Weihnachtsgeschenke: radikal und konsequent anders

„Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten?“ Die Frage der Tante hing wie ein Damoklesschwert über ihm. Er hatte alle materiellen Güter, war im Prinzip wunschlos und wollte doch kein Spielverderber sein: Sich nichts zu schenken war keine Alternative. Wie sollte er aus dieser Nummer rauskommen?

Der Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Was soll ich mir bloß zu Weihnachten wünschen?Weihnachten ist seit unserer Kindheit so besonders, weil wir mit Geschenken überrascht wurden. Der Weihnachtsmann, das Christkind (oder ganz einfach Eltern und Verwandte) haben sich zwar vom teilweise liebevoll gestalteten oder übervoll beschriebenen Wunschzettel inspirieren lassen, doch auch immer noch eigene Vorhaben umgesetzt. Oft waren das dann ganz praktische Geschenke (Mützen, Schals, Anoraks). Die Magie des Geschenks unter dem Weihnachtsbaum ist ganz wichtig für den Reiz dieses Festes.

Geschenke zu bekommen macht in der Regel Spaß, nämlich dann, wenn sie ohne Zweck und Hintergedanken gemacht werden. Manche Geschenke sollen verpflichten und fordern Gegenleistungen einEin Heimtrainer als sanfter Hinweis, mal Pfunde abzutrainieren? Eher zweckgebunden. Oder geht es beim Schenken darum, den anderen in Verlegenheit zu bringen? Sie oder ihn zum gleichwertigen Gegengeschenk zu zwingen? Manche Kinder mussten die Geschenke samt geschätztem Einkaufspreis aufschreiben und dann bei nächster Gelegenheit ein ähnlich teures Gegengeschenk machen.

Weder kann ich beim Wünschen erwarten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht noch kann ich beim Schenken eine Dankbarkeit erwarten. Schenken birgt nach Frank Adloff, Professor für Soziologie und Sozialökonomie an der Universität Hamburg, ein Risiko: Es ist ein Moment der Bedingungslosigkeit, dem Gegenüber etwas zu schenken und sich damit zu öffnen. Es ist gleichzeitig keineswegs klar, dass ich etwas zurückbekomme.

Konsequent anders schenken

Um nicht in diese Fallen hineinzustolpern, vereinbaren viele Familien und Freunde, sich nichts mehr zu schenken. Sie berauben sich damit ein Stück des Glücks, ein Geschenk zu machen oder zu bekommen. Doch was wäre, wenn ich mein Geschenk jemand anderem zukommen lasse? Hier meine Idee: „Ich wünsche mir, dass Du nicht mich beschenkst, sondern Menschen, deren Arbeit ich bewundere.“
Es gibt Alternativen, die beschenkt werden könnten
Wie wäre es mit

Nur ein paar Ideen am Rande.

„Doch vor allem will ich keinen Beweis, ob und wie viel Du gespendet hast. Das liegt ganz bei Dir: ob Du anderen eine Freude machst oder Dir das Geld sparst. Hauptsache, Deine Handlung kommt von Herzen.“

Haben Sie eigentlich noch echte Wünsche, fehlt Ihnen was? Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)

Nettsein hilft nicht weiter

Angefangen hat alles mit harmlosen Komplimenten, doch nach einigen Einkäufen fühlte sich die Hosenverkäuferin in der Gegenwart dieses Kunden immer unwohler. Er rückte ihr bei jedem Besuch mehr auf die Pelle. „Hab‘ Dich nicht so, er ist schließlich Kunde“, sagte ihr Chef. Doch wie konnte sie sich wehren?

Immer wieder kommen Frauen (und manchmal auch Männer) in die Überrumpelungs-Situation, dass ihnen ein Mensch zu nahe kommt, sie sich bedrängt fühlen und sie ihre Grenzen nicht verteidigen können. Was nur nett gemeint warMachtstrukturen begünstigen dies: auf der einen Seite der Gast / Kunde / Patient / Chef, auf der anderen Seite die Bedienung / Verkäuferin / Pflegekraft / Mitarbeiterin. Da soll professionelle Freundlichkeit gewahrt werden, um den potentiellen Geldbringer für das Geschäft nicht zu verprellen.

Was nur nett gemeint warDiese Freundlichkeit wird vom Gegenüber falsch interpretiert und auf sich persönlich bezogen. Statt „Ich werde hier freundlich bedient“ findet die Übersetzung „Sie hat Interesse an mir / Sie will was von mir“ statt. Dabei sind Komplimente nur die Vorspeise. In dem Menü folgen noch ein paar Gänge:

Das Machtgefälle zwischen der angreifenden und der angegriffenen Person wird durch die Ignoranz des Umfeldes verstärkt. Kollegen, Vorgesetzte, andere Kunden schauen weg, mischen sich nicht ein und so steht ein Mensch inmitten von anderen plötzlich alleine da und muss sich der Willkür erwehren mit all der anerzogenen Freundlichkeit, die als Abwehr einfach nicht taugt.

Alleine sind alle Menschen machtlos

Eine Lehre aus der Tanzstunde kann hilfreich sein: die Tänzer haben jeweils ihren eigenen Tanzbereich. Mein Tanzbereich vs. Dein TanzbereichWeil bei den Tanzfiguren klare Regeln die Schrittfolge vorgeben, können sich die beiden Tänzer sicher sein, dass die jeweilige Autonomie gewahrt wird und trotzdem etwas Gemeinsames gelingt. Respektiert mein Gegenüber nicht meine Grenzen, ist es ein schlechter Tanzpartner und statt harmonischer Figuren wird ein Gestolper auf das Parkett gelegt.

Übertragen auf Restaurants / Geschäfte / Krankenhäuser oder Unternehmen heißt das: Essen / Einkäufe / Behandlungen / Projekte gelingen nur, wenn die jeweiligen (Tanz-)Bereiche respektiert werden. Passiert dies nicht und eine Person ist übergriffig, ist klare Abwehr angesagt. Krallen ausfahren statt Nett-sein:

Nicht nur die Katze kann Zähne zeigen

  1. Wechsel vom „Du“ zum „Sie“ schafft Distanz
  2. Körpersprache: einen Schritt zurück treten oder einen Gegenstand zwischen sich und das Gegenüber bringen
  3. Klarer Blick signalisiert dem Gegenüber: „Ich nehme wahr, was hier geplant ist“
  4. Aussprechen von Grenzen um Klarheit über Erlaubtes und Nicht-Erlaubtes zu schaffen
  5. Sanktionen bei Grenzüberschreitung nicht nur androhen, sondern durchführen.

Klare Aussage, deutliche AbwehrIm Bekleidungsfachgeschäft könnte es zum Beispiel so aussehen: „Sie können gerne diese Hose in der Umkleidekabine anprobieren. Wenn Sie ihre Hände nicht bei sich lassen können, müssen Sie die Hose bei einer Änderungsschneiderei abstecken lassen.“

Neulich an der Tankstelle: „Testosteron. Bleifrei. Volltanken.“

Robert Mankoff (* 1.5.1944, US-amerikanischer Cartoonist und Autor)

Schluss mit dem Zickenkrieg

Am ersten Tag wurde die neue Abteilungsleiterin gefragt: „Wussten Sie, dass bereits Wetten abgeschlossen werden, wer im Zickenkrieg gewinnen wird?“ Ihre beiden Kolleginnen lagen seit langem im Clinch und sie als Neue würde die Situation bestimmt noch verschärfen. Doch sie dachte gar nicht daran: denn was wäre, wenn es keinen Zickenkrieg gäbe?

Wetten werden bereits abgeschlossen

Einen solchen Einstieg in eine neue Firma wünscht man sicherlich niemanden, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Festgefahrene Situationen mit rituellen Abfolgen aus Agitation – Provokation – Aktion – Reaktion lauern überall. In diesen eingespielten formellen Systemen folgt aus „A“ immer nur „B“. Danach kann man die Uhr stellen, denn ein Zahnrad greift wie geschmiert in das andere.

Das alte System existiert nicht mehr

Wer neu in ein solches System kommt, bringt jedoch das ganze bisherige Gefüge aus dem Gleichgewicht. Das neue Zahnrad dreht sich anders, klemmt hier und ist geschmeidig dort – ganz anders als das Alte. Provokationen laufen plötzlich ins Leere, neue Aktionen erfordern neue Reaktionen und die Agitation wird vielleicht sogar vollständig eingestellt. Aus „A“ folgt nun nicht mehr „B“ sondern das Ergebnis muss neu ausgehandelt werden zwischen den Beteiligten.

Neues muss schnell eingeführt werden

Um das System neu einzustellen gibt es nur ein kurzes Zeitfenster. Die erste Begegnung kann schon entscheidend sein: Auf welche Seite des Tisches setze ich mich (und gehöre damit, ohne es zu wissen, plötzlich einer bestimmen Fraktion an), unterbreche ich schnell genug die fiesen Spiele oder kann ich glaubhaft versichern, dass mich die alten Geschichten nicht interessieren?

Informelle Treffen ohne Agenda bei Kaffee, Tee oder Apfelsaft können Wunder bewirken: Neue Verbündete haben sich gefunden „Lassen Sie uns doch einfach mal kennenlernen!“Da wird die gegnerische Abteilungsleiterin plötzlich als Mensch wahr genommen, vielleicht kommen ungeahnte Gemeinsamkeiten ans Tageslicht, die eine tragfähige Basis über das Berufliche hinaus begründen.

Schließen sich diese Frauen in leitender Position zusammen, können die untergebenen Männer einpacken. Statt sich im Windschatten des Zickenkriegs einzurichten und ihr Ding zu tun, bleibt ihnen nun nichts anderes übrig, als mit dem neuen Wind zurecht zu kommen.

Meistens streitet man nur so erbittert, weil man nicht begreifen kann, was der Gegner eigentlich beweisen will.

Leo Tolstoi „Anna Karenina“

So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

Der Infusionsständer-Tango

„Ja, merken Sie denn nicht, dass mein Freund seit zwei Stunden Schmerzen hat?“ Die Krankenschwester war ob dieses Vorwurfs wie vor den Kopf gestoßen. Denn nicht nur der Ton machte die Musik, sondern auch diese herablassende Haltung brachte sie auf. Das könnte man doch auch ganz anders sagen, oder?

Tango mit dem InfusionsständerKrankheiten, besonders solche, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, bringen jeden Menschen an die eigenen Grenzen. Die grundlegenden Charaktereigenschaften treten ungeschminkter hervor, da mildernde Gegenkräfte durch die Krankheit geschwächt sind. Das eigene Leid tritt stark in den Vordergrund, manchmal verbunden mit einer Opferhaltung: „(Nur) Ich bin so arm dran!“ Und alle anderen sind da, um (ausschließlich) mir zu helfen.

In Deutschland haben wir ein Gesundheitssystem, um das uns die meisten Menschen auf der Welt beneiden. Statt einer Kreditkarte lege ich eine Krankenkassenkarte vor und schon geht die Behandlung los. Pflegekräfte, Ärzte, medizinisches Gerät – all das steht mir zur Verfügung, ohne dass ich vorher meine Bank um einen Kredit anpumpen muss.

In diesem komplexen System namens „Krankenhaus“ habe ich trotz aller Fremdbestimmung durchaus Einflussmöglichkeiten. Es gibt gute und schlechte Zeitpunkte, um individuelle Bedürfnisse zu äußern. Ich kann vertrauen oder misstrauisch sein. Ich kann Humor bewahren oder ein Grantler werden.

Ich selbst habe letztens die Erfahrung gemacht, dass ich mit einem ehrlichen Lächeln und einer freundlichen Bitte in Leerlaufmomenten viel für mich erreichen, dass ich ein gutes Verhältnis zu Pflegern und Ärztinnen aufbauen und die notwendigen Einschränkungen auch mit Humor nehmen kann. Wenn schon Magensonde durch die Nase, dann auch „Törööh!“ Benjamin Blümchen. Wenn schon Infusionen, dann auch Tango mit dem „Best Buddy“ Infusionsständer. Schließlich geht es um meine Genesung und die wird mit Leichtigkeit mehr unterstützt als mit Griesgrämerei.

Ich habe keine Probleme – ich bin das Problem.

Ekki Talkötter aus der Krimiserie „Wilsberg“

Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

Schwäche ist eine Frage des Kontexts

Sie quälte sich durch die Prüfungszeit: Texte lesen, Inhalte erfassen und dann in einer Hausarbeit strukturiert wiedergeben, das war nicht ihre Stärke. Sie konnte gut mit Kindern umgehen und schnell ihr Vertrauen gewinnen, doch für ihren Pädagogen-Job brauchte sie nun mal diesen Hochschulabschluss. Kann man an seinen Schwächen scheitern, so dass man seine Stärken nicht einsetzen kann?

Jede Lebensform hat ihre Stärken und Schwächen, beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille namens „Talente und Fähigkeiten“. Ein Lavendel verträgt kühles und feuchtes Klima nicht, daher ist er nicht in Irland zu finden. Ein Pinguin kann Wärme und ausgedehnte Sandstrände nicht vertragen, deshalb lebt er nicht in der Karibik. Denn konsequent sind die Schwächen an dem einen Ort die Stärken an einem anderen: das trockene und heiße Klima Südfrankreichs ist für den Lavendel ebenso ideal wie arktische Kälte und das raue Meer für den Pinguin.

Schwächen überwinden für das ZielDen Menschen geht es wie den Leuten: eine vorgebliche Schwäche ist – nur in einem anderen Zusammenhang betrachtet – eine Stärke. Ich habe in meinem Zivildienst mit blinden Menschen zusammengearbeitet. Weil sie den Sehsinn nicht zur Verfügung hatten, konnten sie mit gut trainiertem Geruchssinn die Bäckerei riechen lange bevor ich sie sah. Und sie wussten, dass wir gerade an einer Hecke vorbeiliefen, weil der Klang unserer Schritte ihnen zeigte: das hier ist keine Mauer. Ein Mensch, dem es schwer fällt, Texte zu lesen oder Zahlen zu erfassen, nimmt ganz andere Informationen auf: Mimik, Gestik und Schwankungen in der Stimme. So bekommen sie viel mehr die Gefühlslage des Gegenübers mit als ein Mensch, der auf das geschriebene Wissen fixiert ist. Menschen, denen es an empathischem Einfühlungsvermögen fehlt und klare Strukturen lieben, sind ein Gewinn für alle technisierten und prozessorientierten Aufgaben.

So lassen sich die Schwächen ins Gegenteil verkehren, wenn ich den Betrachtungspunkt und den Kontext ändere. Dass es auf dem Weg zum idealen Lebensumfeld Abschnitte gibt, wo ich meine Schwächen trotzdem einsetzen muss, ist wie ein Regenperiode für den Lavendel: auszuhalten.

Man weiß nie, vor welchem größeren Unglück einen das Pech bewahrt hat.

Cormac McCarthy (*1933, US-amerik. Schriftsteller)

Ein zum Ja zum Wir

Als das Paar sich romantisch unter dem blühenden Apfelbaum das Ja-Wort gab, waren manche Gäste peinlich berührt. Schließlich lief bei einigen von ihnen gerade die Scheidung, andere spielten mit dem Gedanken, sich zu trennen. Sie fragten sich: „Was hält ein Paar auf lange Sicht zusammen?“

Auf dem Wir-FundamentEine Hochzeit ist das ultimative Bekenntnis, das Leben miteinander zu teilen. Denn schließlich versprechen sich das die Partner in aller Öffentlichkeit. Für sie ist, auch jenseits der ersten rosa-romantischen Verliebtheit, das Verbindende größer als das Trennende. Die Neugierde auf das Gegenüber, dessen Ideen, Gedanken und Taten sind eine angenehme Herausforderung an die eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten. Doch im Laufe der Jahre kann sich diese Wahrnehmung verändern. Was einst faszinierte, das Lebendige oder das Ordentliche, das Harmonische oder das Eigenständige, wird zum ständigen Quell von Ärger und Frustration, die Differenzen rutschen ins Blickfeld.

Befördert wird das durch den Eindruck, für die oder den Anderen zurückgesteckt zu haben. Eigene Interessen und Freiheiten wurden aufgegeben, um vorübergehend die Ziele des Ehepartners zu unterstützen. Mal freiwillig, mal unfreiwillig oder auch mal grundlos. Wenn diese Schieflage in der Erfüllung der Bedürfnisse über lange Sicht bestehen bleibt, entsteht das Gefühl eines Ausbeutungsverhältnisses. Einem wird ja nichts mehr gegönnt: kein Mädelsabend, kein Jungstreffen, der Sport nicht, die Klamotten nicht, die Torte nicht, das Schnitzel nicht.

Es gibt keine kleinen Überraschungen im Alltag mehr, Scherze misslingen immer häufiger und ein Kompliment haben beide schon lange nicht mehr voneinander gehört. All das Leichte ist verloren gegangen, Ödnis und Langeweile ziehen ein. Es reicht nicht, gut im Alltag zu funktionieren, jeder für sich und möglichst optimal auf die Anforderungen von außen abgestimmt. Aus dem „Wir“ wurde ein „Du und Ich“, manchmal gar ein „Der da und Die da“.

Jetzt könnte man leicht die Flinte ins Korn werfen und einfach gehen, frei nach dem Motto: „Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende“. Das ist oft leichter, als den Weg zurück zur Gemeinsamkeit zu finden und ehrlich den Tatsachen ins Auge zu schauen: Da ist etwas verloren gegangen und wir beide haben unseren Anteil daran. Wir müssen nun miteinander arbeiten, um das Verbindende wieder in den Alltag zurück zu holen: „Wie steht es um Deinen Willen, die Lust und den Glauben daran, ein gemeinsames Leben zu gestalten?“ Wenn hier beide noch einmal Ja sagen: Ja zum Willen, Ja zur Lust und Ja zum Glauben daran – dann haben beide eine echte Paar-Chance.

Sie sagt Ja.
Er sagt Ja.
Alles klar: Ehepaar!

Einladungstext für eine Wiesenhochzeit im Mai 2018