Weihnachten naht: übermüdet in die Traditionszeit

Als vor rund drei Jahren die ersten Berichte über eine neuartige Grippe aus China kamen, erwartete wohl niemand, welch umwälzendende Folgen dieser Virus weltweit auslösen würde. Das private, berufliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben veränderte sich, teilweise dauerhaft, grundlegend. Wer kann sich heute beispielsweise noch vorstellen, jeden Tag in ein Büro zum Arbeiten zu fahren? Dann begann vor fast zehn Monaten der Krieg in der Ukraine, quasi vor unserer Haustür. Und gemeinsam mit den Corona-Folgen bringen Inflation, Zukunftsängste und ständig wechselnde Herausforderungen viele Menschen um ihren Schlaf.

Nun naht auch noch Weihnachten: Hoffnung auf Erholung und Besinnung für die einen, das Fest der Hiebe und des Streits für die anderen. Eine gefährliche Mischung aus Übermüdung (die sich in den letzten drei Jahren breitgemacht hat) und Überforderung (Weihnachten soll alles perfekt sein), die nur einen Funken braucht, um zu explodieren.

Für einen klaren Kopf helfen vielleicht ein paar Fakten.

  • Beruflicher Stress sorgt bei mehr als 40% der Menschen für Schlafstörungen und private Sorgen sowie Krankheiten sind für ein rund ein Drittel der Menschen der Killer der Nachtruhe.1) Insgesamt schläft jede fünfte Frau schlecht und jeder siebte Mann. Menschen, die Schicht arbeiten, leiden besonders unter den wechselnden Wach-Schlaf-Rhythmen.2)
  • Bei einem Drittel der Weihnachtsfeste gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat3) und bei der Hälfte ist an Heiligabend die Bescherung. Das sind Traditionen, die für Frieden am Friedensfest sorgen könnten. Die Hälfte der befragten Menschen verbringen den 24.12 mit Freunden und Familie.4) Vermutlich ist das allerdings auch der Grund für den Streit. Zwar geben über 70% bei einer Umfrage an, an Weihnachten bliebe alles friedlich. Doch bei jeder fünften Zusammenkunft kracht es gelegentlich, bei 3% sogar regelmäßig. Beliebtestes Streitthema: Ablauf und Organisation der Weihnachtstage. Auch oft genannt: Gefühlte Bevorzugung oder Benachteiligung.5)

Ich habe die Zahlen herausgesucht, da ich der festen Überzeugung bin: Verstehen ist die Grundlage für Verständnis. Wenn ich weiß, wie es meinem Gegenüber geht, kann ich ihr/sein Verhalten besser einordnen. Umgekehrt gilt das genauso.

Daher wünsche ich Dir/Ihnen Großmut, Geduld und Humor für die kommende Weihnachtszeit, damit Du/Sie Kraft schöpfen kannst/können.

1) Forsa-Umfrage 2020 (1003 Teilnehmer im Alter von 18 bis 70 Jahren), zitiert nach https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/f-a-z-serie-schneller-schlau-wenig-schlaf-kostet-uns-milliarden-16870304.html ↗

2) Barmer Gesundheitsreport, zitiert nach https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/f-a-z-serie-schneller-schlau-wenig-schlaf-kostet-uns-milliarden-16870304.html ↗

3) Deals.com Umfrage 2014 (1284 Befragte in Deutschland, Mehrfachnennungen möglich), zitiert nach https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/f-a-z-serie-schneller-schlau-bescherung-nur-fuer-die-haelfte-der-deutschen-16547343.html ↗

4) Statista Umfrage 2019 (1023 Befragte in Deutschland ab 18 Jahren), zitiert nach https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/f-a-z-serie-schneller-schlau-bescherung-nur-fuer-die-haelfte-der-deutschen-16547343.html ↗

5) Yougov-Umfrage 2019 (476 Befragte in Deutschland ab 18 Jahren, zitiert nach https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/f-a-z-serie-schneller-schlau-bescherung-nur-fuer-die-haelfte-der-deutschen-16547343.html ↗

Besser spät als nie: Die Reißleine ziehen

Der Vortrag auf der Führungskräftekonferenz sollte die Bewerbung für eine ganz wichtige Position sein. Es galt, den nächsten Karriereschritt vorzubereiten. Doch quälende Schmerzen und schlaflose Nächte, schon seit Wochen, warfen die Frage auf: Ist das jetzt alles ein bisschen viel?

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran! Höher, schneller, weiter ist das für die Einen. Für die Anderen geht es um Nicht aufgeben, keine Schwäche zeigen, es sich und anderen beweisen. So kommen wir Menschen voran und halten schwierige Situationen durch.

Dafür haben wir innere Antreiber (m/w/d), die oft wenig schmeichelhafte Namen haben wie Wadenbeißer, Terrier oder Sklaventreiberin. Dabei sind es einfach sehr widerstandsfähige Kräfte, die eine wahre Meisterschaft im Durchhalten und Dranbleiben entwickelt haben. Die leider manchmal auch die Ansprüche von anderen zu ihren eigenen gemacht (internalisiert) haben. Das Lebensmotto lautet „Ja!“. In der ultimativen Ausformung ist es der pure Überlebenswille. Ohne den würde es uns alle einfach überhaupt nicht geben.

Sich mit dem Fallschirm rettenDoch dieser Durchhaltekraft sollte eine Geschwistertugend zur Seite gestellt werden, die mit einer Mischung aus Fürsorglichkeit und Gleichgültigkeit auf die Anforderungen der Welt reagiert. Diese Tugend ist keineswegs ein Drückeberger, das ist eine verletzende Unterstellung. Sie nimmt vielmehr im rechten Moment die Gesundheit in das Blickfeld, die eigene Verletzlichkeit und die Begrenztheit von Ressourcen wie Zeit, Kraft, Mut oder Kreativität. Um dann dafür zu sorgen, dass ein „Nein!“ ausgesprochen wird und manchmal im schier letzten Moment die Reißleine gezogen wird.

In solchen Situationen kommen leicht Selbst-Abwertungen ins Spiel. Da wird von Scheitern, Versagen oder Unfähigkeit gesprochen. Doch gerade die Selbstfürsorge erfordert Mut, Weisheit und tiefe Erkenntnis. Statt die Retter zu verfluchen sollten wir sie würdigen. Denn dadurch, dass ein Besuchswochenende abgesagt wird, ein Job gekündigt oder die Wohnung ungeputzt bleibt, wird das sensible Öko-System Mensch vor Überlastung geschützt.

Reißleine, die: Leine, mit der durch Ziehen der Fallschirm geöffnet wird (umgangssprachlich: eine gefährliche Entwicklung stoppen).

Deutsches Universalwörterbuch, 7. Auflage 2011

Von Frederick der Maus lernen

Kürbisse an jeder Ecke, die Weihnachtsdeko in den Schaufenstern und die nahende Zeitumstellung zeigten ihm an: es geht zu Ende mit dem Sommer. Doch wie konnte er sich gegen einen deprimierenden Winter wappnen?

Alle Felder sind abgeerntet und fast scheint es, als ob der „Schnitter allen Lebens“ (so eine poetische Beschreibung des Todes) wie die Ähren auf dem Feld das fröhliche Ich mit seiner Sense schneidet. Nur wenige Menschen finden den November den schönsten Monat des Jahres, perfekt für einen Tag zu Hause auf dem Sofa oder einem Spaziergang durch feuchte Felder und Wälder. Auch Venedig soll im November einen besonderen, weil morbiden, Charme haben. Viele Menschen fallen dagegen nach den Monaten von Wärme und Licht in sich zusammen, wenn die Nächte länger als die Tage sind. Spätestens mit dem Ende der Sommerzeit droht eine grundlegende Betrübnis.

Im Kinderbuch „Frederick“ von Leo Lionni sitzt während des gesamten Herbstes scheinbar faul und untätig eine Feldmaus herum, während alle anderen Mäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln. Als er gefragt wird, warum er nicht mithelfen würde, sagt Frederick, dass er auch Vorräte sammelte, nämlich Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Im Winter leben die Feldmäuse dann eine Zeit lang gut von den Vorräten, doch als die aufgebraucht sind, ist noch lange nicht Frühling. Nun solle doch Frederick seine Vorräte hergeben. Und so erzählt er ihnen von der Sonne, die auch als Erinnerung noch wärmt. Von Farben, die im Winter so rar sind und die Worte werden zu einem Gedicht. Frederick hilft den Feldmäusen so, den Winter zu überstehen. Denn so wie der Mensch leben auch Feldmäuse nicht vom Brot allein.

Einnerungen an den Sommer sammelnAn diesem kleinen Frederick haben wir uns ein Beispiel genommen und so sammeln meine Frau und ich jeden Sonntag Sonnenstrahlen, Farben und Worte in Form von Sonntagsausflügen. Allesamt in der nahen Umgebung, raus in die Parks und Gärten oder den Grüngürtel rund um Frankfurt. Manchmal ganz offen, manchmal ganz heimlich mache ich ein Foto mit dem Handy, aus dem dann eine Postkarte wird. Diese kommt im Lauf der Woche zu Hause an und erinnert uns in der dann schon vollen Arbeitswoche daran, wo wir am Sonntag waren. Ein Seufzer, ein „Ach ja, das war schön!“ löst Wärme in uns aus und lässt graue Arbeitstage bunter erscheinen.

Die Karten finden überall ihren Platz, mal aufgereiht, mal auf einem Stapel, mal als Lesezeichen und so stolpern wir manchmal Monate später darüber, wo wir im Frühling waren (und es schon längst vergessen hatten). In der ersten Corona-Zeit haben wir damit angefangen und es seitdem als eine wertvolle Tradition beibehalten. Damit können wir sogar über Dieter Hildebrand lachen:

Wenn du und das Laub wird älter,
und du merkst, die Luft wird kälter,
und du fiehlst, daß du bald sterbst,
dann is Herbst.

Dieter Hildebrandt: Schlesischer Jahreszeiten-Zyklus

No pressure – no diamonds! Echt jetzt?

Täglich wird an ihn appelliert, wie er der kommenden großen Krise begegnen solle. Mal wird er an seinen Sinn für Zusammenhalt erinnert, mal zum Durchhalten aufgefordert. Doch als er mit Diamanten verglichen wird, fragte er sich: „Echt jetzt“? Eine Widerrede gegen ein misslungenes Motivationsbild.

Krisenzeit ist Appellzeit. Plötzlich sitzen „alle in einem Boot“, wobei nicht klar ist, ob es ein gemeinschaftlich geteiltes Boot ist. Manche sitzen auf einer Yacht, andere in einem Schlauboot. Wir alle sollen „den Gürtel enger“ schnallen. Manche halten damit den Bauchspeck zusammen, andere schnüren sich die Luft zum Atmen ab. In Organisationen und Firmen wird auch gerne die „Familie“ bemüht, zu der doch alle gehörten. Gemeint ist dabei oft, dass man die eigene Familie im Stich lassen solle, um für die Familienfamilie noch ein paar Überstunden zu machen.

Ein Chef rennt voran und verlangt von Mitarbeitern zu Diamanten zu werdenViele dieser Formulierungen sorgen bei den Empfängern nicht für Motivation, sondern für Kopfschütteln. Besonders misslungen finde ich das Bild „No pressure – no diamonds“ (Kein Druck – keine Diamanten). Diese Formulierung wird gerne von Führungskräften verwendet, um die Mitarbeitenden zu Höchstleistungen anzuspornen. Aber wie entstehen eigentlich Diamanten?

Diamanten bestehen aus reinem Kohlenstoff, einem chemischen Element. Kohlenstoff ist, neben anderen Stoffen, ein Abfallprodukt, das bei der Verbrennung organischer Materialien entsteht. Diamanten können mit Hilfe der Diamantsynthese künstlich hergestellt werden. Dabei wird der Kohlenstoff in flüssigen Schwermetallen wie (gesundheitsschädlichem) Nickel oder Eisen bei hohem Druck und hohen Temperaturen gelöst. Es geht dabei richtig heiß zur Sache: 1.200-1.600°C werden benötigt (Wasser kocht bei 100°C). Und auch der Druck ist nicht von Pappe: 35.000 bis 50.000 bar beträgt er. Zum Vergleich: der mittlere Luftdruck beträgt rund 1 bar.

Wenn eine Führungskraft also mit dem Satz „No pressure – no diamonds!“ motivieren will, meint sie damit tatsächlich, dass die Mitarbeitenden verbrannt werden sollen (also bis zum Burn-out arbeiten), um sie dann bei passenden Gelegenheiten ordentlich zusammenzufalten (Druck auszuüben)? Hoffentlich nicht. Vielleicht haben sie vielmehr Marylin Monroe im Hinterkopf:

Diamonds are girl’s best friends

Aus dem Film “Gentlemen Prefer Blondes“ (Blondinen bevorzugt)

Übler Nachrede klare Grenzen setzen

Ihr Kollege bat sie mit versteinerter Miene zu einem Vier-Augen-Gespräch und legte gleich los: beim letzten Betriebsfest hätte sie ständig über ihn hergezogen und seine Arbeitsqualität vor Allen lächerlich gemacht. Das hätten ihm besorgte Mitarbeiter erzählt. Sie fiel aus allen Wolken. Doch er fragte erbost: „Wie soll ich denn jetzt noch weiter mit Ihnen zusammen am gemeinsamen Projekt arbeiten?“

Angriffe aus dem Hinterhalt sind schwer abzuwehren und können grundsätzlich jede/n treffen. Je stabiler die angegriffene Person innerlich ist, je selbstbewusster sie mit überraschenden Situationen umgehen kann, desto besser können diese Angriffe in ihrer Wucht begrenzt werden. Wie auf dem Schulhof, als früher die Jungs von hinten angerannt kamen, um das „Opfer“ zu treten, zu schlagen oder umzuwerfen, entscheidet die nachfolgende Reaktion, ob es auch in Zukunft zu weiteren Angriffen kommt. Solche Attacken leben davon, dass sich die Angreifer im Recht fühlen, sich unbeobachtet wähnen und keine nennenswerte Gegenwehr vom Angegriffenen erwarten. Es wird erst dann aufhören, wenn sich die/der Angreifende der eigenen Sache nicht mehr sicher ist.

Zwei Menschen erwischen wie sie heimlich miteinander redenDie eingangs beschriebene „stille Post“ missachtet grundlegende Regeln des sozialen Miteinanders. Offenbar hat keiner der berichterstattenden Personen mit der Kollegin das direkte Gespräch gesucht. Ein Feedback hätte auf jeden Fall geholfen. Feedback lebt davon, dass es zeitnah, direkt der betreffenden Person und so konkret wie möglich gegeben wird. Gerne auch in freundlichem Ton. Vielleicht wurde eine Aussage von ihr nur missverstanden? Stattdessen wurde die eigene Interpretation unkontrolliert hinter ihrem Rücken weitergetragen.

Auch die Zeit spielt eine Rolle. Etwas, was Wochen, vielleicht gar Monate zurückliegt, gärt in den Köpfen und Herzen weiter, verändert sich dabei und die Klärung des Sachverhaltes wird dadurch immer schwieriger. Und Klärung ist jetzt die erste Aufgabe, egal welche Gegenmaßnahme die angeschwärzte Kollegin auch noch ergreifen wird: Was hat sie gesagt, was gemeint und wie kann mit dem verärgerten Kollegen eine Verständigung stattfinden? Das Gespräch wird für beide nicht angenehm, kann gleichwohl im Anschluss zu einem besseren Verhältnis beitragen.

Danach könnte die Kollegin für Transparenz sorgen und Grenzen ziehen. Hinten herum irreführende Kommentare oder Gerüchte zu verbreiten, sorgt für Ärger und Missstimmung, soziale Beziehungen leiden. Es ist wichtig, Menschen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen.

Die beschuldigte Kollegin könnte sich in Erinnerung rufen, mit wem sie alles beim Betriebsfest gesprochen hatte. Was wäre, wenn sie nun ihrerseits Vier-Augen-Gespräche mit denen sucht, die getratscht hatten? Sie könnte die Situation mit dem verärgerten Kollegen kurz beschreiben und dann freundlich, kommunikative Grundregeln wahrend und ohne arrogant zu wirken, deutlich Grenzen ziehen: „Ich weiß nicht, wer was zu ihm gesagt, daher spreche ich alle an, mit denen ich auf dem Betriebsfest geredet habe. Das ist also jetzt kein Vorwurf an Sie persönlich. Wenn es etwas gibt, was an meinen Aussagen irritiert, dann sprechen Sie mich doch bitte beim nächsten Mal direkt an, damit wir das klären und Missverständnisse vermeiden können.*) Nach dem Motto: „Ich sehe, was läuft und spiele das Spiel nicht mit!“

Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.

Sprichwort

*) Die Sätze sind in den Farben des Kommunikationsquadrates von Friedemann Schulz von Thun gekennzeichnet. Es beschreibt die vier Ebenen der Kommunikation aus Sachinformation (blau), Aussage über mich selbst (grün), einem Beziehungshinweis (gelb) und einem Appell (rot). Mehr zu diesem weithin verbreiteten Klassiker, auch bekannt als „Nachrichtenquadrat“ oder „Vier-Ohren-Modell“, unter https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat ↗

Ausgleichszahlungen für vorenthaltene Liebe

Als der Hausmeister die Wohnung der alten Nachbarin ausräumte, fand er zwei Sparbücher mit mehr als 10.000 Euro Guthaben. Die Hinterbliebenen wollten davon nichts wissen. Ihr ganzes Leben sei die Frau geizig und gehässig gewesen, jetzt wollten sie auch nichts mehr von ihr. Was sollte er mit den Sparbüchern nun tun?

Glücklich ist, wer etwas zu vererben hat. Glücklich ist, wer etwas erben kann. Doch leider wird dieses Glück oft getrübt. Statt sich über die Weitergabe eines Vermächtnisses oder eine Starthilfe zu freuen, brechen in Familien alte Konflikte auf. Diese gärten mal jahrelang unter der Oberfläche, mal waren sie erkaltet und festgefahren oder auch schon immer hochexplosiv. Und dann müssen auch noch die Familientraditionen befolgt werden! Doch weil das Erben zwei völlig unterschiedliche Welten verbindet, kann hier jedes Wort wie ein Funke im Pulverfass sein.

Zum einen gibt es die juristische Ebene mit Testament, Erbschaftsrecht, Pflichtanteilen, Schenkungs- und Erbschaftssteuern, Eigentumsvorbehalten, Gesellschaftsrecht, Niesbrauch, Wohnrecht – es nimmt einfach kein Ende. Ein Erbfall kann wie ein gordischer Knoten sein, der nicht einfach mit einem Schwerthieb zerschlagen werden kann. Und daher eine wunderbare Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte und Notare, die alles auseinanderdröseln.

Schon am Sarg straiten die Erben

Als sei das nicht schon schwierig genug, kommen noch Jahrzehnte von erlebten, erlittenen, aufgestauten, unterdrückten Gefühlen bei den Hinterbliebenen hinzu. Wer wen wann wie verletzt, übervorteilt, benachteiligt, missachtet, beleidigt, hintergangen hat, wird mitunter kleinstteilig aufgelistet. Dass dabei das Gedächtnis die eine oder andere Lücke hat oder Verzerrung vornimmt, würzt diese Mischung nur noch mehr.

Wenig vornehm wird hier zu oft die ganz große Keule herausgeholt und Gefühle in Gold aufgewogen: weil das Elternteil immer das eine Kind bevorzugt/benachteiligt hat, muss jetzt der Betrag X gesondert verhandelt werden. Gerne auch an der offiziellen Erbmasse vorbei. Erbittert wird um die Nachfolge in Familienbetrieben, um Immobilien, Aktienpakete, Goldbarren oder Familienschmuck gekämpft und so manche/r wünscht sich, es gäbe nichts zu verteilen. Nicht wenige haben zu ihren Familien rechtzeitig den Kontakt abgebrochen, um sich aus diesem Schlamassel von vornherein heraushalten zu können. Das Geld ist ihnen der damit verbundene Ärger nicht wert.

Beim erfolgreichen Erben geht es darum, beide Ebenen – Recht hier, Gefühle da – möglichst getrennt voneinander zu betrachten und zu behandeln. Denn der Erbschein ist schlichtweg keine Ausgleichszahlung für entgangene Zuneigung. Das hätte zu Lebzeiten mit dem/der Erblasser*in geklärt werden müssen. Und so hat der Hausmeister die Sparbücher einer gemeinnützigen Organisation geschenkt.

2020 wurden Vermögen im Wert von knapp 47 Mrd. Euro vererbt, verschenkt oder gestiftet.

Quelle: Erbschaft- und Schenkungssteuerstatistik 2020 des Statistischen Bundesamtes

Mit dem Tempomat durch das eigene Leben

Lebe im Gleichklang mit Dir selbst! Werde langsamer und erreiche dadurch mehr! Achtsamkeit ist der Schlüssel zu Glück und Gesundheit! Alle Welt sprach davon, dass das Leben im persönlichen Tempo angegangen werden müsse. Doch sie fragte sich: wie ist es ist denn, mein Tempo?

Die Großstädte scheinen ein Hort der Hektik zu sein und auf dem Land ist alles noch in bester Ordnung. Während hier Dauerbeschallung, Verkehrsströme und Menschenmengen jeden Tag anstrengend machen würden, lebte dort doch alles in friedvoller Harmonie mit der Natur. Menschen auf dem Land sehen das anders: wer von der Natur lebt, arbeitet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, trotzt dem Wetter und kämpft für faire Verkaufspreise.

Das entspannte Landleben ist (und war schon immer) eine Illusion. Schließlich wurde das Flanieren in Paris erfunden, als es angeblich schick war, eine Schildkröte auszuführen. Die Wanderbewegungen hierzulande haben das Gehen ebenfalls als erstrebenswerte Heilquelle angesehen. Eine ganze Industrie lebt heuer vom Verkauf der Wanderausrüstung. Dabei ist Gehen die einzige Fortbewegung, für die wir Menschen kein Hilfsmittel benötigen. Noch nicht einmal Schuhe.

In der inneren Mitte laufen

Letztens war ich am Meer und bin barfuß über den Strand und entlang der Wasserkante gelaufen. Mein Gang veränderte sich. Vom abgehakten Hoppeln in Schuhen auf Asphalt hin zu einem wiegenden Schreiten, wo jeder Schritt die Zehen bewusst in den Untergrund gedrückt hat. Ging ich langsam? Ging ich schnell? Das kann ich nicht sagen, doch ich ging – in meinem Tempo. Manche Menschen überholten mich, sie gingen in ihrem Tempo. Andere Menschen überholte ich. Auch sie gingen in ihrem Tempo. Ich hatte eine Ahnung davon bekommen, dass ich mein ganz persönliches Tempo spüren kann.

Vor vielen Jahren traf ich eine Frau, die gut und gerne bereits eine halbe Stunde vor der Ankunftszeit des Fliegers am Flughafen auf ihren Gast gewartet hat. Sie reise lieber in Ruhe mit einem Puffer an und nähme sich dann die Zeit, zu warten. Im Urlaub haben meine Frau und ich den selten fahrenden Bus verpasst und so eine leckere Entdeckung in der Eisdiele an der Ecke gemacht. Was also könnte ich gewinnen, wenn ich versuchte, mir mehr Zeit für mein Tempo zu nehmen?

Die Zeit hat Zeit. Sie pendelt.

Im Hotel für Mensch und Kunst „Das Kleine Schwarze“, Hamburg

Der Job ist ein Tigerkäfig

Im Job hatte er meist Pläne, Protokolle und Projektzahlen zu bearbeiten. Seine Leistung fiel ab, die Krankheitstage nahmen zu. Der Chef plante, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Dabei war er doch kreativ, konnte gut mit Menschen und im Social Media Bereich ein Talent. Sah das denn keiner?

In der besten aller Arbeitswelten werden Menschen entsprechend ihren Talenten und Fähigkeiten eingesetzt. Jenseits dieser Utopie, in unserer gelebten Arbeitswelt also, gibt es neben dem „Peter Prinzip“ noch den „Tigerkäfig“. Das Peter Prinzip beschreibt, dass Menschen so lange in der Hierarchie aufsteigen, bis sie die Stufe ihrer eigenen Inkompetenz erreicht haben. Beispielsweise sind erfahrene Projektleiter*innen verblüffend oft schlechte Führungskräfte und operative Stars mit strategischen Planungen überfordert.

Den Tiger aus dem Jobkäfig lassenEng verwandt ist der Tigerkäfig, eine Wortkreation von mir selbst. Denn zu oft erinnern mich angestellte Mitarbeiter*innen an Tiger in den Käfigen alter Zoos, die unruhig hin und herlaufen und einfach am falschen Ort sind. Ihre ganze Geschmeidigkeit und Kraft ist zwischen Betonböden und Gitterstäben fehl am Platz. So gibt es auch in Unternehmen Menschen, die (übertragen gesprochen) wie Zuckerbäcker wahre Kunstwerke fertigen könnten, doch leider Tag für Tag graues Kommissbrot backen müssen. Die ihnen innewohnende Kreativität wird durch öde Alltagsroutine ausgebremst. Wortakrobaten müssen sich als Budgetcontroller abmühen statt Textfeuerwerke abzubrennen und operative Genies sollen menschlich und strategisch Abteilungen visionär antreiben, obwohl sie sich im Klein-Klein der Aufgabendetails viel wohler fühlen. Das kann für alle Beteiligten nur schiefgehen.

Zu oft wird in Organisationen das Problem dann mit der wirtschaftlich und persönlich schlechtesten Lösung angegangen: der Kündigung. Eine Kündigung kostet beim Kündigen Geld, bei der Suche und Einstellung der Nachfolger*in ebenso und für eine längere Zeit ist die Stelle wenig „performant“ (leistet also nicht den notwendigen Beitrag zum Unternehmensergebnis). Für die gekündigte Person kommen auch noch Selbstzweifel und Versagensängste in der Jobsuche hinzu.

Viel lohnenswerter wäre es, die Person auf eine Position umzusetzen, die ihren Fähigkeiten und Talenten entspricht. Die Zuckerbäcker in der betrieblichen Patisserie, die Zahlenjongleure im Controlling, die operativen Genies in Organisationsprojekten, usw. Womit wir bei der Utopie wären. Sie wird leider oft nicht Realität, weil es nun mal menschelt, wo Menschen zusammenkommen. Denn ist der Ruf erst ruiniert („Welch ein schlechter Graubrot-Bäcker dieser Zuckerbäcker doch ist!“), gibt es intern wenige Fürsprecher, um eine Umbesetzung in die Wege zu leiten. Schade eigentlich, denn sonst könnten die Menschen an den geeigneten Stellen für das Unternehmen so richtig Gas geben und den alten Esso-Werbespruch mit Leben füllen:

Pack den Tiger in den Tank!

Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star