Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)

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Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

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Der Preis der Freundschaft? 7.99

Schon seit ihrer Kommunion schrieb sie alle Geschenke samt geschätztem Kaufpreis in ein Notizheft. Später dann nannte sie bei allen Gesprächen ungefragt die Preise erwähnter Gegenstände. Eines Tages fragte sie ein Kollege, welches Preisetikett sie wohl einer Freundschaft anheften würde.

Was ein Geschenk wert istSchon in der Kindheit lernte sie, Freundschaftsdienste (und dazu zählten Geschenke) genau zu taxieren. Schenkte ihr jemand zum Geburtstag etwas für 7.99, dann war ihr Gegengeschenk an dessen Geburtstag genauso teuer. Sie wollte sich da nichts schuldig bleiben lassen. Der angenehme Nebeneffekt: Sie gab für den anderen nie mehr aus als der für sie.

Als Erwachsene zeigte sie ihre Geschäftstüchtigkeit, indem sie bei allen Produkten, über die sie sprach, grundsätzlich den Preis dazu nannte. Ein schöner Pulli (39 Euro, ein Schnäppchen), der neue Grill (400 Euro, die Luxuslinie) – so konnte jeder sehen: sie wusste, mit Geld umzugehen und konnte sich deshalb ordentlich was leisten.

Nur die Freundschaften wurden über die Jahre weniger. Gelangweilt von werbeprospektartigen Preisinformationen wandten sich die Menschen von ihr ab. Sie schien den Unterschied zwischen dem Preis eines Dinges und dessen Wert nicht zu kennen. Bei einem Geschenk kommt es nicht so sehr auf die Gabe an, sondern auf die Geste des Schenkenden.

Das fiel ihr auf, als sie ein selbstgemachtes Geschenk erhielt, das ihr ausnehmend gut gefiel. Sie kam ins Grübeln: welchen Preis sollte sie aufschreiben? Die verwendeten Materialien – Papier, Klebstoff, Bast – waren kaum einen Euro Wert. Wie lange dauerte wohl das Basteln – eine halbe Stunde? Und wie hoch wäre der Stundensatz? Zum ersten Mal blieb die Spalte „Preis“ in ihrem Notizbuch der Geschenke leer.  Bis zum Gegengeschenk blieben ihr noch fünf Monate Zeit, diesen Freundschaftspreis zu ermitteln.

Geiz und Glück werden sich niemals kennenlernen.

Benjamin Franklin, (1706 – 1790, US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und Schriftsteller)

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Einschreiten, bevor es zu spät ist

Der Firmenumzug war nicht mehr als ein Gerücht und die Umsetzung in weiter Ferne. Doch der Sachbearbeiter hatte, aus angeblich gut informierten Quellen, stets neue Fakten parat. Die verknüpfte er wild nach dem Motto „Je oller, destojewski“ zu Zusammenhängen, die es gar nicht gab. Der Abteilungsleiter hielt sich mit Kommentaren zurück. Schließlich gab es bisher keinerlei Fakten und das würde die Gerüchteküche schnell austrocknen lassen. Ist doch so, oder?

Aus einer Mücke kann ein Elefant werdenDer Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem Viele mehr ihrer wachen Zeit verbringen als zu Hause mit der Familie. Deshalb haben Änderungen dieser Umgebung für Menschen mit einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis eine große persönliche Auswirkung. Wer wird mit wem zusammen sitzen? Wie ist das Licht, die Luft, der Lärm am neuen Platz? Werde ich gar einen eigenen Platz haben? Man hört doch schließlich immer wieder von diesen „Desksharing“-Büros ↗, wo sich jeder morgens seinen Rollcontainer schnappt und ihn zu einem beliebigen freien Platz hin rollt.

Bei Führungskräften finden sich oft Menschen, die faktenbasiert entscheiden und die ein hohes Maß an Unabhängigkeit aushalten. Für die sind „ungelegte Eier“ nicht der Rede wert. Leider neigt man dazu, die eigene Weltsicht auch beim Gegenüber anzunehmen: „So wie ich das sehe, ist es doch richtig und vernünftig. Das muss mein Gegenüber doch auch so sehen wie ich.“

Bei Menschen, die dauerhafte Strukturen in ihrem Leben brauchen, führt der Mangel an Informationen nicht dazu, dass sie weniger darüber reden, was ihnen bevor steht, sondern sie reden umso mehr, je weniger sie gewiss sind. Sie lechzen förmlich nach Faktenhappen. Die sie dann interpretieren und ausschmücken, damit sie größer werden und ihren Informationshunger stillen können. Und so werden Mücken zu Elefanten und am Ende lassen sich Gerüchte nicht mehr einfangen.

Auch wenn es wenig Informationen über so etwas Wichtiges wie einen Büroumzug gibt, lohnt es sich, das Thema regelmäßig anzusprechen. Das nimmt die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen ernst, denen Veränderungen mehr Angst als Freude machen und stillt deren Bedürfnis nach Velässlichkeit.

Optimisten sind schlecht informierte Pessimisten

Aus dem Film „Der Himmel soll warten“

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Die Weihnachts-Logistik

Es war die jährlich wiederkehrende Meisterprüfung für ihr Organisationstalent: an Weihnachten wollten alle Verwandten besucht werden – nicht nur ihre eigenen, sondern auch die des Ehemannes. Sie alle wohnten verteilt in der Republik, teilweise geschieden und neu verheiratet. Als ihr Partner fragte, wann sie beide denn mal für sich Zeit hätten, wusste sie nicht, ob sie lachen, weinen oder schreien sollte. Vielleicht einfach vor allem und jedem fliehen?

Menschen, die schon in den 90er Jahren Windows-Computer benutzten, kennen den berühmt-berüchtigen „Blue screen of Death“: Wie aus heiterem Himmel wurde eine kryptische Meldung im Stile von

0x0000001E, KMODE_EXCEPTION_NOT_HANDLED

auf leuchtend blauem Bildschirm angezeigt, der Computer fror ein und der notwendige Kaltstart vernichtete alle nicht gesicherten Daten. Dem PC war es einfach zu viel geworden oder eine unerwartete Anforderung ließ ihn abstürzen.

Weihnachten mal ganz für sich feiernMit einem solchen Bluescreen würde vielleicht mancher auch gerne reagieren, wenn die alljährliche Weihnachtsplanung ansteht. Jetzt, in den theoretisch ruhigen und besinnlichen Adventswochen, muss die Meisterleistung vollbracht werden:

  • Alle fühlen sich ausreichend besucht.
  • Nur die Menschen sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort, die auch miteinander „können“.
  • Die hierarchische Reihenfolge ist korrekt: der 24.12. adelt die Besuchten vor allen anderen.
  • Die Fahrstrecke ist auf Zeit, Länge und Staugefahr hin optimiert.

Was in der Mathematik als „Problem des Handlungsreisenden“ bekannt ist, lässt den eigenen Wunsch unter die Räder kommen, wie ich denn ganz persönlich meine Weihnachtstage verbringen will. Um die eigene Zeit zu retten, wird von vielen die Flucht angetreten. Auf die Hütte in den Alpen, auf eine abgelegene Nordseeinsel, in die Sonne des Südens. Und doch ist es dort für so manchen nicht wirklich Weihnachten. Weihnachten, das seien doch eigentlich die eigenen vier Wände.

Ich stand auch vor dieser Aufgabe und habe mich gemeinsam mit meiner Frau entschieden, dass wir uns unser Weihnachten selbst gestalten. Und das taten wir auch. Was anfangs als Zurückweisung angesehen wurde, konnte unser Umfeld im Laufe der Jahre erkennen als das, was es ist: unsere persönliche Tradition, die keinen anderen verletzen soll, sondern einfach uns gewidmet ist. Und weil wir dann entspannt in der Zeit zwischen den Jahren unsere „honneurs“ machten, also unsere Verwandten besuchten, haben wir gleichzeitig ein Vorbild gegeben: Weihnachten – das kann tatsächlich besinnlich sein.

Take it easy – but take it.

John Cage (1912 – 1992, US-amerikanischer Komponist)

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Mit 60 auf Wolke sieben schweben

Sie brachte alle Äußerlichkeiten mit, um Männern auf der Straße den Kopf zu verdrehen: Der rot geschminkte Mund kontrastierte perfekt zu ihren Haaren, dezent-erlesener Schmuck an Hals und Händen – so radelte sie schlank und durchtrainiert durchs Viertel. Doch keiner schaute, keiner pfiff ihr hinterher, sehr zu ihrem Bedauern. So ist das halt, wenn man 60 ist, oder?

Blind für die SchönheitDer Vorteil der Jugend ist – naja: jugendlich zu sein. Da ist es keine besondere Leistung, strahlend schön zu sein, das pralle Leben steckt in einem scheinbar ewig begehrenswerten Körper und mit unverbrauchter Neugier und Naivität steht einem die ganze Welt offen. Mit fünfzig oder sechzig Jahren wird weder einer Frau noch einem Mann noch viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wer da auf der Suche nach einer Beziehung ist, der „habe sicherlich einen Schatten, weil geschieden / verwitwet / schon immer Single“ – so ein oft gehörtes Vorurteil.

Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass es schwierig ist, sich mit seinen eigenen Lebensgewohnheiten auf einen anderen Menschen neu einzustellen. Dass liebgewordene Routinen bei einem lebenserfahrenen Gegenüber nicht mehr als „niedliche Marotten“ angesehen werden sondern als inakzeptable Verhaltensweisen. So schränken sich die Auswahlmöglichkeiten für potentiale Partner wie von ganz alleine immer weiter ein, je älter man/frau wird. Bis am Ende das unabänderliche Leben alleine steht.

Doch gerade Menschen, die schon viel erlebt haben, können einen unbezahlbaren Schatz in eine Beziehung mitbringen: sie wissen, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Und welche Kompromisse, gemeinsame Lösungen oder Auswege es geben kann für noch so verfahrene Situationen. Sie haben es nicht mehr nötig, schalen Geschichten zuzuhören, billigen Wein zu trinken oder schlechten Sex zu ertragen nur um jemandem anderen zu gefallen. Diese innere Freiheit kann verlockend sein, leider macht sie vielen Menschen Angst.

Das direkte Umfeld allein lebender älterer Menschen ist in den meisten Fällen auch nicht ermutigend: Liebe und Partnerschaft sei etwas für die Jugend, Sex im Alter ekelhaft. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, ist dieses Verhalten nicht nur erschreckend sondern anmaßend.

„wennze tot bis / isset vorbei / und vorm sterben / musse leben / und dann musse / au ma fragen / oppe happy bis“

Gerburg Jahnke und Stephanie Überall alias „Die Missfits“

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Liebende Güte statt „Du liebe Güte!“

Sie war froh, nach so langer Zeit endlich wieder zu Hause zu sein. Allerdings arbeitete in der Küche eine fremde Frau. Und was sollte dieser blöde Verband um ihre Hand? Wütend riss sie ihn ab. „Du liebe Güte, Mutter! Lass ihn dran, wir waren doch gerade deswegen in der Ambulanz gewesen!“ Ambulanz? Wann soll das gewesen sein?

Demenz und Verwirrung gehen Hand in HandIm Kopf von Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, hat die Zeit ihre ordnende Wirkung verloren. Was vor einer Minute, einer Woche oder einem halben Jahrhundert war, ist wie in einem undurchdringlichen Spinnennetz verwoben. Die Zeitgrenzen sind aufgehoben und einem Sog gleich fühlen sich die Menschen in ihre Vergangenheit zurück versetzt. Die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend sind das einzig Stabile und werden leicht durch Ereignisse aus der Jetzt-Zeit aktiviert.

Angehörige, Freunde und helfendes Personal können sich nie sicher sein, was das Gegenüber noch weiß oder erkennt. Die absolute Spontaneität der an Demenz Erkrankten verlangt ihrer Umgebung alles ab. Und die alten Menschen fühlen sich wie ein kleines Kind behandelt, weil ständig alles anders ist als gedacht, sie ständig kontrolliert werden, ständig korrigiert werden. So sind alle Beteiligten schnell am Ende ihrer Geduld und „Du liebe Güte …“ gehört zum Standardrepertoire der gegenseitigen Vorwürfe.

Es fällt schwer, liebende Güte zu leben, wenn die Mutter ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt und Schutzmaßnahmen als Bevormundung angesehen werden. Doch gibt es keinen anderen Weg, als beharrlich und voll nachsichtiger, liebender Güte den Erkrankten zu begegnen. Vielleicht hilft es sich zu verdeutlichen, dass auch der demente Mensch unglücklich über seinen Zustand ist. Dass er verzweifelt versucht, mit Notizen gegen das löchrige Gedächtnis anzukämpfen. Oder die Peinlichkeiten überstehen muss, wenn er sich dabei ertappt hat, wieder etwas ganz Unvernünftiges getan zu haben.

Loslassen bedeutet, das Leben als Leben zu akzeptieren – als etwas nicht Greifbares, als etwas Freies, Spontanes und Grenzenloses.

Zen-Lehre

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Wie ich versehentlich ‘mal schwanger war

Die Ankündigung der Elternzeit kam für die Kollegen des IT Helpdesks völlig unerwartet. In vier Wochen beginne der Mutterschutz der schon lang ergrauten Abteilungsleiterin. So stand es in der E-Mail, die die Vergabe von Vertretungsrechten regeln sollte. Und sie fragten sich tagelang, ob es wohl eine Adoption sei, man hätte ja „nichts“ gesehen. Das war auch unmöglich, denn das Kind war nichts anderes als ein Flüchtigkeitsfehler. Wie rettet man Situationen, die im Grunde genommen sehr peinlich sind?

Die Tücken des Büroalltags lauern an jeder Ecke und vor allem in der Bearbeitung von E-Mails. Wer kann nicht ein Lied davon singen, dass zur Weiterleitung bestimmte E-Mails aus Versehen an den Absender zurück geschickt wurden – inklusive deftiger Bemerkungen über dessen Unfähigkeit („Der Depp kann noch nicht mal Zahlen richtig lesen …“). Da wollte man sich beim befreundeten Kollegen durch die Lästerei entlasten und sendet diese stattdessen an den Absender. Peinlicher geht es kaum, es sei denn, man leitet Mails weiter, ohne den Inhalt zu überarbeiten. Abfällige Bemerkungen weiter unten im Text bleiben erhalten oder wichtige Änderungen am Personalpronomen werden vergessen. So wurde die Chefin, die zur Generation 50+ gehört, unverhofft schwanger. Heutzutage ist das mit künstlicher Befruchtung oder Adoption durchaus im Bereich des Möglichen. In Wirklichkeit hatte sie die Detailinfos ihrer schwangeren Mitarbeiterin aber unverändert übernommen, das Kind war ein elektronisches Versehen gewesen.

Zugeben ist besser als leugnenWas tun in solchen Fällen? Humor hat bei dieser ungewollten Schwangerschaft geholfen und die Situation geklärt. Doch wenn aus Versehen offensichtlich wird, wie wenig man von einem Kollegen hält, ist einem nicht nach Lachen zumute. Man kann hoffen, dass die peinliche Offenbarung in der Mailflut des Empfängers untergeht. Spätestens bei der nächsten Begegnung auf dem Flur wird einem aber die Schamesröte im Gesicht stehen. Leugnen wird nichts bringen, also bleibt nur: zugeben und sich erklären.

Der Ärger, der in der Lästerei seinen Kanal gefunden hat, wird seinen guten Grund haben. Wie wäre es, genau den zu benennen? Ganz ohne Anklage? Zum Beispiel so: Sachlich die Situation beschreiben („Als ich Ihren Kommentar las …“), dann das ausgelöste Gefühl schildern („… platzte mir der Kragen, denn ich habe drei Stunden Arbeit in diese Auswertung gesteckt, obwohl andere dringende Termine anstanden …“) und das, was Sie gebraucht hätten („… Ich möchte, dass meine Arbeit Ernst genommen wird …“), schließlich folgt noch ein klarer Wunsch („… und da hätte ich mir gewünscht, dass Sie die Zahlen auch in Ruhe anschauen, bevor Sie sie zurückweisen.“) Nun ist es am Anderen, sich zu erklären. So besteht die Chance, aus einem peinlichen Versehen ein echtes Verstehen zu machen.

Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.

Sun Tsu (ca. 544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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Von Positionen und Rollen: Warum Stellenausschreibungen versagen

Als die Kollegin ihren letzten Arbeitstag hatte, wurde ihre Nachfolge noch in Bewerbungsgesprächen gesucht. Dabei ging es um Aufgaben und Anforderungen des Stellenprofils. Doch die wahre Lücke, die ihr Weggang in das Teamgefüge riss, wurde auf diese Weise nicht gefüllt – mit einschneidenden Folgen für die Effizienz der Abteilung.

Wer sich Stellenausschreibungen durchliest, kann die immer gleichen Wortlisten finden. Es geht um Einsatzbereitschaft (überdurchschnittlich natürlich), Resistenz gegen Stress (bitte von Natur aus immun sein) und Teamfähigkeit. Doch gerade dieser Begriff bildet nur ganz unzureichend das ab, worum es geht: um die Rolle nämlich, die in dem Team (wieder-)besetzt werden soll.

Die nicht besetzte Rolle hinterließ eine schmerzliche LückeJedes Team besitzt verschiedene Charaktere. Beispielsweise das fleißige Lieschen, das treu alles wegschafft, ohne sich groß in den Vordergrund zu spielen. Den Kritiker, der beständig den Finger in jede Wunde legt. Oder die „Mutter der Kompanie“, zu der die erwähnte Kollegin zählte. Sie sorgte für gemeinsame Pausen, persönliche Geburtstagsgeschenke, aufheiternde Geschichtchen bei schlechter Stimmung oder auch mal einen Teamausflug, bei dem es herrlich blödsinnig-entspannt zuging. Diese Rolle war für die Effizienz der Gruppe viel entscheidender, als die Aufgaben, die in ihrem Stellenprofil standen. Denn sie erfüllte das Bedürfnis nach Wärme und Menschlichkeit in einem professionellen Kontext.

Bei der Stellenausschreibung ging es leider nur um die Position und nicht um die Rolle. Diese wurde nicht besetzt und niemand anderes aus dem Team übernahm sie, was eine schmerzliche Lücke hinterließ: die Pausenzeiten zerfledderten, Aufheiterungen wurden rar und Teamausflüge fielen aus. In der Folge bekam das fleißige Lieschen schlechte Laune, weil es einsam wurde. Der Kritiker nervte alle nur noch, weil es im Ausgleich nichts mehr zu lachen gab. Missstimmung breitete sich aus, die Arbeitsergebnisse wurden schlechter. Dafür wurde die neue Kollegin verantwortlich gemacht. Früher, bevor sie kam, „sei das Team mehr ein Team gewesen“ war der Vorwurf. Dabei war die Neue einfach unabhängig und professionell. Sie war hier auf der Arbeit und zu Hause war sie privat. Hätte sie in der Stellenanzeige gelesen: „Mutter der Kompanie gesucht“, hätte sie sich nicht beworben.

Beim Abschied wird die Zuneigung zu den Sachen, die uns lieb sind, immer ein wenig wärmer.

Michel de Montaigne (1533 – 1592, franz. Philosoph)

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Einfach mal in der Mittagspause eine halbe Stunde Urlaub nehmen

Die Kolleginnen packten eine Decke ein, schnappten sich ihre mitgebrachten Antipasti, holten den Käse aus dem Kühlschrank und gingen runter ans Mainufer. Dort am Fluss, mitten in Frankfurt, stiegen sie für eine halbe Stunde aus dem Alltag aus und waren sofort in Urlaubsstimmung. Dabei war es einfach nur ein Picknick in ihrer Mittagspause. Wie kann man sich noch Urlaubsgefühle im Alltag holen?

Eine halbe Stunde Urlaub vom AlltagDer Dalai Lama soll einmal auf die Frage: „Was kann ich tun, um glücklich zu sein?“ geantwortet haben: „Mache jeden Tag eine halbe Stunde nur etwas für Dich selbst.“ 30 Minuten, das klingt nicht viel. Diese Auszeit ist oft aber schwer in den Tagesablauf zu integrieren. Die Mittagspause ist da eine sehr geeignete Hilfe: Sozial akzeptiert und oftmals fest in der Arbeitsroutine verankert kann das eine Zeit für sich selbst sein. Natürlich ist es ein Privileg, ein Flussufer vor der Bürotür zu haben. Aber viel öfter, als sich manche vorstellen, gibt es in naher Laufentfernung einen Park mit einer Bank unter Bäumen, eine Grünanlage mit Sommerblumen, einen Bachlauf zum Füße-reinhalten, eine Dachterrasse mit dem Blick über alles hinweg, …

Psychologen haben in Versuchen nachgewiesen, dass Menschen eine höhere Konzentration haben, wenn sie eine halbe Stunde im Grünen spazieren gehen als die Teilnehmer in der Vergleichsgruppe, die in Straßen unterwegs war. Ihr Rückschluss: die geometrischen Strukturen der Städte erholen das Gehirn weniger als die organischen Formen der Natur.

Und es muss ja auch nicht immer die Mittagspause sein, die ein kleines Urlaubsgefühl auslöst. Auf dem Weg nach Hause gäbe es die Möglichkeit, einen kleinen Abstecher ins Grüne zu machen. Die Engländer und Iren haben dafür übrigens den Pub. Hier gibt es eine klare Unterbrechung zwischen der Zeit auf der Arbeit und der Zeit zu Hause: Dort lässt man die Arbeit los oder man verschnauft vom Einkauf und dann geht es weiter heim. Die Italiener benutzen dafür die Caffè-Bars. Andere kaufen auf dem Markt frische Lebensmittel für das Abendessen ein oder sitzen auf der Gartenbank und schauen der Katze beim Ausflug zu.

Von allen zur Auswahl stehenden Orten für ein Mittagspause scheint die Betriebskantine derjenige zu sein, der den geringsten Erholungsfaktor hat.

„Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.“
Armin Müller-Stahl (*1930), deutscher Schauspieler

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