Mir selbst und nicht den Anderen gerecht werden

Der See lockte mit seinem blaugrünen Wasser, doch einen Badeanzug hatte sie nicht dabei. Die Schwerkraft zog schon ein paar Jahrzehnte an ihrem Körper, der mit seinen Fettpolstern längst nicht mehr dem jugendlichen Schönheitsideal entsprach. Was würden die Leute wohl denken, wenn sie sich einfach auszog und nackt in den See sprang?

Wie ich mich in einer konkreten Situation verhalte, ist von vielen bewussten und unbewussten Normen abhängig. Normen, die zum Teil von außen an mich gerichtet werden und solche, die ich aus mir selbst heraus entwickelt habe. Die wenigstens davon kann ich selbst beeinflussen und doch unterliegt all meinen Entscheidungen die bange Angst: Hoffentlich ist das jetzt kein Fehler!

Auf der einen Seite gibt es die Normen von Freunden und Familie, speziell der Eltern, die mit ihren Glaubenssätzen tief in meinem Wertekanon verankert sind. Gesellschaftlich erwünschtes Verhalten, religiös gefordertes und juristisch vorgegebenes Verhalten bilden einen Großteil der Ansprüche, denen ich als handelnde Person unterworfen bin. Alle diese Vorgaben sind eine Fremdbestimmung. Betrachte ich darüber hinaus die Strukturen, in denen ich leben muss, kann der Eindruck entstehen, ich hätte überhaupt keine freie Wahl mehr.

Auf der anderen Seite stehen meine Werte und meine Einstellungen, die mich als Persönlichkeit ausmachen. Auch wie ich meine eigene Geschichte betrachte, gibt mir Hinweise auf meine Handlungswünsche. Diese subjektiven Normen stellen gemeinsam mit den externen Ansprüchen die Basis dar, auf der ich meine konkreten Entscheidungen fälle. Und die – siehe oben – hoffentlich kein Fehler sind. Denn falsche Entscheidungen kann ich mir selbst schwer verzeihen. Außenstehende schlachten sogenannte falsche Entscheidungen oft obendrein aus, denn sie haben es ja schon immer besser gewusst.

Gefangen im Netz der Ansprüche an michAlle diese vielen Normen können sich miteinander verhaken und ein Knäuel an Ansprüchen ergeben, so dass ich wie gefangen und manchmal vollständig blockiert bin. Wie ich es mache, kann es verkehrt sein. Folge ich diesem, ist das aus Sicht von jenem ein Fehler – und umgekehrt. Stolperfallen über Stolperfallen: Ziehe ich einfach die Klamotten aus und springe nackig in den See (ich würde so gerne!) oder besser nicht (aber nicht so wie ich aussehe, außerdem ist das bestimmt verboten)? Bleibe ich einfach zu Hause (um mal durchzuschnaufen) oder gehe ich auf die Vernissage eines angesagten Künstlers (um etwas für meine kulturelle Bildung zu tun)? Stehe ich zu meiner Ahnungslosigkeit was die letzte Staffel einer Netflixserie angeht (und oute mich als Technik-Oldie) oder besser nicht (und nutze Halbwissen aus den Medien für entsprechende Unterhaltungen)?

Wie wäre es daher mit etwas mehr „uncomplicate yourself“ oder auf gut hessisch: „Mach‘ disch logger!“ Dieses Gewirr an verschiedensten Ansprüchen sollte ich in der Tat in Ruhe entdröseln, damit ich wieder zu mir finde und mir selbst gerecht werde. Könnte ich nicht alle fremden Ansprüche an meine Person so einfach abstreifen wie Jeans und Shirt an einem Badesee? Dazu hilft es, tief durchzuatmen, Zeit für eine Antwort zu erbeten und ohne Ablenkung in mich hineinzuhören. Dann kann ich viel einfacher der leisen Stimme lauschen, die mir sagt, was jetzt wirklich die richtige Entscheidung für mich wäre.

Die Gesamtfehlerlage ist in der Tat etwas unübersichtlich.

Matthias Brandt als Heiko Wiedemann im Spielfilm „Der große Aufbruch“

Was das Lachen über den Menschen erzählt

Als sie das Lachen der Mutter hörte, war sie entsetzt. Da war wenig herzliche Fröhlichkeit zu hören, sondern viel Gemeinheit. Und sie merkte, wie sich Distanz zu ihrem Freund aufbaute. Denn diesen Unterton beim Lachen, den kannte sie bereits. Was sagte das jetzt über dessen Charakter aus?

Vielleicht sollte der altbekannte Spruch „Augen auf bei der Partnerwahl“ umgeschrieben werden in „Ohren auf bei der Partnerwahl“. Ergänzt um den Hinweis, mal ein wenig nach dem Humor des Menschen zu fragen, mit dem ich es gerade zu tun habe, nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Beruf. Ich bin weit davon entfernt, alleine am Lachen den Charakter eines Menschen erkennen zu wollen. Doch ich merke, dass meine Freunde die Fähigkeit haben, herzhaft aus vollem Bauch zu lachen; immer mit, nie über jemanden und bisweilen auch über sich selbst.

Wie das Lachen, so der MenschUnd dass ich mich fern halte von Menschen, die mit Schadenfreude über das Unglück von anderen Menschen lachen können. Dieses elsterartige „HeHeHe!“ geht mir nicht aus dem Kopf. Die Steigerungsform ist das fies-dröhnende „HarHar!“ des Siegers über den Besiegten, der dadurch noch zusätzlich gedemütigt wird. Diese Menschen haben keinen selbstlosen Humor und auch sonst scheint Selbstlosigkeit wenig ausgeprägt bei ihnen zu sein.

Eine Sonderform davon wurde im späten 18. Jahrhundert am französischen Königshof gepflegt. Kurz vor der Revolution ergingen sich die Hofleute in einem Wettbewerb, jemanden vor anderen lächerlich zu machen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Maximal ein kleines übelwollendes Lächeln galt als schick, das keinesfalls die Zähne entblößte. Frei nach dem Motto: „Lieber einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verpasst“. Mehr dazu in dem franz. Spielfilm „Ridicule“ ↗.

Es gibt Menschen, die gehen zum Lachen in den Keller. Humor ist nichts für sie, das Leben ist ernst (Ich finde, gerade deshalb sollten wir lachen). Manche trauen sich auch kaum zu lachen, ein verschämtes „hihihi“ hinter vorgehaltener Hand ist das Ergebnis. Und so überrasche ich mich immer wieder dabei, dass ich die Lachenden beobachte und damit entscheide, wie offen oder geschützt ich auf Menschen zugehe. Klingt das lächerlich?

Wenn Sie kindlich denken, bleiben Sie jung. Wenn Sie Ihre Energie aufrechterhalten und alles mit ein wenig Flair tun, bleiben Sie jung. Aber die meisten Menschen tun Dinge ohne Energie und verkümmern ihren Geist sowie ihren Körper. Du musst jung denken, Du musst viel lachen und Du musst gute Gefühle für jeden auf der Welt haben, denn wenn Du es nicht tust, wird es in Dich eindringen, Dein eigenes Gift, und es ist vorbei.

Gerald „Jerry“ Lewis (1926 als Joseph Levitch – 2017, US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur)

Deine Aggressivität ist nicht meine Aggression

Es war natürlich ein besonders dickes Auto, das ihm die Vorfahrt nahm und er schickte dem Fahrer noch mehrere hundert Meter ein kräftiges Hupkonzert hinterher. Als er zwanzig Minuten später im Büro ankam, war er immer noch erbost. Und die Kollegen fragten sich: „Welche Laus ist dem denn schon wieder über die Leber gelaufen?“

Im Kampf vereint dank übertragener AggressionenWo sich viele Menschen auf engem Raum begegnen, kann es leicht zu Aggressionen kommen. Denn Rücksichtnahme und Toleranz sind nicht gleichmäßig zwischen den Menschen verteilt. Da ist von der „Kampfzone Autobahn“ die Rede, die überfüllten U-Bahnen sind ein Daueraufreger und Rempeleien im Supermarkt lösen hitzige Gefechte aus, zum Glück meistens nur mit Worten.

Zu wahrer Meisterschaft im Fluchen hat es Kapitän Haddock aus der Comicreihe „Tim und Struppi“ gebracht. Legendär ist sein Universalfluch „Hundertausend heulende Höllenhunde“. Mit Verve und Leidenschaft bringt er seine Botschaft an den Mann. Einmal beschimpft er als Kapitän auf hoher See einen Sklavenhändler und  lässt sich auch von dessen Flucht nicht stoppen. Nach dem Hinweis von Tim „Sinnlos, Kapitän, er kann sie nicht mehr hören, er ist schon zu weit weg“ marschiert er auf die Schiffsbrücke und brüllt dem „Pirat! Amöbe! Kopfjäger! Geier!“ seine Verwünschungen per Megafon hinterher. Hier regt er sich völlig zu Recht auf, doch manchmal reichen geringste Anlässe, um seinen Fluchreiz auszulösen. Frieden hingegen findet er sofort bei einem Schluck Whisky. Diese Lösung ist aber nicht für alle Menschen zu empfehlen.

 Aggressionen, die ins Leere laufen, verletzen nur mich selbstOft genug erwische ich mich (und andere) dabei, noch lange nach dem eigentlichen Ärgernis weiter zu schimpfen. Immer noch ist die ganze Aggression in mir, dabei bekommt der ursprüngliche Verursacher davon überhaupt nichts mehr mit. Die Blitze, die ich vermeintlich gegen den Anderen schleudere, treffen mangels Adressaten dann nur noch mich selbst. Gleichzeitig gebe ich dem Anderen durch mein Verhalten eine ungeheure Macht über mich, denn dessen Aggression überträgt sich auf mich. Des Fremden Verhalten bestimmt selbst dann noch meine Gedanken und Gefühle, wenn dieser Mensch schon weit weg ist; teilweise kann das Stunden später sein.

 Aggressionen kann ich zurückweisen ohne selbst aggressiv zu werdenIch will diesem aggressiven Menschen keine Macht über mich geben. Ein kurzer Impuls zum Zeigen einer Grenze würde doch oft genug ausreichen: Einmal gut gehupt, wenn mir ein Halodri auf der Straße den Weg abschneidet. So mache ich auf mich aufmerksam, um Schlimmeres zu verhindern und dann habe ich mich doch eigentlich auch genug mit dem Anderen beschäftigt. Ist er aus meinem unmittelbaren Umfeld verschwunden, brauche ich ja ihm (oder ihr) gegenüber nicht mehr auf meine Grenze aufmerksam zu machen.

Besonders lehrreich für mich ist es übrigens, wenn ich mich in Anderen sehe, die vor sich hinschimpfen, weil die Bahn zu spät, der Postbote zu langsam oder die Kreuzung von Egoisten blockiert ist. Dann sehe ich, dass das Schimpfen nichts an der Situation ändert. Das hochrote Gesicht desjenigen, der sich ärgert, zeigt mir, wie der ganzer Körper im Alarmzustand ist. Und das völlig grundlos, schließlich bin ich nicht verpflichtet, jede Aufforderung zum Kampf anzunehmen.

Wenn Weilemann schlechte Laune hatte – sich ärgern war die einzige Sache, die man mit zunehmenden Alter immer besser konnte – dann aß er gern etwas, von dem er im Voraus wusste, dass es ihm nicht schmecken würde, das gab seinem Ärger zusätzliches Futter, und so richtig wütend sein, das war ein schon fast wieder jugendliches Gefühl.

Aus dem Roman „Der Wille des Volkes“ von Charles Lewinsky

Zusammenziehen ist die Schule fürs Leben

Nach monatelanger Wohnungssuche fühlte sich der Mietvertrag an wie der Jackpot im Lotto. Doch als sie sich daran machten, die erste gemeinsame Wohnung einzurichten, kamen sie von zwei weit entfernten Sternen. Wie sollte daraus bloß ein gemeinsamer Heimatplanet entstehen?

Irgendwann stellen Paare ihre Liebe richtig auf die Probe. Nach Jahren gemeinsamen Lebens, teilweise als Wochenendbeziehung, wagen sie den nächsten Schritt und ziehen zusammen. Sie erliegen leicht dem Irrtum, dass die Wohnungssuche das Anstrengendste an diesem Projekt ist. Doch gegen die Gestaltung des gemeinsamen Alltags ist das nur ein seichtes Vorspiel.

Menschen haben verschiedene HeimatplanetenEs fängt schon mit den Möbeln an. Was eine Seite als „Cross over shabby chic style“ bezeichnet, ist für die andere „Geschmackloses Gerümpel“. Zielsicher werden Dinge zum Aussortieren bestimmt („Kommt auf keinen Fall mit!“) mit denen das Gegenüber tiefe Gefühle verbindet („Das habe ich von meiner Mutter!“). Spätestens bei den alltäglichen Routinen kommt es zum Clash: „Ich mache das schon immer so!“ versus „So kann ich das nicht leiden!“

Wir Menschen lieben Vertrautes und Gewohntes. Deshalb tendieren wir leicht dazu genau in diesen bekannten Bahnen zu bleiben. Ein wenig Veränderung wird gerne gesehen, aber radikaler Wandel ruft Widerstand hervor. Sollen aus zwei Leben eine gemeinsame Erzählung werden, stellt das bisherige Verhaltensmuster in Frage. Und das ist gut so! Sonst würden wir Gefahr laufen, im Laufe der Jahre immer eingeschränkter zu werden. Menschen können eine gemeinsame Welt bauen„Das gehört so!“ und zwar genau nach meinem Willen wird dann zum Leitmotiv. So manche Beziehung ist schon daran gescheitert.

Das gilt übrigens auch für das Berufsleben. Wer gewohnt ist, dass nur Frauen (oder Männer) um sich herum zu haben, wird bei Neueinstellungen genau dieses Geschlecht unterschwellig bevorzugen; also Männer für sogenannte Männerberufe und Frauen für sogenannte Frauenberufe.

So gesehen ist die erste gemeinsame Wohnung eines Liebespaares in der Tat eine Schule fürs Leben. Sanfte Anpassung, radikale Schnitte und neue gemeinsame Gewohnheiten im privaten Umfeld trainieren für Beruf und Gesellschaft die Fähigkeiten zu Kooperation und Abgrenzung.

Die Wohnung in deinem Kopf kannst du nur umbauen. Ausziehen kannst du nicht.

Pascal Lachenmeier (*1973, Schweizer Jurist)

Wenn ich im Streit einen Wunsch frei hätte …

Die Auseinandersetzung hatte harmlos angefangen, doch mittlerweile hatten sich die beiden Streithähne wie Bullterrier ineinander verbissen. Da sagte der eine zum anderen: „Was willst Du denn jetzt von mir?“. Und der Andere, der war still. Denn genau das konnte er nicht sagen. Wie konnte ihm das nur passieren?

Manche Konflikte haben es wirklich in sich. Der Ausgangspunkt ist irgendwann in Vergessenheit geraten, Schicht um Schicht sind Vorwürfe und Rechtfertigungen aufeinandergelegt worden bis die Ursache des ganzen Streits metertief darunter begraben ist. Und noch viel weiter entfernt ist eine Lösung. Denn keiner kann mehr sagen, was genau sie oder er sich von seinem Gegenüber wirklich wünscht. Oft genug kommen Sätze wie „Du sollst nicht mehr …“, „Hör endlich auf damit zu …“ oder „Ich will von Dir nicht mehr …“. Allesamt Negativwünsche, die dem Anderen keinen Weg zur Aussöhnung zeigen. Oft genug kann ich gar nicht mehr sagen, was ich wirklich vom Anderen will.

Es kann dann helfen, sich selbst ein wenig zu strukturieren, damit ich klarer werde in dem, was ich von meinem Gegenüber gerne möchte. Vier Schritte gehören dazu:
Vier Schritte führen zum Ziel

  1. Beobachtung: um was genau geht es jetzt gerade? Kann ich das überprüfbar beschreiben? Zum Beispiel: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast …“ lässt sich objektiv nachprüfen.
  2. Befinden: was macht das Beobachtete mit mir? Es gibt einen Einblick in meine innere Gefühlslage. Zum Beispiel: „… dann ärgere ich mich, …“
  3. Bedürfnis: was bräuchte ich denn eigentlich und bekomme es nicht? Zum Beispiel: „…, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen.“
  4. Bitte: Und was soll mein Gegenüber jetzt tun? Das ist keine Forderung, sondern eine positiv formulierte Bitte, die im Zweifelsfall auch unerfüllt bleiben kann. „Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“

In einem Rutsch: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast, dann ärgere ich mich, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen. Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“ So weiß mein Gegenüber, wie es mir geht, warum das so ist und was ich jetzt wirklich will.

Das Beispiel mit der Zahnpastatube kann lächerlich erscheinen. Es gibt meiner Erfahrung nach jedoch unzählige langandauernde Streits, die sich daran entzündet haben.

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan (*1926, ehem. Vorsitzender der US-Notenbank, berühmt-berüchtigt für seine kryptischen Aussagen)

Dank Völlerei zum Fastenziel

Am Aschermittwoch beginnt für sie wieder die dunkle Jahreszeit: für das schwammige Ziel „zu entgiften und schlanker zu werden“ stellte sie zwei Listen auf. Eine enthielt die Dinge, auf die sie verzichten musste, die andere Dinge, die sie tun musste. Bei ihrem Anblick wurde sie schwer wie Blei: könnte Ostern nicht bitte schon morgen sein?

40 Tage dauert die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Zahl 40 hat in der Zahlenlehre die Bedeutung einer Grenze und eines Einschnitts. 40 Tage dauerte die Sintflut, war Moses auf dem Berg Sinai und Jesus in der Wüste. Auch die Psychologie geht davon aus, dass es rund 40 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit in den Alltag zu integrieren. Eine neue Gewohnheit zu etablieren, ist einfacher, als eine alte abzulegen. Das kann mitunter einige Jahre dauern. Das Erfolgsrezept bei der Neu-Etablierung: Das gewünschte Verhalten mit einem deutlichen Auslösereiz koppeln und dann durch eine Belohnung verstärken.

Dabei sollte diese Belohnung so direkt wie möglich sein. Wenn ich ein konkretes Verlangen wecken kann, dann trägt mich das über jene Kräfte hinweg, die mich sonst im Alten gefangen halten. Anfangs geht es nur, wenn ich das Ganze bewusst mache. Im Laufe des Übens verselbständigt sich mein Verhalten und eine neue Gewohnheit entsteht. Zum Fastenziel gelangen mit Verlangen, Völlerei und Vergnügen? So könnte es gehen:

Ich gönne mir 40 Nächte lang tiefen entspannten Schlaf mit süßen Träumen, der mich frisch und erholt in den Morgen entlässt. Dafür trinke ich abends statt schlafstörendem Wein lieber basische und beruhigende Kräutertees. Unglaublich, welche Geschmacksvielfalt es in diesem Segment gibt!

Ich tauche in reinigendes Wasser und fühle mich wohl wie ein Fisch oder ein Ungeborenes im Mutterleib, weil ich mich mit dem Urelement schlechthin verbinde. Dabei spüre ich die Leichtigkeit meines Körpers, der sich angenehm bewegen lässt. Das Vergnügen des Schwimmens gestatte ich mir jede Woche.

Ich gehe kulinarisch auf Weltreise und entdecke Früchte aus allen Kontinenten. Die besten Winteräpfel aus der Region, die ersten Südfrüchte aus Italien, orientalische Köstlichkeiten, asiatische Leckereien und was hat eigentlich Lateinamerika zu bieten? Ich leiste mir jeden Nachmittag Obst-Exkursionen statt Schokoladenzucker.

Ich stelle mich abends auf den Balkon oder ans Fenster und schaue den Himmel an. Jeden Tag gibt es ein neues Meisterwerk aus Farben und Formen, jeden Tag ist ein bisschen später Sonnenuntergang, jeden Abend ein bisschen mehr oder weniger Mond. Die Freiheit einer Handyauszeit nehme ich mir in aller Ruhe.

Belohnungen führen zum Ziel

Hat man die erste Hürde geschafft, einen neuen Auslösereiz zu etablieren, wird die Gewohnheit zum Selbstläufer.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

Befreiung aus einem selbstgebauten Gefängnis

Die Abschiedsrede der Kollegin fiel kurz aus: „Das Leben ist zu kurz für später!“ Damit traf sie den Nerv vieler Anwesenden, denn im Anschluss gab es viele Gespräche, die alle um die gleiche Frage kreisten: „Welchen Spielraum habe ich für mein Handeln, auch wenn es scheinbar keinen gibt?“

Das eigene Leben aus der Hand gebenSo manche Lebenssituation scheint verfahren zu sein. Auf der Arbeit sieht es so aus, als ob es keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr gäbe, alle Wege nach oben oder vielleicht auch in eine andere Abteilung sehen versperrt aus. In der Beziehung ist scheinbar alles gesagt, alles ausprobiert worden und die Partner fühlen sich unglücklich aneinander gekettet. Von einem Freund/einer Freundin höre ich immer nur die gleiche Leier über das ungerechte Leben, das einfach nur Pech und Schwefel bereit halten würde. Kurz und gut: Alles ist grau und schwarz und man nehme am besten einen Strick und erschieße sich.

Allen Beispielen gleich ist der Eindruck, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Es (was immer dieses „es“ auch ist) macht etwas mit mir und ich bin zu arm an Kraft und Möglichkeiten, um selbst etwas zu tun. Willfährige Opferhaltung ist manchmal das Mittel der Wahl, um mit komplizierten und komplexen Situationen fertig zu werden. Diese Opferhaltung vereinfacht das Leben: Ich bin nicht verantwortlich für mein Leben, weil nicht ich Regie im Film meines Lebens führe. Es ist der Weltengeist, der Partner, der Chef, etc. Weil der so ist, wie er ist, bin ich an der Entfaltung meiner Möglichkeit gehindert. Ich könnte mein Ziel erreichen, wenn – ja wenn der Weltengeist, der Partner, der Chef, etc. nur anders wäre! Die Schuld liegt daher nie bei mir selbst, sondern immer bei Dritten.

Dabei übersehe ich, was ich tatsächlich tun könnte. Einmal angenommen, ich bekäme den Auftrag, einen neuen Kühlschrank zu entwickeln. Der einfachste Weg wäre dieser: ich recherchiere die Standardmaße und die technischen Vorgaben. Daraus denke ich mir dann in diesem freiwillig eingeschränkten Rahmen einen neuen Kühlschrank aus. Wenn ich jedoch einmal versuche, eine Stufe tiefer zu gehen, dann wäre die erste Frage: „Was muss ein Kühlschrank können?“. Er muss Lebensmittel frisch halten. Das kann auf diese und jene Arten erfolgen, die jeweils ganz andere Voraussetzungen brauchen und vor allem ganz unbekannte Dimensionen der Umsetzung ermöglichen.

Meister*in des eigenen Lebens werdenÜbertragen auf mein Leben wären tiefergehende Fragen zum Beispiel: Welche Dinge, die mich einschränken und die ich als gegeben hinnehme, sind wirklich unveränderlich? Worauf könnte ich verzichten, sei es auch nur vorübergehend? Was wollte ich schon immer mal in mir leben, mit mir erreichen? Was sind meine absoluten Grenzen?

Diese Fragen weiten den Horizont und lenken den Blick auf bisher nicht wahrgenommene Freiheiten. Sie können mich aus meiner passiven Haltung herausholen und mich aktiv werden lassen. Manchmal steht am Ende der Überlegungen eine Kündigung, manchmal eine Scheidung, manchmal vielleicht aber auch ein Projektauftrag oder ein neuer Umgang in der Partnerschaft.

Ich werde Meister*in meiner Geschicke, wenn ich mich meine Opferhaltung aufgebe.

Man kann die eigenen Grenzen nur feststellen, indem man sie gelegentlich überschreitet. Das gilt für jene, die man sich selbst setzt, ebenso wie für jene, die einem andere setzen.

Josef Broukal (*1946, österreichischer Journalist)

Ich leiste was, also bin ich was?

Der fünfjährige Bub rannte stolpernd durch den Kindergartenflur. Als er ohne Hinzufallen an der Tür ankam, applaudierte das ganze Haus. Zum ersten Mal war ihm das gelungen, denn er lebt mit einer Bewegungseinschränkung. Und wie sieht das der Junge, der schon locker 1.000 Meter joggen kann?

Der Lauf seines Lebens

Unabhängig von dem herrschenden Politiksystem scheint sich weltweit eine „Meritokratie“ durchgesetzt zu haben. Als Meritokratie wird eine Herrschaftsordnung bezeichnet, in der die Menschen mit dem größten Einfluss besondere Leistungen erbracht haben. Als Lohn für ihre Verdienste werden sie geliebt, bekommen Zugang zu Ressourcen (Geld, Bildung und Beziehungen) und können für alle anderen definieren, welche Leistungen notwendigerweise erbracht werden müssen, damit auch sie zu den Guten, Mächtigen, Auserwählten gehören – durchaus auch manchmal metaphysisch aufgeladen. Wegbereiter sind Reformatoren wie Zwingli oder Calvin.

Gott beruft nach ihrer Meinung den Menschen zu Aufgaben und wer sie gewissenhaft erfüllt, hat bei Erfolg Seelenheil erlangt. Im persönlichen Leistungsbilanzüberschuss zeigt sich also die Gottgefälligkeit. Wer immer jung, schön und fit erfolgreich auf der Karriereleiter nach oben geklettert ist, führt ein Leben, das Gott (oder den Göttern in Weiß, Grau, …) gefällt. Frei nach Herbert Grönemeyer singen diese Menschen fröhlich ein Lied vor sich hin: „Leisten macht so viel Spaß. Ich könnte ständig weitergeh‘n. Arbeiten ist wunderschön.“ Eine Pause ist da Müßiggang, der sündhaft erscheint.

Auch wer mit dem Glauben in diesem Sinne wenig am Hut hat, kann sich dieser Weltsicht nur schwer entziehen, weil sie tief in uns wirkt. Früher war es eine mechanistische Sichtweise, die sich an Maschinen, Zahnrädern und Antriebsriemen orientierte. Heute geht es um ein selbst geschaffenes und digital optimiertes Leben. Die industriellen Stückzahlen im Akkord haben wir so angepasst, dass sie in die modernde Informationsgesellschaft passen. All diesen Gedanken liegt eine abstrakte Nullgröße als genormte Vergleichsbasis zugrunde. Nur wer ausgehend von einem willkürlich festgelegten Punkt X eine definierte Leistung Y erbracht hat, kann sich erfolgreich nennen und bekommt dafür Anerkennung.

Etwas in Vergessenheit geraten scheint dagegen der revolutionäre Kern der Reformation. Jeder Mensch ist von Gott angenommen und geliebt, von Geburt an, ohne Leistung, ohne Ablass. Ich plädiere entschieden dafür, auf diesen Aspekt zu schauen. Ausgehend von meinen individuellen Voraussetzungen aus körperlicher Konstitution, äußeren Lebensumständen und innerer Verfasstheit ist es vielleicht die gleiche Leistung, ob ich einen Marathon unter drei Stunden laufe oder eine halbe Stunde Walken gehen kann; ob ich eine Promotion mit „summa cum laude“ oder eine Lehre abschließe; ob ich vertrauensvoll und offen über meine Gefühle sprechen kann oder ich vorsichtig mein Innenleben schütze. Und dann ist die Überwindung einer ganz persönlichen Grenze immer eine Leistung.

Die gleiche Leistung zählt mal so und mal so

Die individuelle Leistung würdigenSo hat auch der Freund des Buben aus dem Eingangsbeispiel applaudiert, als der den Flur entlang rennstolperte: „Was für eine Leistung!“ rief er ihm zu und schlug ihm auf die Schulter.

Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.

Thomas Alva Edison (1848 – 1931, US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer, der die Glühbirne nach vielen Versuchen zur Marktreife brachte)

Mit 60 immer noch ein Kind

Der Vater war immer wackeliger auf den Beinen. Auch wenn er sich in ihrem Haus selbst versorgen konnte, war es absehbar, dass er bald mehr Unterstützung brauchte. Das brachte den Sohn in Gewissenskonflikte. Obwohl er sein eigenes Leben hatte, fühlte er sich bei ihm immer noch wie der kleine Pimpf, der er schon lange nicht mehr war. Würde das denn nie enden?

Die Eltern sind die prägendste und langfristige Beziehung in unserem Leben, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringen kann. Nach kindlichen Trotzphasen und revoltierender Pubertät gehen die Kinder aus dem Elternhaus, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig kann es dieses süße Gefühl der Vertrautheit geben, wenn bei Besuchen „zu Hause“ bei den Eltern das Lieblingsessen aus der Kindheit auf dem Tisch steht, ein liebgewonnenes Ritual wie das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaums zelebriert wird oder die Eltern einfach tröstend in einer Krise zur Seite stehen. Doch spätestens beim Satz „Du bist doch unser Mädchen/Bub!“ stellen sich der Fondsmanagerin, dem Lehrer oder den schon selbst Eltern gewordenen Kindern die Nackenhaare auf. Werden die Eltern auch noch selbst hilfsbedürftig, scheint es, als würden sich die Rollen gerade vertauschen. Die Alten werden zum Kind, die Kinder zu den Eltern und alle sind damit überfordert.

Ungeklärte Vergangenheit stört die GegenwartIn dieser für alle neuen Zeit kommen leicht alte Konflikte an die Oberfläche, Rechnungen wollen beglichen werden, denn es gibt Verletzungen auf beiden Seiten: das Gefühl, nicht genug Liebe und Anerkennung bekommen zu haben, nicht verheilte Wunden von Streitereien oder Enttäuschungen über den jeweiligen Lebensweg des anderen. Wer will sich schon mit 60 noch fühlen wie ein Grundschulkind, das Angst vor einem autoritären Elternteil oder eine ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit hat? Jetzt, wo die Vorgeneration die 80 überschritten hat, lässt sich dieses kindliche Bedürfnis nicht mehr stillen.

Manchmal werden Besuche zur QualDas ist eine denkbar schlechte Basis für den Umgang mit dem Altern der Eltern. Und je weniger die Kinder sich bisher von ihren Eltern abgegrenzt haben, um so stärker können die Konflikte werden. Plötzlich ist das schlechte Gewissen des „undankbaren Rabenkindes“ die Richtschnur des Handelns und nicht mehr der freie Wille. So manches Kind würde aus innerer Not am liebsten fliehen und den Kontakt in die Ursprungsfamilie abbrechen.

Dabei kann das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer wieder neu verhandelt werden. Man mag es als „gegenseitige Abhängigkeit“ interpretieren, doch die Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem durch „Bezogenheit“ definiert: „Ich bin, weil Du bist!“ kann die Grundlage für eine gesunde Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung sein. Gemeinsamkeiten sind ein starkes FundamentDer Blick auf die gemeinsam gelebten Werte kann dabei das Fundament stärken: verdanke ich meine Neugierde meinen Eltern? Mein Humor? Meine Freude an der Kunst? Meine handwerklichen Fähigkeiten? Könnte ich dafür „Danke!“ sagen anstatt auf dem Verpassten und Verlorengegangenen zu bestehen? Und was wäre, wenn wir jetzt gegen Ende der gemeinsamen Zeit nur das Spezifische machen, das nur durch mich als Kind und Dich als Vater/Mutter möglich ist? Alles andere, vom Einkaufen über Haushalt und Pflege kann von Dienstleistern übernommen werden. Denn für diese Tätigkeiten braucht es nicht die besondere Eltern-Kind-Beziehung.

Außer Schießen, Hunden und Rattenfangen hast Du nichts im Kopf; Du wirst noch zur Schande für Dich selbst und Deine ganze Familie.

Der Vater von Charles Darwin zu seinem Sohn

Askese ist Käse oder Was Sehnsucht vermag

Mit einem wissenden Lächeln sah er, dass der Parkplatz vor dem Sportverein überfüllt war. Wie immer am Jahresanfang. Das würde sich bald legen, denn kein Neujahrsvorsatz hatte es je geschafft, den inneren Schweinehund zu besiegen. Warum probierten die es eigentlich nicht mal mit Sehnsucht aus wie der Hund Oblomow?

Silvester markiert eine willkürliche Grenze im immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten. So gut oder so schlecht wie jeder andere Tag des Jahres eignet sich der 31.12 dafür, das Alte hinter sich zu lassen und mit jungfräulichem Elan das Neue zu beginnen. Welche Chancen plötzlich vor einem liegen. Nur frisch die guten Vorsätze ins Auge gefasst – und schon geht es los, das Gemetzel. Mann muss sich mehr bewegen (Frau auch), muss wieder fit werden, muss für den ersten Marathon im Leben trainieren, den Wanderurlaub, die Badestrandfigur wiederherstellen. Muss. Muss. Muss den inneren Schweinehund überwinden, der dick, faul und ungelenk in jeder Ecke des Lebens herumliegt. Doch kein Zwang hat es je geschafft, diesen Schweinehund auf Trab zu bekommen.

Den inneren Schweinehund tanzen lassenEs sei denn, man nimmt sich Oblomow als Vorbild, einen Hund mit kurzen Beinen, breiten Pfoten und schwerem Leib. Er war, so erzählt es Elke Heidenreich, Nurejews Hund. Rudolf Nurejew ist in Balletkreisen eine Legende ob seiner Eleganz, Gelenkigkeit und Sprungkraft. Und dann war dieser Hund sein bester Freund, ein trostloser schlapper Kerl? Als Nurejew 1993 stirbt, kommt Oblomow bei der Ballerina Olga Piroshkowa unter, die Nurejew anbetete und daher seinen Hund liebevoll pflegt. Eines Nachts beobachtet sie, wie sich Oblomow auf den Balkon schleicht, auf die kurzen Hinterbeine stellt mit Jeté! Plié! in Balletposition Relevé bringt. Das scheint ganz und gar unmöglich und doch sieht sie es mit ihren eigenen Augen.

Eine Sehnsucht treibt Oblomow an: einmal wie sein geliebter Herr zu tanzen, in Erinnerung an den großen Tänzer. Er ist alt, er ist dick – kann er überhaupt tanzen? Doch da ist diese Sehnsucht und so übt er heimlich des Nachts auf dem Balkon der alternden Ballerina. Und die Piroshkowa erkennt, was da los ist und ist klug genug, sich nichts anmerken zu lassen. So widmet sich Oblomow heimlich der Erfüllung seines Traums und dann, eines Tages, als die beiden alleine am Grab des großen Tänzers stehen, da tanzt Oblomow. Nur einmal, aber wie! Alle Sehnsucht liegt in diesem einen Tanz und nur die Piroshkowa sieht es.

Wer also seinen inneren Schweinehund überwinden will, sollte die Sehnsucht nach dem Tanz in ihm wecken.

Mily Oblomov, ty potjesch pupliaschy tolka dlia jewo; Oblomow, mein Lieber – tanz einmal. Nur für ihn.

Olga Piroshkowa aus: Elke Heidenreich „Nurejews Hund“ ↗