Auch ein Drache will geliebt werden

Ihr Job war es, den Laden am Laufen zu halten. Da ging es um Termine, Produktionen, Zulieferer – ein Rädchen griff ins Andere. Sandkörner im Getriebe konnte sie nicht gebrauchen. Und das zeigte ihr rauer Ton auch ganz deutlich. Doch tief in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Merkte das denn keiner?

Wer im Arbeitsleben die Verantwortung für die termingerechte Ablieferung von Produkten trägt, egal ob sie physisch oder digital sind, kommt sich oft vor wie ein Jongleur mit fünf, sechs oder gar sieben Bällen. Die wollen alle in der Luft gehalten werden, keiner darf herunterfallen. Sie müssen in der vorgeschriebenen Flugbahn bleiben! Rumtrödeln kann kein Mensch gebrauchen.

Für die zuliefernden Kollegen ist die Situation äußerst unangenehm, manche würden sagen: unmenschlich. Denn sie sollen funktionieren wie eine Maschine. Unabhängig davon, ob gerade das Kind krank zu Hause ist, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend doch wohl schlecht war oder der Haussegen in der Partnerschaft schief hängt. Und dann kommt der „Drache“, „Feldwebel“, „Sklaventreiber“ – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – und speit Feuer, brüllt Befehle oder schwingt die Peitsche.

Ich lade Sie zu einem gewagten Gedankenexperiment an dieser Stelle ein.

Nehmen Sie an, dass Sie in Wahrheit einen verzweifelten Schrei nach Liebe zu hören bekommen.
Hinter dem Drachen steht ein MenschNehmen Sie an, der Drache / Feldwebel / Sklaventreiber hat ein krankes Kind zu Hause, der letzte Wein mit der Freundin vom Vorabend war wohl doch schlecht oder der Haussegen in der Partnerschaft hängt schief.
Ach – da gibt es keine Partnerschaft, Freundin, Kind? Vielleicht ist das eine große Sehnsucht?

Was wäre, wenn dieser Befehlston ein dicker Panzer wäre, hinter dem es keine Erinnerung mehr gibt, wann einen das letzte Mal ein Mitarbeiter wirklich freundlich angelächelt hat (und nicht nur dieses unterwürfige schleimige Grinsen zeigte)? Was wäre, wenn diese Person gerne sagen können würde: „Ich bin hier für alles verantwortlich und das macht mich fertig“? Und was wäre, wenn Sie dieser Person ein ehrliches freundliches Wort, ein winziges Kompliment, ein kleines Lächeln schenken könnten?

Nun, der Drache wird sich vermutlich nicht gleich in eine schöne Jungfrau (oder einen schönen Jüngling) verwandeln, der Feldwebel nicht das Peace-Zeichen machen oder der Sklaventreiber die Verbrüderung anstreben. Aber für Sie wäre etwas anders: Sie würden aus dem Gegenangriff rausgehen und hätten es selbst in der Hand, die Arbeitssituation von einem etwas mehr entspannten Standpunkt zu betrachten.

Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“

Aus: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum

Wenn Hochleistungsmäuschen Karriere machen

Jahrelang erledigte sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsgebiet etliche Aufgaben für den Kollegen. Als dann die neu ausgeschriebene Stelle in jenem Arbeitsbereich extern besetzt wurde, fühlte sie sich verraten. Wie konnte sie nur so über- und hintergangen werden?

Draußen in der freien Wildbahn gibt es eine ganz besondere Beziehungskonstellation: zwei Arten bedingen einander und leben in einer symbiotischen Wirts-Gast-Beziehung. Der Wirt versorgt den Gast mit Ressourcen. Da gibt es beispielsweise die sympathischen Buphagus-Vögel, die auf dem Rücken der Kaffernbüffel durch die Savanne reiten und die Maden vom Rücken der Wirtstiere picken. Das ist Körperhygiene für den Büffel und gleichzeitig Nahrung für den Vogel.

Der Pfau geht seinen WegBesonders im Büroalltag scheint es hervorragende Lebensbedingungen für diese Symbiose zu geben, in der Variante der „grauen Mäuse“ und der „schillernden Selbstdarsteller“. Dabei ist es interessant, einmal den Blick auf die Mäuse zu lenken.

Oft haben die Mäuse ein empathisches Sozialverhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein und umfassende Detailkenntnisse. Weil es „sonst niemand machen würde“ oder man „niemanden im Stich lassen will“ wird dann die anfallende Arbeit getan, auch wenn es eigentlich nicht zum eigenen Job gehört. Sie übererfüllen die Aufgaben, liefern die Höchstleistung und ducken sich wie Mäuse in ein Loch, wenn es darauf ankäme, die Erfolgsflagge zu zeigen.

Die Journalistin Bascha Mika spricht von einer „Selbstvermausung“ ↗ intelligenter, gut ausgebildeter Menschen. Zwar bemerkt sie das vor allem an Frauen, doch es gibt auch männliche Mäuse. Alleine die Idee, sich als 1,60 bis 1,85 Meter große Maus klein machen und verstecken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Für ihre Beschreibung steckte Bascha Mika viel Kritik ein. Dabei macht sie darauf aufmerksam, wie Hochleistungsmäuse Karriere machen – halt nur nicht selbst, sondern sie machen die Karriere der Selbst- und Außendarsteller. Sie sorgen durch ihr Verhalten für deren Erfolg, denn sie halten den Selbstdarstellern den Rücken frei, indem sie alle anfallenden Arbeiten erledigen – mit denen sich dann aber der Andere brüstet, ohne die Mäuse zu erwähnen.

Die Schaumschläger gehen dank der Hochleistungsmäuse ihren Weg: Zurück bleiben die Mauerblümchen wie damals bei der Tanzstunde. So lange, bis die ihre Unterstützung einstellen und in der Öffentlichkeit sagen: „Das war Ihre Aufgabe und ich habe sie erledigt, nicht Sie!“

Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.

Inge Lohmark (Lehrerin. Hauptperson aus dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky)

Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

Intelligenzfasten? Das werde ich ausprobieren!

Auf einer Feier kam ich ins Gespräch über Fastenpläne. Mit dem Meckerfasten hatte ich gemischte Erfahrungen, da erzählte eine Frau, sie würde „Intelligenz fasten“. Auf meinen ratlosen Blick hin begann sie zu erzählen und meine Miene hellte sich auf. War Intelligenzfasten vielleicht das Rezept gegen meine unnötigen Aufreger?

Seit einigen Wochen hatte ich mir vorgenommen, mich nur noch über Umstände oder Menschen aufzuregen, die mich wirklich tangierten oder die ich ändern kann. Dieses Meckerfasten erwies sich als schwieriger als gedacht. Mir fiel es schwer, mich nicht um Themen zu kümmern, die weit außerhalb meiner Einflusssphäre lagen. Es schien, als würde ich ständig einen unausgesprochenen Appell hören: „Darüber muss man sich doch aufregen!“, frei nach dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt „Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.“

Einfach mal dumm stellenDiese im Raum stehenden Aufforderungen, etwas zu tun, sind eine tückische Sache. Da werden Erwartungen nicht formuliert und gleichzeitig existieren sie – doch oft nur in meinen eigenen Gedanken. Der Satz „Es ist stickig hier im Raum!“, ausgesprochen in einer Gruppe von zehn Menschen, heißt keinesfalls, dass ich jetzt das Fenster öffnen soll. Ich könnte ja mal mein „Appell-Ohr“ schließen – jenes Ohr also, das immer schnell heraushört, wenn ich (angeblich) etwas tun soll ↗.

Hier setzt das Intelligenzfasten an. Auf die Frage: „Wissen Sie, wie man den Papierstau beim Drucker beseitigen kann?“ könnte ich mich zur Abwechslung mal bewusst dumm stellen und antworten: „Nein, weiß ich auch nicht!“, ohne Zusatz von künstlichen Angeboten wie „Ich kann ja mal schauen!“ oder „Ich rufe den IT-Support an.“ Genau dieses Verhalten legte die Frau an den Tag, mit der ich auf der Feier sprach. Am Anfang waren die Kolleg*innen leicht irritiert: Wusste sie nicht immer eine Lösung? Hatte sie sich nicht früher um alles gekümmert? Doch nach einem kurzen Zögern, ob vielleicht doch noch ein Hilfsangebot käme, drehten sie sich um und gingen ihrer Wege. Der positive Effekt: die Frau hatte Zeit gewonnen für ihre eigenen Aufgaben anstatt sich um Fremder Angelegenheiten zu kümmern.

Nächstes Jahr will ich das Intelligenzfasten auch ausprobieren. Und sollte der Drang nach einem Hilfsangebot wirklich groß sein, kann ich es wenigstens in sinnvolle Bahnen lenken, in dem ich frage: „Und was konkret kann ich jetzt für Sie tun?“, anstatt blind zu agieren.

Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.

William James (1842 – 1910, US-Amerikanischer Philosoph)

Werbepause dank Menopause

Seit einigen Monaten ging sie ganz entspannt durch die Innenstadt, schaute private Fernsehsender und blätterte durch Zeitschriften. Die ganze Werbung dort draußen schien nicht ihr zu gelten und als sie überlegte, woran das wohl liegen mag, fiel ihr ihr Alter ein. Sie war endlich nicht mehr Zielgruppe der Marketingleute – welch eine Freiheit!

Die ganze Werbung lässt sie kaltMit dem Alter von 50 Jahren verbinden viele Menschen eine erste Wehmut. Bergfeste werden gefeiert, denn schließlich geht es jetzt an den Abstieg (es könnte aber auch eine Höhenwanderung werden). Die verpassten Gelegenheiten der vergangenen Jahrzehnte werden betrauert (und manchmal erleichtert begrüßt), das Fehlen ernster Erkrankungen ausnahmslos gefeiert.

Auch Marketingleute schauen oft mit Wehmut auf diese Generation. Die Hauptzielgruppe des Konsums sind die 14 bis 49 Jährigen. Da gibt es viele Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen: Jugend und Mode; Ausbildung, Studium und Reisen; Ortswechsel und sich ständig verändernde Wohnverhältnisse. Ein Fest für jeden Anbieter.

Und dann kommen die abgeklärten Jahre. Viele haben einen respektablen Wohlstand erreicht, auf unterschiedlichstem Niveau. Der eigene Stil in Sachen Mode, Musik und Möbeln ist gefestigt. Diese Menschen sind von minderjährigen Models in Kleidung für Erwachsene eher gelangweilt als inspiriert. Die Versprechen der Kosmetik haben sich dutzendfach als leer herausgestellt, ebenso wie Erfolgsdiäten und Last-Minute-Strand-Workouts.

Innerlich fühlen sich viele Menschen rund um die 50 unbestimmt – alt? Jung? Was auch immer! Sie gleichen weder den Frauenmodels mit fehlender Taille und Hüfte noch den Männermodels mit Sixpack und Y-Figur. Die könnten ihre Kinder sein! Was also sollen sie dann von Modefirmen halten, die ihnen mit so jemand das Geld aus der Tasche locken wollen?

Und überhaupt: „Was brauche ich wirklich?“, „Würde ich das auch kaufen, wenn es nicht im Angebot wäre?“ oder „Ich würde dafür mehr ausgeben, wenn es eine ordentliche Qualität hat“ sind zunehmend Leitmotive von Menschen, die sich des Konsum-Korsetts entledigt haben. Vielfach gibt es eine Erinnerung an die Kindheit: einfachste Dinge wie Knödel in sämiger Soße können wieder faszinieren. Und da sie sich alterslos fühlen, sprechen sie „50+“ Angebote nicht an. 50 ist nicht das neue 40 (das macht ihnen keiner vor), sondern immer noch 50.

So gibt es eine Freiheit im Denken, Handeln und Konsumieren, die sich den Werbestrategien erfolgreich widersetzt. Das Seniorenprogramm mit Rollator, Treppenlift und Inkontinenzhöschen kann getrost noch warten.

Man hält es für den Gipfel der feinschmeckerischen Raffinesse, in der Lage zu sein, eine lebende, atmende, nach faulender Qualle stinkende Auster zu verschlucken – dabei ist es nur das traurige Ende einer Geschmacksnervenkarriere.

Hildegunst von Mythenmetz (Zamonischer Schriftsteller undefinierbarem Alters aus Walter Moers‘ „Ensel und Krete“)

Detox: Meckerfasten für den inneren Frieden

So langsam kam er sich vor wie ein alter Knotterer. In Gedanken und oft auch laut regte er sich völlig überflüssigerweise auf. Da kam die Fastenzeit wie gerufen: wie wäre es mit vierzig Tagen Meckerfasten?

Ich brauche mich nicht zum Narren halten lassenIn meiner Kindheit gab es einen alten Mann, der auf seinem Mofa an der Kreuzung vor meinem Elternhaus stand und vor sich hinschimpfte, während er auf eine Autolücke wartete. Wie lächerlich das wirkte und er amüsierte mich sehr. Und er kommt mir immer wieder mal in den Kopf, wenn ich heute ähnliche Verhaltensweisen bei anderen – und auch mir – entdecke.

Es gibt Situationen, in denen ich mich ärgere und aufrege und es völlig überflüssig ist. Überflüssig, weil ich a) die bemeckerte Tatsache nicht ändern kann oder b) von ihr nicht betroffen bin. Wenn jemand etwas nicht so macht, wie ich es gerne will und es keine Auswirkung auf mich hat? So what! Oder wenn mir bestimmte Regeln gegen den Strich gehen – kann ich an ihnen etwas ändern? In der Regel: Nein! Also warum rege ich mich dann auf?

Ich weiß, dass mich das Meckern innerlich vergiftet. Adrenalin wird ausgestoßen, ich bin angespannt und aggressiv, denn ich empfinde mich ja in einer Kampfsituation. Dieser Zustand beruhigt sich nach 15-20 Minuten. Zeit, die mir entgeht, um meinen Blick a) auf das Wesentliche oder b) auf etwas Angenehmes zu richten.

Sollte ich mich besser nur über das aufregen, was mich betrifft und worauf ich Einfluss habe? Eine spannende Frage, die ich ausloten möchte. Damit ich die Auslöser erkenne, die mich innerlich vergiften lassen, versuche ich das Knottern zu fasten. Die Fastenzeit ist einfach ein überschaubarer Zeitraum mit klarem Anfang und Ende. Das kommt mir entgegen. Und der Erfolg ist einfach definiert. Nämlich jedes Mal, wenn ich sagen kann: „Nicht mein Zirkus. Nicht meine Affen.“

Zufriedenheit ist für mich ein Reizwort.

Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016, österreichischer Musiker)

Nachsitzen beim Abi-Jahrgangstreffen

Als die Einladung zum 30-jährigen Abiturtreffen ins Haus flatterte, fing es an, in ihm zu rumoren. All die Erinnerungen an die Schulzeit kamen wieder hoch und er fragte sich, ob er wohl zum Treffen gehen sollte. Denn wie sollte er den Menschen begegnen, mit denen er die Jugend verbrachte und seitdem nicht mehr gesehen hatte?

Bis zum Abitur (oder bis zum Realschulabschluss) haben Jugendliche zwei Drittel ihres Lebens in der Schule verbracht. Auch wenn das Lernen das Hauptziel der Schule ist, so werden dort vor allem die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich im Angesicht von Autoritäten? Neben dem Lehrer sind das der Stärkste in der Klasse, das coolste Mädchen oder der reichste Mitschüler. Oder: Wie finde ich meinen Platz in der Gruppe? Bin ich im Kern, dem „In-Kreis“, oder gehöre ich zu den Satelliten, die sich notgedrungen als Außenseiter zusammenschließen, um nicht alleine zu bleiben?

Zehn Jahre nach dem Schulabschluss geht es bei einem Treffen oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Schaut, was ich alles erreicht habe! Und jetzt Du!“ An zweiter Stelle steht dann: „Weißt Du noch, als …?“ Die Geschichten der Schulzeit werden erzählt. Da kann es sehr lustig werden – zumindest für die, die die Lacher schon damals auf ihrer Seite hatten. Je länger die Schule zurückliegt, um so mehr rückt die Nostalgie in den Vordergrund; die Lebensleistung ist nicht mehr der äußere Erfolg, sondern die Art, wie man mit dem eigenen Schicksal umgegangen ist.

Beim Abitreffen kommen alte Geschichten hochAuch wenn sich die Wege nach der Schule getrennt haben, verbindet ein unsichtbares Band die Ehemaligen miteinander. Leicht fällt man wieder in die alten Rollen und Verhaltensweisen zurück. Die international renommierte Wissenschaftlerin wird im Angesicht ihrer Mitschülerinnen in ihrem Innern wieder zu dem gehänselten Mädchen aus der Parallelklasse. So richtig los wird man diese alten Zuschreibungen vielleicht nie.

Und so scheint ein Jahrgangstreffen wie ein Sprachkurs für „False Beginners“ zu sein. Es gibt ein paar tief verschüttete Grundkenntnisse, doch gleichzeitig muss man von vorne anfangen. Der Neubeginn ist nicht Jedem vergönnt, weil es in der Schule, wie in jedem sozialen Gefüge, Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit gibt und andere, die am Rand stehen. Auf der Gewinnerseite stehen die, die sich in der Schule wohl fühlten. Schwieriger wird es für die, die die prägendste Zeit ihres Lebens unglücklich waren und froh sind, davon weggekommen zu sein. So können bei einem Wiedersehen ihre alten Narben wieder schmerzen.

Oder ich sehe das Jahrgangstreffen als Chance, mit dem Alten endlich meinen Frieden zu machen, das Vergangene abzuschließen und mir und den Menschen von damals eine neue Chance zu geben.

Wer mit vierzig noch mal bei null anfängt, fängt nicht bei null an, sondern bei vierzig.

Jörg Fauser (1944 – 1987, Schriftsteller, Journalist und Liedtexter)

Ein Oscar für den Schaumschläger

Wegen seiner Leistungen sei der Kollege verdient zum Abteilungsleiter befördert worden hieß es in der Personalmitteilung. Die Kollegen murrten: wohl vor allem wegen seiner Leistungen als Schaumschläger, denn wirklich schaffen tue der nichts. Und sie fragten sich: Wie kommt dieser Windhund damit immer noch durch?

Ein Oscar für die beste ShowIn einem komplexen System wie einem Büro gibt es verschiedene Rollen und Typen. Neben den offensichtlichen Rollen, die sich aus der Hierarchie ergeben, wirken die Verhaltensweisen der einzelnen Menschen. Sie wurden nicht nur von George Orwell in seiner Fabel „Farm der Tiere“ ↗ treffend durch Tiere symbolisiert, auch beim Flur-Funk wird vom Esel gesprochen, der stoisch alles wegschafft, oder von dem fleißigen Bienchen geschwärmt, das unerlässlich das Getriebe am Laufen hält. Nein, da gibt es auch wüste Worte für jene, die sich auf der Arbeit der anderen ausruhen.

Die können in buntesten Bildern von ihren Plänen erzählen, allesamt innovativ, zukunftsweisend und selbstverständlich lösen sie alle aktuellen Probleme. Wunderbar verknüpfte Stränge zeigen eine heile Welt, die da am Horizont zu warten scheint. So hell wird diese Zukunft beschrieben, dass sich Entscheider davon blenden lassen. Für die Umsetzung sind dann die Esel und Bienen zuständig und wenn es scheitert, dann sind die halt auch daran schuld.

Solche Menschen vermitteln Visionen und Lösungen ohne die Entscheider mit den Niederungen der Umsetzungs-Schwierigkeiten zu belästigen. Sie haben Phantasie, sind kreativ und auch sehr überzeugend. Unbestreitbar haben sie ein Talent für einen glanzvollen Auftritt, bei dem sie ihre Pläne erfolgreich anpreisen. Dafür mangelt es ihnen an den unerlässlichen Qualitäten, die es zur tatkräftigen Umsetzung braucht: Pragmatismus und Analytik. Bei den Eseln und Bienen ist es genau umgekehrt. Ihnen fehlt es an der notwendigen Selbstdarstellung.

Walt Disney, Zeit seines Lebens mit dem Problem konfrontiert, innovative Ideen zur Umsetzungsreife zu bringen, war Namensgeber für eine weitverbreitete Kreativitätsmethode ↗: es braucht in einem Team einen Träumer, der visionär und frei von Grenzen Ideen entwickelt. Dann einen Praktiker, der versucht, eine konkrete Umsetzung dieser Ideen zu ermöglichen. Schließlich den Analytiker: er prüft, ob das Ziel tatsächlich erreicht wurde, wo die Widersprüche liegen oder Stolpersteine vorhanden sind.

Jemanden mit Phantasie, aber mangelndem Realismus und Fähigkeit zur Umsetzung zu befördern, produziert Unzufriedenheit auf allen Seiten: die Mitarbeiter murren, weil sie die eigentliche Arbeit tun, für die ein Anderer die Lorbeeren bekommt. Für den Beförderten, der sich plötzlich mit den Niederungen der Projekt-, Personal- und Budgetsteuerung befassen muss und das weder kann noch will. Und schließlich das Unternehmen, das eine hoch dotierte Stelle fehlbesetzt hat. In der Realität wird das dann oft durch Wegloben desjenigen auf die nächste Karrierestufe gelöst.

Die Arbeit wird von den Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Aus: Laurence J. Peter, „Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen“ ↗

Wenn der Chef mit seinen Leuten Tango tanzt

Die Zeiten des Wischi–Waschi–Chefs waren vorbei. Jetzt verstanden ihn seine Mitarbeiter, er gab klare Anweisungen und reagierte aufmerksam auf ihre Probleme. Gefragt nach dem Grund für diesen Wandel sagte er: „Ich tanze seit einem halben Jahr Tango mit meiner Frau!“ Und das soll diese Veränderung ergeben haben?

Auch wenn es Menschen gibt, die das Wort Führungskraft ablehnen (weil kein Mitarbeiter geführt werden wollte), ist es doch in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen klar, dass die Menschen unterschiedliche Aufgaben haben. Manche eher im operativen, ausführenden Bereich. Andere dagegen in der visionären strategischen Planung. Und es braucht diejenigen, die beide Pole miteinander verbinden: die klassische Sandwich-Führungskraft. Unten die operative Basis, oben die visionäre Führung, sie im Doppeldruck dazwischen.

Was ist einfacher, als diesem Druck wie eine Bandscheibe durch ein gelartiges Verhalten auszuweichen? Arbeitsaufgaben werden zum Beispiel mit einem „Wir sollten …“ übergeben. Dabei ist nicht klar: ist das ein „Sie–Wir“ (Untergebene/r führt aus), „Ich–Wir“ (Chef übernimmt selbst) oder „Wir–Wir“ (Chef und Mitarbeiter gemeinsam). „Was genau will jetzt der Chef von mir?“ lautet die meistgestellte Frage bei solchen Führungskräften.

Gemeinsam mit klarem ZielBeim Tango kam der Chef mit dieser Art nicht weit. Er stolperte mit seiner Frau über das Parkett, rempelte andere Paare an und von Eleganz keine Spur. Sie drohte ihn stehen zu lassen, denn im Tango sind, noch mehr als bei anderen Tänzen, die Rollen klar verteilt. Die führende Person (bei Hetero-Paaren der Mann) gibt klare Signale, die tanzende Person setzt die Signale in Schritte um. Im besten Fall kann das die geführte Person mit geschlossenen Augen, weil die Führung so klar ist.

Also lernte der Chef beim FührungsTango ↗, was es hieß, ein klares Ziel zu haben (Bewegung im Raum), wie er dahin kommt (die Figuren auf diesem Weg), wie er das vermitteln muss (präzise, kraftvoll, einfühlsam) und welche Freude es geben kann, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Er lernte im Kurs auch, dass seine Signale von jeder seiner Tanzpartnerinnen anders interpretiert wurden und er sich also auf jede Person individuell einstellen muss.

Im Büro dann tanzte er innerlich einfach weiter und endlich war die lang geforderte Leadership-Qualität da. Dass seine Chefs ihn nun auch neu wahrnahmen, tat seiner Karriere übrigens keinen Abbruch.

Es gehört mehr zum Tanz als rote Schuh’.

Sprichwort

2017 wird das Jahr des Schlafens

Oh, was gingen ihm diese Vorsätze für das neue Jahr auf die Nerven! Jeder nimmt sich große Dinge vor, allesamt mit hohem Potential zum Scheitern. Er hatte nur ein einziges Ziel: immer genug Schlaf. Damit würde alles gut werden in 2017.

Seit Jahren unverändert ↗ sind die dringlichsten Wünsche und Vorsätze für das neue Jahr. Dabei gehören zwar „Mehr Sport machen“, „Gesünder ernähren“ und „Abnehmen“ zu den All-Time-Favourites, doch ganz vorne stehen, mit steigender Tendenz, „Stress abbauen“ und „Mehr Zeit für die Familie“. Ein wesentlicher Einflussfaktor wird dabei gerne außer Acht gelassen: ein Erdentag hat 24 Stunden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Den Wecker in die Mülltonne werfenWas jeder in diesen Stunden macht, ist nicht nur von den persönlichen Vorstellungen, sondern auch vom gesellschaftlichen Umfeld abhängig. In der Regel ist nämlich der Morgen fremdbestimmt durch Schulbeginn, Kernarbeitszeiten, etc. Manche sind auf der Jagd nach jeder Minute mehr Schlaf dazu übergegangen, auf ein Frühstück zu verzichten, einen Turbo-Duschmodus zu entwickeln und Multi-Tasking zu perfektionieren.

Die Abende dagegen sind flexibler und in der Tendenz wird der Zeitpunkt des Einschlafens immer weiter nach hinten geschoben ↗. Logischerweise sinkt somit die Schlafdauer, denn das Aufstehen ist ja vorgegeben. Ungünstig ist die Kombination aus spätem Einschlafen und frühem Aufstehen für Nachteulen (wegen des Aufstehens) ebenso wie für Morgenschwalben (wegen des Einschlafens). Nehme ich mir dann noch vor, zusätzlich zu meinem bisherigen Programm mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder Sport zu machen, bleibt immer weniger Schlaf übrig.

Zudem sind die Schlaf- und Aufstehzeiten von Sonnenuntergang und –aufgang entkoppelt ↗, während der Organismus das über tausende von Jahren als Schlafregulator gelernt hat. Die innere Uhr jedes Menschen bestimmt leistungsstarke und –schwache Tagesphasen. Doch übermüdete Menschen machen nicht nur mehr Fehler und sind weniger leistungsfähig, sie überschätzen sich auch gerne. Nur die Hälfte der Menschen haben ihre guten Vorsätze mehr als drei Monate ↗ befolgt.

Wie wäre es also mit einem einzigen Vorsatz für das neue Jahr? „Ich möchte jeden Tag in meinem mir ureigensten Rhythmus schlafen!“ Klingt wenig, kann aber revolutionäre Folgen haben. Als Morgenschwalbe gehe ich früher ins Bett (was sagt meine Familie oder mein Freundeskreis dazu?), als Nachteule komme ich später zur Arbeit (was sagt mein Arbeitgeber dazu?). Wer diese Idee als blanken Unsinn bezeichnet, der denke doch einfach mal an den letzten Urlaub zurück: Was war das Beste daran? War es vielleicht: endlich mal auszuschlafen und ohne Wecker aufzuwachen?

Ich würde ein Gesetz erlassen, ein einziges. Jeder hat ein Recht auf den ungestörten, von selbst endenden Schlaf! Dieses Gesetz machte alle anderen entbehrlich. Es enthält den Frieden, die Gesundheit und das Glück.

Peter Altenberg (eigentlich Richard Engländer, 1859 – 1919, österreichischer Schriftsteller)