Wie ich versehentlich ‚mal schwanger war

Die Ankündigung der Elternzeit kam für die Kollegen des IT Helpdesks völlig unerwartet. In vier Wochen beginne der Mutterschutz der schon lang ergrauten Abteilungsleiterin. So stand es in der E-Mail, die die Vergabe von Vertretungsrechten regeln sollte. Und sie fragten sich tagelang, ob es wohl eine Adoption sei, man hätte ja „nichts“ gesehen. Das war auch unmöglich, denn das Kind war nichts anderes als ein Flüchtigkeitsfehler. Wie rettet man Situationen, die im Grunde genommen sehr peinlich sind?

Die Tücken des Büroalltags lauern an jeder Ecke und vor allem in der Bearbeitung von E-Mails. Wer kann nicht ein Lied davon singen, dass zur Weiterleitung bestimmte E-Mails aus Versehen an den Absender zurück geschickt wurden – inklusive deftiger Bemerkungen über dessen Unfähigkeit („Der Depp kann noch nicht mal Zahlen richtig lesen …“). Da wollte man sich beim befreundeten Kollegen durch die Lästerei entlasten und sendet diese stattdessen an den Absender. Peinlicher geht es kaum, es sei denn, man leitet Mails weiter, ohne den Inhalt zu überarbeiten. Abfällige Bemerkungen weiter unten im Text bleiben erhalten oder wichtige Änderungen am Personalpronomen werden vergessen. So wurde die Chefin, die zur Generation 50+ gehört, unverhofft schwanger. Heutzutage ist das mit künstlicher Befruchtung oder Adoption durchaus im Bereich des Möglichen. In Wirklichkeit hatte sie die Detailinfos ihrer schwangeren Mitarbeiterin aber unverändert übernommen, das Kind war ein elektronisches Versehen gewesen.

Zugeben ist besser als leugnenWas tun in solchen Fällen? Humor hat bei dieser ungewollten Schwangerschaft geholfen und die Situation geklärt. Doch wenn aus Versehen offensichtlich wird, wie wenig man von einem Kollegen hält, ist einem nicht nach Lachen zumute. Man kann hoffen, dass die peinliche Offenbarung in der Mailflut des Empfängers untergeht. Spätestens bei der nächsten Begegnung auf dem Flur wird einem aber die Schamesröte im Gesicht stehen. Leugnen wird nichts bringen, also bleibt nur: zugeben und sich erklären.

Der Ärger, der in der Lästerei seinen Kanal gefunden hat, wird seinen guten Grund haben. Wie wäre es, genau den zu benennen? Ganz ohne Anklage? Zum Beispiel so: Sachlich die Situation beschreiben („Als ich Ihren Kommentar las …“), dann das ausgelöste Gefühl schildern („… platzte mir der Kragen, denn ich habe drei Stunden Arbeit in diese Auswertung gesteckt, obwohl andere dringende Termine anstanden …“) und das, was Sie gebraucht hätten („… Ich möchte, dass meine Arbeit Ernst genommen wird …“), schließlich folgt noch ein klarer Wunsch („… und da hätte ich mir gewünscht, dass Sie die Zahlen auch in Ruhe anschauen, bevor Sie sie zurückweisen.“) Nun ist es am Anderen, sich zu erklären. So besteht die Chance, aus einem peinlichen Versehen ein echtes Verstehen zu machen.

Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.

Sun Tsu (ca. 544 – 496 v. Chr., chinesischer General, Militärstratege und Philosoph)

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