragt, bleibt dumm!
Tausend tolle Sachen, / die gibt es überall zu seh’n, / manchmal muss man fragen, / um sie zu versteh’n!

Titellied der Kinder-Fernsehserie „Sesamstraße“ ↗

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Personalauswahl mit Bauchgefühl oder Sachverstand?

Die Initiativbewerbung kam gerade recht: fachlich passte der junge Mann perfekt auf die Stelle, die demnächst ausgeschrieben werden sollte. Also lud man ihn zu einem informellen Gespräch ein. Doch sowohl der Chef als auch ein Mitarbeiter konnten sich nicht richtig erwärmen für den Bewerber. Der Eindruck wäre zwar deutlich, aber schwer zu fassen und deshalb solle nun die Personalabteilung über die Einstellung entscheiden. Schlägt Sachverstand wirklich das Bauchgefühl?

Die Auswahl eines Angestellten ist für den Arbeitgeber die Suche nach dem heiligen Gral während der Bewerber den Eindruck hat, nur eine eierlegende Wollmilchsau hätte eine Chance auf den Job. Da gibt es hohe Erwartungen an die fachliche Kompetenz, gepaart mit dem Wunsch nach sozialer Kompetenz und das Ganze natürlich zu einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis. Fachwissen lässt sich leicht abprüfen, doch bei den sozialen Kompetenzen wird es schwierig.

Die Verantwortung wird abgeschobenJeder Bewerber wird sich als „teamfähig“, „leistungsbereit“, „stressresistent“ und „kostenbewusst“ beschreiben. Dem Bewerber saßen der zukünftige Chef und ein zukünftiger Kollege gegenüber. Menschen also, die täglich mit dem Neuen zusammenarbeiten müssen. Sie hatten Zweifel an der Teamfähigkeit des Bewerbers, ohne es genauer beschreiben zu können. Deshalb wurde die Verantwortung abgeschoben an die Personalabteilung. Statt Bauchgefühl sollte Sachverstand die Entscheidung treffen. Die Personaler sind im Alltag jedoch weit weg vom Arbeitsteam.

Das Bauchgefühl, die Intuition, kann wirken, wenn:

  1. es Zeit und Raum gibt. Zwischen „Tür und Angel“, also unter Zeitdruck, lässt sich das Gefühl schwer fassen, da überzeugt ein Sachargument schneller.
  2. Mut vorhanden ist, dem eigenen Empfinden zu trauen. Der Verstand hat einen hohen Stellenwert. Dem ist der Mut entgegen zu setzen, zur Intuition zu stehen.

Wenn zwei Leute unabhängig voneinander ein ähnliches Bauchgefühl haben, dann ist die Entscheidung im Grunde genommen schon getroffen worden. Die Personalabteilung hatte nun die undankbare Aufgabe, diese Entscheidung sichtbar zu machen, abzusegnen und zu vollziehen.

Lassen Sie nicht zu, dass der Lärm fremder Meinungen Ihre eigene innere Stimme übertönt. Und vor allem haben Sie Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen.

Steve Jobs (1955-2011), Mitgründer und langjähriger CEO von Apple

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Wie ich versehentlich ‘mal schwanger war

Die Ankündigung der Elternzeit kam für die Kollegen des IT Helpdesks völlig unerwartet. In vier Wochen beginne der Mutterschutz der schon lang ergrauten Abteilungsleiterin. So stand es in der E-Mail, die die Vergabe von Vertretungsrechten regeln sollte. Und sie fragten sich tagelang, ob es wohl eine Adoption sei, man hätte ja „nichts“ gesehen. Das war auch unmöglich, denn das Kind war nichts anderes als ein Flüchtigkeitsfehler. Wie rettet man Situationen, die im Grunde genommen sehr peinlich sind?

Die Tücken des Büroalltags lauern an jeder Ecke und vor allem in der Bearbeitung von E-Mails. Wer kann nicht ein Lied davon singen, dass zur Weiterleitung bestimmte E-Mails aus Versehen an den Absender zurück geschickt wurden – inklusive deftiger Bemerkungen über dessen Unfähigkeit („Der Depp kann noch nicht mal Zahlen richtig lesen …“). Da wollte man sich beim befreundeten Kollegen durch die Lästerei entlasten und sendet diese stattdessen an den Absender. Peinlicher geht es kaum, es sei denn, man leitet Mails weiter, ohne den Inhalt zu überarbeiten. Abfällige Bemerkungen weiter unten im Text bleiben erhalten oder wichtige Änderungen am Personalpronomen werden vergessen. So wurde die Chefin, die zur Generation 50+ gehört, unverhofft schwanger. Heutzutage ist das mit künstlicher Befruchtung oder Adoption durchaus im Bereich des Möglichen. In Wirklichkeit hatte sie die Detailinfos ihrer schwangeren Mitarbeiterin aber unverändert übernommen, das Kind war ein elektronisches Versehen gewesen.

Zugeben ist besser als leugnenWas tun in solchen Fällen? Humor hat bei dieser ungewollten Schwangerschaft geholfen und die Situation geklärt. Doch wenn aus Versehen offensichtlich wird, wie wenig man von einem Kollegen hält, ist einem nicht nach Lachen zumute. Man kann hoffen, dass die peinliche Offenbarung in der Mailflut des Empfängers untergeht. Spätestens bei der nächsten Begegnung auf dem Flur wird einem aber die Schamesröte im Gesicht stehen. Leugnen wird nichts bringen, also bleibt nur: zugeben und sich erklären.

Der Ärger, der in der Lästerei seinen Kanal gefunden hat, wird seinen guten Grund haben. Wie wäre es, genau den zu benennen? Ganz ohne Anklage? Zum Beispiel so: Sachlich die Situation beschreiben („Als ich Ihren Kommentar las …“), dann das ausgelöste Gefühl schildern („… platzte mir der Kragen, denn ich habe drei Stunden Arbeit in diese Auswertung gesteckt, obwohl andere dringende Termine anstanden …“) und das, was Sie gebraucht hätten („… Ich möchte, dass meine Arbeit Ernst genommen wird …“), schließlich folgt noch ein klarer Wunsch („… und da hätte ich mir gewünscht, dass Sie die Zahlen auch in Ruhe anschauen, bevor Sie sie zurückweisen.“) Nun ist es am Anderen, sich zu erklären. So besteht die Chance, aus einem peinlichen Versehen ein echtes Verstehen zu machen.

Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.

Sun Tsu (ca. 544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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In der Firma streitet man sich nicht wie im Kindergarten – leider!

In der Sitzung sollte der Projektplan nun endlich verabschiedet werden. Doch statt die monatelangen Gespräche endlich zum Abschluss zu bringen, bekamen sich die beiden Verhandlungsgruppen über eine Kleinigkeit derart in die Haare, dass das gesamte Vorhaben scheiterte. Nach dem Gespräch waren alle der einhelligen Meinung: „Das war ja der reinste Kindergarten!“ Wobei das eine Beleidung war – für den Kindergarten. Denn so manche Firma könnte etwas von Kindergärten lernen. Dort wäre das Projekt nämlich erfolgreich gewesen.

Im Sandkasten wird richtig gestrittenIn der Tat erscheinen manche Sitzungen in Firmen von außen betrachtet besonders kindisch. Die Kontrahenten gönnen einander die Sandförmchen nicht, frei nach dem Motto: „Wenn ich schon meine Sandburg nicht bauen kann, dann sollst auch Du keine haben.“ So offen aussprechen kann man das im Geschäftsumfeld natürlich nicht, stattdessen werden „Budgetzwänge“, „Zuständigkeiten“ oder der „Datenschutz“ ins Feld geführt, um das Vorhaben des anderen zu torpedieren. Da macht es nichts, dass alles in Fachgruppen auf Herz und Nieren geprüft worden war. Mit einem scheinheiligen Lächeln beteuert man einander, wie vertrauensvoll man hier zusammen sitze und dass der andere wertvollen Input liefere. Nur mühsam wird verdeckt, was viele tatsächlich denken: „In meinem Sandkasten will ich Dich nicht haben!“

Wenn es offiziell um Sachinhalte geht, aber ein schwer greifbares Gefühl im Bauch ausgelöst wird, dass hier etwas nicht stimmt, spielt sich die Auseinandersetzung auf der Beziehungsebene ab, direkt an der Gürtellinie. Man will einander beweisen, dass man alles zum Scheitern bringen kann, wenn man es sich in den Kopf gesetzt hat. Wird dieses wahre Thema nicht klar benannt, also auf den Tisch gelegt, dann wird sich der Konflikt nicht lösen lassen und Projekte zum Scheitern bringen.

Ach wie schön wäre es, wenn es wirklich wie im Sandkasten eines Kindergartens zuginge: Da bekommt man sich in die Haare, zeigt dem anderen ganz offen wie blöd man ihn gerade findet, haut ihm die Schaufel auf den Kopf, der andere haut zurück und nach einer kurzen Rauferei ist die Sache erledigt. Eine Viertelstunde später spielt man wieder zusammen. Im Kindergarten wird richtig gestritten und ein Konflikt offen ausgetragen. Daher hat er eine Chance, gelöst zu werden. Das ist kindliches Verhalten, Erwachsene sind kindisch.

Manche Menschen haben einen Gesichtskreis vom Radius Null und nennen ihn ihren Standpunkt.

David Hilbert (1862 – 1943, Mathematiker)

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Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

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Das Flüchtlingsdrama der Weihnachtsgeschichte

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ Diese Worte aus dem Lukas-Evangelium gehören für viele Menschen zum weihnachtlichen Kulturgut. Ich stolperte beim Lesen über diese Passage: „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“ Was bedeutete das? Und wie würde die Tagesschau über dieses Ereignis berichten? Vielleicht so:

Die vom römischen Kaiser Augustus Oktavian angeordnete Erstellung von Steuerlisten hat in Syrien eine Wanderbewegung der gesamten Bevölkerung ausgelöst, da sich jeder in seinem Geburtsort in die Listen eintragen lassen muss. Tausende Menschen sind in ihren Heimatstädten obdachlos geworden weil allenorten Unterkünfte fehlen. Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an, da jederzeit mit dem Wintereinbruch zu rechnen ist.

Direkt aus der besonders stark betroffenen Provinz Judäa nun live Lukas Stier.

Hinter der Kulissen der WeihnachtsgeschichteVon der viel gerühmten römischen Staatsorganisation und Planungsfähigkeit ist hier in Bethlehem wenig zu sehen. Die Behörden haben keinerlei Vorkehrungen getroffen, um die in ihre Heimatorte strömenden Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Von offizieller Seite wird dafür der römische Statthalter Quirinius verantwortlich gemacht. Doch hinter vorgehaltener Hand sagt man uns, dass der Zensus ein unerhörter Eingriff des Kaisers in die autonomen Rechte des jüdischen Königs Herodes darstellt. Die Zusammenarbeit auf allen Ebenen der Verwaltung ist daher fast vollständig eingestellt worden.

Die chaotische Lage machen sich Freiheitskämpfer wie Judas der Galiläer zu Eigen und rufen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die römischen Besatzer auf.

Leidtragende sind die einfachen Menschen wie dieser Handwerker aus Galiläa. Er erzählte uns, dass er mit seiner hochschwangeren Verlobten seit Tagen zu Fuß aus Nazareth unterwegs war, um sich in seiner Geburtsstadt Bethlehem in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Hier im römischen besetzten Judäa fanden sie keinen Platz in den überfüllten Herbergen und als die Wehen einsetzten, konnten sie immerhin in einem Stall unterkommen. Ihr erstes Kind ist ein gesunder Junge und alleine das ist in dieser Zeit ein echtes Wunder. Mit diesem Bild der Hoffnung zurück nach Frankfurt.

„2.337.327 Flüchtlinge sind von der Gewalt in Syrien betroffen.“
Statistik des UN-Flüchlingshilfswerks, Stand: 27. Dezember 2013.

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Lobt den Chef – es tut ja sonst niemand

„Vielen Dank, dass Sie sich für mich eingesetzt und mich unterstützt haben. Das fand ich sehr gut von Ihnen“, sagte die Mitarbeiterin ihrem Vorgesetzten. Der Chef schaute irritiert und tat das Lob mit einem gemurmelten „da nicht für“ ab. Dabei sind die Haltung des Chefs und noch weniger das Lob der Mitarbeiterin selbstverständlich. Aber warum sollten Mitarbeiter die Chefin / den Chef loben? Ist das Lob nicht schon im höheren Chefgehalt enthalten?

Chefs sind manchmal zwischen Hammer und AmbossNein – und das mittlere Management ist in manchen Firmen überdies die „Melkkuh der Nation“:
zwischen Hammer (dem Top-Management) und Amboss (den Mitarbeitern) bekommen sie von allen Seiten Druck. Zielvorgaben hier, Mitarbeiterforderungen dort. Von wem soll da mal eine positive Rückmeldung kommen? Dabei braucht jeder Mensch ab und zu eine Anerkennung, auch Chefs.

Den Vorgesetzten zu loben ist jedoch eine heikle Sache: Wie schnell gerät man in den Verdacht, heuchlerisch zu sein! Doch ein Heuchler meint das, was er sagt, nicht ernst. Und das spürt das Gegenüber. Ist das Lob jedoch ehrlich und der Situation angemessen, dann ist diese Rückmeldung im doppelten Sinne stimmig. Anstatt eines schalen Beigeschmacks hinterlässt sie ein gutes Gefühl auf beiden Seiten.

Einen Anlass dafür sollte es für ein Lob aber schon geben. Völlig daneben wäre es, wenn es weder zur Situation passt noch ehrlich gemeint ist („Gaanz toll Chef, wie Sie heute morgen eingeparkt haben!“). Und Schweigen wäre besser, wenn das Gesagte der inneren Überzeugung entspricht, aber unpassend für das Arbeitsumfeld ist („Mensch Chefin, in dem Kostümchen haben Sie ’nen richtig knackigen Hintern!“).

Ob die Führungskraft mit einem stimmigen Lob umgehen kann, steht wiederum auf einem anderen Blatt: Denn es scheint eine schwere Krankheit zu geben, die weit verbreitet ist: die Lob-Wahrnehmungs-Störung. Die daran Erkrankten nehmen Lob in einem doppelten Sinne nicht wahr. [Mehr dazu]

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht.“
Muhammad Ali (* 1942, US-amerikanischer Boxer)

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Ich habe wider besseres Wissen „Ja“ gesagt

„Und die Jeans hier, die kommt auch zu Oxfam!“ sage ich zu meiner Frau und stopfe sie in die Tüte, zu den anderen Pullovern, Hemden und CDs, die ich gekauft habe, obwohl sie mich von Anfang an nicht wirklich überzeugt haben. Jetzt trenne ich mich endlich von ihnen, ich habe auf diese Art sogar schon mal einen Job entsorgt. Was bringt mich dazu, wider besseres Wissen „Ja“ zu etwas zu sagen?

„Hatte ich es nicht schon von Anfang gewusst?“ Diese Frage stelle ich mir immer dann, wenn ich im Nachhinein Recht behielt, aber nicht auf mich gehört habe. Das „spontane Bauchgefühl“ hatte in ¼ Sekunde die Grundsatzentscheidung getroffen: „Positiv“ oder „Negativ“. Mit deutlicher Verzögerung, erst nach einer ganzen Sekunde, kam der Verstand zu seiner Einschätzung, die nicht immer identisch mit dem Bauchgefühl ↗ ist.

Manchmal sage ich Ja und Nein zugleichDann war das Dilemma da, nicht nur bei so banalen Dingen wie dem Kauf von Kleidung. Fragen wie „Soll ich diese Person wirklich ins Vertrauen ziehen?“, „Soll ich das heikle Thema wirklich jetzt ansprechen?“ oder „Soll ich diesen Job wirklich annehmen?“ sind Fälle gewesen, wo ich besser auf mich gehört hätte. Im Nachhinein erschien es mir nur zu folgerichtig, dass sich bewahrheitete, was ich „irgendwie ahnte“, doch mit „vielleicht ist es aber doch gut“ zur Seite wischte.

Für mich gibt es mittlerweile eine klare Linie, an der ich Entscheidungen ausrichte. Nur ein klares „Ja“ ist ein „Ja“, alles andere ein „Nein“. Anders ausgedrückt: Im Zweifel für den Zweifel.

Menschen, die logische Strukturen lieben, können sich an einer Entscheidungsmatrix orientieren und so verhindern, dass das Bauchgefühl den Verstand ignoriert oder der Verstand das Bauchgefühl überstimmt:

Ja
weil: Kopf sagt Ja, Bauch sagt Ja
( + + )
Nein
weil: Kopf sagt Ja, Bauch sagt Nein
( + – )
Nein
weil: Kopf sagt Nein, Bauch sagt Ja
( – + )
Nein
weil: Kopf sagt Nein, Bauch sagt Nein
( – – )

Beim Einkaufen versuche ich mittlerweile die Botschaft des Kaufobjekts wahrzunehmen. Ist es lediglich ein „Winker“ („Hallöchen, wo du schon mal hier bist, ich bin günstig, wie wäre es mit uns beiden …“) oder ein „Rufer“ („Hey, ich bin Dein zukünftiges Lieblingsstück! Du wirst Dich ärgern, wenn Du jetzt nicht zugreifst!“). Rufer vermeiden, dass der Schrank voll hängt mit Sachen, die schon beim Kauf nicht überzeugten, sondern nur überredeten.

Dass ich bei der Jobwahl damals keinen anderen Weg sah als die Zusage, bedeutete lediglich, dass ich diese Entscheidung später revidieren konnte. Deshalb habe ich noch während der Probezeit gekündigt.

„Ganz nett“ ist die kleine Schwester von „Scheiße“

Lebensweisheit meiner Frau

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