Zum Leben braucht es Vorurteile

Die Aussagen im Fragebogen waren selbstverständlich: Alte Menschen bräuchten Hilfe, ein Anzug/Kostüm wirke seriös oder deutsche Autos seien die besten der Welt. Munter kreuzte er alles in der Spalte „Wahr“ an. Erst später erkannte er die Tücke: wollte man testen, ob er Vorurteile hat?

Wer sich als weltoffen und empathisch präsentieren will, behauptet von sich gerne „Ich habe keine Vorurteile!“ Doch wenn das wirklich so ist, wäre das Leben nicht zu bewältigen. Denn Vorurteile sind eine wichtige Überlebensfunktion: Ein Vorurteil geht davon aus, dass aufgrund der wahrgenommenen Umstände demnächst ein bestimmtes Ereignis stattfinden wird. Diese Vorerwartungen sind gespeist aus den Erfahrungen des eigenen Lebens und den Erzählungen anderer Menschen.

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenNur so kann ein Mensch im Leben überhaupt bestehen. Ich sortiere alles um mich herum in vielfältige Kategorien ein aus Vorerwartungen: Ereignis, Ergebnis, Schublade auf, Erfahrung rein, Schublade zu. Dadurch kann ich Wäsche waschen (dreckig rein, sauber raus) oder mein Gegenüber begrüßen (gegenseitiges Handreichen). Das muss ich alles nicht jedes Mal neu ausprobieren. Vorurteile sind einem Gehirn geschuldet, dass so viel Denk- und Entscheidungskapazitäten wie möglich frei halten will für alles, was von überall her auf den Mensch einwirkt. Je schneller etwas als bekannt erkannt und einsortiert wird, umso besser. Wer nach Großbritannien reist, nimmt an, dass man dort wohl Englisch verstehen wird. Eine Fehlannahme – denn in vielen Gegenden von Wales sprechen die Menschen vor allem walisisch.

Die Kategorien bilden sich manchmal aufgrund einer sehr dünnen Datenbasis. Einmal in New York gewesen und von einem Trickdieb bestohlen worden, anschließend noch viel Geld für ein schlechtes Essen bezahlt und fertig ist die Meinung: „In New York wirst Du übers Ohr gehauen und abgezockt!“ Obwohl dies nur zwei Ereignisse von vielen sind, haben sie eine große, sozusagen übergroße Wirkung: sie sind so einschneidend negativ, dass ich sie als Warnung ganz tief in meinem Erfahrungsgedächtnis im Limbischen System speichere. Höre ich das nächste Mal „New York“ sendet es „Achtung Gefahr!“ an mein Bewusstsein.

Erzählen andere Menschen von positiven Erlebnissen in New York, von Hilfsbereitschaft und tollen Lokalen, muss ich keineswegs mein Vorurteil revidieren. Ich mache einfach eine Unterkategorie auf, die Ausnahme von der Regel: „New York ist die Hauptstadt der Verbrecher, Du hattest einfach Glück.“

Wären wir wirklich vorurteilsfrei, wären wir lebensunfähig. Es kommt vielmehr darauf, mir meiner Vorurteile bewusst zu sein und die Bereitschaft mitzubringen, sie immer wieder zu überprüfen.

Ich verschmähe es, die Reinheit des Weltbildes, das ich in mich aufgenommen habe, durch platte Lebenserfahrung trüben zu lassen.

Oscar Blumenthal (1852 – 1917, deutscher Schriftsteller)

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Mit dem Älter-Werden kommt das Egal-Sein

Da lag sie am Pool und rekelte sich im Badeanzug auf der Sonnenliege. Die Pfunde verteilten sich auch am Bauch und vor ihrem Dekolleté standen die Männer schon lang nicht mehr stramm. Wie sie das genoss! War das Älterwerden nicht herrlich?

Spaß oder kein Spaß im Alter – das ist die FrageWenn ich mich so umhöre unter den Menschen, die Ende vierzig und älter sind, dann sagen die meisten: „Jung wollte ich nicht mehr sein!“ Die Jugend? So anstrengend, immer zur Clique dazu gehören zu wollen! Jeder Mode zu folgen! Erste Berufsjahre? Auf 50-Stunden Wochen, heute hier, morgen dort und trotzdem immer blendend aussehen müssen, kann ich echt verzichten! Wieder jung sein? Wenn, dann nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung!

Unausgesprochen bleibt, dass zur Lebenserfahrung auch ein größeres Maß an Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ansprüchen gehört. Die Schwerkraft zieht alles zum Erdmittelpunkt. Diese Tatsache sollten wir endlich akzeptieren schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski. Und es scheint, dass sich jene Erkenntnis im Alter ab 40, 50 langsam durchsetzt.

Und wie befreiend das ist! Nicht nur auf den Körper bezogen. Da auch die geistigen Kräfte nicht mehr so taufrisch sind wie Anfang 20, muss und kann ich sie nun gezielter einsetzen. Wozu sie für Dinge verschwenden, die ich als unwichtig für mich erkannt habe? Auch Konventionen können ihre Korsettwirkung verlieren, nachdem ich mich jahrzehntelang von ihnen habe einengen lassen.

Im Goldenen Jahrzehnt, also den 50er Lebensjahren, habe ich es in der Hand, ob ich ein sauertöpferischer Griesgram werde, der dem Vergangenen nachtrauert und den anderen ihr Glück neidet. Oder ob ich mich zum lebenslustigen, mitunter vielleicht auch renitenten Alten weiterentwickele, der mit Udo Lindenberg einstimmt und singt:

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.

(Aus: „Grande Finale“ vom Album „Udopia“)

 

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Wenn Hochleistungsmäuschen Karriere machen

Jahrelang erledigte sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsgebiet etliche Aufgaben für den Kollegen. Als dann die neu ausgeschriebene Stelle in jenem Arbeitsbereich extern besetzt wurde, fühlte sie sich verraten. Wie konnte sie nur so über- und hintergangen werden?

Draußen in der freien Wildbahn gibt es eine ganz besondere Beziehungskonstellation: zwei Arten bedingen einander und leben in einer symbiotischen Wirts-Gast-Beziehung. Der Wirt versorgt den Gast mit Ressourcen. Da gibt es beispielsweise die sympathischen Buphagus-Vögel, die auf dem Rücken der Kaffernbüffel durch die Savanne reiten und die Maden vom Rücken der Wirtstiere picken. Das ist Körperhygiene für den Büffel und gleichzeitig Nahrung für den Vogel.

Der Pfau geht seinen WegBesonders im Büroalltag scheint es hervorragende Lebensbedingungen für diese Symbiose zu geben, in der Variante der „grauen Mäuse“ und der „schillernden Selbstdarsteller“. Dabei ist es interessant, einmal den Blick auf die Mäuse zu lenken.

Oft haben die Mäuse ein empathisches Sozialverhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein und umfassende Detailkenntnisse. Weil es „sonst niemand machen würde“ oder man „niemanden im Stich lassen will“ wird dann die anfallende Arbeit getan, auch wenn es eigentlich nicht zum eigenen Job gehört. Sie übererfüllen die Aufgaben, liefern die Höchstleistung und ducken sich wie Mäuse in ein Loch, wenn es darauf ankäme, die Erfolgsflagge zu zeigen.

Die Journalistin Bascha Mika spricht von einer „Selbstvermausung“ ↗ intelligenter, gut ausgebildeter Menschen. Zwar bemerkt sie das vor allem an Frauen, doch es gibt auch männliche Mäuse. Alleine die Idee, sich als 1,60 bis 1,85 Meter große Maus klein machen und verstecken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Für ihre Beschreibung steckte Bascha Mika viel Kritik ein. Dabei macht sie darauf aufmerksam, wie Hochleistungsmäuse Karriere machen – halt nur nicht selbst, sondern sie machen die Karriere der Selbst- und Außendarsteller. Sie sorgen durch ihr Verhalten für deren Erfolg, denn sie halten den Selbstdarstellern den Rücken frei, indem sie alle anfallenden Arbeiten erledigen – mit denen sich dann aber der Andere brüstet, ohne die Mäuse zu erwähnen.

Die Schaumschläger gehen dank der Hochleistungsmäuse ihren Weg: Zurück bleiben die Mauerblümchen wie damals bei der Tanzstunde. So lange, bis die ihre Unterstützung einstellen und in der Öffentlichkeit sagen: „Das war Ihre Aufgabe und ich habe sie erledigt, nicht Sie!“

Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.

Inge Lohmark (Lehrerin. Hauptperson aus dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky)

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Detox: Meckerfasten für den inneren Frieden

So langsam kam er sich vor wie ein alter Knotterer. In Gedanken und oft auch laut regte er sich völlig überflüssigerweise auf. Da kam die Fastenzeit wie gerufen: wie wäre es mit vierzig Tagen Meckerfasten?

Ich brauche mich nicht zum Narren halten lassenIn meiner Kindheit gab es einen alten Mann, der auf seinem Mofa an der Kreuzung vor meinem Elternhaus stand und vor sich hinschimpfte, während er auf eine Autolücke wartete. Wie lächerlich das wirkte und er amüsierte mich sehr. Und er kommt mir immer wieder mal in den Kopf, wenn ich heute ähnliche Verhaltensweisen bei anderen – und auch mir – entdecke.

Es gibt Situationen, in denen ich mich ärgere und aufrege und es völlig überflüssig ist. Überflüssig, weil ich a) die bemeckerte Tatsache nicht ändern kann oder b) von ihr nicht betroffen bin. Wenn jemand etwas nicht so macht, wie ich es gerne will und es keine Auswirkung auf mich hat? So what! Oder wenn mir bestimmte Regeln gegen den Strich gehen – kann ich an ihnen etwas ändern? In der Regel: Nein! Also warum rege ich mich dann auf?

Ich weiß, dass mich das Meckern innerlich vergiftet. Adrenalin wird ausgestoßen, ich bin angespannt und aggressiv, denn ich empfinde mich ja in einer Kampfsituation. Dieser Zustand beruhigt sich nach 15-20 Minuten. Zeit, die mir entgeht, um meinen Blick a) auf das Wesentliche oder b) auf etwas Angenehmes zu richten.

Sollte ich mich besser nur über das aufregen, was mich betrifft und worauf ich Einfluss habe? Eine spannende Frage, die ich ausloten möchte. Damit ich die Auslöser erkenne, die mich innerlich vergiften lassen, versuche ich das Knottern zu fasten. Die Fastenzeit ist einfach ein überschaubarer Zeitraum mit klarem Anfang und Ende. Das kommt mir entgegen. Und der Erfolg ist einfach definiert. Nämlich jedes Mal, wenn ich sagen kann: „Nicht mein Zirkus. Nicht meine Affen.“

Zufriedenheit ist für mich ein Reizwort.

Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016, österreichischer Musiker)

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Das Team durch das Tal der Tränen führen

Die Umstrukturierung betraf jeden Arbeitsplatz. Moderner und effizienter sollten die Prozesse werden und Alteingefahrenes abgeschafft. Doch weder Frustration, innere Kündigung noch Rebellion waren im Team zu spüren, statt dessen Vertrauen in die Bereichsleiterin. Wie hatte sie das hinbekommen?

Durch das Tal der Tränen führenBei einer Veränderung in der Arbeitswelt gibt es verschiedene Phasen, die ein Team erschüttern können. Oft fängt es mit Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand und Gerüchten über bevorstehende Maßnahmen an. Dann die ersten Veränderungen, die oft mit einer aus der Homöopathie bekannten „Erst-Verschlimmerung“ ↗ einhergehen. Denn zusätzlich zum Alltag müssen noch neue Wege entwickelt und Arbeitsweisen eingeführt werden: Das System muss gleichzeitig nach den alten und den neuen Prinzipien funktionieren. Hier sprechen viele vom biblischen „Tal der Tränen“ ↗, durch das „man“ hindurch müsse.

Es gibt Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vermitteln, dass mit „man“ nur sie, die Angestellten, gemeint seien. Zwar wird oft das „gemeinsame Boot“ beschworen, in dem sie jetzt alle sitzen würden, doch wenn der Steuermann nach Richtung und Ziel gefragt wird, wird es nebulös. Er versteckt sich hinter blumigen Worten und vagen Versprechungen. Ganz anders hat es die Bereichsleiterin im Eingangsbeispiel gemacht.

Sie sagte sich: „Wenn es nun mal so ist, wie es ist und es sich nicht so leicht ändern lässt – dann brauchen meine Mitarbeiter jetzt Empathie und Transparenz.“ Empathie, Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Situation, in der sie jetzt drin stecken. Vielleicht zerplatzen manche Karriereträume. Oder geliebte Arbeitsgebiete werden abgeschafft, die geschätzte Kollegin wird an einem anderen Tisch sitzen.

Und gleichzeitig Transparenz über das Warum, Wofür und Wie der Veränderungen. Ein offenes Gespräch über zerplatzte Karriereträume oder über Chancen und Risiken neuer Aufgaben, aber auch darüber, dass sich noch nicht alles vorhersagen lässt. Denn Mitarbeiter sind nicht so dumm, wie ihnen oft unterstellt wird. Natürlich merken sie, wo der Hase lang läuft und eine Führungskraft, die das ignoriert, gilt als feige und bekommt kein Vertrauen.

So hat also die Bereichsleiterin nach der einfachen Formel „Empathie + Transparenz = Vertrauen“ gehandelt. Dass sie dafür innere Größe braucht, machte sie übrigens überhaupt nicht zum Thema.

Lieber klare Kante als Hose voll

Franz Müntefering, 2008 (* 1940, SPD-Politiker)

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Besser fragen als Besserwissen

Mitfühlend fragte die Putzfrau ihre Auftraggeberin: „Weiß man schon, wie Ihr Mann ums Leben kam?“ „Nein, die Polizei stellt nur Fragen und hat keine Antworten.“ Diese Szene aus dem Oxford-Krimi „Lewis“ unterstellt, dass die Polizei in ihren Ermittlungen nicht weiterkommt. Antworten werden mehr geschätzt als Fragen. Warum eigentlich?

Mit Fragen lässt sich die Welt erkunden, ihr Wesen erfassen und für sich selbst strukturieren. Eine Frage zeigt, dass ich nicht alles weiß und diese Wissenslücke schließen will. ↗ Im Büroalltag gibt es jedoch mehr Anerkennung für diejenigen, die auf alles scheinbar eine Antwort haben. Diese Besserwisser sind ihrer Selbstsicherheit teilweise unerträglich, doch sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit, eine klaren Linie und Überblick in komplizierten Situationen.

Fragen über FragenDer/die Fragende vergrößert im ersten Moment die Unsicherheit: alles ist Chaos und die Fragen legen den Finger genau in diese Wunde. Doch es hat nicht nur innere Größe, sich zu seinem Nicht-Verstehen und Nicht-Wissen zu bekennen. Fragen sind auch ein Zeichen von Klugheit, wenn bestimmte Prinzipien angewendet werden.

Es gibt drei Fragetechniken, von denen Kinder zwei perfekt beherrschen:

  1. Die offene Frage, die mit „Warum?“, „Wie?“, „Wann?“ etc. beginnt. Für ihre Beantwortung braucht es etwas Erzählung und damit lädt sie ein, weitere Fragen zu stellen. So geht es dann immer tiefer in die Verzweigungen eines Themas. Das ist eine sehr kreative Fragetechnik, die die Ideenfindung unterstützt.
  2. Die geschlossene Frage, die als Antwort nur ein „Ja“ oder ein „Nein“ ermöglicht. Wenig kreativ, dafür umso analytischer. So lässt sich Ursachenforschung betreiben, oft auch über das Ausschlussverfahren. Jedes „Nein“ ist dabei genauso wertvoll wie ein „Ja“. Ideen und Visionen lassen sich so auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüfen.
  3. Die Suggestiv-Frage, die beim Fragen schon eine bestimmte Antwort provoziert. In Form einer Frage wird eine Meinung oder Behauptung geliefert, die vor einer Antwort entdeckt und zurückgewiesen werden muss. Erst danach ist eine freie Antwort möglich. Beispiel: „Finden Sie nicht auch, dass ihr Kollege sehr nachlässig arbeitet?“ Suggestiv-Fragen sind eine Manipulationstechnik, die Kindern fremd ist.

Kinder stellen manchmal hundert Fragen am Tag und können so die Erwachsenen zur Verzweiflung bringen. Denn sie hinterfragen einfach alles. Auch Dinge, die für uns selbstverständlich oder peinlich sind. Oder die wir nicht erklären können. Weil sie dabei teilweise für uns absurde Gedankengänge verknüpfen, bringen sie uns zum Lachen – und auf Ideen.

Der, die, das, / wer, wie, was, / wieso, weshalb, warum, / wer nicht fragt, bleibt dumm!
Tausend tolle Sachen, / die gibt es überall zu seh’n, / manchmal muss man fragen, / um sie zu versteh’n!

Titellied der Kinder-Fernsehserie „Sesamstraße“ ↗

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Personalauswahl mit Bauchgefühl oder Sachverstand?

Die Initiativbewerbung kam gerade recht: fachlich passte der junge Mann perfekt auf die Stelle, die demnächst ausgeschrieben werden sollte. Also lud man ihn zu einem informellen Gespräch ein. Doch sowohl der Chef als auch ein Mitarbeiter konnten sich nicht richtig erwärmen für den Bewerber. Der Eindruck wäre zwar deutlich, aber schwer zu fassen und deshalb solle nun die Personalabteilung über die Einstellung entscheiden. Schlägt Sachverstand wirklich das Bauchgefühl?

Die Auswahl eines Angestellten ist für den Arbeitgeber die Suche nach dem heiligen Gral während der Bewerber den Eindruck hat, nur eine eierlegende Wollmilchsau hätte eine Chance auf den Job. Da gibt es hohe Erwartungen an die fachliche Kompetenz, gepaart mit dem Wunsch nach sozialer Kompetenz und das Ganze natürlich zu einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis. Fachwissen lässt sich leicht abprüfen, doch bei den sozialen Kompetenzen wird es schwierig.

Die Verantwortung wird abgeschobenJeder Bewerber wird sich als „teamfähig“, „leistungsbereit“, „stressresistent“ und „kostenbewusst“ beschreiben. Dem Bewerber saßen der zukünftige Chef und ein zukünftiger Kollege gegenüber. Menschen also, die täglich mit dem Neuen zusammenarbeiten müssen. Sie hatten Zweifel an der Teamfähigkeit des Bewerbers, ohne es genauer beschreiben zu können. Deshalb wurde die Verantwortung abgeschoben an die Personalabteilung. Statt Bauchgefühl sollte Sachverstand die Entscheidung treffen. Die Personaler sind im Alltag jedoch weit weg vom Arbeitsteam.

Das Bauchgefühl, die Intuition, kann wirken, wenn:

  1. es Zeit und Raum gibt. Zwischen „Tür und Angel“, also unter Zeitdruck, lässt sich das Gefühl schwer fassen, da überzeugt ein Sachargument schneller.
  2. Mut vorhanden ist, dem eigenen Empfinden zu trauen. Der Verstand hat einen hohen Stellenwert. Dem ist der Mut entgegen zu setzen, zur Intuition zu stehen.

Wenn zwei Leute unabhängig voneinander ein ähnliches Bauchgefühl haben, dann ist die Entscheidung im Grunde genommen schon getroffen worden. Die Personalabteilung hatte nun die undankbare Aufgabe, diese Entscheidung sichtbar zu machen, abzusegnen und zu vollziehen.

Lassen Sie nicht zu, dass der Lärm fremder Meinungen Ihre eigene innere Stimme übertönt. Und vor allem haben Sie Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen.

Steve Jobs (1955-2011), Mitgründer und langjähriger CEO von Apple

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Wie ich versehentlich ‚mal schwanger war

Die Ankündigung der Elternzeit kam für die Kollegen des IT Helpdesks völlig unerwartet. In vier Wochen beginne der Mutterschutz der schon lang ergrauten Abteilungsleiterin. So stand es in der E-Mail, die die Vergabe von Vertretungsrechten regeln sollte. Und sie fragten sich tagelang, ob es wohl eine Adoption sei, man hätte ja „nichts“ gesehen. Das war auch unmöglich, denn das Kind war nichts anderes als ein Flüchtigkeitsfehler. Wie rettet man Situationen, die im Grunde genommen sehr peinlich sind?

Die Tücken des Büroalltags lauern an jeder Ecke und vor allem in der Bearbeitung von E-Mails. Wer kann nicht ein Lied davon singen, dass zur Weiterleitung bestimmte E-Mails aus Versehen an den Absender zurück geschickt wurden – inklusive deftiger Bemerkungen über dessen Unfähigkeit („Der Depp kann noch nicht mal Zahlen richtig lesen …“). Da wollte man sich beim befreundeten Kollegen durch die Lästerei entlasten und sendet diese stattdessen an den Absender. Peinlicher geht es kaum, es sei denn, man leitet Mails weiter, ohne den Inhalt zu überarbeiten. Abfällige Bemerkungen weiter unten im Text bleiben erhalten oder wichtige Änderungen am Personalpronomen werden vergessen. So wurde die Chefin, die zur Generation 50+ gehört, unverhofft schwanger. Heutzutage ist das mit künstlicher Befruchtung oder Adoption durchaus im Bereich des Möglichen. In Wirklichkeit hatte sie die Detailinfos ihrer schwangeren Mitarbeiterin aber unverändert übernommen, das Kind war ein elektronisches Versehen gewesen.

Zugeben ist besser als leugnenWas tun in solchen Fällen? Humor hat bei dieser ungewollten Schwangerschaft geholfen und die Situation geklärt. Doch wenn aus Versehen offensichtlich wird, wie wenig man von einem Kollegen hält, ist einem nicht nach Lachen zumute. Man kann hoffen, dass die peinliche Offenbarung in der Mailflut des Empfängers untergeht. Spätestens bei der nächsten Begegnung auf dem Flur wird einem aber die Schamesröte im Gesicht stehen. Leugnen wird nichts bringen, also bleibt nur: zugeben und sich erklären.

Der Ärger, der in der Lästerei seinen Kanal gefunden hat, wird seinen guten Grund haben. Wie wäre es, genau den zu benennen? Ganz ohne Anklage? Zum Beispiel so: Sachlich die Situation beschreiben („Als ich Ihren Kommentar las …“), dann das ausgelöste Gefühl schildern („… platzte mir der Kragen, denn ich habe drei Stunden Arbeit in diese Auswertung gesteckt, obwohl andere dringende Termine anstanden …“) und das, was Sie gebraucht hätten („… Ich möchte, dass meine Arbeit Ernst genommen wird …“), schließlich folgt noch ein klarer Wunsch („… und da hätte ich mir gewünscht, dass Sie die Zahlen auch in Ruhe anschauen, bevor Sie sie zurückweisen.“) Nun ist es am Anderen, sich zu erklären. So besteht die Chance, aus einem peinlichen Versehen ein echtes Verstehen zu machen.

Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.

Sun Tsu (ca. 544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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In der Firma streitet man sich nicht wie im Kindergarten – leider!

In der Sitzung sollte der Projektplan nun endlich verabschiedet werden. Doch statt die monatelangen Gespräche endlich zum Abschluss zu bringen, bekamen sich die beiden Verhandlungsgruppen über eine Kleinigkeit derart in die Haare, dass das gesamte Vorhaben scheiterte. Nach dem Gespräch waren alle der einhelligen Meinung: „Das war ja der reinste Kindergarten!“ Wobei das eine Beleidung war – für den Kindergarten. Denn so manche Firma könnte etwas von Kindergärten lernen. Dort wäre das Projekt nämlich erfolgreich gewesen.

Im Sandkasten wird richtig gestrittenIn der Tat erscheinen manche Sitzungen in Firmen von außen betrachtet besonders kindisch. Die Kontrahenten gönnen einander die Sandförmchen nicht, frei nach dem Motto: „Wenn ich schon meine Sandburg nicht bauen kann, dann sollst auch Du keine haben.“ So offen aussprechen kann man das im Geschäftsumfeld natürlich nicht, stattdessen werden „Budgetzwänge“, „Zuständigkeiten“ oder der „Datenschutz“ ins Feld geführt, um das Vorhaben des anderen zu torpedieren. Da macht es nichts, dass alles in Fachgruppen auf Herz und Nieren geprüft worden war. Mit einem scheinheiligen Lächeln beteuert man einander, wie vertrauensvoll man hier zusammen sitze und dass der andere wertvollen Input liefere. Nur mühsam wird verdeckt, was viele tatsächlich denken: „In meinem Sandkasten will ich Dich nicht haben!“

Wenn es offiziell um Sachinhalte geht, aber ein schwer greifbares Gefühl im Bauch ausgelöst wird, dass hier etwas nicht stimmt, spielt sich die Auseinandersetzung auf der Beziehungsebene ab, direkt an der Gürtellinie. Man will einander beweisen, dass man alles zum Scheitern bringen kann, wenn man es sich in den Kopf gesetzt hat. Wird dieses wahre Thema nicht klar benannt, also auf den Tisch gelegt, dann wird sich der Konflikt nicht lösen lassen und Projekte zum Scheitern bringen.

Ach wie schön wäre es, wenn es wirklich wie im Sandkasten eines Kindergartens zuginge: Da bekommt man sich in die Haare, zeigt dem anderen ganz offen wie blöd man ihn gerade findet, haut ihm die Schaufel auf den Kopf, der andere haut zurück und nach einer kurzen Rauferei ist die Sache erledigt. Eine Viertelstunde später spielt man wieder zusammen. Im Kindergarten wird richtig gestritten und ein Konflikt offen ausgetragen. Daher hat er eine Chance, gelöst zu werden. Das ist kindliches Verhalten, Erwachsene sind kindisch.

Manche Menschen haben einen Gesichtskreis vom Radius Null und nennen ihn ihren Standpunkt.

David Hilbert (1862 – 1943, Mathematiker)

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Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

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