2017 wird das Jahr des Schlafens

Oh, was gingen ihm diese Vorsätze für das neue Jahr auf die Nerven! Jeder nimmt sich große Dinge vor, allesamt mit hohem Potential zum Scheitern. Er hatte nur ein einziges Ziel: immer genug Schlaf. Damit würde alles gut werden in 2017.

Seit Jahren unverändert ↗ sind die dringlichsten Wünsche und Vorsätze für das neue Jahr. Dabei gehören zwar „Mehr Sport machen“, „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“ zu den All-Time-Favourites, doch ganz vorne stehen, mit steigender Tendenz, „Stress abbauen“ und „Mehr Zeit für die Familie“. Ein wesentlicher Einflussfaktor wird dabei gerne außer Acht gelassen: ein Erdentag hat 24 Stunden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Den Wecker in die Mülltonne werfenWas jeder in diesen Stunden macht, ist nicht nur von den persönlichen Vorstellungen, sondern auch vom gesellschaftlichen Umfeld abhängig. In der Regel ist nämlich der Morgen fremdbestimmt durch Schulbeginn, Kernarbeitszeiten, etc. Manche sind auf der Jagd nach jeder Minute mehr Schlaf dazu übergegangen, auf ein Frühstück zu verzichten, einen Turbo-Duschmodus zu entwickeln und Multi-Tasking zu perfektionieren.

Die Abende dagegen sind flexibler und in der Tendenz wird der Zeitpunkt des Einschlafens immer weiter nach hinten geschoben ↗. Logischerweise sinkt somit die Schlafdauer, denn das Aufstehen ist ja vorgegeben. Ungünstig ist die Kombination aus spätem Einschlafen und frühem Aufstehen für Nachteulen (wegen des Aufstehens) ebenso wie für Morgenschwalben (wegen des Einschlafens). Nehme ich mir dann noch vor, zusätzlich zu meinem bisherigen Programm mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder Sport zu machen, bleibt immer weniger Schlaf übrig.

Zudem sind die Schlaf- und Aufstehzeiten von Sonnenuntergang und –aufgang entkoppelt ↗, während der Organismus das über tausende von Jahren als Schlafregulator gelernt hat. Die innere Uhr jedes Menschen bestimmt leistungsstarke und –schwache Tagesphasen. Doch übermüdete Menschen machen nicht nur mehr Fehler und sind weniger leistungsfähig, sie überschätzen sich auch gerne. Nur die Hälfte der Menschen haben ihre guten Vorsätze mehr als drei Monate ↗ befolgt.

Wie wäre es also mit einem einzigen Vorsatz für das neue Jahr? „Ich möchte jeden Tag in meinem mir ureigensten Rhythmus schlafen!“ Klingt wenig, kann aber revolutionäre Folgen haben. Als Morgenschwalbe gehe ich früher ins Bett (was sagt meine Familie oder mein Freundeskreis dazu?), als Nachteule komme ich später zur Arbeit (was sagt mein Arbeitgeber dazu?). Wer diese Idee als blanken Unsinn bezeichnet, der denke doch einfach mal an den letzten Urlaub zurück: Was war das Beste daran? War es vielleicht: endlich mal auszuschlafen und ohne Wecker aufzuwachen?

Ich würde ein Gesetz erlassen, ein einziges. Jeder hat ein Recht auf den ungestörten, von selbst endenden Schlaf! Dieses Gesetz machte alle anderen entbehrlich. Es enthält den Frieden, die Gesundheit und das Glück.

Peter Altenberg (eigentlich Richard Engländer, 1859 – 1919, österreichischer Schriftsteller)

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Weihnachten bringt die Familie wieder ein Opfer

Das Weihnachtsfest folgte einem festen Ritual, das die Familie ebenso fürchtete wie konsequent einhielt. Kaum wurden Änderungswünsche geäußert, nahm das die Mutter persönlich: „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ sagte sie dann und alle waren sofort bemüht, ihr entgegen zu kommen. Also blieb alles, wie es gehasst war. Wie kann dieser Teufelskreis verlassen werden?

Das Opfer steht im MittelpunktIn einem Teufelskreis ↗ bewegen sich die Beteiligten zwar ständig, aber vorankommen tun sie nicht. Die Kinder fühlen sich von der ewig gleichen Weihnachtsabfolge eingeengt und wollen sich aus ihrem Korsett befreien. So machen sie der Mutter Vorwürfe: „Alles geht immer nur nach Deinem Willen!“ Die Mutter fühlt sich gekränkt und spielt mit dem Satz „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ die Opferkarte aus. Die Kinder sind beschämt und um des lieben Frieden willens bleibt alles beim Alten. Bei nächstbester Gelegenheit wollen sie sich rächen, das Weihnachtsritual revolutionieren und schon geht es von vorne los.

Die Mutter hat, obwohl sie sich als diejenige darstellt, die scheinbar alle Schuld auf sich nimmt, eine äußerst machtvolle Rolle. Dank der Haltung „Ich bin ein armes Opfer, deshalb müsst ihr tun, was ich will“ agiert sie autoritär und jede Entwicklung ist gelähmt.

Die Opferhaltung als Herrschaftsinstrument funktioniert besonders gut gegenüber Menschen, bei denen das Schuld-Prinzip auf fruchtbaren Boden fällt. So wird die Lähmung unter Umständen verstärkt durch altbekannte Muster, die teilweise schon seit der Kindheit erlebt und gelernt sind. Dann läuft der immer gleiche Film ab.

Er kann jedoch beendet werden. Dabei geht es nicht um Abwehr, sondern um eine gleichzeitig einfühlsame und klare Abgrenzung. Die Kinder wollen ja in erster Linie die Mutter nicht verletzen, sondern das überkommene Ritual den veränderten Umständen anpassen. Sobald die gewohnte Abfolge aus Aktion – Reaktion geändert wird, besteht die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen. Eine Möglichkeit dafür wäre ein Dreischritt aus

  1. Beschreibung, was ist und geändert werden soll
  2. Begründen, warum es für einen selbst eine Änderung geben soll und
  3. Einem konkreten Vorschlag, der einen ersten Schritt in die gewünschte Richtung geht.

Dadurch geht es in der Auseinandersetzung nicht mehr darum, wer schuld an etwas hat, sondern was die Bedürfnisse der Beteiligten sind. Es ist falsche Rücksichtnahme, einander in der Opferrolle und dem Konzept der Schuld verharren zu lassen.

Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Immanuel Kant (1724 – 1804, Philosoph)

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Urlaub reloaded – dank der Post!

Der Alltag hatte sie vollends wieder eingeholt. Die Zeitschiene für die Projekte wurde zusehends enger, die privaten Verpflichtungen größer und der Urlaub war nur noch eine ferne, blasse Erinnerung. Da kam die Postkarte an: nach zwei Monaten und schon saß sie in Gedanken wieder an der Strandbar. Ein Hoch auf die langsame Post!

Auf einmal ist sie wieder im UrlaubBeim Thema Urlaub haben sich scheinbar zwei grundsätzliche Positionen gebildet: auf der einen Seite diejenigen, die für einen langen Urlaub (nicht unter drei Wochen, gerne mehr) plädieren, weil man doch erst nach einigen Tagen wirklich loslassen und abschalten kann. Die zweite Fraktion plädiert für viele kleine Auszeiten aus dem Alltag, verlängerte Wochenenden oder auch nur einen besonderen Tagesausflug. Diese viele Unterbrechungen seien Höhepunkte, auf die man sich doch immer wieder neu, das ganze Jahr über, freuen könnte.

Der niederländische Psychologe Jeroen Narwijn ↗ fand heraus, dass die intensivste Erholung bereits nach einer Woche Urlaub erreicht wird. Und sein österreichischer Kollege Gerhard Blasche ↗, dass der Erholungseffekt nach zwei bis drei Wochen im Alltag vollkommen aufgebraucht ist – egal, wie lang der Urlaub war.

Weitere Untersuchungen zeigen, dass im Rückblick Urlaubserlebnisse positiver gesehen werden und den Wunsch nach einer Wiederholung ↗ auslösen. Erinnerungen werden zum Beispiel durch Bilder, Mitbringsel oder Postkarten aktiviert. Und hier kann man sich die langsame Post vieler Urlaubsländer zu Nutze machen.

Schicken Sie sich doch das nächste Mal selbst eine Karte. Am letzten Urlaubstag am Flughafen oder beim Hotel eingeworfen kann es mitunter einen Monat dauern, bis sie bei Ihnen ankommt (ich hörte von einer Karte, die aus Äthiopien 15 Monate unterwegs war). Und wenn Sie die dann in der Hand halten – dann gehen Sie noch einmal im Innern auf Urlaubsreise.

Die Größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Schriftsteller)

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Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

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Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)

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Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

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Der Preis der Freundschaft? 7.99

Schon seit ihrer Kommunion schrieb sie alle Geschenke samt geschätztem Kaufpreis in ein Notizheft. Später dann nannte sie bei allen Gesprächen ungefragt die Preise erwähnter Gegenstände. Eines Tages fragte sie ein Kollege, welches Preisetikett sie wohl einer Freundschaft anheften würde.

Was ein Geschenk wert istSchon in der Kindheit lernte sie, Freundschaftsdienste (und dazu zählten Geschenke) genau zu taxieren. Schenkte ihr jemand zum Geburtstag etwas für 7.99, dann war ihr Gegengeschenk an dessen Geburtstag genauso teuer. Sie wollte sich da nichts schuldig bleiben lassen. Der angenehme Nebeneffekt: Sie gab für den anderen nie mehr aus als der für sie.

Als Erwachsene zeigte sie ihre Geschäftstüchtigkeit, indem sie bei allen Produkten, über die sie sprach, grundsätzlich den Preis dazu nannte. Ein schöner Pulli (39 Euro, ein Schnäppchen), der neue Grill (400 Euro, die Luxuslinie) – so konnte jeder sehen: sie wusste, mit Geld umzugehen und konnte sich deshalb ordentlich was leisten.

Nur die Freundschaften wurden über die Jahre weniger. Gelangweilt von werbeprospektartigen Preisinformationen wandten sich die Menschen von ihr ab. Sie schien den Unterschied zwischen dem Preis eines Dinges und dessen Wert nicht zu kennen. Bei einem Geschenk kommt es nicht so sehr auf die Gabe an, sondern auf die Geste des Schenkenden.

Das fiel ihr auf, als sie ein selbstgemachtes Geschenk erhielt, das ihr ausnehmend gut gefiel. Sie kam ins Grübeln: welchen Preis sollte sie aufschreiben? Die verwendeten Materialien – Papier, Klebstoff, Bast – waren kaum einen Euro Wert. Wie lange dauerte wohl das Basteln – eine halbe Stunde? Und wie hoch wäre der Stundensatz? Zum ersten Mal blieb die Spalte „Preis“ in ihrem Notizbuch der Geschenke leer.  Bis zum Gegengeschenk blieben ihr noch fünf Monate Zeit, diesen Freundschaftspreis zu ermitteln.

Geiz und Glück werden sich niemals kennenlernen.

Benjamin Franklin, (1706 – 1790, US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und Schriftsteller)

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Einschreiten, bevor es zu spät ist

Der Firmenumzug war nicht mehr als ein Gerücht und die Umsetzung in weiter Ferne. Doch der Sachbearbeiter hatte, aus angeblich gut informierten Quellen, stets neue Fakten parat. Die verknüpfte er wild nach dem Motto „Je oller, destojewski“ zu Zusammenhängen, die es gar nicht gab. Der Abteilungsleiter hielt sich mit Kommentaren zurück. Schließlich gab es bisher keinerlei Fakten und das würde die Gerüchteküche schnell austrocknen lassen. Ist doch so, oder?

Aus einer Mücke kann ein Elefant werdenDer Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem Viele mehr ihrer wachen Zeit verbringen als zu Hause mit der Familie. Deshalb haben Änderungen dieser Umgebung für Menschen mit einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis eine große persönliche Auswirkung. Wer wird mit wem zusammen sitzen? Wie ist das Licht, die Luft, der Lärm am neuen Platz? Werde ich gar einen eigenen Platz haben? Man hört doch schließlich immer wieder von diesen „Desksharing“-Büros ↗, wo sich jeder morgens seinen Rollcontainer schnappt und ihn zu einem beliebigen freien Platz hin rollt.

Bei Führungskräften finden sich oft Menschen, die faktenbasiert entscheiden und die ein hohes Maß an Unabhängigkeit aushalten. Für die sind „ungelegte Eier“ nicht der Rede wert. Leider neigt man dazu, die eigene Weltsicht auch beim Gegenüber anzunehmen: „So wie ich das sehe, ist es doch richtig und vernünftig. Das muss mein Gegenüber doch auch so sehen wie ich.“

Bei Menschen, die dauerhafte Strukturen in ihrem Leben brauchen, führt der Mangel an Informationen nicht dazu, dass sie weniger darüber reden, was ihnen bevor steht, sondern sie reden umso mehr, je weniger sie gewiss sind. Sie lechzen förmlich nach Faktenhappen. Die sie dann interpretieren und ausschmücken, damit sie größer werden und ihren Informationshunger stillen können. Und so werden Mücken zu Elefanten und am Ende lassen sich Gerüchte nicht mehr einfangen.

Auch wenn es wenig Informationen über so etwas Wichtiges wie einen Büroumzug gibt, lohnt es sich, das Thema regelmäßig anzusprechen. Das nimmt die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen ernst, denen Veränderungen mehr Angst als Freude machen und stillt deren Bedürfnis nach Velässlichkeit.

Optimisten sind schlecht informierte Pessimisten

Aus dem Film „Der Himmel soll warten“

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Die Weihnachts-Logistik

Es war die jährlich wiederkehrende Meisterprüfung für ihr Organisationstalent: an Weihnachten wollten alle Verwandten besucht werden – nicht nur ihre eigenen, sondern auch die des Ehemannes. Sie alle wohnten verteilt in der Republik, teilweise geschieden und neu verheiratet. Als ihr Partner fragte, wann sie beide denn mal für sich Zeit hätten, wusste sie nicht, ob sie lachen, weinen oder schreien sollte. Vielleicht einfach vor allem und jedem fliehen?

Menschen, die schon in den 90er Jahren Windows-Computer benutzten, kennen den berühmt-berüchtigen „Blue screen of Death“: Wie aus heiterem Himmel wurde eine kryptische Meldung im Stile von

0x0000001E, KMODE_EXCEPTION_NOT_HANDLED

auf leuchtend blauem Bildschirm angezeigt, der Computer fror ein und der notwendige Kaltstart vernichtete alle nicht gesicherten Daten. Dem PC war es einfach zu viel geworden oder eine unerwartete Anforderung ließ ihn abstürzen.

Weihnachten mal ganz für sich feiernMit einem solchen Bluescreen würde vielleicht mancher auch gerne reagieren, wenn die alljährliche Weihnachtsplanung ansteht. Jetzt, in den theoretisch ruhigen und besinnlichen Adventswochen, muss die Meisterleistung vollbracht werden:

  • Alle fühlen sich ausreichend besucht.
  • Nur die Menschen sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort, die auch miteinander „können“.
  • Die hierarchische Reihenfolge ist korrekt: der 24.12. adelt die Besuchten vor allen anderen.
  • Die Fahrstrecke ist auf Zeit, Länge und Staugefahr hin optimiert.

Was in der Mathematik als „Problem des Handlungsreisenden“ bekannt ist, lässt den eigenen Wunsch unter die Räder kommen, wie ich denn ganz persönlich meine Weihnachtstage verbringen will. Um die eigene Zeit zu retten, wird von vielen die Flucht angetreten. Auf die Hütte in den Alpen, auf eine abgelegene Nordseeinsel, in die Sonne des Südens. Und doch ist es dort für so manchen nicht wirklich Weihnachten. Weihnachten, das seien doch eigentlich die eigenen vier Wände.

Ich stand auch vor dieser Aufgabe und habe mich gemeinsam mit meiner Frau entschieden, dass wir uns unser Weihnachten selbst gestalten. Und das taten wir auch. Was anfangs als Zurückweisung angesehen wurde, konnte unser Umfeld im Laufe der Jahre erkennen als das, was es ist: unsere persönliche Tradition, die keinen anderen verletzen soll, sondern einfach uns gewidmet ist. Und weil wir dann entspannt in der Zeit zwischen den Jahren unsere „honneurs“ machten, also unsere Verwandten besuchten, haben wir gleichzeitig ein Vorbild gegeben: Weihnachten – das kann tatsächlich besinnlich sein.

Take it easy – but take it.

John Cage (1912 – 1992, US-amerikanischer Komponist)

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Mit 60 auf Wolke sieben schweben

Sie brachte alle Äußerlichkeiten mit, um Männern auf der Straße den Kopf zu verdrehen: Der rot geschminkte Mund kontrastierte perfekt zu ihren Haaren, dezent-erlesener Schmuck an Hals und Händen – so radelte sie schlank und durchtrainiert durchs Viertel. Doch keiner schaute, keiner pfiff ihr hinterher, sehr zu ihrem Bedauern. So ist das halt, wenn man 60 ist, oder?

Blind für die SchönheitDer Vorteil der Jugend ist – naja: jugendlich zu sein. Da ist es keine besondere Leistung, strahlend schön zu sein, das pralle Leben steckt in einem scheinbar ewig begehrenswerten Körper und mit unverbrauchter Neugier und Naivität steht einem die ganze Welt offen. Mit fünfzig oder sechzig Jahren wird weder einer Frau noch einem Mann noch viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wer da auf der Suche nach einer Beziehung ist, der „habe sicherlich einen Schatten, weil geschieden / verwitwet / schon immer Single“ – so ein oft gehörtes Vorurteil.

Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass es schwierig ist, sich mit seinen eigenen Lebensgewohnheiten auf einen anderen Menschen neu einzustellen. Dass liebgewordene Routinen bei einem lebenserfahrenen Gegenüber nicht mehr als „niedliche Marotten“ angesehen werden sondern als inakzeptable Verhaltensweisen. So schränken sich die Auswahlmöglichkeiten für potentiale Partner wie von ganz alleine immer weiter ein, je älter man/frau wird. Bis am Ende das unabänderliche Leben alleine steht.

Doch gerade Menschen, die schon viel erlebt haben, können einen unbezahlbaren Schatz in eine Beziehung mitbringen: sie wissen, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Und welche Kompromisse, gemeinsame Lösungen oder Auswege es geben kann für noch so verfahrene Situationen. Sie haben es nicht mehr nötig, schalen Geschichten zuzuhören, billigen Wein zu trinken oder schlechten Sex zu ertragen nur um jemandem anderen zu gefallen. Diese innere Freiheit kann verlockend sein, leider macht sie vielen Menschen Angst.

Das direkte Umfeld allein lebender älterer Menschen ist in den meisten Fällen auch nicht ermutigend: Liebe und Partnerschaft sei etwas für die Jugend, Sex im Alter ekelhaft. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer länger leben, ist dieses Verhalten nicht nur erschreckend sondern anmaßend.

„wennze tot bis / isset vorbei / und vorm sterben / musse leben / und dann musse / au ma fragen / oppe happy bis“

Gerburg Jahnke und Stephanie Überall alias „Die Missfits“

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