Das Zwei-Euro-Stück zum kleinen Glück

Die Videokonferenz ging schon seit einer Ewigkeit, pausenlos wurden neue Folien gezeigt. Langsam sackte er auf dem Stuhl zusammen. Wäre da nicht diese sinnfreie Holzfigur auf dem Schreibtisch, die bei jeder kleinen Erschütterung lustig mit Kopf wackelte, er wäre schon längst eingeschlafen. Wie kam die eigentlich noch mal ins Haus?

Ein Laptop mit einer Zeichnung auf dem DeckelIn den letzten Monaten wurden wir alle beim Einkaufen freundlich eingeladen, doch bitteschön auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten und stattdessen per Karte oder Handy zu bezahlen. Dies diene vor allem dem Gesundheitsschutz. Wer sich einmal alte Geldscheine angeschaut hat, kann sich gut vorstellen, durch welche Vielzahl von Händen diese Scheine gingen. Ja, der Gesundheitsschutz ist wichtig, genauso wichtig ist es, den Überblick zu behalten über die eigenen Ausgaben. „Was weg ist, ist weg“ gilt beim Geld besonders, wenn wir nicht einmal mehr ein Symbol dafür aus der Hand geben – eine Münze, einen Schein – sondern bestenfalls das Vorhalten eines Stücks Plastik vor einem kleinen Elektronikkasten 49,95 Euro vom Konto abbucht. Dazu kommen noch die Null-Prozent-Lockvogel-Finanzierungen für (nahezu) Alles, was Geld kaufen kann – menschliche Dienstleistungen mal ausgenommen.

Ich habe ein einziges Mal einen Kauf auf Kostenloskredit getätigt und war jeden Monat aufs Neue überrascht, dass mir die Rate vom Konto abgebucht wurde. Ein ganzes Jahr lang konnte ich mich nicht daran gewöhnen, hatte den Betrag nie im Kopf und in die laufenden Ausgaben eingerechnet. Dann war die letzte Rate eingezogen und ich war endlich wieder Herr über meine Finanzen.

Den besonderen kulturellen Verlust der Bargeldzahlung habe ich erst spät erkannt, als ich in eine Spardose blickte, die unerwartet leicht und schlecht gefüllt war. Seit vielen Jahren habe ich mir eine kleine finanzielle Freiheit für die schönen Dinge geschaffen, die ich mir normalerweise nie gönnen würde: ich sammele 2-Euro Stücke, die ich als Rückgeld bekomme. Sie wandern in eine 1950er Jahre Blechdose, Motiv „Lenzerheide (1500 M. ü. M. Graubünden Schweiz)“ mit Alpenpanorama und Seeidylle. Der Betrag ist groß genug, um tatsächlich etwas anzusparen und klein genug, um nicht wirklich aufzufallen. Da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, habe ich mir etliche kleine Alltagsglücksmomente damit leisten können:

  • Eine Lederumhängetasche, mit der ich jahrelang tagtäglich unterwegs war.
  • Zwei chinesische Löwen aus Messing, die jetzt auf dem Tisch im Flur zur Begrüßung sitzen und perfekte Trockner für nasse Wollmützen sind.
  • Einen Noise-cancelling Kopfhörer für mehr Ruhe im Großraumbüro.
  • Ein Hoptimist aus Eiche (die oben erwähnte fröhliche runde Wackelfigur), die ich bei Videokonferenzen anstumpe.
  • Handwerkskunst geflüchteter Menschen aus Mali und Syrien zur Aufbewahrung von Utensilien.
  • Ein Helmkoffer für die Vespa mit integriertem Rückenkissen für mehr Soziusbequemlichkeit.

Nichts davon hätte ich mir normalerweise als Großzügigkeit gegenüber mir selbst geleistet. Diese und andere Dinge erfreuen mich im Alltag, das ist ihre Hauptaufgabe. Das Wissen, dass ich über lange Monate die Münzen sammelte und dann die bewusste Entscheidung: das ist es mir wert, dafür stelle ich Münzen in Stapeln zur Bezahlung auf den Tisch, macht aus diesen Dingen etwas Besonderes.

Nun ist Trockenheit in der Lenzerheide, weil ich kaum mit Bargeld zahlte. Zum Glück machen Gastronomie und Handel langsam wieder auf und ich freue mich schon auf die ersten 2-Euro-Stücke, die ich dann in der Blechdose reifen lasse werde, bis sie für ein neues besonderes Alltagsglück eingetauscht werden.

Wer arbeitet, muss auch feiern. Wer fastet, muss auch völlern. Wir leben nur noch gesund, vernünftig und ethisch bewusst, aber übertriebenes Asketentum wird irgendwann selbst ungesund.

Eva Menasse (*1970, österr. Schriftstellerin)

Zeitlos am Ausgang der Pandemie

Am besten beschrieben ihr aktuelles Zeitgefühl die zerfließenden Uhren auf Salvador Dalis Gemälde, denn nichts bekam sie mehr so richtig zu fassen: Wochentage, Monate, welches Jahr haben wir? Die Pandemie hatte ihre innere Uhr weichgekocht. Wann würde diese Zeitlosigkeit enden?

In den letzten 14 Monaten wurden durch die Pandemie unsere alltäglichen Rahmenbedingungen verändert. Teilweise von heute auf morgen, ohne Zeit, sich auf den Übergang einzustellen, war Schule nicht mehr Schule, Arbeit nicht mehr pendeln, Freunde nicht mehr zu treffen. Kunst, Musik, Sport – kein Kurs war mehr möglich. All das führte bei manchen Menschen zu einem gestörten Zeitempfinden, denn Routinen fielen als haltgebende Orientierung weg.

Wochenrituale entfielen wie der sonntägliche Tanzkurs, freitags kegeln, dienstags Yoga, Chor am Donnerstag. Diese wiederkehrenden Ankerpunkte gaben eine Struktur, die oft durch den Wechsel aus Werktagen mit einem Weg zu außerhäusigen Arbeit und den freien Tagen mit Einkaufen und Freizeit verstärkt wurden. Nun aber waberten für viele Menschen die Tage nahezu unterschiedslos ineinander. Für viele, wenn auch nicht alle, blieb wenigstens das monatliche Ritual einer Gehaltsüberweisung erhalten.

Auch die gewohnten Abläufe innerhalb eines Tages wurden neu geformt. Für Eltern gab es dank „Homeschooling“ einen Crashkurs in Pädagogik, Vermittlung von Lehrstoff und IT-Support mit gleichzeitigem Turbolernen in Sachen Multitasking, Reorganisation und Voraussehen von neuen Corona-Verordnungen. Kurzarbeit oder erzwungenes komplettes Nicht-Tun in „100%iger Kurzarbeit“ brachten viele aus dem Konzept. Das Mitnehmen von Masken wurde zur Gewohnheit, Einkaufsplanung auf die größeren Bedarfe zu Hause zur Herausforderung und erholsamer Schlaf eine innig ersehnte Rarität.

In der Corona-Pandemie ist die Zeit nicht zu fassenHinzu kommt der unglückselige Corona-Maßnahmen-Dreisprung aus „Hoffen – Bangen – Enttäuschung“, wenn sich die angekündigte, die ersehnte Wiedereinsetzung von Grundrechten ein um das andere Mal verschoben wurde. Wer kann schon noch mitzählen, wie oft sie oder er „noch ein letztes Mal“ durchgehalten hat? Und noch einmal. Und noch mal. Auch das lässt Zeit haltlos erscheinen.

Wenigstens blieben die Jahreszeiten erhalten. Wir sahen das Ende des Winters, Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter und nun ein beginnendes Frühjahr in der Natur. Was fehlte, waren die Feste, die damit verbunden sind. Seien es religiöse, kulturelle oder schlicht materielle: Osternächte, Frühlingsmärkte, Sommerfestivals, Weinfeste, Weihnachtsmärkte. Was früher ein „Must do“ war mutierte zum „Can’t do“.

Die Folge: manchen kam es vor, als flösse die Zeit durch sie hindurch. Welcher Wochentag ist heute nochmal? Wir haben schon Monatsende? In zwei Monaten ist schon Silvester? Oft hörte ich diese Fragen in Gesprächen und stellte sie mir zunehmend selbst. Mir schien, dass sich mein innerer Kalender vom äußeren, realen Kalender abgekoppelt hatte und eine Synchronisierung mühsam war.

Nun jedoch scheinen äußere Fixpunkte im Leben wieder erreichbar zu sein und sehr wahrscheinlich werden es manche alten Gewohnheiten nicht mehr in das „neue Jetzt“ schaffen, dafür haben sich neue Verhaltensweisen entwickelt, auf die so manche:r nicht mehr verzichten möchte. Alte Lieben, neue Entdeckungen, gibt es auch bei Gewohnheiten. So können wir die verlorengegangene Zeit wieder zu fassen bekommen.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Stimmt es,
dass es sein muss?
Ist für heute wirklich Schluss?

Heut ist nicht alle Tage, ich komm wieder keine Frage!

Schlusslied aus der Fernsehserie „Der rosarote Panther“

Hoffnung auftanken

Grundmüde. Er fühlte sich im 13. Corona-Monat so matt, dass auch Ausschlafen nicht weiterhalf. Der Tag war zudem trübe und kalt, wieder schneeregnete es. Als er dann auch noch Handwerker in der Wohnung hatte, wollte er einfach nur in das schöne Leben flüchten. Doch wohin sollte er im Lockdown fahren?

Neulich besuchte ich den Tempel der Hoffnungsvollen und schwelgte in den Farben, Formen und Früchten, die den Besuchern dereinst für ihr harte Arbeit Lohn sein werden. Es ist eine Gemeinschaft, in der alle den gleichen Zugang zur schöpferischen Urkraft haben und alle kommen, weil sie im Grunde ihrer Herzen voller Hoffnung sind. Ich spreche von einem Gartenmarkt. Und Gärtner:innen sind die hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne. Denn sie säen und pflanzen jedes Jahr aufs Neue, arbeiten harten Boden auf, wässern und stützen, um für einige Tage farbenprächtige Blüten zu sehen oder im Sommer und Herbst schmackhafte Früchte ernten zu können.

Gärtner hoffen auf die ZukunftIhre Hoffnung gründen sie auf die Pflanzenkraft, auf das Wetter, auf die Anpassungsfähigkeit der Natur an frühe Blüten, späten Frost, lange Dürren, ungünstige Winde. Dazu kommt der Überraschungseffekt. Manches im Herbst Vergrabene kommt im Frühjahr zum Vorschein, anderes wiederum nicht. Der größte Teil dieses Prozesses liegt außerhalb ihrer Macht. Ihre Erfahrung und Arbeit kann manches mildern, doch nichts ersetzt den Kreislauf der Dinge.

In der scheinbar endlosen Corona-Tretmühle hebt Gärtnern die Stimmung. Neben längeren Tagen, mehr Sonnenlicht und nährender Wärme kommen körperliche Tätigkeit, planerisches Geschick und wertvolles Nichtstun hinzu: Warten. Warten auf das erste Sprießen, die Zeit zum Aussetzen ins Freiland, das Blühen, das Ernten. Geduldiges Warten ist eine notwendige Grundtugend beim Gärtnern. Denn wie heißt so treffend ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Gleichzeitig nutzen Gärtner:innen die eingeschränkten Handlungsspielräume, die sie haben. Sie setzen sich nicht gottergeben dem Wetter aus, sondern versuchen dort zu wässern, hier zu stützen und manchmal heißt es auch Abschied nehmen von der Rose, die den Frost nicht überlebt hat.

Hoffnung, das ist eine Haltung und ein Gefühl gleichermaßen. Hoffnung öffnet sich anderen Menschen, verbindet zu einer positiv tätigen Gemeinschaft und sagt: „Auch wenn wir nur wenig beeinflussen können, lasst es uns versuchen.“ Angst dagegen isoliert voneinander, wirkt zerstörerisch, denn sie wird vom Gedanken geleitet: „Es hat alles keinen Sinn. “ Wer sich aktuell zu müde zum Hoffen fühlt, kann einmal in einen Gartenmarkt fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, ohne Hoffnung wieder hinauszugehen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ungesichertes Zitat von Martin Luther (1483-1546, Mönch, Theologieprofessor und Reformator)

Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

Den Corona-Virus surfen

Vor einem Jahr ging sie ins Homeoffice. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben sich in der Familie seitdem neue Routinen entwickelt, die ein Gewinn für das Zusammenleben sind. So wurde im Laufe der Monate bei ihr die Frage immer stärker: Will ich eigentlich, dass es wieder so wird wie vor der Pandemie?

Es ist eine begnadete Situation, die Arbeit zu behalten und sicher von Zuhause aus weiterführen zu können. Nicht alle haben dieses Glück, gerade die sogenannten systemrelevanten Berufe müssen vor Ort ausgeführt werden. Also alles, was das Leben erst ermöglicht: Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheitsfürsorge, Müllabfuhr.

„Und was ist mit Home-Schooling?“ mag es jetzt aus der Homeoffice-Fraktion schallen. Diese Herausforderung haben nicht nur „Heimarbeiter“ zu stemmen, sondern auch Feuerwehrleute, Erzieher:innen, Briefträger:innen. Und noch verschärfter ist die Situation für Selbständige, deren Geschäftschancen von einem auf den anderen Tag vollständig weggebrochen sind: Trainings, Reisen, Veranstaltungen, Ausgehen, Kultur – um nur einige zu nennen.

Neue Wege mussten von allen gesucht werden. Eine Mutter nutzt die gesparte Zeit vom Arbeitsweg, um jeden Tag mit den Kindern eine Runde draußen zu spielen oder mit Roller und Inline-Skatern zu fahren. Ein Elternpaar teilt sich den Tag in Schichten auf, so dass immer eine Person in Ruhe arbeiten kann und die andere sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Gewinn: eine engere Beziehung innerhalb der Familie. Auch Paare können zusammenwachsen, da jetzt gemeinsam gekocht wird statt die neuesten Restaurants abzuchecken. Generationen entdecken, dass sie einander nicht nur auf die Nerven gehen, sondern einander unterstützen und inspirieren.

Mir ist bewusst, dass ich hier eine „heile Welt“ beschreibe ohne beengte Wohnverhältnisse, häusliche Gewalt oder Armuts- und Existenzängsten. Doch gerade deswegen kann ich Jammern über das Schlimme der Pandemie von Menschen nicht mehr hören, die keine existenzielle Gefährdung durch die Anti-Corona-Maßnahmen haben. Das klingt für mich wie Jammern auf hohem Niveau.

Die Pandemie hat gerade manchem Privilegierten die eigene Vorteilswelt klargemacht.

Auf dem Corona-Virus sitzend eine Welle surfenGleichzeitig stellen sich manche die Frage: soll es wieder so werden wie vorher, mit dem Hamsterrad, dem Streben nach einer Eigentumswohnung, dem Tauchurlaub auf den Malediven? Oder will ich nicht diese Zäsur im gesellschaftlichen Leben auch für mich selbst nutzen? Die auf unbestimmte Zeit erzwungene Neuausrichtung des täglichen Lebens führt automatisch zu Sinnfragen, wenn ich mir das ökonomisch erlauben kann. Ohne die gewohnte Routine werden bisher „unerhörte“ Gedanken an die Oberfläche geschwemmt.

Was wäre, wenn Corona die perfekte Welle ist, auf die ein:e Surfer:in das ganze Leben lang wartet, um ganz weit davongetragen zu werden: Wollte ich nicht schon immer mal eine Auszeit nehmen und die Welt bereisen? Wollte ich nicht schon immer mehr Grün und Natur um mich herum haben? Wollte ich mich nicht schon immer mehr um meine Eltern / Großeltern kümmern? Und will ich täglich einen Arbeitsweg von zwei Stunden?

Manche Idee ist durch Corona erst denkbar geworden und das ist eine der wenigen positiven Dinge, die diese Pandemie mit sich gebracht hat.

Machen Sie doch, was Sie wollen!

Buchtitel von Maja Storch (*1958, dt. Psychologin und Psychodramatherapeutin, entwickelte das Zürcher Ressourcen Modell ZRM)

Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

Führungsstil: scheinbar partizipativ

Frisch aus dem Onlineseminar „Motivieren durch partizipieren“ brachte die Chefin im nächsten Teammeeting eine Liste von Projekten mit, aus der sich alle Mitarbeitenden eines aussuchen durften, das sie bearbeiten wollten. Doch so recht kam keine Freude auf. Warum nur, so fragte sich die Chefin, begeisterten sich meine Leute nicht für diese großartige Beteiligung?

Moderne Führungskräfte, also Menschen, die anderen Menschen im 21. Jahrhundert vorgesetzt werden, finden unzählige Blogs (Texte und Kolumnen im Internet), Podcasts (Aufgenommene Gespräche) und Vlogs (Videotagebücher) zur persönlichen Weiterbildung. Fast alle haben den Grundtenor, dass Empathie und Partizipation die Schlüsselkompetenzen im Kampf um die besten Talente sind. Früher verstaubten etliche Meter von Management-Büchern in den in den firmeneigenen Bibliotheken, die ganz Ähnliches propagierten. Doch wenn aktive Einbindung von Mitarbeitenden immer noch ein Thema ist, mit dem sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen lässt, scheint es mit Empathie und Partizipation nicht weit her zu sein. Zu oft, das melden Mitarbeitende in Jahresgesprächen und Umfragen zurück, fehlt es ihnen an Anerkennung, Ideenaustausch und echter Mitarbeit.

Führungskräfte betonen anschließend regelmäßig, dass sie die Nachricht verstanden haben und noch mehr ihre Mitarbeitenden einbinden wollen. Manchmal gar kommt die Standardfloskel aus der Politik zum Einsatz: „Wir machen alles richtig, scheinen es aber nicht richtig zu kommunizieren, wenn die Bevölkerung / Mitarbeitende es nicht versteht.“ Vielleicht liegt es aber schlicht auch daran, dass die Beteiligung von Untergebenen oft nur vorgetäuscht wird.

Drei Mitarbeitende glauben ihrer Chefin nicht

Um das zu erläutern, nehme ich Sie mit in einen Kindergarten. Nein, damit ist jetzt nicht Ihr Arbeitgeber gemeint, sondern eine ganz normale Kita. Partizipation von Kindern ist dort ein großes Thema. Kinder sollen mitentscheiden dürfen. Sie sollen lernen, Kompromisse auszuhandeln und erkennen, dass es nicht immer nach ihrem Willen gehen kann. Beliebtes Übungsfeld ist das Mittagessen. Partizipation sieht dann oft so aus: „Möchtest Du die rote Soße (Tomaten) oder die grüne (Spinat) auf Deine Nudeln?“ Die Botschaft: Schaut alle her, wir fragen das Kind und es darf selbst entscheiden, was es essen will!

Wer sich jetzt auf den Arm genommen fühlt, hat vollkommen recht. Denn hier wird Beteiligung nur vorgegaukelt, es werden in einem eng gesteckten Rahmen Optionen vorgegeben, aus denen jemand auswählen muss. Es gilt: Der Rahmen der Erwachsenen und die Vorauswahl der Erwachsenen. Es fehlt: die Sicht der Kinder. Beim Blick auf die Arbeitswelt werden Erwachsene durch Chefs, Kinder durch Angestellte und Soßen durch Projekte ersetzt: „Möchten Sie dieses oder jenes Projekt übernehmen?“ Ob ich das Projekt überhaupt machen kann, machen will oder gar für sinnvoll erachte, wird genauso wenig berücksichtigt wie der Essenswunsch der Kinder, die vielleicht gar keine Nudeln möchten.

Zu einer echten Partizipation braucht es aus meiner Sicht T-V-M.

T wie Transparenz. Transparenz über den gegebenen Rahmen. Wer Beteiligung verspricht, obwohl alles vorbestimmt ist, demotiviert nur die Anderen. Ich sollte also klarmachen, ob es überhaupt Freiräume gibt, um etwas zu beeinflussen.

Als nächstes wäre V wie Vertrauen hilfreich. Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Anderen. Ich lasse die Vorherrschaft und damit meine eigene Weltsicht los. Wenn ich eine Entscheidung in die Hände von weiteren Menschen lege, kann ich das Ergebnis nicht vorhersagen und habe am Ende vielleicht auch eine Lösung, die ich so nicht wollte. Oder zu der mir der Mut fehlt.

Das ist die dritte Voraussetzung für wahre Partizipation. M wie Mut, dem Prozess Raum zu geben; Mut, das Ergebnis zu akzeptieren; Mut, die Lösung als Teamentscheidung auch nach außen zu verteidigen.

Führungskräfte, die keine Transparenz herstellen, die nicht vertrauen und ängstlich statt mutig sind, können daher nur scheinbar partizipativ führen. Da helfen auch keine Bücher, Podcasts oder Vlogs.

Den Schlüssel zum Erfolg kenne ich nicht. Der Schlüssel zum Scheitern ist der Versuch, es allen recht zu machen.

Bill Cosby (*1937, US-amerik. Schauspieler)

Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

2020 war das Jahr der Freiheit, nicht der Problemsäcke

Für manche war 2020 das schlechteste Jahr aller Zeiten, andere betonten immer wieder, wie besonders und einzigartig negativ das vergangene Jahr war. Vielen ist die Erleichterung anzumerken, dass 2020 endlich vorbei ist. Ungläubig werden diejenigen angeschaut, die sagen: „Für mich war es ein gutes Jahr“. Wie kann das sein?

Traditionell werden zum Jahreswechsel Rück- und Ausblicke gehalten: was war gut, was war nicht gut und was sind die Pläne für die kommenden Monate. Dabei kann ich zwei Brillen aufziehen: die Problembrille und die „So isses“-Brille. Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Übung darin, durch die Problembrille zu schauen. Die tragen ständig einen Sack voller Probleme mit sich herum, sehen Grenzen (ein anderes Wort für Problem) und warnen vor Risiken (noch ein Synonym für Problem).

Das Wort „Problem“ entstand im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „Schwierigkeit, Aufgabe“ aus dem Griechischen „das Vorgelegte“. Sprachlich verwand ist die Parabel, ein Beispiel oder Gleichnis sowie die mathematische Beschreibung einer Kurve, bei der die Punkte aufsteigend und absteigend den gleichen Abstand zum Brennpunkt haben.

Vom ursprünglichen Wortsinn ist also keine negative Interpretation eines Problems vorgegeben, sondern es zeigt einen gegebenen Zustand an, der eines Umganges bedarf. Sprich: so isses und damit müssen wir jetzt leben.

Ein Mensch ächzt unter Problemen, eine Taube fliegt in die FreiheitDie Träger der „So isses“-Brille verweigern die von vornherein negative Interpretation einer Situation und erhalten sich dadurch die Freiheit, aktiv zu werden und das Geschick im besten Sinne zu beeinflussen. Freiheit – die wird weltweit hundertfach besungen im Lied „La Paloma“ (Die Taube). Übertragen auf die Parabelkurve bedeutet das: Ob ich bei einer gegebenen Situation meinen Blick nun nach links richte (rückwärts in die negative Problematisierung) oder nach rechts (vorwärts in die Zukunft) ist genau die gleiche Entfernung, eingesetzte Kraft oder zurückzulegender Weg.

Doch was meinen Menschen, die 2020 als „gutes“ Jahr beschreiben? Gut, das kann heißen: mutig gewesen, Neues entdeckt, Altes liebgewonnen, Veraltetes losgeworden, enger zusammengerückt, mehr verkraftet als für möglich gehalten. Wenn also jemand „gut“ sagt, lohnt es sich, zu fragen: „Was genau meinst Du damit?“ um so den ganzen Schatz an Erkenntnissen zu erfahren, die dieser Mensch gemacht hat. Denn statt einen Sack voller Probleme auf dem Rücken zu tragen folgen diese Menschen dem Symbol der Freiheit, der Taube.

Man sollte stets mit dem Besten rechnen – dann wird es sich von selbst einstellen.

Johann Friedrich von Allmen (Romanfigur von Martin Suter)

Jahreswechsel auf den Wir-Inseln

Wenn ich das Wort des Jahres küren dürfte, wäre es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf „Wir“, denn es hat ganz vielfältige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. Auf den ersten Blick ist es ein sehr verbindendes Wort, „wir“ umarmt geradezu die sprechende Person mit den Zuhörenden. Es drückt Solidarität aus, Gemeinsinn, Füreinander einstehen und da-sein. Zusammen (sind wir stark), Gemeinsam (schaffen wir das), Gemeinschaft (Schicksalsgemeinschaft) sind Synonyme und der Sinn ist, sich zusammenzuschweißen gegen einen gemeinsamen Gegner, manchmal auch Feind.

Menschen tanzen gemeinsam einen Reigen

Womit ich beim ausschließenden Aspekt von „Wir“ bin. „Wir und die anderen“, „Wir gegen die“, „Wir hier die Vernünftigen, dort die Unvernünftigen“. Jedes „Wir“ bringt scheinbar automatisch auch einen Gegensatz, ein Gegenüber, eben einen Gegner mit ins Spiel. Es gibt also mehrere Gruppen von „Wir“, die sich selbstverständlich jeweils als besser darstellen als die anderen es je sein können. „Wir sind solidarisch und tragen Maske“ und gleichzeitig „Wir sind solidarisch und wehren uns gegen Fremdbestimmung“ – beide Seiten können aus ihrer Sicht zu Recht das Wort „Wir“ im Munde führen.

Beliebt waren 2020 Sätze, die mit „Wir“ beginnen. Dabei ist oft nicht klargeworden, wer mit „Wir“ eigentlich gemeint ist. Ein Beispiel: ein Mensch kommt zum Arzt/ zur Ärztin und wird begrüßt mit den Worten „Na, was haben wir denn?“ Korrekte Antwort wäre „Ich weiß nicht, was Sie haben, aber ich habe Rückenschmerzen.“ Denn das vom Arzt/ der Ärztin gebrauchte „Wir“ ist in meiner Wortwelt ein „Du-Wir“. Gemeint waren nicht beide, sondern die angesprochene Person, die/der Patient/in.

Sie sind genervt von den Doppelnennungen? Das generische Maskulinum (also die Verwendung von rein männlichen Bezeichnungen) meint angeblich Personen aller Geschlechter und schließe daher auch immer Frauen mit ein, ist also ein gedachtes „Wir“. Dass dies nicht ganz so stimmt, wurde deutlich, als 2020 in einem Gesetzentwurf ausschließlich die weibliche Anredeform benutzt und diesem generischen Femininum ein Ausschluss der Männer vorgehalten wurde.

Doch zurück zum Arztbesuch. Nun folgt die Untersuchung, eingeleitet mit den Worten „Na, dann schauen wir mal.“ Wer nun aber wirklich schaut, ist die Ärztin, das „wir“ ist daher ein „Ich-Wir“. Anschließend gibt es ein Rezept für Krankengymnastik und dann folgt der Abschied mit „Wir sehen uns danach wieder und besprechen, wie der Erfolg war.“ Ah, endlich ein echtes „Wir“, ein „Wir-Wir“ das nur in der gemeinsamen Auslegung Sinn macht.

Das finden Sie alles etwas übertrieben? Betrachten Sie doch einmal Alltagsdiskussionen bei häuslichen Gemeinschaften. „Wir müssten mal wieder einkaufen / aufräumen / putzen / kochen“ und beobachten Sie, wer anschließend aktiv wird. In der Regel die Person mit dem höchsten Leidensdruck und selten ist es ein Gemeinschaftswerk. Dreckige WG-Küchen, leere Vorratsschränke und nicht vorzeigbare Waschräume sind gar nicht mal so selten. Selbstorganisierte Teams scheitern oft daran, bei einem „Wir“ die Zuständigkeiten klar zu benennen.

Verschärfend kommt hinzu, dass bei „Wir müssten“ ein Konjunktiv enthalten ist und bei „Wir müssen“ der Zwang mit ins Spiel kommt. Müssen will niemand. Die Motivation, die mit diesem Wort ausgelöst wird, tendiert gegen Null. Kein Mensch wird gerne gezwungen und Konjunktive reden von (Ausweich-)Möglichkeiten. Unzählige Sätze zur Ermahnung fingen in diesem Jahr mit „Wir müssen“ oder „Wir müssten“ an und dann folgten Ratschläge, Anweisungen, Bitten. Die Wirkung dieser Reden war … oftmals bescheiden. Kein Wunder, denn diese Formulierung macht es sehr einfach, sie nicht auf sich selbst zu beziehen.

Die Interpretation der Beschwerde „Aber darüber hatten wir doch gesprochen“ bzw. „Aber das hatten wir doch vereinbart“ überlasse ich Ihnen: wer hat da was besprochen, wer hat da was vereinbart – oder eben auch nicht.

Ein anderer Gegensatz zu „Wir“ ist „Ich“. Auch das gab es im Jahr 2020 in neuen Formen. FreundInnen schlossen sich zu virtuellen Hausgemeinschaften zusammen, um im sogenannten Lockdown nicht alleine zu bleiben. Manche zogen sich in ein Schneckenhaus zurück (nicht immer freiwillig), propagierten eine neue Häuslichkeit oder erfanden den Neo-Biedermeier. Leider gab es auch die sozial unverträgliche Ich-Variante und so hoffe ich, dass das folgende Zitat im Jahr 2021 wenig Nachahmer findet:

Es kann enorm befreiend sein, sich von den Fesseln der Vernunft zu lösen und seine ganz eigenen physikalischen Regeln festzulegen. Gut ist, was Spaß macht und dem Einzelnen nutzt – jetzt.

Nicola Abé (Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ in einem Text)