Gute Freunde zahlen gemeinsam die Rechnung

Die vier Freundinnen genossen ihre Wanderpause im Ausflugslokal. Endlich mal wieder Zeit miteinander haben, das hatten sie sich schon lange versprochen. Beim Bezahlen kam der Eklat: „Wir zahlen jede für sich“ sagte eine von ihnen. Und die anderen fragten sich: „Gemeinsam wandern, aber getrennt zahlen – wie kleinlich ist das denn?“

Eine Szene, die vermutlich jeder schon mal beobachtet hat. Da sitzen Menschen einen ganzen Nachmittag oder einen ganzen Abend zusammen, essen gemeinsam, lachen, erzählen sich Geschichten und bei der Rechnung geht jeder getrennte Wege. Die fröhliche Atmosphäre wird von der Angst überschattet, benachteiligt zu werden. Schließlich hört beim Geld die Freundschaft auf. Dann werden selbst die getrunkenen Anteile an der gemeinschaftlich geleerten Wasser- oder Weinflasche ausgerechnet und sich gegenseitig in Rechnung gestellt.

Gute Freunde zahlen gemeinsam die RechnungWie schön wäre es, hier mehr Vertrauen darin zu haben, dass sich das alles schon ausgleichen wird. Als meine Frau und ich noch nicht verheiratet waren, hatten wir getrennte Kassen. Mal zahlte die eine, mal der andere. Am Monatsende haben wir abgerechnet. Wir gaben das bald auf, die Differenz war jedes Mal lächerlich klein. Denn schließlich hatten wir gemeinsam die selben Cafés und Kneipen besucht.

Sind die Einkommensverhältnisse zu unterschiedlich, um einfach die Rechnung durch die Anzahl der Gäste zu teilen, gibt es die Möglichkeit einer Gemeinschaftskasse. Jede/jeder zahlt einen angemessenen Beitrag ein: die Wohlhabenderen mehr, die anderen weniger. Die Gesamtrechnung wird aus dieser Kasse bezahlt. Als angenehmen Nebeneffekt stellt sich eine gut gelaunte Lockerheit ein: „Ach wie schön war dieser Abend, vom Anfang bis zum Ende.“ Weil keiner dem anderen etwas neidete, die Reichen nicht mit teurem Essen protzten und die weniger Betuchten mit Brot und Wasser Vorlieb nehmen mussten.

Fields: »Bin ich gestern hier gewesen und habe zwanzig Dollar umgesetzt?«

Barkeeper: »Allerdings.«

Fields: »Gottseidank. Ich dachte schon, ich hätte sie verloren.«

W.C. Fields in der Bar (1880 – 1946, US-amerikanischer Schauspieler, Komiker und Drehbuchautor)

Die Selbstausbeutungsfalle namens Berufung

„Wir arbeiten im Auftrag der Menschlichkeit und Sie wollen Überstunden abfeiern?“ Damit war der Antrag wie immer schnell abgebügelt und die Pflegerin widmete sich wieder ganz pflichtbewusst ihrer Selbstausbeutung. Und sie fragte sich, wie sie nur aus dieser immer gleichen Situation herauskommen könnte.

Selbstfürsorge statt SelbstausbeutungMenschen, die ihren Beruf als Berufung ansehen, also Pflegekräfte, Pädagogen, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen und alle anderen Weltretter, sind oft einem besonderen Druck ausgesetzt, mehr als „nur“ die vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen. Überstunden, auch abends und am Wochenende, gehören wie selbstverständlich dazu. Denn es handelt sich bei ihren Tätigkeiten um einen Dienst für und am Menschen. Man/frau ist da leicht rund um die Uhr „im Dienst“, schließlich hat auch Jesus keinen Freizeitausgleich gefordert.

Die wörtliche Nähe von Beruf und Berufung geht auf den Reformer Martin Luther zurück, der den göttlichen Ruf (Berufung) auch im weltlichen Sinn (Amt, Stand) verwendete. Es ist leicht, einem Ruf zu folgen, wenn die Aufforderung sich auf ein höheres Ziel beruft. So werden die Arbeitsplätze, die mit Mensch und Natur zu tun haben, oft von denjenigen eingenommen, die ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ethischer Überzeugung aufweisen. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das bedürftige Gegenüber und verlieren sich selbst nur zu leicht aus den Augen. Denn: „Energy flows where attention goes“ – die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit ist. Es gibt etliche, die sich mit (neurodermitisch reagierender) Haut und (früh ergrauten) Haaren in den Dienst für eine gute Sache stellen.

Doch nicht jedem Ruf muss auf gefolgt werden. Ein Ausstieg aus der Selbstausbeutung ist beispielsweise möglich, wenn ich mein starkes Pflichtgefühl auf eine wirklich bedürftige Person lenke: nämlich auf mich selbst. Ich brauche als Pfleger/in, Pädagog/in, Betreuer/in genauso viel Zuwendung, Unterstützung und ein offenes Ohr wie die Menschen oder das Thema, dem ich mich verschrieben habe. Das Pflichtbewusstsein ist auch bei einem Blickwechsel voll in seinem Element: mit allen gelernten Tricks und Kniffen kann es für mein eigenes Wohl sorgen; so wird aus Selbstausbeutung Selbstfürsorge. Denn auch in mir gibt es eine Welt, die zu retten alle Mühe und Arbeit wert ist.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Jesus von Nazareth

Vergeben, aber nicht vergessen

Er stand am Grab seines Vaters und bereute, dass sie sich nicht noch mal vor seinem Tod ausgesprochen hatten. Er wusste nicht, ob sein Vater ihm wohl verziehen hätte, so wie er es gerne würde. Wie konnte er jetzt Frieden mit seinem Vater schließen?

Zum Streiten gehören zwei dazu, denn jeder hat seinen Anteil an der Auseinandersetzung. Genauso gehören zum Versöhnen zwei dazu. Es ist ein langer, manchmal schmerzhafter Prozess. Am Anfang stehen die Verletzungen im Vordergrund, die man selbst zugefügt bekam. Der eigene Anteil am Streit wird eher klein geredet. Durch das gegenseitige Erzählen, was war, wie es empfunden oder welche Kränkungen erlitten wurde, wird der eigene Horizont langsam erweitert und mein Gegenüber gerät in das Blickfeld. Ich kann nicht nur sehen, was mir angetan wurde, sondern auch, was ich ihr oder ihm angetan habe.

Versöhnung nach dem KampfIm besten Fall gelingt das beiden Kontrahenten und sie bereiten damit den Boden vor, einander zu vergeben. Das gegenseitige Vergeben wird dann zur Versöhnung; ohne Vergebung keine Versöhnung. Vielleicht ist auch ein Zwischenschritt notwendig: dass ich mir selbst vergebe, mich mit mir aussöhne. Die Vergebung des anderen anzunehmen bedeutet, dass sie/er mein Verhalten zwar erlitten hat, mir aber nicht mehr vorwirft. Die größte Wirkung kann diese Vergebung erreichen, wenn ich mir mein eigenes Verhalten auch nicht mehr vorwerfe. Dieses ist nicht vergessen, sondern ich verurteile mich im Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht mehr, als mein Gegenüber es tut.

An der Versöhnung sind zwei Individuen beteiligt. Ist mein Gegenüber nicht mehr da, zum Beispiel in fernen Ländern oder gestorben, kann es keine Versöhnung geben. Doch es bleibt mir der Weg der Vergebung. Die Vergebung ist ein Prozess in mir: ich vergebe der/dem Anderen (und vielleicht auch mir). Auch wenn das keine vollständige Aussöhnung ist und ich nicht mehr erfahre, wie mein Gegenüber alles empfunden hat, so mache ich mich mit dieser Vergebung auch ein Stück unabhängig von der Anerkennung einer anderen Person. Ich kann nicht rückgängig machen, dass ich verletzt worden bin. In der Vergebung und in der Versöhnung liegen jeweils die Chance, aus dem Erlittenen etwas zu Lernen: Grenzen mehr zu respektieren zum Beispiel. Meine und die von anderen.

Vergeben heißt, nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben.

Melanie Wolfers, (*1971, Dr. theol. Mag. phil und Ordensschwester)

Die zielstrebige Göre

Die Nichte hatte das gleiche künstlerische Talent wie ihre Tante. Während die seit Jahren erfolglos an Ausstellungen und Buchprojekten arbeitete, erstellte die Nichte auch während der Abiturzeit ihre Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule. Wie schaffte sie das bloß – lag es nur an ihrer jugendlichen Energie?

Schüler, die mitten im Abitur stecken, fühlen sich oft besonders unter Druck. Die Klausuren sind anspruchsvoll wie nie und teilweise in einem engen Takt angesetzt. Gleichzeitig geht es um die Zeit nach dem Abitur: wie soll es weitergehen? Während also im hier und jetzt vielfältige Aufgaben warten, müssen die nächsten Schritte geplant werden. Das ist der klassische Zielkonflikt zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsplanung.

Das Ziel im Auge behaltenDie Tante kann ihre ganze Lebenserfahrung in die Waagschale werfen und auf Erfolge bzw. Misserfolge zurückschauen. Daraus ließen sich Vorteile ziehen: sie könnte viel mehr ihre Kräfte bündeln und Ablenkungen vermeiden. Und doch hängt die Nichte sie in Zielstrebigkeit ab. Denn im Kern hat die Nichte einen Traum, an den sie glaubt und den sie wirklich erfüllen will. Dieses Ziel behält sie fest in den Augen und arbeitet hart dafür. Und so plant sie Zeiten ein, um für die Klausuren zu lernen und Zeiten, um die Kunstmappen zu erstellen. Für die kann sie vorarbeiten, um dann in der Hochphase der Klausuren Zeit für den Schulstoff zu haben.

Die Tante dagegen scheint nicht so recht an ihren Traum zu glauben und lässt sich dadurch nur zu leicht vom Weg abbringen, um ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich sind Arbeit, Sport, Urlaubsplanungen und Freundinnen wichtig, doch wie viel Zeit für was aufgewendet wird, zeigt doch, welche Prioritäten ein Mensch setzt. Die Energie fließt in die Richtung, in die ich sie mit meiner Aufmerksamkeit lenke („Energy flows where attention goes“).

Wenn ich mich also darüber gräme, beschwere oder bedaure, dass ich mein Ziel einfach nicht erreiche, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich das Ziel wirklich erreichen will oder in Wirklichkeit nicht lieber ein ganz anderes verfolgen möchte.

Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900, Philosoph)

Der große Fastenspaß

Die Regel war unmissverständlich: keine Schokolade, 46 Tage lang, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Doch am Geburtstag der Schwester gab es Käse-Sahne-Torte, lecker! Aus diesem Anlass ist sicherlich eine Ausnahme erlaubt und schließlich ist Torte keine Schokolade, oder?

Freiheit winkt am Ende der FastenzeitDie Fastenzeit mit ihrem klaren Beginn und Ende ist eine traditionelle Herausforderung. Dabei war es in vergangenen Jahrhunderten gleichzeitig auch die Zeit, in der die Wintervorräte zu Ende gingen und es notwendig war, den „Gürtel enger zu schnallen“, um mit dem haushalten zu können, was die Speisekammer noch hergab. In einer Zeit des Überflusses – zumindest in den reichen Ländern dieser Welt – fällt verzichten besonders schwer. Warum sollte ich mir etwas nicht gönnen, was ich mir leisten kann?

Fasten wird mit Kasteiung, sich etwas versagen und Freudlosigkeit verbunden. Beim genauen Hinschauen lässt sich aber viel Spaß beim Fasten entdecken. Alleine diese ganzen Ausreden für die kleinen Ausnahmen: Der Geburtstag (ein besonderer Anlass), das Geschäftsessen (eine unumgängliche Pflicht), der Butterkeks (enthält keine Schokolade) – der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Welche Kreativität in diesen Ausweichmechanismen steckt und das selbst bei Menschen, die sich für unkreativ halten. So gibt es die kleinen Sündenfälle, die kurzfristig die Gelüste befriedigen, doch hintendran trottet oft das schlechte Gewissen. Denn hatte man nicht gerade betrogen?

Vor allem sich selbst betrogen? Ja, man hat sich selbst um den ganz großen Spaß beim Fasten gebracht. Der besteht nicht nur darin, sich ständig amüsiert bei neuen Ausreden zu ertappen, sondern auch um die Geschmacksexplosion, wenn nach wochenlanger Abstinenz das erste Stück Schokolade im Mund schmilzt. Diese Wiederschmeckensfreude ist so gut, fast wie beim ersten Mal. Oder die erste Shoppingtour durch Klamottenläden – wow! Da ist der neue Pulli wie ein königliches Gewand.

Vielleicht aber gibt es auch den allergrößten Spaß zu entdecken: Ich kann, ich darf, aber ich brauche nicht. Die Torte? Vermutlich sehr lecker, doch sie lockt mich nicht wirklich. Der Pullover? Schön, doch ich habe genug im Schrank. Der größte Spaß beim Fasten kann also sein, wieder die Freiheit über meine Konsumentscheidungen zurück gewonnen zu haben und Schluss gemacht zu haben mit suchtähnlichen Routinen; wieder den freien Willen zu haben, „Ja“ zu sagen oder auch „Nein“.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld. Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird das Ei zum Küken.

Chinesische Weisheit

Diese Zumutung ist eine Chance

Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: ein selbstbestimmtes Leben sei ausgeschlossen, die Krankheit würde die Kontrolle über seinen Alltag übernehmen. Das war es dann also für ihn, mit noch nicht einmal dreißig Jahren. Doch was wäre, wenn er in den Fakten der Krankheit die Möglichkeiten wahrnehmen könnte?

Im Leben stehen wir immer wieder vor Situationen, die einiges von uns abverlangen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist eine reine Ansichtssache. Die äußeren Faktoren sind klar beschreibbar und objektiv überprüfbar auf „Wahr“ oder „Falsch“. Sie bilden gleichsam den Rahmen, dessen Inhalt ich unterschiedlich betrachten kann. Ich kann die gleiche Situation so, so oder so interpretierenDie Interpretation der Situation hängt von meiner Blickrichtung ab.

  • Ich kann auf die Zumutung schauen, die in einer Situation drin steckt: was verlangt mir das Schicksal gerade ab? Was muss ich aushalten, ertragen, über mich ergehen lassen?
  • Ich kann auf die Herausforderung blicken, die nun vor mir liegt: was gilt es jetzt zu tun, zu lernen, anzugehen? Von was muss ich mich verabschieden und was sollte ich jetzt lernen?
  • Ich kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben: werde ich etwas bekommen, was ich bisher nicht besaß? Werde ich etwas los, dessen Zeit vorbei ist? Was kann ich für meine persönliche Entwicklung gewinnen?

Es gibt Menschen, die verharren in der Interpretation als Zumutung und darüber hinaus wünschen sie sich vergeblich, dass die gegebene Situation eine andere wäre. Ich kann Zumutungen annehmen und akzeptieren, weil die Situation nun einmal so ist wie sie ist. Oder ich kann mich dagegen wehren und das Schicksal/Gott/wen auch immer dafür beschimpfen, verfluchen oder verantwortlich machen für das, was ich gerade erlebe. Manchmal führt es zu Sätzen wie: „Ach wäre es nur so wie früher! Wäre das bloß nie passiert!“ Während die Akzeptanz den Weg frei macht, meine Situation auch anders zu betrachten, bindet der innere Widerstand gegen das Unveränderliche all meine Energie und lähmt mich.

Doch jammern und klagen hilft nicht weiter. Erst wenn ich meinen Blick auf die Herausforderungen und Chancen richten kann, gewinne ich Handlungsfreiheit. Sei sie auf den ersten Blick noch so klein. Ich fühle mich nicht mehr ausgeliefert sondern fähig, etwas zu tun. Die ganze Kraft geht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

Pro heißt eigentlich für – Probleme sind also für uns gemacht und nicht gegen uns – sonst hießen sie ja Antibleme.

Heinz Strunk in der TV-Sendung „Extra 3“

Empfehlung zum Weiterhören

Das Eingangsbeispiel habe ich mit freundlicher Genehmigung an Hendrik Heuermann angelehnt. Er stand genau vor der beschriebenen Situation und erzählt in einem 15-minütigen Video (auf Englisch) ↗, was er aus seiner Diagnose fürs Leben gelernt hat.

Gute Vorsätze, Fastenzeit und die Kraft des Charlie Brown

Der kleine Junge ließ, wohl zum hundertsten Mal, seinen Drachen fliegen. Und wohl zum hundertsten Mal verhedderte sich wieder der Bindfaden im Baum, der Drache stürzte ab und der Junge hing in einem Schnurknäuel gefangen in den Ästen. Wann endlich würde er erfolgreich sein?

Imm wieder den Drachen steigen lassenDie Erfolglosigkeit dieses Jungen namens Charlie Brown ist legendär: der Comiczeichner Charles M. Schulz erzählt in unzähligen seiner „Peanuts“-Geschichten davon, wie Charlie Brown erfolglos seinen Drachen steigen lassen will. Doch nie, nie, nie klappt es. Von allen Figuren der Peanuts ist er mir der liebste, denn ich schätze sein Durchhaltevermögen. Er gibt schlicht und einfach nicht auf. Sei es auf dem Baseball-Feld, in seiner unerwiderten Liebe zum kleinen rothaarigen Mädchen oder eben beim Drachensteigen: ihm, dem geborenen Pechvogel, gelingt einfach nichts.

Ja, in Anbetracht seiner Misserfolge lässt er den Kopf hängen und darin ist er ein wahrer Könner. Doch dann rennt er wieder los, den Drachen im Schlepptau oder stellt sich mit dem Schläger in der Hand auf das Schlagmal des Baseballfeldes und probiert es erneut, zum Erfolg zu kommen.

Nun könnte man ihn natürlich vorwerfen, seine Energie zu vergeuden. Doch wäre er nicht auch ein wunderbares Vorbild für all die guten Vorsätze, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben? Ganz ehrlich: jeder hat irgendeinen. Und in diesem Jahr beginnt kaum sieben Wochen nach Jahresbeginn die Fastenzeit: wieder ein beliebter Anlass, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen und vielleicht abzulegen. Da können die guten Vorsätze direkt übergehen in die Fastenziele. Welch ein Glück, denn das Problem und gleichzeitig Geheimnis mit den Vorsätzen ist das Durchhalten. So eine Gewohnheit ist jahrelang, manchmal jahrzehntelang eingeübt. Die lässt sich nicht so leicht zur Seite schieben, ablegen, aussortieren. Das will ausgiebig geübt werden. Es dauert mal biblische 40 Tage, mal anthroposophische sieben Wochen oder schlicht und einfach ein bis zwei Monate täglichen Umlernens, bis die neue Gewohnheit die alte ersetzen kann. In diesem Jahr kann also der Gute Vorsatz in einem Rutsch bis zum Ende der Fastenzeit an Ostern ein neues Verhaltensmuster werden.

Scheitern gehört notwendigerweise dazu, wenn neues Verhalten gelernt werden will. Wenn es dann zwischenzeitlich mal wieder schwer fällt, von der Schokolade zu lassen, zum Sport zu gehen oder dem Shoppingangebot zu widerstehen, könnte es helfen, an Charlie Brown zu denken. Er ist der Weltmeister im Durchhalten oder in der Comic-Welt gesprochen:

Von allen Charlie Browns der Welt ist er der Charlie Brownste.

Lucy van Pelt, selbsternannter Doktor der Peanuts-Bande

Der Mythos vom Multitasking

Als er an der Ampel stand, schaute er dem Straßenkünstler beim Jonglieren zu. Scheinbar mühelos hielt der fünf Bälle gleichzeitig in der Luft und er fragte sich: wie viele Bälle, also Aufgaben, er gerade gleichzeitig jonglierte. Weniger oder mehr als 50?

Zu viele Bälle in der Luft haltenEine der modernen Selbstverbesserungsklassiker ist seit vielen Jahren das Multitasking, also die angebliche Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Natürlich spart das Zeit, ist also effizient, weil dieses knappe Wirtschaftsgut optimal ausgenutzt wird. Und bei den Besten – zu denen jeder gehören kann, der die in den Bestsellern vorgeschlagenen Tipps befolgt – ist die Effizienz mit Effektivität gepaart. Sie arbeiten also zudem auch noch wirkungsvoll. Ein Traum für alle Wirtschaftsökonomen. Aber nur für die kurzsichtigen unter ihnen.

Denn auch nach Millionen Jahren der Evolution ist der Mensch lediglich mit einem Gehirn ausgestattet. Das Multitasking-Denken wird vor allem von der Informationstechnologie inspiriert. Deren Evolution brauchte aber auch gute sechzig Jahre, bis dann 2001 der erste Mehrkernprozessor vorgestellt wurde. Erst zwei oder mehr Denkkerne in einem Elektronengehirn machten echtes Multitasking möglich. Davor wurde es lediglich simuliert: die anstehenden Aufgaben wurden in kleine Häppchen geteilt und in schneller Abfolge werden diese Häppchen nacheinander abgearbeitet: Teil 1 von Aufgabe A, dann Teil 1 von Aufgabe B bevor dann der zweite Teil von Aufgabe A an der Reihe ist. Für den Außenstehenden war dieses sequenzielle Abarbeiten scheinbar parallel: der Mythos vom Multitasking war geboren.

Doch dieses Märchen hatte seine Auswirkung auf das menschliche Leben. Frauen seien besonders zum Multitasking in der Lage und die Männer sollten es besser auch lernen, um nicht abgehängt zu werden. Wer jedoch viele Aufgaben parallel zu erledigen versucht, wird schneller ermüden, als wenn er sie nacheinander erledigt. Denn jeder Zwischenstand der Aufgabe muss im Gedächtnis behalten werden, man muss sich bei jedem Wechsel neu in das Thema hinein versetzen und vom letzten Stand aus weiterarbeiten. Jeder kennt diese Situation, wenn er mit einem Servicecenter telefoniert und der Mensch am anderen Ende der Leitung erst nachlesen muss, was bisher geschah.

Wer sich also am Ende eines Arbeitstages müde fühlt und sich vorwirft, nichts geschafft zu haben, ist vielleicht ein Opfer des Multitasking. Ich empfehle eine Strichliste zu machen: Während der Arbeit einen Strich zu machen für jedes Thema, in das man sich hineindenken musste, seien es nur zwei Minuten oder eine halbe Stunde. Und am Abend einfach zählen, wie viele Striche zusammen gekommen sind. Dann weiß man, warum man vor lauter Multitasking keine Aufgabe gelöst bekommen hat.

Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Joschka Fischer (*1948, deutscher Politiker)

Ein Weckglas voll schöner Momente

Während sich draußen die Feuerwerker für Silvester warm schossen, saßen die Freunde in der Küche zusammen und schwelgten in Erinnerungen an das letzte Jahr. Vor ihnen lag ein Stapel mit Quittungen, Eintrittskarten und Prospekten, die alle von einem schönen Erlebnis stammten. War das nicht ein wenig rührselig?

So ein Jahr mit seinen 365 Tagen ist ganz schön lang. Und die Monate Januar bis März liegen scheinbar in grauer Vorzeit: draußen war es sicherlich eher trüb, kein Grün in den Gärten und Parks und der Lichterzauber der Weihnachtszeit war schon lange abgeschmückt. Doch da war dieser Theaterbesuch, mehr eine öffentliche Probe, nach der sie noch mit den Schauspielern in der Weinbar zusammen saßen und über das Stück und das Leben philosophierten. Das war schon in Vergessenheit geraten. Wie jener Abend in Köln, als einer von ihnen den Anschlusszug verpasste und – statt sich aufzuregen – bis zum nächsten Zug in einem Jugendstil-Wartesaal einen leckeren Drink genoss. Und es gab diesen Besuch im Schwimmbad bei 35°C im Schatten, wo sich einer von ihnen nicht traute, vom Fünf-Meter-Brett zu springen. Plötzlich war das vergangene Jahr in all seiner Fülle der erlebten Momente wieder lebendig.

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenAuf dem Fensterbrett steht bei ihnen seit Jahren ein großes Vorratsglas, in dem erinnernswerte Momente gesammelt werden. Manchmal sind die Karten, Quittungen oder Prospekte noch mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt, so dass der Zusammenhang klar wird. Das Schöne an dieser Sammlung ist der Geschichtsfaden, der sich entspinnen kann. Ausgehend von der Quittung aus dem kleinen marokkanisch-französischen Café in Berlin-Mitte breitete sich die Erinnerung aus zum Morgen in dem Schuhladen, dem Mittagessen in der alten Markthalle über den 18 Uhr-Sekt in der Cocktailbar an der Friedrichstraße bis zum Abendessen in einer alten Villa am Fuße des Kreuzbergs.

Die wertvollsten Momente wurden am Ende mit einer Schleife zusammengebunden und ins Archiv der schönen Erinnerungen gelegt. Das Weckglas war nun wieder leer für all das, was im neuen Jahr kommen würde.

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Adolf Glassbrenner (1810 – 1876, Humorist und Satiriker)

 

Das Zitat stammt aus dem Gedicht „Weltweisheit“

Lebst du ein Jahr in Gram und Leid:
Du lebtest keine Stunde Zeit.

Ein Tag gelebt in Lieb‘ und Kuß,
Es ist ein ganzes Jahr Genuß.

Ein Jahr verbracht in frommen Wahn,
Ist keine Stunde wohlgetan.

Ein Stündchen Scherz, ein Stündchen Wein,
Das ist: ein Jahr lang glücklich sein.

Ein Jahr im Staats- und Pfaffenjoch,
War keine Stunde Leben noch.

Ein Stündchen froh und frei die Brust:
Ein Jahr voller Leben und voll Lust!

Du Knecht der alten Menschennot,
Wie lang‘ schon Jüngling, bist du tot!

Du Greis in der Erinnerung
Durchlebter Freude: o wie jung!

Wer sich in Angst und Pein begräbt,
Der hat sein Leben nicht gelebt.

Agent provocateur unterm Weihnachtsbaum

Der rituelle Ablauf am Heiligen Abend legte dogmatisch fest, wie Essen, Flötenspiel, Kirchgang und Bescherung ineinander übergingen. Doch die Familie hielt sich dieses Jahr nicht daran, es roch nach Revolte statt nach Gewürzkuchen. Warum auch nicht?

Mit der Geburt Jesu feiern Christen, dass der Frieden auf die Welt gekommen ist. Deshalb gibt es so viele auf Frieden und Harmonie ausgerichtete Feierelemente, die für eine familiäre Zusammenkunft an den Weihnachtstagen ganz auf den persönlichen Bedarf hin kombiniert werden können:

  • Kirchgang mit oder ohne Kinder, am Nachmittag oder in die Mette spätnachts;
  • Bescherung am 24. oder 25.;
  • Vorlesen der Weihnachtsgeschichte, Abspielen der Sammlung von Glockengeläut oder Vorspielen weihnachtlicher Lieder auf der Blockflöte;
  • Würstchen mit: Kartoffelsalat, Reissalat oder Nudelsalat;
  • Gebäckteller, Dresdner Stollen oder Bratäpfel.

Gleichzeitig passt es oft nicht so richtig zu dem was, die Teilnehmer an der Feier wirklich wollen. In der Folge liegen die Nerven blank und vor lauter Perfektionsanspruch sind die Erwartungen unerfüllbar geworden. Aus dem Fest der Liebe wird mitunter ein Fest der Hiebe und Tränen. Jeder weiß: Mit etwas Distanz, Humor und Gleichmut lässt sich das Ganze besser ertragen. Doch warum es nicht mal mit einer ironisch gemeinten Aktion probieren?

Ein Weihnachtsjoint kann sehr entspannenWie wäre es, mit dem Neffen vor der Tür einen Joint zu drehen und über „Gras – gestern und heute“ zu fachsimpeln? Das hebt die Sprachbarrieren zwischen den Generationen auf.

Es wäre möglich, der Schwiegermutter anzubieten, das Bad zu putzen. So ist man aus dem Weg und von praktischem Nutzen.

Mitten in der Diskussion um vegane Wurst zum ebenso veganen Nudel-/ Reis-/ Kartoffelsalat den Schwager bitten, sich draußen gemeinsam um den Grill für das Spanferkel zu kümmern. Wenigstens die Vertreter traditionellen Festessens wären so glücklich.

Ich plädiere dafür, die Ansprüche an die Zusammenkunft an Weihnachten zu hinterfragen und statt „The same procedure as last year“ überkommene Abläufe herauszufordern. Und um festgelegte Strukturen aufzubrechen braucht es manchmal eine Provokation mit Humor und Augenzwinkern.

Wenn man über Weihnachtswünsche schon echt nachdenken muss – da stimmt doch was nicht.

Dieter Nuhr (*1960, deutscher Kabarettist)