Nachsitzen beim Abi-Jahrgangstreffen

Als die Einladung zum 30-jährigen Abiturtreffen ins Haus flatterte, fing es an, in ihm zu rumoren. All die Erinnerungen an die Schulzeit kamen wieder hoch und er fragte sich, ob er wohl zum Treffen gehen sollte. Denn wie sollte er den Menschen begegnen, mit denen er die Jugend verbrachte und seitdem nicht mehr gesehen hatte?

Bis zum Abitur (oder bis zum Realschulabschluss) haben Jugendliche zwei Drittel ihres Lebens in der Schule verbracht. Auch wenn das Lernen das Hauptziel der Schule ist, so werden dort vor allem die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich im Angesicht von Autoritäten? Neben dem Lehrer sind das der Stärkste in der Klasse, das coolste Mädchen oder der reichste Mitschüler. Oder: Wie finde ich meinen Platz in der Gruppe? Bin ich im Kern, dem „In-Kreis“, oder gehöre ich zu den Satelliten, die sich notgedrungen als Außenseiter zusammenschließen, um nicht alleine zu bleiben?

Zehn Jahre nach dem Schulabschluss geht es bei einem Treffen oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Schaut, was ich alles erreicht habe! Und jetzt Du!“ An zweiter Stelle steht dann: „Weißt Du noch, als …?“ Die Geschichten der Schulzeit werden erzählt. Da kann es sehr lustig werden – zumindest für die, die die Lacher schon damals auf ihrer Seite hatten. Je länger die Schule zurückliegt, um so mehr rückt die Nostalgie in den Vordergrund; die Lebensleistung ist nicht mehr der äußere Erfolg, sondern die Art, wie man mit dem eigenen Schicksal umgegangen ist.

Beim Abitreffen kommen alte Geschichten hochAuch wenn sich die Wege nach der Schule getrennt haben, verbindet ein unsichtbares Band die Ehemaligen miteinander. Leicht fällt man wieder in die alten Rollen und Verhaltensweisen zurück. Die international renommierte Wissenschaftlerin wird im Angesicht ihrer Mitschülerinnen in ihrem Innern wieder zu dem gehänselten Mädchen aus der Parallelklasse. So richtig los wird man diese alten Zuschreibungen vielleicht nie.

Und so scheint ein Jahrgangstreffen wie ein Sprachkurs für „False Beginners“ zu sein. Es gibt ein paar tief verschüttete Grundkenntnisse, doch gleichzeitig muss man von vorne anfangen. Der Neubeginn ist nicht Jedem vergönnt, weil es in der Schule, wie in jedem sozialen Gefüge, Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit gibt und andere, die am Rand stehen. Auf der Gewinnerseite stehen die, die sich in der Schule wohl fühlten. Schwieriger wird es für die, die die prägendste Zeit ihres Lebens unglücklich waren und froh sind, davon weggekommen zu sein. So können bei einem Wiedersehen ihre alten Narben wieder schmerzen.

Oder ich sehe das Jahrgangstreffen als Chance, mit dem Alten endlich meinen Frieden zu machen, das Vergangene abzuschließen und mir und den Menschen von damals eine neue Chance zu geben.

Wer mit vierzig noch mal bei null anfängt, fängt nicht bei null an, sondern bei vierzig.

Jörg Fauser (1944 – 1987, Schriftsteller, Journalist und Liedtexter)

Ein Oscar für den Schaumschläger

Wegen seiner Leistungen sei der Kollege verdient zum Abteilungsleiter befördert worden hieß es in der Personalmitteilung. Die Kollegen murrten: wohl vor allem wegen seiner Leistungen als Schaumschläger, denn wirklich schaffen tue der nichts. Und sie fragten sich: Wie kommt dieser Windhund damit immer noch durch?

Ein Oscar für die beste ShowIn einem komplexen System wie einem Büro gibt es verschiedene Rollen und Typen. Neben den offensichtlichen Rollen, die sich aus der Hierarchie ergeben, wirken die Verhaltensweisen der einzelnen Menschen. Sie wurden nicht nur von George Orwell in seiner Fabel „Farm der Tiere“ ↗ treffend durch Tiere symbolisiert, auch beim Flur-Funk wird vom Esel gesprochen, der stoisch alles wegschafft, oder von dem fleißigen Bienchen geschwärmt, das unerlässlich das Getriebe am Laufen hält. Nein, da gibt es auch wüste Worte für jene, die sich auf der Arbeit der anderen ausruhen.

Die können in buntesten Bildern von ihren Plänen erzählen, allesamt innovativ, zukunftsweisend und selbstverständlich lösen sie alle aktuellen Probleme. Wunderbar verknüpfte Stränge zeigen eine heile Welt, die da am Horizont zu warten scheint. So hell wird diese Zukunft beschrieben, dass sich Entscheider davon blenden lassen. Für die Umsetzung sind dann die Esel und Bienen zuständig und wenn es scheitert, dann sind die halt auch daran schuld.

Solche Menschen vermitteln Visionen und Lösungen ohne die Entscheider mit den Niederungen der Umsetzungs-Schwierigkeiten zu belästigen. Sie haben Phantasie, sind kreativ und auch sehr überzeugend. Unbestreitbar haben sie ein Talent für einen glanzvollen Auftritt, bei dem sie ihre Pläne erfolgreich anpreisen. Dafür mangelt es ihnen an den unerlässlichen Qualitäten, die es zur tatkräftigen Umsetzung braucht: Pragmatismus und Analytik. Bei den Eseln und Bienen ist es genau umgekehrt. Ihnen fehlt es an der notwendigen Selbstdarstellung.

Walt Disney, Zeit seines Lebens mit dem Problem konfrontiert, innovative Ideen zur Umsetzungsreife zu bringen, war Namensgeber für eine weitverbreitete Kreativitätsmethode ↗: es braucht in einem Team einen Träumer, der visionär und frei von Grenzen Ideen entwickelt. Dann einen Praktiker, der versucht, eine konkrete Umsetzung dieser Ideen zu ermöglichen. Schließlich den Analytiker: er prüft, ob das Ziel tatsächlich erreicht wurde, wo die Widersprüche liegen oder Stolpersteine vorhanden sind.

Jemanden mit Phantasie, aber mangelndem Realismus und Fähigkeit zur Umsetzung zu befördern, produziert Unzufriedenheit auf allen Seiten: die Mitarbeiter murren, weil sie die eigentliche Arbeit tun, für die ein Anderer die Lorbeeren bekommt. Für den Beförderten, der sich plötzlich mit den Niederungen der Projekt-, Personal- und Budgetsteuerung befassen muss und das weder kann noch will. Und schließlich das Unternehmen, das eine hoch dotierte Stelle fehlbesetzt hat. In der Realität wird das dann oft durch Wegloben desjenigen auf die nächste Karrierestufe gelöst.

Die Arbeit wird von den Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Aus: Laurence J. Peter, „Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen“ ↗

Wenn der Chef mit seinen Leuten Tango tanzt

Die Zeiten des Wischi–Waschi–Chefs waren vorbei. Jetzt verstanden ihn seine Mitarbeiter, er gab klare Anweisungen und reagierte aufmerksam auf ihre Probleme. Gefragt nach dem Grund für diesen Wandel sagte er: „Ich tanze seit einem halben Jahr Tango mit meiner Frau!“ Und das soll diese Veränderung ergeben haben?

Auch wenn es Menschen gibt, die das Wort Führungskraft ablehnen (weil kein Mitarbeiter geführt werden wollte), ist es doch in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen klar, dass die Menschen unterschiedliche Aufgaben haben. Manche eher im operativen, ausführenden Bereich. Andere dagegen in der visionären strategischen Planung. Und es braucht diejenigen, die beide Pole miteinander verbinden: die klassische Sandwich-Führungskraft. Unten die operative Basis, oben die visionäre Führung, sie im Doppeldruck dazwischen.

Was ist einfacher, als diesem Druck wie eine Bandscheibe durch ein gelartiges Verhalten auszuweichen? Arbeitsaufgaben werden zum Beispiel mit einem „Wir sollten …“ übergeben. Dabei ist nicht klar: ist das ein „Sie–Wir“ (Untergebene/r führt aus), „Ich–Wir“ (Chef übernimmt selbst) oder „Wir–Wir“ (Chef und Mitarbeiter gemeinsam). „Was genau will jetzt der Chef von mir?“ lautet die meistgestellte Frage bei solchen Führungskräften.

Gemeinsam mit klarem ZielBeim Tango kam der Chef mit dieser Art nicht weit. Er stolperte mit seiner Frau über das Parkett, rempelte andere Paare an und von Eleganz keine Spur. Sie drohte ihn stehen zu lassen, denn im Tango sind, noch mehr als bei anderen Tänzen, die Rollen klar verteilt. Die führende Person (bei Hetero-Paaren der Mann) gibt klare Signale, die tanzende Person setzt die Signale in Schritte um. Im besten Fall kann das die geführte Person mit geschlossenen Augen, weil die Führung so klar ist.

Also lernte der Chef beim FührungsTango ↗, was es hieß, ein klares Ziel zu haben (Bewegung im Raum), wie er dahin kommt (die Figuren auf diesem Weg), wie er das vermitteln muss (präzise, kraftvoll, einfühlsam) und welche Freude es geben kann, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Er lernte im Kurs auch, dass seine Signale von jeder seiner Tanzpartnerinnen anders interpretiert wurden und er sich also auf jede Person individuell einstellen muss.

Im Büro dann tanzte er innerlich einfach weiter und endlich war die lang geforderte Leadership-Qualität da. Dass seine Chefs ihn nun auch neu wahrnahmen, tat seiner Karriere übrigens keinen Abbruch.

Es gehört mehr zum Tanz als rote Schuh’.

Sprichwort

2017 wird das Jahr des Schlafens

Oh, was gingen ihm diese Vorsätze für das neue Jahr auf die Nerven! Jeder nimmt sich große Dinge vor, allesamt mit hohem Potential zum Scheitern. Er hatte nur ein einziges Ziel: immer genug Schlaf. Damit würde alles gut werden in 2017.

Seit Jahren unverändert ↗ sind die dringlichsten Wünsche und Vorsätze für das neue Jahr. Dabei gehören zwar „Mehr Sport machen“, „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“ zu den All-Time-Favourites, doch ganz vorne stehen, mit steigender Tendenz, „Stress abbauen“ und „Mehr Zeit für die Familie“. Ein wesentlicher Einflussfaktor wird dabei gerne außer Acht gelassen: ein Erdentag hat 24 Stunden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Den Wecker in die Mülltonne werfenWas jeder in diesen Stunden macht, ist nicht nur von den persönlichen Vorstellungen, sondern auch vom gesellschaftlichen Umfeld abhängig. In der Regel ist nämlich der Morgen fremdbestimmt durch Schulbeginn, Kernarbeitszeiten, etc. Manche sind auf der Jagd nach jeder Minute mehr Schlaf dazu übergegangen, auf ein Frühstück zu verzichten, einen Turbo-Duschmodus zu entwickeln und Multi-Tasking zu perfektionieren.

Die Abende dagegen sind flexibler und in der Tendenz wird der Zeitpunkt des Einschlafens immer weiter nach hinten geschoben ↗. Logischerweise sinkt somit die Schlafdauer, denn das Aufstehen ist ja vorgegeben. Ungünstig ist die Kombination aus spätem Einschlafen und frühem Aufstehen für Nachteulen (wegen des Aufstehens) ebenso wie für Morgenschwalben (wegen des Einschlafens). Nehme ich mir dann noch vor, zusätzlich zu meinem bisherigen Programm mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder Sport zu machen, bleibt immer weniger Schlaf übrig.

Zudem sind die Schlaf- und Aufstehzeiten von Sonnenuntergang und –aufgang entkoppelt ↗, während der Organismus das über tausende von Jahren als Schlafregulator gelernt hat. Die innere Uhr jedes Menschen bestimmt leistungsstarke und –schwache Tagesphasen. Doch übermüdete Menschen machen nicht nur mehr Fehler und sind weniger leistungsfähig, sie überschätzen sich auch gerne. Nur die Hälfte der Menschen haben ihre guten Vorsätze mehr als drei Monate ↗ befolgt.

Wie wäre es also mit einem einzigen Vorsatz für das neue Jahr? „Ich möchte jeden Tag in meinem mir ureigensten Rhythmus schlafen!“ Klingt wenig, kann aber revolutionäre Folgen haben. Als Morgenschwalbe gehe ich früher ins Bett (was sagt meine Familie oder mein Freundeskreis dazu?), als Nachteule komme ich später zur Arbeit (was sagt mein Arbeitgeber dazu?). Wer diese Idee als blanken Unsinn bezeichnet, der denke doch einfach mal an den letzten Urlaub zurück: Was war das Beste daran? War es vielleicht: endlich mal auszuschlafen und ohne Wecker aufzuwachen?

Ich würde ein Gesetz erlassen, ein einziges. Jeder hat ein Recht auf den ungestörten, von selbst endenden Schlaf! Dieses Gesetz machte alle anderen entbehrlich. Es enthält den Frieden, die Gesundheit und das Glück.

Peter Altenberg (eigentlich Richard Engländer, 1859 – 1919, österreichischer Schriftsteller)

Weihnachten bringt die Familie wieder ein Opfer

Das Weihnachtsfest folgte einem festen Ritual, das die Familie ebenso fürchtete wie konsequent einhielt. Kaum wurden Änderungswünsche geäußert, nahm das die Mutter persönlich: „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ sagte sie dann und alle waren sofort bemüht, ihr entgegen zu kommen. Also blieb alles, wie es gehasst war. Wie kann dieser Teufelskreis verlassen werden?

Das Opfer steht im MittelpunktIn einem Teufelskreis ↗ bewegen sich die Beteiligten zwar ständig, aber vorankommen tun sie nicht. Die Kinder fühlen sich von der ewig gleichen Weihnachtsabfolge eingeengt und wollen sich aus ihrem Korsett befreien. So machen sie der Mutter Vorwürfe: „Alles geht immer nur nach Deinem Willen!“ Die Mutter fühlt sich gekränkt und spielt mit dem Satz „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ die Opferkarte aus. Die Kinder sind beschämt und um des lieben Frieden willens bleibt alles beim Alten. Bei nächstbester Gelegenheit wollen sie sich rächen, das Weihnachtsritual revolutionieren und schon geht es von vorne los.

Die Mutter hat, obwohl sie sich als diejenige darstellt, die scheinbar alle Schuld auf sich nimmt, eine äußerst machtvolle Rolle. Dank der Haltung „Ich bin ein armes Opfer, deshalb müsst ihr tun, was ich will“ agiert sie autoritär und jede Entwicklung ist gelähmt.

Die Opferhaltung als Herrschaftsinstrument funktioniert besonders gut gegenüber Menschen, bei denen das Schuld-Prinzip auf fruchtbaren Boden fällt. So wird die Lähmung unter Umständen verstärkt durch altbekannte Muster, die teilweise schon seit der Kindheit erlebt und gelernt sind. Dann läuft der immer gleiche Film ab.

Er kann jedoch beendet werden. Dabei geht es nicht um Abwehr, sondern um eine gleichzeitig einfühlsame und klare Abgrenzung. Die Kinder wollen ja in erster Linie die Mutter nicht verletzen, sondern das überkommene Ritual den veränderten Umständen anpassen. Sobald die gewohnte Abfolge aus Aktion – Reaktion geändert wird, besteht die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen. Eine Möglichkeit dafür wäre ein Dreischritt aus

  1. Beschreibung, was ist und geändert werden soll
  2. Begründen, warum es für einen selbst eine Änderung geben soll und
  3. Einem konkreten Vorschlag, der einen ersten Schritt in die gewünschte Richtung geht.

Dadurch geht es in der Auseinandersetzung nicht mehr darum, wer schuld an etwas hat, sondern was die Bedürfnisse der Beteiligten sind. Es ist falsche Rücksichtnahme, einander in der Opferrolle und dem Konzept der Schuld verharren zu lassen.

Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Immanuel Kant (1724 – 1804, Philosoph)

Aus dem Bannkreis der Glaubenssätze ausbrechen

„Da musst du durch!“ Wie ein Gefängnis wirkte dieser Satz ihrer Mutter. Seit der Kindheit biss sie immer die Zähne zusammen, doch zu ihrem 50. Geburtstag schenkte sie sich die Befreiung von diesem Glaubenssatz. Mit Hilfe eines kleinen literarischen Tricks.

Ausbruch aus dem Glaubenssatz-GefängnisEs gibt Sätze, die brennen sich tief in das eigene Werte- und Koordinatensystem ein. Mantra-artig wiederholen sie sich im Kopf, als ob sie ein Eigenleben führten. „Hochmut kommt vor dem Fall!“ zum Beispiel. Oder: „Ein einmal gegebenes Versprechen bricht man nicht!“ Auch „Da musst Du durch!“ gehört zu den Klassikern elterlicher Dogmen ↗, die die Welt erklären. Daher das Ausrufezeichen am Satzende.

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, Kinder an die Erwartungen der Umwelt anzupassen und zu zeigen: „Du bist nichts Besonderes!“ „Du musst Dich einordnen!“ „Das gehört sich nicht!“ Sie beschneiden Kinder in ihrer Individualität.

In einer konkreten Situation gesagt, können diese Sätze über die Jahre eine eigene Dynamik entwickeln. Sie lösen sich von den persönlichen Motiven des Vaters oder der Mutter, als sie diesen Satz sagten. Aus der starren Anschauung der Eltern wird der eigene Glaubenssatz. So beißt das Kind selbst als gestandene Frau immer wieder die Zähne zusammen. Auch dann, wenn loslassen, weggehen oder Angriff geeignetere Strategien wären.

Doch die erwähnte Frau hat das Machtfeld ihres Dogmas durchbrochen, indem sie den Leitsatz ergänzte. Er lautet nun „Das ist wie eine Tür, da musst Du durch“:

  • Türen öffnen sich zu neuen Ufern.
  • Türen können etwas einsperren. Oder aussperren.
  • Türen lassen sich zuschließen oder aufschließen.
  • Man kann durch eine Tür gehen und nicht wiederkommen.
  • Oder an der Türe jemanden hineinbitten.

Das Bild der Tür gab der Frau ungeahnte Möglichkeiten. Statt nur eine Richtung vorzugeben, offerierte der Satz nun viele Optionen – je nach Interpretation der Tür-Symbolik. Diese Wahlmöglichkeiten bedeuten Freiheit, sich entscheiden zu können.

Irgendwann kann man die eigene Meinung nicht mehr aushalten.

Fritz van Eycken (* 1968, Herausgeber u.a. von Werken Wilhelm Buschs, Christian Morgensterns oder Karl Mays)

Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

Urlaub reloaded – dank der Post!

Der Alltag hatte sie vollends wieder eingeholt. Die Zeitschiene für die Projekte wurde zusehends enger, die privaten Verpflichtungen größer und der Urlaub war nur noch eine ferne, blasse Erinnerung. Da kam die Postkarte an: nach zwei Monaten und schon saß sie in Gedanken wieder an der Strandbar. Ein Hoch auf die langsame Post!

Auf einmal ist sie wieder im UrlaubBeim Thema Urlaub haben sich scheinbar zwei grundsätzliche Positionen gebildet: auf der einen Seite diejenigen, die für einen langen Urlaub (nicht unter drei Wochen, gerne mehr) plädieren, weil man doch erst nach einigen Tagen wirklich loslassen und abschalten kann. Die zweite Fraktion plädiert für viele kleine Auszeiten aus dem Alltag, verlängerte Wochenenden oder auch nur einen besonderen Tagesausflug. Diese viele Unterbrechungen seien Höhepunkte, auf die man sich doch immer wieder neu, das ganze Jahr über, freuen könnte.

Der niederländische Psychologe Jeroen Narwijn ↗ fand heraus, dass die intensivste Erholung bereits nach einer Woche Urlaub erreicht wird. Und sein österreichischer Kollege Gerhard Blasche ↗, dass der Erholungseffekt nach zwei bis drei Wochen im Alltag vollkommen aufgebraucht ist – egal, wie lang der Urlaub war.

Weitere Untersuchungen zeigen, dass im Rückblick Urlaubserlebnisse positiver gesehen werden und den Wunsch nach einer Wiederholung ↗ auslösen. Erinnerungen werden zum Beispiel durch Bilder, Mitbringsel oder Postkarten aktiviert. Und hier kann man sich die langsame Post vieler Urlaubsländer zu Nutze machen.

Schicken Sie sich doch das nächste Mal selbst eine Karte. Am letzten Urlaubstag am Flughafen oder beim Hotel eingeworfen kann es mitunter einen Monat dauern, bis sie bei Ihnen ankommt (ich hörte von einer Karte, die aus Äthiopien 15 Monate unterwegs war). Und wenn Sie die dann in der Hand halten – dann gehen Sie noch einmal im Innern auf Urlaubsreise.

Die Größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Schriftsteller)

Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)