Beach Body Bullshit

„In 6 Wochen zum perfekten Bauch!“, „Last minute workouts für den Sommer“ – mit gesenkten Häuptern schlich das Paar an den Zeitschriften im Supermarkt vorüber. Ihre Körper hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Strandkorb als mit diesen Idealtypen. Und in zwei Wochen ging es nach Mallorca – wie peinlich! Wirklich?

Strandspaß für alleDie Schönheit liegt im Auge der Betrachter. Und was Betrachter als schön empfinden unterlag im Lauf der Zeit starken Veränderungen. Nach den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren waren Fettpölsterchen in Mode. Heute, in Zeiten des Überflusses, regiert das Schlankheitsideal und Marylin Monroe würde ein Diätgetränk aus der Apotheke empfohlen bekommen. Rubens‘ Modelle und das Model Twiggy haben so viel oder wenig gemeinsam wie die Mehrzahl der echten Menschen mit der Mehrzahl der Werbungsmenschen.

Die Aufzählung zeigt: wir haben es nicht in der Hand, was die allgemeine Körpermode ist. Und noch weniger haben wir es in der Hand, ob wir ihr entsprechen oder nicht. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Figur zu 30% von den Genen bestimmt wird. Der Rest sind Lebensumstände und Angewohnheiten. Wie lebe ich – wie muss ich leben? Was bekam ich von meinen Eltern mit? Was mag ich – was nicht: machen, essen, …?

Es ist schwer, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Das schreibt jemand, der von seiten seiner älteren Nachbarinnen immer ermahnt wird, sich mehr Reserven zuzulegen. Sprich: ein paar Kilo zuzunehmen.

Dem Strand ist es übrigens herzlich egal, wer ihn besucht. Denn für ihn ist klar:

Für einen Beachbody braucht es nur einen Beach und einen Body.

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Aus dem Bannkreis der Glaubenssätze ausbrechen

„Da musst du durch!“ Wie ein Gefängnis wirkte dieser Satz ihrer Mutter. Seit der Kindheit biss sie immer die Zähne zusammen, doch zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich die Befreiung von diesem Glaubenssatz. Mit Hilfe eines kleinen literarischen Tricks.

Ausbruch aus dem Glaubenssatz-GefängnisEs gibt Sätze, die brennen sich tief in das eigene Werte- und Koordinatensystem ein. Mantra-artig wiederholen sie sich im Kopf, als ob sie ein Eigenleben führten. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ zum Beispiel. Oder: „Ein einmal gegebenes Versprechen bricht man nicht!“ Auch „Da musst Du durch!“ gehört zu den Klassikern elterlicher Dogmen ↗, die die Welt erklären. Daher das Ausrufezeichen am Satzende.

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, Kinder an die Erwartungen der Umwelt anzupassen und zu zeigen: „Du bist nichts Besonderes!“ „Du musst Dich einordnen!“ „Das gehört sich nicht!“ Sie beschneiden Kinder in ihrer Individualität.

In einer konkreten Situation gesagt, können diese Sätze über die Jahre eine eigene Dynamik entwickeln. Sie lösen sich von den persönlichen Motiven des Vaters oder der Mutter, als sie diesen Satz sagten. Aus der starren Anschauung der Eltern wird der eigene Glaubenssatz. So beißt das Kind selbst als gestandene Frau immer wieder die Zähne zusammen. Auch dann, wenn loslassen, weggehen oder Angriff geeignetere Strategien wären.

Doch die erwähnte Frau hat das Machtfeld ihres Dogmas durchbrochen, indem sie den Leitsatz ergänzte. Er lautet nun „Das ist wie eine Tür, da musst Du durch“:

  • Türen öffnen sich zu neuen Ufern.
  • Türen können etwas einsperren. Oder aussperren.
  • Türen lassen sich zuschließen oder aufschließen.
  • Man kann durch eine Tür gehen und nicht wiederkommen.
  • Oder an der Türe jemanden hineinbitten.

Das Bild der Tür gab der Frau ungeahnte Möglichkeiten. Statt nur eine Richtung vorzugeben, offerierte der Satz nun viele Optionen – je nach Interpretation der Tür-Symbolik. Diese Wahlmöglichkeiten bedeuten Freiheit, sich entscheiden zu können.

Irgendwann kann man die eigene Meinung nicht mehr aushalten.

Fritz van Eycken (* 1968, Herausgeber u.a. von Werken Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns oder Karl Mays)

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Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

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Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

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Schlechte Voraussetzungen für gute Vorsätze

Der Betreiber des Fitness-Studios war zufrieden: die Kundenstatistik hatte sich wie geplant entwickelt. Mehr als die Hälfte derjenigen, die Anfang des Jahres mit dem Training anfingen, waren mittlerweile wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückgekehrt. Doch er hatte die Jahresgebühr von 430 Euro sicher auf dem Konto. Er dachte vergnügt: „Jedes Jahr das Gleiche – lernen die Menschen es nie?“

4,7 Milliarden Euro Umsatz hat die Fitnessbranche im letzten Jahr gemacht. Ihr Geschäftsmodell basiert auch auf dem Sprichwort „Der gute Vorsatz ist ein Gaul, der oft gesattelt, aber selten geritten wird.“ So werden Anfang des Jahres die persönlichen Ziele „Abnehmen“, „Mehr Sport“ oder „Weniger Drogen“ millionenfach festgelegt. Alleine jede vierte Frau und jeder fünfte Mann will eine Diät machen.

Auf Teufel komm raus sportlich seinWunderbare Formulierungen gibt es da: es wird davon geredet, dass jetzt „Schluss ist“ mit Torte, Steak oder Bier. „Man“ wird jetzt dreimal in der Woche laufen. Denn schließlich „muss“ jetzt alles anders werden. Besonders im Januar, dem dunkelsten Monat des Jahres, haben diese zwingenden, strafenden und demotivierenden Formulierungen ihre Hochkonjunktur. Sie kommen noch mal in kleinen Wellen wieder in der Fastenzeit und vor den Sommerferien, Stichwort: „Bikini-Diät“ und „Sixpack für den Strand“.

Wie soll mit dieser Selbstkasteiung das Wunschziel je erreicht werden können? Statt sich am Nasenring der scheinbar guten Vorsätze durch die Manage der Folterinstrumente (alkoholfreies Bier, Gewichte stemmen, schweißnasse Socken) führen zu lassen, würde es helfen, einen realistischen Wunsch an sich selbst zu formulieren, gefolgt von einem „weil …“ und einem „dafür verzichte ich gerne …“ Zum Beispiel:
„Ich möchte gerne gesünder leben und abnehmen, weil ich mich in meinem Körper wieder wohl und leicht fühlen will. Dafür verzichte ich gerne auf das zweite Glas Rotwein am Abend.“

Der Klang der selbst gesagten Worte löst im Inneren je nachdem Widerstand und Ablehnung oder Unterstützung und Motivation aus. Jeder hat es also selbst in der Hand, etwas zu ändern. Bevor es heißt:

Liebes neues Jahr, ich möchte mit Dir noch mal gaaaanz von vorne anfangen.

Spruchpostkarte des Inkognito Verlags, Berlin

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Gefangen im eigenen Weltbild

Als seine Studienarbeit mit sieben Punkten bewertet wurde, war er nicht überrascht. Wusste er doch von vornherein, dass er in Mathe keine Leuchte war. Das war schon immer so gewesen und die 12 Punkte im Abitur Leistungskurs waren lediglich das eine Korn, das ein blindes Huhn auch mal findet. So war es schon immer und wird es immer sein. Aber müssen sich alle Selbstprophezeiungen erfüllen?

Unser Denken, Fühlen und Handeln ist gespeist aus der Summe all unserer Erfahrungen. Diese sind auf einer Art „innerer Landkarte“ verzeichnet. Dort gibt es attraktive Orte, quasi ein inneres Paris, Rom oder New York. Ebenso gibt es „No-Go-Areas“, dessen Besuch ich vermeide. Zwischen ihnen verlaufen Straßen und Wege, mal breit ausgebaut, mal holprige Pfade, selten benutzt. Entsprechend dieser Landkarte sind die Synapsen im Gehirn gewachsen – oder nicht gewachsen.

Meine eigene Weltsicht lasse ich mir nicht nehmenWenn ich der Meinung bin, dass ich keinen Orientierungssinn habe, ungeschickt oder unmusikalisch bin, interpretiere ich meine Leistungen auf diesen Gebieten überwiegend negativ. Anders herum geht das auch: halte ich mich für sportlich, attraktiv oder schlau, neige ich dazu, meine eigene Leistung positiv zu sehen.

Auch bei der Bewertung anderer Menschen nutzen wir die innere Landkarte. Bin ich davon überzeugt, dass der Finne an sich tückisch ist, werde ich jeden Finnen, der mir begegnet, genau mit dieser Brille betrachten.

In einer Zeit, in der personalisierter Medienkonsum großen Raum einnimmt, persönliche Begegnungen sogar verdrängt, laufe ich Gefahr, mein selbst geschaffenes Weltbild schneller zu verfestigen. Ich sehe und lese in meiner #Filterblase nur noch, wovon ich überzeugt bin. Einfach, weil ich es intensiver wahrnehme und auswähle.

Entwicklung ist jedoch nur möglich in einem Wechsel aus Konfrontation und Anpassung: kämpfe ich für meine Überzeugung oder passe ich mich der Umwelt an? Gibt es keine neuen Situationen mehr, die mich mit meiner Sicht auf die Welt konfrontieren, ist nur noch Anpassung da und keine Entwicklung möglich. Es ist eine Vermeidungsstrategie, die zum Stillstand führt. Die innere Landkarte schrumpft von einem Weltatlas zu einem Dorfplan. Das gilt für digitale Filter-Algorithmen genauso wie für persönliche Begegnungen.

Wenn Du nie Deine Meinung änderst, weshalb hast Du dann eine?

Dr. Edward de Bono (*1933, Britischer Mediziner, Psychologe und Autor)

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Liebende Güte statt „Du liebe Güte!“

Sie war froh, nach so langer Zeit endlich wieder zu Hause zu sein. Allerdings arbeitete in der Küche eine fremde Frau. Und was sollte dieser blöde Verband um ihre Hand? Wütend riss sie ihn ab. „Du liebe Güte, Mutter! Lass ihn dran, wir waren doch gerade deswegen in der Ambulanz gewesen!“ Ambulanz? Wann soll das gewesen sein?

Demenz und Verwirrung gehen Hand in HandIm Kopf von Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, hat die Zeit ihre ordnende Wirkung verloren. Was vor einer Minute, einer Woche oder einem halben Jahrhundert war, ist wie in einem undurchdringlichen Spinnennetz verwoben. Die Zeitgrenzen sind aufgehoben und einem Sog gleich fühlen sich die Menschen in ihre Vergangenheit zurück versetzt. Die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend sind das einzig Stabile und werden leicht durch Ereignisse aus der Jetzt-Zeit aktiviert.

Angehörige, Freunde und helfendes Personal können sich nie sicher sein, was das Gegenüber noch weiß oder erkennt. Die absolute Spontaneität der an Demenz Erkrankten verlangt ihrer Umgebung alles ab. Und die alten Menschen fühlen sich wie ein kleines Kind behandelt, weil ständig alles anders ist als gedacht, sie ständig kontrolliert werden, ständig korrigiert werden. So sind alle Beteiligten schnell am Ende ihrer Geduld und „Du liebe Güte …“ gehört zum Standardrepertoire der gegenseitigen Vorwürfe.

Es fällt schwer, liebende Güte zu leben, wenn die Mutter ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt und Schutzmaßnahmen als Bevormundung angesehen werden. Doch gibt es keinen anderen Weg, als beharrlich und voll nachsichtiger, liebender Güte den Erkrankten zu begegnen. Vielleicht hilft es sich zu verdeutlichen, dass auch der demente Mensch unglücklich über seinen Zustand ist. Dass er verzweifelt versucht, mit Notizen gegen das löchrige Gedächtnis anzukämpfen. Oder die Peinlichkeiten überstehen muss, wenn er sich dabei ertappt hat, wieder etwas ganz Unvernünftiges getan zu haben.

Loslassen bedeutet, das Leben als Leben zu akzeptieren – als etwas nicht Greifbares, als etwas Freies, Spontanes und Grenzenloses.

Zen-Lehre

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Man darf nicht immer alles glauben, was man denkt

Als ich dieses Zitat von Rosamunde Pilcher las, musste ich schmunzeln. Wem sonst soll ich denn glauben? Doch vor allem mir selbst! Aber all zu leicht reden wir uns Eigenschaften ein, die nicht stimmen, sondern die uns Fremde angeheftet haben. Dadurch sind wir fremd-gesteuert. Wie können wir wieder selbstbestimmter werden?

Die Gespenster fremder EinflüsterungenDiese von Fremden ausgelösten Selbsteinschätzungen sind tückisch, weil sie so glaubwürdig, echt und real wirken. Und sie werden immer wahrer und glaubwürdiger, wenn sie nicht korrigiert werden. Wie ein Mantra wiederholen wir sie in Selbstgesprächen, bis wir sie vollständig in uns aufgenommen haben. Entstanden sind sie jedoch aus dem, was die Nachbarn sagten, die Verwandten meinten, Väter bestimmten oder Mütter nahe legten.

Manchmal verraten sich diese eingeschlichenen Fremdbilder durch Phrasen wie „Was sollen denn die Nachbarn sagen, wenn ich …“ oder „Man muss doch …“ Kombiniert werden sie mit wenig schmeichelhaften Beurteilungen von uns selbst („Ich bin zu dick / zu faul / zu aufmüpfig / zu dumm …“) Am Ende geht es um eine Handlung, die wir auf jeden Fall vermeiden müssen oder unbedingt tun sollen, wenn es nach Meinung der anderen geht.

Was wir uns selbst einreden, sind Einflüsterungen von außen. Sie entwickeln sich im Laufe der Zeit zu Gehirngespenstern, die einen auch noch nachts verfolgen. Und so geben wir anderen Menschen Macht über uns selbst und unser Handeln. Menschen, die wir oft noch nicht einmal leiden können.

Was tun?

Wann immer bei einem Selbstgespräch die verräterische Kombination aufkommt (Was Fremde sagen, Wie wenig wert ich bin, Was ich zu tun habe), hilft es, sich an einen Freund zu wenden. Echte Freunde sind einem wohl gesonnen und haben eine fürsorglich-kritische Haltung uns gegenüber. Ein gute Mischung, um böse Gespenstergedanken nach und nach zu vertreiben. Denn:

„Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht.“
Jean-Paul Sartre (1905-1980), Französischer Schriftsteller

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Wie ein erfolgreicher Prozess aussieht, sich mit den Einflüsterungen von außen zu konfrontieren und sich von ihnen zu lösen, finden Sie in diesem Beispiel einer Lebensleistung.

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Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

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Vom Umgang mit egoistischen Selbstdarstellern

„Das ist ja alles ganz nett, was Sie sich da ausgedacht haben. Ich habe gestern mal kurz ein Konzept skizziert und der Vorstand hat es bereits abgesegnet.“ Wie vor den Kopf gestoßen war das Projektteam – monatelange Arbeit wurde mit einem Handstreich verworfen. Die Chefin hatte mal wieder einen großen Auftritt als Narzisstin. Wie können die Mitarbeiter ihr nur beikommen?

Die Geschäftswelt ist voll von Menschen, die sich immer in den Vordergrund spielen, zu allem immer das Richtige zu sagen haben, die die anderen klein machen und denen allgemein das Etikett „Kotzbrocken“ angehängt wird. Bedauerlicherweise finden sich solche Menschen in hohem Maße in den Führungsebenen der Firmen. Doch da gehören sie auch hin.

Der Narzisst tut größer als er istSo schwer es fällt: Narzissten sind in der Regel schlau (aber vielleicht nicht immer intelligent). Sie wissen die Gunst der Stunde zu nutzen – für sich und ihre Ziele. Dabei leisten sie mitunter Dinge, die als undenkbar oder unerreichbar gelten. Dass sie innerlich Getriebene sind, die wie Süchtige nach Lob gieren und auf ständigem Entzug leben, wissen sie gut zu verbergen.

Narzissmus speist sich aus dem Hunger nach Anerkennung. Narzissmus ist wie ein Krug, der ein Loch hat und der ständig mit frischem Wasser nachgefüllt werden muss. Ein Narzisst muss sich natürlich besonders präsentieren, um aufzufallen. Die Mehrzahl macht sich besonders groß und die anderen klein („Den besten hausgemachten Kaffee von New York bekommen Sie ja übrigens bei Grumpy’s in der 23. West zwischen 9. und 10. Avenue“). Es gibt aber auch die besonders Kleinen („Nein, nein, die Torte war doch nur ein einfacher kleiner Kuchen, gar nicht der Rede wert“). Beide haben das Ziel, mit einer bewundernden Replik eine Anerkennung zu bekommen, weil sie sich in Wirklichkeit ganz klein fühlen.

Der Königsweg ist unangenehm für das Umfeld. Der Anfang ist das Lob – Lob für eine tatsächlich erbrachte Leistung. Danach, wenn das Bedürfnis des Narzissten erfüllt ist, ist die Bereitschaft für Kritik viel eher gegeben, als wenn man damit gleich einsteigt. Gewürzt mit einer Prise Humor bricht das weiche Wasser aus Lob plus direkt angeschlossener Konfrontation mit den entstandenen Kollateralschäden den harten Stein der gnadenlosen Selbstdarstellung. Denn gnadenlos ist ein Narzisst nicht nur zu anderen, sondern auch und besonders gegenüber sich selbst. Dass Burn-out dabei eine sehr spezielle Form der Anerkennung ist, kann ihnen jeder Narzisst bestätigen.

„Mach Dich doch nicht so groß, so klein bist Du doch gar nicht!“
Hans Jürgen Wirth (* 1951), Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut

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