Wenn Hochleistungsmäuschen Karriere machen

Jahrelang erledigte sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsgebiet etliche Aufgaben für den Kollegen. Als dann die neu ausgeschriebene Stelle in jenem Arbeitsbereich extern besetzt wurde, fühlte sie sich verraten. Wie konnte sie nur so über- und hintergangen werden?

Draußen in der freien Wildbahn gibt es eine ganz besondere Beziehungskonstellation: zwei Arten bedingen einander und leben in einer symbiotischen Wirts-Gast-Beziehung. Der Wirt versorgt den Gast mit Ressourcen. Da gibt es beispielsweise die sympathischen Buphagus-Vögel, die auf dem Rücken der Kaffernbüffel durch die Savanne reiten und die Maden vom Rücken der Wirtstiere picken. Das ist Körperhygiene für den Büffel und gleichzeitig Nahrung für den Vogel.

Der Pfau geht seinen WegBesonders im Büroalltag scheint es hervorragende Lebensbedingungen für diese Symbiose zu geben, in der Variante der „grauen Mäuse“ und der „schillernden Selbstdarsteller“. Dabei ist es interessant, einmal den Blick auf die Mäuse zu lenken.

Oft haben die Mäuse ein empathisches Sozialverhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein und umfassende Detailkenntnisse. Weil es „sonst niemand machen würde“ oder man „niemanden im Stich lassen will“ wird dann die anfallende Arbeit getan, auch wenn es eigentlich nicht zum eigenen Job gehört. Sie übererfüllen die Aufgaben, liefern die Höchstleistung und ducken sich wie Mäuse in ein Loch, wenn es darauf ankäme, die Erfolgsflagge zu zeigen.

Die Journalistin Bascha Mika spricht von einer „Selbstvermausung“ ↗ intelligenter, gut ausgebildeter Menschen. Zwar bemerkt sie das vor allem an Frauen, doch es gibt auch männliche Mäuse. Alleine die Idee, sich als 1,60 bis 1,85 Meter große Maus klein machen und verstecken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Für ihre Beschreibung steckte Bascha Mika viel Kritik ein. Dabei macht sie darauf aufmerksam, wie Hochleistungsmäuse Karriere machen – halt nur nicht selbst, sondern sie machen die Karriere der Selbst- und Außendarsteller. Sie sorgen durch ihr Verhalten für deren Erfolg, denn sie halten den Selbstdarstellern den Rücken frei, indem sie alle anfallenden Arbeiten erledigen – mit denen sich dann aber der Andere brüstet, ohne die Mäuse zu erwähnen.

Die Schaumschläger gehen dank der Hochleistungsmäuse ihren Weg: Zurück bleiben die Mauerblümchen wie damals bei der Tanzstunde. So lange, bis die ihre Unterstützung einstellen und in der Öffentlichkeit sagen: „Das war Ihre Aufgabe und ich habe sie erledigt, nicht Sie!“

Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.

Inge Lohmark (Lehrerin. Hauptperson aus dem Roman „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky)

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Intelligenzfasten? Das werde ich ausprobieren!

Auf einer Feier kam ich ins Gespräch über Fastenpläne. Mit dem Meckerfasten hatte ich gemischte Erfahrungen, da erzählte eine Frau, sie würde „Intelligenz fasten“. Auf meinen ratlosen Blick hin begann sie zu erzählen und meine Miene hellte sich auf. War Intelligenzfasten vielleicht das Rezept gegen meine unnötigen Aufreger?

Seit einigen Wochen hatte ich mir vorgenommen, mich nur noch über Umstände oder Menschen aufzuregen, die mich wirklich tangierten oder die ich ändern kann. Dieses Meckerfasten erwies sich als schwieriger als gedacht. Mir fiel es schwer, mich nicht um Themen zu kümmern, die weit außerhalb meiner Einflusssphäre lagen. Es schien, als würde ich ständig einen unausgesprochenen Appell hören: „Darüber muss man sich doch aufregen!“, frei nach dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt „Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.“

Einfach mal dumm stellenDiese im Raum stehenden Aufforderungen, etwas zu tun, sind eine tückische Sache. Da werden Erwartungen nicht formuliert und gleichzeitig existieren sie – doch oft nur in meinen eigenen Gedanken. Der Satz „Es ist stickig hier im Raum!“, ausgesprochen in einer Gruppe von zehn Menschen, heißt keinesfalls, dass ich jetzt das Fenster öffnen soll. Ich könnte ja mal mein „Appell-Ohr“ schließen – jenes Ohr also, das immer schnell heraushört, wenn ich (angeblich) etwas tun soll ↗.

Hier setzt das Intelligenzfasten an. Auf die Frage: „Wissen Sie, wie man den Papierstau beim Drucker beseitigen kann?“ könnte ich mich zur Abwechslung mal bewusst dumm stellen und antworten: „Nein, weiß ich auch nicht!“, ohne Zusatz von künstlichen Angeboten wie „Ich kann ja mal schauen!“ oder „Ich rufe den IT-Support an.“ Genau dieses Verhalten legte die Frau an den Tag, mit der ich auf der Feier sprach. Am Anfang waren die Kolleg*innen leicht irritiert: Wusste sie nicht immer eine Lösung? Hatte sie sich nicht früher um alles gekümmert? Doch nach einem kurzen Zögern, ob vielleicht doch noch ein Hilfsangebot käme, drehten sie sich um und gingen ihrer Wege. Der positive Effekt: die Frau hatte Zeit gewonnen für ihre eigenen Aufgaben anstatt sich um Fremder Angelegenheiten zu kümmern.

Nächstes Jahr will ich das Intelligenzfasten auch ausprobieren. Und sollte der Drang nach einem Hilfsangebot wirklich groß sein, kann ich es wenigstens in sinnvolle Bahnen lenken, in dem ich frage: „Und was konkret kann ich jetzt für Sie tun?“, anstatt blind zu agieren.

Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.

William James (1842 – 1910, US-Amerikanischer Philosoph)

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Ein Oscar für den Schaumschläger

Wegen seiner Leistungen sei der Kollege verdient zum Abteilungsleiter befördert worden hieß es in der Personalmitteilung. Die Kollegen murrten: wohl vor allem wegen seiner Leistungen als Schaumschläger, denn wirklich schaffen tue der nichts. Und sie fragten sich: Wie kommt dieser Windhund damit immer noch durch?

Ein Oscar für die beste ShowIn einem komplexen System wie einem Büro gibt es verschiedene Rollen und Typen. Neben den offensichtlichen Rollen, die sich aus der Hierarchie ergeben, wirken die Verhaltensweisen der einzelnen Menschen. Sie wurden nicht nur von George Orwell in seiner Fabel „Farm der Tiere“ ↗ treffend durch Tiere symbolisiert, auch beim Flur-Funk wird vom Esel gesprochen, der stoisch alles wegschafft, oder von dem fleißigen Bienchen geschwärmt, das unerlässlich das Getriebe am Laufen hält. Nein, da gibt es auch wüste Worte für jene, die sich auf der Arbeit der anderen ausruhen.

Die können in buntesten Bildern von ihren Plänen erzählen, allesamt innovativ, zukunftsweisend und selbstverständlich lösen sie alle aktuellen Probleme. Wunderbar verknüpfte Stränge zeigen eine heile Welt, die da am Horizont zu warten scheint. So hell wird diese Zukunft beschrieben, dass sich Entscheider davon blenden lassen. Für die Umsetzung sind dann die Esel und Bienen zuständig und wenn es scheitert, dann sind die halt auch daran schuld.

Solche Menschen vermitteln Visionen und Lösungen ohne die Entscheider mit den Niederungen der Umsetzungs-Schwierigkeiten zu belästigen. Sie haben Phantasie, sind kreativ und auch sehr überzeugend. Unbestreitbar haben sie ein Talent für einen glanzvollen Auftritt, bei dem sie ihre Pläne erfolgreich anpreisen. Dafür mangelt es ihnen an den unerlässlichen Qualitäten, die es zur tatkräftigen Umsetzung braucht: Pragmatismus und Analytik. Bei den Eseln und Bienen ist es genau umgekehrt. Ihnen fehlt es an der notwendigen Selbstdarstellung.

Walt Disney, Zeit seines Lebens mit dem Problem konfrontiert, innovative Ideen zur Umsetzungsreife zu bringen, war Namensgeber für eine weitverbreitete Kreativitätsmethode ↗: es braucht in einem Team einen Träumer, der visionär und frei von Grenzen Ideen entwickelt. Dann einen Praktiker, der versucht, eine konkrete Umsetzung dieser Ideen zu ermöglichen. Schließlich den Analytiker: er prüft, ob das Ziel tatsächlich erreicht wurde, wo die Widersprüche liegen oder Stolpersteine vorhanden sind.

Jemanden mit Phantasie, aber mangelndem Realismus und Fähigkeit zur Umsetzung zu befördern, produziert Unzufriedenheit auf allen Seiten: die Mitarbeiter murren, weil sie die eigentliche Arbeit tun, für die ein Anderer die Lorbeeren bekommt. Für den Beförderten, der sich plötzlich mit den Niederungen der Projekt-, Personal- und Budgetsteuerung befassen muss und das weder kann noch will. Und schließlich das Unternehmen, das eine hoch dotierte Stelle fehlbesetzt hat. In der Realität wird das dann oft durch Wegloben desjenigen auf die nächste Karrierestufe gelöst.

Die Arbeit wird von den Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Aus: Laurence J. Peter, „Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen“ ↗

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Wenn der Chef mit seinen Leuten Tango tanzt

Die Zeiten des Wischi–Waschi–Chefs waren vorbei. Jetzt verstanden ihn seine Mitarbeiter, er gab klare Anweisungen und reagierte aufmerksam auf ihre Probleme. Gefragt nach dem Grund für diesen Wandel sagte er: „Ich tanze seit einem halben Jahr Tango mit meiner Frau!“ Und das soll diese Veränderung ergeben haben?

Auch wenn es Menschen gibt, die das Wort Führungskraft ablehnen (weil kein Mitarbeiter geführt werden wollte), ist es doch in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen klar, dass die Menschen unterschiedliche Aufgaben haben. Manche eher im operativen, ausführenden Bereich. Andere dagegen in der visionären strategischen Planung. Und es braucht diejenigen, die beide Pole miteinander verbinden: die klassische Sandwich-Führungskraft. Unten die operative Basis, oben die visionäre Führung, sie im Doppeldruck dazwischen.

Was ist einfacher, als diesem Druck wie eine Bandscheibe durch ein gelartiges Verhalten auszuweichen? Arbeitsaufgaben werden zum Beispiel mit einem „Wir sollten …“ übergeben. Dabei ist nicht klar: ist das ein „Sie–Wir“ (Untergebene/r führt aus), „Ich–Wir“ (Chef übernimmt selbst) oder „Wir–Wir“ (Chef und Mitarbeiter gemeinsam). „Was genau will jetzt der Chef von mir?“ lautet die meistgestellte Frage bei solchen Führungskräften.

Gemeinsam mit klarem ZielBeim Tango kam der Chef mit dieser Art nicht weit. Er stolperte mit seiner Frau über das Parkett, rempelte andere Paare an und von Eleganz keine Spur. Sie drohte ihn stehen zu lassen, denn im Tango sind, noch mehr als bei anderen Tänzen, die Rollen klar verteilt. Die führende Person (bei Hetero-Paaren der Mann) gibt klare Signale, die tanzende Person setzt die Signale in Schritte um. Im besten Fall kann das die geführte Person mit geschlossenen Augen, weil die Führung so klar ist.

Also lernte der Chef beim FührungsTango ↗, was es hieß, ein klares Ziel zu haben (Bewegung im Raum), wie er dahin kommt (die Figuren auf diesem Weg), wie er das vermitteln muss (präzise, kraftvoll, einfühlsam) und welche Freude es geben kann, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Er lernte im Kurs auch, dass seine Signale von jeder seiner Tanzpartnerinnen anders interpretiert wurden und er sich also auf jede Person individuell einstellen muss.

Im Büro dann tanzte er innerlich einfach weiter und endlich war die lang geforderte Leadership-Qualität da. Dass seine Chefs ihn nun auch neu wahrnahmen, tat seiner Karriere übrigens keinen Abbruch.

Es gehört mehr zum Tanz als rote Schuh’.

Sprichwort

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Mingle-Dinner des Grauens

Heute steht die jährliche Führungskräfte-Konferenz an. Abendprogramm: Mingle-Dinner. Das heißt: Fingerhäppchen und sich unters Volk mischen. Das liegt ihm überhaupt nicht, denn er wusste nie, wie er sich verhalten sollte: dienstlich-distanziert oder privat-persönlich?

Keine Konferenz ohne Abendprogramm, keine Arbeitsklausur ohne Get-Together, kein Freitag ohne After-Work-Bier. In bewusst informeller Atmosphäre sollen sich alle im Job näher kommen. Selbst der Chef lockert dann jovial die Krawatte und zeigt sich von seiner menschlichen Seite. Aber wo ist die Grenze zwischen Arbeit und Privatem?

Peinlichkeiten bleiben nicht geheimDenn je später der Abend und höher der Alkoholspiegel im Blut, desto mehr lockern sich nicht nur Schlipse sondern auch Sitten („Hallöchen Popöchen!“) und es geht zunehmend schwatzhaft zu („Schon gehört, dass …?“). Am nächsten Tag dann kommt der Kater und die Schwierigkeit: wie dem Kollegen oder der Kollegin in die Augen schauen, nach dem, was gestern Abend war? Hatten wir uns nicht plötzlich geduzt?

In Japan gibt es dafür eine klare Regel. Abends geht Mann mit dem Chef aus, in der Karaoke-Bar fließt der Alkohol in Strömen, Mann lässt die Geishas tanzen und die Sau raus – und am nächsten Tag spricht keiner darüber. So, als wäre nichts geschehen. Diese stille Übereinkunft gibt es hier in Deutschland nicht und so steht ein Rollenkonflikt ins Haus.

Diese Get-Together, Mingle-Dinner (mingle, englisch: sich vermischen) oder Netzwerk-Treffen sind nur scheinbar zwanglos. So viel Privates sie auch vorzugeben versuchen, sind sie doch vollständig im dienstlichen Rahmen verankert. Die angebliche Lockerheit führt schnell zu Missverständnissen über die eigene Rolle. Gefordert wird das Private im Menschen, doch die Hierarchien und Abhängigkeiten bestehen weiterhin.

Es gibt zwei Wege aus dieser Falle. Ich kann mich für die japanische Art entscheiden und tue am nächsten Tag so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hoffe ich, dass durch meine partielle Amnesie die anderen erleichtert sind, nicht mehr an den brachialen Humor oder die misslungene Anmache erinnert zu werden. Sollte das danebengehen, hilft nur noch, ein regungsloses Gesicht zu machen, das wirklich asiatisch anmutet.

Oder ich entscheide mich für die drei „W“: ein Glas Wein, dann nur noch Wasser und Weggehen, wenn die Tanzfläche, Sektbar oder Beichtstunden eröffnet werden. Die Peinlichkeiten der folgenden Stunden verpasse ich ohnehin nicht. Denn bestimmt wird es tags darauf auf einem Shared Folder (gemeinsamen Laufwerk) Bilder vom Abend geben. Gut, wer die sich nur mit Fremdschämen anschauen kann.

Manche Dinge sind eben nur so lange interessant, wie man auf demselben Drogenlevel ist wie die anderen.

Sven Regener (* 1961, deutscher Schriftsteller und Musiker)

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Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)

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Das Team durch das Tal der Tränen führen

Die Umstrukturierung betraf jeden Arbeitsplatz. Moderner und effizienter sollten die Prozesse werden und Alteingefahrenes abgeschafft. Doch weder Frustration, innere Kündigung noch Rebellion waren im Team zu spüren, statt dessen Vertrauen in die Bereichsleiterin. Wie hatte sie das hinbekommen?

Durch das Tal der Tränen führenBei einer Veränderung in der Arbeitswelt gibt es verschiedene Phasen, die ein Team erschüttern können. Oft fängt es mit Unzufriedenheit über den jetzigen Zustand und Gerüchten über bevorstehende Maßnahmen an. Dann die ersten Veränderungen, die oft mit einer aus der Homöopathie bekannten „Erst-Verschlimmerung“ ↗ einhergehen. Denn zusätzlich zum Alltag müssen noch neue Wege entwickelt und Arbeitsweisen eingeführt werden: Das System muss gleichzeitig nach den alten und den neuen Prinzipien funktionieren. Hier sprechen viele vom biblischen „Tal der Tränen“ ↗, durch das „man“ hindurch müsse.

Es gibt Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vermitteln, dass mit „man“ nur sie, die Angestellten, gemeint seien. Zwar wird oft das „gemeinsame Boot“ beschworen, in dem sie jetzt alle sitzen würden, doch wenn der Steuermann nach Richtung und Ziel gefragt wird, wird es nebulös. Er versteckt sich hinter blumigen Worten und vagen Versprechungen. Ganz anders hat es die Bereichsleiterin im Eingangsbeispiel gemacht.

Sie sagte sich: „Wenn es nun mal so ist, wie es ist und es sich nicht so leicht ändern lässt – dann brauchen meine Mitarbeiter jetzt Empathie und Transparenz.“ Empathie, Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Situation, in der sie jetzt drin stecken. Vielleicht zerplatzen manche Karriereträume. Oder geliebte Arbeitsgebiete werden abgeschafft, die geschätzte Kollegin wird an einem anderen Tisch sitzen.

Und gleichzeitig Transparenz über das Warum, Wofür und Wie der Veränderungen. Ein offenes Gespräch über zerplatzte Karriereträume oder über Chancen und Risiken neuer Aufgaben, aber auch darüber, dass sich noch nicht alles vorhersagen lässt. Denn Mitarbeiter sind nicht so dumm, wie ihnen oft unterstellt wird. Natürlich merken sie, wo der Hase lang läuft und eine Führungskraft, die das ignoriert, gilt als feige und bekommt kein Vertrauen.

So hat also die Bereichsleiterin nach der einfachen Formel „Empathie + Transparenz = Vertrauen“ gehandelt. Dass sie dafür innere Größe braucht, machte sie übrigens überhaupt nicht zum Thema.

Lieber klare Kante als Hose voll

Franz Müntefering, 2008 (* 1940, SPD-Politiker)

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(K)ein Leben ohne Konflikte

Die Abteilung war zu einer Teamentwicklung ins Tagungshotel eingebucht. Als sich die Kollegen am zweiten Tag als „Konflikt-Schafe“ oder „Konflikt-Stiere“ bezeichnen sollten, wünschte sich ein Mitarbeiter heimlich eine dritte Option: das große Loch, in das er jetzt verschwinden könnte. Denn das wäre ihm am liebsten gewesen. Kam man so nicht am besten durchs Leben?

Konflikte machen manchen Menschen richtig Angst. Die schiere Aussicht, sich in einer Situation zu befinden, wo man sich behaupten und positionieren oder Widerstände überwinden muss, lösen Stress aus –dem Körper wird höchste Gefahr signalisiert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung haben sich im Falle einer lebensbedrohlichen Situation die grundlegenden Reaktionen „Kämpfen (fight)“ und „Flüchten (flight)“ herausgebildet.

Blitzschnell wird eingeschätzt, ob ich den Gegner in einem Kampf besiegen könnte – die Reaktion eine Stiers, der die Hörner senkt und seinen Gegner anvisiert. Sehen meine Siegchancen schlecht aus, bleibt mir die Flucht aus der Situation – die Schafsreaktion. Ziel beider Varianten: mit dem Leben aus dem Konflikt, der Gefahr, herauszukommen. Der Fachbegriff dafür: „fight-flight response“.

Aus einem Konflikt verschwindenDoch was ist, wenn ich weder siegreich kämpfen noch wirklich flüchten kann – ich also der Situation ausgeliefert bin? Der britische Psychologe Jeffrey Alan Grey hat die oben beschriebene fight-flight response um die Dimension des „freeze“ erweitert ↗: das Erstarren bzw. Totstellen. Wie das Kaninchen vor der Schlange, das dadurch hofft, uninteressant als Futter zu sein. Denn Schlangen wollen ihr Essen gerne lebendig.

Der Mitarbeiter im Teamentwicklungsseminar wünschte sich noch mehr als übersehen zu werden: nicht da sein und alles würde von alleine gut werden. Wenn er wieder aus seinem Loch herauskäme, hätte sich der Konflikt wie von ganz alleine in Luft aufgelöst. Denn er wollte am liebsten frei von Konflikten leben. Der schweizerische Paar-Therapeut und Vater der Klärungshilfe Christoph Thomann ↗ macht dieser Illusion ein Ende: Wir leben alle in Konflikten, das lässt sich nicht verhindern. Es gibt keine vierte Option, um auf Konflikte zu reagieren: Durch Augen-zumachen verschwinden sie nicht.

Ich verstehe überhaupt nicht, was Waffen in Nicht-Spannungsgebieten verloren haben.

Franz Josef Strauß (1915 – 1988, Bundesminister für Verteidigung 1956 – 1962)

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Mieses Spiel im Büro

Der Kollege wurde zum neuen Bereichsleiter befördert. Als die Teilzeitmitarbeiterin ihn um eine Stundenerhöhung ersuchte, redete er sich in Rage. Wer nur stundenweise arbeite, könne er als Chef nicht gebrauchen. Kurzerhand warf er sie aus der Firma. Vollkommen überrascht von der Entwicklung schlich die Mitarbeiterin aus dem Büro. Womit hatte sie das verdient, fragte sie sich.

Den Chef raushängen lassenMit einem sicheren Gespür für die Schwächen der ehemaligen KollegInnen hatte der Boss eine „Duftmarke gesetzt“. Keiner sollte glauben, nur weil er einer von „ihnen“ gewesen war, könnten sie sich besondere Freiheiten herausnehmen. Der Kolumnist Sascha Lobo ↗ hat das als „verbossen“ bezeichnet. Meist schon mit der Aussicht auf die Beförderung fängt der Chef in Spe an, die Kollegen mies zu behandeln. Ist er dann endlich der Vorgesetzte, wird das demokratische „Du“ durch das hierarchische „Sie“ ersetzt. Vollkommen überrumpelt von der Wandlung laufen die Ex-KollegInnen in das offene Messer. Weidlich wird das vom Neu-Chef ausgenutzt, um so seine Position zu festigen.

Miese Tricks lassen sich zwar nicht vermeiden, aber deren Schlagkraft lässt sich abmildern. Weil der Chef emotionale Angriffe fährt, wäre es ratsam, nicht ebenfalls emotional zu werden. Das wäre lediglich eine hochwillkommene Angriffsfläche.  Was einen Choleriker dagegen hilflos rasend macht, ist kühle Ratio, Fakten, scharfer Verstand. Die Teilzeitmitarbeiterin sollte nüchtern darlegen können, dass es genügend Arbeit für eine Stundenerhöhung gibt und ihre Arbeit unverzichtbar für das Team ist. Ein wenig arbeitsrechtliches Rüstzeug ist ebenso hilfreich – eine Kündigung aus einer Laune heraus steht juristisch auf wackeligen Füßen, Teilzeitmitarbeiter haben gesetzlich verbriefte Rechte. Doch vor allem sollte allen Neu-Untergebenen klar sein: Es geht dem Chef nur um sein eigenes Profil, nicht um den Menschen gegenüber. Der ist nur Mittel zum Zweck, einfach eine Figur auf dem Spielbrett seiner Karriereambitionen.

Wenn mir klar wird, dass es weniger mit mir als mit meinem Gegenüber zu tun hat, wie ich gerade behandelt werde, kann ich den Angriff leichter verdauen und auf kühle Abwehr setzen.

Ich leide übrigens auch an einer unheilbaren Krankheit, ich möchte dazu stehen und wäre froh, wenn Sie das drucken: EOA – Early Onset Asshole (früh einsetzendes Arschlochsein).

Der US-amerikanische Autor und Musiker Kinky Friedman im Tages-Anzeiger ↗, Zürich

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Besser fragen als Besserwissen

Mitfühlend fragte die Putzfrau ihre Auftraggeberin: „Weiß man schon, wie Ihr Mann ums Leben kam?“ „Nein, die Polizei stellt nur Fragen und hat keine Antworten.“ Diese Szene aus dem Oxford-Krimi „Lewis“ unterstellt, dass die Polizei in ihren Ermittlungen nicht weiterkommt. Antworten werden mehr geschätzt als Fragen. Warum eigentlich?

Mit Fragen lässt sich die Welt erkunden, ihr Wesen erfassen und für sich selbst strukturieren. Eine Frage zeigt, dass ich nicht alles weiß und diese Wissenslücke schließen will. ↗ Im Büroalltag gibt es jedoch mehr Anerkennung für diejenigen, die auf alles scheinbar eine Antwort haben. Diese Besserwisser sind ihrer Selbstsicherheit teilweise unerträglich, doch sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit, eine klaren Linie und Überblick in komplizierten Situationen.

Fragen über FragenDer/die Fragende vergrößert im ersten Moment die Unsicherheit: alles ist Chaos und die Fragen legen den Finger genau in diese Wunde. Doch es hat nicht nur innere Größe, sich zu seinem Nicht-Verstehen und Nicht-Wissen zu bekennen. Fragen sind auch ein Zeichen von Klugheit, wenn bestimmte Prinzipien angewendet werden.

Es gibt drei Fragetechniken, von denen Kinder zwei perfekt beherrschen:

  1. Die offene Frage, die mit „Warum?“, „Wie?“, „Wann?“ etc. beginnt. Für ihre Beantwortung braucht es etwas Erzählung und damit lädt sie ein, weitere Fragen zu stellen. So geht es dann immer tiefer in die Verzweigungen eines Themas. Das ist eine sehr kreative Fragetechnik, die die Ideenfindung unterstützt.
  2. Die geschlossene Frage, die als Antwort nur ein „Ja“ oder ein „Nein“ ermöglicht. Wenig kreativ, dafür umso analytischer. So lässt sich Ursachenforschung betreiben, oft auch über das Ausschlussverfahren. Jedes „Nein“ ist dabei genauso wertvoll wie ein „Ja“. Ideen und Visionen lassen sich so auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüfen.
  3. Die Suggestiv-Frage, die beim Fragen schon eine bestimmte Antwort provoziert. In Form einer Frage wird eine Meinung oder Behauptung geliefert, die vor einer Antwort entdeckt und zurückgewiesen werden muss. Erst danach ist eine freie Antwort möglich. Beispiel: „Finden Sie nicht auch, dass ihr Kollege sehr nachlässig arbeitet?“ Suggestiv-Fragen sind eine Manipulationstechnik, die Kindern fremd ist.

Kinder stellen manchmal hundert Fragen am Tag und können so die Erwachsenen zur Verzweiflung bringen. Denn sie hinterfragen einfach alles. Auch Dinge, die für uns selbstverständlich oder peinlich sind. Oder die wir nicht erklären können. Weil sie dabei teilweise für uns absurde Gedankengänge verknüpfen, bringen sie uns zum Lachen – und auf Ideen.

Der, die, das, / wer, wie, was, / wieso, weshalb, warum, / wer nicht fragt, bleibt dumm!
Tausend tolle Sachen, / die gibt es überall zu seh’n, / manchmal muss man fragen, / um sie zu versteh’n!

Titellied der Kinder-Fernsehserie „Sesamstraße“ ↗

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