Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

Gute Vorsätze, Fastenzeit und die Kraft des Charlie Brown

Der kleine Junge ließ, wohl zum hundertsten Mal, seinen Drachen fliegen. Und wohl zum hundertsten Mal verhedderte sich wieder der Bindfaden im Baum, der Drache stürzte ab und der Junge hing in einem Schnurknäuel gefangen in den Ästen. Wann endlich würde er erfolgreich sein?

Imm wieder den Drachen steigen lassenDie Erfolglosigkeit dieses Jungen namens Charlie Brown ist legendär: der Comiczeichner Charles M. Schulz erzählt in unzähligen seiner „Peanuts“-Geschichten davon, wie Charlie Brown erfolglos seinen Drachen steigen lassen will. Doch nie, nie, nie klappt es. Von allen Figuren der Peanuts ist er mir der liebste, denn ich schätze sein Durchhaltevermögen. Er gibt schlicht und einfach nicht auf. Sei es auf dem Baseball-Feld, in seiner unerwiderten Liebe zum kleinen rothaarigen Mädchen oder eben beim Drachensteigen: ihm, dem geborenen Pechvogel, gelingt einfach nichts.

Ja, in Anbetracht seiner Misserfolge lässt er den Kopf hängen und darin ist er ein wahrer Könner. Doch dann rennt er wieder los, den Drachen im Schlepptau oder stellt sich mit dem Schläger in der Hand auf das Schlagmal des Baseballfeldes und probiert es erneut, zum Erfolg zu kommen.

Nun könnte man ihn natürlich vorwerfen, seine Energie zu vergeuden. Doch wäre er nicht auch ein wunderbares Vorbild für all die guten Vorsätze, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben? Ganz ehrlich: jeder hat irgendeinen. Und in diesem Jahr beginnt kaum sieben Wochen nach Jahresbeginn die Fastenzeit: wieder ein beliebter Anlass, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen und vielleicht abzulegen. Da können die guten Vorsätze direkt übergehen in die Fastenziele. Welch ein Glück, denn das Problem und gleichzeitig Geheimnis mit den Vorsätzen ist das Durchhalten. So eine Gewohnheit ist jahrelang, manchmal jahrzehntelang eingeübt. Die lässt sich nicht so leicht zur Seite schieben, ablegen, aussortieren. Das will ausgiebig geübt werden. Es dauert mal biblische 40 Tage, mal anthroposophische sieben Wochen oder schlicht und einfach ein bis zwei Monate täglichen Umlernens, bis die neue Gewohnheit die alte ersetzen kann. In diesem Jahr kann also der Gute Vorsatz in einem Rutsch bis zum Ende der Fastenzeit an Ostern ein neues Verhaltensmuster werden.

Scheitern gehört notwendigerweise dazu, wenn neues Verhalten gelernt werden will. Wenn es dann zwischenzeitlich mal wieder schwer fällt, von der Schokolade zu lassen, zum Sport zu gehen oder dem Shoppingangebot zu widerstehen, könnte es helfen, an Charlie Brown zu denken. Er ist der Weltmeister im Durchhalten oder in der Comic-Welt gesprochen:

Von allen Charlie Browns der Welt ist er der Charlie Brownste.

Lucy van Pelt, selbsternannter Doktor der Peanuts-Bande

Der Mythos vom Multitasking

Als er an der Ampel stand, schaute er dem Straßenkünstler beim Jonglieren zu. Scheinbar mühelos hielt der fünf Bälle gleichzeitig in der Luft und er fragte sich: wie viele Bälle, also Aufgaben, er gerade gleichzeitig jonglierte. Weniger oder mehr als 50?

Zu viele Bälle in der Luft haltenEine der modernen Selbstverbesserungsklassiker ist seit vielen Jahren das Multitasking, also die angebliche Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Natürlich spart das Zeit, ist also effizient, weil dieses knappe Wirtschaftsgut optimal ausgenutzt wird. Und bei den Besten – zu denen jeder gehören kann, der die in den Bestsellern vorgeschlagenen Tipps befolgt – ist die Effizienz mit Effektivität gepaart. Sie arbeiten also zudem auch noch wirkungsvoll. Ein Traum für alle Wirtschaftsökonomen. Aber nur für die kurzsichtigen unter ihnen.

Denn auch nach Millionen Jahren der Evolution ist der Mensch lediglich mit einem Gehirn ausgestattet. Das Multitasking-Denken wird vor allem von der Informationstechnologie inspiriert. Deren Evolution brauchte aber auch gute sechzig Jahre, bis dann 2001 der erste Mehrkernprozessor vorgestellt wurde. Erst zwei oder mehr Denkkerne in einem Elektronengehirn machten echtes Multitasking möglich. Davor wurde es lediglich simuliert: die anstehenden Aufgaben wurden in kleine Häppchen geteilt und in schneller Abfolge werden diese Häppchen nacheinander abgearbeitet: Teil 1 von Aufgabe A, dann Teil 1 von Aufgabe B bevor dann der zweite Teil von Aufgabe A an der Reihe ist. Für den Außenstehenden war dieses sequenzielle Abarbeiten scheinbar parallel: der Mythos vom Multitasking war geboren.

Doch dieses Märchen hatte seine Auswirkung auf das menschliche Leben. Frauen seien besonders zum Multitasking in der Lage und die Männer sollten es besser auch lernen, um nicht abgehängt zu werden. Wer jedoch viele Aufgaben parallel zu erledigen versucht, wird schneller ermüden, als wenn er sie nacheinander erledigt. Denn jeder Zwischenstand der Aufgabe muss im Gedächtnis behalten werden, man muss sich bei jedem Wechsel neu in das Thema hinein versetzen und vom letzten Stand aus weiterarbeiten. Jeder kennt diese Situation, wenn er mit einem Servicecenter telefoniert und der Mensch am anderen Ende der Leitung erst nachlesen muss, was bisher geschah.

Wer sich also am Ende eines Arbeitstages müde fühlt und sich vorwirft, nichts geschafft zu haben, ist vielleicht ein Opfer des Multitasking. Ich empfehle eine Strichliste zu machen: Während der Arbeit einen Strich zu machen für jedes Thema, in das man sich hineindenken musste, seien es nur zwei Minuten oder eine halbe Stunde. Und am Abend einfach zählen, wie viele Striche zusammen gekommen sind. Dann weiß man, warum man vor lauter Multitasking keine Aufgabe gelöst bekommen hat.

Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Joschka Fischer (*1948, deutscher Politiker)

Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

Wenn Sparsamkeit zur Verschwendung führt

Die Projektleiterin diskutierte zehn Minuten lang mit ihrem Mitarbeiter über einen Posten auf der letzten Reisekostenabrechnung. „Diese drei Euro wären nicht notwendig gewesen – was für eine Verschwendung!“ wies sie ihn zurecht. Er konterte: „Diese Ausgabe war unvermeidlich und unsere zehnminütige Diskussion kostete jetzt mehr als das Dreifache – was für eine Verschwendung!“

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenEs gibt Menschen, die es sehr genau mit dem Geld nehmen. Da wird jeder Cent hinterfragt, jedes Detail geprüft und am Ende klopfen sich manche auf die Schulter, weil sie drei Euro eingespart haben. Sie sparen, koste es, was es wolle, manchmal bis zum Untergang. In Deutschlands größtem Bürogebäude, The Squaire am Frankfurter Flughafen, mussten 3.500 Tonnen Baustahl ausgetauscht werden. Die Erstlieferung war günstig, aber leider mangelhaft. Die Austauschkosten und die damit verbundene Verzögerung war einer der Gründe für die Insolvenz des Bauherren.

Neben der Erzeugung unnötiger Ausgaben kann die Sparsamkeit eine weitere unbeabsichtigte Folge haben: die Produktion von Abfall. Da gibt es zum Beispiel den 75. Geburtstag der Mutter. Der sollte gebührend mit einem Sekt gefeiert werden. Als der Korken ungewöhnlich leicht aus der Flasche kam, schaute der Sohn auf das Etikett: das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) war seit mehr als fünf Jahren abgelaufen. Er goss den ehemals guten Tropfen in den Ausguss. Die Mutter war entsetzt: „Den habe ich mal in einem Sonderangebot gekauft!“ Vor lauter Sparsamkeit („Die Flasche heben wir uns für einen besonderen Anlass auf“) war das gekaufte Gut komplett nutzlos und das eingesetzte Geld sinnlos verschwendet worden.

In beiden Fällen kann man eigentlich nicht mehr von Sparsamkeit sprechen. Zwar setzt der Duden  Sparsamkeit ↗ mit der Wirtschaftlichkeit gleich. Also mit dem „Prinzip, mit den gegebenen Mitteln den größtmöglichen Ertrag zu erwirtschaften oder für einen bestimmten Ertrag die geringstmöglichen Mittel einzusetzen.“

Doch das erste genannte Synonym ist der „Geiz“, der streng genommen übertriebene Sparsamkeit ist. Sparsamkeit gepaart mit etwas Großzügigkeit bringt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen „Investitionen genau überdenken“ und „Investitionen tätigen“. Entfällt das Korrektiv der Großzügigkeit ist statt der vorgeblichen Sparsamkeit der Geiz in seiner reinsten Form sichtbar.

MHD ist was für Feiglinge

Schwäbische Hausfrauenweisheit

Zum Leben braucht es Vorurteile

Die Aussagen im Fragebogen waren selbstverständlich: Alte Menschen bräuchten Hilfe, ein Anzug/Kostüm wirke seriös oder deutsche Autos seien die besten der Welt. Munter kreuzte er alles in der Spalte „Wahr“ an. Erst später erkannte er die Tücke: wollte man testen, ob er Vorurteile hat?

Wer sich als weltoffen und empathisch präsentieren will, behauptet von sich gerne „Ich habe keine Vorurteile!“ Doch wenn das wirklich so ist, wäre das Leben nicht zu bewältigen. Denn Vorurteile sind eine wichtige Überlebensfunktion: Ein Vorurteil geht davon aus, dass aufgrund der wahrgenommenen Umstände demnächst ein bestimmtes Ereignis stattfinden wird. Diese Vorerwartungen sind gespeist aus den Erfahrungen des eigenen Lebens und den Erzählungen anderer Menschen.

Mit Vorurteilen in Schubladen denkenNur so kann ein Mensch im Leben überhaupt bestehen. Ich sortiere alles um mich herum in vielfältige Kategorien ein aus Vorerwartungen: Ereignis, Ergebnis, Schublade auf, Erfahrung rein, Schublade zu. Dadurch kann ich Wäsche waschen (dreckig rein, sauber raus) oder mein Gegenüber begrüßen (gegenseitiges Handreichen). Das muss ich alles nicht jedes Mal neu ausprobieren. Vorurteile sind einem Gehirn geschuldet, dass so viel Denk- und Entscheidungskapazitäten wie möglich frei halten will für alles, was von überall her auf den Mensch einwirkt. Je schneller etwas als bekannt erkannt und einsortiert wird, umso besser. Wer nach Großbritannien reist, nimmt an, dass man dort wohl Englisch verstehen wird. Eine Fehlannahme – denn in vielen Gegenden von Wales sprechen die Menschen vor allem walisisch.

Die Kategorien bilden sich manchmal aufgrund einer sehr dünnen Datenbasis. Einmal in New York gewesen und von einem Trickdieb bestohlen worden, anschließend noch viel Geld für ein schlechtes Essen bezahlt und fertig ist die Meinung: „In New York wirst Du übers Ohr gehauen und abgezockt!“ Obwohl dies nur zwei Ereignisse von vielen sind, haben sie eine große, sozusagen übergroße Wirkung: sie sind so einschneidend negativ, dass ich sie als Warnung ganz tief in meinem Erfahrungsgedächtnis im Limbischen System speichere. Höre ich das nächste Mal „New York“ sendet es „Achtung Gefahr!“ an mein Bewusstsein.

Erzählen andere Menschen von positiven Erlebnissen in New York, von Hilfsbereitschaft und tollen Lokalen, muss ich keineswegs mein Vorurteil revidieren. Ich mache einfach eine Unterkategorie auf, die Ausnahme von der Regel: „New York ist die Hauptstadt der Verbrecher, Du hattest einfach Glück.“

Wären wir wirklich vorurteilsfrei, wären wir lebensunfähig. Es kommt vielmehr darauf, mir meiner Vorurteile bewusst zu sein und die Bereitschaft mitzubringen, sie immer wieder zu überprüfen.

Ich verschmähe es, die Reinheit des Weltbildes, das ich in mich aufgenommen habe, durch platte Lebenserfahrung trüben zu lassen.

Oscar Blumenthal (1852 – 1917, deutscher Schriftsteller)

Lange Beziehungen machen clever

Mit einem fröhlichen „Hallo Schatz, ich habe eine Überraschung für Dich!“ kam er spät abends nach Hause, doch nicht alleine. Zwei Übernachtungsgäste standen in der Tür und sie musste mal wieder improvisieren: Essen machen, Betten herrichten, … Wo sie doch vorausschauende Planung so liebte! Warum nahm ihr Mann auch nach all den Jahren darauf keine Rücksicht?

Langjährige Beziehungen haben viel Entwicklungspotential. Die Partner lernen mit- und aneinander, was der andere oder man selbst braucht. So kann der eine nicht ohne klare Regeln, verbindliche Absprachen und große Zuverlässigkeit leben. Und fordert das beim Gegenüber auch ein. Der wiederum liebt es vielleicht ganz spontan zu sein, dem Zauber des Moments zu folgen und so um sich herum ganz ungewollt für Chaos zu sorgen.

Auch das Bedürfnis nach Nähe bzw. Distanz kann ungleich verteilt sein. Was dem einen zu wenig ist, ist dem anderen manchmal schon zu viel. Zwischen diesen Polen gilt es, Kompromisse auszuloten.

Gemeinsam über Lebenshürden springenAlso haben die Partner in langen Jahren gelernt miteinander zu diskutieren (manchmal auch zu streiten) um am Ende etwas Tragfähigeres zu finden als einen faulen Kompromiss. Denn der sorgt nur für Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Eine Lösung kann es sein, eine Kooperation (einen gemeinsamen neuen Weg) zu vereinbaren. Eine andere, die eigenen Bedürfnisse als Stärke zu nutzen, um damit den Schwierigkeiten entgegengesetzter Anforderungen des Ehealltags zu begegnen.

Bei Nähe und Distanz ist der gemeinsame Urlaub die Herausforderung schlechthin. Es gibt Paare, die diese innige Zweisamkeit nach drei, vier Tagen mit einer Einzelzeit unterbrechen. Tage, an denen jede/r für sich alleine unterwegs ist, die Akkus auflädt und voll neuer eigener Eindrücke am Abend ins Hotelzimmer zurückkehrt.

Im Fall der überraschenden Übernachtungsgäste sah die Lösung der Ehefrau ganz strukturiert aus. Sie plant nun immer mit spontanen Besuchen, das Gästezimmer ist fertig präpariert und die Telefon- und Kundennummer des Sushi-Bringdienstes hat sie auswendig parat. Da kann jetzt kommen wer will.

Kleinigkeiten machen oft die größten Schwierigkeiten

Oscar Wilde (1854 – 1900, irischer Schriftsteller)

Mein Mentor. Mein Chef. Mein Freund?

Als er vor versammelter Mannschaft von seinem Chef zusammengefaltet wurde, fiel er aus allen Wolken. Dabei hatten sie erst gestern Abend einen feucht-fröhlichen Bierzeltbesuch verbracht und sich als Zechbrüder das Taxi nach Hause geteilt. So wie damals, in den alten Zeiten mit seinen besten Kumpels. Und nun das! Was hatte er bloß getan?

Nach dem Feiern lässt der Chef den Chef raushängenDer Herbst ist da und mit ihm das Oktoberfest. Es hat sich von München aus in jeden Winkel der Republik ausgebreitet und lädt hier wie dort zu Firmenpartys ein. Auch die Weinfeste locken auf einen oder mehrere Absacker. Nur wenige Wochen später folgen die Weihnachtsfeiern und dann im Januar die Kick-Offs für das neue Geschäftsjahr. Viele Gelegenheiten also, sich auch hierarchieübergreifend zu befreunden. So wie man besser Wein und Bier nicht mischt, sollte auch bei der Vermischung von Rollen Vorsicht geboten sein.

In der Firma (oder der Behörde) gibt es verschiedene Rollen. Kollegen auf der gleichen hierarchischen Ebene teilen sich die gleiche Rolle und untereinander gibt es wenige Abhängigkeiten. Doch bereits mit dem Mentorship, also der väterlichen/mütterlichen Rolle der Begleitung neuer Kollegen kommt es zu einer leichten Schieflage. Hier: die erfahrene Person, oft im Organigramm höher aufgehängt; dort: der Newbie (Frischling), noch nicht eingeführt in die Sitten und Gebräuche jenseits der offiziellen Wege. Noch weniger auf gemeinsamer Augenhöhe sind Vorgesetzte und ihre Untergebenen (auch wenn sie heute gemeinsam ein „Team“ bilden) denn letztendlich hat einer mehr zu sagen als andere. Beim feucht-fröhlichen Bier- oder Weinfestfeiern verschwimmen diese Rollen wie die Konsonanten mit zunehmendem Alkoholpegel und man redet mal so richtig „von Mann zu Mann“ oder „unter uns Betschwestern“, ganz privat also.

Private Kontakte sind dagegen grundsätzlich auf Augenhöhe. Das beißt sich dann mit der Rolle als Mentor oder Chef. Es mag sogenannte Frollegen geben, also befreundete Kollegen, aber von Frentoren oder Frogesetzten habe ich noch nie gehört. Es ist schwierig, die private von der hierarchischen Ebene zu trennen: Abends noch fröhlich gefeiert und am nächsten Tag gibt eine Person der anderen Anweisungen? Da kommt es leicht zu unklarem Rollenverhalten, man setzt sich den Gerüchten einer Vorteilsnahme oder –gewährung aus („Schau Dir diese Schleimerin an!“, „Das ist sein Liebling, da kannste nix machen“). Um das zu vermeiden, greifen manche daher zur Methode „Harter Hund“ und zeigen übertrieben deutlich, dass noch so viele Promille am Vorabend die Rangordnung nicht außer Kraft setzen.

Wer sich dem entziehen will, muss jetzt nicht die kühle Blonde aus dem Norden oder den Feldwebel mimen. Mann/frau kann auch offen und freundlich klare Grenzen ziehen. Der Boden der Begegnung ist ausschließlich das Firmenumfeld und nicht das Wirtshaus. Wer allerdings in einem Beratungs- oder Tech-Unternehmen arbeitet, das seine Leute mit dem Dreisatz aus „Arbeit = Leidenschaft = Freundschaft“ in einen Mikrokosmos aus Firmenwohnung, Firmensport und Firmenveranstaltungen einspinnt, hat das sehr schwer. Doch mag die langfristige Perspektive helfen, den eigenen Weg zu finden. Denn verlässt man die Firma (das Netz), hat man unter Umständen „draußen“ keine Freunde mehr.

So versucht der kluge Führer nicht, sich mit allen Verfügbaren zu verbünden, und er fordert nicht offen die Macht anderer Staaten heraus. Er verfolgt aber seine eigenen geheimen Pläne und achtet sorgfältig darauf, dass seine Gegner ihn stets fürchten.

Sūnzǐ (544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

Das Rehlein mit den Haifischzähnen

Im Restaurant scherzte sie, lächelte entwaffnend und ließ mit einem charmanten Augenaufschlag den Kellner für sich springen; sekundiert von ihrer Mutter und unterwürfig begleitet von ihrem Freund. Nur der Vater schien gegen immun gegen ihr Erfolgsrezept zu sein. Er fragte sich: „Warum sieht keiner, dass meine Tochter eine Despotin ist?“

Schon Kinder lernen Verhandlungen zu führen, um das zu bekommen, was sie haben möchten. Erfolgreiche Strategien werden vervollkommnet und ins Standardrepertoire aufgenommen. Das geschieht im Spiel mit anderen Kindern und noch intensiver im alltäglichen Kontakt mit den Eltern. Je unterschiedlicher die Übungsszenarien waren, um so vielfältiger ist meine Fähigkeit, auf Umstände und Situationen zu reagieren. So steht am Ende der Jugend idealerweise ein ganzer Fundus von Verhaltens- und Verhandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um souverän sowie konflikt- und entscheidungsfähig zu sein. Bleiben diese Anregungen aus Argumentieren, Ausprobieren, Erfolg, Misserfolg und Verbesserungsschleifen aus, bin ich eingeschränkt handlungsfähig.

Einsames RehIn der Folge nutzen manche daher die Rehlein-Strategie: „Ich bin klein, ich bin unschuldig, ich brauche Hilfe – Du wirst mir meine Bitte doch nicht ernstlich abschlagen können?“ Natürlich geht das mit der Bambi-Masche auch mal schief. Dann wird mit einem Wimpernschlag aus dem Reh ein Haifisch, der die Zähne bleckt, böse Worte ausspuckt, herablassend wird und zur Strafaktion aus Verweigerung und Forderung nach demütigendem Kniefall greift. Austausch von Argumenten? Verhandlungen über gegenseitige Interessen? Fehlanzeige. Entweder ich bekomme das, was ich will (dann bin ich Zuckerbrot) oder ich werde unangenehm (und nehme die Peitsche). Man würde es dieser anmutigen, eleganten Erscheinung nicht ansehen, mit welcher unerbittlichen Schärfe sie ihren Gegnern zu Leibe gehen kann. Das gibt es natürlich auch bei Männern in der Variante „Sonnyboy mit Wolfsgebiss“.

Doch wie einer solchen Person begegnen?

Man kann sich zum Beispiel die Mühe machen, sich direkt an die Person hinter der Maske zu wenden, also die ganze Show zu ignorieren. Das ermöglicht einen echten ehrlichen Kontakt auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Wahrscheinlich ist der Mensch hinter der Maske einsam: In der Jugend beliebt und umschwärmt, aber nicht ehrlich gemocht ↗. Denn auf Dauer macht es Niemandem Spaß, immer dann zu springen, wenn jemand „Spring!“ ruft. Wie gesagt: man könnte sich diese Mühe machen. Oder es einfacher haben und diesen Menschen aus dem Wege gehen. Zurück bleibt vielleicht ein Kind, dessen Reh- und Haifischspiel aus dem Ruder gelaufen ist und sich verselbständigt hat. Und dieser Jemand kommt nun aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus.

Der Selbstsucht muss man immer verzeihen,
weil keine Hoffnung besteht, sie zu bessern.

Jane Austen (1775 – 1817, britische Schriftstellerin)