No pressure – no diamonds! Echt jetzt?

Täglich wird an ihn appelliert, wie er der kommenden großen Krise begegnen solle. Mal wird er an seinen Sinn für Zusammenhalt erinnert, mal zum Durchhalten aufgefordert. Doch als er mit Diamanten verglichen wird, fragte er sich: „Echt jetzt“? Eine Widerrede gegen ein misslungenes Motivationsbild.

Krisenzeit ist Appellzeit. Plötzlich sitzen „alle in einem Boot“, wobei nicht klar ist, ob es ein gemeinschaftlich geteiltes Boot ist. Manche sitzen auf einer Yacht, andere in einem Schlauboot. Wir alle sollen „den Gürtel enger“ schnallen. Manche halten damit den Bauchspeck zusammen, andere schnüren sich die Luft zum Atmen ab. In Organisationen und Firmen wird auch gerne die „Familie“ bemüht, zu der doch alle gehörten. Gemeint ist dabei oft, dass man die eigene Familie im Stich lassen solle, um für die Familienfamilie noch ein paar Überstunden zu machen.

Ein Chef rennt voran und verlangt von Mitarbeitern zu Diamanten zu werdenViele dieser Formulierungen sorgen bei den Empfängern nicht für Motivation, sondern für Kopfschütteln. Besonders misslungen finde ich das Bild „No pressure – no diamonds“ (Kein Druck – keine Diamanten). Diese Formulierung wird gerne von Führungskräften verwendet, um die Mitarbeitenden zu Höchstleistungen anzuspornen. Aber wie entstehen eigentlich Diamanten?

Diamanten bestehen aus reinem Kohlenstoff, einem chemischen Element. Kohlenstoff ist, neben anderen Stoffen, ein Abfallprodukt, das bei der Verbrennung organischer Materialien entsteht. Diamanten können mit Hilfe der Diamantsynthese künstlich hergestellt werden. Dabei wird der Kohlenstoff in flüssigen Schwermetallen wie (gesundheitsschädlichem) Nickel oder Eisen bei hohem Druck und hohen Temperaturen gelöst. Es geht dabei richtig heiß zur Sache: 1.200-1.600°C werden benötigt (Wasser kocht bei 100°C). Und auch der Druck ist nicht von Pappe: 35.000 bis 50.000 bar beträgt er. Zum Vergleich: der mittlere Luftdruck beträgt rund 1 bar.

Wenn eine Führungskraft also mit dem Satz „No pressure – no diamonds!“ motivieren will, meint sie damit tatsächlich, dass die Mitarbeitenden verbrannt werden sollen (also bis zum Burn-out arbeiten), um sie dann bei passenden Gelegenheiten ordentlich zusammenzufalten (Druck auszuüben)? Hoffentlich nicht. Vielleicht haben sie vielmehr Marylin Monroe im Hinterkopf:

Diamonds are girl’s best friends

Aus dem Film “Gentlemen Prefer Blondes“ (Blondinen bevorzugt)

Übler Nachrede klare Grenzen setzen

Ihr Kollege bat sie mit versteinerter Miene zu einem Vier-Augen-Gespräch und legte gleich los: beim letzten Betriebsfest hätte sie ständig über ihn hergezogen und seine Arbeitsqualität vor Allen lächerlich gemacht. Das hätten ihm besorgte Mitarbeiter erzählt. Sie fiel aus allen Wolken. Doch er fragte erbost: „Wie soll ich denn jetzt noch weiter mit Ihnen zusammen am gemeinsamen Projekt arbeiten?“

Angriffe aus dem Hinterhalt sind schwer abzuwehren und können grundsätzlich jede/n treffen. Je stabiler die angegriffene Person innerlich ist, je selbstbewusster sie mit überraschenden Situationen umgehen kann, desto besser können diese Angriffe in ihrer Wucht begrenzt werden. Wie auf dem Schulhof, als früher die Jungs von hinten angerannt kamen, um das „Opfer“ zu treten, zu schlagen oder umzuwerfen, entscheidet die nachfolgende Reaktion, ob es auch in Zukunft zu weiteren Angriffen kommt. Solche Attacken leben davon, dass sich die Angreifer im Recht fühlen, sich unbeobachtet wähnen und keine nennenswerte Gegenwehr vom Angegriffenen erwarten. Es wird erst dann aufhören, wenn sich die/der Angreifende der eigenen Sache nicht mehr sicher ist.

Zwei Menschen erwischen wie sie heimlich miteinander redenDie eingangs beschriebene „stille Post“ missachtet grundlegende Regeln des sozialen Miteinanders. Offenbar hat keiner der berichterstattenden Personen mit der Kollegin das direkte Gespräch gesucht. Ein Feedback hätte auf jeden Fall geholfen. Feedback lebt davon, dass es zeitnah, direkt der betreffenden Person und so konkret wie möglich gegeben wird. Gerne auch in freundlichem Ton. Vielleicht wurde eine Aussage von ihr nur missverstanden? Stattdessen wurde die eigene Interpretation unkontrolliert hinter ihrem Rücken weitergetragen.

Auch die Zeit spielt eine Rolle. Etwas, was Wochen, vielleicht gar Monate zurückliegt, gärt in den Köpfen und Herzen weiter, verändert sich dabei und die Klärung des Sachverhaltes wird dadurch immer schwieriger. Und Klärung ist jetzt die erste Aufgabe, egal welche Gegenmaßnahme die angeschwärzte Kollegin auch noch ergreifen wird: Was hat sie gesagt, was gemeint und wie kann mit dem verärgerten Kollegen eine Verständigung stattfinden? Das Gespräch wird für beide nicht angenehm, kann gleichwohl im Anschluss zu einem besseren Verhältnis beitragen.

Danach könnte die Kollegin für Transparenz sorgen und Grenzen ziehen. Hinten herum irreführende Kommentare oder Gerüchte zu verbreiten, sorgt für Ärger und Missstimmung, soziale Beziehungen leiden. Es ist wichtig, Menschen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen.

Die beschuldigte Kollegin könnte sich in Erinnerung rufen, mit wem sie alles beim Betriebsfest gesprochen hatte. Was wäre, wenn sie nun ihrerseits Vier-Augen-Gespräche mit denen sucht, die getratscht hatten? Sie könnte die Situation mit dem verärgerten Kollegen kurz beschreiben und dann freundlich, kommunikative Grundregeln wahrend und ohne arrogant zu wirken, deutlich Grenzen ziehen: „Ich weiß nicht, wer was zu ihm gesagt, daher spreche ich alle an, mit denen ich auf dem Betriebsfest geredet habe. Das ist also jetzt kein Vorwurf an Sie persönlich. Wenn es etwas gibt, was an meinen Aussagen irritiert, dann sprechen Sie mich doch bitte beim nächsten Mal direkt an, damit wir das klären und Missverständnisse vermeiden können.*) Nach dem Motto: „Ich sehe, was läuft und spiele das Spiel nicht mit!“

Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.

Sprichwort

*) Die Sätze sind in den Farben des Kommunikationsquadrates von Friedemann Schulz von Thun gekennzeichnet. Es beschreibt die vier Ebenen der Kommunikation aus Sachinformation (blau), Aussage über mich selbst (grün), einem Beziehungshinweis (gelb) und einem Appell (rot). Mehr zu diesem weithin verbreiteten Klassiker, auch bekannt als „Nachrichtenquadrat“ oder „Vier-Ohren-Modell“, unter https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat ↗

Ausgleichszahlungen für vorenthaltene Liebe

Als der Hausmeister die Wohnung der alten Nachbarin ausräumte, fand er zwei Sparbücher mit mehr als 10.000 Euro Guthaben. Die Hinterbliebenen wollten davon nichts wissen. Ihr ganzes Leben sei die Frau geizig und gehässig gewesen, jetzt wollten sie auch nichts mehr von ihr. Was sollte er mit den Sparbüchern nun tun?

Glücklich ist, wer etwas zu vererben hat. Glücklich ist, wer etwas erben kann. Doch leider wird dieses Glück oft getrübt. Statt sich über die Weitergabe eines Vermächtnisses oder eine Starthilfe zu freuen, brechen in Familien alte Konflikte auf. Diese gärten mal jahrelang unter der Oberfläche, mal waren sie erkaltet und festgefahren oder auch schon immer hochexplosiv. Und dann müssen auch noch die Familientraditionen befolgt werden! Doch weil das Erben zwei völlig unterschiedliche Welten verbindet, kann hier jedes Wort wie ein Funke im Pulverfass sein.

Zum einen gibt es die juristische Ebene mit Testament, Erbschaftsrecht, Pflichtanteilen, Schenkungs- und Erbschaftssteuern, Eigentumsvorbehalten, Gesellschaftsrecht, Niesbrauch, Wohnrecht – es nimmt einfach kein Ende. Ein Erbfall kann wie ein gordischer Knoten sein, der nicht einfach mit einem Schwerthieb zerschlagen werden kann. Und daher eine wunderbare Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte und Notare, die alles auseinanderdröseln.

Schon am Sarg straiten die Erben

Als sei das nicht schon schwierig genug, kommen noch Jahrzehnte von erlebten, erlittenen, aufgestauten, unterdrückten Gefühlen bei den Hinterbliebenen hinzu. Wer wen wann wie verletzt, übervorteilt, benachteiligt, missachtet, beleidigt, hintergangen hat, wird mitunter kleinstteilig aufgelistet. Dass dabei das Gedächtnis die eine oder andere Lücke hat oder Verzerrung vornimmt, würzt diese Mischung nur noch mehr.

Wenig vornehm wird hier zu oft die ganz große Keule herausgeholt und Gefühle in Gold aufgewogen: weil das Elternteil immer das eine Kind bevorzugt/benachteiligt hat, muss jetzt der Betrag X gesondert verhandelt werden. Gerne auch an der offiziellen Erbmasse vorbei. Erbittert wird um die Nachfolge in Familienbetrieben, um Immobilien, Aktienpakete, Goldbarren oder Familienschmuck gekämpft und so manche/r wünscht sich, es gäbe nichts zu verteilen. Nicht wenige haben zu ihren Familien rechtzeitig den Kontakt abgebrochen, um sich aus diesem Schlamassel von vornherein heraushalten zu können. Das Geld ist ihnen der damit verbundene Ärger nicht wert.

Beim erfolgreichen Erben geht es darum, beide Ebenen – Recht hier, Gefühle da – möglichst getrennt voneinander zu betrachten und zu behandeln. Denn der Erbschein ist schlichtweg keine Ausgleichszahlung für entgangene Zuneigung. Das hätte zu Lebzeiten mit dem/der Erblasser*in geklärt werden müssen. Und so hat der Hausmeister die Sparbücher einer gemeinnützigen Organisation geschenkt.

2020 wurden Vermögen im Wert von knapp 47 Mrd. Euro vererbt, verschenkt oder gestiftet.

Quelle: Erbschaft- und Schenkungssteuerstatistik 2020 des Statistischen Bundesamtes

Mit dem Tempomat durch das eigene Leben

Lebe im Gleichklang mit Dir selbst! Werde langsamer und erreiche dadurch mehr! Achtsamkeit ist der Schlüssel zu Glück und Gesundheit! Alle Welt sprach davon, dass das Leben im persönlichen Tempo angegangen werden müsse. Doch sie fragte sich: wie ist es ist denn, mein Tempo?

Die Großstädte scheinen ein Hort der Hektik zu sein und auf dem Land ist alles noch in bester Ordnung. Während hier Dauerbeschallung, Verkehrsströme und Menschenmengen jeden Tag anstrengend machen würden, lebte dort doch alles in friedvoller Harmonie mit der Natur. Menschen auf dem Land sehen das anders: wer von der Natur lebt, arbeitet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, trotzt dem Wetter und kämpft für faire Verkaufspreise.

Das entspannte Landleben ist (und war schon immer) eine Illusion. Schließlich wurde das Flanieren in Paris erfunden, als es angeblich schick war, eine Schildkröte auszuführen. Die Wanderbewegungen hierzulande haben das Gehen ebenfalls als erstrebenswerte Heilquelle angesehen. Eine ganze Industrie lebt heuer vom Verkauf der Wanderausrüstung. Dabei ist Gehen die einzige Fortbewegung, für die wir Menschen kein Hilfsmittel benötigen. Noch nicht einmal Schuhe.

In der inneren Mitte laufen

Letztens war ich am Meer und bin barfuß über den Strand und entlang der Wasserkante gelaufen. Mein Gang veränderte sich. Vom abgehakten Hoppeln in Schuhen auf Asphalt hin zu einem wiegenden Schreiten, wo jeder Schritt die Zehen bewusst in den Untergrund gedrückt hat. Ging ich langsam? Ging ich schnell? Das kann ich nicht sagen, doch ich ging – in meinem Tempo. Manche Menschen überholten mich, sie gingen in ihrem Tempo. Andere Menschen überholte ich. Auch sie gingen in ihrem Tempo. Ich hatte eine Ahnung davon bekommen, dass ich mein ganz persönliches Tempo spüren kann.

Vor vielen Jahren traf ich eine Frau, die gut und gerne bereits eine halbe Stunde vor der Ankunftszeit des Fliegers am Flughafen auf ihren Gast gewartet hat. Sie reise lieber in Ruhe mit einem Puffer an und nähme sich dann die Zeit, zu warten. Im Urlaub haben meine Frau und ich den selten fahrenden Bus verpasst und so eine leckere Entdeckung in der Eisdiele an der Ecke gemacht. Was also könnte ich gewinnen, wenn ich versuchte, mir mehr Zeit für mein Tempo zu nehmen?

Die Zeit hat Zeit. Sie pendelt.

Im Hotel für Mensch und Kunst „Das Kleine Schwarze“, Hamburg

Der Job ist ein Tigerkäfig

Im Job hatte er meist Pläne, Protokolle und Projektzahlen zu bearbeiten. Seine Leistung fiel ab, die Krankheitstage nahmen zu. Der Chef plante, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Dabei war er doch kreativ, konnte gut mit Menschen und im Social Media Bereich ein Talent. Sah das denn keiner?

In der besten aller Arbeitswelten werden Menschen entsprechend ihren Talenten und Fähigkeiten eingesetzt. Jenseits dieser Utopie, in unserer gelebten Arbeitswelt also, gibt es neben dem „Peter Prinzip“ noch den „Tigerkäfig“. Das Peter Prinzip beschreibt, dass Menschen so lange in der Hierarchie aufsteigen, bis sie die Stufe ihrer eigenen Inkompetenz erreicht haben. Beispielsweise sind erfahrene Projektleiter*innen verblüffend oft schlechte Führungskräfte und operative Stars mit strategischen Planungen überfordert.

Den Tiger aus dem Jobkäfig lassenEng verwandt ist der Tigerkäfig, eine Wortkreation von mir selbst. Denn zu oft erinnern mich angestellte Mitarbeiter*innen an Tiger in den Käfigen alter Zoos, die unruhig hin und herlaufen und einfach am falschen Ort sind. Ihre ganze Geschmeidigkeit und Kraft ist zwischen Betonböden und Gitterstäben fehl am Platz. So gibt es auch in Unternehmen Menschen, die (übertragen gesprochen) wie Zuckerbäcker wahre Kunstwerke fertigen könnten, doch leider Tag für Tag graues Kommissbrot backen müssen. Die ihnen innewohnende Kreativität wird durch öde Alltagsroutine ausgebremst. Wortakrobaten müssen sich als Budgetcontroller abmühen statt Textfeuerwerke abzubrennen und operative Genies sollen menschlich und strategisch Abteilungen visionär antreiben, obwohl sie sich im Klein-Klein der Aufgabendetails viel wohler fühlen. Das kann für alle Beteiligten nur schiefgehen.

Zu oft wird in Organisationen das Problem dann mit der wirtschaftlich und persönlich schlechtesten Lösung angegangen: der Kündigung. Eine Kündigung kostet beim Kündigen Geld, bei der Suche und Einstellung der Nachfolger*in ebenso und für eine längere Zeit ist die Stelle wenig „performant“ (leistet also nicht den notwendigen Beitrag zum Unternehmensergebnis). Für die gekündigte Person kommen auch noch Selbstzweifel und Versagensängste in der Jobsuche hinzu.

Viel lohnenswerter wäre es, die Person auf eine Position umzusetzen, die ihren Fähigkeiten und Talenten entspricht. Die Zuckerbäcker in der betrieblichen Patisserie, die Zahlenjongleure im Controlling, die operativen Genies in Organisationsprojekten, usw. Womit wir bei der Utopie wären. Sie wird leider oft nicht Realität, weil es nun mal menschelt, wo Menschen zusammenkommen. Denn ist der Ruf erst ruiniert („Welch ein schlechter Graubrot-Bäcker dieser Zuckerbäcker doch ist!“), gibt es intern wenige Fürsprecher, um eine Umbesetzung in die Wege zu leiten. Schade eigentlich, denn sonst könnten die Menschen an den geeigneten Stellen für das Unternehmen so richtig Gas geben und den alten Esso-Werbespruch mit Leben füllen:

Pack den Tiger in den Tank!

Sich auch mit halber Kraft lieben

Von der Arbeitsliste war abends gerade mal ein Punkt abgehakt. Das gemeinsame Essen mit Freunden fiel genauso aus wie die lang überfällige Literaturrecherche. Und er geißelte sich: Verdammt noch mal, warum nur bekomme ich nichts mehr so wie früher auf die Reihe?

Manche Menschen machen überrascht die Erfahrung, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, wie sie es von sich gewohnt waren: Müdigkeit hat sich breitgemacht, ungewohnt schnell gibt es ein Gefühl der Überforderung, Vergesslichkeit nimmt zu und die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu jonglieren, nimmt ab. Solche Phasen gab es schon immer mal im Leben, meist kurz vor den Ferien, und sie bekamen daher den Stempel „urlaubsreif“.

Doch nun helfen keine 14-tägigen Auszeiten mehr und der Eindruck setzt sich fest: etwas hat sich grundlegend zum Schlechteren verändert. Und es nicht nur das Alter! Das Netz als Rechercheplattform gibt als mögliche Gründe an: Long Covid, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Burn-Out. Worin auch immer die Ursache liegt: im alltäglichen Hier und Jetzt braucht es einen Umgang mit der erlebten Leistungseinschränkung. Und zwar sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den sie begleitenden Menschen.

Wenn unvermittelt Pläne durchkreuzt werden, weil zum Beispiel zu viele Menschen um eine/n herum wären, weil gewohnte Wanderwege zu anstrengend sind, weil beim Kochen statt Menü nur noch Miracoli angesagt ist – kurz: weil einfach das Leben dazwischenkommt – dann kann das zu Erschrecken, Verzweiflung, Tränen oder Wut bei allen Beteiligten führen. Vorwürfe (an mich, an andere), Druck ausüben (auf mich, auf andere) oder Verdrängen (vor sich selbst, vor anderen) führen nur tiefer in das Jammertal.

Mit halber Kraft das Leben steuernWas also hilft, wenn nur noch „halbe Kraft voraus“ gefahren werden kann? Lebensnotwendig für die Betroffenen ist es, sich selbst neu kennenzulernen. Manche entdecken sich wieder, manche zum ersten Mal. Das ist das Geschenk, das in der aktuellen Leidenszeit verborgen ist: Eine Entdeckungsreise zu starten, sich besser zu spüren, bewusst Grenzen zu setzen. Natürlich wäre das alles viel leichter, würden alle Kräfte zur Verfügung stehen. Doch es ist, wie es ist und das ist jetzt gut so. Es geht darum, die Situation freundlich anzuerkennen, Vergangenheitsvergleiche belasten nur.

Das kann zu einer größeren Gelassenheit führen, zum Loslassen, zum Weglassen, zum Sein-lassen von Dingen. Darin liegt auch eine Chance: was ist mir wirklich wichtig, was nicht? Für das wahrhaft Wichtige gilt es dann, die Kraft zu schonen. Das andere hatte seine Zeit und die ist, nun ja, vorbei.

Da eine tiefsitzende Erschöpfung lange braucht, um kuriert zu werden, sind Geduld und Humor ein ungleiches, gleichzeitig sehr wirksames Paar. Besonders gut wirken sie, wenn sie von Partner*innen, Freund*innen oder anderen Begleiter*innen gelebt werden. Denn die betroffenen Menschen können nur schwer den Abstand zur Situation gewinnen, der die Grundlage für die Geduld und den Humor sind. Um so das gemeinsame Ziel vor den Augen zu behalten: Mit halber Kraft durch das Leben zu steuern.

Jedes Mal, wenn man das Leben satthat, fängt es neu an.

Tomi Ungerer (1931 – 2019, elsässischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator)

Eine kurze Auszeit vom Weltgeschehen

„Tsiiiii“, „zipp“, „gigigig … djudl-djud“ und „triller pfeif knack schmatz“*) sind schon alle da und suchen zwischen Traubenhyazinthen und Vergissmeinnicht nach Nahrung und Nistmaterial. Lächelnd berauschte er sich am Frühlingsgarten. Doch die Nachbarin fragte ihn: „Schämen Sie sich nicht für Ihr Glücklichsein bei dem Zustand der Welt?“

Nun beginnt im Garten die Zeit der Überraschungen: „Habe ich das wirklich eingepflanzt/ausgesät?“, „Sollte hier nicht eigentlich … wachsen?“ oder „Das hat sich aber stark ausgebreitet!“ sind Sätze, die jeder*m Gärtner*in bekannt vorkommen dürften.

Das herrliche an der Natur ist deren Unbekümmertheit gegenüber tagesaktuellem Weltgeschehen. Es herrscht eine gewisse Zeitlosigkeit. Das aktuelle Frühjahr ist das Ergebnis des letzten Sommers, des letzten Herbstes. Und gleichzeitig bereitet dieses Frühjahr den kommenden Sommer und Herbst vor.

Der Kreislauf im Jahresrhythmus kann eine sehr beruhigende Wirkung auf einen Menschen haben. Zeigt er doch, dass fast alles größer ist als wir Menschen. Unser Verstand kann bis heute nicht alles erklären, was die Natur hervorbringt. Die Natur gab es vor uns und wird es auch nach uns geben.

Einfach mal das Weltgeschehen ausblendenVielleicht erscheinen diese Gedanken ein wenig schlicht angesichts der Weltlage von Krieg in Europa, Corona in allen Ecken der Welt, der nahenden Klimakatastrophe, Ernährungskrisen, … Es sind viele große, schreckliche Dinge „da draußen“, da kann es doch nicht um Blümchen gehen. Oder, noch viel schlimmer, um Glück, um Lachen! Und zack! ist das schlechte Gewissen da – einmal kurz alles vergessen und sofort dabei ertappt worden. Schamröte steigt ins Gesicht.

Dabei ist das kurzzeitige Ausblenden oder das Aufsetzen von Scheuklappen (Sonnenbrillen haben den gleichen Effekt) eine notwendige Strategie, um psychisch gesund zu bleiben. Wir können nicht ständig in Alarmstimmung sein, weil wir daran abstumpfen und komplette Ignoranten würden. Gerade der Wechsel zwischen Hinschauen und Wegschauen hilft, unsere Wahrnehmung wach zu halten. Glück im Unglück ist wie die Pause in der Arbeit. Die Journalistin Lin Hierse hat das in ihrer Kolumne Die Notwendigkeit von Ignoranz ↗ treffend zusammengefasst:

Mir ist aufgefallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Kurz- und Langzeitignoranz. Die erste erhält uns, die zweite tut das Gegenteil.

Lin Hierse (*1990, deutsche Wissenschaftlerin, Autorin und Journalistin)

*) Amsel, Drossel, Fink und Star

Das Chaos regiert

Was letzte Woche nach langer Diskussion vereinbart wurde, wird jetzt im Team schon wieder in Frage gestellt. Eine Pro-und-Contra Liste soll nun endlich Klarheit bringen, alle stöhnen. Wann, so fragte sie sich, entscheidet hier endlich mal jemand etwas?

Manche Führungskräfte tun sich schwer mit der Rolle der/des Führenden. Das könnte unangenehme Gespräche mit sich bringen, Entscheidungen müssten getroffen und durchgesetzt werden. Konflikte gehören zur Rolle des Chefs/der Chefin einfach dazu. Aber nicht alle Führungskräfte sehen Konflikte positiv, als Quelle für Kreativität, sondern haben Angst vor einer Konfrontation. Diese Menschen flüchten sich dann lieber in operative Details, wollen alles mit Abfragelisten kontrollieren oder sind nur sehr schwer zu erreichen.

Nicht nur in der Wirtschaft, auch im sozialen Bereich gibt es Angst vor Führung und die Scheu vor klaren Ansagen. Doch gerade Kinder brauchen zuverlässige Rahmen, in denen sie sich entwickeln können. Regelchaos wird hier fälschlicherweise „Laissez faire“ genannt, im Management-Sprech des Geschäftslebens „Supportive Leadership“. Beides beschreibt die Abwesenheit von aktiver Führung. Es fehlt an der (natürlichen) Autorität, die den Überblick bewahren und positiv ordnend eingreifen sollte. Am Ende herrscht Chaos, in der Organisation werden die Prozesse langsam und die Ergebnisse sind unausgegoren.

Wenn das Chaos regiert

Die Folgen dieser Leerstelle für die Untergebenen, seien es nun Kinder, Jugendliche oder erwachsene Arbeitnehmer, sind gravierend: durch den Mangel an klaren Rahmenbedingungen wird alles auf der untersten Ebene diskutiert, ausgehandelt und zu oft nicht entschieden, zu wiederholt in Frage gestellt.

Führungskraft bedeutet kraftvoll führen. In modernen Unternehmen, die mit flachen Hierarchien werben, wird der Mangel an Führung geschickt verkleidet: „Ist es nicht großartig, wie viel Verantwortung Sie übernehmen dürfen?“ Und der Rückzug gilt als Tugend: „Meine Tür ist immer offen. Melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben.“

So wird Verantwortung nach unten delegiert, die eigentlich ein, zwei, drei Hierarchie-Ebenen höher übernommen werden müsste. Denn nur dort ist auch die institutionelle Macht verankert, die zur Verantwortung untrennbar dazu gehört. Verantwortung ohne Einflussmöglichkeiten führt unweigerlich in ein Hamsterrad: Vergeblich versuchen Einzelkämpfer mit beschränktem Einfluss ein strukturelles Problem zu lösen. Es hilft nur die klare Zurückweisung: „Diese Verantwortung will ich nicht, die gehört zu Ihnen!“ Anderenfalls ist der Weg vom Burn-on zum Burn-out vorgezeichnet.

Führung bleibt eine Bringschuld. Kaufmännisch gesehen ist der Unterschied zwischen der Hol- und der Bringschuld der Ort der Leistungserbringung. Wo passiert die Leistung? Die Bringschuld der Führungskräfte ist längst nicht durch das Ausfüllen der Position erfüllt, sondern wird täglich neu abgefordert im Zusammenspiel mit den Mitarbeitern und den Aufgaben. Und hier gilt es, mehr zu zeigen, als nur die Tür zu öffnen.

Silke Strauß, Executive Coach & Consultant

Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

Wenn Kooperation auf Erpressung trifft

Im Angesicht des Krieges der russischen Staatsführung in der Ukraine weiche ich vom gewohnten Kolumnen-Format ab. Ich fasse einige Gedanken von Volker Müller-Benedict zusammen, mit denen er Ergebnisse der Spieltheorie auf das sozialpolitische Feld und Putins Agieren überträgt.

Kooperation galt seit den traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges als das Mittel der Wahl, um den Frieden auf der Welt zu sichern. Es ist ein Wunschdenken, dass das in der westlichen Welt auch einigermaßen geklappt hat, denn zurzeit werden besonders Menschen auf dem Balkan von ihren Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse eingeholt. Auch auf dem Rest des Globus war und ist es nicht besonders friedlich. Über 140 Kriege nennt Wikipedia seit 1945, das Statistikportal Statista listet alleine für 2020 fast 360 Kriege und Konflikte auf. Warum also kommt die Kooperation nicht so richtig zum Erfolg?

Kooperation setzt voraus, dass alle Beteiligten langfristig weniger am eigenen Vorteil interessiert sind, sondern im „Gesamtglück“ aller Beteiligten den wahren Wert erkennen. Auch wenn nicht alle eigenen Forderungen erfüllt werden, so sind doch die eigenen Gewinne immer noch attraktiv genug, um von den eigenen Interessen etwas abzugeben. Die Belohnung für alle: Frieden.

Diese Win-Win-Situation ist in der Spieltheorie durchaus möglich, doch nur solange, bis nicht ein anderer Spielertyp das Feld betritt: der Erpresser. Er kooperiert nur zum Schein und rechnet fest mit der Kooperationsbereitschaft des Gegenübers. Nur um das Gegenüber dann immer wieder zu übervorteilen („übers Ohr zu hauen“). „Man ist gezwungen mehr und mehr zu kooperieren, wenn man irgendeine Chance auf Steigerung des eigenen Gewinns haben möchte“, so Müller-Benedict. Trifft nun ein kooperationsbereiter Mensch auf einen erpresserischen Mitspieler, muss daher eine Entscheidung getroffen werden:

  1. Die Erpressung akzeptieren und damit eigene Verluste in Kauf nehmen. So können jedoch immer noch eigene kleine Gewinne erzielt werden (z.B. den Frieden scheinbar zu sichern). Der Erpresser gewinnt dabei immer.
  2. Die Kooperation beenden. Die eigenen Verluste werden hoch sein, doch auch der Erpresser hat empfindliche Verluste zu erleiden.

Je mehr Erpresser auf dem Spielfeld sind, umso unattraktiver wird dieses Verhalten, weil dann Erpresser auf Erpresser treffen und nicht mehr nur Erpresser auf Kooperationswillige. Erpresser*innen sind überaus attraktiv für Wähler*innen, weil sie zu Recht annehmen, dass diese*r Führer*in die Wählerinteressen am besten durchsetzen kann.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es wichtig, mutig zu werden, auch wenn die Aussichten düster sind: eine starke demokratische Zivilgesellschaft verhindert am ehesten, dass Erpresser an die Macht kommen.

Artikel „Erpressung oder Kooperation“ in der taz vom 25.2.2022 (Auf taz.de sind Artikel frei zugänglich, ohne Bezahlschranke. Das geht nur, weil sich viele Leser*innen freiwillig an der Finanzierung beteiligen und so den unabhängigen Journalismus unterstützen. Ein entsprechender Hinweis kann beim Aufruf der Seite erscheinen):

https://taz.de/Experimentelle-Wissenschaft/!5834234&s=spieltheorie/ ↗