Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)

Einer Freundin aus der Patsche helfen

Es war eine besonders knifflige Stelle auf dem Weg nach oben. Ein Zurück war nicht mehr möglich und ihre Kräfte waren am Ende. Doch dann bekam sie von ihrem Partner eine sachte Unterstützung und so schaffte sie es auf das Felsplateau. Was lässt sich vom Klettern lernen, um Freunden beim Meistern auswegloser Situationen zu helfen?

Ein Freund hilft durch BegleitungBeim Bouldern klettern Menschen ohne Seil und Gurt an natürlichen Felsen oder an künstlichen Kletterwänden. Sie klettern dabei in der Regel nur so hoch, dass sie notfalls auch abspringen könnten. Doch auch hier gibt es Stellen, die eine scheinbar eine Sackgasse sind: der nächste Griffpunkt, sei es eine Felsspalte oder ein Vorsprung, kann nur mit den äußersten Fingerspitzen erreicht werden. Die Füße finden keinen neuen Halt, auch zur Seite ergibt sich kein Ausweg. Der Sprung nach unten birgt die Gefahr, sich an den rauen Felswänden zu verletzen.

Das klingt nach Umständen, wie sie auch im Berufs- oder Privatleben vorkommen können: Auf der Arbeit ist man im Team gefangen und eine Re-Organisation kappt die letzte Chance auf Weiterentwicklung. Oder in der Familie dreht sich eine Abwärtsspirale, weil die Kinder mit der Schule nicht zurechtkommen, aber ein Schulwechsel unmöglich ist.

Im oben genannten Beispiel half der Kletterpartner mit einer Drei-Punkte-Strategie weiter: Erklären – Vertrauen – Stützen.

  1. Anfangs erklärte er die Situation und die möglichen Optionen. Er hatte von unten, mit Abstand, mehr Überblick und konnte Wege zeigen, die die Kletternde nicht sah.
  2. Während ihre Kräfte schwanden, gab er ihr einen Vertrauensvorschuss. Weil er realistisch daran glaubte, dass sie den nächsten Schritt machen kann (und nur um den geht es – Schritt für Schritt, Griff für Griff geht es voran), sorgte er für einen kleinen emotionalen Energieschub. Statt auf direktem Weg über einen unüberwindlichen Berg geht es einfacher um ihn herum: Schritt für Schritt auf einer Serpentinenstraße ↗ jeweils nur bis zur nächsten Wendung. Und dann schaut man weiter.
  3. Schließlich stützte er sie mit seinen Händen: er umfasste oder hielt sie nicht, sondern legte einfach die Hand sachte an ihren Rücken. Über diese Geste wird bei der berührten Person das Hormon Oxytocin ausgeschüttet ↗. In der Folge sinkt der Stresspegel im Gehirn, Schmerzen werden weniger empfunden und Ängste verringern sich.

Diese kleinen Interventionen sind ein echter Freundschaftsdienst: sie lösen die innere Blockade und Verzweiflung auf, der weitere Weg wird frei. Unabhängig vom Geschlecht übrigens.

Gute Freunde reichen uns die Hand, aber gehen lassen sie uns selber.

Anke Maggauer-Kirsche (*1948, deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin)

Ein Fehler ist kein Fehler ist kein Fehler

Bastian Schweinsteiger sollte alles klar machen: mit einem verwandelten Elfmeter hätte er seine Mannschaft ins Halbfinale geschossen. Doch der Schuss ging übers Ziel hinaus. Was für ein Fehler des Kapitäns! Aber ist „Fehler“ überhaupt das richtige Wort für sein Scheitern?

Ein Fehlschuss passiert auch dem besten FußballerEs gibt Menschen, die selbst die stärksten Kritiker ihrer vermeintlichen Fehler sind. Dabei verurteilen sie sich für ihre Unfähigkeit und vergessen, dass es verschiedene „Fehlertypen“ gibt, zum Beispiel:

  • Den Irrtum: „Wenn ich das gewusst hätte …“
    Zum Zeitpunkt der Entscheidung standen weniger Informationen zur Verfügung als heute. Auf Basis der ursprünglich unvollständigen Daten wurde die Entscheidung getroffen. So hat beispielsweise Kolumbus irrtümlicherweise angenommen, direkt nach Indien zu gelangen. Ihm fehlte die Information, dass zwischen Europa und Indien noch Amerika liegt.
  • Das Missgeschick: „Das habe ich nicht erwartet…“
    Ich bin davon ausgegangen, dass meine Handlung ein bestimmtes Ergebnis zeigen wird. Doch es kam anders. Das ist manchmal Pech (wie bei Schweinsteigers Elfmeter), manchmal Glück. Die weitverbreiteten Post-it Notizzettel, die nur schwach auf jedem Untergrund haften, entstanden bei Versuchen, einen Superkleber zu entwickeln ↗.
  • Die innere Zerrissenheit: „Wider besseres Wissen habe ich …“
    Mir liegen ausreichend Informationen vor, die Entscheidung liegt klar auf der Hand und doch mache ich genau das Gegenteil von dem, was der Verstand sagt – oder das Bauchgefühl. Denn Menschen treffen Entscheidungen parallel emotional und rational ↗. Kommen beide Entscheidungswege zu unterschiedlichen Ergebnissen, muss ich dem einen oder dem anderen Vorrang geben.

Je nach Typ bedarf es also unterschiedlicher Maßnahmen, um den Fehler zu vermeiden. Mal ist es zusätzliches Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber.

Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Scheitern. Es ist ein zu Unrecht vernachlässigter wesentlicher Teil des Lebens.

Matthias Brandt (*1961, dt. Schauspieler)

Digital detox – oder: einfach mal blau machen

Als Mitglied der Geschäftsführung waren ihre Termine oft doppelt und dreifach verplant. Dann stand das lange Wochenende an, Mann und Kinder waren gemeinsam zelten und sie machte – nichts. Als sie das montags erzählte, erntete sie ungläubiges Kopfschütteln. War sie etwa krank, gar depressiv?

Mal so richtig abschaltenSelbstbestimmtes Leben ist eine Freiheit, die sich Menschen spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu erkämpfen versuchen. Die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert scheint aber viele wieder erneut zu versklaven. Ständig gibt es die Notwendigkeit, in Meetings zu sitzen, in Steuergruppen Entscheidungen zu treffen oder in Supervisory Boards die Zielerreichung zu evaluieren. Das Grundbedürfnis nach Freiheit, Eigenständigkeit und Einzigartigkeit ↗ wird in diesen endlos aneinander gereihten Gruppenbesprechungen ignoriert.

Das Zuviel an Kooperation, Kontakt zu Anderen und ständiger Anpassung an die Umgebung braucht gleichsam eine Gegentherapie. Auch wenn das Stadtfest lockt, die ganze Wohnung für einen alleine da ist und durchfeierte Nächte ganz einfach möglich wären, gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden, die es so nur mit sich selbst alleine geben kann. Mönche haben dafür den Klosterbereich der Klausur ↗: er darf nur unter bestimmten Voraussetzungen von Außenstehenden betreten werden und dient dem Rückzug und der Besinnung.

Eine Auszeit stellt einen Sicherheitsabstand zu fremden Ansprüchen an einen selbst dar. Wenn das Mobiltelefon abgestellt und das Festnetztelefon ausgehängt ist, ist Mann oder Frau sich selbst genug. Es ist weniger ein Zeichen von Depression, mal in Klausur zu gehen, als ein Weg, genau diese Krankheit zu vermeiden.

Muße ist das Kunststück, sich selbst ein angenehmer Gesellschafter zu sein.

Heinrich Waggerl (1897 – 1973, österreichischer Schriftsteller)

Das Team durch das Tal der Tränen führen

Die Umstrukturierung betraf jeden Arbeitsplatz. Moderner und effizienter sollten die Prozesse werden und Alteingefahrenes abgeschafft. Doch weder Frustration, innere Kündigung noch Rebellion waren im Team zu spüren, statt dessen Vertrauen in die Bereichsleiterin. Wie hatte sie das hinbekommen?

Durch das Tal der Tränen führenBei einer Veränderung in der Arbeitswelt gibt es verschiedene Phasen, die ein Team erschüttern können. Oft fängt es mit Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand und Gerüchten über bevorstehende Maßnahmen an. Dann die ersten Veränderungen, die oft mit einer aus der Homöopathie bekannten „Erst-Verschlimmerung“ ↗ einhergehen. Denn zusätzlich zum Alltag müssen noch neue Wege entwickelt und Arbeitsweisen eingeführt werden: Das System muss gleichzeitig nach den alten und den neuen Prinzipien funktionieren. Hier sprechen viele vom biblischen „Tal der Tränen“ ↗, durch das „man“ hindurch müsse.

Es gibt Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vermitteln, dass mit „man“ nur sie, die Angestellten, gemeint seien. Zwar wird oft das „gemeinsame Boot“ beschworen, in dem sie jetzt alle sitzen würden, doch wenn der Steuermann nach Richtung und Ziel gefragt wird, wird es nebulös. Er versteckt sich hinter blumigen Worten und vagen Versprechungen. Ganz anders hat es die Bereichsleiterin im Eingangsbeispiel gemacht.

Sie sagte sich: „Wenn es nun mal so ist, wie es ist und es sich nicht so leicht ändern lässt – dann brauchen meine Mitarbeiter jetzt Empathie und Transparenz.“ Empathie, Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Situation, in der sie jetzt drin stecken. Vielleicht zerplatzen manche Karriereträume. Oder geliebte Arbeitsgebiete werden abgeschafft, die geschätzte Kollegin wird an einem anderen Tisch sitzen.

Und gleichzeitig Transparenz über das Warum, Wofür und Wie der Veränderungen. Ein offenes Gespräch über zerplatzte Karriereträume oder über Chancen und Risiken neuer Aufgaben, aber auch darüber, dass sich noch nicht alles vorhersagen lässt. Denn Mitarbeiter sind nicht so dumm, wie ihnen oft unterstellt wird. Natürlich merken sie, wo der Hase lang läuft und eine Führungskraft, die das ignoriert, gilt als feige und bekommt kein Vertrauen.

So hat also die Bereichsleiterin nach der einfachen Formel „Empathie + Transparenz = Vertrauen“ gehandelt. Dass sie dafür innere Größe braucht, machte sie übrigens überhaupt nicht zum Thema.

Lieber klare Kante als Hose voll

Franz Müntefering, 2008 (* 1940, SPD-Politiker)

(K)ein Leben ohne Konflikte

Die Abteilung war zu einer Teamentwicklung ins Tagungshotel eingebucht. Als sich die Kollegen am zweiten Tag als „Konflikt-Schafe“ oder „Konflikt-Stiere“ bezeichnen sollten, wünschte sich ein Mitarbeiter heimlich eine dritte Option: das große Loch, in das er jetzt verschwinden könnte. Denn das wäre ihm am liebsten gewesen. Kam man so nicht am besten durchs Leben?

Konflikte machen manchen Menschen richtig Angst. Die schiere Aussicht, sich in einer Situation zu befinden, wo man sich behaupten und positionieren oder Widerstände überwinden muss, lösen Stress aus –dem Körper wird höchste Gefahr signalisiert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung haben sich im Falle einer lebensbedrohlichen Situation die grundlegenden Reaktionen „Kämpfen (fight)“ und „Flüchten (flight)“ herausgebildet.

Blitzschnell wird eingeschätzt, ob ich den Gegner in einem Kampf besiegen könnte – die Reaktion eine Stiers, der die Hörner senkt und seinen Gegner anvisiert. Sehen meine Siegchancen schlecht aus, bleibt mir die Flucht aus der Situation – die Schafsreaktion. Ziel beider Varianten: mit dem Leben aus dem Konflikt, der Gefahr, herauszukommen. Der Fachbegriff dafür: „fight-flight response“.

Aus einem Konflikt verschwindenDoch was ist, wenn ich weder siegreich kämpfen noch wirklich flüchten kann – ich also der Situation ausgeliefert bin? Der britische Psychologe Jeffrey Alan Grey hat die oben beschriebene fight-flight response um die Dimension des „freeze“ erweitert ↗: das Erstarren bzw. Totstellen. Wie das Kaninchen vor der Schlange, das dadurch hofft, uninteressant als Futter zu sein. Denn Schlangen wollen ihr Essen gerne lebendig.

Der Mitarbeiter im Teamentwicklungsseminar wünschte sich noch mehr als übersehen zu werden: nicht da sein und alles würde von alleine gut werden. Wenn er wieder aus seinem Loch herauskäme, hätte sich der Konflikt wie von ganz alleine in Luft aufgelöst. Denn er wollte am liebsten frei von Konflikten leben. Der schweizerische Paar-Therapeut und Vater der Klärungshilfe Christoph Thomann ↗ macht dieser Illusion ein Ende: Wir leben alle in Konflikten, das lässt sich nicht verhindern. Es gibt keine vierte Option, um auf Konflikte zu reagieren: Durch Augen-zumachen verschwinden sie nicht.

Ich verstehe überhaupt nicht, was Waffen in Nicht-Spannungsgebieten verloren haben.

Franz Josef Strauß (1915 – 1988, Bundesminister für Verteidigung 1956 – 1962)

Der Preis der Freundschaft? 7.99

Schon seit ihrer Kommunion schrieb sie alle Geschenke samt geschätztem Kaufpreis in ein Notizheft. Später dann nannte sie bei allen Gesprächen ungefragt die Preise erwähnter Gegenstände. Eines Tages fragte sie ein Kollege, welches Preisetikett sie wohl einer Freundschaft anheften würde.

Was ein Geschenk wert istSchon in der Kindheit lernte sie, Freundschaftsdienste (und dazu zählten Geschenke) genau zu taxieren. Schenkte ihr jemand zum Geburtstag etwas für 7.99, dann war ihr Gegengeschenk an dessen Geburtstag genauso teuer. Sie wollte sich da nichts schuldig bleiben lassen. Der angenehme Nebeneffekt: Sie gab für den anderen nie mehr aus als der für sie.

Als Erwachsene zeigte sie ihre Geschäftstüchtigkeit, indem sie bei allen Produkten, über die sie sprach, grundsätzlich den Preis dazu nannte. Ein schöner Pulli (39 Euro, ein Schnäppchen), der neue Grill (400 Euro, die Luxuslinie) – so konnte jeder sehen: sie wusste, mit Geld umzugehen und konnte sich deshalb ordentlich was leisten.

Nur die Freundschaften wurden über die Jahre weniger. Gelangweilt von werbeprospektartigen Preisinformationen wandten sich die Menschen von ihr ab. Sie schien den Unterschied zwischen dem Preis eines Dinges und dessen Wert nicht zu kennen. Bei einem Geschenk kommt es nicht so sehr auf die Gabe an, sondern auf die Geste des Schenkenden.

Das fiel ihr auf, als sie ein selbstgemachtes Geschenk erhielt, das ihr ausnehmend gut gefiel. Sie kam ins Grübeln: welchen Preis sollte sie aufschreiben? Die verwendeten Materialien – Papier, Klebstoff, Bast – waren kaum einen Euro Wert. Wie lange dauerte wohl das Basteln – eine halbe Stunde? Und wie hoch wäre der Stundensatz? Zum ersten Mal blieb die Spalte „Preis“ in ihrem Notizbuch der Geschenke leer.  Bis zum Gegengeschenk blieben ihr noch fünf Monate Zeit, diesen Freundschaftspreis zu ermitteln.

Geiz und Glück werden sich niemals kennenlernen.

Benjamin Franklin, (1706 – 1790, US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und Schriftsteller)

Mieses Spiel im Büro

Der Kollege wurde zum neuen Bereichsleiter befördert. Als die Teilzeitmitarbeiterin ihn um eine Stundenerhöhung ersuchte, redete er sich in Rage. Wer nur stundenweise arbeite, könne er als Chef nicht gebrauchen. Kurzerhand warf er sie aus der Firma. Vollkommen überrascht von der Entwicklung schlich die Mitarbeiterin aus dem Büro. Womit hatte sie das verdient, fragte sie sich.

Den Chef raushängen lassenMit einem sicheren Gespür für die Schwächen der ehemaligen KollegInnen hatte der Boss eine „Duftmarke gesetzt“. Keiner sollte glauben, nur weil er einer von „ihnen“ gewesen war, könnten sie sich besondere Freiheiten herausnehmen. Der Kolumnist Sascha Lobo ↗ hat das als „verbossen“ bezeichnet. Meist schon mit der Aussicht auf die Beförderung fängt der Chef in Spe an, die Kollegen mies zu behandeln. Ist er dann endlich der Vorgesetzte, wird das demokratische „Du“ durch das hierarchische „Sie“ ersetzt. Vollkommen überrumpelt von der Wandlung laufen die Ex-KollegInnen in das offene Messer. Weidlich wird das vom Neu-Chef ausgenutzt, um so seine Position zu festigen.

Miese Tricks lassen sich zwar nicht vermeiden, aber deren Schlagkraft lässt sich abmildern. Weil der Chef emotionale Angriffe fährt, wäre es ratsam, nicht ebenfalls emotional zu werden. Das wäre lediglich eine hochwillkommene Angriffsfläche.  Was einen Choleriker dagegen hilflos rasend macht, ist kühle Ratio, Fakten, scharfer Verstand. Die Teilzeitmitarbeiterin sollte nüchtern darlegen können, dass es genügend Arbeit für eine Stundenerhöhung gibt und ihre Arbeit unverzichtbar für das Team ist. Ein wenig arbeitsrechtliches Rüstzeug ist ebenso hilfreich – eine Kündigung aus einer Laune heraus steht juristisch auf wackeligen Füßen, Teilzeitmitarbeiter haben gesetzlich verbriefte Rechte. Doch vor allem sollte allen Neu-Untergebenen klar sein: Es geht dem Chef nur um sein eigenes Profil, nicht um den Menschen gegenüber. Der ist nur Mittel zum Zweck, einfach eine Figur auf dem Spielbrett seiner Karriereambitionen.

Wenn mir klar wird, dass es weniger mit mir als mit meinem Gegenüber zu tun hat, wie ich gerade behandelt werde, kann ich den Angriff leichter verdauen und auf kühle Abwehr setzen.

Ich leide übrigens auch an einer unheilbaren Krankheit, ich möchte dazu stehen und wäre froh, wenn Sie das drucken: EOA – Early Onset Asshole (früh einsetzendes Arschlochsein).

Der US-amerikanische Autor und Musiker Kinky Friedman im Tages-Anzeiger ↗, Zürich

Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“