Bloß keinen Zwang zur Selbstverwirklichung im Sabbat-Jahr

Keine Gehaltserhöhung hätte ihm dieses Glück ermöglicht: aufstehen, wenn er wach wird. Tun, was ihm gefällt. Sein lassen, was ihm missfällt. Und nebenbei, ganz von alleine, wurde ihm seine neue berufliche Perspektive klar. Das Sabbat-Jahr war die beste Entscheidung, die er für sich hatte treffen können. Dabei ging er in dieser Zeit noch nicht einmal auf eine Weltreise.

Lob der HängematteFür viele Menschen, denen besonders viel an ihrer Karriere liegt, ist eine Auszeit ein Eingeständnis von Schwäche: „So was brauche ich doch nicht!“ ist ihr lakonischer Kommentar dazu. Dabei hat selbst der Größte aller Arbeiter eine Auszeit genommen: „Vollendet waren der Himmel und die Erde, und all ihre Schar. Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.“ (Genesis / 1. Buch Moses, 2, 1-2) Wenn sogar ein Gott ausruhen kann, dann doch erst Recht ein Mensch.

Nehmen Menschen eine Auszeit, einige Monate oder ein ganzes Sabbat-Jahr, können sich einige nicht von äußeren Erwartungen befreien. Teilweise sind die Monate eng gepackt mit Reiseplänen, vorwiegend in asiatische Länder, in denen man „endlich mal zur Ruhe kommen kann“ um zu überlegen, wie es weitergehen soll. Teilweise sind sie als Ländersammler unterwegs und wollen sich und anderen beweisen, dass sie selbst in der Auszeit zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind.

Wenige machen gar keine Pläne, sondern leben in den Tag. Und stellen fest: gerade am Anfang brauchen sie vor allem Ruhe, wenig Ablenkung und viel Zeit für sich. Sie machen eine Bestandsaufnahme: Wie ist es eigentlich um meine Freunde bestellt – gibt es noch welche? Und was verbindet einander? Wie ist das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern? Was braucht mein Körper, welche Ernährung, welche Bewegung? Sie betrachten, was belastend war, verarbeiten die Erkenntnisse und lassen los, was nicht mehr zum Leben dazu gehören soll.

Das setzt Energie frei, um Zukunftspläne zu schmieden und in die Tat umzusetzen. Die Entscheidungen werden oft ganz unbewusst getroffen. Ja-Nein-Entscheidungsbäume, Projektpläne oder Managementmethoden sind in der Regel untauglich, um das Leben neu auszurichten. Denn sie betrachten lediglich die Verstandesebene, nicht jedoch die Gefühle und Bedürfnisse. Bleiben diese unbeachtet, ist die Gefahr sehr groß, dass es nach der Auszeit gerade so weitergeht, wie es zuvor gelaufen ist.

„Wer sich von Ablenkung fern halten kann, für den erstreckt sich ein Tag über tausend Jahre. Für den, der ein weites Herz hat, ist eine Hütte so groß wie das Universum.“
Hong Zicheng (1593 – 1665, chinesischer Philosoph)

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