Hoffnung auftanken

Grundmüde. Er fühlte sich im 13. Corona-Monat so matt, dass auch Ausschlafen nicht weiterhalf. Der Tag war zudem trübe und kalt, wieder schneeregnete es. Als er dann auch noch Handwerker in der Wohnung hatte, wollte er einfach nur in das schöne Leben flüchten. Doch wohin sollte er im Lockdown fahren?

Neulich besuchte ich den Tempel der Hoffnungsvollen und schwelgte in den Farben, Formen und Früchten, die den Besuchern dereinst für ihr harte Arbeit Lohn sein werden. Es ist eine Gemeinschaft, in der alle den gleichen Zugang zur schöpferischen Urkraft haben und alle kommen, weil sie im Grunde ihrer Herzen voller Hoffnung sind. Ich spreche von einem Gartenmarkt. Und Gärtner:innen sind die hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne. Denn sie säen und pflanzen jedes Jahr aufs Neue, arbeiten harten Boden auf, wässern und stützen, um für einige Tage farbenprächtige Blüten zu sehen oder im Sommer und Herbst schmackhafte Früchte ernten zu können.

Gärtner hoffen auf die ZukunftIhre Hoffnung gründen sie auf die Pflanzenkraft, auf das Wetter, auf die Anpassungsfähigkeit der Natur an frühe Blüten, späten Frost, lange Dürren, ungünstige Winde. Dazu kommt der Überraschungseffekt. Manches im Herbst Vergrabene kommt im Frühjahr zum Vorschein, anderes wiederum nicht. Der größte Teil dieses Prozesses liegt außerhalb ihrer Macht. Ihre Erfahrung und Arbeit kann manches mildern, doch nichts ersetzt den Kreislauf der Dinge.

In der scheinbar endlosen Corona-Tretmühle hebt Gärtnern die Stimmung. Neben längeren Tagen, mehr Sonnenlicht und nährender Wärme kommen körperliche Tätigkeit, planerisches Geschick und wertvolles Nichtstun hinzu: Warten. Warten auf das erste Sprießen, die Zeit zum Aussetzen ins Freiland, das Blühen, das Ernten. Geduldiges Warten ist eine notwendige Grundtugend beim Gärtnern. Denn wie heißt so treffend ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gleichzeitig nutzen Gärtner:innen die eingeschränkten Handlungsspielräume, die sie haben. Sie setzen sich nicht gottergeben dem Wetter aus, sondern versuchen dort zu wässern, hier zu stützen und manchmal heißt es auch Abschied nehmen von der Rose, die den Frost nicht überlebt hat.

Hoffnung, das ist eine Haltung und ein Gefühl gleichermaßen. Hoffnung öffnet sich anderen Menschen, verbindet zu einer positiv tätigen Gemeinschaft und sagt: „Auch wenn wir nur wenig beeinflussen können, lasst es uns versuchen.“ Angst dagegen isoliert voneinander, wirkt zerstörerisch, denn sie wird vom Gedanken geleitet: „Es hat alles keinen Sinn. “ Wer sich aktuell zu müde zum Hoffen fühlt, kann einmal in einen Gartenmarkt fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, ohne Hoffnung wieder hinauszugehen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ungesichertes Zitat von Martin Luther (1483-1546, Mönch, Theologieprofessor und Reformator)

Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

Führungsstil: scheinbar partizipativ

Frisch aus dem Onlineseminar „Motivieren durch partizipieren“ brachte die Chefin im nächsten Teammeeting eine Liste von Projekten mit, aus der sich alle Mitarbeitenden eines aussuchen durften, das sie bearbeiten wollten. Doch so recht kam keine Freude auf. Warum nur, so fragte sich die Chefin, begeisterten sich meine Leute nicht für diese großartige Beteiligung?

Moderne Führungskräfte, also Menschen, die anderen Menschen im 21. Jahrhundert vorgesetzt werden, finden unzählige Blogs (Texte und Kolumnen im Internet), Podcasts (Aufgenommene Gespräche) und Vlogs (Videotagebücher) zur persönlichen Weiterbildung. Fast alle haben den Grundtenor, dass Empathie und Partizipation die Schlüsselkompetenzen im Kampf um die besten Talente sind. Früher verstaubten etliche Meter von Management-Büchern in den in den firmeneigenen Bibliotheken, die ganz Ähnliches propagierten. Doch wenn aktive Einbindung von Mitarbeitenden immer noch ein Thema ist, mit dem sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen lässt, scheint es mit Empathie und Partizipation nicht weit her zu sein. Zu oft, das melden Mitarbeitende in Jahresgesprächen und Umfragen zurück, fehlt es ihnen an Anerkennung, Ideenaustausch und echter Mitarbeit.

Führungskräfte betonen anschließend regelmäßig, dass sie die Nachricht verstanden haben und noch mehr ihre Mitarbeitenden einbinden wollen. Manchmal gar kommt die Standardfloskel aus der Politik zum Einsatz: „Wir machen alles richtig, scheinen es aber nicht richtig zu kommunizieren, wenn die Bevölkerung / Mitarbeitende es nicht versteht.“ Vielleicht liegt es aber schlicht auch daran, dass die Beteiligung von Untergebenen oft nur vorgetäuscht wird.

Drei Mitarbeitende glauben ihrer Chefin nicht

Um das zu erläutern, nehme ich Sie mit in einen Kindergarten. Nein, damit ist jetzt nicht Ihr Arbeitgeber gemeint, sondern eine ganz normale Kita. Partizipation von Kindern ist dort ein großes Thema. Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Sie sollen lernen, Kompromisse auszuhandeln und erkennen, dass es nicht immer nach ihrem Willen gehen kann. Beliebtes Übungsfeld ist das Mittagessen. Partizipation sieht dann oft so aus: „Möchtest Du die rote Soße (Tomaten) oder die grüne (Spinat) auf Deine Nudeln?“ Die Botschaft: Schaut alle her, wir fragen das Kind und es darf selbst entscheiden, was es essen will!

Wer sich jetzt auf den Arm genommen fühlt, hat vollkommen recht. Denn hier wird Beteiligung nur vorgegaukelt, es werden in einem eng gesteckten Rahmen Optionen vorgegeben, aus denen jemand auswählen muss. Es gilt: Der Rahmen der Erwachsenen und die Vorauswahl der Erwachsenen. Es fehlt: die Sicht der Kinder. Beim Blick auf die Arbeitswelt werden Erwachsene durch Chefs, Kinder durch Angestellte und Soßen durch Projekte ersetzt: „Möchten Sie dieses oder jenes Projekt übernehmen?“ Ob ich das Projekt überhaupt machen kann, machen will oder gar für sinnvoll erachte, wird genauso wenig berücksichtigt wie der Essenswunsch der Kinder, die vielleicht gar keine Nudeln möchten.

Zu einer echten Partizipation braucht es aus meiner Sicht T-V-M.

T wie Transparenz. Transparenz über den gegebenen Rahmen. Wer Beteiligung verspricht, obwohl alles vorbestimmt ist, demotiviert nur die Anderen. Ich sollte also klarmachen, ob es überhaupt Freiräume gibt, um etwas zu beeinflussen.

Als nächstes wäre V wie Vertrauen hilfreich. Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Anderen. Ich lasse die Vorherrschaft und damit meine eigene Weltsicht los. Wenn ich eine Entscheidung in die Hände von weiteren Menschen lege, kann ich das Ergebnis nicht vorhersagen und habe am Ende vielleicht auch eine Lösung, die ich so nicht wollte. Oder zu der mir der Mut fehlt.

Das ist die dritte Voraussetzung für wahre Partizipation. M wie Mut, dem Prozess Raum zu geben; Mut, das Ergebnis zu akzeptieren; Mut, die Lösung als Teamentscheidung auch nach außen zu verteidigen.

Führungskräfte, die keine Transparenz herstellen, die nicht vertrauen und ängstlich statt mutig sind, können daher nur scheinbar partizipativ führen. Da helfen auch keine Bücher, Podcasts oder Vlogs.

Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.

Bill Cosby (*1937, US-amerik. Schauspieler)

Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

2020 war das Jahr der Freiheit, nicht der Problemsäcke

Für manche war 2020 das schlechteste Jahr aller Zeiten, andere betonten immer wieder, wie besonders und einzigartig negativ das vergangene Jahr war. Vielen ist die Erleichterung anzumerken, dass 2020 endlich vorbei ist. Ungläubig werden diejenigen angeschaut, die sagen: „Für mich war es ein gutes Jahr“. Wie kann das sein?

Traditionell werden zum Jahreswechsel Rück- und Ausblicke gehalten: was war gut, was war nicht gut und was sind die Pläne für die kommenden Monate. Dabei kann ich zwei Brillen aufziehen: die Problembrille und die „So isses“-Brille. Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Übung darin, durch die Problembrille zu schauen. Die tragen ständig einen Sack voller Probleme mit sich herum, sehen Grenzen (ein anderes Wort für Problem) und warnen vor Risiken (noch ein Synonym für Problem).

Das Wort „Problem“ entstand im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „Schwierigkeit, Aufgabe“ aus dem Griechischen „das Vorgelegte“. Sprachlich verwand ist die Parabel, ein Beispiel oder Gleichnis sowie die mathematische Beschreibung einer Kurve, bei der die Punkte aufsteigend und absteigend den gleichen Abstand zum Brennpunkt haben.

Vom ursprünglichen Wortsinn ist also keine negative Interpretation eines Problems vorgegeben, sondern es zeigt einen gegebenen Zustand an, der eines Umganges bedarf. Sprich: so isses und damit müssen wir jetzt leben.

Ein Mensch ächzt unter Problemen, eine Taube fliegt in die FreiheitDie Träger der „So isses“-Brille verweigern die von vornherein negative Interpretation einer Situation und erhalten sich dadurch die Freiheit, aktiv zu werden und das Geschick im besten Sinne zu beeinflussen. Freiheit – die wird weltweit hundertfach besungen im Lied „La Paloma“ (Die Taube). Übertragen auf die Parabelkurve bedeutet das: Ob ich bei einer gegebenen Situation meinen Blick nun nach links richte (rückwärts in die negative Problematisierung) oder nach rechts (vorwärts in die Zukunft) ist genau die gleiche Entfernung, eingesetzte Kraft oder zurückzulegender Weg.

Doch was meinen Menschen, die 2020 als „gutes“ Jahr beschreiben? Gut, das kann heißen: mutig gewesen, Neues entdeckt, Altes liebgewonnen, Veraltetes losgeworden, enger zusammengerückt, mehr verkraftet als für möglich gehalten. Wenn also jemand „gut“ sagt, lohnt es sich, zu fragen: „Was genau meinst Du damit?“ um so den ganzen Schatz an Erkenntnissen zu erfahren, die dieser Mensch gemacht hat. Denn statt einen Sack voller Probleme auf dem Rücken zu tragen folgen diese Menschen dem Symbol der Freiheit, der Taube.

Man sollte stets mit dem Besten rechnen – dann wird es sich von selbst einstellen.

Johann Friedrich von Allmen (Romanfigur von Martin Suter)

Jahreswechsel auf den Wir-Inseln

Wenn ich das Wort des Jahres küren dürfte, wäre es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf „Wir“, denn es hat ganz vielfältige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. Auf den ersten Blick ist es ein sehr verbindendes Wort, „wir“ umarmt geradezu die sprechende Person mit den Zuhörenden. Es drückt Solidarität aus, Gemeinsinn, Füreinander einstehen und da-sein. Zusammen (sind wir stark), Gemeinsam (schaffen wir das), Gemeinschaft (Schicksalsgemeinschaft) sind Synonyme und der Sinn ist, sich zusammenzuschweißen gegen einen gemeinsamen Gegner, manchmal auch Feind.

Menschen tanzen gemeinsam einen Reigen

Womit ich beim ausschließenden Aspekt von „Wir“ bin. „Wir und die anderen“, „Wir gegen die“, „Wir hier die Vernünftigen, dort die Unvernünftigen“. Jedes „Wir“ bringt scheinbar automatisch auch einen Gegensatz, ein Gegenüber, eben einen Gegner mit ins Spiel. Es gibt also mehrere Gruppen von „Wir“, die sich selbstverständlich jeweils als besser darstellen als die anderen es je sein können. „Wir sind solidarisch und tragen Maske“ und gleichzeitig „Wir sind solidarisch und wehren uns gegen Fremdbestimmung“ – beide Seiten können aus ihrer Sicht zu Recht das Wort „Wir“ im Munde führen.

Beliebt waren 2020 Sätze, die mit „Wir“ beginnen. Dabei ist oft nicht klargeworden, wer mit „Wir“ eigentlich gemeint ist. Ein Beispiel: ein Mensch kommt zum Arzt/ zur Ärztin und wird begrüßt mit den Worten „Na, was haben wir denn?“ Korrekte Antwort wäre „Ich weiß nicht, was Sie haben, aber ich habe Rückenschmerzen.“ Denn das vom Arzt/ der Ärztin gebrauchte „Wir“ ist in meiner Wortwelt ein „Du-Wir“. Gemeint waren nicht beide, sondern die angesprochene Person, die/der Patient/in.

Sie sind genervt von den Doppelnennungen? Das generische Maskulinum (also die Verwendung von rein männlichen Bezeichnungen) meint angeblich Personen aller Geschlechter und schließe daher auch immer Frauen mit ein, ist also ein gedachtes „Wir“. Dass dies nicht ganz so stimmt, wurde deutlich, als 2020 in einem Gesetzentwurf ausschließlich die weibliche Anredeform benutzt und diesem generischen Femininum ein Ausschluss der Männer vorgehalten wurde.

Doch zurück zum Arztbesuch. Nun folgt die Untersuchung, eingeleitet mit den Worten „Na, dann schauen wir mal.“ Wer nun aber wirklich schaut, ist die Ärztin, das „wir“ ist daher ein „Ich-Wir“. Anschließend gibt es ein Rezept für Krankengymnastik und dann folgt der Abschied mit „Wir sehen uns danach wieder und besprechen, wie der Erfolg war.“ Ah, endlich ein echtes „Wir“, ein „Wir-Wir“ das nur in der gemeinsamen Auslegung Sinn macht.

Das finden Sie alles etwas übertrieben? Betrachten Sie doch einmal Alltagsdiskussionen bei häuslichen Gemeinschaften. „Wir müssten mal wieder einkaufen / aufräumen / putzen / kochen“ und beobachten Sie, wer anschließend aktiv wird. In der Regel die Person mit dem höchsten Leidensdruck und selten ist es ein Gemeinschaftswerk. Dreckige WG-Küchen, leere Vorratsschränke und nicht vorzeigbare Waschräume sind gar nicht mal so selten. Selbstorganisierte Teams scheitern oft daran, bei einem „Wir“ die Zuständigkeiten klar zu benennen.

Verschärfend kommt hinzu, dass bei „Wir müssten“ ein Konjunktiv enthalten ist und bei „Wir müssen“ der Zwang mit ins Spiel kommt. Müssen will niemand. Die Motivation, die mit diesem Wort ausgelöst wird, tendiert gegen Null. Kein Mensch wird gerne gezwungen und Konjunktive reden von (Ausweich-)Möglichkeiten. Unzählige Sätze zur Ermahnung fingen in diesem Jahr mit „Wir müssen“ oder „Wir müssten“ an und dann folgten Ratschläge, Anweisungen, Bitten. Die Wirkung dieser Reden war … oftmals bescheiden. Kein Wunder, denn diese Formulierung macht es sehr einfach, sie nicht auf sich selbst zu beziehen.

Die Interpretation der Beschwerde „Aber darüber hatten wir doch gesprochen“ bzw. „Aber das hatten wir doch vereinbart“ überlasse ich Ihnen: wer hat da was besprochen, wer hat da was vereinbart – oder eben auch nicht.

Ein anderer Gegensatz zu „Wir“ ist „Ich“. Auch das gab es im Jahr 2020 in neuen Formen. FreundInnen schlossen sich zu virtuellen Hausgemeinschaften zusammen, um im sogenannten Lockdown nicht alleine zu bleiben. Manche zogen sich in ein Schneckenhaus zurück (nicht immer freiwillig), propagierten eine neue Häuslichkeit oder erfanden den Neo-Biedermeier. Leider gab es auch die sozial unverträgliche Ich-Variante und so hoffe ich, dass das folgende Zitat im Jahr 2021 wenig Nachahmer findet:

Es kann enorm befreiend sein, sich von den Fesseln der Vernunft zu lösen und seine ganz eigenen physikalischen Regeln festzulegen. Gut ist, was Spaß macht und dem Einzelnen nutzt – jetzt.

Nicola Abé (Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ in einem Text)

Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

Die Luft ist raus – und nun?

Statt Vorfreude auf den Advent mit seinem Lichterzauber und Glühweinduft gab es nun wieder mal Einschränkungen im täglichen Leben. Sie hatte die Nase voll und sah kopfschüttelnd, wie andere jetzt erst recht aufdrehten und übereifrig aktiv wurden. Waren die denn nicht so pandemüde wie sie?

Auch auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen: es geht mal wieder um das, was der Umgang mit dem #Coronavirus mit uns macht. Ich spüre eine große Müdigkeit. Nicht nur bei mir, sondern überall: der Familie, den Freunden, Menschen auf der Arbeit. Im Frühling halfen länger werdende Tage noch, auf geschlossene Freizeit- und Kulturorte mit Ausweichen in Parks und Gärten zu reagieren. Dann kamen die Lockerungen, der Sommer war da, Urlaub war teilweise wieder möglich geworden und wir alle atmeten tief durch. Tief im Innern ahnten vielleicht manche, dass der Herbst noch einmal ganz neue Herausforderungen bringen würde. Und so kam es ja dann auch.

Gleichzeitig nehme ich zwei unterschiedliche Reaktionen darauf wahr: da gibt es diejenigen, die jetzt so richtig aufdrehen. Die sich in die Arbeit stürzen, Überstunden machen und weit über ihre Erschöpfungsgrenzen hinaus aktiv sind. Nicht alle müssen das, weil ihr Beruf oder ihr Geschäft das jetzt erfordert. Diejenigen, die das freiwillig machen, scheinen zu hoffen, dass alles so viel schneller vorbeigeht. Dabei zeigt der Körper deutlich, dass es besser wäre, einen Gang zurückzuschalten statt hochzuschalten. Je nach Veranlagung melden sich Rücken, Kopf, Magen oder Haut mit Beschwerden. Der Schlaf wird löchrig wie ein Schweizer Käse. Doch nichts bringt diese Menschen dazu, auf ihren zu Körper zu hören. Denn wer ständig in Aktion ist, kann nicht zuhören.

Ein Hase ist am Rennen„Keine Zeit! Keine Zeit!“ ruft der Hase in „Alice im Wunderland“ und „Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“ Wohlfeile Ratschläge „Du solltest mal mehr auf Deinen Körper hören!“ prallen an den Leuten ab, die wie der weiße Hase im Kinderbuch durch das Leben hoppeln. Damit ich hören kann, muss ich hören wollen, meine Ohren öffnen und lauschen. Die Benediktiner-Regel „Ora et labora et lege, Deus adest sine mora“ lässt sich mit „Bete und arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug“ übersetzen. Es geht um einen Wechsel aus körperlicher, geistiger und spiritueller Tätigkeit, aus äußerlichem Aktivismus und innerer Kontemplation (Versenkung). Wird die Regel auf „Ora et labora“ verkürzt, scheint es, als ob ein gerechtes Leben nur durch harte Arbeit und beten (um Beistand) zu erreichen ist.

Beten ist ein Gespräch mit einer Gottheit und bis auf wenige Mystiker haben die meisten Menschen eine göttliche Stimme nie laut gehört. Zum Beten gehört also notwendigerweise das Hören: hören auf ungesagte Worte. Diesen Gedanken scheint die zweite Gruppe von Menschen ernst zu nehmen, die ich beobachte. Sie konzentrieren sich auf sich und ihre Liebsten, räumen der Ungewissheit über die zukünftige Pandemie-Entwicklung Raum ein und suchen in der Natur, der Meditation oder vielleicht auch im Gebet den Weg, auf dem sie gesund durch den Winter kommen. Schließlich sind November und Dezember die Zeit, in der die Natur zur Ruhe kommt. Also warum nicht auch wir Menschen?

Denn auch wenn vielen Leuten klar ist, dass es erst im Frühjahr wieder wirklich „besser“ wird, haben viele jedoch keinen Plan, wie sie bis dahin durchhalten wollen. „Anhalten“ statt „durchhalten“ wäre also meine Empfehlung, ein „durchrennen“ wird meiner festen Überzeugung nach einfach nur krankmachen.

Ich habe immer gedacht, die Zeit wäre ein Dieb, die mir alles stiehlt, was ich liebe. Aber jetzt weiß ich, dass sie gibt, bevor sie nimmt und jeder Tag ist ein Geschenk. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.

Aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“