Das schwarze Schaf der Familie

Die Familiengeburtstage liefen schon immer so ab: Kaffee, Kuchen, Kartoffelsalat, Würstchen, Bier und Schnaps bis zur völligen Trunkenheit der Gäste. Alle machten mit, bis auf einen Cousin, der eisern nüchtern blieb. Er war halt der Sonderling und manch einer fragte sich: „Der ist so anders, gehört der überhaupt zur Familie?“

Aus guten Gründen gibt es bei Herdentieren bei jeder/jedem Individuum die Tendenz, sich anzupassen. Auch Menschen sind Herdentiere. Wer zur Gruppe gehört, ist bei einem Angriff geschützter, kann auf Anerkennung oder Unterstützung hoffen und gewährt im Gegenzug Hilfe für andere Gruppenmitglieder. Dazu passt man sich einander an, allzu große Abweichungen im Verhalten oder Aussehen werden vermieden.

Doch persönliche Vorlieben oder Eigenschaften lassen sich nicht beliebig glattschleifen und so entsteht mitunter Ausgrenzung. „Das ist das schwarze Schaf in unserer Familie“ kann genauso gut für die einzige studierte Person im bäuerlichen Familienkreis gelten wie für die einzige Handwerkskraft im akademischen Umfeld; den einzigen Vegetarier im Metzgersclan oder die Oldtimerfreundin in der Öko-Kommune.

Als schwarzes Schaf lässt es sich gut leben

Diese Individualisten, diese „nicht Passenden“ stehen vor einer schweren Entscheidung: beuge ich mich dem Gruppendiktat um den hohen Preis, dass ich mich innerlich „falsch“ fühle, meine Wünsche, Talente oder Sehnsüchte unterdrücke „um des lieben Friedens willen“? Oder trage ich den Konflikt nach außen, anstatt ihn in mir selbst auszutragen? Manchmal kann man sich einfach nicht passend machen. Und aus einem Trotz heraus kann eine mutige Entscheidung entstehen: „Wenn ihr mich sowieso anders wollt, dann bin ich eben anders – aber so, wie ich will und nicht so, wie Ihr es wollt!“ Denn die Leute reden sowieso, egal was ich mache. Als schwarzes Schaf nehme ich mir daher Freiheiten heraus, von denen die anderen nur träumen. So lässt es sich prima leben!

Dieser Weg, zu sich und zur eigenen Individualität zu stehen, kann auch einen Preis fordern: den des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Gleichzeitig eröffnet er die Chance, die Energie in die Förderung der eigenen Talente zu investieren anstatt in ihre Unterdrückung. Entwicklung ist nie durch Anpassung alleine möglich, es braucht immer auch eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen.

Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche lassen sich zwar tief vergraben, doch im Untergrund leben sie weiter und revoltieren früher oder später. Letztendlich wird damit das von außen vergebene Stigma des „schwarzen Schafes“ erfüllt: die Ausbrüche aus den fremden Gefängnismauern gelten geradezu als Beweis für die Absonderlichkeit dieses Familienmitgliedes.

Doch scheint mir der individuelle Weg der einzig Gangbare zu sein, da er vielfältige Möglichkeiten eröffnet, während das Unterdrücken der persönlichen Entwicklung das Leben einengt. Einen Kampf muss ich nun mal ausfechten: entweder in mir drinnen gegen mich selbst oder ich bin im Reinen mit mir und kämpfe gegen das Umfeld. Bevor ich mir meinen Willen brechen oder mein Seelenheil gefährden lasse, suche ich persönlich lieber meinen Weg, mein eigenes Leben zu leben. Notfalls im Exil.

Woanders weiß man selber, wer man ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat.

Aus dem Roman „Sommerfest“ von Frank Goosen

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