Gute Vorsätze, Fastenzeit und die Kraft des Charlie Brown

Der kleine Junge ließ, wohl zum hundertsten Mal, seinen Drachen fliegen. Und wohl zum hundertsten Mal verhedderte sich wieder der Bindfaden im Baum, der Drache stürzte ab und der Junge hing in einem Schnurknäuel gefangen in den Ästen. Wann endlich würde er erfolgreich sein?

Imm wieder den Drachen steigen lassenDie Erfolglosigkeit dieses Jungen namens Charlie Brown ist legendär: der Comiczeichner Charles M. Schulz erzählt in unzähligen seiner „Peanuts“-Geschichten davon, wie Charlie Brown erfolglos seinen Drachen steigen lassen will. Doch nie, nie, nie klappt es. Von allen Figuren der Peanuts ist er mir der liebste, denn ich schätze sein Durchhaltevermögen. Er gibt schlicht und einfach nicht auf. Sei es auf dem Baseball-Feld, in seiner unerwiderten Liebe zum kleinen rothaarigen Mädchen oder eben beim Drachensteigen: ihm, dem geborenen Pechvogel, gelingt einfach nichts.

Ja, in Anbetracht seiner Misserfolge lässt er den Kopf hängen und darin ist er ein wahrer Könner. Doch dann rennt er wieder los, den Drachen im Schlepptau oder stellt sich mit dem Schläger in der Hand auf das Schlagmal des Baseballfeldes und probiert es erneut, zum Erfolg zu kommen.

Nun könnte man ihn natürlich vorwerfen, seine Energie zu vergeuden. Doch wäre er nicht auch ein wunderbares Vorbild für all die guten Vorsätze, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben? Ganz ehrlich: jeder hat irgendeinen. Und in diesem Jahr beginnt kaum sieben Wochen nach Jahresbeginn die Fastenzeit: wieder ein beliebter Anlass, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen und vielleicht abzulegen. Da können die guten Vorsätze direkt übergehen in die Fastenziele. Welch ein Glück, denn das Problem und gleichzeitig Geheimnis mit den Vorsätzen ist das Durchhalten. So eine Gewohnheit ist jahrelang, manchmal jahrzehntelang eingeübt. Die lässt sich nicht so leicht zur Seite schieben, ablegen, aussortieren. Das will ausgiebig geübt werden. Es dauert mal biblische 40 Tage, mal anthroposophische sieben Wochen oder schlicht und einfach ein bis zwei Monate täglichen Umlernens, bis die neue Gewohnheit die alte ersetzen kann. In diesem Jahr kann also der Gute Vorsatz in einem Rutsch bis zum Ende der Fastenzeit an Ostern ein neues Verhaltensmuster werden.

Scheitern gehört notwendigerweise dazu, wenn neues Verhalten gelernt werden will. Wenn es dann zwischenzeitlich mal wieder schwer fällt, von der Schokolade zu lassen, zum Sport zu gehen oder dem Shoppingangebot zu widerstehen, könnte es helfen, an Charlie Brown zu denken. Er ist der Weltmeister im Durchhalten oder in der Comic-Welt gesprochen:

Von allen Charlie Browns der Welt ist er der Charlie Brownste.

Lucy van Pelt, selbsternannter Doktor der Peanuts-Bande

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Auch ein Drache will geliebt werden

Ihr Job war es, den Laden am Laufen zu halten. Da ging es um Termine, Produktionen, Zulieferer – ein Rädchen griff ins Andere. Sandkörner im Getriebe konnte sie nicht gebrauchen. Und das zeigte ihr rauer Ton auch ganz deutlich. Doch tief in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Merkte das denn keiner?

Wer im Arbeitsleben die Verantwortung für die termingerechte Ablieferung von Produkten trägt, egal ob sie physisch oder digital sind, kommt sich oft vor wie ein Jongleur mit fünf, sechs oder gar sieben Bällen. Die wollen alle in der Luft gehalten werden, keiner darf herunterfallen. Sie müssen in der vorgeschriebenen Flugbahn bleiben! Rumtrödeln kann kein Mensch gebrauchen.

Für die zuliefernden Kollegen ist die Situation äußerst unangenehm, manche würden sagen: unmenschlich. Denn sie sollen funktionieren wie eine Maschine. Unabhängig davon, ob gerade das Kind krank zu Hause ist, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend doch wohl schlecht war oder der Haussegen in der Partnerschaft schief hängt. Und dann kommt der „Drache“, „Feldwebel“, „Sklaventreiber“ – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – und speit Feuer, brüllt Befehle oder schwingt die Peitsche.

Ich lade Sie zu einem gewagten Gedankenexperiment an dieser Stelle ein.

Nehmen Sie an, dass Sie in Wahrheit einen verzweifelten Schrei nach Liebe zu hören bekommen.
Hinter dem Drachen steht ein MenschNehmen Sie an, der Drache / Feldwebel / Sklaventreiber hat ein krankes Kind zu Hause, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend war wohl doch schlecht oder der Haussegen in der Partnerschaft hängt schief.
Ach – da gibt es keine Partnerschaft, Freundin, Kind? Vielleicht ist das eine große Sehnsucht?

Was wäre, wenn dieser Befehlston ein dicker Panzer wäre, hinter dem es keine Erinnerung mehr gibt, wann einen das letzte Mal ein Mitarbeiter wirklich freundlich angelächelt hat (und nicht nur dieses unterwürfige schleimige Grinsen zeigte)? Was wäre, wenn diese Person gerne sagen können würde: „Ich bin hier für alles verantwortlich und das macht mich fertig“? Und was wäre, wenn Sie dieser Person ein ehrliches freundliches Wort, ein winziges Kompliment, ein kleines Lächeln schenken könnten?

Nun, der Drache wird sich vermutlich nicht gleich in eine schöne Jungfrau (oder einen schönen Jüngling) verwandeln, der Feldwebel nicht das Peace-Zeichen machen oder der Sklaventreiber die Verbrüderung anstreben. Aber für Sie wäre etwas anders: Sie würden aus dem Gegenangriff rausgehen und hätten es selbst in der Hand, die Arbeitssituation von einem etwas mehr entspannten Standpunkt zu betrachten.

Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“

Aus: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

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Wenn Hochleistungsmäuschen Karriere machen

Jahrelang erledigte sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsgebiet etliche Aufgaben für den Kollegen. Als dann die neu ausgeschriebene Stelle in jenem Arbeitsbereich extern besetzt wurde, fühlte sie sich verraten. Wie konnte sie nur so über- und hintergangen werden?

Draußen in der freien Wildbahn gibt es eine ganz besondere Beziehungskonstellation: zwei Arten bedingen einander und leben in einer symbiotischen Wirts-Gast-Beziehung. Der Wirt versorgt den Gast mit Ressourcen. Da gibt es beispielsweise die sympathischen Buphagus-Vögel, die auf dem Rücken der Kaffernbüffel durch die Savanne reiten und die Maden vom Rücken der Wirtstiere picken. Das ist Körperhygiene für den Büffel und gleichzeitig Nahrung für den Vogel.

Der Pfau geht seinen WegBesonders im Büroalltag scheint es hervorragende Lebensbedingungen für diese Symbiose zu geben, in der Variante der „grauen Mäuse“ und der „schillernden Selbstdarsteller“. Dabei ist es interessant, einmal den Blick auf die Mäuse zu lenken.

Oft haben die Mäuse ein empathisches Sozialverhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein und umfassende Detailkenntnisse. Weil es „sonst niemand machen würde“ oder man „niemanden im Stich lassen will“ wird dann die anfallende Arbeit getan, auch wenn es eigentlich nicht zum eigenen Job gehört. Sie übererfüllen die Aufgaben, liefern die Höchstleistung und ducken sich wie Mäuse in ein Loch, wenn es darauf ankäme, die Erfolgsflagge zu zeigen.

Die Journalistin Bascha Mika spricht von einer „Selbstvermausung“ ↗ intelligenter, gut ausgebildeter Menschen. Zwar bemerkt sie das vor allem an Frauen, doch es gibt auch männliche Mäuse. Alleine die Idee, sich als 1,60 bis 1,85 Meter große Maus klein machen und verstecken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Für ihre Beschreibung steckte Bascha Mika viel Kritik ein. Dabei macht sie darauf aufmerksam, wie Hochleistungsmäuse Karriere machen – halt nur nicht selbst, sondern sie machen die Karriere der Selbst- und Außendarsteller. Sie sorgen durch ihr Verhalten für deren Erfolg, denn sie halten den Selbstdarstellern den Rücken frei, indem sie alle anfallenden Arbeiten erledigen – mit denen sich dann aber der Andere brüstet, ohne die Mäuse zu erwähnen.

Die Schaumschläger gehen dank der Hochleistungsmäuse ihren Weg: Zurück bleiben die Mauerblümchen wie damals bei der Tanzstunde. So lange, bis die ihre Unterstützung einstellen und in der Öffentlichkeit sagen: „Das war Ihre Aufgabe und ich habe sie erledigt, nicht Sie!“

Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.

Inge Lohmark (Lehrerin. Hauptperson aus dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky)

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Nachsitzen beim Abi-Jahrgangstreffen

Als die Einladung zum 30-jährigen Abiturtreffen ins Haus flatterte, fing es an, in ihm zu rumoren. All die Erinnerungen an die Schulzeit kamen wieder hoch und er fragte sich, ob er wohl zum Treffen gehen sollte. Denn wie sollte er den Menschen begegnen, mit denen er die Jugend verbrachte und seitdem nicht mehr gesehen hatte?

Bis zum Abitur (oder bis zum Realschulabschluss) haben Jugendliche zwei Drittel ihres Lebens in der Schule verbracht. Auch wenn das Lernen das Hauptziel der Schule ist, so werden dort vor allem die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich im Angesicht von Autoritäten? Neben dem Lehrer sind das der Stärkste in der Klasse, das coolste Mädchen oder der reichste Mitschüler. Oder: Wie finde ich meinen Platz in der Gruppe? Bin ich im Kern, dem „In-Kreis“, oder gehöre ich zu den Satelliten, die sich notgedrungen als Außenseiter zusammenschließen, um nicht alleine zu bleiben?

Zehn Jahre nach dem Schulabschluss geht es bei einem Treffen oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Schaut, was ich alles erreicht habe! Und jetzt Du!“ An zweiter Stelle steht dann: „Weißt Du noch, als …?“ Die Geschichten der Schulzeit werden erzählt. Da kann es sehr lustig werden – zumindest für die, die die Lacher schon damals auf ihrer Seite hatten. Je länger die Schule zurückliegt, um so mehr rückt die Nostalgie in den Vordergrund; die Lebensleistung ist nicht mehr der äußere Erfolg, sondern die Art, wie man mit dem eigenen Schicksal umgegangen ist.

Beim Abitreffen kommen alte Geschichten hochAuch wenn sich die Wege nach der Schule getrennt haben, verbindet ein unsichtbares Band die Ehemaligen miteinander. Leicht fällt man wieder in die alten Rollen und Verhaltensweisen zurück. Die international renommierte Wissenschaftlerin wird im Angesicht ihrer Mitschülerinnen in ihrem Innern wieder zu dem gehänselten Mädchen aus der Parallelklasse. So richtig los wird man diese alten Zuschreibungen vielleicht nie.

Und so scheint ein Jahrgangstreffen wie ein Sprachkurs für „False Beginners“ zu sein. Es gibt ein paar tief verschüttete Grundkenntnisse, doch gleichzeitig muss man von vorne anfangen. Der Neubeginn ist nicht Jedem vergönnt, weil es in der Schule, wie in jedem sozialen Gefüge, Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit gibt und andere, die am Rand stehen. Auf der Gewinnerseite stehen die, die sich in der Schule wohl fühlten. Schwieriger wird es für die, die die prägendste Zeit ihres Lebens unglücklich waren und froh sind, davon weggekommen zu sein. So können bei einem Wiedersehen ihre alten Narben wieder schmerzen.

Oder ich sehe das Jahrgangstreffen als Chance, mit dem Alten endlich meinen Frieden zu machen, das Vergangene abzuschließen und mir und den Menschen von damals eine neue Chance zu geben.

Wer mit vierzig noch mal bei null anfängt, fängt nicht bei null an, sondern bei vierzig.

Jörg Fauser (1944 – 1987, Schriftsteller, Journalist und Liedtexter)

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2017 wird das Jahr des Schlafens

Oh, was gingen ihm diese Vorsätze für das neue Jahr auf die Nerven! Jeder nimmt sich große Dinge vor, allesamt mit hohem Potential zum Scheitern. Er hatte nur ein einziges Ziel: immer genug Schlaf. Damit würde alles gut werden in 2017.

Seit Jahren unverändert ↗ sind die dringlichsten Wünsche und Vorsätze für das neue Jahr. Dabei gehören zwar „Mehr Sport machen“, „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“ zu den All-Time-Favourites, doch ganz vorne stehen, mit steigender Tendenz, „Stress abbauen“ und „Mehr Zeit für die Familie“. Ein wesentlicher Einflussfaktor wird dabei gerne außer Acht gelassen: ein Erdentag hat 24 Stunden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Den Wecker in die Mülltonne werfenWas jeder in diesen Stunden macht, ist nicht nur von den persönlichen Vorstellungen, sondern auch vom gesellschaftlichen Umfeld abhängig. In der Regel ist nämlich der Morgen fremdbestimmt durch Schulbeginn, Kernarbeitszeiten, etc. Manche sind auf der Jagd nach jeder Minute mehr Schlaf dazu übergegangen, auf ein Frühstück zu verzichten, einen Turbo-Duschmodus zu entwickeln und Multi-Tasking zu perfektionieren.

Die Abende dagegen sind flexibler und in der Tendenz wird der Zeitpunkt des Einschlafens immer weiter nach hinten geschoben ↗. Logischerweise sinkt somit die Schlafdauer, denn das Aufstehen ist ja vorgegeben. Ungünstig ist die Kombination aus spätem Einschlafen und frühem Aufstehen für Nachteulen (wegen des Aufstehens) ebenso wie für Morgenschwalben (wegen des Einschlafens). Nehme ich mir dann noch vor, zusätzlich zu meinem bisherigen Programm mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder Sport zu machen, bleibt immer weniger Schlaf übrig.

Zudem sind die Schlaf- und Aufstehzeiten von Sonnenuntergang und –aufgang entkoppelt ↗, während der Organismus das über tausende von Jahren als Schlafregulator gelernt hat. Die innere Uhr jedes Menschen bestimmt leistungsstarke und –schwache Tagesphasen. Doch übermüdete Menschen machen nicht nur mehr Fehler und sind weniger leistungsfähig, sie überschätzen sich auch gerne. Nur die Hälfte der Menschen haben ihre guten Vorsätze mehr als drei Monate ↗ befolgt.

Wie wäre es also mit einem einzigen Vorsatz für das neue Jahr? „Ich möchte jeden Tag in meinem mir ureigensten Rhythmus schlafen!“ Klingt wenig, kann aber revolutionäre Folgen haben. Als Morgenschwalbe gehe ich früher ins Bett (was sagt meine Familie oder mein Freundeskreis dazu?), als Nachteule komme ich später zur Arbeit (was sagt mein Arbeitgeber dazu?). Wer diese Idee als blanken Unsinn bezeichnet, der denke doch einfach mal an den letzten Urlaub zurück: Was war das Beste daran? War es vielleicht: endlich mal auszuschlafen und ohne Wecker aufzuwachen?

Ich würde ein Gesetz erlassen, ein einziges. Jeder hat ein Recht auf den ungestörten, von selbst endenden Schlaf! Dieses Gesetz machte alle anderen entbehrlich. Es enthält den Frieden, die Gesundheit und das Glück.

Peter Altenberg (eigentlich Richard Engländer, 1859 – 1919, österreichischer Schriftsteller)

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Einer Freundin aus der Patsche helfen

Es war eine besonders knifflige Stelle auf dem Weg nach oben. Ein Zurück war nicht mehr möglich und ihre Kräfte waren am Ende. Doch dann bekam sie von ihrem Partner eine sachte Unterstützung und so schaffte sie es auf das Felsplateau. Was lässt sich vom Klettern lernen, um Freunden beim Meistern auswegloser Situationen zu helfen?

Ein Freund hilft durch BegleitungBeim Bouldern klettern Menschen ohne Seil und Gurt an natürlichen Felsen oder an künstlichen Kletterwänden. Sie klettern dabei in der Regel nur so hoch, dass sie notfalls auch abspringen könnten. Doch auch hier gibt es Stellen, die eine scheinbar eine Sackgasse sind: der nächste Griffpunkt, sei es eine Felsspalte oder ein Vorsprung, kann nur mit den äußersten Fingerspitzen erreicht werden. Die Füße finden keinen neuen Halt, auch zur Seite ergibt sich kein Ausweg. Der Sprung nach unten birgt die Gefahr, sich an den rauen Felswänden zu verletzen.

Das klingt nach Umständen, wie sie auch im Berufs- oder Privatleben vorkommen können: Auf der Arbeit ist man im Team gefangen und eine Re-Organisation kappt die letzte Chance auf Weiterentwicklung. Oder in der Familie dreht sich eine Abwärtsspirale, weil die Kinder mit der Schule nicht zurechtkommen, aber ein Schulwechsel unmöglich ist.

Im oben genannten Beispiel half der Kletterpartner mit einer Drei-Punkte-Strategie weiter: Erklären – Vertrauen – Stützen.

  1. Anfangs erklärte er die Situation und die möglichen Optionen. Er hatte von unten, mit Abstand, mehr Überblick und konnte Wege zeigen, die die Kletternde nicht sah.
  2. Während ihre Kräfte schwanden, gab er ihr einen Vertrauensvorschuss. Weil er realistisch daran glaubte, dass sie den nächsten Schritt machen kann (und nur um den geht es – Schritt für Schritt, Griff für Griff geht es voran), sorgte er für einen kleinen emotionalen Energieschub. Statt auf direktem Weg über einen unüberwindlichen Berg geht es einfacher um ihn herum: Schritt für Schritt auf einer Serpentinenstraße ↗ jeweils nur bis zur nächsten Wendung. Und dann schaut man weiter.
  3. Schließlich stützte er sie mit seinen Händen: er umfasste oder hielt sie nicht, sondern legte einfach die Hand sachte an ihren Rücken. Über diese Geste wird bei der berührten Person das Hormon Oxytocin ausgeschüttet ↗. In der Folge sinkt der Stresspegel im Gehirn, Schmerzen werden weniger empfunden und Ängste verringern sich.

Diese kleinen Interventionen sind ein echter Freundschaftsdienst: sie lösen die innere Blockade und Verzweiflung auf, der weitere Weg wird frei. Unabhängig vom Geschlecht übrigens.

Gute Freunde reichen uns die Hand, aber gehen lassen sie uns selber.

Anke Maggauer-Kirsche (*1948, deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin)

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Das Team durch das Tal der Tränen führen

Die Umstrukturierung betraf jeden Arbeitsplatz. Moderner und effizienter sollten die Prozesse werden und Alteingefahrenes abgeschafft. Doch weder Frustration, innere Kündigung noch Rebellion waren im Team zu spüren, statt dessen Vertrauen in die Bereichsleiterin. Wie hatte sie das hinbekommen?

Durch das Tal der Tränen führenBei einer Veränderung in der Arbeitswelt gibt es verschiedene Phasen, die ein Team erschüttern können. Oft fängt es mit Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand und Gerüchten über bevorstehende Maßnahmen an. Dann die ersten Veränderungen, die oft mit einer aus der Homöopathie bekannten „Erst-Verschlimmerung“ ↗ einhergehen. Denn zusätzlich zum Alltag müssen noch neue Wege entwickelt und Arbeitsweisen eingeführt werden: Das System muss gleichzeitig nach den alten und den neuen Prinzipien funktionieren. Hier sprechen viele vom biblischen „Tal der Tränen“ ↗, durch das „man“ hindurch müsse.

Es gibt Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vermitteln, dass mit „man“ nur sie, die Angestellten, gemeint seien. Zwar wird oft das „gemeinsame Boot“ beschworen, in dem sie jetzt alle sitzen würden, doch wenn der Steuermann nach Richtung und Ziel gefragt wird, wird es nebulös. Er versteckt sich hinter blumigen Worten und vagen Versprechungen. Ganz anders hat es die Bereichsleiterin im Eingangsbeispiel gemacht.

Sie sagte sich: „Wenn es nun mal so ist, wie es ist und es sich nicht so leicht ändern lässt – dann brauchen meine Mitarbeiter jetzt Empathie und Transparenz.“ Empathie, Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Situation, in der sie jetzt drin stecken. Vielleicht zerplatzen manche Karriereträume. Oder geliebte Arbeitsgebiete werden abgeschafft, die geschätzte Kollegin wird an einem anderen Tisch sitzen.

Und gleichzeitig Transparenz über das Warum, Wofür und Wie der Veränderungen. Ein offenes Gespräch über zerplatzte Karriereträume oder über Chancen und Risiken neuer Aufgaben, aber auch darüber, dass sich noch nicht alles vorhersagen lässt. Denn Mitarbeiter sind nicht so dumm, wie ihnen oft unterstellt wird. Natürlich merken sie, wo der Hase lang läuft und eine Führungskraft, die das ignoriert, gilt als feige und bekommt kein Vertrauen.

So hat also die Bereichsleiterin nach der einfachen Formel „Empathie + Transparenz = Vertrauen“ gehandelt. Dass sie dafür innere Größe braucht, machte sie übrigens überhaupt nicht zum Thema.

Lieber klare Kante als Hose voll

Franz Müntefering, 2008 (* 1940, SPD-Politiker)

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(K)ein Leben ohne Konflikte

Die Abteilung war zu einer Teamentwicklung ins Tagungshotel eingebucht. Als sich die Kollegen am zweiten Tag als „Konflikt-Schafe“ oder „Konflikt-Stiere“ bezeichnen sollten, wünschte sich ein Mitarbeiter heimlich eine dritte Option: das große Loch, in das er jetzt verschwinden könnte. Denn das wäre ihm am liebsten gewesen. Kam man so nicht am besten durchs Leben?

Konflikte machen manchen Menschen richtig Angst. Die schiere Aussicht, sich in einer Situation zu befinden, wo man sich behaupten und positionieren oder Widerstände überwinden muss, lösen Stress aus –dem Körper wird höchste Gefahr signalisiert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung haben sich im Falle einer lebensbedrohlichen Situation die grundlegenden Reaktionen „Kämpfen (fight)“ und „Flüchten (flight)“ herausgebildet.

Blitzschnell wird eingeschätzt, ob ich den Gegner in einem Kampf besiegen könnte – die Reaktion eine Stiers, der die Hörner senkt und seinen Gegner anvisiert. Sehen meine Siegchancen schlecht aus, bleibt mir die Flucht aus der Situation – die Schafsreaktion. Ziel beider Varianten: mit dem Leben aus dem Konflikt, der Gefahr, herauszukommen. Der Fachbegriff dafür: „fight-flight response“.

Aus einem Konflikt verschwindenDoch was ist, wenn ich weder siegreich kämpfen noch wirklich flüchten kann – ich also der Situation ausgeliefert bin? Der britische Psychologe Jeffrey Alan Grey hat die oben beschriebene fight-flight response um die Dimension des „freeze“ erweitert ↗: das Erstarren bzw. Totstellen. Wie das Kaninchen vor der Schlange, das dadurch hofft, uninteressant als Futter zu sein. Denn Schlangen wollen ihr Essen gerne lebendig.

Der Mitarbeiter im Teamentwicklungsseminar wünschte sich noch mehr als übersehen zu werden: nicht da sein und alles würde von alleine gut werden. Wenn er wieder aus seinem Loch herauskäme, hätte sich der Konflikt wie von ganz alleine in Luft aufgelöst. Denn er wollte am liebsten frei von Konflikten leben. Der schweizerische Paar-Therapeut und Vater der Klärungshilfe Christoph Thomann ↗ macht dieser Illusion ein Ende: Wir leben alle in Konflikten, das lässt sich nicht verhindern. Es gibt keine vierte Option, um auf Konflikte zu reagieren: Durch Augen-zumachen verschwinden sie nicht.

Ich verstehe überhaupt nicht, was Waffen in Nicht-Spannungsgebieten verloren haben.

Franz Josef Strauß (1915 – 1988, Bundesminister für Verteidigung 1956 – 1962)

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Die Weihnachts-Logistik

Es war die jährlich wiederkehrende Meisterprüfung für ihr Organisationstalent: an Weihnachten wollten alle Verwandten besucht werden – nicht nur ihre eigenen, sondern auch die des Ehemannes. Sie alle wohnten verteilt in der Republik, teilweise geschieden und neu verheiratet. Als ihr Partner fragte, wann sie beide denn mal für sich Zeit hätten, wusste sie nicht, ob sie lachen, weinen oder schreien sollte. Vielleicht einfach vor allem und jedem fliehen?

Menschen, die schon in den 90er Jahren Windows-Computer benutzten, kennen den berühmt-berüchtigen „Blue screen of Death“: Wie aus heiterem Himmel wurde eine kryptische Meldung im Stile von

0x0000001E, KMODE_EXCEPTION_NOT_HANDLED

auf leuchtend blauem Bildschirm angezeigt, der Computer fror ein und der notwendige Kaltstart vernichtete alle nicht gesicherten Daten. Dem PC war es einfach zu viel geworden oder eine unerwartete Anforderung ließ ihn abstürzen.

Weihnachten mal ganz für sich feiernMit einem solchen Bluescreen würde vielleicht mancher auch gerne reagieren, wenn die alljährliche Weihnachtsplanung ansteht. Jetzt, in den theoretisch ruhigen und besinnlichen Adventswochen, muss die Meisterleistung vollbracht werden:

  • Alle fühlen sich ausreichend besucht.
  • Nur die Menschen sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort, die auch miteinander „können“.
  • Die hierarchische Reihenfolge ist korrekt: der 24.12. adelt die Besuchten vor allen anderen.
  • Die Fahrstrecke ist auf Zeit, Länge und Staugefahr hin optimiert.

Was in der Mathematik als „Problem des Handlungsreisenden“ bekannt ist, lässt den eigenen Wunsch unter die Räder kommen, wie ich denn ganz persönlich meine Weihnachtstage verbringen will. Um die eigene Zeit zu retten, wird von vielen die Flucht angetreten. Auf die Hütte in den Alpen, auf eine abgelegene Nordseeinsel, in die Sonne des Südens. Und doch ist es dort für so manchen nicht wirklich Weihnachten. Weihnachten, das seien doch eigentlich die eigenen vier Wände.

Ich stand auch vor dieser Aufgabe und habe mich gemeinsam mit meiner Frau entschieden, dass wir uns unser Weihnachten selbst gestalten. Und das taten wir auch. Was anfangs als Zurückweisung angesehen wurde, konnte unser Umfeld im Laufe der Jahre erkennen als das, was es ist: unsere persönliche Tradition, die keinen anderen verletzen soll, sondern einfach uns gewidmet ist. Und weil wir dann entspannt in der Zeit zwischen den Jahren unsere „honneurs“ machten, also unsere Verwandten besuchten, haben wir gleichzeitig ein Vorbild gegeben: Weihnachten – das kann tatsächlich besinnlich sein.

Take it easy – but take it.

John Cage (1912 – 1992, US-amerikanischer Komponist)

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Personalauswahl mit Bauchgefühl oder Sachverstand?

Die Initiativbewerbung kam gerade recht: fachlich passte der junge Mann perfekt auf die Stelle, die demnächst ausgeschrieben werden sollte. Also lud man ihn zu einem informellen Gespräch ein. Doch sowohl der Chef als auch ein Mitarbeiter konnten sich nicht richtig erwärmen für den Bewerber. Der Eindruck wäre zwar deutlich, aber schwer zu fassen und deshalb solle nun die Personalabteilung über die Einstellung entscheiden. Schlägt Sachverstand wirklich das Bauchgefühl?

Die Auswahl eines Angestellten ist für den Arbeitgeber die Suche nach dem heiligen Gral während der Bewerber den Eindruck hat, nur eine eierlegende Wollmilchsau hätte eine Chance auf den Job. Da gibt es hohe Erwartungen an die fachliche Kompetenz, gepaart mit dem Wunsch nach sozialer Kompetenz und das Ganze natürlich zu einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis. Fachwissen lässt sich leicht abprüfen, doch bei den sozialen Kompetenzen wird es schwierig.

Die Verantwortung wird abgeschobenJeder Bewerber wird sich als „teamfähig“, „leistungsbereit“, „stressresistent“ und „kostenbewusst“ beschreiben. Dem Bewerber saßen der zukünftige Chef und ein zukünftiger Kollege gegenüber. Menschen also, die täglich mit dem Neuen zusammenarbeiten müssen. Sie hatten Zweifel an der Teamfähigkeit des Bewerbers, ohne es genauer beschreiben zu können. Deshalb wurde die Verantwortung abgeschoben an die Personalabteilung. Statt Bauchgefühl sollte Sachverstand die Entscheidung treffen. Die Personaler sind im Alltag jedoch weit weg vom Arbeitsteam.

Das Bauchgefühl, die Intuition, kann wirken, wenn:

  1. es Zeit und Raum gibt. Zwischen „Tür und Angel“, also unter Zeitdruck, lässt sich das Gefühl schwer fassen, da überzeugt ein Sachargument schneller.
  2. Mut vorhanden ist, dem eigenen Empfinden zu trauen. Der Verstand hat einen hohen Stellenwert. Dem ist der Mut entgegen zu setzen, zur Intuition zu stehen.

Wenn zwei Leute unabhängig voneinander ein ähnliches Bauchgefühl haben, dann ist die Entscheidung im Grunde genommen schon getroffen worden. Die Personalabteilung hatte nun die undankbare Aufgabe, diese Entscheidung sichtbar zu machen, abzusegnen und zu vollziehen.

Lassen Sie nicht zu, dass der Lärm fremder Meinungen Ihre eigene innere Stimme übertönt. Und vor allem haben Sie Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen.

Steve Jobs (1955-2011), Mitgründer und langjähriger CEO von Apple

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